Suchergebnisse für ‘AfD’

“Digitales Vermummungsverbot”, Seitenwechsler, Politisches Verfahren

1. Österreich bekommt “digitales Vermummungsverbot”
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Nach Informationen der “Süddeutschen Zeitung” will die österreichische Bundesregierung die Anonymität im Netz einschränken. Am Mittwoch würde sich das Kabinett in Wien mit einer entsprechenden Gesetzesvorlage befassen. Demnach könnten Nutzerinnen und Nutzer zwar weiterhin unter Pseudonym posten, sie müssten jedoch identifizierbar sein. Dem Vernehmen nach soll es auf eine Registrierungspflicht per Handynummer hinauslaufen.

2. Können aus Journalisten gute Pressesprecher werden?
(journalist-magazin.de, Robert von Heusinger)
Robert von Heusinger hat die Seiten gewechselt: Zwei Jahrzehnte war er Journalist, jetzt ist er Kommunikationschef. Beim DJV-Kongress “Brückenschlag” hat sich von Heusinger zu den Vor- und Nachteilen beider Tätigkeiten geäußert. In seiner Keynote erinnert er die Journalistinnen und Journalisten daran, “wie gut sie es doch hätten”, warum ein Wechsel in die PR aber dennoch lohnen könnte. Und das liest sich ganz unterhaltsam und lebensnah.

3. Die Ablehnung von “Gendersprache” – medial produziert
(scilogs.spektrum.de, Henning Lobin)
Henning Lobin kritisiert den Verein Deutsche Sprache, die “FAZ” und in Teilen das ZDF für ihre Stimmungsmache in Sachen geschlechtergerechter Sprache: “Die mediale Produktion von Ablehnung ist hier in Reinkultur zu besichtigen: Ein propagandistisch geschickt agierender Interessenverband, ein Netzwerk von Stiftungen und Unterstützenden im Vorfeld, eine als seriös angesehene Zeitung, die verdeckt Politik betreibt, und ein öffentlich-rechtlicher Sender, der es sich, anstatt zu recherchieren, mit Grobschlächtigkeit und witzelnder Verhöhnung leicht macht.”

4. Axel Springer reicht Urheberrechtsklage gegen Eyeo ein
(horizont.net, David Hein)
Der Springer-Konzern war mit seiner Klage gegen den führenden Adblocker-Anbieter Eyeo vor Gericht gescheitert und unternimmt nun einen weiteren juristischen Anlauf. Nachdem der Hebel “unlauterer Wettbewerb” nicht funktioniert hat, argumentiert man nun mit dem Urheberrecht: “Werbeblocker verändern die Programmiercodes von Webseiten und greifen damit direkt in das rechtlich geschützte Angebot von Verlagen ein”, erklärt Claas-Hendrik Soehring, Leiter Medienrecht bei Axel Springer: “Dadurch beschädigen sie langfristig nicht nur eine zentrale Finanzierungsgrundlage von digitalem Journalismus, sondern gefährden auf Dauer auch den offenen Zugang zu meinungsbildenden Informationen im Internet. Das werden wir nicht hinnehmen.” Bei “heise online” entgegnet Eyeo-Unternehmenssprecherin Laura Dornheim: “Es braucht nicht viel technisches Verständnis, um zu verstehen, dass es durch ein Browser-seitiges Plugin gar nicht möglich ist, irgendetwas auf Springers Servern zu modifizieren.”

5. Ermittlungsverfahren gegen Zentrum für politische Schönheit wird eingestellt
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Nur eine Woche nach Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens gegen die Künstler des “Zentrums für Politische Schönheit”, wurde das Verfahren eingestellt. Davor hatte die Staatsanwaltschaft 16 volle Monate gegen die Aktionskünstler ermittelt. Der Verdacht: “Bildung einer kriminellen Vereinigung”. Nun stellt sich zu allem Überfluss heraus, dass der ermittelnde Staatsanwalt ein Spender der AfD ist und es sich demnach um ein politisch motiviertes Verfahren gehandelt haben könnte.
Weiterer Lesetipp: Der Rechts-Staatsanwalt: “Gegen ein Künstlerkollektiv wird ermittelt, weil es eine Aktion gegen den AfD-Politiker Björn Höcke veranstaltete. Der Ermittler steht der AfD nahe. Wie neutral ist er?” (zeit.de, Christian Fuchs & Luisa Hommerich).

6. Barometer der medialen Welt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Seit nunmehr 70 Jahren existiert der kirchliche Nachrichtendienst epd medien. Anlass für einige, zum Ende hin sogar sakrale, Lobesworte von Steffen Grimberg: “Auch heute ist epd medien unverzichtbares Barometer der medialen Welt und der Berichterstattung über sie. Ganze egal, wie viele meedias oder DWDLs noch kommen und gehen: Die immense Erfahrung (und das Archiv, siehe Grimme), die Unabhängigkeit (dank Kirchensteuer) und die unaufgeregte Professionalität von epd medien sind — wie so ziemlich alles, was in der Bibel steht — für die Ewigkeit. Amen.”

Lobbyismus und Dirty Campaigning, Axel V.s 500 Freunde, Inszenierungen

1. EU-Urheberrechtsreform: Zensur ist nicht der Zweck
(wolfgangmichal.de)
Als Musterbeispiel der Irreführung bezeichnet Wolfgang Michal den Streit um die europäische Urheberrechts-Reform: “Nicht die Zensur von Inhalten, sondern die Pflicht zur Lizenzierung ist der Kern der EU-Urheberrechtsreform: Handlungen sollen nicht verhindert, sondern zu Geld gemacht werden. Die entscheidenden Fragen sind also: Wohin fließt das Geld? Und: Wer macht durch fortschreitende Kommerzialisierung das “freie Internet” kaputt?”
Weiterer Tipp: Stefan Niggemeier hat sich im “Deutschlandfunk” zum Lobbyismus der Zeitungen in eigener Sache geäußert. Niggemeier kritisiert die einseitige und teilweise verzerrende Berichterstattung und nennt dafür auch Beispiele (deutschlandfunk.de, Audio: 5:44 Minuten).
Der Jurist Thomas Stadler kommentiert auf seinem Blog: “Das was wir hier beobachten können, ist nichts anderes als eine Form des Dirty Campaignings, bei dem die Grenzen zwischen politischem Lobbyismus und Journalismus verschwimmen. Diese Form der politischen und medialen Auseinandersetzung scheint endgültig auch hierzulande angekommen zu sein und sie benutzt dieselben Techniken, die einen Trump an die Macht gebracht und den Brexit ermöglicht hat.” (internet-law.de).
Und noch ein Lesetipp: Die “FAZ” konnte anscheinend Unterlagen einsehen, welche die Haltung der Bundesregierung in Sachen Urheberrechtsreform in ein neues Licht rücken würden: “Demnach soll Deutschland auch deshalb den Kompromiss mittragen, weil diese Haltung mit einem vollkommen anderen Projekt verknüpft wurde, nämlich mit einem Zugeständnis Frankreichs im Streit um die Nord-Stream-2-Gaspipeline. So schätzt es jedenfalls ein mit der Sache befasster Beamter ein.”

