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Keine Schonzeit für den Rechtsstaat

Fast scheint es so, als hätten die Terroristen gewonnen, als hätte die RAF den Rechtsstaat besiegt. Denn Gesetze gelten nicht mehr für jeden gleich, Richter und Beweiserhebungen sind unnütz. Das könnte man zumindest gelegentlich meinen, wenn man die Berichterstattung von „Bild“ verfolgt.

In diese Denkweise ordnet sich der Artikel auf Bild.de ein, der über die Verurteilung der früheren RAF-Terroristen Inge Viett berichtet:

Viett hatte im Juni 2008 in Berlin gegen ein Bundeswehr-Gelöbnis protestiert und dabei — so die Überzeugung des Gerichts — leichten Widerstand gegen zwei Polizeibeamte geleistet, indem sie sich beim Abführen mit den Füßen gegen die Laufrichtung stemmte. Dafür ist sie zu einer Geldstrafe von 225 Euro verurteilt worden.

Der ursprünglich erhobene Vorwurf der versuchten Gefangenenbefreiung wurde vom Gericht fallen gelassen. Für Bild.de ist auch dies offenkundig keine Folge der Beweisaufnahme, sondern ein Zeichen unbotmäßiger Milde des Gerichts.

Damit der Artikel diesen Eindruck erwecken konnte, mussten freilich einige Details wegfallen, die sich zum Beispiel bei Welt.de finden:

Nach Auffassung des Gerichts Tiergarten hatte Viett nicht — wie von der Staatsanwaltschaft angeklagt — am Arm eines Polizeibeamten gezerrt, um die Festnahme eines jungen Mannes zu verhindern. Vielmehr habe sie versucht, die „aggressive Situation zu beruhigen“. Die Richterin sprach von einer „beschwichtigende Geste, weil es zuvor ganz schön zur Sache gegangen“ sei.

Doch entlastende Fakten stören nur, Bild.de setzt lieber auf vollmundige Empörung:

Ein Skandal-Urteil! Denn Normalbürger ohne Vorstrafe müssen mit Haft bis zu zwei Jahren rechnen.

Und die Antwort auf die Frage „Schonzeit für eine Ex-RAF-Terroristin?“ hätte sich Bild.de selbst geben können. Sie lautet: Nein.

Es ist zwar richtig, dass die Höchststrafe für Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte bei zwei Jahren Gefängnis liegt. Dass unbescholtene Bürger wegen geringfügigen Widerstands jedoch zu solchen drakonischen Strafen verurteilt werden, ist jedoch ein Ammenmärchen.

So gibt der „Tagesspiegel“ ein wenig Perspektive:

Krawalle bei Demonstrationen, Attacken auf Polizisten, Autobrände – fast täglich laufen derzeit im Moabiter Kriminalgericht Prozesse gegen mutmaßliche Linksextremisten. Mai-Randalierer erhielten zum Teil deutliche Gefängnisstrafen. Zu jeweils drei Jahren und drei Monaten wegen versuchter Körperverletzung wurden zwei 19-Jährige verurteilt, die einen Brandsatz warfen. Dass auch der Wurf einer gefüllten Plastikflasche auf einen Polizisten zu einer harten Sanktion führen kann, erlebte am Mittwoch ein 29-Jähriger, der sich nach Ausschreitungen bei der gescheiterten Besetzung des Flughafens Tempelhof verantworten musste: Ein halbes Jahr Gefängnis erging gegen den vorbestraften Angeklagten.

Mit Dank an Johannes G. Und Torsten B.

So wird auch Ihr Ferrari noch edler!

Der Presserat hat also einen Leitfaden veröffentlicht, der anhand konkreter Beispiele anschaulich macht, was Schleichwerbung ist. Leider beschränkt er sich ausschließlich auf gedruckte Medien.

Doch die Leute von Bild.de waren so aufmerksam, in ihrem Angebot ein aktuelles Musterbeispiel für die unzulässige Vermischung von redaktionellen und werblichen Inhalten in Online nachzuliefern: eine 20-teilige Bildergalerie, die zunächst mit Fotos von „Starkickern und ihren Autos“ beginnt, um dann unvermittelt…

Aber sehen Sie selbst:





Mit Dank an Angus S.

Tokio Hotel essen in der Gerüchteküche

Am Montag fragte „Bild“ in großer Aufmachung:

Ist Tokio-Bill etwa magersüchtig?

Anlass waren „Fans in großer Sorge“, die „in Internet-Foren“ über das Gewicht des Tokio-Hotel-Sängers rätselten.

