Archiv für April 15th, 2019

Falsche Dame

In Paris brennt gerade die berühmte Kathedrale Notre-Dame, und bei Bild.de fragen sie besorgt:

Screenshot Bild.de - Eine Luftaufnahme der weltberühmten Kathedrale. Sehen wir Notre-Dame so nie wieder?

Wir können die Bild.de-Mitarbeiter beruhigen: Diese Notre-Dame können sie in der vollen Pracht weiterhin bewundern. Sie steht schließlich in Chartres, gut 90 Kilometer entfernt von der Pariser Notre-Dame, die gerade brennt.

Mit Dank an Matthias S. für den Hinweis!

Bei Bild.de ruckt es acht Jahre zu spät nach rechts

Gestern fand in Finnland die Parlamentswahl statt. Mit Blick auf das vorläufige Endergebnis fasst Bild.de zusammen:

Screenshot Bild.de - Sozialdemokraten vorn, aber ... Rechtsruck bei Parlamentswahl in Finnland - Auszählungs-Krimi im hohen Norden - Ist das Ergebnis ein Omen für die Europawahl im Mai?

Dazu schreibt die Redaktion:

Finnland gilt als glücklichstes Land der Erde. Mit dem Ergebnis der Parlamentswahl dürften viele Europäer angesichts der bevorstehenden Europawahl aber nicht so glücklich sein.

Die rechtspopulistische Partei Die Finnen schafft es bei der Parlamentswahl weit nach vorne: Sie erhielt 17,5 Prozent der Stimmen und kommt nun auf 39 der 200 Sitze im Parlament.

Und:

Das Abschneiden der Finnen-Partei gilt als Omen für die Europawahl am 26. Mai: Die Finnen-Partei gehört neben der AfD und der italienischen Lega zu den Parteien, die im EU-Parlament eine neue Allianz der Rechtspopulisten bilden wollen.

Wir können uns nicht erklären, wie Bild.de darauf kommt, dass es gestern einen „Rechtsruck“ bei der Wahl in Finnland gegeben habe. Die rechtspopulistische PS („Basisfinnen“ oder „Die Finnen“) hat im Vergleich zur vorherigen Parlamentswahl 0,2 Prozentpunkte verloren: 2015 hatte sie noch 17,7 Prozent der Stimmen bekommen, 2011 sogar 19,1 Prozent. Damals gab es wirklich einen „Rechtsruck“: Die PS hatte vor acht Jahren einen Zugewinn von 15,0 Prozentpunkten. Das Wahlergebnis von gestern ist seitdem das schlechteste der Partei. Und damit ist es auch definitiv falsch, wenn der „Deutschlandfunk“ dazu schreibt:

Die Rechtspopulisten konnten die Zahl ihrer Sitze damit mehr als verdoppeln.

Tatsächlich hat die PS gestern, trotz des Minus von 0,2 Prozentpunkten, einen Parlamentssitz dazugewonnen und hat nun 39 Mandate.

Aber zurück zum angeblichen „Rechtsruck“ von Bild.de. Auch das Ergebnis der anderen größeren finnischen Partei aus dem rechten Spektrum, der konservativen Nationalen Sammlungspartei (KOK), spricht nicht dafür: Sie hat im Vergleich zur Wahl 2015 ebenfalls verloren, minus 1,2 Prozentpunkte. Der größte Verlierer von gestern ist die liberale Zentrumspartei (KESK) mit einem Minus von 7,3 Prozentpunkten. Weil KOK und KESK stärker verloren haben als die PS, ist diese nun zweitstärkste Partei im finnischen Parlament.

Stärkste Kraft ist die Sozialdemokratische Partei (SDP) mit 17,7 Prozent und 40 Parlamentssitzen. Sie hat gestern 1,2 Prozentpunkte und sechs Sitze gewonnen. Das Linksbündnis (VAS) hat 1,1 Prozentpunkte und vier Sitze gewonnen. Größter Gewinner von gestern ist der Grüne Bund (VIHR) mit einem Plus von 3,0 Prozentpunkten und fünf Parlamentssitzen. Wenn also gestern überhaupt irgendetwas in Finnland irgendwohin geruckt ist, dann nach links.

Mit Dank an Darius D. und Simon für die Hinweise!

