Archiv für März 27th, 2018

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Julian Reichelt und der rechte Hetz-Account (diesmal aber ein anderer)

Eigentlich wollten wir es erstmal gut sein lassen — jetzt müssen wir aber doch noch mal über Julian Reichelt und sein Verhalten bei Twitter sprechen. Am Donnerstag hat der „Bild“-Chef einen Tweet verbreitet von einem Account namens „Onkel Jakob“:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt, der den Account Onkel Jakob retweetet hat und dazu schreibt - Ist das zutreffend dass das wieder gelöscht wurde, lieber Tagesschau-Fakrenfinder Patrick Gensing - der Tweet von Onkel Jakob lautet - Linksextremist Patrick Gensing und die staatliche Lügenfabrik Tagesschau wollten uns erzählen, dass es keine Messerepidemie gibt, haben ihren peinlichen Tweet dann aber doch lieber wieder eingestampft

Nur kurz zum Hintergrund: Vergangene Woche verkündete die „Bild“-Zeitung auf ihrer Titelseite eine „Messer-Angst in Deutschland“. Die AfD hatte bereits eine Tage zuvor behauptet, dass eine „Messerepidemie“ grassiere. Die ARD-„Faktenfinder“ Patrick Gensing und Gabor Halasz haben sich die amtlichen Zahlen mal genauer angeguckt und geschrieben, dass es ihrer Ansicht nach keine „Messerepidemie“ in Deutschland gebe:

Die AfD warnt vor einer „Messer-Epidemie“. Die „Bild“ berichtet von einer Zunahme solcher Delikte von bis zu 300 Prozent. Doch vorliegende Zahlen zeigen ein differenziertes Bild.

Die „Faktenfinder“ mussten ihren Text an einer Stelle korrigieren. Es wurden deswegen einzelne Tweets gelöscht. Alles etwas durcheinander. Dazu gab es mehrere Diskussionen bei Twitter, unter anderem zwischen Julian Reichelt und Gabor Halasz.

Und es gab eben diesen Tweet von „Onkel Jakob“, den Reichelt offenbar so interessant fand, dass er ihn — mit einer Nachfrage an Patrick Gensing versehen — an seine knapp 56.000 Follower verbreitete.

Wir hatten Anfang des Monats hier im BILDblog ja davon berichtet, dass Julian Reichelt einen Tweet des rechten Hetz-Accounts „Dora zwitschert“ verbreitet hat. Während man nur anhand des Tweets, um den es damals ging, nicht direkt erkennen konnte, in welch bräunlichen Gewässern der Absender fischt und wie grässlich es sonst auf dem Kanal zugeht, sieht es im aktuellen Fall ganz anders aus: „Onkel Jakob“ (vielleicht nur zufällig ein Anagramm des längst gesperrten Hetz-Accounts „Kolja Bonke“) bezeichnet Patrick Gensing als „Linksextremisten“ und die „Tagesschau“ als „staatliche Lügenfabrik“. Das ist schon bemerkenswert: Der Chefredakteur von Deutschlands größter Tageszeitung verbreitet auf Twitter das unsägliche „Lügenpresse“-Geschrei, das man sonst von „Pegida“-Märschen kennt.

Doch es passt zur großen Widersprüchlichkeit von Julian Reichelt: Ständig regt er sich auf, wenn ihm und seiner Redaktion eine „Lüge“ vorgeworfen wird (und das oft zu Recht — denn zur Lüge gehört die Absicht zu lügen; bei „Bild“ und Bild.de entsteht ein Großteil der Fehler allerdings aus reiner Schlampig- und Unfähigkeit). Bezeichnet aber ein sehr rechter Twitter-Account einfach mal die gesamte „Tagesschau“ als „staatliche Lügenfabrik“, hat Julian Reichelt damit offensichtlich kein Problem. Er widerspricht nicht. Er ordnet nicht ein. Er verbreitet es einfach weiter.

Was wäre wohl los, wenn Patrick Gensing den Tweet eines anonymen linken Hetz-Accounts verbreiten würde, in dem Reichelt als „Rechtsextremist“ bezeichnet wird und „Bild“ als „Lügenfabrik“?

