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Eigento

Seit die „Tagesthemen“ im Juni 2008 eine falsche Deutschlandfahne eingeblendet haben, hat „Bild“ die Nachrichten der ARD genau im Auge — vielleicht sogar noch ein bisschen genauer, seit der Axel Springer Verlag sauer auf „ARD aktuell“ ist.

Am Wochenende hatten die Beobachter von „Bild“ endlich mal wieder was entdeckt, was sie der „Tagesschau“ am Montag sofort aufs Brot schmieren konnten:

Verlierer: Wieder mal Erdkunde-Probleme bei der "Tagesschau"! Diesmal traf es das Emirat Katar am Golf. Dessen Hauptstadt Doha machte die ARD gestern früh zu "Dohar". Die peinliche Panne sprach sich auch in der Delegation von Außenminister Westerwelle herum, dessen Arabien-Reise der Beitrag betraf. BILD meint: Oha(r)!

Ja, was für peinliche Volltrottel da bei der ARD sitzen. Wo doch jeder Depp weiß, dass die Hauptstadt Katars Doha heißt.

Also: Von dem Menschen mal ab, der für „Sportbild“ – deren Internetauftritt seit November eine Unterseite von Bild.de ist – die Sport-Termine für den letzten Dezember zusammengestellt hat:

Reiten (bis 23.12.): Weltcup, Springen in Dohar (Katar)

Mit Dank an Thomas H.

Eiskalt abgeschrieben

Fiese Freibiermentalität gefährdet nach Ansicht der Axel Springer AG einfach „jedes qualitativ anspruchsvolle Angebot im Netz“. „Abendblatt“-Vizechefredakteur Matthias Iken sang seinen Lesern Mitte Dezember das Klagelied vom bösen Kostenlosjournalismus vor. „Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus“, beschimpfte er das Publikum (und gab diese Woche ein herrliches Beispiel, wie bezahlter Qualitätsjournalismus auf abendblatt.de aussehen kann).

Wie dramatisch muss man sich dann erst die Lage beim (noch) kostenlosen Bild.de vorstellen?

Bei der völlig übertriebenen Panikmache von „Bild“ vor einem angeblich drohenden Schneechaos am Wochenende darf online ein Rückblick auf die Schneekatastrophe zum Jahreswechsel 1978/1979 nicht fehlen. Wo könnte man recherchieren? In einem Geschichtsbuch? In historischen Artikeln aus dem Redaktionsarchiv? Bei Meteorologen oder Zeitzeugen?

Doch warum einen solchen Aufwand für den Artikel betreiben? Das Volk will nicht für Inhalte bezahlen, also will es auch keinen Qualitätsjournalismus. Und zum Glück kann man sich ja bei anderer Leute Freibier bedienen. Also schnell zu Wikipedia.