2. Das Axel-Voss-Interview von @frauhegemann, annotiert. Ein Drama in 13 Tweets.
(twitter.com/SimonHurtz)
Der Journalist Simon Hurtz nimmt auf Twitter das aktuelle “Zeit”-Interview mit Axel Voss (CDU), dem “Vater der Urheberrechtsreform”, auseinander. Die Lektüre des Gesprächs lohnt, wenngleich man im Verlauf immer fassungsloser wird. Zum Ende hin behauptet Voss nämlich, man könne für 500 Facebook-Freunde fremde Texte online stellen, weil dies ein “geschlossener Kreis” sei. Eine interessante rechtliche These und höchst fraglich, ob dies die Verleger ebenso sehen. Aber Voss hat ja eh interessante Internet- und Rechtsauffassungen. Siehe auch: Axel Voss will nicht sagen, ob er Fotos geklaut hat, und löscht stattdessen 12 der 17 fraglichen Facebook-Beiträge (buzzfeed.de, Karsten Schmehl & Marcus Engert).

3. “Wir bekommen wahnsinnig gute Kommentare auf Facebook und wahnsinnig beknackte”
(journalist-magazin.de, Leif Kramp & Stephan Weichert)
Das Medienmagazin “journalist” hat mit Torsten Beeck gesprochen, dem “Leiter Platform Partnerships & Engagement” bei “Spiegel Online”. Es geht um Nutzerbeteiligung und Partizipationskultur, vor allem auf den großen Plattformen wie Facebook. Beeck kritisiert den Umgang der deutschen Medien mit Kommentaren insgesamt: “Ich finde, dass es in Deutschland keiner schafft, Nutzern halbwegs auf Augenhöhe zu begegnen. Es geht oft nur um die Möglichkeit, Traffic zu generieren. Es ist nicht so, dass Redaktionen sich inhaltlich dafür interessieren, was ihre Nutzer da schreiben. Ich kenne keine.”

4. Angebliche Staatsgefährdung: Ministerien halten Namen von Lobbyisten unter Verschluss
(abgeordnetenwatch.de, Sabrina Winter)
Die Transparenz-Initiative abgeordnetenwatch.de hat bei den Ministerien nachgefragt, welche Lobbyisten dort ungehindert ein und aus gehen können, weil man ihnen einen sogenannten Hausausweis ausgestellt habe. Einige Bundesministerien würden ein großes Geheimnis daraus machen und brächten zweifelhafte Gründe dafür an. So antwortete das Verteidigungsministerium: “Das Bekanntwerden der Information [kann] nachteilige Auswirkungen auf militärische und sonstige sicherheitsempfindliche Belange der Bundeswehr haben.”

5. taz durfte Namen nennen
(blogs.taz.de, Patricia Hecht)
Der Presserat hat entschieden: Die “taz” durfte den Namen des notorischen Ärzte-Anzeigers Yannic Hendricks nennen. Hendricks habe anonymisiert Interviews über seine Anzeigen gegeben “und damit eine breite öffentliche Diskussion zu diesem Thema befeuert”. Damit habe er sich zu einer Person des öffentlichen Interesses gemacht, so der Ausschuss.

6. Die Selbstinszenierung der Parteien
(zdf.de, Florian Neuhann, Video: 3:42 Minuten)
Die ZDF-Sendung “Berlin Direkt” berichtet über die Selbstinszenierung in der Politik: Immer mehr Parteien und Ministerien produzieren ihre Nachrichten selbst — teilweise in eigens dafür eingerichteten Studios unter professionellen Bedingungen. Die Absicht: Totale Kontrolle über Inhalte und Wirkung und das Vermeiden von lästigen Journalistenfragen.
Weiterer Lesetipp: Die Wissenschaftler Jan Rau (GESIS-Leibniz Institut für Sozialwissenschaften) und Felix M. Simon (Reuters Institute for the Study of Journalism) beschäftigen sich mit dem Thema Agenda Setting der Parteien im Internet, speziell mit der AfD, und den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie: Agenda Setting im Internet: Rechts(außen) führt, der Rest folgt (hamburger-wahlbeobachter.de).

Influencer-Urteil, Faktenchecker-Tipps, Dieselvernebelter Mario Barth

Vorbemerkung: Aus aktuellem Anlass folgt im Lauf des Tages morgen eine Sonderausgabe zur umstrittenen Urheberrechtsreform.

1. Fünf Tipps und Tools von Faktencheckerin Karolin Schwarz, die zeigen, wie man Fake-News im Netz erkennt
(meedia.de, Marina Friedt)
Die Journalistin Karolin Schwarz ist die Gründerin von Hoaxmap, einem Portal, auf dem Falschmeldungen u.a. über Geflüchtete zusammengetragen werden. Außerdem arbeitet sie unter anderem für den “Faktenfinder” der ARD. Im Interview mit “Meedia” spricht sie über die Praxis des Factchecking im Journalismus und gibt nützliche Tipps zu Online-Tools, die wir alle in den Bookmarks haben sollten.
Weiterer Lesehinweis: In der “Hannoverschen Allgemeinen” gibt es ein Interview mit dem Bildforensiker Jens Kriese: So erkennen Profis manipulierte Fotos — und so erkennt sie auch der Laie.

2. Anwalt von Billy Six widerspricht seinem Mandanten
(tagesspiegel.de, Madlen Haarbach)
Der Journalist Billy Six schreibt für rechtskonservative Medien wie die “Junge Freiheit” und ist nach Angaben von “Reporter ohne Grenzen” vom radikal rechten Verein “Die Deutschen Konservativen” für eine Reportage nach Venezuela entsandt worden. Dort saß er vier Monate in Haft, wegen angeblicher Rebellion, Spionage und dem Verletzen von Sicherheitszonen. Vor einigen Tagen wurde er überraschend freigelassen und ist wieder zurück in Deutschland. Nun behauptet Six, die deutschen Diplomaten hätten nicht gegen seine Inhaftierung protestiert und ihm nicht geholfen: Man habe ihn dort “verrecken” lassen wollen. Aussagen, denen sogar sein eigener Anwalt widerspricht.