Menschen als Schrott

Und der sensible Umgang der „Bild“-Redaktion beim Niedermachen geht heute weiter:

Ausriss Bild-Zeitung - Schalkes Schrotthaufen - Diese Schlaffis können als Erste gehen
Screenshot Bild.de - Schalkes Schrotthaufen - Diese Schlaffis können als Erste gehen

Zu dieser Geschichte schreibt Stefan Backs, früher selbst Journalist bei „Sport Bild“ und Sat.1 und heute Geschäftsführer der Fußballspielerberatung Siebert & Backs, in einem Facebook-Post:

Kritischer Journalismus ist ein Stützpfeiler unserer Gesellschaft. Ebenso unterschiedliche Meinungen, oder Diversität, wie es heute auch oft genannt wird. Ich persönlich empfinde Kritik, ist sie denn sachlich und zielorientiert formuliert, im Nachhinein meist als leistungsfördernd. Es gibt dabei Grenzen. Wenn Fußballer, Menschen, als Schrott tituliert werden, ist diese Grenze deutlich überschritten. Ausgerechnet die BILD, die noch letzte Woche rassistische Länderspiel-Fans zurecht an den Pranger stellte, leistet sich hier eine üble Entgleisung. Ich kann und muss Spieler als Journalist kritisieren. Obwohl auch dem schlechtesten von ihnen klar sein muß, daß die Leistung eines Leistungssportlers auch die Summe seines Umfeldes ist. Mit anderen Worten: Sogenannte „Streichlisten“ und Geschichten wie die obige sind ohnehin übler Populismus und ohne Hintergründe und Sachwissen hingeschrieben, um Stimmung zu machen. Um die eigenen Muskeln spielen zu lassen. Gedruckter Chauvinismus. Nichts wert. Wenn aber Menschen als Schrott bezeichnet und damit herabgewürdigt werden, sagt das mehr über den Schreiber als über das, was er transportieren möchte. Es ist mir im Übrigen ein Rätsel, daß Klubs und Spieler sich dies gefallen lassen.

Zu den Klienten der Agentur Siebert & Backs gehören auch zwei Profis des FC Schalke 04: die beiden Torhüter Ralf Fährmann und Alexander Nübel. Keiner der beiden gehört zu jenen Streichkandidaten der „Bild“-Medien, die „als Erste gehen“ können. Im Gegenteil: Nübel wird sogar positiv hervorgehoben:

„Außer Nübel könnt ihr alle gehen!“

Schalkes Fans stimmten nach dem Wie-ein-Absteiger-Auftritt in Nürnberg (1:1) lautstark über das taumelnde Team ab. (…)

Neben Nübel braucht Schalke vor allem einen Wunderheiler!

Mit Dank an Daniel M. für den Hinweis!

Assange-Anklage, Informationselite-Paywall, Satire bitte auch senden

1. Die Anklage gegen Assange ist eine Warnung an alle Journalisten
(sueddeutsche.de, Bastian Obermayer)
Was die US-Justiz gegen „WikiLeaks“-Gründer Julian Assange vorbringt, sei äußerst dünn, befindet Bastian Obermayer auf Süddeutsche.de. Große Teile der Anklage würden normale Recherchearbeit beschreiben: „Wenn solche Anklagen Schule machen, und wenn Journalisten — egal ob sie Australier sind wie Assange oder eben Deutsche — deswegen mit Verhaftung und Auslieferung in die USA rechnen müssen, dann leben wir tatsächlich in einer dunklen Zeit für den Enthüllungsjournalismus.“
Weitere Lesehinweise: Der ehemalige „WikiLeaks“-Mitarbeiter James Ball erklärt im Gespräch mit Jannis Brühl („SZ“), warum er Julian Assange für hochmütig hält — und man den Verhafteten dennoch unterstützen müsse: „Wir gingen die Depeschen durch, er ging Twitter durch“.