Artikel auf bild.de
Eintrag bei de.wikipedia.org
In meterhohen Schneeverwehungen bleiben Hunderte Fahrzeuge auf Landstraßen und Autobahnen liegen, Orte sind von der Außenwelt abgeschnitten. Auf Rügen ist ein Zug fast 48 Stunden von der Außenwelt abgeschnitten. Meterhohe Schneeverwehungen brachten den Straßen- und Eisenbahnverkehr zum Erliegen, viele Ortschaften und auch die ganze Insel Rügen, wo ein Eisenbahnzug mehr als 48 Stunden im Schnee steckte, waren von der Außenwelt abgeschnitten.
30 Zentimeter dicke Eispanzer legen sich um die Strom- und Telefonleitungen. Unter dem Gewicht brechen die Masten. Überall fallen die Strom- und Telefonnetze aus. Vielerorts fielen Strom und Telefonnetze aus, da sich bis zu 30 cm dicke Eispanzer um die Leitungen legten und die Strom- und Telefonmasten unter dem Gewicht barsten.
Bundeswehr und NVA sowie die Rote Armee in der DDR müssen mit Panzern den Gemeinden zu Hilfe kommen, deren Räumfahrzeuge die Schneemassen nicht mehr bewältigen können. Räumfahrzeuge der Gemeinden konnten die Schneemassen nicht mehr bewältigen, so dass die Bundeswehr, die NVA und die hier stationierte Rote Armee mit Panzern eingesetzt wurden, um zumindest liegen gebliebene Fahrzeuge und Züge zu erreichen.
Die Inseln an der deutschen Nordsee- und Ostseeküste sind nicht mehr erreichbar. Auf den Bauernhöfen gehen Kleinviehbestände zu Grunde. Örtliche Bäckereien fallen aus, es gibt kein frisches Brot mehr. Ebenso waren die Inseln nicht mehr erreichbar und komplett auf sich selbst gestellt. Kleinviehbestände gingen zu Grunde, der Ausfall örtlicher Bäckereien führte zu Brotmangel.
Die Telefone waren ausgefallen, Gemeinden, Hilfsorganisationen, Bundeswehr, Stromversorger und Bundespost arbeiteten auf unterschiedlichen Funkfrequenzen. Die Bundeswehr stationierte Funkpanzer als Relaisstationen im Katastrophengebiet. Eine Koordinierung der Hilfe war anfangs nicht möglich, da eine Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Hilfsorganisationen, Bundeswehr, Stromversorgern und Bundespost nie geplant worden war: es gab keine gemeinsamen Funkfrequenzen, auf denen man hätte kommunizieren können.
Funkamateure aus Schleswig-Holstein und Umgebung nahmen unmittelbar den Notfunkbetrieb auf. Funkamateure aus Schleswig-Holstein und Umgebung nahmen unmittelbar den Notfunkbetrieb auf und ermöglichten somit eine Koordination der Hilfskräfte untereinander
Auch die Fahrzeuge der Rettungsdienste konnten auf den zugeschneiten Straßen nicht mehr fahren, so dass auch hier die Bundeswehr ihre teilweise eingemotteten geländegängigen Krankenwagen kurzfristig reaktivieren und den zivilen Rettungsbetrieb nahezu komplett übernehmen musste. Auch die Fahrzeuge der Rettungsdienste konnten auf den zugeschneiten Straßen nicht mehr verkehren, so dass auch hier die Bundeswehr ihre teilweise eingemotteten geländegängigen Krankenwagen kurzfristig reaktivieren und den zivilen Rettungsbetrieb nahezu komplett übernehmen musste.

Mit Dank an Jens.

Nachtrag, 18.30 Uhr.

Auch abendblatt.de erinnert an die Schneekatastrophe zum Jahreswechsel 1978/1979 — in den Genuss der handverlesenen Premium-Information kommen allerdings nur zahlende Leser. 7,95 Euro pro Monat kostet der Übertritt vom kostenlosen Journalismus-Jammertal in den Hamburger Qualitätshimmel.

Wer hinter der Bezahlschranke ein exklusives Hintergrundstück zum Schneechaos erwartet wird jedoch enttäuscht — auch die „Abendblatt“-Redakteure haben sich einfach großräumig in der „Wikipedia“ bedient. Doch wenigstens geben die im Gegensatz zur hauseigenen Kostenlos-Konkurrenz offen zu, woher die Ware stammt, und nennen als Quelle „wikipedia“. Womöglich ist das der Qualitätsgewinn, den man als zahlender Kunde bei Springer bekommt.

Nachtrag, 21.30 Uhr.

Inzwischen hat die Redaktion von „abendblatt.de“ den Artikel über die Schneekatastrophe 1978/1979, der in wesentlichen Teilen auf einem Wikipedia-Eintrag basierte, kommentarlos aus dem kostenpflichtigen Bereich gelöscht. Die Redaktion von „Bild.de“ hat ihren Artikel währenddessen um einen Hinweis ergänzt („Ein Rückblick auf den Horror-Winter vor 30 Jahren, wie er in Wikipedia („Schneekatastrophe in Norddeutschland“) und in den Artikeln von damals nachzulesen ist“).

Dreckschweine muss man zeigen dürfen

„Bild“ hat ein eklatantes Problem zu akzeptieren, dass auch Menschen, die schlimme Verbrechen begangen haben, Menschen bleiben und die Menschenrechte somit auch weiterhin für sie gelten.