Als „Bild“ den Sänger mit den Gerüchten „konfrontierte“, erfuhr die Zeitung übrigens „Erschreckendes“:

„Manchmal ess ich den ganzen Tag über nichts und trinke nur Kaffee“, sagt Bill.

(Eine Antwort, die man mutmaßlich in jedem zweiten Büro, noch dazu in Redaktionen erhielte.)

Garniert war dieser sonst etwas dünne Artikel mit Fotos, die Bill Kaulitz „erschreckend dürr“ zeigten. (In der Online-Version des Artikels sind die Bilder übrigens „nicht mehr verfügbar“, was bei Bild.de aus Lizenzgründen zwar regelmäßig vorkommt, nach zwei Tagen aber doch etwas ungewöhnlich ist.)

Doch schon heute sieht die Welt – vielleicht – ein bisschen anders aus:

Nach Magersucht-Gerüchten gibt uns diese Foto Rätsel auf: Füttert hier Tokio-Tom seinen Bruder Bill?

Es ist ja schön, dass die Redakteure von Bild.de so offen zugeben, dass ihnen das Foto Rätsel aufgibt (und nicht „ganz Deutschland“, wie es sonst gerne heißt), aber wir lösen gerne:

Nein. Hier isst Bill Kaulitz (links im Bild) seine Tintenfischringe selbst. Gut zu erkennen an der Gabel, mit der er das Essen in Richtung des eigenen Mundes führt.

Mit Dank an Klaus B.

Von Aliens und anderen Kometen

Schon seit geraumer Zeit gönnt man sich bei Bild.de einen für ein, nun ja, Nachrichtenportal ungewöhnlichen Luxus: Die Sensationsberichte aus dem seit jeher beliebten Bereich „Ufos, Aliens, 2012 und Übersinnliches“ haben ein eigenes Online-Ressort erhalten: „Mystery“. Hier schreibt vornehmlich der einschlägig bekannte Attila Albert über alles, was ihm mysteriös genug erscheint — vom baldigen Weltuntergang über Vampirhunde bis hin zum knuffigen Alien-Baby. Das hat nicht nur den Vorteil, dass interessierte (und leichtgläubige) Leser durch die Bündelung von „Mystery“-Nachrichten in eine Parallelwelt des Übersinnlichen eintauchen können. Gleichzeitig gelingt es „Bild“, den wohl selbst in der eigenen Redaktion etwas verrufenen Verschwörungsschmuddelkram, vom seriösen — oder sagen wir besser: anders unseriösen — Teil der Inhalts-Produktion zu trennen.

Die Einteilung einer Nachrichtenseite in offensichtlichen und nicht offensichtlichen Unfug birgt aber auch Schwierigkeiten: Wann genau ist eine Nachricht blödsinnig genug, um ins Mystery-Ressort verbannt zu werden? Was passiert mit tatsächlichen Geschehnissen, in die man jedoch das Walten übersinnlicher Kräfte hineininterpretiert? Die Ergebnisse dieser ständigen Abwägungen sind bisweilen durchaus amüsant. So ist ein angeblicher Schädel auf dem Mars unter „News“ eingeordnet, während ein Alien-Fingerabdruck als „Mystery“ behandelt wird, und das obwohl noch im selben Artikel aufgelöst wurde, dass es sich bei dem „Fingerabdruck“ um ein mehrere tausend Quadratkilometer großes Gangsystem handelt.

Noch anschaulicher wird die ewige Frage nach Mystery oder Nicht-Mystery, wenn man die Berichterstattung zu einem Ereignis in der vergangenen Woche betrachtet.

Als am Dienstagabend vergangener Woche mehrere Menschen bei verschiedenen Behörden anriefen, weil sie eine Lichtkugel am Himmel sahen, konnte das bei Bild.de nur eine Konsequenz haben: UFO-Alarm! Damit lag das Ereignis klar im Aufgabenbereich von „Mystery“, wo auch der erste hysterische Artikel zum Thema erschien (mittlerweile deutlich entschärft, aber noch in der URL erkennbar):

ufo-alarm-norddeutschland/lichtkugel-erschreckt-menschen-alien-meteorit.html

Als sich irgendwann nicht mehr verleugnen ließ, dass die Erscheinung auf einen Meteoriten zurückzuführen war und die von „Bild“ ersehnte Alien-Invasion einmal mehr ausblieb, schob man drei weitere Artikel nach, die im Gegensatz zum ersten als „News“ gekennzeichnet waren.

