Archiv für April, 2019

Falsche Dame

In Paris brennt gerade die berühmte Kathedrale Notre-Dame, und bei Bild.de fragen sie besorgt:

Screenshot Bild.de - Eine Luftaufnahme der weltberühmten Kathedrale. Sehen wir Notre-Dame so nie wieder?

Wir können die Bild.de-Mitarbeiter beruhigen: Diese Notre-Dame können sie in der vollen Pracht weiterhin bewundern. Sie steht schließlich in Chartres, gut 90 Kilometer entfernt von der Pariser Notre-Dame, die gerade brennt.

Mit Dank an Matthias S. für den Hinweis!

Bei Bild.de ruckt es acht Jahre zu spät nach rechts

Gestern fand in Finnland die Parlamentswahl statt. Mit Blick auf das vorläufige Endergebnis fasst Bild.de zusammen:

Screenshot Bild.de - Sozialdemokraten vorn, aber ... Rechtsruck bei Parlamentswahl in Finnland - Auszählungs-Krimi im hohen Norden - Ist das Ergebnis ein Omen für die Europawahl im Mai?

Dazu schreibt die Redaktion:

Finnland gilt als glücklichstes Land der Erde. Mit dem Ergebnis der Parlamentswahl dürften viele Europäer angesichts der bevorstehenden Europawahl aber nicht so glücklich sein.

Die rechtspopulistische Partei Die Finnen schafft es bei der Parlamentswahl weit nach vorne: Sie erhielt 17,5 Prozent der Stimmen und kommt nun auf 39 der 200 Sitze im Parlament.

Und:

Das Abschneiden der Finnen-Partei gilt als Omen für die Europawahl am 26. Mai: Die Finnen-Partei gehört neben der AfD und der italienischen Lega zu den Parteien, die im EU-Parlament eine neue Allianz der Rechtspopulisten bilden wollen.

Wir können uns nicht erklären, wie Bild.de darauf kommt, dass es gestern einen „Rechtsruck“ bei der Wahl in Finnland gegeben habe. Die rechtspopulistische PS („Basisfinnen“ oder „Die Finnen“) hat im Vergleich zur vorherigen Parlamentswahl 0,2 Prozentpunkte verloren: 2015 hatte sie noch 17,7 Prozent der Stimmen bekommen, 2011 sogar 19,1 Prozent. Damals gab es wirklich einen „Rechtsruck“: Die PS hatte vor acht Jahren einen Zugewinn von 15,0 Prozentpunkten. Das Wahlergebnis von gestern ist seitdem das schlechteste der Partei. Und damit ist es auch definitiv falsch, wenn der „Deutschlandfunk“ dazu schreibt:

Die Rechtspopulisten konnten die Zahl ihrer Sitze damit mehr als verdoppeln.

Tatsächlich hat die PS gestern, trotz des Minus von 0,2 Prozentpunkten, einen Parlamentssitz dazugewonnen und hat nun 39 Mandate.

Aber zurück zum angeblichen „Rechtsruck“ von Bild.de. Auch das Ergebnis der anderen größeren finnischen Partei aus dem rechten Spektrum, der konservativen Nationalen Sammlungspartei (KOK), spricht nicht dafür: Sie hat im Vergleich zur Wahl 2015 ebenfalls verloren, minus 1,2 Prozentpunkte. Der größte Verlierer von gestern ist die liberale Zentrumspartei (KESK) mit einem Minus von 7,3 Prozentpunkten. Weil KOK und KESK stärker verloren haben als die PS, ist diese nun zweitstärkste Partei im finnischen Parlament.

Stärkste Kraft ist die Sozialdemokratische Partei (SDP) mit 17,7 Prozent und 40 Parlamentssitzen. Sie hat gestern 1,2 Prozentpunkte und sechs Sitze gewonnen. Das Linksbündnis (VAS) hat 1,1 Prozentpunkte und vier Sitze gewonnen. Größter Gewinner von gestern ist der Grüne Bund (VIHR) mit einem Plus von 3,0 Prozentpunkten und fünf Parlamentssitzen. Wenn also gestern überhaupt irgendetwas in Finnland irgendwohin geruckt ist, dann nach links.

