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Julian Reichelt will den “Spiegel” nicht als Quelle nennen

Anfang Januar jubelte die “Bild”-Redaktion auf ihrer Titelseite:

Ein ziemlich enges Rennen zwischen “Bild” und dem “Spiegel”, 1253 Zitate versus 1252 Zitate. Dass Redaktionen und Journalisten sich freuen, wenn Kollegen ihre “exklusiven Nachrichten, Berichte, Interviews etc.” übernehmen und — mit Nennung des Mediums, das das Exklusivmaterial veröffentlicht hat — über das gleiche Thema berichten, kann man gut verstehen.

Der “Spiegel” hat in seiner aktuellen Ausgabe unter anderem so ein Thema. Es geht um Fußballstar David Beckham:

Der Artikel gehört zur Reihe “Football Leaks”, die der “Spiegel” im vergangenen Jahr gestartet hat. Die gleichnamige Enthüllungsplattform hatte der Redaktion zahlreiche Verträge, E-Mails, Informationen aus der Fußballbranche zugespielt. Gemeinsam mit anderen Redaktionen der “European Investigative Collaborations” hat ein “Spiegel”-Team dieses ganze Material ausgewertet; nun veröffentlicht das Magazin peu à peu neue Enthüllungen.

Die Geschichte über David Beckham basiert auf Millionen E-Mails, die Hacker gestohlen haben. Sie zeigen, dass der frühere Mittelfeldspieler ganz heiß darauf war, von der Queen zum Ritter geschlagen zu werden. Und dass er ganz jähzornig und ausfallend wurde, als das nicht geklappt hat. Außerdem lassen die Mails daran zweifeln, dass Beckham sich völlig uneigennützig für “Unicef” engagiert. Vielmehr scheint dieses Engagement ein wichtiger Baustein seiner Selbstvermarktung und der wertvollen Marke “David Beckham” zu sein.

Gestern berichtete dann auch Bild.de über die Beckham-Mails:

Die “Spiegel”-Autoren Peter Ahrens, Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Christoph Henrichs und Jörg Schmitt hätten sich sicher gefreut, wenn Bild.de ihr Magazin als Quelle genannt hätte. Stattdessen bezieht sich das Portal aber auf das britische Knallblatt “The Sun”:

In einer seiner E-Mails schrieb er dazu laut “The Sun”

“Bis es keine Ritterschaft ist, fuck off”, schrieb er laut der Zeitung “The Sun”.

In den Texten von “Spiegel”, Bild.de und “The Sun” geht es um die gleichen Aspekte zum gleichen Thema mit den gleichen Zitaten.

Einer der “Spiegel”-Autoren, Jörg Schmitt, wandte sich heute per Twitter an “Bild” und Julian Reichelt, der seit einigen Tagen nicht mehr nur Bild.de-Chefredakteur ist, sondern auch Vorsitzender der Chefredakteure der “Bild”-Gruppe:

Reichelt hatte darauf gleich so viel zu erwidern, dass er drei Tweets benötigte:

Nun hat niemand behauptet, dass “The Sun” den “Spiegel” “beklaut” hätte. Und auch die Mitarbeiter der “Sun” selbst tun wahrlich nicht so, als würde die gesamte Beckham-Story von ihnen stammen (auch wenn — und darauf bezieht sich Reichelt — das Boulevardblatt auf seiner Titelseite ein “EXCLUSIVE” gedruckt hat). Ganz im Gegenteil: “The Sun” nennt im Artikel sauber den “Spiegel” als Quelle. Das hätte auch Julian Reichelt rausfinden können, wenn er vor dem Drauflostwittern den “Sun”-Text gelesen hätte, den seine eigene Redaktion gleich zweimal verlinkt hat. Dort steht:

Und auch in all ihren anderen Artikeln zu den Beckham-E-Mails gibt “The Sun” den “Spiegel” als Quelle an. Hier zum Beispiel:

Oder hier:

Oder hier:


Oder hier:

Oder hier:

Oder auch hier:

Darauf, dass “The Sun” den “Spiegel” ordentlich zitiert hat, machte auch “Spiegel”-Redakteur Rafael Buschmann Julian Reichelt aufmerksam:

Doch den interessierte das nicht sonderlich. Stattdessen warf er seine erste Nebelkerze, den ReicheltDauerbrenner Edward Snowden:

Was jetzt genau Edward Snowden mit David Beckham zu tun hat, ist nicht ganz klar. Und seit wann der Geschmack entscheidet, von wem eine Geschichte stammt, auch nicht. Aber mit solchen Details hält sich Julian Reichelt auch nicht lange auf. Stattdessen gleich die nächste Nebelkerze:

Rafael Buschmann versucht es dann noch einmal sachlich und weist Julian Reichelt auf einen faktischen Fehler im Bild.de-Artikel hin. Dort steht nämlich, dass die Website “Football Leaks” die E-Mails von David Beckham veröffentlicht habe — was nicht stimmt. “Football Leaks” hat sie weitergeleitet, verschiedene Medien haben daraus dann Artikel gemacht:

Gebracht hat all das nichts. In dem Bild.de-Artikel wird der “Spiegel” weiterhin mit keinem Wort erwähnt.

Vor knapp drei Wochen, als bekannt wurde, dass “Bild” wegen “Inhalte-Diebstahls” gegen “Focus Online” klagt, sagte Julian Reichelt:

“Für uns geht es hier um das Wertvollste, was wir als journalistische Marke haben: unsere mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte.”

Dass andere Redaktionen für ihre “mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte” gerne den Credit bekommen würden — dafür hat Julian Reichelt dann aber kein Verständnis.

Bild.de widerlegt sich innerhalb von sechs Zeilen selbst

Große Schlagzeile vergangene Woche bei Bild.de:

Viele gesicherte Informationen zu dem Fall gab es noch nicht, als die Redaktion von Julian Reichelt ihren Artikel veröffentlichte: Dass eine tote Frau nackt und gefesselt in einem Flussbett lag. Dass es eine 55-jährige Deutsche sein soll. Und dass die Frau als Touristin auf Bali war. Steht so ja auch in der Überschrift.

In Zeile sechs desselben Artikels schreibt Bild.de:

Mit Dank an Harald C.-H., Ulrich K. und Florian M. für die Hinweise!

Bild.de hat einen falschen Vogel

Das ist aber auch knifflig mit den Sportteams aus Atlanta. Da gibt es die Basketballer der Atlanta Hawks, die in der NBA spielen. Und dann gibt es die Footballer der Atlanta Falcons, die in der NFL spielen und gestern im Super Bowl gegen die New England Patriots verloren haben. Hawks, Falcons — so viele Vögel. Wer soll sich das denn alles merken können?

Also, noch einmal für alle: Die Hawks sind die Basketballer, die Falcons die Footballer. Hawks — Basketball. Falcons — Football. Verstanden?

Fragen wir doch mal die 7-jährige Lisa aus der 1b der Rolf-Töpperwien-Grundschule Barsinghausen: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?

Atlanta Falcons.

Genau. Und wie heißt das Basketballteam aus Atlanta, das in der NBA spielt?

Atlanta Hawks.

Korrekt.

Und jetzt noch mal dieselbe Frage an Julian Reichelt und sein Bild.de-Team: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?

Nee.

Die Hawks/Falcons-Verwechslung von Reichelts Team stammt aus einem Artikel, in dem es vor allem um US-Präsident Donald Trump geht. Der hatte dem US-TV-Sender “Fox” ein Interview gegeben, das kurz vor der Super-Bowl-Übertragung ausgestrahlt wurde. Und in diesem Interview ging es eben auch um Football.

Vier Zeilen später direkt der nächste Klops von Bild.de:

Trump glaubt, dass die Patriots, die letztes Jahr den Super Bowl gewonnen haben, einen Vorteil haben.

Das ist Quatsch. Die New England Patriots haben 2016 nicht den Super Bowl gewonnen. Sie haben nicht mal mitgespielt. Die Denver Broncos haben vergangenes Jahr die Carolina Panthers besiegt und den Titel geholt.

Das falsche Team aus Atlanta, der falsche Super-Bowl-Sieger — das hätte Reichelts Redaktion mit zwei Zehn-Sekunden-Google-Recherchen alles verhindern können. Einen anderen Fehler zum Super Bowl hätte Bild.de vermeiden können, wenn der für den Live-Ticker zuständige Mitarbeiter wenigstens ordentlich hingeschaut hätte:

Das würde ja bedeuten, dass George W. Bush inzwischen mit seiner Mutter verheiratet ist. Er war es natürlich nicht, der zusammen mit Barbara Bush “auf den Rasen geführt wurde”, sondern sein Vater George H. W. Bush.