Sollte wirklich eines Tages eine Alien-Invasion bevorstehen, würde dank „Bild“ bestimmt niemand mehr auch nur zum Himmel blicken. Schwierige Frage übrigens: Wären echte Aliens eigentlich noch „Mystery“ oder doch schon wieder „News“?

Bild.de, sid  etc.

Zieht den Bayern die Onlinehosen aus!

Das Medienmagazin „Meedia“ hat die Besucherzahlen der Homepages deutscher Profifußballclubs verglichen und daraus „die deutschen Fußballmeister des Internets“ ermittelt.

„Tolle Sache!“, scheint man sich bei Bild.de gedacht zu haben und hat die Geschichte gleich aufgegriffen.

Es gab nur ein Problem: In der „Meedia“-Statistik, die auf dem Google-Werkzeug „Ad Planner“ beruhen, fehlt der FC Bayern München. Dessen Homepage ist eine Unterseite von t-home.de, weshalb sich aus öffentlich einsehbaren Quellen keine eindeutigen Besucherzahlen („Unique Visitors“) ermitteln lassen.

„Meedia“-Autor Jens Schröder schrieb aber:

Dem Vernehmen nach dürften aber mindestens 30-40% der 1,60 Mio. Unique Visitors auf t-home.de wegen der FCB-Website zustande gekommen sein. Damit läge der FC Bayern an der Spitze der Clubs.

Also: Die Bayern werden offiziell nicht gewertet, wären aber Schätzungen zufolge deutlicher Spitzenreiter bei den Besucherzahlen.

Das war zu kompliziert für Bild.de, wo man deshalb in einer ersten Version die Bayern der Einfachheit halber zu Siegern erklärte und titelte:

Tabelle nach Homepage-Visits:
Bayern München ist Online-Meister vor Borussia Dortmund

Kurz darauf änderte Bild.de seine Meinung und den Artikel und titelte nun überraschend:

Die Internet-Tabelle der Bundesliga: Dortmund führt vor Bayern

Als Quelle angegeben war nun: „meedia.de und FC Bayern“. Es schien, als hätte Bild.de beim FC Bayern selbst nachgefragt — jedenfalls hantierte die Redaktion plötzlich mit der Zahl „260.000“ und erstellte daraufhin ein eigenes Ranking.

Nun könnte man sagen: „Immerhin hat Bild.de sich die Mühe gemacht und selbst noch ein wenig recherchiert. Warum sie das nicht vor der Veröffentlichung des Artikels in der ersten Form (mit Bayern als Spitzenreiter) getan haben weiß man nicht, aber immerhin …“

Doch selbst wenn man annähme, dass die 260.000 stimmten, wäre die folgende Behauptung immer noch Quatsch:

Und auch im Internet reicht es für Deutschlands Vorzeigeklub nur zur Vize-Meisterschaft

Das hat das Mediadaten-Portal meedia.de herausgefunden. Dort werden alle Homepages der Bundesliga-Klubs nach den regelmäßigen Nutzern („Unique Visitors“) aufgelistet — und da liegt der Rekordmeister hinter Borussia Dortmund.

— denn bei „Meedia“ hat der FC Bayern ja gar keinen Platz in der Auflistung.

Das wiederum war den Kollegen vom Sportinformationsdienst sid offenbar völlig entgangen, als sie folgende Meldung tickerten:

Dortmund hat die beliebteste Internet-Homepage
Dortmund (SID) In der Tabelle der beliebtesten Internet-Homepages ist Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund die Nummer eins. Das ist nach Informationen von bild.de das Ergebnis einer Untersuchung des Mediadaten-Portals media.de [sic!]. Aufgelistet wurden die Klubs nach der Anzahl der regelmäßigen Nutzer ihrer Internetseiten pro Monat. Hinter dem BVB (290.000 Nutzer im Monat September) liegt Bayern München (260.000) vor dem Hamburger SV und Schalke 04 (jeweils 240.000) sowie Werder Bremen (220.000).

„Nach Informationen von bild.de das Ergebnis einer Untersuchung des Mediadaten-Portals media.de“ — Toll, was? Anstatt einfach mal auf den Artikel bei „Meedia“ (mit zwei E) zu schauen, der sogar bei Bild.de direkt verlinkt ist, schreibt der sid, was Bild.de schreibt, was ein „Mediadaten-Portal“ (was auch immer das sein soll) schreibt. So funktioniert Journalismus im 21. Jahrhundert.

