Archiv für Mai 24th, 2019

Drei Verdächtige, zwei anonym, eine Vorlage für rechte Scharfmacher (2)

Der Lehrer, der an einer Schule im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld von drei Schülern vermutlich mit Hämmern erschlagen werden sollte, hat sich bei Facebook geäußert. Zur Erinnerung: Wir hatten über den Fall berichtet, weil „Bild“ und Bild.de merkwürdigerweise nur den Namen eines Tatverdächtigen („Serkan“) nannten und nicht die Namen der beiden anderen Verdächtigen, die laut zuständiger Staatsanwaltschaft „urdeutsch“ sein beziehungsweise nicht auf eine türkische oder muslimische Herkunft hindeuten sollen. Bereits vor drei Tagen schrieb also der Lehrer „sozusagen eine Art FAQ meines Zustandes“. Es ist ein längerer, lesenswerter Text.

Die „Bild“-Medien berichteten am Mittwoch über diesen Facebook-Post. Wer ein „Bild plus“-Abo hat, kann bei Bild.de nachlesen, was der Lehrer in dem Sozialen Netzwerk freizugänglich schreibt:

Screenshot Bild.de - Lehrer äußerst sich nach Mordkomplott an Dortmunder Gesamtschule - Ich habe keine Angst, zur Arbeit zu gehen

„Bild“-Reporter Andreas Wegener zitiert mehrere Aussagen des Lehrers. Zum Beispiel:

Zudem distanziert sich der Vertrauens-Lehrer von Rechten, die das Verbrechen für Hetze gegen Migranten nutzen. Seine Schule habe mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund sehr gute Erfahrungen gemacht.

Und:

Am meisten schockiert habe ihn die Tatbeteiligung eines 18-Jährigen: Er habe ihn in seinem Leben nie kennengelernt und sei „dennoch bereit gewesen, mich zu erschlagen“, schrieb W.

Abgesehen davon, dass die „Bild“-Medien durch ihre einseitige Namensnennung kräftig dazu beigetragen haben, dass die Instrumentalisierung überhaupt erst in dem Ausmaß stattfinden konnte, geht die Passage in dem Post des Lehrers noch um einen wichtigen Satz weiter:

Ich möchte nicht vom rechten Rand der Gesellschaft instrumentalisiert werden. Ich weiß, dass viele ehemaligen Schüler jetzt mitlesen und, wie leider ein großer Teil der Gesellschaft, bei dem veröffentlichten Namen des, zumindest meiner Ansicht nach, Haupttäters daran denken, dass wir an unserer Schule und in Dorstfeld ein Problem mit „Migranten“ haben. Es wird bereits in vielen Beiträgen gefordert, endlich die Namen der beiden anderen Beteiligten zu veröffentlichen. Der Gesellschaft wird unterstellt, dass dies nur deshalb nicht geschehe, um die Folgen der verhassten Integration, der unsere Schule sich verschrieben hat, nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Euch muss ich sagen: Ihr könntet falscher nicht liegen. Besonders erschrocken hat mich der Tatbeteiligte, der mich in seinem Leben nie kennen gelernt hat und der dennoch bereit gewesen war, mich zu erschlagen. Dieser Beteiligte und sein Vorname entsprechen nicht Euren Erwartungen.

Bei den „Bild“-Medien davon weiterhin kein Wort. Stattdessen bleibt Andreas Wegener dabei, nur den Namen eines Tatverdächtigen zu nennen:

Schüler Serkan (16) soll mit zwei Komplizen einen Lehrer (51) in einen Hinterhalt gelockt haben, um ihn mit einem Hammer zu erschlagen.

Mit Dank an Philipp S., Matthias H. und @jens0331 für die Hinweise!

CDU und „FAZ“ widersprechen Rezo mit falschen Fakten

In der Elf-PDF-Seiten-Antwort der CDU auf die Kritik des Youtubers Rezo findet man auch diesen Absatz:

Und dann noch eine grundsätzliche Bewertung der Messung von arm und reich in Deutschland: Die oft angeführte Armutsgefährdungsquote (nicht Armutsquote) ist irreführend. Sie ist kein Indikator für Armut, sondern drückt nur die unterschiedliche Einkommensverteilung aus. […] Diese Betrachtungsweise führt auch dazu, dass es auf einen Schlag mehr Armutsgefährdete in Deutschland gäbe, wenn z.B. Jeff Bezos nach Deutschland ziehen würde. Im Vergleich zu ihm und seinem Vermögen gäbe es dann nämlich einige mehr von Armut gefährdetet [sic] Personen (http://www.rwi-essen.de/unstatistik/40/).

