Archiv für März 12th, 2018

Resozialisierung? Nicht mit „Bild“!

Zwischen Donnerstag und Samstag vergangener Woche muss irgendetwas passiert sein, das nur die „Bild“-Medien mitbekommen haben. Jedenfalls schien der am Donnerstag für „Bild“ und Bild.de offenbar noch geltende Anspruch von Dieter Degowski auf Resozialisierung am Samstag aus Sicht von „Bild“ und Bild.de nicht mehr zu gelten.

Degowski, einer der zwei Täter bei der Geiselnahme von Gladbeck im August 1988, ist seit dem 15. Februar dieses Jahres wieder auf freiem Fuß. Er hat seine lebenslange Freiheitsstrafe abgesessen, im Gefängnis eine Therapie absolviert, eine Ausbildung gemacht, der Rechtsausschuss im Landtag von Nordrhein-Westfalen urteilte, dass von Degwoski keine Gefahr mehr ausgehe. Dass seine Entlassung für die Angehörigen der zwei bei der Geiselnahme getöteten Menschen wahnsinnig schmerzhaft sein kann, steht außer Frage.

Nach der Ausstrahlung von Teil 1 des erfolgreichen Gladbeck-Zweiteilers im „Ersten“ titelte „Bild“ am Donnerstag:

Ausriss Bild-Titelseite - Millionen sahen den ARD-Film - Das Leben der Gladbeck-Gangster heute

Im Blatt zeigte die Redaktion ein aktuelles Foto von Dieter Degowski, das Gesicht hatte sie verpixelt.

Zwei Tage später schreibt Rainer Fromm, ein Fotograf, der für „Bild“ bei dem Geiseldrama dabei war und zur Medienmeute gehörte:

Ausriss Bild-Zeitung - Es ist eine Schande, dass Degowski frei rumläuft

Dass Fromm schreibt, Degowski sehe „noch genauso dümmlich aus wie damals“ — geschenkt. Und es ist auch völlig legitim, es schwer auszuhalten und falsch zu finden, dass der einstige Geiselnehmer wieder in Freiheit leben darf, während der von ihm erschossene Emanuele De Giorgi nicht älter als 15 Jahre werden konnte. Wirklich problematisch ist, dass die „Bild“-Medien ein neues Foto von Degowski zeigen, ohne dabei sein Gesicht unkenntlich zu machen:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht der ganzen Seite mit dem Degowski-Foto
Screenshot Bild.de - Foto von Dieter Degowski
(Unkenntlichmachungen — auch beim Foto des blutverschmierten Emanuele De Giorgi, das „Bild“ ohne Rücksicht auf Angehörige zeigt — durch uns.)

Damit könnte die Redaktion die Resozialisierung Degowskis enorm erschweren. Es ist im Interesse der Gesellschaft, dass dessen Wiedereingliederung, die jedem Ex-Häftling zusteht und die nicht von den „Bild“-Mitarbeitern nach Gutdünken mal zugelassen werden kann und mal nicht, klappt — schließlich erhöht sie die Chance, dass er nicht rückfällig wird. Für diesen Zweck hat Degowski auch die Erlaubnis bekommen, seinen Namen zu ändern. Am Donnerstag schrieb „Bild“ zur Namensänderung:

Den neuen Namen bekam Degowski auch, weil befürchtet wird, dass die Mafia den Mord an dem italienischen Jungen Emanuele de Giorgi rächen könnte.

Sollte das stimmen, kennt die Mafia jetzt vielleicht noch nicht den Aufenthaltsort von Dieter Degowski und auch nicht den neuen Namen. Aber dank „Bild“ und Bild.de hat sie immerhin ein aktuelles Foto.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

„Bild“ will „‚Bild‘-Girl“ anziehen. Den „Bild“-Sexismus beendet das nicht

Es gibt heute eine ganz gute Nachricht im Zusammenhang mit der „Bild“-Zeitung. Und sie kommt auch noch von der „Bild“-Redaktion selbst:

Ausriss Bild-Zeitung - Das ist neu bei den Bild-Girls - Männer, ihr müsst jetzt ganz stark sein!

Liebe BILD-Leserinnen und -Leser,

mit der BILD-Ausgabe vom 12.03.2018 endet eine Ära, die über Jahrzehnte Boulevardzeitungen (nicht nur BILD) geprägt hat: Wir verabschieden uns von dem, was ganz früher mal „Mieze“ hieß (heute undenkbar) und seit zehn Jahren BILD-Girl.

Wir werden keine eigenen Oben-ohne-Produktionen von Frauen mehr zeigen.

