Vom „Unwort des Jahres“ zu einer Bedrohung für die Meinungsfreiheit

Seit 28 Jahren wird in Deutschland das „Unwort des Jahres“ gewählt — sehr zum Gefallen der „Bild“-Zeitung, die seit vielen Jahren gerne darüber berichtet, oft sogar auf der Titelseite.

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres - Zum Unwort des Jahres 2009 hat eine Jury den Begriff betriebsratsverseucht gewählt. Ein Mitarbeiter einer Baumarkkette hatte das Wort im TV verwendet
(„Bild“, 2010, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Gesellschaft für deutsche Sprache - Alternativlos ist das Unwort des Jahres 2010 - Es war Angela Merkels Kommentar zur Griechenland-Hilfe
(Bild.de, 2011)

Ausriss Bild-Zeitung - Döner-Morde ist das Unwort des Jahres
(„Bild“, 2012, Titelseite. Dass sie selbst zur Verbreitung des Begriffs beigetragen hatte, ließ die Redaktion natürlich lieber unerwähnt.)

Ausriss Bild-Zeitung - Schlecker-Frauen Unwort des Jahres?
(„Bild“, 2013, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Aus über 1300 Einsendungen gewählt - Sozialtourismus ist Unwort des Jahres
(Bild.de, 2014)

Ausriss Bild-Zeitung - Lügenpresse ist Unwort des Jahres
(„Bild“, 2015, Titelseite)

Ausriss Bild am Sonntag - Jury sucht Unwort 2015
(„Bild am Sonntag“, 2016)

Ausriss Bild-Zeitung - Umvolkung und Rapefugee sind Favoriten - Endspurt für Unwort 2016
(„Bild Frankfurt“, 2017)

Ausriss Bild-Zeitung - Volksverräter Unwort des Jahres
(„Bild“, 2017, Titelseite)

Screenshot Bild.de - Jury aus Sprachwissenschaftlern hat entschieden - Alternative Fakten ist Unwort des Jahres 2017
(Bild.de, 2018)

Ausriss Bild-Zeitung - Unwort des Jahres 2017: Alternative Fakten
(„Bild“, 2018, Titelseite)

Auch über die jüngste Wahl zum „Unwort des Jahres 2018“ hat „Bild“ vor ein paar Tagen wieder berichtet. Diesmal aber mit einer, nun ja, leichten Änderung im Ton. Die Zeitung schreibt:

Ausriss Bild-Zeitung - Große Debatte um das Unwort des Jahres - Sprach-Polizei verordnet Deutschland Sagbarkeits-Regeln

Die Jury der sogenannten „Sprachkritischen Aktion“ aus Sprachwissenschaftlern hat die Formulierung „Anti-Abschiebe-Industrie“ von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (48) zum „Unwort des Jahres 2018“ gekürt – und löst damit kritisches Nachfragen aus.

Und zwar in erster Linie bei den Autoren des „Bild“-Artikels, Filipp Piatov und Ralf Schuler, die empört fragen: „Wer ist die Sprachpolizei überhaupt?“ „Was hat die Sprach-Jury auszusetzen?“ Und vor allem: „Wer soll das noch verstehen?“

„Niemand hat diese Jury legitimiert“, zitieren sie einen Sprachprofessor. Die Jury stehe „immer auf der sicheren Seite der politischen Korrektheit“. Diese ganze Sache sei „eine Farce“.

Man dürfe, so das bittere Fazit der „Bild“-Autoren, in diesem Land eben nicht mehr öffentlich sagen, was man möchte:

Nach der Kritik von Sport-Star Stefan Kretzschmar (45) diskutiert Deutschland, ob man eigentlich noch öffentlich sagen kann, was man möchte. Erkenntnis seit gestern: Ja, darf man. Es sei denn, es passt der Sprachpolizei nicht…

Über diese Kretzschmar-Sache hatte „Bild“ schon in den Tagen davor groß berichtet:

Ausriss Bild-Titelseite - Darf man nicht mehr sagen, was man denkt? Die Debatte über Meinungsfreiheit geht weiter - was Prominente sagen

Die Antwort dürfte den „Bild“-Lesern spätestens seit dem „Unwort“-Artikel klar sein. Stichwort: Political Correctness! Stichwort: Sprachpolizei!

Jahrelang hielt die „Bild“-Zeitung die Wahl zum „Unwort des Jahres“ für eine berichtenswerte Nachricht, sie widmete ihr prominente Plätze auf der Titelseite, machte regelrecht Werbung dafür: Diese Begriffe stehen zur Auswahl! So können Sie Vorschläge einreichen! Das sind die Gewinner!

… und auf einmal ist sie das Werk der „Sprachpolizei“, die mit ihrer „politischen Korrektheit“ die Meinungsfreiheit in diesem Land einschränken will.

Ganz neu sind diese Argumente und Begrifflichkeiten freilich nicht. 2017 schrieb die AfD zum Unwort des Jahres, hier schwinge sich „eine Gesellschaft zur Sprachpolizei“ auf. 2018 schrieb „Compact“: „Das Unwort des Jahres 2017 steht fest. Na, toll – und jetzt? Was soll dieser Zirkus eigentlich? Will uns die Sprachpolizei hier rhetorisch einnorden? Alles frei nach Orwell: ‚Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken?'“ Und „Tichy’s Einblick“ erklärte vor ein paar Tagen, die Wahl zum „Unwort“ diene „Linksintellektuellen“ lediglich dazu, „Andersdenkende lächerlich zu machen und zu diffamieren“. Überschrift: „Jährlich meldet sich die linke Sprachpolizei“.

Und „Bild“ marschiert — mal wieder — munter mit.