Dass der „Bild“-Chef erst einen Tweet von „Dora zwitschert“ retweetet und nur wenige Tage später einen von „Onkel Jakob“ zeigt auch auf erschreckende Weise, in welcher Szene er sich (zumindest digital) zu bewegen scheint: in einer, in der Verleumdung und Fremdenhass und Hetze ganz normal ist. In der ohne Ende gezündelt wird. In der üble Kampagnen gegen Einzelpersonen gestartet werden. Und noch mal: Julian Reichelt verantwortet die Inhalte der größten Zeitung Deutschlands.

Der Account „Onkel Jakob“ wurde von Twitter inzwischen übrigens komplett gesperrt.

Ist Bild.de doch egal, worum das BKA bittet

Das Bundeskriminalamt (BKA) konnte in der vergangenen Nacht bei Twitter einen Fahndungserfolg melden:

Screenshot eines Tweets des Bundeskriminalamts - Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern - Fahndung ist erfolgreich beendet. Festnahme des Tatverdächtigen. Wir sagen Danke! Bitte löschen Sie alle geteilten Bilder. Weitere Informationen werden hier im Laufe des Tages veröffentlicht.

Nach dem Verdächtigen wurde seit gestern per Öffentlichkeitsfahndung gesucht. Zahlreiche Medien zeigten das Gesicht des Mannes, der zwei Jungen missbraucht, Aufnahmen von ihnen gemacht und diese Kinderpornographie in Foren verbreitet haben soll. Die Bitte des BKA, die Fotos, die den Verdächtigen zeigen, nun zu löschen, erscheint logisch: Die Fahndung ist abgeschlossen, der Verdächtige geschnappt — warum also weiter sein Gesicht zeigen?

Ja, Mitarbeiter von Bild.de, warum also weiter sein Gesicht zeigen?

Screenshot Bild.de-Startseite - Nach Öffentlichkeitsfahndung - Kinderschänder von Viersen gefasst - mit unverpixeltem Foto des Verdächtigen
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

In dem Artikel zur Festnahme des Gesuchten, den die Redaktion heute morgen auf ihrer Startseite anteaserte, hat sie auch den Tweet des BKA eingebettet, in dem die Behörde um die Löschung der Fotos bittet. Dieser Artikel startet so:

Screenshot eines Bild.de-Artikels - Zu sehen ist die Überschrift Kinderschänder von Viersen gefasst und direkt darunter das Gesicht des Tatverdächtigen in Großaufnahme

Etwas weiter unten im Text folgt dann der BKA-Tweet:

Screenshot des Bild.de-Artikels - Zu sehen ist der eingebettete BKA-Tweet

Ein paar Stunden später hat Bild.de einen weiteren Text zu der Festnahme gebracht — wieder mit dem BKA-Tweet, wieder mit einem unverpixelten Foto des Verdächtigen. Und wieder hat die Redaktion den Beitrag prominent auf der Startseite verlinkt:

Screenshot Bild.de-Startseite - Leberflecke überführen Kinderschänder - mit unverpixeltem Foto des Verdächtigen

Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum Bild.de das Gesicht des Mannes ohne jegliche Unkentlichmachung zeigt und ob der Redaktion die Bitte des Bundeskriminalamts egal ist. Bisher haben wir keine Antwort erhalten.

Dass es auch anders geht, zeigen die „Springer“-Kollegen der „B.Z.“: Auf deren Website ist ebenfalls ein Artikel zu der Festnahme erschienen, auch sie haben den BKA-Tweet eingebettet — und über das Gesicht des Verdächtigen immerhin einen großen schwarzen Balken gelegt.

Dazu auch:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Verlegergeschenk, Möchtegern-Gonzo, Promille-Schreiber

1. Verleger bekommen Hilfe vom Staat
(taz.de, Anne Fromm)
Die Große Koalition will die Sozialabgaben für Zeitungszusteller senken, „zur Sicherung der bundesweiten Versorgung mit Presseerzeugnissen“. Das Steuergeschenk an die Verlage muss jedoch finanziert werden und das führt zur Frage: Wer zahlt die Zeche? Der Steuerzahler oder gar die Zeitungsboten selbst? Und was ist generell von der Idee zu halten?