Mit Dank an Darius D. und Simon für die Hinweise!

Menschen als Schrott

Und der sensible Umgang der „Bild“-Redaktion beim Niedermachen geht heute weiter:

Ausriss Bild-Zeitung - Schalkes Schrotthaufen - Diese Schlaffis können als Erste gehen
Screenshot Bild.de - Schalkes Schrotthaufen - Diese Schlaffis können als Erste gehen

Zu dieser Geschichte schreibt Stefan Backs, früher selbst Journalist bei „Sport Bild“ und Sat.1 und heute Geschäftsführer der Fußballspielerberatung Siebert & Backs, in einem Facebook-Post:

Kritischer Journalismus ist ein Stützpfeiler unserer Gesellschaft. Ebenso unterschiedliche Meinungen, oder Diversität, wie es heute auch oft genannt wird. Ich persönlich empfinde Kritik, ist sie denn sachlich und zielorientiert formuliert, im Nachhinein meist als leistungsfördernd. Es gibt dabei Grenzen. Wenn Fußballer, Menschen, als Schrott tituliert werden, ist diese Grenze deutlich überschritten. Ausgerechnet die BILD, die noch letzte Woche rassistische Länderspiel-Fans zurecht an den Pranger stellte, leistet sich hier eine üble Entgleisung. Ich kann und muss Spieler als Journalist kritisieren. Obwohl auch dem schlechtesten von ihnen klar sein muß, daß die Leistung eines Leistungssportlers auch die Summe seines Umfeldes ist. Mit anderen Worten: Sogenannte „Streichlisten“ und Geschichten wie die obige sind ohnehin übler Populismus und ohne Hintergründe und Sachwissen hingeschrieben, um Stimmung zu machen. Um die eigenen Muskeln spielen zu lassen. Gedruckter Chauvinismus. Nichts wert. Wenn aber Menschen als Schrott bezeichnet und damit herabgewürdigt werden, sagt das mehr über den Schreiber als über das, was er transportieren möchte. Es ist mir im Übrigen ein Rätsel, daß Klubs und Spieler sich dies gefallen lassen.

Zu den Klienten der Agentur Siebert & Backs gehören auch zwei Profis des FC Schalke 04: die beiden Torhüter Ralf Fährmann und Alexander Nübel. Keiner der beiden gehört zu jenen Streichkandidaten der „Bild“-Medien, die „als Erste gehen“ können. Im Gegenteil: Nübel wird sogar positiv hervorgehoben:

„Außer Nübel könnt ihr alle gehen!“

Schalkes Fans stimmten nach dem Wie-ein-Absteiger-Auftritt in Nürnberg (1:1) lautstark über das taumelnde Team ab. (…)

Neben Nübel braucht Schalke vor allem einen Wunderheiler!

Mit Dank an Daniel M. für den Hinweis!

Assange-Anklage, Informationselite-Paywall, Satire bitte auch senden

1. Die Anklage gegen Assange ist eine Warnung an alle Journalisten
(sueddeutsche.de, Bastian Obermayer)
Was die US-Justiz gegen „WikiLeaks“-Gründer Julian Assange vorbringt, sei äußerst dünn, befindet Bastian Obermayer auf Süddeutsche.de. Große Teile der Anklage würden normale Recherchearbeit beschreiben: „Wenn solche Anklagen Schule machen, und wenn Journalisten — egal ob sie Australier sind wie Assange oder eben Deutsche — deswegen mit Verhaftung und Auslieferung in die USA rechnen müssen, dann leben wir tatsächlich in einer dunklen Zeit für den Enthüllungsjournalismus.“
Weitere Lesehinweise: Der ehemalige „WikiLeaks“-Mitarbeiter James Ball erklärt im Gespräch mit Jannis Brühl („SZ“), warum er Julian Assange für hochmütig hält — und man den Verhafteten dennoch unterstützen müsse: „Wir gingen die Depeschen durch, er ging Twitter durch“.