Mit Dank an Alexander L., Jan H., @simpsons3 und @macerarius für die Hinweise!

waz.de  

Ganz schlechte Idee (Symbolbild)

Ein Säugling, der Anfang Januar mit schweren Verletzungen in eine Klinik gebracht wurde, ist am vergangenen Montag gestorben.

Die Redaktion der “WAZ” berichtet heute online über den Tod des zehn Wochen alten Jungen. Und hielt es für eine gute Idee, dieses Symbolfoto für den Artikel zu nehmen:

Nach empörten Leserkommentaren (“Das ist nicht Ihr Ernst …”) hat die Redaktion eingesehen, dass die Wahl vielleicht doch nicht ganz angemessen war, und das Bild ausgetauscht:

Mit Dank an Daniel für den Hinweis!

Bild, Bild.de, oe24.at  etc.

Beim EU-Stifte-Verbot wird’s “Bild” zu bunt

Welche Bausteine braucht eine Redaktion, wenn sie ihren Lesern mit einem einzigen Artikel mal wieder vor Augen führen will, wie blöd die Europäische Union eigentlich ist?

Irgendwas mit Regulierung wäre gut, am besten ein Regulierungs-Irrsinn. Und ein Verbot müsste es geben. Immer wollen diese Eurokraten uns Bürgern was verbieten. Und dann müsste die ganze Sache im Verborgenen abgelaufen sein. Und man müsste noch mal klarmachen, dass das alles Firlefanz ist und es doch eigentlich ganz andere, wichtigere Probleme in Europa gibt, die man anpacken müsste. Und wenn dann noch durch Kinder Emotionen im Spiel sind — Bingo!

Dirk Hören, bei “Bild” eigentlich für die Zahlenjonglage verantwortlich, hat so eine eierlegende EU-Wollmilchsau gefunden. Vergangenen Freitag präsentierte er sie auf der Titelseite des Blatts:

Und auch bei Bild.de erschien sein Text:

Das geht in der Überschrift ja schon mal gut los: Verbot durch die Eurokraten ✅

Und auch der Artikeleinstieg in der “Bild”-Zeitung …

Neuer EU-Irrsinn

… beziehungsweise bei Bild.de …

Neuer Regulierungs-Irrsinn aus Brüssel

… passt perfekt ins EU-Bashing. Doppeltreffer: Regulierung ✅ Irrsinn ✅

Wie sieht’s aus mit der Heimlichtuerei in Brüssel? Auch da hat Dirk Hören was:

Die EU hat — unbemerkt von der Öffentlichkeit — die Grenzwerte für Blei in Kinderspielzeug drastisch verschärft.

Agieren im Verborgenen ✅

Und der Firlefanz? Für den Punkt nutzt Hören ein Zitat von CSU-Politiker Markus Ferber:

Der CSU-EU-Abgeordnete Markus Ferber: “Es wäre besser, die großen Probleme anzupacken, statt Kinder in ihrer Kreativität einzuschränken.”

Um Wichtigeres kümmern ✅
Arme Kinder ✅

Andere Medien berichteten ebenfalls über die EU-Entscheidung und bezogen sich dabei größtenteils auf den “Bild”-Artikel. Als Beispiel hier das österreichische Knallportal oe24.at, das von dem angeblichen Stifte-Verbot besonders “genervt” war:

Es ist so: Die Europäische Union hat die Grenzwerte für Blei in Kinderspielzeug gesenkt. Davon sind unter anderem auch Buntstifte und Wasserfarben betroffen. Buntstifte dürfen ab 2018 nur noch zwei Milligramm Blei pro Kilogramm Spielmaterial enthalten. Bisher sind 13,5 Milligramm erlaubt. Bei Wasserfarben wurde der Grenzwert von 3,4 auf 0,5 Milligramm herabgesetzt.

Dirk Hören schreibt:

Das Problem: Fast alle Kinder-Farben enthalten den Füllstoff Kaolin und das Weißpigmet Titandioxid. Das sind Mineralien aus der Erdrinde und enthalten deshalb von Natur aus geringste Spuren Blei, die chemisch nicht entfernt werden können. Betroffen von dem Verbot sind vor allem helle Farbtöne, weil sie viel Weißpigmet enthalten.

Also können Kinder jetzt bald gar nicht mehr mit Buntstiften und Wasserfarben malen? Werden sie in ihrer Kreativität eingeschränkt, wie CSU-Mann Ferber behauptet? Mitnichten.