Im August hatte das Bundeskriminalamt in verschiedenen Medien nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wurde. Aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit stellte sich der mutmaßliche Täter nach einem Tag und das BKA bat, die zur Fahndung veröffentlichten Fotos nicht weiter zu verwenden und aus dem Internet zu entfernen. „Bild“ ignorierte diese Bitte ebenso wie etliche als seriös geltende Medien (BILDblog berichtete).

Im Oktober nutzte „Bild“ die Anklageerhebung der Staatsanwaltschaft Trier als willkommenen Anlass, die Fotos erneut zu veröffentlichen und den mutmaßlichen Täter unter anderem als „Deutschlands schlimmsten Kinderschänder“, „Sex-Bestie“ und „Dreckschwein“ zu bezeichnen (BILDblog berichtete auch da).

Weil wir in der Berichterstattung von „Bild“ einen Verstoß gegen den Pressekodex sahen, haben wir uns beim Deutschen Presserat beschwert und waren damit nicht allein.

Ziffer 1 Pressekodex

Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.

Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.

In seiner Stellungnahme an den Presserat erklärte die Rechtsvertretung der Axel Springer AG, dass sie die Bezeichnungen „Sexbestie“, „Perverser“ oder „Dreckschwein“ für zulässig halte. (Über das besondere Verhältnis von „Bild“ zur Bezeichnung „Schwein“ hatten wir auch schon mal berichtet.) Ausschlaggebend seien hierfür die besonderen Umstände des Falls. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik habe das Bundeskriminalamt öffentlich nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen werde.

„Bild“ möchte den Mann also gerne als „Dreckschwein“ bezeichnen dürfen, weil öffentlich nach ihm gefahndet worden war, und erklärt weiterhin, dass es sich „nicht nur um Wertungen der Tat durch die Redaktion“ handele, sondern mit der Wortwahl „auch ausgedrückt werde, was der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung über den Mann denke“.

Der Beschwerdeausschuss sieht in der Bezeichnung „Dreckschwein“ hingegen eine Beleidigung, die die Menschenwürde verletze. Die Bezeichnung „Sex-Bestie“ hält der Ausschuss dagegen für vereinbar mit dem Pressekodex.

Auch bei der Veröffentlichung der Fotos beruft sich das Springer-Justitiariat auf das große öffentliche Interesse an dem Fall. Außerdem habe der Presserat schon öfter entschieden, dass bei einem vorliegenden Geständnis auch identifizierend über Tatverdächtige berichtet werden dürfe. Etwas unglücklich für diese Argumentationsführung ist freilich der Umstand, dass der Angeklagte bisher noch gar kein Geständnis abgelegt hat, was dann sogar dem Presserat auffiel.

Er hält die erneute Veröffentlichung der Fotos für unzulässig und verweist ausdrücklich darauf, dass das BKA die Aufnahmen offiziell zurückgezogen habe.

Wegen Verstoßes gegen Ziffer 8, Richtlinie 8.1 und Verletzung der Ziffer 1 des Pressekodex sprach der Beschwerdeausschuss eine „Missbilligung“ gegen „Bild“ und Bild.de aus. Es besteht keine Pflicht, eine solche „Missbilligung“ zu veröffentlichen, „als Ausdruck fairer Berichterstattung“ empfiehlt der Beschwerdeausschuss jedoch eine Veröffentlichung.

Es ist unwahrscheinlich, dass „Bild“ und Bild.de gewillt sind, faire Berichterstattung ausdrücken zu wollen. Die Bilder, die der Presserat beanstandete, sind immer noch online. Aber um deren Entfernung hatte ja schon das BKA vor Monaten vergeblich gebeten. Und im Gegensatz zum Presserat sind die Leute beim BKA sogar bewaffnet.

Brittany Murphy und das Schweinegrippenfoto

Immer wenn ein Star stirbt und die Todesursache nicht binnen fünf Minuten gekärt ist, fühlen sich die (Boulevard-)Medien aufgefordert zu spekulieren, was das Zeug hält. Beim Tod der amerikanischen Schauspielerin Brittany Murphy ist das nicht
anders. Das neueste Gerücht besagt, dass das Immunsystem der 32-Jährigen durch die Schweinegrippe geschwächt gewesen sei.