3. Über das Gründegeben
(christophkappes.de)
Christoph Kappes nimmt den Abgang des nun ehemaligen “FAZ”-Herausgebers Holger Stelzner zum Anlass, eine persönliche Geschichte zu erzählen: Kappes hatte selbst für die “FAZ” geschrieben und erhielt irgendwann die überraschende Nachricht, der zuständige Redakteur dürfe keine Texte mehr von ihm annehmen. Kappes versuchte, der Zurückweisung auf den Grund zu gehen, was sich als nicht so einfach erwies. Am Ende blieb nur eine Vermutung.

4. Auch das Private ist geschäftlich
(tagesschau.de, Frank Bräutigam)
Pamela Reif ist sogenannte Influencerin in Sachen Fitness und Mode und hat über vier Millionen Instagram-Follower. In einer Entscheidung des Landgerichts Karlsruhe wurde Reif verpflichtet, bestimmte Posts als Werbung zu kennzeichnen. Dabei ging es um Beiträge, von denen Reif behauptet hatte, es seien Ausschnitte aus ihrem Privatleben. Die Posts waren jedoch mit Tags zu Markennamen zu ihrer Kleidung versehen, was vom Gericht als Werbung gewertet wurde.

5. Facebook speicherte Hunderte Millionen Passwörter unverschlüsselt
(zeit.de)
Facebook hat zugegeben, Passwörter von Hunderten Millionen Nutzerinnen und Nutzern unverschlüsselt gespeichert zu haben. “Wir gehen davon aus, dass wir Hunderte Millionen Nutzer von Facebook Lite, Dutzende Millionen weitere Facebook-Nutzer sowie Zehntausende Instagram-Nutzer benachrichtigen werden”, so das Unternehmen.
Weiterer Lesehinweis: Kritik an Social-Media-Plattform: EU-Kommissarin Jourova ruft zum Verlassen von Facebook auf (spiegel.de).

6. “Mario Barth deckt auf” oder: Verantwortungsloses Fernsehen
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Kennste-Kennste-Komiker Mario Barth hat in der vergangenen Ausgabe seiner Aufdecker-Sendung (“Mario Barth deckt auf”, RTL) mal wieder alle Populismus-Register gezogen. In einer AfD-verdächtigen Dummifizierung hat er sich der Debatte um die Diesel-Grenzwerte gewidmet. Ein einseitiges und irreführendes Stück Fake News, in dem Barth die Argumentation des längst widerlegten Lungenfacharztes und Zahlen-Konfusius Dieter Köhler ins Spiel brachte.

Herr Grindel Herr Grindel, Rape Day auf “Steam”, Dialog für Störer?

1. DFB-Präsident Grindel sorgt mit Interview-Abbruch für Wirbel
(dw.com, Joscha Weber)
DFB-Präsident Reinhard Grindel spricht im “Deutsche Welle”-Interview über die Zukunft des Weltfußballs und mögliche neue Wettbewerbe. Doch plötzlich findet das Gespräch ein jähes Ende: Anscheinend verärgert wegen der Nachfragen zu einer 25-Milliarden-Dollar-Offerte für die FIFA, knöpft sich Grindel das Mikro ab und stürmt davon … Im Netz hagelt es Kritik und Spott.
Weiterer Lesehinweis: Das Interview in voller Länge gibt es hier: DFB-Präsident Reinhard Grindel: “Wenn wir die Klub-WM nicht veranstalten, machen es kommerzielle Anbieter” (dw.com, Florian Bauer).

2. “Dieses Urteil ist für mich ein Signal”
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 9:15 Minuten)
Im “Deutschlandfunk” geht es um die Aufhebung des Urteils gegen die österreichische grüne Ex-Abgeordnete Sigi Maurer, die mit obszönen Privatbotschaften via Facebook belästigt worden und trotz vorliegender Beweise vom Inhaber des Accounts unter anderem wegen übler Nachrede verklagt worden war. Der für den “Spiegel” arbeitende Korrespondent Hasnain Kazim begrüßt die Entscheidung. Kazim hat im Laufe seiner Karriere schon unzählige Hassmails bekommen. Einige davon hat er in seinem Buch “Post von Karlheinz” verarbeitet. Kazim kündigte auf Twitter an, verstärkt gegen die Verfasser von Hassbriefen vorgehen zu wollen. Auch wenn er vor Gericht nicht unbedingt mit einem Erfolg rechnen könne. Außerdem kommt Christian-Oliver Moser, Anwalt für Presserecht, zu Wort, der Noah Becker, den Sohn von Boris Becker, bei seiner Klage gegen den AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier vertreten hatte.

3. Lasst sie ihre Arbeit machen!
(taz.de, Finn Holitzka)
Im ZDF-“Morgenmagazin” ist gestern eine zeternde Zuschauerin vor laufenden Kameras aus dem Publikum aufgestanden und hat sich rabiat zwischen die Moderatoren gedrängt. Das “Morgenmagazin”-Moderatorenduo ist ruhig geblieben. Die Moderatorin Dunja Hayali hat der pöbelnden Störerin sogar ein Gespräch angeboten. “taz”-Autor Finn Holitzka lobt in seinem Kommentar die “souveräne und deeskalierende Coolness der Moderatoren”, gibt jedoch zu bedenken: “Dialogbereitschaft gegenüber Personen, die drängeln, pöbeln, blaffen, dürfte als Einladung gesehen werden: Wer laut genug krächzt, kriegt ein Mikro hingehalten.”

4. «Alle meine heiklen Artikel werden im Ausland publiziert»
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Der afghanische Investigativjournalist und Menschenrechtsaktivist Hassan Hakimy schreibt zu Themen wie Korruption, Vergewaltigung und Zwangsverheiratung von Kindern. Während einer Europareise hat er sich mit der “Medienwoche” unterhalten. Es geht um Medienfreiheit in Afghanistan, die afghanischen Flüchtlinge in Europa und Drohungen gegen ihn: “Wenn ich in Afghanistan bin, habe ich konstant Angst: Vielleicht sterbe ich jetzt; vielleicht bringt mich in einer Stunde jemand um.”
Weiterer Lesetipp: Soziale Medien im Nahen Osten: Tipps für Journalisten (de.ejo-online.eu, Damian Radcliffe & Payton Bruni).