2. Die gesellschaftlichen Folgen von Paywalls: Sind wir auf dem Weg zur Informationselite?
(nzz.ch, Cosmin-Gabriel Ene)
Cosmin-Gabriel Ene kritisiert die Tendenz der Verlage, wichtige Online-Inhalte nur noch nach Abschluss eines kostspieligen und bindenden Abos herauszurücken. Die Verleger würden damit ihren Kunden die Möglichkeit vorenthalten, einzelne Texte oder Tagesausgaben zu geringen Preisen nach Bedarf zu kaufen, so Ene: „Dabei wäre in der Welt gedruckter Presseerzeugnisse niemand je auf die Idee gekommen, den Verkauf der Einzelausgabe zu unterbinden.“ Sein Kommentar in Richtung der Verlage: „Dass die Leser bei solch einer Missachtung ihrer Kundenbedürfnisse den Verlagen den Rücken kehren, sollte eigentlich kein Medienmanager übersehen. Egal, mit wie viel Selbstmitleid er vom Sündenfall der Kostenlos-Kultur im Netz lamentiert.“ Nicht ganz unwichtig ist dabei aber wohl auch der Hinweis, dass Ene ein Unternehmen gründete, das eine Paywall-Lösung zum Einzelartikelkauf anbietet.

3. Armin Wolf an ORF-Chef: „Scharfe Satire auch senden“
(derstandard.at)
Am Samstag fand in Österreich die Romy-Verleihung statt, ein Film- und Fernsehpreis, der in Erinnerung an die Schauspielerin Romy Schneider jährlich von der Tageszeitung „Kurier“ vergeben wird. ORF-Anchorman Armin Wolf hat sich dort nicht nur für seine vierte Romy bedankt, sondern auch den Senderverantwortlichen ins Gewissen geredet. Dabei ging es unter anderem um eine Satiresendung, in die der Sender eingegriffen hatte. (Weitere Informationen dazu: Satire wird zum Drahtseilakt: „Vom Neonazi zum Sportminister — eine typisch österreichische Karriere“: Warum der ORF ein Stück über Vizekanzler Strache aus dem Programm nahm (sueddeutsche.de, Peter Münch).)
Weiterer Lesehinweis: Wolfs vollständige Dankesrede gibt es bei ihm im Blog.

4. Richtig & Wichtig (S01E01): Überwachungsstaat
(youtube.com, Tilo Jung)
Nachdem das ZDF mit den beiden Machern des Aufwachen-Podcasts Tilo Jung und Stefan Schulz zwei Sendungen ihrer politischen Late Night Show „Richtig und Wichtig“ aufgezeichnet hatte, verschwanden die Bänder über ein Jahr in irgendeinem düsteren Keller der Anstalt. Nun hat ZDF Neo den Piloten ausgestrahlt — an einem Sonntagmorgen um 4:55 Uhr … Wer so früh noch nicht wach war: Bei Youtube kann man sich die Sendung anschauen.

5. Google und Facebook haben Probleme mit der Transparenz
(tagesspiegel.de, Nico Schmidt)
Gemäß einer Recherche des europäischen Journalisten-Netzwerks „Investigate Europe“ kommt der Kampf gegen Fake News zur Europawahl nur schleppend voran. Und immer noch gibt es keine Verpflichtung der großen Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter, ihren Nutzern anzuzeigen, wer für welche politischen Werbeanzeigen gezahlt hat.
Weiterer Lesehinweis: Rechtsextreme Hetze: Youtube sperrt Kanal des „Volkslehrers“ (tagesspiegel.de, Alexander Fröhlich).