2. Gemeinsame Plattform von ARD und Verlagen
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs)
Der BR-Intendant und aktuelle ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm denkt über eine gemeinsame Plattform mit Inhalten von Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen nach. Das Ziel: Sich mit dieser Art „Super-Mediathek“ von YouTube, Facebook und Co. zu emanzipieren. Zeitungsverlegerchef Döpfner, sonst im Dauertwist mit den Öffentlich-Rechtlichen, gefällt die Idee. Das Projekt ist jedoch sehr ambitioniert, um es zurückhaltend zu formulieren und weist zahlreiche Schwierigkeiten auf. Einige davon hat der Journalist Martin Hoffmann in einem Twitter-Thread zusammengefasst.



3. Faktencheck: Die vom „Rheinneckarblog“ erfundene Terror-Story ist kein „Gonzo-Journalismus“
(correctiv.org, Caroline Schmüser)
Der „Rheinneckarblog“ meldete am Wochenende einen „massiven Terroranschlag in Mannheim“. Rund 50 Angreifer hätten mit Macheten und anderen Messern verschiedene Feste in der Stadt gestürmt, und für ein „Blutbad apokalyptischen Ausmaßes“ gesorgt. Später stellte sich heraus: Die Geschichte war frei erfunden. Der Verdacht liegt nahe, um zahlende Abonnenten zugewinnen, denn Seitenbetreiber Prothmann hatte an strategischer Stelle eine Paywall eingerichtet. Prothmann gibt als Rechtfertigung für die Aktion an, es habe sich um „Gonzo-Journalismus“ gehandelt. „Correctiv“-Autorin Caroline Schmuser erklärt, warum dies keineswegs der Fall ist.

4. Radikal und islamfeindlich
(faktenfinder.tagesschau.de, Sylvia Stöber)
Donald Trump hat sich als neuen Nationalen Sicherheitsberater einen berühmt-berüchtigten Falken in die Regierung geholt. Der erzkonservative Militarist John R. Bolton befürwortete nicht nur den Irak-Krieg, er ist auch gegen das Iran-Abkommen und unter Umständen für einen Präventivschlag gegen Nordkorea. Und er leitet einen Think Tank, der unter anderem Desinformation über Deutschland verbreitet. Sylvia Stöber dröselt die Verbindungen und Verwicklungen des neuen Sicherheitsberaters auf.

5. AfD im Bundestag: Mehr als jeder dritte Abgeordnete offenbar in Facebook-Gruppen mit rassistischer Hetze
(motherboard.vice.com, Sebastian Meineck)
Nach einer „Motherboard“-Analyse sind offenbar mehr als ein Drittel aller AfD-Bundestagsabgeordneten Mitglied rassistischer Hetzgruppen auf Facebook. Sebastian Meineck hat sich in die braunen Ecken des Netzwerks begeben und Partei und Abgeordnete mit ihren Mitgliedschaften konfrontiert.
 Weiterer Lesetipp: Wie aus Falschnachrichten Fake-News werden (golem.de, Friedhelm Greis) über die Taktik von Rechtspopulisten, schlecht recherchierte Meldungen klassischer Medien für sich auszunutzen.

6. „Krone“-Kolumnist Jeannée muss sich „Sudelfeder“ nennen lassen
(diepresse.com)
Der österreichische Boulevardjournalist Michael Jeannée teilt in seinen Kolumnen gerne aus, kann aber augenscheinlich nicht viel einstecken. Wegen der Bezeichnungen „Sudelfeder“ und „Promille-Schreiber“ zog er vors Gericht. Dies urteilte: Die erste Zuschreibung ist erlaubt, die zweite nicht, da kein „ausreichendes Tatsachensubstrat“. Die Prozessbeteiligten haben Rechtsmittel eingelegt: Nun darf sich das Wiener Oberlandesgericht mit Sudelfeder und Promille-Schreiber befassen.