Noch am selben Tag, an dem der “Bild”-Bericht erschien, veröffentlichte die Deutschland-Vertretung der Europäischen Kommission eine “Klarstellung”:

Gleich zu Beginn heißt es:

Die Europäische Kommission weist einen Bericht der “Bild”-Zeitung zurück, laut dem die EU Buntstifte und Wasserfarben verbiete.

Die niedrigeren Grenzwerte für Blei in Spielzeug basierten “auf den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die bestätigen, dass Blei gerade für Kinder giftiger ist, als man viele Jahre glaubte.” Neueste Daten zeigten, “dass es keinen sicheren Grenzwerte für Blei gibt und dass sogar kleinste Mengen schädlich für die Entwicklung des kindlichen Gehirns sein können.”

Ein Großteil der betroffenen Spielzeuge erfülle bereits die notwendigen Grenzwerte für Blei, “drei Arten von Malwerkzeugen” habe man allerdings entdeckt, “von denen einige wenige die strengeren Grenzwerte nicht erfüllen: Fingerfarben, Buntstifte und Wasserfarbenkästen.” Dazu schreibt die Deutschland-Vertretung der Europäischen Kommission auf ihrer Facebook-Seite:

70 bis 80 Prozent der Buntstifte und Wasserfarben erfüllen die schärferen Blei-Grenzwerte aber bereits locker. Buntstifte und Wasserfarben wird es weiter zu kaufen geben, die “Kreativität der Kinder” wird also nicht eingeschränkt.

Einen Tag später griffen “Bild” und Dirk Hören das Thema noch einmal auf:

Die Info, dass die Kommission einen “Bericht der ‘Bild’-Zeitung” zurückgewiesen hat, hat leider nicht mehr in die kurze Meldung gepasst.

Mit Dank an Johannes K. und Jan H. für die Hinweise!

BILDblog dankt

Schon wieder ist ein Monat rum — höchste Zeit also, dass wir uns bei all denen bedanken, die mit ihren Überweisungen dazu beitragen, dass es das BILDblog überhaupt gibt. Wir schaffen es leider zeitlich nicht, jeden Einzelnen bei StudiVZ zu suchen, zu finden und zu gruscheln. Dafür gibt es hier aber jeden Monat ein großes SammelDankeschön.

Sollte Ihr Name noch nicht in der Liste unten auftauchen, obwohl Sie große Lust hätten, mal einen Dank vom BILDblog zu bekommen — kleiner Tipp: Es ist ganz einfach, uns zu unterstützen. Und Leuten, die einen Dauerauftrag einrichten, danke wir auch jeden Monat aufs Neue.

Also, 1000 Dank für die tolle Unterstützung im Januar an:

Achim K., Alexander H., Andrea S., Andreas F., Andreas H., Andreas K., Andreas L., Andreas N., Andreas P., Andreas R., Andreas W., Angela Z., Anika S., Anja C., Anna S., Arne L., Bastian C., Benedikt S., Benedikt v. W., Benjamin B., Benjamin M., Berenike L., Bianca B., Björn R., Björn T., Bo G., Bodo S., Carsten S., Christian B., Christof S., Christoph M., Claudia H., Daniel H., Dario S., David R., Dennis B. H., Dietmar N., Dirk A., Dominique T., Dorothea A., Eik L., Ekkart K., Elias I., Elmar M., Fabian L., Fabian Ü., Flemming B., Florian J., Frank V., Frank W. B., Frank W., Friedhelm K., Gerhard D., Gesine D., Gregor A. K., Guido R. S., Hannes R. S., Hans-C. O., Heiko H., Heiko K., Henning F., Henning R., Holger B., Ingo v. L., Ingrid B., Ivan B., Jacob D., Jan N. K., Jan O. W., Jan P. S., Jan P., Jan-P. B., Jan-R. H., Jennifer H., Jens B., Jens D., Johannes K., Johannes L., Johannes P., Jonas S., Jörn L., Julia T., Jürgen S., Katrin U., Klaus W., Klaus-D. S., Lars K., Lena-L. V., Leonard B., Lothar K., Manuel O., Marc B., Marc S., Marcel B., Marcel S., Marco S., Marco W., Marcus H., Marcus K., Marcus S., Margit G., Mario U., Markus K., Martin M., Martin R., Martin S., Martin W., Matthias B., Matthias M., Matthias S. S., Maximilian W., Michael K., Michael N., Michael R., Michael S., Michael W., Michaela G., Moritz D. B., Moritz D., Moritz K., Moritz V., Nicole P., Nikola M., Nils D., Nils K., Nils P., Olaf P., Oliver K., Oliver M., Oliver R., Patrick W., Paul-B. R., Peter J., Peter K., Peter S., Peter W., Philipp G., Philipp H., Philipp S., Philipp W., Pia K., Robert K., Roman K., Sandra C. K.-W., Sascha S., Sascha-S. H., Sebastian F., Sebastian G. H., Simon S., Simon T., Stanley S., Stefan L., Stefan R., Steve H., Sumangali S., Sven F., Thomas E., Thomas H., Thomas L., Thomas M., Thomas S., Thorsten B., Till W., Tilman H., Tim H., Tobias H., Tobias W., Toralf B., Torsten P., Udo G. G., Ute S., Uwe F., Uwe K., Verena F., Volker B., Volkmar D., Werner R. B., Wiebke S., Yannic S., Yannick B., Yvonne T., Zeno K.!