Bild.de beteiligt sich unter der Überschrift „Medien spekulieren, dass Brittany Murphy Schweinegrippe gehabt haben könnte“ an den Spekulationen und zeigt auf der Startseite ein Foto von Brittany Murphy, auf dem sie tatsächlich schwer angeschlagen wirkt:

Was die meisten Leser vermutlich nicht wissen und Bild.de ihnen nicht verrät: Es handelt sich um kein aktuelles Foto, sondern um eine acht Jahre alte Aufnahme aus dem 2001 gedrehten Film „Spun“. Darin spielt Murphy eine Drogenabhängige. Und deshalb sieht sie auf dem Bild so aus.

Märchenstunde

Es war einmal eine Berliner Boulevardzeitung, die hieß „B.Z.“ und war im ganzen Land dafür bekannt, dass sie mitunter seltsame Geschichten erzählte. An jenem Tage, als sich der Todestag von Wilhelm Grimm zum einhundertfünfzigsten Male jährte, begab es sich, dass die „B.Z.“ schrieb:

Rapunzel, Hänsel und Gretel oder Aschenputtel. Jedes Kind kennt sie, bekam Grimms Märchen vorgelesen, von Eltern, Oma und Opa.

Völlig unbekannt dagegen ist „Der gläserne Sarg“. Fast hätte es diese geheimnisvolle Erzählung nicht in die berühmte Grimmsche Märchensammlung geschafft. […]
B.Z. entdeckte jetzt in der Handschriftensammlung der Staatsbibliothek das erste von Wilhelm Grimm (1786-1859) angefertigte Transkript.

Was die vielen Leser der „B.Z.“ nicht wissen konnten: Die Zeitung benutzte eine eigene Sprache. Die meisten Worte klangen der unseren ganz ähnlich, aber sie hatten eine ganz andere Bedeutung. „bisher unbekannt“ hieß etwa so viel wie „in fast 160 Jahre alten Büchern enthalten“, „völlig unbekannt“ bedeutete ungefähr „seit vielen Jahren von Wissenschaftlern behandelt“ und „entdeckte“ sollte andeuten, dass man bei der „B.Z.“ bisher noch nie von dem „gläsernen Sarg“ gehört hatte. (Denn davon hörte man nur in Universitäten.)

Die „B.Z.“ lief nun durch die Lande und rief laut aus:

Märchenfund: Unbekanntes Grimm-Märchen aufgetaucht. In der Berliner Staatsbibliothek stieß die B.Z. auf ein bisher unbekanntes Märchen der Grimms.

Das hörte die große Schwester der „B.Z.“, die „Bild“ hieß. Sie wusste nicht, dass die „B.Z.“ in einer anderen Sprache sprach, die der unseren nur ähnlich war. Und weil „Bild“ eine noch lautere und schrillere Stimme hatte als ihre Schwester, rannte sie ins Internet und kreischte:

"Der gläserne Sarg": Verschollenes Märchen der Gebrüder Grimm aufgetaucht

Es ist eine kleine Sensation! In der Staatsbibliothek von Berlin wurde jetzt ein verschollenes Märchen der berühmten Gebrüder Grimm entdeckt, berichtet die „BZ“.

Weil „Bild“ aber nicht nur laut, sondern auch faul war, las sie das Märchen nicht selber (obwohl man es von überall aus lesen konnte), sondern erzählte nur weiter, was sie gehört hatte:

Laut „BZ“ soll das Märchen zwar nicht so spannend wie „Dornröschen“ oder „Rotkäppchen“ sein, aber immerhin schaffte es der Text 1837 in die 3. Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“.

Da klopfte ein Jüngling namens BILDblog an die Pforte der Berliner Staatsbibliothek und fragte, was es denn mit diesen Nachrichten auf sich habe. Dort saßen kluge Menschen über ihren Büchern und antworteten, sowohl das Märchen als auch das Transkript, von dem die „B.Z.“ gesprochen hatte, seien schon lange bekannt. Die Handschrift sei sogar schon in Ausstellungen gezeigt und in Katalogen abgebildet worden.

