Archiv für März 7th, 2018

Julian Reichelt und der rechte Hetz-Account

Ein Blick auf Julian Reichelts Twitter-Account ist ja immer ein schauriges Erlebnis. Aber in den vergangenen zwei Tagen war es dort besonders schaurig.

Alles fing an mit einem Retweet Reichelts:

Screenshot von Reichelts Retweet - Der Account DoraGezwitscher twitterte Feine Sahne Fischfilet hat Songtexte wie Deutschland ist Scheiße, Deutschland ist Dreck. Für den Faktenfinder-Leiter Patrick Gensing eine stilsichere Mischung

Vielleicht erstmal zu „Feine Sahne Fischfilet“. Die Punkband hat viele Fans, aber auch viele Feinde. Sie tauchte wegen ihrer „explizit anti-staatlichen Haltung“ im Verfassungsschutzbericht 2011 des Landes Mecklenburg-Vorpommern auf. Sie leistet aber auch wichtige Arbeit gegen Rechtsextremismus und nationalistische Tendenzen im Osten des Landes. Die Bandmitglieder organisieren Konzerte und Kundgebungen in Kleinstädten und Dörfern. Sie stellen sich sehr engagiert dem Rechtsruck in Mecklenburg-Vorpommern entgegen.

Patrick Gensing, der beim „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ Lügen und Fälschungen nachrecherchiert, findet die Musik von „Feine Sahne Fischfilet“ offenbar gut. Jedenfalls twitterte er in der Vergangenheit häufiger Fotos von Konzerten der Band. Für seine Arbeit beim „Faktenfinder“, bei der er immer wieder auch Falschmeldungen aus der rechten Ecke enttarnt, wird Gensing regelmäßig und massiv mit Schmutz beworfen.

Dieser Schmutz kommt unter anderem von dem Account, den „Bild“-Chef Julian Reichelt retweetet hat. @DoraGezwitscher sucht sich für seine Kampagne gern alte Tweets von Patrick Gensing raus (im aktuellen Fall eben aus dem Februar 2016) und schießt damit gegen den Journalisten. Nun hieß der Account @DoraGezwitscher nicht immer @DoraGezwitscher, sondern wohl auch mal @DoraBromberger. Unter dem Namen der von den Nazis ermordeten jüdischen Malerin Dora Bromberger verbreitete der Account unter anderem Lügen über die „Oktoberfest Bilanz der Polizei München“, um damit Stimmung gegen Ausländer zu machen. Mit einem gefälschten Foto machte er die Vorsitzende der „Jungen Union“ Hamburg zur Antifa-Steinewerferin. Solche Tweets waren eher Regel als Ausnahme.

Inzwischen gibt es dasselbe rechte Hetz-Programm eben unter dem Namen @DoraGezwitscher (um es noch komplizierter zu machen: Es gibt noch einen inhaltlich wie optisch sehr, sehr ähnlichen Account mit dem Namen @DorasZwitschern). Dort ärgert sich der anonyme Autor beispielsweise darüber, dass ein AfD-Politiker aufgrund seines Schimpfworts „Merkelnutte“ als „Schande für den Bundestag“ bezeichnet wird. Für die Tweets bekommt @DoraGezwitscher viel Applaus von Rechts und noch weiter Rechts.

Julian Reichelt verbreitet also einen Tweet dieses Accounts gegen Patrick Gensing und verschafft ihm damit beachtliche zusätzliche Reichweite. Nun kann es ja mal passieren, dass man bei Twitter einen Beitrag entdeckt, der einem ganz gut in den Kram passt, ihn schnell retweetet — und schon ist man Multiplikator für jemanden, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben möchte. Die entscheidende Frage ist dann, wie man mit dieser Situation umgeht. Reichelt zeigt ganz eindrucksvoll, wie man es auf gar keinen Fall machen sollte und wie man sich immer weiter reinreitet. Angesprochen auf die Ausrichtung von @DoraGezwitscher, schreibt der „Bild“-Chef:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Meine Position ist, dass mein RT nichts mit der Person zu tun hat, dass ich in keiner Verbindung stehe und keine Agenda unterstütze. Herr Gensing sollte schlicht seine Sicht auf FSF erläutern. Der Screenshot wirft nunmal Fragen auf. Und dieser RT-Gesinnungsfuror ist schrecklich

Das muss man auch erstmal schaffen: Anderen Leuten „Gesinnungsfuror“ vorwerfen und im selben Tweet von einer Person verlangen, dass sie jetzt doch mal bitte ihren Musikgeschmack erklären soll (für das inzwischen eingestellte „Bild“-Jugendportal „BYou“ ist „Feine Sahne Fischfilet“ übrigens eine Band, die sich „für mehr Menschlichkeit und Solidarität“ einsetzt).