6. Warum die Brexit-Verschiebung uns alle freuen sollte
(dwdl.de, Hans Hoff)
„DWDL“-Kolumnist Hans Hoff freut sich, dass der Brexit verschoben ist. Er hatte bereits arbeitslose Phoenix-Journalisten und Langeweile bei Twitter und Facebook befürchtet. Doch jetzt könne es, Gott sei Dank, weitergehen mit der großen Brexit-Show.

7. Liebe Medien, wenn Ihr schon Straßenumfragen zu „Enteignungen“ macht…
(twitter.com, Lorenz Meyer)
Der „6 vor 9“-Kurator auf Twitter: „Liebe Medien, wenn Ihr schon Straßenumfragen zu „Enteignungen“ macht, erklärt den Leuten, dass es sich nicht um „Raub“ handelt. Der Staat muss im Gegenzug nämlich eine Entschädigung zahlen und die muss „angemessen“ sein. Es ist also eine Art verordneter Kauf.“

Sehen alle gleich aus (18)

Sowas muss man sich mal vorstellen:

Screenshot Bild.de - Publikum dachte, es gehört zur Show - Comedian macht Witz über seinen Tod und stirbt

Er setzte sich mitten in seiner Show schwer atmend auf einen Hocker und verstummte. Fünf Minuten lang lachten die Zuschauer weiter. Sie dachten, die lange, bewegungslose Pause gehörte zum Programm …

Der britische Komiker Ian Cognito (60) ist live auf der Bühne eine Comedy Klubs in Bicester (nordwestlich von London) gestorben.

Die BBC zitierte den Chef des Comedy-Klubs, Andrew Bird, mit den Worten: „Ian hatte sich nicht wohl gefühlt. Aber er bestand darauf, seinen Auftritt durchzuziehen.“ Bird sagte, der Komiker hätte kurz vor seinem Tod noch einen Witz über seine Gesundheit gemacht: „Er sagte zu den Zuschauern: ‚Stellt Euch mal vor, ich sterbe hier vor euren Augen.'“

Und dann muss man sich mal vorstellen, die Bild.de-Redaktion bekäme es hin, die richtige Person zu dieser Geschichte auf der Startseite und im Artikel zu zeigen. Denn der Mann da oben im Foto ist nicht der verstorbene Komiker Ian Cognito, sondern der Komiker Rufus Hound. Der hat bei Twitter zwar sein Bedauern über den Tod seines Kollegen Ian Cognito geäußert („We have lost one of the greats. Shit.“), war dabei aber sehr lebendig.

Mit Dank an @krottmann und @KueddeR für die Hinweise!

Nachtrag, 19:38 Uhr: Auch die Onlineredaktion der „Gala“ verwendet das Foto, das den lebenden Rufus Hound zeigt (im Gegensatz zu Bild.de schwarz-weiß eingefärbt — es geht schließlich um einen vermeintlich Verstorbenen), und schreibt darunter:

Ian Cognito (†)

Mit Dank an @MTM35276486 für den Hinweis!

Nachtrag, 19:55 Uhr: Bild.de hat auf unsere Kritik reagiert und das Foto im Artikel ausgetauscht. Am Ende des Beitrags steht nun:

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise ein Foto von Ian Cognitos Comedy-Kollegen Rufus Hound verwendet. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

Nachtrag, 16. April: Bei Gala.de ist der Artikel inzwischen komplett und ohne irgendeine Erklärung verschwunden.

