Archiv für Mai 17th, 2019

Bringt Julian Reichelt die Familien der Eishockeynationalspieler in Gefahr?

Es ist ja kein Geheimnis, dass Julian Reichelt gern möchte, dass sein Gehalt als „Bild“-Oberchef ein Geheimnis bleibt. Die Nennung seines geschätzten Einkommens könne seine Familie in Gefahr bringen, so Reichelts Argument, als der Branchendienst „kress“ in der Sache mal recherchierte.

Mit den Familien anderer Menschen geht Julian Reichelt hingegen nicht so rücksichtsvoll um wie mit seiner eigenen. Heute erschien auf der Bild.de-Startseite diese Geschichte:

Screenshot Bild.de - Die Gehaltsliste unserer Eis-Helden - Wer Millionen verdient - Wer gar nichts bekommt

Die deutschen Eishockeynationalspieler sind bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei derzeit ziemlich erfolgreich, und ihre Angehörigen nach Reichelts Logik nun in Gefahr. Und zwar die Familien des gesamten Kaders, denn die Bild.de-Redaktion schätzt von allen Spielern das „Jahres-Netto-Gehalt“ — von Ausnahmetalent Leon Draisaitl, von den NHL-Profis Philipp Grubauer, Dominik Kahun und Korbinian Holzer, von Moritz Müller, Matthias Plachta, Yannic Seidenberg, Yasin Ehliz, Patrick Hager, Frank Mauer, Denis Reul, Markus Eisenschmid, Niklas Treutle, Leo Pföderl, Marcel Noebels, Frederik Tiffels, Mathias Niederberger, Gerrit Fauser, Jonas Müller, Marco Nowak, Stefan Loibl, Benedikt Schopper, Lean Bergmann, Moritz Seider und Marc Michaelis.

„Die Gehaltsliste unserer Eis-Helden“ befindet sich übrigens hinter der Paywall. Man muss also ein „Bild Plus“-Abo bezahlen, um sie sehen zu können. Oder anders gesagt: Julian Reichelt sichert sein Gehalt, das niemand publik machen soll, indem er das Gehalt anderer publik macht.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an HD Z. für den Hinweis!

Franz Josef Wagner findet diese stolzen, coolen „Mädchen“ ganz toll

Es gibt einen neuen Werbespot der Commerzbank mit dem deutschen Fußballfrauennationalteam. Knapp drei Wochen vor der Weltmeisterschaft in Frankreich rechnen die Spielerinnen darin auf starke, selbstironische Weise mit den blödesten Vorurteilen ihnen gegenüber ab. Und sagen unter anderem: „Wir brauchen keine Eier. Wir haben Pferdeschwänze.“

Das sorgt natürlich für Aufsehen — sogar bei „Bild“-Briefonkel Franz Josef Wagner, der gestern schrieb:

[D]as Tolle an Eurem TV-Spot ist, dass Ihr so unglaublich frei seid. Überhaupt nicht verbissen erzählt Ihr die Geschichte des Frauenfußballs. (…)

Dieser TV-Spot erzählt von den Vorurteilen. Frauen sind zum Kinderkriegen da, gehören in die Waschküche.

Genau. Ein weiteres Klischee, das in dem 90 Sekunden langen Werbeclip eingeblendet wird: Es handele sich ja nur um „#mädchenfußball“.

Screenshot des Commerzbank-Werbespots mit eingeblendeten klischeebeladenen Tweets zum Frauenfußball. Darunter auch ein Tweet mit mädchenfußball

Und als wollte Wagner noch einmal unter Beweis stellen, wie bitter nötig dieser Spot auch heute noch ist, überschreibt er seinen Brief an die Fußballerinnen nicht etwa mit „Liebe deutsche Fußballfrauen“ oder mit „Liebe Nationalelf“ oder mit „Liebe DFB-Frauen“, sondern mit:

Ausriss Bild-Zeitung - Post von Wagner - Liebe DFB-Pferdeschwanz-Mädchen

Und am Ende schreibt er:

Wir sehen wilde Mädchen. Coole Mädchen. Mädchen, die stolz darauf sind, Fußballerinnen zu sein.

Wild, cool, stolz. Aber keine Frauen, sondern nur „Mädchen“, die von einem Mann mal ein Lob bekommen.