Auftritt „Welt Online“:

In der Tabelle der beliebtesten Internet-Homepages ist Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund die Nummer eins. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Mediadaten-Portals media.de. Aufgelistet wurden die Klubs nach der Anzahl der regelmäßigen Nutzer ihrer Internetseiten pro Monat. Hinter dem BVB (290.000 Nutzer im Monat September) liegt Bayern München (260.000) vor dem Hamburger SV und Schalke 04 (jeweils 240.000) sowie Werder Bremen (220.000).

Indem man „nach Informationen von bild.de“ aus der sid-Meldung rausgenommen hat, ist jetzt natürlich alles falsch, denn weder bei „Meedia“ und schon gar nicht bei media.de stehen die Bayern auf Platz zwei.

Kaum hatte sich die Meldung mit Dortmund als Nummer 1 halbwegs verbreitet, schmiss Bild.de irgendwann am Abend den kompletten Artikel erneut um und krampfte sich in Richtung der ersten Version zurück:

Tabelle der Bundesliga-Klubs nach Homepage-Visits: Bayern München vor Borussia Dortmund und dem HSV

(…) Nur zu Bayern München konnte die Medienseite keine genauen Angaben machen — die hat der Verein jetzt nachgeliefert. Das Ergebnis: Deutschlands Klub der Superlative liegt mit klarem Vorsprung an der Spitze, „Vize-Meister“ ist Borussia Dortmund vor dem HSV und Schalke.

Doch der Versuch der Eigen-Recherche ist gründlich in die Hose gegangen:

 1. Bayern München: 3,54 Millionen (www.bayern.t-home.de) * Zahlen von 09/09, Quelle: FC Bayern. Alle anderen Angaben von meedia.de

Wir erinnern uns: t-home.de hat insgesamt 1,6 Millionen Unique Visitors (verschiedene Besucher), da kann die Subdomain bayern.t-home.de schlecht mehr als doppelt so viele haben. Der FC Bayern hat Bild.de anscheinend die Zahl der visits (Besuche) genannt — eine ganz andere Messgröße, die sich mit den anderen nicht vergleichen lässt.

Und vermutlich für immer ein Geheimnis wird bleiben, wo die Zahl 260.000 herkame, die Bild.de vorher genannt und die der sid treudoof weiterverbreitet hatte.

Mit Dank auch an Manuel H.

Nachtrag, 17. Oktober, 00:17 Uhr: Anders als Bild.de schreibt (und wir leider auch), lautet die Adresse der Bayern-Seite übrigens www.fcbayern.t-home.de.

Von Dreckschweinen und Wiederholungstätern

Vor etwa zwei Monaten hatte das Bundeskriminalamt in einer bis dato einzigartigen Aktion in verschiedenen Medien nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wurde. Als sich der mutmaßliche Täter aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit nach einem Tag stellte, bat das BKA, die zur Fahndung veröffentlichten Fotos nicht weiter zu verwenden und aus dem Internet zu entfernen. Dieser Bitte kamen die deutschen Medien mit unterschiedlichem Eifer nach (BILDblog berichtete).

Heute nun hat die Staatsanwaltschaft Trier Anklage gegen den Tatverdächtigen erhoben — eine Nachricht, die Bild.de natürlich gerne aufgreift.

Zum Beispiel so:

Die jeweils amtierenden „schlimmsten Kinderschänder Deutschlands“ von „Bild“ und „BamS“:

„Schlimmster Kinderschänder frei!“
(Gestand Missbrauch von 150 Mädchen)
(16.11.1997)

„Der Ehrendoktor der Universität […] ist Deutschlands schlimmster Kinderschänder.“
(Vergewaltigte mehrere Mädchen auf den Philippinen.)
(12.12.1999)

„Das Rekord-Schwein: Deutschlands schlimmster Kinderschänder.“
(Missbrauchte seine Stieftochter in 3586 Fällen.)
(7.5.2004)

„Deutschlands schlimmster Kinderschänder sitzt im Knast und jammert!“
(Hatte eine 13-Jährige 36 Tage lang eingesperrt und 100 Mal vergewaltigt und missbraucht.)
(7.8.2007)

„Grinst hier Deutschlands schlimmster Kinderschänder?“
(Soll in 20 Jahren 28 Jungen und Mädchen missbraucht haben.)
(3.3.2008)

„Mittwochabend zeigte ‚Aktenzeichen XY“‚ (ZDF) die Bilder des schlimmsten Kinderschänder Deutschlands.“
(Der aktuelle Fall.)
(7.8.2009)

Anklage erhoben: Schlimmster Kinderschänder vor Gericht

(Wie genau Bild.de auf den Superlativ „Deutschlands schlimmster Kinderschänder“ kommt, ist nicht ganz klar — von der Staatsanwaltschaft Trier stammt er jedenfalls nicht.)