5. Die Diskussion um diese Autorinnen-Liste zeigt, wie unsichtbar Frauen auf Wikipedia sind
(vice.com, Lisa Ludwig)
Die Autorin Theresa Hannig wollte auf Wikipedia eine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen anlegen. Das Normalste auf der Welt, möchte man meinen, aber weit gefehlt: Ein wahrscheinlich männlicher Wikipedia-Editor reichte umgehend einen Löschantrag ein. Lisa Ludwig erklärt den Vorgang, der nicht nur konkrete, sondern grundsätzliche Fragen aufwirft.

Update: In ihrem Blog schreibt Theresa Hannig in einem Nachtrag: “Nach der überwältigenden Unterstützung vieler, vieler Leute auf Twitter und in der Löschdiskussion, wurde der Löschantrag heute Nachmittag zurückgezogen.”

6. Aus Spaß belästigen, vergewaltigen und töten
(zeit.de, Thomas Lindemann)
Kulturjournalist Thomas Lindemann schreibt über die Vorankündigung eines “Vergewaltigungsspiels” auf der Spieleplattform Steam und deren ungenügende Abgrenzung gegenüber gewaltverherrlichendem Digitalschund: “Am Ende scheitert also auch die weltgrößte Spieleplattform daran, klare Grenzen zwischen Sex, Sexualität, Sexismus und Gewalt zu definieren. Dabei ist Rape Day nur ein Teil eines größeren Problems. Seit vergangenem Sommer können Entwickler und Entwicklerinnen ihre Spiele auf Steam veröffentlichen, ohne dass diese vorher geprüft werden. Seitdem finden sich dort Nazi-Spiele, Pornos aller Art, auch Fakes, die gar nicht spielbar sind. Überall wird derzeit gegen Uploadfilter gewettert — hier würde man sich welche wünschen.”

Türkischer Rausschmiss, Krone gegen Windräder, Rechte Geburtstagsparty

1. Rausschmiss deutscher Korrespondenten
(reporter-ohne-grenzen.de)
“Reporter ohne Grenzen” (“ROG”) fordert die Türkei dazu auf, die willkürliche Ausweisung von Auslandskorrespondenten zu stoppen. Hintergrund: Die türkischen Behörden haben den beiden deutschen Journalisten Jörg Brase und Thomas Seibert die Arbeitserlaubnis entzogen. “So lange Brase und Seibert nicht ihre Akkreditierung zurückbekommen, darf die Bundesregierung sich keinen Illusionen hingeben und zu normalen Beziehungen mit der Türkei übergehen, so wie sie es in den vergangenen Monaten durch zahlreiche Besuche in Istanbul und Ankara versucht hat”, so “ROG”-Geschäftsführer Christian Mihr.
Weiterer Lesehinweis: Im “Tagesspiegel” berichtet der nunmehr ehemalige Türkei-Korrespondent Thomas Seibert, wie es sich anfühlt, nach 22 Jahren aus dem Land rausgeschmissen zu werden, mit dem er sich äußerst verbunden fühlt. Und er schreibt über Ankaras unmoralisches Angebot an seinen Arbeitgeber, ihn durch einen anderen Korrespondenten zu ersetzen.

2. Entspannt Euch, Leute! Zehn Fragen, mit denen Sie sich vor überhitzten medialen Erregungsblasen schützen
(meedia.de, Daniel Bröckerhoff)
Daniel Bröckerhoff, Journalist und ZDF-Moderator bei “heute+”, hat selbst erlebt, wie leicht einen die Twitter-Empörung mitreißen kann. Nun hat sich Bröckerhoff Gedanken gemacht, wie man den “überhitzten medialen Erregungsblasen die Luft rauslassen” kann, und dazu einen Zehn-Punkte-Fragenkatalog entworfen.

3. Politik im Direktversand
(sueddeutsche.de, Jens Schneider)
Jens Schneider berichtet von den Social-Media-Aktivitäten der Bundestagsfraktionen. Die größte Zahl an Facebook-Abonnenten mit mehr als 125.000 hat die Linksfraktion. Zum Vergleich: Die AfD-Fraktion hat 82.000. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei den Partei-Facebookseiten deutlich anders aussieht: Dort haben die Linken 264.000 Abonnenten, die AfD hat 464.000. Der Bundestag ist weder auf Facebook noch auf Instagram zugegen, obwohl durchaus Interesse an der Arbeit des Parlaments besteht: Die Internet-Seite des Bundestags sei im vergangenen Jahr 70,7 Millionen Mal aufgerufen worden, doppelt so oft wie im Jahr zuvor.

4. Die Privatkampagne des Chefs der Salzburg-Krone gegen Windräder
(kobuk.at, Gabriele Scherndl)
In unzähligen Artikeln schrieb die “Salzburger Krone” gegen einen geplanten Windpark an. Mit einseitigen Informationen, verzerrten Fakten und Verunglimpfungen der Gegenseite, wie Gabriele Scherndl im medienkritischen Watchblog “Kobuk” anmerkt. Handelte es sich um eine Privatkampagne des “Krone”-Chefs? Auf diese Idee könnte man kommen, denn die massive Kampagne endete mit dem Rückzug des “Krone”-Chefs ins Pensionärs-Leben: “Seitdem erschien keine Titel- oder Doppelseite, kein Kommentar, kein Artikel oder Leserbrief mehr zu dem Thema. Der letzte Text dazu war, wie sollte es anders sein: Ein Leserbrief, in dem Hans Peter Hasenöhrls Einsatz gegen die Windräder gelobt wird.”

5. Eine Party als neurechtes Netzwerk
(belltower.news, Simone Rafael)
Matthias Matussek, ehemals angesehener Journalist bei u.a. “Spiegel”, “Stern” und “Welt”, hat seinen 65. Geburtstag öffentlichkeitswirksam inszeniert, indem er Teile der Gästeliste und viele Fotos veröffentlichte. Es war eine Art Rechtsaußen-Klassentreffen von Politik und schreibender Zunft. Und mit einem Reinhold Beckmann, der sich (durch sein Gitarrenständchen im wahrsten Sinne des Wortes) instrumentalisieren ließ und dafür auf Facebook mühsam um eine Art Rechtfertigung ringt.

6. Disney+ hat größeres Potenzial als Netflix
(wuv.de, Franz Scheele)
Vieles deutet daraufhin, dass der Unterhaltungskonzern Disney bald einen eigenen Videostreamingdienst an den Start bringt. Disney sitzt auf einem unglaublich wertvollen cineastischen Schatz: Neben der Filmbibliothek der Walt Disney Studios gehören zu Disney auch die Pixar Animation Studios, die Marvel Studios sowie das gesamte “Star Wars”-Imperium. Dementsprechend gut sind die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten: Die amerikanische Investmentbank J.P. Morgan habe in ihrer Prognose von 160 Millionen möglichen Abonnenten gesprochen. Zum Vergleich: Netflix hat derzeit rund 140 Millionen zahlende Kunden.