Es folgte dann ein Hin und Her zwischen Reichelt und seinen Kritikern. Interessant war dabei die Taktik des „Bild“-Chefs: Er legte die Messlatte, ab wann das nun wirklich zu weit geht, was bei @DoraGezwitscher passiert, immer ein Stückchen höher. Während Leute ihn anfangs darauf hinwiesen, dass es sich um einen bekannten rechtspopulistischen Account handelt, und ihm dafür Belege lieferten, wollte Reichelt Beweise, dass @DoraGezwitscher rechtsextrem ist. Später wollte er Beweise, dass hinter @DoraGezwitscher ein „professionell organisiertes, rechtsextremes Netzwerk“ steckt. Es reicht Julian Reichelt offenbar nicht, dass @DoraGezwitscher (beziehungsweise früher @DoraBromberger) auf übelste Weise und mit falschen Fakten gegen Ausländer hetzt. Es muss bei ihm schon ein „professionell organisiertes, rechtsextremes Netzwerk“ sein, damit er sagt: „Ja, stimmt, war nicht die beste Idee.“ Julian Reichelt hat den Retweet inzwischen still und leise gelöscht, er folgt dem Account @DoraGezwitscher nun allerdings.

Wie man so eine Situation auch handhaben kann, zeigt einer von Reichelts Vorgängern bei „Bild“: Kai Diekmann. Als der vor zweieinhalb Jahren — ob nun absichtlich oder aus Versehen — dem Twitter-Account der sehr rechten „Jungen Freiheit“ gefolgt ist, reagierte er auf die Kritik daran so:

Screenshot eines Tweets von Kai Diekmann - Das war ein Versehen! Passiert hoffentlich nicht wieder. Tut mir aufrichtig leid!

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Danke für wirklich gar nichts, Donald Trump

Lilli Hollunder ist Schauspielerin, hat eine Kolumne bei Stern.de und ist mächtig sauer — nicht auf irgendwen, sondern auf US-Präsident Donald Trump:

Screenshot der Stern.de-Startseite - Kolumne - Lilli Hollunder - Danke für gar nichts! Wie US-Präsident Donald Trump meinen Traum zerstörte
Screenshot Stern.de - Danke für gar nichts! Wie US-Präsident Donald Trump meinen Traum zerstörte

Es gibt sicher viele gute Gründe, beim Gedanken an Donald Trump wütend zu werden. Der für Hollunders Stern.de-Startseiten-Ärger gehört jedoch nicht dazu: In ihrem Text schildert sie, wie sie eine Job-Zusage aus den USA bekommen hat, sich anfangs riesig freute („Erst war ich der glücklichste Mensch unter der Sonne“) und nur 24 Stunden später sehr enttäuscht war („dann das ärmste Schwein“):

Warum nur 24 Stunden? Weil exakt einen Tag später feststand, was zuerst nur eine Befürchtung war: Ich würde das geforderte O1-Arbeitsvisum in der Kürze der Zeit nicht bekommen. Dafür möchte ich an dieser Stelle dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und seinen erschwerten Einreisebedingungen ein herzliches Dankeschön aussprechen. Danke für gar nichts.

Tatsächlich gibt es für eine Einreise in die USA das sogenannte O-Visum, für das sich „foreign nationals with extraordinary ability in Sciences, Arts, Education, Business or Athletics“ bewerben können. Das O1-Visum „ist vorgesehen für Personen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auf den Gebieten Wissenschaft, Kunst, Erziehung, Geschäftswesen oder Sport, oder für Personen mit überragenden Leistungen in der Filmindustrie.“

Donald Trumps „erschwerte Einreisebedingungen“ haben damit allerdings rein gar nichts zu tun. Der US-Präsident ordnete zwar teils komplette, teils begrenzte Einreisesperren für Staatsangehörige aus Syrien, Nordkorea, Somalia, Venezuela, Libyen, dem Iran, dem Jemen und dem Tschad an. Auf die Bearbeitungszeit von O1-Visa für deutsche Schauspielerinnen hat Trumps „Travel Ban“ hingegen keinerlei Auswirkungen.

Wir haben auch noch mal bei der US-Botschaft in Berlin nachgefragt. Dort sagte man uns, dass man „aus Datenschutzgründen Anfragen zu Visaanträgen grundsätzlich nicht beantworten“ könne, aber:

Die Bestimmungen für O1-Visa haben sich in der Amtszeit von Präsident Trump nicht geändert.

Mit Dank an Tim für den Hinweis!