Im Artikel selbst werden munter alte und neue Bildergalerien verlinkt, in denen der Mann, den Bild.de konsequent als „Kinderschänder“ bezeichnet — ganz so, als sei er schon verurteilt worden –, immer gut zu erkennen ist. Ganz zu oberst: Ein Clip, in dem die Videosequenzen zu sehen sind, deren weitere Veröffentlichung das BKA sich ebenfalls verbeten hatte.

Video auf Bild.de

Aber selbst für den (eher unwahrscheinlichen) Fall, dass das BKA die Bild.de-Redakteure mit vorgehaltenen Waffen zur Löschung der ehemaligen Fahndungsfotos zwingt, hätte die Seite noch was in petto: zum Beispiel ein Foto, das die „Sex-Bestie“ bei einem Turnfest „mit seinen jungen Schützlingen“ zeigt. Die Kinder auf dem Bild sind anonymisiert, der Angeklagte natürlich nicht. Darunter steht der Hinweis „Foto: Alexander Blum“, was zumindest einige Mutmaßungen darüber zulässt, wie „Bild“ diesmal an das Foto gekommen sein könnte.

Aber all das ist wie gesagt nichts Neues für Bild.de. Auch die Bildunterschrift „Mit diesem Bild fahndete das BKA nach dem Dreckschwein“ („Dreckschwein“ ist in diesem Fall keine vom BKA verwendete Formulierung) gab es in ähnlicher Form schon in der gedruckten „Bild“. Es ist nur erstaunlich, mit welcher Vehemenz die Redaktion Bitten des Bundeskriminalamts und Missbilligungen des Deutschen Presserats ignorieren zu können meint.

Nachtrag, 14. Oktober: Und so behandelt die gedruckte „Bild“ heute das Thema (alle gelben Flächen von uns):

Deutschlands schlimmster Kinderschänder: Die Anklage

Bei der Quellenangabe der Fotos war „Bild“ übrigens besonders zynisch dreist genau: „Fotos: BKA“ steht dort.

Berge versetzen

Es ist offenbar gar nicht falsch, was Bild.de heute schreibt:

Der Winter kommt! Auf dem Fichtelberg (Sachsen) ist der erste Schnee gefallen. Auch auf dem Brocken (Sachsen-Anhalt) gab es die ersten Flocken.

Es ist aber schon falsch, wenn Bild.de aus diesen Informationen folgende Überschrift ableitet:

Skandinavische Kaltfront bringt den Winter: Erster Schnee im Fichtelgebirge

Das Fichtelgebirge befindet sich nämlich im Nordosten Bayerns — und damit etwa 80 Kilometer vom Fichtelberg (Sachsen) entfernt.

Um die Verwirrung einerseits zu erklären, andererseits zu vergrößern: Es gibt im Fichtelgebirge die Gemeinde Fichtelberg, die allerdings am Berg Ochsenkopf gelegen ist.

Mit Dank an Stefan H., Christian F., Ralph F., Andreas H. und Alex G.

Nachtrag, 13. Oktober: Seit heute Morgen ist die Überschrift etwas allgemeiner gehalten:

Skandinavische Kaltfront bringt Schnee: Wintereinbruch in Teilen Deutschlands

Und falls Sie auch gerne mal kotzen möchten…

Was macht eigentlich der Fußballer Lukas Podolski? So kurz vor dem vermutlich wichtigsten Nationalelf-Spiel des Jahres kann man dieser Frage schon mal nachgehen. „Bild“ kommt dabei zu einer ganz erstaunlichen Neuigkeit (die, so darf man vermuten, auch noch ziemlich exklusiv ist, woanders jedenfalls war dieser Scoop noch nicht zu lesen).