Bild.de schickt Julian Assange in den falschen Knast

Bringt eine Redaktion einen ganzen Artikel darüber, dass jemand nun in einem bestimmten Gefängnis sitzt, dem „Horror-Knast“, sollte zumindest eine Information stimmen: das Gefängnis, in dem die Person sitzt. Das bekommen sie bei Bild.de leider nicht hin:

Screenshot Bild.de - Assange sitzt jetzt im Horror-Knast - Sorge um Gesundheitszustand - Dramatischer Appell der Mutter

Die Redaktion schreibt zum derzeitigen Aufenthaltsort von „WikiLeaks“-Gründer Julian Assange:

Jetzt sitzt Assange in Haft — im berüchtigten Wandsworth-Knast im Süden Londons. Er gilt als „das überfüllteste Gefängnis Englands“. Die offenbar angekratzte Psyche des Wikileaks-Gründers dürfte im Horror-Knast weiter leiden. In den letzten Jahren haben sich hier gleich mehrere Menschen das Leben genommen.

Und in einer Zeile unter einem Foto, das das „HM Prison Wandsworth“ zeigt, heißt es:

Knapp 1600 Häftlinge sitzen im Wandsworth-Gefängnis im Süden Londons. Dem bekannten britischen Posträuber Ronald Biggs gelang 1965 aus dem Gefängnis die Flucht

Julian Assange ist allerdings keiner dieser „knapp 1600 Häftlinge“. Er sitzt nicht im Prison Wandsworth, sondern im Prison Belmarsh. Das erzählte der „WikiLeaks“-Chefredakteur Kristinn Hrafnsson, der Assange dort besuchte, der Agentur AP:

„Es gibt dort medizinische Einrichtungen, Zugang zu Zahnbehandlung, würde ich annehmen, und einen Garten, in den man raus gehen kann“, sagte Hrafnsson.

Während Wandsworth ein Gefängnis der Kategorie B ist, zählt Belmarsh zur Kategorie A — und ist damit ein High Security Prison.

Dass Assange nicht in Wandsworth sitzt, sondern in Belmarsh, hätten auch die „Bild“-Leute problemlos recherchieren können: Diese Information stand schon seit mehreren Stunden im Internet, als der fehlerhafte Text bei Bild.de online gegangen ist.

Tatsächlich saß Julian Assange mal im Gefängnis Wandsworth. Das ist allerdings über acht Jahre her.

Mit Dank an Kai B. für den Hinweis!

Nachtrag, 15:12 Uhr: Bild.de hat die Überschrift inzwischen geändert. Dort steht nun: „Emotionaler Appell von Assanges Mutter“. Und im Text:

Jetzt sitzt Assange in Haft — im Gefängnis von Belmarsh im Osten Londons.* Zuvor hatten britische Medien berichtet, der Australier befinde sich im rund 24 Kilometer entfernten Wandsworth-Gefängnis, wo er bereits 2010 neun Tage wegen der Ermittlungen zu einer mutmaßlichen Vergewaltigung in Schweden in Gewahrsam war.

Das Sternchen verweist auf einen transparenten Hinweis, der nun am Ende des Artikels zu finden ist:

* In einer vorherigen Version dieses Artikels hieß es, dass Assange im Gefängnis in Wandsworth sitze. Dies ist nicht korrekt und wurde inzwischen berichtigt. Wir bitten darum, diesen Fehler zu entschuldigen.

Ente auf Fernsehturm gesichtet

Was die „Bild“-Redaktion schon wieder alles erfahren hat:

Wie BILD aus Insiderkreisen erfuhr, soll der „Telemichel“ (279 Meter, eingeweiht 1968) künftig fest in hanseatischer Hand sein.

Der neue Betreiber: die Supermarkt-Kette EDEKA mit Sitz in der City Nord!

Klingt erst mal komisch, ergibt aber Sinn: Um den langfristigen Betrieb zu sichern, hat die Stadt vor allem einen finanzstarken Partner gesucht – und ihn nun offenbar in dem Lebensmittel-Riesen gefunden. (…)

Inzwischen sollen die Verhandlungen mit Edeka nach BILD-Informationen kurz vor dem Abschluss stehen. (…)

Eine Einigung wird in Kürze erwartet.