Das Versagen der Medien bei AKKs Spott über intersexuelle Menschen

Hallo. Ich bin der Typ, der diese ganze Kramp-Karrenbauer-Intersex-Witz-Sache losgetreten hat, über die, glaube ich, heute jedes deutsche Nachrichtenmedium berichtet hat. Und ja, natürlich freue ich mich über die Aufmerksamkeit, die die Äußerung der CDU-Vorsitzenden erfährt, und über die Kritik, die sie dadurch von so vielen Seiten aus bekommt.
Und doch ist die eigentliche Dimension dieses Vorfalls eine andere.

Als ich gestern während der TV-Übertragung des “Stockacher Narrengericht” auf Facebook aus der Rede Kramp-Karrenbauers zitierte …

Guckt Euch doch mal die Männer von heute an. Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür — dazwischen — ist diese Toilette.

… ging ich davon aus, dass es sich um eine Livesendung handelte. Ich habe das auf Facebook rausgehauen, weil ich glaubte, das, was ich da gerade höre und kaum glauben kann, passiert gerade jetzt. Die Äußerung Kramp-Karrenbauers ist — Karneval hin oder her — meines Wissens das Herabwürdigstende, das ein deutscher Spitzenpolitiker oder eine deutsche Spitzenpolitikerin in den vergangenen Jahren über LSBTI gesagt hat, inklusive AfD.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. In seinem neuen Buch “Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber” prangert er die “schrecklich nette Homophobie” auch in den Medien an. Für seinen “Nollendorfblog” bekam er eine Nominierung für den “Grimme Online Award”, er selbst erhielt 2018 den Tolerantia Award. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Jeder, der nur etwas im Thema ist, weiß, wie sehr viele intersexuelle Menschen in Deutschland darunter leiden, dass sie als Kinder aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen zwangsoperiert wurden. Und wie sehr sie dafür kämpfen, dass das heute nicht mehr passiert und dass sie nicht als krank oder fehlerhaft betrachtet werden. Ein Betroffener schilderte gestern auf Facebook, dass er siebenmal operiert worden sei, nur um “beim Pinkeln stehen zu dürfen.” Kramp-Karrenbauer hat sich also nicht nur eine der vulnerabelsten Gruppen für ihren Spott ausgesucht, sie hat sie auch noch da getroffen, wo es am meisten wehtut. Selbstverständlich musste ich also denken, diese Sätze passieren gerade live. Denn wenn nicht, dann hätte es ja schon längst irgendwo stehen müssen.

Was ich da noch nicht wusste: Die TV-Sendung war eine Wiederholung vom Donnerstag, also fast zwei Tage alt. Man sieht dort einen Festsaal voll mit Politikprominenz, man hört, wie Kramp-Karrenbauers Intersex-Pointe begeistertes Gejohle hervorruft, man hört, dass es offensichtlich (anders als an anderen Stellen) keinen Protest gibt.

So weit sind wir also schon in Deutschland: Die Politikerin des Landes, die die größten Chancen hat, Deutschlands nächste Kanzlerin zu werden, wirft einem grölenden Festsaal eine Minderheit zum Fraß vor — und es spricht sich zwei Tage lang nicht rum. Es wird nicht darüber berichtet. Es hat einfach nicht stattgefunden. Und das, obwohl es sogar live im SWR übertragen wurde.

Was ich wirklich nicht verstehe: Sind die Grenzen des Sagbaren mittlerweile so weit verrutscht, dass keiner der offensichtlich vielen anwesenden Journalistinnen und Journalisten so etwas für berichtenswert hält? Wie kann das selbst dem übertagenden Sender durch die Lappen gehen? Und wieso hat der SWR nicht spätestens nach der großen medialen Aufregung heute nachgelegt und wenigstens jetzt darüber etwas gemacht, wer da alles parteiübergreifend im Saal mitgejohlt hat? Und wer möglicherweise nicht? Ist das so unwichtig?

Aber nicht nur für die anwesenden Journalistinnen und Journalisten ist es ein unglaubliches Versagen. Dies gilt auch für alle, die schwerpunktmäßig über Kramp-Karrenbauer berichten. Hat denn keiner von ihnen mitbekommen, wie sie sich in den vergangenen Monaten ihre Macht gesichert hat, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Homophobie zur CDU-Vorsitzenden wurde? Hatte man nicht davon ausgehen müssen, dass sie bei einer solch prominenten TV Karnevalssendung in die gleiche oder eine ähnliche Kerbe hauen würde? Oder ging man davon aus, aber es ist einfach egal?

Ist es egal, was die mögliche nächste Kanzlerin für ein Menschenbild hat? Ist es egal, dass sich immer mehr abzeichnet, wie sehr ihre Verächtlichmachung anderer immer mehr zum System wird? Und: Wie kann etwas, was zwei Tage lang so egal ist, plötzlich so unegal sein, dass es auf einmal bei der “Tagesschau” und in “Berlin direkt” vorkommt? Wieso reicht dann ein einziger Facebook-Post und ein anschließender Bericht auf dem queeren Nachrichtenportal queer.de, dass dann plötzlich alles andersherum ist?

Und: Was kann eigentlich noch in Deutschland gerade so alles vor laufender Kamera gesagt werden, ohne dass es jemand mitbekommt?

Tatort-Grabscher zieht Klage zurück, Presserecht als Waffe, Opernfreund

1. Ex-“Tatort”-Koordinator Henke zieht Klage gegen Charlotte Roche zurück
(spiegel.de, Laura Backes & Ann-Katrin Müller)
Es liest sich schon recht erbärmlich, was der “Spiegel” berichtet: Sechs Frauen hatten dem langjährigen “Tatort”-Koordinator und früheren WDR-Filmchef Gebhard Henke vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Nachdem Henke sich mit dem WDR über sein Ausscheiden verständigt hatte, verklagte er den “Spiegel” sowie Charlotte Roche und versuchte, die Zeuginnen und die Journalistinnen zu diskreditieren. Besonders heftig und persönlich waren die Attacken gegen Roche, deren Glaubwürdigkeit er anzweifelte und als “sündenstolze Lügnerin” bezeichnete. Nun haben sieben weitere Frauen unter Nennung ihrer Namen Vorwürfe gegen Gebhard Henke erhoben. Wieder sei es um anzügliche Bemerkungen, um Po-Grapscher in aller Öffentlichkeit, um Hände auf dem Oberschenkel und um ungewollte Küsse gegangen. Das Resultat: “Keine 24 Stunden vor der Verhandlung zog Henke seine Klage dann zurück. Charlotte Roche darf also weiter sagen, von Gebhard Henke am Po begrapscht worden zu sein.”