Da fragte BILDblog, was denn die ganze Aufregung solle, aber obwohl die Staatsbibliothek fast das gesamte Wissen der Welt in sich trug, wusste dort niemand eine Antwort auf diese Frage.

„B.Z.“ und „Bild“ aber rannten weiter aufgeregt durchs Land und riefen „Märchenfund!“ und „Sensation!“. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rufen sie noch heute.

Wegen ihrer Beiträge sei Rüdiger S., Frank B., Marcus K. und Alex gedankt!

Blöde aller Länder, vereinigt euch!

Wenn eine Boulevardzeitung bei einer Boulevardzeitung abschreibt, die ihre Informationen aus einer Boulevardzeitung entnimmt, kann dabei nur Grütze herauskommen — Grütze, die inzwischen einen Großteil der Journalismus-Ersatz-Portale im Internet ausmacht.

So schreibt der Online-Ausleger von „Bild“ unter Berufung auf den „Daily Mirror“ (und der wiederum unter Berufung auf ein Blog der spanischen „20 Minutos“) über den Sänger der rumänischen Popband Jukebox, der bei einem Auftritt im rumänische Fernsehen sein Mikrofon falsch herum gehalten hat.

„Wie blöd ist das denn?“, fragt Bild.de und findet den Auftritt „einfach nur mega-peinlich“.

Ja ja, die Rumänen. Nur: Der Sänger kann nach mehr als 1000 Live-Konzerten mit Mikrofonen umgehen und hat sich einfach einen Spaß erlaubt, wie er der rumänischen Presse (leider auf rumänisch) erklärt hat. Das übrigens nicht zum ersten Mal: Bereits einige Wochen vor seinem Auftritt in der Sendung „Stele sub lupa“ hielt er sich in einer Show des Fernsehsenders TVR1 das falsche Mikrofonende an den Mund.

Das „20 Minutos“-Blog hat inzwischen erkannt, dass seine Einschätzung des Auftritts vermutlich falsch war.

Und jetzt könnte man natürlich fragen: „Wie blöd ist Bild.de denn?“ und den Daily Mirror einfach nur mega-peinlich finden … aber lassen wir das.

Den Sänger jedenfalls freut es: Nachdem unter anderem MSN sowie die „Sun“ auf den Zug aufgesprungen sind, wurde sein Video schon über 700.000 Mal angeklickt.

Mit Dank an Andreas N.!

Deutschlands Nachrichtenmedium Nummer 1

Wenn es im „Bild“-Universum heißt, dass etwas zum 1. Mal oder „erstmals“ passiert, dann handelt der dazugehörige Artikel in der Regel von irgendetwas, das zum zweiten bis sechsmilliardensten Mal stattfindet.

Wenn „Bild“ also heute über Comeback-Gerüchte von Michael Schumacher fragt:

Dann lautet die Antwort natürlich: „Nein!“, egal ob Schumacher nochmal antritt oder nicht.

Giuseppe Farina, der erste Formel-1-Weltmeister überhaupt, gewann seinen Titel knapp zwei Monate vor seinem 44. Geburtstag im Herbst 1950, Jack Brabham gewann seinen dritten WM-Titel im Alter von 40 Jahren und Juan Manuel Fangio, bis zu Schumachers fünftem Titel Rekord-Weltmeister in der Formel 1, holte seinen ersten WM-Titel 1951 im Alter von 40 Jahren und 4 Monaten.

Aber gut, da haben die „Bild“-Leute nur drei Personen übersehen — deutlich weniger als im Artikel über die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Herta Müller:

Nach Günter Grass 1999 und der Österreicherin Elfriede Jelinek 2004 wurde damit der bedeutendste Literaturpreis der Welt zum dritten Mal an einen Autor aus dem deutschsprachigen Raum vergeben.