Oder in Schlagzeilen gegossen:

Ausriss Bild-Zeitung - Verhandlungen kurz vor dem Abschluss - Edeka übernimmt den Fernsehturm
Screenshot Bild.de - Betreiber gefunden - Edeka übernimmt den Fernsehturm

Wären da nur nicht die Spielverderber von Edeka:

Das ist eine Ente

… sagte ein Sprecher des Unternehmens dem NDR. Edeka sei wegen unzumutbarer vertraglicher Bedingungen bereits vor einigen Wochen aus den Verhandlungen ausgestiegen.

Mit Dank an Wolfgang T. für den Hinweis!

Pressefreiheit für Assange, Leon Lovelock, Warner stoppt Trump-Video

1. Pressefreiheit gilt auch für Assange
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Gestern hat Ecuador dem „WikiLeaks“-Gründer Julian Assange den Asylstatus aberkannt, woraufhin er von der britischen Polizei verhaftet wurde. Markus Reuter kommentiert: „Man kann Assange wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe gegen Frauen ein Arschloch nennen. Man kann Julian Assange für einen politisch Irrlichternden halten, der im US-Präsidentschaftswahlkampf zu Gunsten von Trump agierte. Man kann ihn für einen rücksichtlosen Egomanen halten, dem andere egal waren. Man muss Assange dafür kritisieren, dass Wikileaks Informationen oftmals unredigiert veröffentlichte und damit Menschen in Gefahr brachte. All das ist richtig. Was man allerdings nicht kann, ist ihn für seine offensichtlich relevanten Leaks sowie die Etablierung einer neuen digitalen Veröffentlichungskultur zu verurteilen. Hier hat sich Julian Assange verdient gemacht.“
Weiterer Lesehinweis: „Reporter ohne Grenzen“ fordert: Assange nicht an die USA ausliefern.

2. Das ist das Weltpresse-Foto des Jahres 2019
(faz.net)
Das Foto des weinenden Flüchtlingskindes an der texanischen Grenze zu Mexiko ist zum Weltpresse-Foto des Jahres 2019 gewählt worden. „Das Bild zeigt eine andere, psychologische Art der Gewalt“, so Jury-Mitglied Alice Martins.

3. Flut von Fake News
(faktenfinder.tagesschau.de, Silke Diettrich)
Im Zeitraum vom 11. April bis zum 19. Mai wird in Indien ein neues Parlament gewählt. Für die größte Demokratie der Welt mit den mehr als 900 Millionen Wahlberechtigten eine gewaltige logistische Herausforderung. Außerdem könnten Fake News die Wahlen beeinflussen: In den sozialen Medien würden unzählige Falschmeldungen, Gerüchte und gefälschte Fotos kursieren.

4. Der YouTuber Leon Lovelock verbreitet gefährliche Verschwörungstheorien
(vice.com, Johann Voigt)
Der Fitness-YouTuber Leon Lovelock interviewt seit Kurzem verschiedene deutsche Rapper, von denen einige ohne weitere Einordnung ihre kruden Verschwörungstheorien verbreiten können. Johann Voigt schreibt dazu: „Es wirkt so, als wäre Leon Lovelock mit der guten Absicht YouTuber geworden, Leute dazu zu bringen, besser mit sich selbst umzugehen. Doch er hat sich in der Idee verrannt, dass man als Mensch in irgendeiner Form fremdgesteuert wird. Mit diesem Mindset bietet er zusammen mit Kollegah, Pa Sports oder Kianush, die in ihren Ansichten um einiges radikaler sind als er, einen Nährboden für Verschwörungstheorien. Nicht in den dunklen Ecken des Internets, sondern im YouTube-Mainstream.“

5. Wie Roger Schawinski und die „Welt“ eine Sex-Arbeiterin bloßstellen
(uebermedien.de, Juliane Wiedemeier)
Juliane Wiedemeier erzählt, was es mit dem Konflikt zwischen der Luxus-Prostituierten und studierten Philosophin Salomé Balthus und dem Schweizer Talkmaster Roger Schawinski, ihrem anschließenden Rauswurf bei der „Welt“ und der Tätigkeit des „Welt“-Kolumnisten Don Alphonso als „ungebetener Job-Vermittler“ auf sich hat.