Sehen alle gleich aus (13)

Manchmal schreiben Fußballreporter ja, dass Abwehrspieler XY “auf der Auswechselbank versauert”. Oder dass er dort “schmort”. “Abwehrspieler XY ist auf der Auswechselbank ein Bart gewachsen und er ist acht Zentimeter größer geworden” liest man hingegen nicht so häufig. Ist jetzt aber gerade erst passiert, beim FC St. Pauli, laut Bild.de:

Die “Höchststrafe” für Pauli-Profi Marc Hornschuh soll darin bestanden haben, dass er am Sonntag beim Zweitligaspiel gegen den VfB Stuttgart die gesamte Zeit auf der Bank sitzen musste, und Trainer Ewald Lienen ihn nicht einwechselte.

Und so ereignete sich dann im Millerntor-Stadion diese beachtliche Metamorphose: Da setzt sich Hornschuh ohne nennenswerten Bart und 1,88 Meter groß vor dem Spiel auf die Auswechselbank. Und nach 90 Minuten hat er einen Vollbart, ist 1,96 Meter groß und sieht aus wie sein Teamkollege Lasse Sobiech:

Gut, zugegeben: Marc Hornschuh hat sich durch seinen Bankaufenthalt gar nicht verändert. Es handelt sich schlicht um eine Verwechslung durch Bild.de.

Wobei: Die Quelle des Fehlers liegt in diesem Fall hauptsächlich gar nicht mal bei der Redaktion. Der “Getty”-Fotograf Stuart Franklin, von dem das Foto von Lasse Sobiech stammt, hat es mit “Marc Hornschuh” verschlagwortet. Und auch Franklin kann man keinen allzu großen Vorwurf machen. Denn wenn man sich das komplette Foto anschaut, sieht man, dass das linke Bein der Trainingshose von Sobiech mit der Nummer 16 beflockt ist. Und das ist die Rückennummer von Marc Hornschuh.

Inzwischen hat auch die Bild.de-Redaktion den Fehler bemerkt und das Foto ausgetauscht.

Mit Dank an @tmigge und @stammtischphilo für Hinweis und Hilfe!

Mit einem Klick zur Schizophrenie

Was ist schlimmer als Dr. Google? Richtig: Psycho-Doc Bild.de. Die Küchenpsychologen aus dem Axel-Springer-Hochhaus haben heute diesen Artikel auf ihrer Startseite veröffentlicht:

Jaha, so einfach ist das: Einmal kurz bei Bild.de vorbeigesurft, Foto angeschaut — zack — schon weiß man, ob man schizophren ist oder nicht.

Eigentlich gilt die Diagnose einer schizophrenen Psychose als recht schwierig, häufig wird die Erkrankung erst Jahre nach ihrem Ausbruch von Ärzten erkannt. Das Versprechen auf der Bild.de-Startseite hingegen: alles kinderleicht.

“DIESES BILD”, mit dem die Redaktion das Versprechen erfüllen will, ist eine sogenannte Hollow-Face-Illusion. Die Gesichtsmaske, die nach innen gewölbt ist, wird von den meisten Menschen als nach außen gewölbt wahrgenommen. Das Gehirn spielt dem Betrachter einen Streich. Dieses Video einer rotierenden Charlie-Chaplin-Maske zeigt den Effekt ganz schön.

Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover haben 2009 einen Test durchgeführt: Sie haben Probanden mit einer schizophrenen Psychose und Probanden, die nicht schizophren sind, die Hollow-Face-Illusion gezeigt. Die Teilnehmer mit schizophrener Psychose haben die nach innen gewölbte Maske als nach innen gewölbte Maske erkannt; die Teilnehmer ohne schizophrener Psychose haben sie als nach außen gewölbtes Gesicht wahrgenommen.

Acht Jahre später wollen die Hobbydoktoren von Bild.de diesen Test also noch einmal machen. Aber …

Aber kann ein einziges Bild die Krankheit aufdecken?

JA!, sagen Forscher der Uni Hannover

Nach aktuellem Stand sind — der Bild.de-Logik folgend — 14 Prozent der knapp 100.000 Teilnehmer schizophren:

Erst fünf Absätze, nachdem man das Ergebnis bekommen hat, und nachdem Bild.de auf der Startseite “DIESES BILD SAGT ES DIR! Bist du schizophren?” getitelt hat und über den Artikel “EINMAL ANSCHAUEN REICHT! — Dieses Bild sagt dir, ob du schizophrene Züge hast” geschrieben hat und im Artikel behauptet hat, dass “ein einziges Bild die Krankheit aufdecken” könne, kommt diese Einordnung:

Wenn man sich zum Beispiel jetzt “Sorgen macht”, weil man beim großen Bild.de-Schizophrenie-Test zu den 14 Prozent gehört.

Welt.de hat vorgestern auch über die optische Täuschung und den Versuch mit der Hollow-Face-Illusion berichtet. Im Gegensatz zu ihren Springer-Kollegen von Bild.de hat die Welt.de-Autorin allerdings darauf verzichtet, aus dem Thema ein Spiel und die eigenen Leser zu Testobjekten zu machen, und direkt am Anfang das Ganze ordentlich eingeordnet:

Kann man mit Hilfe einer einfachen optischen Illusion eine psychische Krankheit erkennen? Nein, ganz so einfach ist es natürlich nicht.

Aus Fremden Aliens machen

Unter den Leuten, die von Donald Trumps diskriminierendem Einreiseverbot für Muslime betroffen sind, sind auch bekannte Wissenschaftler, Politiker, Popstars, Schauspieler, Sportler. Mo Farah schien zum Beispiel dazuzugehören. Der Brite, geboren in Somalias Hauptstadt Mogadischu, ist Leichtathlet. Er hat bereits viermal Gold bei den Olympischen Spielen gewonnen, Weltmeisterschaften gewonnen, Europameisterschaften gewonnen.

Farah lebt seit sechs Jahren in den USA, aktuell ist er im Trainingslager in Äthiopien. Und weil er natürlich irgendwann wieder zurück zu seiner Familie will, machte er sich gestern Sorgen. Schließlich gehört Somalia (neben Iran, dem Irak, dem Jemen, Libyen, dem Sudan und Syrien) zu den sieben Ländern, deren Bürger nach der “Executive Order” von US-Präsident Trump für 90 Tage nicht in die USA reisen dürfen. Mo Farah veröffentlichte zu dem Thema einen Facebook-Post. Und daraus machte Bild.de wiederum diesen Artikel:

Im Text steht:

Für Farah (lebt in Portland/Oregon) ein Unding. Der britische 5000- und 10.000-m-Olympiasieger von London und Rio de Janeiro bei Facebook: “Am 1. Januar dieses Jahres hat mich ihre Majestät die Königin zu einem Ritter des Königreichs geschlagen. Am 27. Januar scheint mich Präsident Donald Trump zu einem Alien gemacht zu haben.”

Farahs Kritik an Trump kann man gut verstehen. Aber “zu einem Alien gemacht” ist ja schon eine bemerkenswerte Formulierung. Mal nachsehen, was der Sportler wortwörtlich bei Facebook geschrieben hat

Hier, direkt im ersten Absatz:

On 1st January this year, Her Majesty The Queen made me a Knight of the Realm. On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.

Klar, liebe Bild.de-Linguisten, “alien” kann in bestimmten Fällen durchaus “Alien” heißen. In der Regel heißt es allerdings “Ausländer” oder “Fremder” oder “Fremdling”. Genauso wie damals, als ihr vor neun Jahren meintet, dass ein Ku-Klux-Klan-Aktivist in Barack Obama einen “Außerirdischen” sieht.