So viel schon mal jetzt: Das mit der Auswirkung eines Zuzugs von Amazon-Chef Jeff Bezos auf die Armutsgefährdung ist Unsinn.

Die CDU verlinkt zum Beleg auf einen Text von Statistiker Walter Krämer aus dem Jahr 2015, der dort die damalige „Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes“ kritisiert. Krämer schreibt:

Dabei beruft sich der Paritätische Wohlfahrtsverband auf eine angebliche Armutsquote von 15,5 Prozent aller Bundesbürger, definiert als die Menschen, die pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben.

Und das ist genauso falsch wie die Aussage von Jasper von Altenbockum, der gestern bei FAZ.net Rezo unter anderem mit dieser Behauptung widersprach:

Was für Rezo zählt, ist der Eindruck, die Armen würden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Dass Armut eine Frage der Definition ist und vom Durchschnittseinkommen abhängt — kein Wort darüber.

Doch das ist nicht so: Armut und Armutsgefährdung hängen nicht „vom Durchschnittseinkommen“ ab. In seinem aktuellen Armutsbericht schreibt der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband zur eigenen Methodik (PDF, ab Seite 6):

Als einkommensarm wird in diesem Bericht jede Person gezählt, die mit ihrem Haushaltsnettoeinkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. (…) Beim mittleren Einkommen handelt es sich nicht um das geläufige Durchschnittseinkommen, das so ermittelt würde, dass man alle Haushaltseinkommen addiert und die Summe dann durch die Anzahl der Haushalte teilt (arithmetisches Mittel). Es wird stattdessen der sogenannte Median, der mittlere Wert, errechnet

Ganz ähnlich schreiben es auch die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder:

Die Armutsgefährdungsquote ist ein Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut und wird — entsprechend dem EU-Standard — definiert als der Anteil der Personen, deren Äquivalenzeinkommen weniger als 60 % des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung (in Privathaushalten) beträgt.

Der Median beziehungsweise das mittlere Einkommen ist also entscheidend.

Zum bedeutsamen Unterschied zwischen arithmetischem Mittel beziehungsweise Durchschnittseinkommen und Median beziehungsweise mittlerem Einkommen haben wir bereits vor zehn und vor sieben Jahren hier im BILDblog was geschrieben. Wir schreiben es aber gern noch mal.

Man erhält das mittlere Einkommen, indem man alle Bürgerinnen und Bürger sortiert nach Einkommen in einer Reihe aufstellt und diejenige Person, die dann genau in der Mitte steht, fragt, was er oder sie verdient. Der Unterschied zum durchschnittlichen Einkommen kann erheblich sein — und zwar genau dann, wenn etwa einzelne Milliardäre wie Jeff Bezos ins Spiel kommen wie im Beispiel der CDU.

Denken wir uns ins Konrad-Adenauer-Haus, in dem sich gerade elf CDU-Mitarbeiter befinden (Schema rechts). Zwei von ihnen verdienen 1000 Euro, fünf 2000 Euro, drei 3000 Euro — und einer hat sagenhafte 10.000 Euro im Monat. Ihr durchschnittliches Einkommen beträgt 2818 Euro (die Summe geteilt durch elf); das mittlere Einkommen ist das, das bei einer Aufreihung der elf Mitarbeiter der sechste hat (*): 2000 Euro. Als armutsgefährdet gelten alle, die weniger als 60 Prozent von 2000 Euro zur Verfügung haben, also: die beiden 1000-Euro-CDUler.

Nun stellen wir uns vor, dass zwei zusätzliche CDU-Mitarbeiter mit jeweils 10.000 Euro Einkommen das Konrad-Adenauer-Haus betreten. Das durchschnittliche Einkommen steigt deutlich. Das mittlere aber bleibt konstant: diesmal müssen wir bei 13 anwesenden Mitarbeitern in der Reihe von arm nach reich den siebten (*) fragen: Auch er hat 2000 Euro.

Läge die Grenze der Armutsgefährdung laut Definition bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens, wären nun auch die 2000-Euro-CDUler armutsgefährdet. Da sie sich aber nach dem mittleren Einkommen richtet, ändert sich — in diesem Beispiel — nichts.