Dass „Bild“ den letzten deutschsprachigen Preisträger vor Grass unter den Teppich kehren will, ist verständlich: Hatte Heinrich Böll doch in seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ einigermaßen unverhohlen mit den Methoden der Zeitung abgerechnet und in seinen Vorbemerkungen geschrieben:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Aber selbst wenn man Böll wegließe, blieben noch semi-prominente Preisträger übrig wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann oder Theodor Mommsen, der 1902 mit dem zweiten Nobelpreis für Literatur überhaupt ausgezeichnet wurde. Beim Zusammenzählen kommt man leicht auf mehr als zehn deutschsprachige Preisträger.

Mit Dank an Matthias H. und und Ellen L.

Nachtrag, 15.20 Uhr: Bild.de hat sich bei den Nobelpreisträgern „korrigiert“:

Herta Müller ist Deutschlands 10. Literatur-Nobelpreisträger(in).

Ihre Vorgänger waren: Theodor Mommsen (1902), Rudolf Eucken (1908), Paul Heyse (1910), Gerhart Hauptmann (1912), Thomas Mann (1929), Hermann Hesse (1946), Nelly Sachs (1966), Heinrich Böll (1972) und Günter Grass (1999).

Bei Hermann Hesse hat Bild.de uns möglicherweise falsch verstanden: Der war zwar deutschsprachig und wurde auch in Deutschland geboren, gilt dem Nobel-Komitee aber als Schweizer. Auch Nelly Sachs wurde in Deutschland geboren, wird aber im offiziellen Preisträger-Archiv als Schwedin geführt.

Der Schumacher-Text ist noch unverändert.

2. Nachtrag, 16.20 Uhr: Puh, es waren gar nicht wir, die Bild.de verwirrt haben! Die Korrektur ist einfach eine Liste der deutschen Preisträger, die aus der Printausgabe übernommen wurde:

Herta Müller ist Deutschlands 10. Literatur-Nobelpreisträger(in). Ihre Vorgänger waren: Theodor Mommsen (1902), Rudolf Eucken (1908), Paul Heyse (1910), Gerhart Hauptmann (1912), Thomas Mann (1929), Hermann Hesse (1946), Nelly Sachs (1966), Heinrich Böll (1972) und Günter Grass (1999).

Mit Dank an Daniel W.

Kein Herz für tote Kinder

Auf der Startseite von Bild.de findet sich tagtäglich die Rubrik „Ein Herz für Kinder“. Vorbildlich: Schließlich wird in unserer fortschrittlichen Gesellschaft noch immer allzu oft auf den Rechten von Kindern und Jugendlichen herum getrampelt. Und damit man das nicht vergisst, trampelt Bild.de besonders oft auf den Rechten von Kindern und Jugendlichen herum. Schließlich sind auch schlechte Vorbilder Vorbilder.

Aktuelles Beispiel: Die Berichterstattung über die Identifizierung einer 16-Jährigen, deren Leiche Mitte Oktober in Niederzissen entdeckt wurde. Bild.de nutzt die Meldung der Polizei Koblenz über die Identifizierung der Toten, um das Bild der 16jährigen am Freitag prominent auf der Startseite zu platzieren.

News - Ein Herz Für Kinder - Leserreporter. Mordfall Niederzissen: Identität der nackten Mädchenleiche geklärt

Obwohl die Notwendigkeit der Veröffentlichung durch die zweifelsfreie Identifizierung der Toten nicht mehr gegeben ist, verwendet Bild.de das Bild – wie gewohnt – weiter.

Und das nicht nur einmal — auch am Samstag erscheint das Bild noch einmal ohne Anonymisierung oder Rücksichten auf Rechte von Verbrechensopfern und ihrer Angehörigen auf der Startseite von Bild.de:

News - Ein Herz Für Kinder - Leserreporter. Wieder 2 Todesfälle: Dieses Kind starb an Schweinegrippe -- Das Mädchen lacht, strahlt, springt auf dem Trampolin: Ein Foto voller Lebensfreude. Doch jetzt ist Nina (11, Name geändert) tot – Schweinegrippe! Nackte Tote identifiziert: Nicht mal ihre Mutter hatte sie vermisst! Vor 6 Wochen entdeckte ein Bauer eine nackte Mädchenleiche. Erst jetzt wurde sie identifiziert. Traurig: nicht mal ihre Mutter hatte sie vermisst!