Man habe „zunehmend“ das Gefühl, „dass viele Frauen diese Bilder als kränkend oder herabwürdigend empfinden, sowohl bei uns in der Redaktion, aber auch unter unseren Leserinnen“:

Aber natürlich dienen diese Fotos einem Hauptzweck. Sie sollen unterhalten, und zwar meistens Männer. Wir bei BILD glauben nicht, dass die Unterhaltung von Männern die Kränkung von Frauen in Kauf nehmen sollte (und natürlich auch nicht umgekehrt).

Ein wichtiges Wort fehlt in diesem Absatz natürlich: mehr. Die bei „Bild“ glauben nicht mehr, „dass die Unterhaltung von Männern die Kränkung von Frauen in Kauf nehmen sollte“. Die ganzen letzten Jahre und Jahrzehnte war das offensichtlich kein Problem. Die ganzen letzten Jahre und Jahrzehnte hat „Bild“ Frauen gekränkt, um Männer zu unterhalten.

Das „‚Bild‘-Girl“ wird es weiterhin geben, nun eben in Dessous oder sonst wie angezogen. Und es werden auch ganz sicher in Zukunft Oben-ohne-Fotos in „Bild“ zu sehen sein. Die Redaktion hat sich gleich zwei Hinterscheunentore offen gehalten: Die Aussage, dass man „keine eigenen Oben-ohne-Produktionen“ mehr zeigen wolle, lässt selbstverständlich die Möglichkeit zu, „Oben-ohne-Produktionen“ von irgendjemandem sonst einzukaufen und zu drucken. Außerdem nennt „Bild“ auch eine ganz konkrete Ausnahme:

Es gibt aber auch die Nackt-Fotos, über die das Land spricht. Kati Witt im „Playboy“ war so ein Beispiel. Diese Bilder gehören auch weiter in BILD.

Es wird auf jeden Fall interessant zu beobachten, ob die „Bild“-Mitarbeiter sich auch in Zukunft wie wild auf jeden „Busen-Blitzer“ von Schauspielerinnen beim Aussteigen aus dem Taxi stürzen oder Fotos verwenden werden, bei denen Paparazzi Frauen im Bikini ungeniert in den Intimbereich fotografiert haben.

Und was bringt das Anziehen der „‚Bild‘-Girls“ überhaupt? Der „Bild“-Sexismus steckt nicht im Offensichtlichen. Das häufige Reduzieren von Frauen auf ihr Äußeres ist unter anderem das Schlimme. Hope Hicks war „die schöne Sprecherin“ von Donald Trump. Nicht die begabte oder unbegabte, die geschickte oder ungeschickte. Leonie Frank ist die „schöne Anwältin“. Nicht die fähige oder unfähige, die trickreiche oder plumpe. Ihre männlichen Kollegen können noch so schön oder hässlich sein — sie werden von „Bild“ nach ihrer Leistung und ihrem Können bewertet und nicht nach ihrem Aussehen.

Vor der Fußball-Europameisterschaft der Frauen zeigte Bild.de „die schönsten Seiten der Frauen-EM“:

Ausriss von Bild.de - Fußballerinnen privat bei Instagram - Das sind die schönsten Seiten der Frauen-EM

Die Fähigkeiten der Fußballerinnen? Völlig egal. Hauptsache: schöne Frauen.

So gilt schon immer bei „Bild“: Männer die Macher, Frauen die Objekte. Er der „Rap-Star“, sie die „Schönheit“:

Screenshot Bild.de - Lisa Volz und Casper - Rap-Star heiratet heimlich GNTM-Schönheit

Er „Sänger“, sie „Single“:

Single Garrn und Sänger Bourani beim Basketball - Das sagt Toni zum Tuschel-Foto

Besonders furchtbar: Dieses Reduzieren auf Körper und Aussehen macht die Redaktion auch schon bei minderjährigen Mädchen.

Die Initiative „StopBildSexism“ hat vor einer Weile nachgeschaut, wie oft Männer und Frauen in den verschiedenen „Bild“-Themenbereichen vorkommen. Das traurige, aber wenig überraschende Ergebnis: Auf der Titelseite, in Politik und Wirtschaft sowie im Sport kommen Frauen deutlich seltener vor als Männer, im Bereich Unterhaltung ist es einigermaßen ausgeglichen, nur bei den nackt abgebildeten Personen sind Frauen in der Überzahl.

Nun gibt es bei den „Bild“-Medien ja einige Frauen in bedeutenden Positionen: Marion Horn ist Chefredakteurin bei „Bild am Sonntag“, Tanit Koch war bis vor Kurzem „Bild“-Chefredakteurin, Karina Mößbauer und Miriam Hollstein dürfen für „Bild“ und „BamS“ regelmäßig prominente Politiker interviewen. Wir hoffen, dass sie alle in diese Positionen gekommen sind, weil sie etwas (für den Boulevardbetrieb) Besonderes können und nicht weil sie als „die schöne Marion“ oder „die schöne Tanit“ oder „die schöne Karina“ oder „die schöne Miriam“ galten.