Alphonso-Aus, Abschiebe-Romantik, akkurates Banker-Drama

1. #ausFAZwirdTAZ
(taz.de, Heide Oestreich)
„DDR 4.0“, „Gleichschaltung“, „linke totalitäre Diskursregeln“ — seit gestern schlägt der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ viel Wut entgegen. Der Grund: Die Redaktion hat bekanntgegeben, dass sie einige hauseigene Blogs einstelle, darunter auch das von Rainer Meyer alias „Don Alphonso“. Heide Oestreich über das „FAZ“-Ende Meyers, der „die Marktlücke eines elitären Rechtspopulismus für sich“ entdeckte: „Die treue Leserschaft (18.000 Follower auf Twitter) sieht da sofort die linke Erziehungsdiktatur am Werk: #AusFAZwirdTAZ hieß der flugs erfundene Hashtag, der sich alsbald mit Abo-Kündigungsdrohungen füllte“. Kurt Sagatz schreibt beim „Tagesspiegel“, dass weder inhaltliche Gründe noch schlechte Abrufzahlen zur Trennung von „Don Alphonso“ geführt hätten.

2. Mass shootings covered LIVE
(abc.net.au, Paul Barry, englisch, Video, 5:15 Minuten)
Beim Amoklauf vor drei Wochen an einer Schule im US-Bundesstaat Florida konnte man sie wieder beobachten: Journalisten, die Schüler via Social Media fragen, ob sie mal eben anrufen könnten, noch während diese Schüler sich im Klassenzimmer vor dem Schützen versteckten. Das Medienmagazin „Media Watch“ des australischen Senders ABC ist der Frage nachgegangen: „Are reporters putting victims in danger as they chase the story over social media?“

3. Vier Minister? Wie sich die „Süddeutsche“ von der CSU blenden ließ
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
„EIL : CSU schickt vier Minister nach Berlin“, twitterte die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ vorgestern. „Das schien ein ziemlicher Coup zu sein für die CSU — und ein ziemlicher Scoop für die ‚Süddeutsche Zeitung'“, schreibt Stefan Niggemeier. Bloß: Es stimmt gar nicht stimmt. Tatsächlich sind es drei CSU-Minister (Horst Seehofer für Inneres, Andreas Scheuer für das Ressort Verkehr und Gerd Müller als Entwicklungshilfeminister). Dazu kommt Dorothee Bär, die Staatssekretärin im Bundeskanzleramt wird. Weiterer Lesetipp zu Bär: der frühere Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, über „Dorothee Bärs eigenartiges Datenschutzverständnis“.

4. Abschiebung: Was wirklich passiert — Teil 1
(bmi.gv.at, Reinhard Leprich)
Ein Lese-Tipp, aber sicher keine Empfehlung: Das österreichische Innenministerium, FPÖ-geführt, will sich offenbar nicht mehr auf Journalisten verlassen und schreibt nun selbst Reportagen. Reinhard Leprich aus der Kommunikationsabteilung hat „eine Luftabschiebung in den Kosovo und nach Moldawien“ begleitet. Und festgestellt: Das gefällt allen voll super, jeder ist happy, eine tolle Sache, so eine Abschiebung. Laut Innenminister Herbert Kickl handelt es sich um „eine spannende Reportage“. Wir finden eher: erstaunlich erschreckende Abschiebe-Romantik.

5. Not Heidis Girl: Wie Youtube eine Kampagne gegen Sexismus ausbremste
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz & Alexander Fanta)
Die Organisation „Pinkstinks“ startet ihre Anti-Germany’s-next-Topmodel-Kampagne „Not Heidis Girl“, zu der auch ein Youtube-Video gehört. RTL zeigt einen Ausschnitt dieses Videos in einer Sendung. Youtubes Filtersystem „Content ID“ gleicht ab, schreibt RTL das geistige Eigentum zu und sperrt das Originalvideo. „Pinkstinks“ ist verständlicherweise stinkig und vermutet starke Reichweitenverluste. netzpolitik.org über einen „neuen Fall von algorithmischem Overblocking“.

6. Wir haben „Bad Banks“ mit einem Banker geguckt
(vice.com, Lisa Ludwig)
Die Serie „Bad Banks“ (aktuell in den Mediatheken von ZDF und „Arte“ zu finden) ist ein großer Erfolg: viele Zuschauer, lobende Kritiker, beschlossene Fortsetzung. „Doch wie realistisch ist das Banker-Drama? Arbeiten im Frankfurter Bankenviertel wirklich lauter Soziopathen mit Kokainproblem?“, fragt Lisa Ludwig. Sie hat sich „Bad Banks“ mit einem Experten aus dem Finanzsektor angeschaut. Und der urteilt: „‚Die Serie ist erstaunlich akkurat'“. (Unser Tipp wegen Spoilergefahr: erst die Serie gucken, dann den Text lesen.)