Laut Pressekodex wägt die „Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab.“

Bei den Redakteuren von Bild.de ist die Abwägung eine andere: Genommen wird, was einfacher zu bekommen ist und am meisten Auflage bringt — egal wie entwürdigend und traumatisierend das Motiv auch sein mag. Im Fall des Kindes, das angeblich an der Schweinegrippe gestorben ist, greift die Redaktion zu einem Foto, das eindeutig in privatem Rahmen entstanden ist und wohl nie zur Veröffentlichung bestimmt war.

Zynisch formuliert: Wer nicht wochenlang als Leiche auf der Startseite von Bild.de erscheinen will, sollte ausreichend Privatfotos im Zugriffsbereich der Bild.de-Redakteure hinterlassen.

Ein Herz für Kinder? Aber nur, wenn es Auflage und Klicks bringt.

Nachtrag, 1. Dezember: Die Meldung über die erste Festnahme im Mordfall nimmt Bild.de zum Anlass, ein weiteres Bild des Leichnams des 16-jährigen Opfers prominent auf der Startseite zu platzieren – und verzichtet natürlich wieder auf eine Anonymisierung.

Autoerotischer Journalismus

Es ist ein außergewöhnlich detailreicher Artikel, den der Kölner „Express“ nebst eindrucksvollem Symbolbild vergangene Woche über ein Gerichtsurteil veröffentlichte:

Köln: Tödliche Selbstbefriedigung. Gericht: Versicherung muss nicht zahlen

Eine „große Versicherung“ musste eine „Lebensversicherungssumme in Höhe von knapp 300.000 €“ nicht auszahlen, weil sich ein „Kölner Familienvater (†55)“ und „Manager“, der „statt einer Hose“ „ein im Schritt freies Leder-Ketten-Arrangement“ trug, „an einem Sommertag“ „versehentlich am Ehebett erdrosselt“ hatte.

Sogar aus den Akten des Kölner Landgerichts werden pikante Details zitiert:

„Durch leichtes Herauf- und Herunterfahren der Rückenlehne drückte er sich dabei die Luft ab“, heißt es in den Akten.

Dieses Detailwissen ist insofern erstaunlich, als sich in der Pressestelle des Kölner Landgerichts niemand mehr an diesen Fall erinnern kann. „Das war lange vor unserer Zeit und ist mindestens fünf Jahre her“, erklärte man uns auf Anfrage.

Richter Jörg Baack, der im „Express“ mehrfach zitiert wird, datiert das Urteil etwa auf das Jahr 2003, weil er seit 2004 nicht mehr für Lebensversicherungen zuständig sei. An Details des Falles könne er sich aber auch nicht mehr erinnern, weil er in der Zwischenzeit „etwa drei- bis viertausend Fälle“ verhandelt habe.

Und wie kam der Fall dann jetzt in den „Express“? Baack habe vor kurzem in einer Runde mit Pressevertretern über den Richterberuf im Allgemeinen gesprochen, wie er uns auf Anfrage sagt. Um zu verdeutlichen, dass man als Richter auch in jungen Jahren schon mit außergewöhnlichen und dramatischen Fällen konfrontiert sein könne, habe er anekdotisch und allgemein einen Fall erwähnt, über den er selbst zu Beginn seiner Laufbahn zu befinden hatte: eben den einer Witwe, deren Ehemann bei einem „autoerotischen Unfall“ ums Leben gekommen sei.

Kurz darauf habe er dem „Express“ Altersangaben und Fakten entnehmen können, an die er sich selbst nicht mehr erinnern konnte, sagt Baack.

Im Übrigen sei das Urteil von der 23. Zivilkammer gesprochen worden und nicht von der 21., wie im „Express“ stehe, und der Begriff der Fahrlässigkeit sei für den Fall unerheblich gewesen. Der Finanzjournalist Andreas Kunze vermutet darüber hinaus in seinem Blog, dass es sich allenfalls um eine Unfalltod-Zusatzversicherung zu einer Lebensversicherung gehandelt haben könne, weil bei der Auszahlung von Lebensversicherungen irgendeine Form von „grober Fahrlässigkeit“ gar keine Rolle spiele.