2. Die gesellschaftlichen Folgen von Paywalls: Sind wir auf dem Weg zur Informationselite?
(nzz.ch, Cosmin-Gabriel Ene)
Cosmin-Gabriel Ene kritisiert die Tendenz der Verlage, wichtige Online-Inhalte nur noch nach Abschluss eines kostspieligen und bindenden Abos herauszurücken. Die Verleger würden damit ihren Kunden die Möglichkeit vorenthalten, einzelne Texte oder Tagesausgaben zu geringen Preisen nach Bedarf zu kaufen, so Ene: „Dabei wäre in der Welt gedruckter Presseerzeugnisse niemand je auf die Idee gekommen, den Verkauf der Einzelausgabe zu unterbinden.“ Sein Kommentar in Richtung der Verlage: „Dass die Leser bei solch einer Missachtung ihrer Kundenbedürfnisse den Verlagen den Rücken kehren, sollte eigentlich kein Medienmanager übersehen. Egal, mit wie viel Selbstmitleid er vom Sündenfall der Kostenlos-Kultur im Netz lamentiert.“ Nicht ganz unwichtig ist dabei aber wohl auch der Hinweis, dass Ene ein Unternehmen gründete, das eine Paywall-Lösung zum Einzelartikelkauf anbietet.

3. Armin Wolf an ORF-Chef: „Scharfe Satire auch senden“
(derstandard.at)
Am Samstag fand in Österreich die Romy-Verleihung statt, ein Film- und Fernsehpreis, der in Erinnerung an die Schauspielerin Romy Schneider jährlich von der Tageszeitung „Kurier“ vergeben wird. ORF-Anchorman Armin Wolf hat sich dort nicht nur für seine vierte Romy bedankt, sondern auch den Senderverantwortlichen ins Gewissen geredet. Dabei ging es unter anderem um eine Satiresendung, in die der Sender eingegriffen hatte. (Weitere Informationen dazu: Satire wird zum Drahtseilakt: „Vom Neonazi zum Sportminister — eine typisch österreichische Karriere“: Warum der ORF ein Stück über Vizekanzler Strache aus dem Programm nahm (sueddeutsche.de, Peter Münch).)
Weiterer Lesehinweis: Wolfs vollständige Dankesrede gibt es bei ihm im Blog.

4. Richtig & Wichtig (S01E01): Überwachungsstaat
(youtube.com, Tilo Jung)
Nachdem das ZDF mit den beiden Machern des Aufwachen-Podcasts Tilo Jung und Stefan Schulz zwei Sendungen ihrer politischen Late Night Show „Richtig und Wichtig“ aufgezeichnet hatte, verschwanden die Bänder über ein Jahr in irgendeinem düsteren Keller der Anstalt. Nun hat ZDF Neo den Piloten ausgestrahlt — an einem Sonntagmorgen um 4:55 Uhr … Wer so früh noch nicht wach war: Bei Youtube kann man sich die Sendung anschauen.

5. Google und Facebook haben Probleme mit der Transparenz
(tagesspiegel.de, Nico Schmidt)
Gemäß einer Recherche des europäischen Journalisten-Netzwerks „Investigate Europe“ kommt der Kampf gegen Fake News zur Europawahl nur schleppend voran. Und immer noch gibt es keine Verpflichtung der großen Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter, ihren Nutzern anzuzeigen, wer für welche politischen Werbeanzeigen gezahlt hat.
Weiterer Lesehinweis: Rechtsextreme Hetze: Youtube sperrt Kanal des „Volkslehrers“ (tagesspiegel.de, Alexander Fröhlich).

6. Warum die Brexit-Verschiebung uns alle freuen sollte
(dwdl.de, Hans Hoff)
„DWDL“-Kolumnist Hans Hoff freut sich, dass der Brexit verschoben ist. Er hatte bereits arbeitslose Phoenix-Journalisten und Langeweile bei Twitter und Facebook befürchtet. Doch jetzt könne es, Gott sei Dank, weitergehen mit der großen Brexit-Show.

7. Liebe Medien, wenn Ihr schon Straßenumfragen zu „Enteignungen“ macht…
(twitter.com, Lorenz Meyer)
Der „6 vor 9“-Kurator auf Twitter: „Liebe Medien, wenn Ihr schon Straßenumfragen zu „Enteignungen“ macht, erklärt den Leuten, dass es sich nicht um „Raub“ handelt. Der Staat muss im Gegenzug nämlich eine Entschädigung zahlen und die muss „angemessen“ sein. Es ist also eine Art verordneter Kauf.“