Die Sportnachrichten-Agentur “sid” hat Mo Farahs “alien” ebenfalls mit “Alien” übersetzt. Und so taucht die “sid”-Meldung mitsamt der “Alien”-Aussage zum Beispiel bei “Zeit Online” und bei freiepresse.de auf. Die “Stuttgarter Zeitung” schreibt hingegen, dass Farah meint, von “Präsident Donald Trump anscheinend zum Fremden gemacht” worden zu sein.

Mo Farah wird nach dem Trainingslager in Äthiopien übrigens wieder in die USA reisen können. Trumps Einreiseverbot gilt für ihn nicht.

Mit Dank an Frank B. für den Hinweis!

“TV Movie” sieht Gespensterfilm

Eine der wichtigeren Fragen dieser Tage lautet ja: Wie wird eigentlich der zweite Teil von “Fifty Shades of Grey”, der in knapp einer Woche in die Kinos kommt?

Hm, mal sehen — wer könnte da eine Antwort liefern? Ah, hier, die “TV Movie” hat den Film offenbar schon gesehen:

TV MOVIE MEINT Wenn es um die filmische Umsetzung ihrer erotische (sic) Fantasien geht, versteht “Grey”-Autorin E.L. James keinen Spaß — der Streit um die kreative Kontrolle führte zum Beispiel zum Zerwürfnis mit der Regisseurin und Drehbuchautorin des ersten Teils. Die Fortsetzung inszenierte James Foley (“House of Cards”), das Drehbuch schrieb ihr Ehemann Niall Leonard. Ebenso wie der Vorgänger bietet auch Teil 2 stylishe Bilder und geschmackvoll inszenierte Sexszenen, inhaltlich aber mehr: Die Thriller-Handlung sorgt für Düsternis und Spannung. Nicht zuletzt dank Kim Basinger, die als mysteriöse Schmerzexpertin “Mrs. Robinson” ein belebendes Element darstellt.

Ja, gut, klingt jetzt etwas austauschbar: “stylishe Bilder”, “geschmackvoll inszeniert”, “Düsternis und Spannung”. Und auch die Posse mit dem Zerwürfnis konnte man sicher schon irgendwo nachlesen. Und auch die Infos aus der Inhaltsangabe im Absatz davor (“sechs harte Schläge auf den nackten Po”, “ein geheimes Verlangen nach dem Mann”, “Schatten der Vergangenheit lassen Christian nicht los” und so weiter) könnte der anonyme Autor dieser Kritik natürlich gar nicht aus dem Film haben, sondern aus dem dazugehörigen Buch.

Aber die “TV Movie”-Redaktion — nach eigenen Angaben immerhin “Europas härteste Filmredaktion” — wird den neuen “Fifty Shades of Grey” bestimmt schon gesehen haben. Wie sollte sie sonst auf diese abschließende Bewertung kommen?

Jetzt gibt es bloß so ein doofes Gerücht: Auf der Facebookseite von “TV Spielfilm” steht, dass “der Film noch gar keinem Journalisten gezeigt worden ist”. Und ein Anruf beim Verleiher “Universal Pictures” bestätigt das: Der Kritiker der “TV Movie” kann den Film noch gar nicht gesehen haben.

Auf dieser Grundlage hier mal die Bewertung von Europas härtester Filmkritikredaktion — uns — zur aktuellen “TV Movie”:

Kackdreiste Kritik: noch unehrlicher, unjournalistischer — dafür mit ganz viel Unverschämtheit!
Fantasie

Ehrlichkeit
 
Chuzpe

Ausdenfingernsaugen

Journalismus
 
Leserverarsche

Mit Dank an Peter M. für den Hinweis!

Nachtrag, 18:15 Uhr: Was die “Bauer Media Group”, bei der die “TV Movie” erscheint, zu dem Vorfall sagt, steht übrigens bei “DWDL” (Spoiler: Die Unternehmenssprecherin bestreitet nicht, dass die Redaktion den Film gar nicht gesehen hat).

Nachtrag, 31. Januar: “Viel nackte Haut”, “aufregendes Kribbeln”, “etwas mehr Tiefgang und einen Extraschuss Thrillerspannung” — auch die Hellseher Filmseher von “TV direkt” haben sich eine Allgemeinplatz-Kritik zum zweiten Teil von “Fifty Shades of Grey” ausgedacht:

Mit Dank an Horst S. und @ChristianZiVers für die Hinweise!

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