Methode Spitzer, Bauer Willis Frust, „taz“-Innovationslücken

1. Die Methode Spitzer
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Bücher von Manfred Spitzer tragen gerne besorgniserregende, wenn nicht alarmistische Titel, ob „Cyberkrank!“, „Vorsicht Bildschirm!“ oder, sein wohl bekanntestes Werk, „Digitale Demenz“. Nun sorgt Psychiater und Hirnforscher Spitzer mit „Einsamkeit“ und den angeblichen Einsamkeitsauslösern Internet und Digitales erneut für Diskussionen. „Spiegel“-Kolumnist Christian Stöcker kritisiert die „Methode Spitzer“, bei der oftmals selektiv zitiert werde und Korrelation mit Kausalzusammenhang verwechselt werden würde. „(…)es wäre doch schön, wenn wir die wirklich dringend notwendige Debatte über das, was die Digitalisierung mit uns macht, und das, was wir mit ihr anstellen, auf einer anderen, konstruktiveren Basis führen könnten als unter dem Mantra: „Selektiv ausgewählte und tendenziös interpretierte Studien zeigen, dass früher alles besser war.“

2. „Der Wahnsinn mit…
(bauerwilli.com, Alois Wohlfahrt)
Das ZDF hat eine Reportage produziert, die sich mit dem Export von Weizen nach Afrika befasst („Der Wahnsinn mit dem Weizen“) und hat dazu auch „Bauer Willi“ besucht. Der Landwirt hat sich für das Filmteam viel Zeit genommen, doch nun, da die Sendung ausgestrahlt wurde, sieht er sich getäuscht und als „nützlicher Idiot“ missbraucht: „Von den guten und offenen Gesprächen bei mir auf dem Hof war nichts übrig geblieben. Statt dessen wurden Zusammenhänge konstruiert, die ich schon vorher kommentiert hatte und die ich auch heute noch für falsch halte.“

3. Der grösste Internet-Hetzer der Schweiz wohnt in einer Villa in Riehen
(tageswoche.ch, Renato Beck & Gabriel Brönnimann)
Die Schweizer „TagesWoche“ hat versucht, mit dem „härtesten rechtsradikalen Troll“ Kontakt aufzunehmen. Als es endlich gelang, kniff er jedoch: „(…) der Mann, der seit Jahren ungestraft im Netz verleumdet, erniedrigt und hetzt, blockt ab, wenn man ihn auf sein Treiben anspricht. Der grösste Internethetzer der Schweiz ist kleinlaut, wenn man ihn konfrontiert. Er ist einer der härtesten Kerle, wenn er hinter seinem Bildschirm sitzt und Menschen öffentlich diffamiert. Zu seinem Tun stehen kann er nicht.“

4. Neue Welten
(sueddeutsche.de, Anna von Garmissen)
Die Zukunft von Regionalzeitungen in der digitalisierten Welt ist ungewiss. Viele Zeitungen kämpfen mit Auflagenrückgängen und schwindenden Werbeerlösen. Die „Ibbenbürener Volkszeitung“ stemmt sich dem Trend mit einem neuen Verkaufsmodell entgegen: Die Leser können sich ihr Wunsch-Abo aus Themenwelten zusammenstellen. Wer alle beziehen will, erhält für vergleichsweise bescheidene 15 Euro den kompletten Zugang. Anna von Garmissen hat sich das Ibbenbührener Experiment näher angeschaut und mit den Ressortleitern und Ressortleiterinnen gesprochen, die dort Kapitäne genannt werden.

5. Die Lücke im Innovationsreport der taz
(medium.com, Lorenz Matzat)
Die „taz“ hat in einem lesenswerten und schonungslos offenen Report die eigenen Schwachstellen aufgedeckt. Dabei geht es u.a. um die inhaltliche Weichenstellung für die Zukunft, um gerechte Löhne für die Journalisten und verpasste Chancen bei der Digitalisierung. Datenjournalist Lorenz Matzat hat den Abschnitt über die Neugründung der „taz“ im Netz besonders aufmerksam gelesen und fragt: „Woher soll die Fähigkeit kommen, “Innovation” umzusetzen? Und ist das alles ohne intensiven Geldeinsatz, personellen Wechsel und grundlegenden Wandel möglich?“

6. „Tatort“ ohne Ton: Keine Überraschungen an der Krimi-Front
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff hat das Experiment gewagt und sich den neuesten „Tatort“ ohne Ton angeschaut. Die Überraschung: das wenig Überraschende.