2. Presserecht als Waffe
(kontextwochenzeitung.de, Markus Köhler)
Der Jurist Markus Köhler hat die “Kontext Wochenzeitung” erfolgreich in dem Verfahren vertreten, das “Kontext” vor dem Landgericht Mannheim und dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen einen rechtsradikalen Mitarbeiter zweier AfD-Abgeordneter führte. In einem Gastbeitrag schreibt Köhler über das “Presserecht als Waffe” und erläutert die Motive, die aus seiner Sicht hinter den Attacken stecken. Sein Resümee: “Mit dem Rechtsstaat ist es wie mit der Demokratie: Beide sind durch das als Waffe eingesetzte Presserecht verletzlich und müssen tagtäglich geschützt werden.”
Weiterer Lesehinweis: Ebenfalls bei “Kontext” bewertet Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin das Verfahren: Keine Macht dem Ungeist.

3. Schluss mit der Featureritis, her mit den Fakten!
(journalist-magazin.de, Florian Harms)
Im Medienmagazin “journalist” gibt es einen weiteren Teil aus der Serie “Mein Blick auf den Journalismus”, in der prominente Mediengrößen über besseren Journalismus nachdenken. Diesmal hat Florian Harms, Chefredakteur von t-online.de, sieben Anregungen formuliert, wie eine Redaktion zum “Leuchtturm in der Informationsflut” werden kann.

4. Das “absolute Unverständnis” des Axel Voss
(golem.de, Friedhelm Greis)
Der CDU-Politiker Axel Voss ist Berichterstatter des Europaparlaments bei der Urheberrechtsreform, eine verantwortungsvolle Aufgabe, bei der man eigentlich Kompetenz erwartet. Diese scheint jedoch nicht sonderlich ausgeprägt, wenn man sich die teilweise widersprüchlichen, teilweise falschen Äußerungen von Voss näher anschaut. Auch Friedhelm Greis kritisiert den Nicht-Experten: Obwohl dieser seit anderthalb Jahren über die EU-Urheberrechtsreform verhandele, habe er noch immer zentrale Punkte in der Debatte nicht verstanden. Greis fragt sich ratlos: “Wie soll das EU-Parlament auf Basis seiner Erläuterungen eine Entscheidung zu Leistungsschutzrecht und Uploadfiltern treffen?”

5. Storytelling: “Der Datenjournalismus ist im Alltag angekommen”
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Der “Fachjournalist” hat sich mit einem Fachmann für Datenjournalismus unterhalten: Sascha Venohr, dem “Head of Data Journalism” bei “Zeit Online”: Was macht den Datenjournalismus aus? Hat dieser bereits seinen Zenit überschritten? Und was empfiehlt Venohr Nachwuchsjournalisten jedweden Ressorts?

6. In eigener Sache
(deropernfreund.de)
“Der Opernfreund” ist die nach eigenen Angaben älteste deutsche private Opernzeitung und erscheint nun bereits im 51. Jahrgang. Die Website zählt vermutlich zu den meistgelesenen Opernwebsites im deutschsprachigen Europa. Das Besondere: Hier berichten begeisterte Opernliebhaber ohne finanzielles Interesse von ihren Opernbesuchen. Naturgemäß fällt manche Kritik negativ aus, und dann erweist sich, ob die Gegenseite damit gut umgehen kann. Im Fall des Intendanten des Staatstheaters Wiesbaden wohl weniger gut: Dieser habe mitgeteilt, dass es ab sofort keine Pressekarten für den “Opernfreund” geben würde. Pech für ihn, dass der Rezensent die Karten eh im Vorverkauf erwirbt. Nachtrag, 26. Februar: “Der Opernfreund” und das Staatstheater Wiesbaden konnten den Konflikt beilegen.

Framing-Eigentor, “Digitaler Gangster” Facebook, Artikel 13

1. Das Eigentor: Wie die ARD rechten Kritikern in die Karten spielte
(haz.de, Imre Grimm)
Dominierendes Thema in der Medien-Berichterstattung ist derzeit das Framing-Gutachten, das die Sprachforscherin Elisabeth Wehling für die ARD angefertigt hat. Imre Grimm kommentiert: “Die Empörung mag überdreht und bigott sein, doch für die ARD ist das “Framing Manual” ein klassisches Eigentor. Sie wollte ihr Image verbessern — und hat das Gegenteil erreicht.”
Stefan Niggemeier nennt das Ganze auf “Übermedien“ “eine absurde Debatte um ein misslungenes Papier”. Die ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab spricht im “Deutschlandfunk” von einen Denkanstoß für die interne Diskussion: “Es ist kein Geheimpapier, sondern es ist schlicht und ergreifend nicht für die Öffentlichkeit gedacht.”
Detlef Esslinger kritisiert in der “SZ” die Kritiker, die in Zusammenhang mit dem Gutachten von “Umerziehung” und “Neusprech” sprechen: “Mehrere Autoren nutzen die Werkzeuge der Linguistik, um eine Linguistin zu diskreditieren, weil sie der ARD empfiehlt, sich mithilfe ihres Fachs gegen die Feinde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu wehren. Dies ist ebenso raffiniert wie infam.”
Mittlerweile hat die ARD laut “SZ” auch die Kosten für das von ihr beauftragte “Framing Manual” offengelegt: Die “Workshop-Unterlage” (Ulrich Wilhelm, ARD-Vorsitzender) habe in Verbindung mit den veranstalteten Workshops 120.000 Euro gekostet.

2. “Wir überschätzen Desinformation in sozialen Medien maßlos”
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Der “Spiegel” hat mit dem in Washington lehrenden Politikwissenschaftler und Geheimdienstexperten Thomas Rid über Geheimdienst-Operationen im Netz gesprochen. Sind staatlich gelenkte Desinformationskampagnen in sozialen Medien tatsächlich ernstzunehmende Angriffe auf unsere Demokratie, wie von manchen westlichen Politikern befürchtet? Rid ist gelassen: “Ich bin zumindest absolut sicher, dass wir Desinformation in sozialen Medien maßlos überschätzen. Gerade im Vergleich zu anderen Ansätzen wie dem Hacken von Politikern und der Veröffentlichung ihrer Daten und Dokumente, dem Hacken von Wahlinfrastruktur oder der Finanzierung von rechtsextremen Parteien.”
Weiterer Lesehinweis: Link 3, der zumindest in Großbritannien anderes befürchten lässt.