6. Warner stoppt Trumps Wahlwerbung
(wuv.de, Susanne Herrmann)
Donald Trump hat auf Twitter ein Wahlkampfvideo verbreitet, das mit Batman-Filmmusik unterlegt war („The Dark Knight Rises“). Das fand das amerikanische Filmstudio Warner Bros. weniger witzig und ließ das Video bei Twitter sperren.

Bild.de hat kein Problem mit Kreml-Quelle

„WikiLeaks“-Gründer Julian Assange wurde heute in der ecuadorianischen Botschaft in London verhaftet, nachdem Ecuador sein Asyl aufgehoben und ihm die Staatsbürgerschaft entzogen hatte. Auch Bild.de berichtet:

Screenshot Bild.de - Festnahme in London! Hier trägt die Polizei Assange aus der Botschaft

„MIT VIDEO“. Und die Quelle dieses Videos ist recht interessant. Bei Bild.de gibt es keine Angaben dazu, woher die Aufnahmen stammen, die die Redaktion zeigt:

Screenshot Bild.de - Quelle: - es folgt nichts

Aber im Video gibt es einen optischen Hinweis darauf. Diese kleine halbtransparente graue Ecke …

Screenshot Bild.de - Standbild aus dem Assange-Video mit einem Pfeil auf die graue Ecke

… ist das Überbleibsel des nicht komplett rausgeschnittenen Wasserzeichens von „Ruptly“:

Screenshot von Youtube - Standbild aus dem Assange-Video von Ruptly

Die Nachrichtenagentur hatte das Video von Assanges Abtransport exklusiv veröffentlicht, versehen mit dem Hinweis:

MANDATORY ON-SCREEN CREDIT THROUGHOUT: RUPTLY; ONLINE MEDIA MUST CREDIT RUPTLY

*** This file is on request. Please reach out to (…) for access or licensing information ***

Nun ist „Ruptly“ nicht irgendeine Nachrichtenagentur. Sie gehört zum Netzwerk des russischen Propagandasenders RT, den die „Bild“-Redaktion wie kaum etwas anderes hasst. Wenn es dort aber ein interessantes Video gibt, bedient sich Bild.de gern, schneidet das Material so zurecht, dass man das Wasserzeichen (fast) nicht mehr sieht, packt das eigene Logo auf die Aufnahmen und schaltet Werbung davor.

Im Januar berichtete „Bild“-Redakteur Julian Röpcke empört, dass das ZDF bei einer Live-Übertragung einer Veranstaltung mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf die technischen Dienste von „Ruptly“ zurückgriff:

Screenshot Bild.de - TV-Gebühren für Russland-Propaganda - ZDF hat kein Problem mit Kreml-Partner

Bild.de bei entsprechenden Videoaufnahmen anscheinend auch nicht.

Mit Dank an @Benno_Leitner für den Hinweis!

Julian Reichelts Auflagen-Märchen

Was Print angeht, ist unser Ziel, das bei Kaufzeitungen marktübliche prozentual zweistellige Auflagenminus auf das zu beschränken, was strukturell bedingt ist. Das bedeutet für uns als Redaktion, um jenen Anteil am Rückgang zu kämpfen, der nicht markt-, sondern journalistisch bedingt ist. Das scheint uns zu gelingen, denn Bild hat rund drei Prozentpunkte weniger an Auflage verloren als der Verlag prognostiziert hat und ist dazu hochprofitabel.

… sagte „Bild“-Chef Julian Reichelt neulich im Interview mit „Horizont“. Wir haben uns mal genauer angeschaut, was an dieser Aussage dran ist: Gelingt es „Bild“ wirklich, den Rückgang der Auflage auf den „strukturell bedingten“ Anteil zu beschränken?