Unter dieser Überschrift wird die Neuigkeit behandelt, dass Podolski mit einem auffälligen Kleidungsstück in den Kreis der Mannschaft einrückte. Das Motiv auf seinem Pulli ist, Sie ahnen es, ein sich übergebender Clown. Und natürlich mag man als Leser dann auch wissen, woher man solch ein exklusives Stück bekommen kann. Bild.de hat da ganz den Servicegedanken verinnerlicht und beschreibt detailliert:

Aktuell heißt es also, dass Podolski sich das Shirt „gekauft“ habe. Das war nicht den ganzen Tag so — und es ist natürlich reine Spekulation, ob die frühere Version (nämlich, dass Poldi das gute Stück als Werbeträger geschenkt bekommen hat) der Wahrheit nicht näher kommt. Da hieß es nämlich bei Bild.de ebenso wie in der gedruckten „Bild“:

In jedem Fall ist die Preisangabe von „Bild“  ein wenig, nunja, euphemistisch. Tatsächlich bewegt sich, wie ein Blick in den verlinkten Shop zeigt (der gleich mit dem Foto von Poldi aufmacht), das Preisniveau schon eher in fußballprofigerechten Dimensionen: 398 Euro sind fällig, das gute Stück ist nämlich aus Kashmir. Und wer dann immer noch nicht restlos überzeugt ist von den Qualitäten des kotzenden Clowns, des Labels und der vertreibenden Firma, dem sagt es Poldi auch nochmal ganz persönlich mit gewohnt eindringlichen Worten:

„Ich finde den Laden cool.“

Ach, Sie vermissen was? Einen Vermerk wie „Anzeige“ oder ähnliches? Nicht lange suchen — Sie werden ihn nicht finden.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Lachen, nicht denken

Jedes Jahr das gleiche Schauspiel: Kurz bevor die echten Nobelpreisträger bekannt gegeben werden, versammelt sich im Sanders-Theater der Harvard-Universität ein buntes Forscher-Völkchen, um die Skurrilitäten des Wissenschaftsbetriebs mit dem Ig-Nobel-Preis zu feiern. Gewürdigt werden wissenschaftliche Arbeiten, die „zuerst zum Lachen und dann zum Denken“ anregen sollen.

Das mit dem Lachen scheint prima zu funktionieren: Kaum eine Redaktion lässt es sich entgehen, über die skurrilen Mischung aus BH und Gasmaske zu berichten, deren Schöpferin einen Ig-Nobel-Preis verliehen bekam. Mit dem Denken hapert es dann schon eher. So findet sich auf Bild.de diese Zusammenfassung einer Studie eines weiteren Preisträger-Teams:

Preis für Physik: Den Physikpreis verdienten ein US-Forscherteam. Katherine K. Whitcome (University of Cincinnati, USA), Daniel E. Lieberman (Harvard University, USA) und Liza J. Shapiro (University of Texas, USA) untersuchten, warum schwangere Frauen nicht umkippen. Sie fanden heraus, dass schwangere Frauen deshalb nicht vornüber fallen, weil sie einen Rückenwirbel mehr haben als Männer und deshalb biegsamer sind.

Das ist natürlich Unsinn. Schwangere Frauen haben so viele Wirbel wie nicht-schwangere, und die haben so viele Wirbel wie Männer. Der Lendenwirbel-Bereich ist bei Frauen lediglich etwas anders geformt, was die geehrten Forscher untersucht hatten. Ihre Ergebnisse waren schon kurz, nachdem sie im Jahr 2007 in der Zeitschrift Nature erschienen, auch in deutschen Medien korrekt wiedergegeben worden.

Wer aber den zusätzlichen Rückenwirbel lediglich den berüchtigten Englisch-Kenntnissen von Bild.de zuordnen will, irrt. Die selbe Behauptung findet sich auch im „Hamburger Abendblatt“, bei n-tv.de, in der „Netzeitung“ und sogar in der „Ärztezeitung“, die sie allesamt aus einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa von vergangener Woche übernommen haben.

Mit Dank an Maja I. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 7.10.2009, 12:18 Uhr: Das „Hamburger Abendblatt“, n-tv.de und die „Ärztezeitung“ haben die entsprechende Passagen inzwischen ohne weiteren Kommentar korrigiert oder ganz gestrichen.

Wir haben bei der dpa angefragt, wie es zu diesem Fehler kommen konnte. Das dpa-Büro in New York schiebt die Verantwortung auf eine fehlerhafte Pressemitteilung, kann auf Nachfrage aber keinen solchen Text vorlegen. Auch beim Veranstalter ist eine solche Pressemitteilung unbekannt.

Nachtrag 2, 18:06 Uhr : Inzwischen hat auch die „Netzeitung“ den Fehler entfernt.

Nachtrag 3, 20:30 Uhr: Die dpa hat ihre Quellen nochmals überprüft und festgestellt, dass der Fehler nicht aus einer Pressemitteilung stammt. Zusätzlich hat die Presseagentur auch eine Berichtigung ihrer Meldung veröffentlicht.

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