3. Massive Rechtsverstöße
(deutschlandfunk.de, Tobias Armbrüster & Mirjam Kid, Audio: 5:38 Minuten)
Welche Rolle spielte Facebook bei Desinformationskampagnen und Wahlbeeinflussung in Großbritannien, und welche Auswirkungen hatten diese beispielsweise auf das Brexit-Referendum? Britische Parlamentarier haben sich mit den Praktiken von Facebook beschäftigt und einen dramatischen Abschlussbericht vorgelegt: Das Unternehmen habe vorsätzlich und wissentlich gegen Datenschutz- und Wettbewerbsrecht verstoßen. Originalzitat: “Unternehmen wie Facebook, die sich selbst vor und über dem Gesetz sehen, sollte es nicht erlaubt werden, sich wie ‘digitale Gangster’ in der Online-Welt aufzuführen”.

4. Uploadfilter waren gestern
(internet-law.de, Thomas Stadler)
IT-Anwalt Thomas Stadler hat sich den umstrittenen Artikel 13 der Richtlinie über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt näher angeschaut. Die neue Sprachregelung erfordere nicht nur die Einführung der viel diskutierten Uploadfilter, sondern verpflichte Plattformbetreiber, beim Rechteinhaber eine Lizenz zu erwerben: “Anbieter von User-Generated-Content Plattformen wie YouTube, nach meiner Einschätzung aber auch soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter, werden damit also so behandelt, als würden sie die urheberrechtlichen Nutzungshandlungen ihrer User selbst vornehmen, weshalb sie auch originär dafür verantwortlich wären, sich selbst beim Rechteinhaber eine urheberrechtliche Gestattung (Lizenz) zu besorgen.”

5. TÜV für Glaubwürdigkeit?
(sueddeutsche.de, Jakob Maurer)
Das amerikanische Start-Up “NewsGuard” beurteilt die Glaubwürdigkeit und Transparenz von Online-Medien. Ein Ampelsystem soll dem Nutzer im Browser die Vertrauenswürdigkeit von bislang 4500 englischsprachigen Nachrichtenseiten anzeigen. Finanzieren will man sich über die Plattformen und Suchmaschinen, die das Tool in ihr Interface aufnehmen. Mit Microsoft habe man sich bereits zu einer Kooperation verabredet: “NewsGuard” soll Teil des auf Windows-System vorinstallierten Webbrowsers Edge werden. Ob das Ganze zielführend ist, wird kontrovers diskutiert. So ist der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller skeptisch und sieht die Gefahr, dass “der Schuss nach hinten losgehen kann”.

6. Lührssen will Spitzenkandidat der Bürger in Wut werden
(weser-kurier.de, Kornelia Hattermann)
Nachdem der Fernsehjournalist Hinrich Lührssen damit gescheitert ist, sich als Spitzenkandidat der Bremer AfD aufstellen zu lassen, hat er die Partei verlassen. Lührssen will nun Karriere bei einer anderen Partei machen, den — Achtung, Realsatire — “Bürgern in Wut”.

Fast ohne Zutun, Rechtstrend “Dark Social”, Digital Darlings unter Druck

1. Wie ein privates Video fast ohne Zutun von Journalisten “an die Öffentlichkeit kam”
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ein an die Öffentlichkeit gelangtes, privat gedrehtes Video einiger junger Kommissaranwärterinnen sorgt für einen Mix von künstlicher Aufregung, Heuchelei und Doppelmoral. Stefan Niggemeier fasst zusammen: “Und so ist nun ein privates Video in der Welt und alle reden über die Verantwortung junger Polizistinnen und die Gefahren von Social Media — nur für die Journalisten von “Focus” und “Bild”, die es hochgeladen und für seine Verbreitung gesorgt haben, ist die Sache erledigt.”

2. Bremer Ex-AfD-Vorstand Lührssen: Der Preis des politischen Engagements
(weser-kurier.de, Jürgen Theiner)
Als der Journalist Hinrich Lührssen (u.a. Radio Bremen, “Stern TV”) vor einigen Monaten Teil des Bremer AfD-Landesvorstandes wurde, sorgte dies in der Branche für Verwunderung. Lührssen bezeichnet seine Zeit bei der AfD heute als “Trip nach Nordkorea und zurück”, was vor allem an seinen gescheiterten Karriereplänen liegt: Der Journalist konnte sich nicht als AfD-Spitzenkandidat für die Bürgerschaftswahl durchsetzen und fühlt sich ausgebootet.

3. Dark Social ist auch Trend bei Rechtsextremen
(belltower.news, Simone Rafael & Miro Dittrich)
Nachdem einige rechtsextreme Gruppierungen aus den sozialen Netzwerken geschmissen wurden, verlagerten sie ihre Aktivitäten zu Messengerdiensten wie Whatsapp und Telegram. Miro Dittrich vom Monitoring-Projekt “De:hate” der Amadeu Antonio Stiftung erklärt die Hintergründe.

4. Digital Darlings unter Druck
(spiegel.de, Isabell Hülsen & Martin U. Müller)
Die drei Medienmarken “BuzzFeed”, “Vice”, “Huffpo” mussten jüngst kräftig Federn lassen: “BuzzFeed” entlässt 15 Prozent seiner Belegschaft, bei “Vice” verlieren 250 der weltweit 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Job, die deutsche “Huffington Post” hat den Betrieb komplett eingestellt. Das liege vor allem an der Werbe-Übermacht von Facebook, Google und Amazon. Außerdem gebe es eine wachsende Konkurrenz durch klassische Medienhäuser, die immer mehr zahlende Abonnentinnen und Abonnenten für ihren Journalismus im Netz gewinnen.

5. Das Fragezeichen passt besser zu unserem Beruf als das doppelte Ausrufezeichen
(journalist-magazin.de, Georg Mascolo)
Der ehemalige “Spiegel”-Chef Georg Mascolo leitet seit 2014 den Rechercheverbund von NDR, WDR und “Süddeutscher Zeitung”. In einem Beitrag für das Medienmagazin “journalist” beschäftigt er sich mit der mangelnden Selbstkritik und Fehlerkultur von Journalistinnen und Journalisten und bezieht sich durchaus auch selbst mit ein: “Seit mehr als 30 Jahren bin ich nun im Beruf. Meine Arbeitgeber waren und sind das, was man “Qualitätspresse” nennt. Aber ich habe nicht immer “Qualität” abgeliefert. Manche meiner Fehler erinnere ich bis heute schmerzlich, vor allem, weil ich sie meinem Publikum verschwiegen habe.”