So sieht die Auflagenentwicklung von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ aus:

Aber wie gering oder stark verlieren „Bild“ und „BamS“ im Vergleich zur Konkurrenz?

Erstmal wäre die Frage, welchen Markt Julian Reichelt genau meint. Er könnte den Boulevardmarkt meinen. Dort nimmt „Bild“ als einzige überregionale Tageszeitung eine Sonderstellung ein. Alle andere deutschen Boulevardblätter erscheinen nur regional: die „Mopo“ in Hamburg, die „B.Z.“ und der „Berliner Kurier“ in Berlin, der „Express“ in Köln, die „tz“ und die „Abendzeitung“ in München und die „Morgenpost“ in Sachsen.

Dies ist die relative Auflagenentwicklung der deutschen Boulevardzeitungen seit 1998 (soweit reicht das Archiv der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) zurück):


(zum Knick bei der „Abendzeitung“ siehe hier)

Bei allen Blättern geht es dramatisch runter, nur die „tz“ kann sich noch einigermaßen halten. „Bild“ (-67,6 Prozent) verliert, nach „Abendzeitung“ (-73,5), „Express“ (-72,9) und „B.Z.“ (-70,6) am viertstärksten. Schaut man sich nur die Entwicklung seit 2017 an, also seit Julian Reichelt Vorsitzender der „Bild“-Chefredaktionen ist, liegt „Bild“ (-9,0) ebenfalls auf dem viertletzten Platz: Nur der „Express“ (-17,3), die Hamburger „Mopo“ (-17,2) und die ebenfalls von Reichelt verantwortete „B.Z.“ (-9,6) haben noch stärker verloren. Wirklich positiv ragt Reichelts Blatt also nicht aus dem Boulevardmarkt heraus.

Nun haben wir aber sowieso Zweifel, dass Julian Reichelt „Bild“ auf einem Level mit der „Morgenpost“ aus Sachsen oder dem „Berliner Kurier“ sieht. Zumal er in einem anderen Interview behauptete, „Bild“ halte sich in einer Liga mit „Washington Post“ und „New York Times“:

Wir sind da, wo die „Post“ oder die „New York Times“ sind, oder umgekehrt: Die sind da, wo wir sind. In dieser Liga halten wir uns

Werden wir mal nicht völlig größenwahnsinnig: Wie macht sich „Bild“ im Markt der überregionalen Tageszeitungen in Deutschland? Noch schlechter:


(die Auflage der „Welt“ ab 2005 zusammen mit „Welt kompakt“; die „Frankfurter Rundschau“ fehlt hier, da die Auflage seit 2013 nicht mehr gesondert gemeldet wird)

Auch hier verlieren alle, aber niemand verliert so stark wie „Bild“. Nicht annähernd. Und dabei ist es völlig egal, welchen Bezugspunkt man nimmt: ob seit 1998 (-67,6 Prozent), seit 2001 (-66,4), als Kai Diekmann die Chefredaktion übernahm, seit 2010 (-50,8), seit 2016 (-15,5), als Tanit Koch die Chefredaktion übernahm, oder seit 2017 (-9,0) — immer liegt „Bild“ auf dem letzten Platz.

Genauso schlecht sieht es bei der „Bild am Sonntag“ im Vergleich mit anderen Wochen- und Sonntagszeitungen aus:


(„der Freitag“ ohne IVW-Angaben für 2009 und 2010; die „FAS“ gibt es erst seit 2001)

Was sagte „Bild“-Chef Julian Reichelt noch mal im Interview mit „Horizont“?

Das bedeutet für uns als Redaktion, um jenen Anteil am Rückgang zu kämpfen, der nicht markt-, sondern journalistisch bedingt ist.

Das scheint ihm und seinem Team ganz offensichtlich nicht zu gelingen.

Dazu auch:

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