Der Median ist deshalb eine so praktische statistische Größe, weil er gegen Ausreißer sehr robust ist. Oder anders gesagt: Ein Zuzug von Jeff Bezos hätte auf die Armutsgefährdung in Deutschland keinerlei Auswirkungen, auch wenn die CDU anderes behauptet.

  • Volker Quaschning hat sich den Teil „Die Klimakrise“ der CDU-Antwort auf Rezo genauer angeschaut. Sein Fazit: „In diesem Faktencheck wurden keine belastbaren Aussagen der CDU gefunden, welche die Inhalte in Bezug auf Klimaschutz des Videos von Rezo substanziell widerlegen.“

Mit Dank an thorsten und @Helkonie für die Hinweise!

Umfrage-Nullnummern, Video-„Irrtümer“ der CDU, Ausreisesperre

1. Jörg Schönenborn: „Viele Umfragen sind Nullnummern“
(dwdl.de, Alexander Krei)
WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn moderiert seit zwei Jahrzehnten die ARD-Wahlsendungen. „DWDL“ hat ihn unter anderem gefragt, was gelungene Fragen ausmacht, wie oft er schon den Touchscreen verwünscht hat und was seine bislang schwierigste Situation an einem Wahlabend war.

2. Ein Reporter des Tagesspiegel soll Kolleginnen bedrängt, gestalkt und sexuell belästigt haben
(buzzfeed.com, Pascale Mueller)
Mehrere Frauen und langjährige Mitarbeiter des „Tagesspiegel“ haben gegenüber „BuzzFeedNews“ von sexuellen Belästigungen und Übergriffen eines „Tagesspiegel“-Reporters berichtet. Der Mittfünfziger habe es vor allem auf junge Praktikantinnen, Volontärinnen und freie Journalistinnen abgesehen und seine Machtposition missbraucht, so der Vorwurf. Infolge der „Buzzfeed“-Recherchen hat der „Tagesspiegel“ den Mann zunächst freigestellt. Außerdem plane man, eine Ombudsstelle einzurichten.

3. Mehrheit vermeidet öffentliche Aussagen zu vermeintlichen Tabuthemen
(zeit.de)
Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach will herausgefunden haben, dass sich die Mehrheit der Menschen mit der eigenen Meinung zu vermeintlichen Tabuthemen in der Öffentlichkeit zurückhalte. Dies betreffe vor allem Themen wie Flüchtlingspolitik, Muslime und Islam.

4. „Die Gesellschaft soll mit Falschinformationen vergiftet werden“
(jetzt.de, Berit Dießelkämper)
Alex Urban leitet die Facebook-Gruppe „#ichbinhier“, in der mehr als 40.000 Mitglieder gegen rechte Hetze im Netz kämpfen, indem sie Hasskommentaren und Falschinformationen sachliche Antworten entgegenstellen. Im Gespräch mit „jetzt“ erklärt Urban, was ihn antreibt, wie Internet-Hetze funktioniert und was er sich von Online-Medien wünscht.

5. Ausreisesperre gegen Mesale Tolus Ehemann
(reporter-ohne-grenzen.de)
Suat Corlu ist der Ehemann der Journalistin Mesale Tolu, die in der Türkei wegen angeblicher Terrorvorwürfe mehr als sieben Monate im Frauengefängnis saß. Wie seine Ehefrau scheint er sehr mutig zu sein, denn er ist in die Türkei gereist, um dem Gerichtsverfahren gegen ihn und seine Frau beizuwohnen. Prompt wurde ihm am Flughafen der Pass abgenommen und eine Ausreisesperre gegen ihn verhängt. Christian Mihr, Geschäftsführer bei „Reporter ohne Grenzen“ kommentiert: „Mesale Tolu und ihre Familie wurden durch die lange Untersuchungshaft schon genug bestraft. Die türkischen Behörden müssen die Ausreisesperre gegen Suat Corlu aufheben, um ihm eine Rückkehr nach Deutschland zu seiner Familie zu ermöglichen“.

6. CDU bespielt Youtube-Kanal „irrtümlich“ mit Clips von ARD und ZDF
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Es ist schon etwas peinlich: Nach Hinweisen des Satirikers und „Partei“-Europakandidaten Nico Semsrott musste die CDU zahlreiche Talkshow-Clips von ARD und ZDF löschen, die sie in ihren Youtube-Kanal hochgeladen hatte.