6. Ein TV-Sender mit Gaulands Zahnarzthelferin
(deutschlandfunk.de, Doris Anselm)
Der sächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla plant der “Sächsischen Zeitung” zufolge eine Liste mit Namen “unseriöser” Journalistinnen und Journalisten. Das hat Doris Anselm in ihrer Glosse zu weiteren “guten Vorschlägen” inspiriert. Sie gibt der AfD zum Beispiel den Tipp, selbst eine AfD-kritische Zeitung zu gründen: “Man würde erfahren, dass Jörg Meuthen früher Rastalocken hatte oder dass Alexander Gauland insgeheim in seine Zahnarzthelferin verknallt ist, die ein Kopftuch trägt und ihn natürlich nicht mehr mit dem Arsch anguckt, aber genau da drauf steht er auch ein bisschen und so weiter, und so weiter — alles erfunden natürlich. Aber kritisch! Das wird toll.”

Vom “Unwort des Jahres” zu einer Bedrohung für die Meinungsfreiheit

Seit 28 Jahren wird in Deutschland das “Unwort des Jahres” gewählt — sehr zum Gefallen der “Bild”-Zeitung, die seit vielen Jahren gerne darüber berichtet, oft sogar auf der Titelseite.

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres - Zum Unwort des Jahres 2009 hat eine Jury den Begriff betriebsratsverseucht gewählt. Ein Mitarbeiter einer Baumarkkette hatte das Wort im TV verwendet
(“Bild”, 2010, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Gesellschaft für deutsche Sprache - Alternativlos ist das Unwort des Jahres 2010 - Es war Angela Merkels Kommentar zur Griechenland-Hilfe
(Bild.de, 2011)

Ausriss Bild-Zeitung - Döner-Morde ist das Unwort des Jahres
(“Bild”, 2012, Titelseite. Dass sie selbst zur Verbreitung des Begriffs beigetragen hatte, ließ die Redaktion natürlich lieber unerwähnt.)

Ausriss Bild-Zeitung - Schlecker-Frauen Unwort des Jahres?
(“Bild”, 2013, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Aus über 1300 Einsendungen gewählt - Sozialtourismus ist Unwort des Jahres
(Bild.de, 2014)

Ausriss Bild-Zeitung - Lügenpresse ist Unwort des Jahres
(“Bild”, 2015, Titelseite)

Ausriss Bild am Sonntag - Jury sucht Unwort 2015
(“Bild am Sonntag”, 2016)

Ausriss Bild-Zeitung - Umvolkung und Rapefugee sind Favoriten - Endspurt für Unwort 2016
(“Bild Frankfurt”, 2017)

Ausriss Bild-Zeitung - Volksverräter Unwort des Jahres
(“Bild”, 2017, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Jury aus Sprachwissenschaftlern hat entschieden - Alternative Fakten ist Unwort des Jahres 2017
(Bild.de, 2018)

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres 2017: Alternative Fakten
(“Bild”, 2018, Titelseite)

Auch über die jüngste Wahl zum “Unwort des Jahres 2018” hat “Bild” vor ein paar Tagen wieder berichtet. Diesmal aber mit einer, nun ja, leichten Änderung im Ton. Die Zeitung schreibt:

Ausriss Bild-Zeitung - Große Debatte um das Unwort des Jahres - Sprach-Polizei verordnet Deutschland Sagbarkeits-Regeln

Die Jury der sogenannten „Sprachkritischen Aktion“ aus Sprachwissenschaftlern hat die Formulierung „Anti-Abschiebe-Industrie“ von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (48) zum „Unwort des Jahres 2018“ gekürt – und löst damit kritisches Nachfragen aus.

Und zwar in erster Linie bei den Autoren des “Bild”-Artikels, Filipp Piatov und Ralf Schuler, die empört fragen: “Wer ist die Sprachpolizei überhaupt?” “Was hat die Sprach-Jury auszusetzen?” Und vor allem: “Wer soll das noch verstehen?”

“Niemand hat diese Jury legitimiert”, zitieren sie einen Sprachprofessor. Die Jury stehe “immer auf der sicheren Seite der politischen Korrektheit”. Diese ganze Sache sei “eine Farce”.

Man dürfe, so das bittere Fazit der “Bild”-Autoren, in diesem Land eben nicht mehr öffentlich sagen, was man möchte:

Nach der Kritik von Sport-Star Stefan Kretzschmar (45) diskutiert Deutschland, ob man eigentlich noch öffentlich sagen kann, was man möchte. Erkenntnis seit gestern: Ja, darf man. Es sei denn, es passt der Sprachpolizei nicht…

Über diese Kretzschmar-Sache hatte “Bild” schon in den Tagen davor groß berichtet:

Ausriss Bild-Titelseite - Darf man nicht mehr sagen, was man denkt? Die Debatte über Meinungsfreiheit geht weiter - was Prominente sagen

Die Antwort dürfte den “Bild”-Lesern spätestens seit dem “Unwort”-Artikel klar sein. Stichwort: Political Correctness! Stichwort: Sprachpolizei!

Jahrelang hielt die “Bild”-Zeitung die Wahl zum “Unwort des Jahres” für eine berichtenswerte Nachricht, sie widmete ihr prominente Plätze auf der Titelseite, machte regelrecht Werbung dafür: Diese Begriffe stehen zur Auswahl! So können Sie Vorschläge einreichen! Das sind die Gewinner!

… und auf einmal ist sie das Werk der “Sprachpolizei”, die mit ihrer “politischen Korrektheit” die Meinungsfreiheit in diesem Land einschränken will.

Ganz neu sind diese Argumente und Begrifflichkeiten freilich nicht. 2017 schrieb die AfD zum Unwort des Jahres, hier schwinge sich “eine Gesellschaft zur Sprachpolizei” auf. 2018 schrieb “Compact”: “Das Unwort des Jahres 2017 steht fest. Na, toll – und jetzt? Was soll dieser Zirkus eigentlich? Will uns die Sprachpolizei hier rhetorisch einnorden? Alles frei nach Orwell: ‘Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken?'” Und “Tichy’s Einblick” erklärte vor ein paar Tagen, die Wahl zum “Unwort” diene “Linksintellektuellen” lediglich dazu, “Andersdenkende lächerlich zu machen und zu diffamieren”. Überschrift: “Jährlich meldet sich die linke Sprachpolizei”.

Und “Bild” marschiert — mal wieder — munter mit.

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