Ganz anders sieht das aus, wenn Franz Josef Wagner den Fußballnationalspielern — also: den männlichen — schreibt. Wenn die bei der WM in Russland als Gruppenletzte ausscheiden, schreibt Wagner an die „Liebe Nationalelf“. Wenn die Spieler besonders jung sind, schreibt er an die „Liebe junge Nationalelf“. Schreibt er anderen Sportlern, etwa den Eishockeynationalspielern, steht über seinem Brief: „Liebe Eishockey-Männer“.

Schreibt er hingegen den deutschen Fußballerinnen, egal wie alt oder jung diese sein mögen, richtet er sich an die „Lieben WM-Mädels“.

Mit Dank an Olli für den Hinweis!

Poschardt und VW-Diess im Bett, #RapToo, Umarmungen für Wiglaf

1. Die Auflagen-Bilanz der größten 82 Regionalzeitungen: Tagesspiegel einziger Gewinner dank E-Paper
(meedia.de, Jens Schröder)
Der Auflagenschwund der deutschen Lokal- und Regionalzeitungsbranche hat sich auch im ersten Quartal 2019 fortgesetzt: 81 Verlierer und lediglich ein Gewinner, so lautet die aktuelle Bilanz. Besonders übel hat es die Boulevardblätter erwischt mit einem Minus von teilweise über 20 Prozent („Express“) im Vergleich zum Vorjahr. Jens Schröder führt alle Zahlen auf und kommentiert bemerkenswerte Entwicklungen.

2. Ein Schritt in Richtung #RapToo
(taz.de, Carolina Schwarz)
Die aktuellen Gewaltvorwürfe gegen einzelne Rapper könnten Auswirkungen auf die sonst eher unkritische Rap-Berichterstattung haben. Carolina Schwarz hat sich angeschaut, wie Musikblogs und andere Medien aus der Szene mit der Thematik umgehen.

3. Im Bett mit Herbert
(kontextwochenzeitung.de, René Martens)
Am 7. Mai überließ die „Welt“ ihr Blatt dem VW-Konzern. An diesem Tag fungierte Herbert Diess, der Vorstandsvorsitzende von VW höchst offiziell als Chefredakteur neben Ulf Poschardt. Man möchte weinen, findet René Martens: „Dass sich die „Welt“ mit Herbert Diess ins Bett gelegt hat, ist (…) nur konsequent — es ist aber auch Ausdruck einer generell problematischen Entwicklung im Journalismus. Die Grenzen zwischen klassisch redaktionellem Inhalt und Werbung verschwimmen vielerorts, etwa bei Beilagen zu Themen wie Gesundheit oder Reise, die dann als „Verlagsspezial“ oder „Verlags-Sonderveröffentlichung“ ausgewiesen werden.“

4. Die Lokalzeitung: „Das letzte Lagerfeuer in einer unüberschaubaren Welt“
(fachjournalist.de)
Marc Rath ist der Chefredakteur der „Landeszeitung für die Lüneburger Heide“ und ein überzeugter Anhänger des Lokaljournalismus. Im Interview mit dem „Fachjournalist“ erklärt er die Chancen und Herausforderungen in diesem Arbeitsumfeld. Es geht unter anderem um Glaubwürdigkeit und den digitalen Wandel.

5. Podcast-Pionier Matt Lieber: Deshalb ist das Podcast-Geschäft bald mehrere Milliarden wert
(omr.com, Martin Gardt)
Matt Lieber, Podcast-Pionier und Co-Gründer des Podcast-Labels Gimlet Media, hat sein Unternehmen für kolportierte 230 Millionen US-Dollar an Spotify verkauft. Im „OMR“-Podcast erzählt er von den Schwierigkeiten des Podcast-Markts, aber auch den enormen Wachstumschancen.

6. Ein Symbolbild und die Kritik daran
(deutschlandfunk.de, Christian Röther)
Christian Röther erzählt im „Deutschlandfunk“, was schiefgehen kann, wenn man bei der Bebilderung eines Beitrags nicht ganz genau aufpasst: Für einen Beitrag über Islamische Theologie suchte er ein passend verschlagwortetes Bild aus dem Fotoarchiv heraus und stellte es online. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte.

7. Wiglaf Droste: Grönemeyer kann nicht tanzen
(youtube.com, Wiglaf Droste)
Anlässlich des Todes des Satirikers und Schriftstellers Wiglaf Droste.

Lesenswerte und berührende Nachrufe gibt es von Friedrich Küppersbusch bei der „taz“, von Hans Zippert bei der „Welt“ und Arno Frank beim „Spiegel“.