Wir halten fest: Der „Express“ veröffentlicht einen Artikel über einen mindestens sechs Jahre alten Fall (ohne jede Zeitangabe) voller Details, an die sich niemand beim Gericht mehr erinnern kann, und vertut sich an entscheidender Stelle mit den juristischen Begrifflichkeiten.

Wer könnte so einen Fall einen Tag später aufgreifen, dem Richter weitere wörtliche Zitate in den Mund legen und ihm einen falschen Vornamen verpassen?

Lebensversicherung muss nicht zahlen: Tod bei bizarrem Selbstbefriedigungs-Spiel - Mann erdrosselt sich versehentlich im eigenen Ehebett

„Express“-Chefreporter Volker Roters erklärt, dass er nach wie vor zu seinem Text stehe, seine Informationen „aus seriöser Quelle im Bereich des Kölner Justizpalastes“ habe und die Akten beim Landgericht eingesehen habe. Dass das Urteil schon Jahre zurückliege, streitet er nicht ab — aber so ein Fall könne ja auch mit zeitlichem Abstand noch relevant sein.

Auf Werbegag aus der Hölle hereingefallen

Mal ehrlich: Inzwischen gibt es doch nix mehr, was man nicht auch irgendwie virtuell machen kann. Was spräche also dagegen, auch den Gottesdienst virtuell zu absolvieren? Und wäre es nicht nachgerade ein bestechender Gedanke, gäbe man in Zeiten sich allmählich leerender Kirchen einem Gottesdienst eine, sagen wir, etwas spielerische Komponente? So mit Gnadenpunkten, die man sammeln kann? Und mit Kirchenglocken, die man im Videospiel selber läutet? Virtueller Weihrauch, den man gemeinsam im Wohnzimmer ausbringen kann, ein paar Kruzifixe zum Schwingen, also im Prinzip: Wii Sports, nur sakral sozusagen.

Bei Bild.de hingegen findet man diesen Gedanken gar nicht so naheliegend: „Das kann nur ein Witz sein“, brummelt während dieses Videos hier eine Männerstimme, während sie erstaunt anhand der Orginalbilder aus dem Werbetrailer für den virtuellen Gottesdienst beschreibt, welche Features das Spiel so bietet. „Angeblich soll es 2010 auf den Markt kommen — Amen“, beendet der Bild.de-Sprecher seinen Text, vermutlich ohne zu ahnen, dass er mit dem ersten und dem letzten Satz seines Textes der Realität schon ziemlich nahegekommen ist.

Zu bekommen ist das (Sie ahnen es: vermeintliche) Spiel scheinbar auf einer Seite namens „Mass: We Pray“ (Messe: Wir beten). Hätten sich die Leute von Bild.de nicht einfach nur das Videomaterial des Trailers gezogen, sondern sich womöglich noch die Mühe gemacht, irgendeinen Link auf der Seite anzuklicken (schon um zu wissen, was das Spiel denn kosten soll — was man halt sonst so „Recherche“ nennt), sie wären auf eine ganz erstaunliche Weiterleitung gestoßen:

Denn tatsächlich verbirgt sich hinter dem angeblichen Sakralspiel ein profaner Teaser für ein Videospiel namens „Dante’s Inferno“, das 2010 erscheint — und selbst wenn man das Spiel nicht kennt, hätte man womöglich am Trailer erkennen können, dass dieses Spiel nur so mittelgut für den virtuellen Gottesdienst zuhause verwendbar ist. Es wirbt mit dem Slogan „Go to Hell“, der Spieler kämpft sich „durch die neun Zirkel der Hölle: Vorhölle, Wollust, Ketzerei, Habgier, Zorn, Völlerei, Gewalt, Betrug und Verrat“ — frei ab 18.

Mit Dank an Jan M. und Jochen K.!

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