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Wikipedias Sachsen-Sperre, “Bild” vs. Gack, Bär “nicht ausgebootet”

1. Wikipedia sperrt 62.000 sächsische Rechner aus
(t-online.de, Lars Wienand)
An der freien Enzyklopädie Wikipedia kann prinzipiell jeder mitschreiben. Dies machen sich auch im politischen Umfeld arbeitende Menschen zunutze, indem sie für sie unvorteilhafte Passagen umschreiben oder einfach löschen. Ein Wikipedia-Administrator wusste sich in einem aktuellen Fall (Rassismus in Sachsen/Bewertung von Pegida) nicht anders zu helfen, als anonyme sächsische Landesbedienstete und Mitarbeiter des sächsischen Landtags vom Editieren der Wikipedia auszuschließen.

2. Wehe dem, der gegen den Strom schwimmt!
(nachdenkseiten.de, Jens Berger)
Die ZDF-Sendung „heute“ ging der Frage nach, ob in der syrischen Stadt Duma geächtete Chemiewaffen eingesetzt wurden und befragte dazu in einer Zwei-Minuten-Schalte ihren Korrespondent Uli Gack. Dieser berichtete über Augenzeugenaussagen aus einem Flüchtlingslager, nach denen es sich um eine Inszenierung der Islamisten gehandelt haben könne, wies aber ausdrücklich daraufhin, dass es sich um keine gesicherten Erkenntnisse handeln würde. Daraufhin ergoss sich der geballte Twitterhass der „Bild“-Autoren Björn Stritzel, Julian Röpcke sowie ihres Chefs Julian Reichelt über ihm.
Jens Berger hat den Vorgang unter Zuhilfenahme der jeweiligen Tweets aufgearbeitet und erklärt, was er an der Vorgehensweise der „Premium-Trolle“ besonders verwerflich findet.

3. „Cumhuriyet“-Journalisten verurteilt
(taz.de, Wolf Wittenfeld)
Im Prozess gegen Mitarbeiter der linksliberalen türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ sind hohe Haftstrafen ergangen. Von den 17 Angeklagten wurden 14 wegen angeblicher Unterstützung von wahlweise gleich drei „Terrororganisationen“ zu Haftstrafen bis zu acht Jahren verurteilt, darunter der Herausgeber, der Chefredakteur und der bekannteste Reporter des Blatts.
Weiterer Lesetipp: Meşale Tolu darf die Türkei weiterhin nicht verlassen (sz.de)

4. Verhandlungen unterbrochen
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband und der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger konnten sich bislang nicht über einen neuen Gehaltstarifvertrag für die rund 13.000 Zeitungsjournalisten einigen. Die Verleger hätten ein Angebot vorgelegt, das unter der Teuerungsrate liegen würde, was von Journalistenseite als nicht hinnehmbar abgelehnt wurde. Nun haben die Journalistenvertreter die Verhandlungen unterbrochen und wollen das weitere Vorgehen in ihren Gremien besprechen. Damit droht eine Fortsetzung bzw. Ausweitung der Streiks.
Weiterer Lesetipp: DJV-Chef Frank Überall: “In so einem Laden würde ich nicht arbeiten wollen” (kress.de, Bülend Ürük) über die Reaktion der Condé-Nast-Deutschland-Geschäftsführung auf ein anonymes Schreiben an alle Mitarbeiter, einen Betriebsrat zu gründen.

5. Ein wirklich mysteriöser Todesfall
(faz.de, Nikolai Klimeniouk)
Der russische Investigativjournalist Maxim Borodin recherchierte, bevor er unter ungeklärten Umständen vom Balkon seiner Wohnung stürzte, über russische Söldner in Syrien. Die Behörden würden von Selbstmord oder Unfall reden, dabei jedoch so oft lügen, dass man selbst den plausibelsten Auskünften nicht trauen könne.

6. »Die Bundeskanzlerin hat mich nicht ausgebootet«
(zeit.de, Marc Brost, Video, 1:33 Minuten)
Seit kurzem ist Dorothee Bär (CSU) Staatsministerin für Digitalisierung. Doch nun wird bekannt, dass Bundeskanzlerin Merkel parallel ihre wichtigste Vertraute Eva Christiansen zur Digitalbeauftragten ernannt hat. Marc Brost von der „Zeit“ hat der Ministerin die alles entscheidende Frage gestellt, wie es zusammenpasst, dass man Digitalisierung erst in eine Hand geben wollte und es jetzt immer mehr Hände werden.

7. Exclusive Interview: President Trump on Fox & Friends
(youtube.com, Fox News)
Als Bonus fürs Wochenende noch eine letzte Empfehlung: Donald Trump hat bei seinem Lieblingssender „Fox News“ angerufen und „plaudert“ dort mit drei Moderatoren über Politik. Es ist eine Art dreißigminütiger Monolog, in dem er schreit und tobt und wütet, und für den ein Youtube-Kommentierer folgende Zusammenfassung gefunden hat: „When you talk policies with your crazy Uncle.“

Verschwörungsbusiness, Rosa müffelt, Trainingscamp für “Hasis”

1. „Verschwörungstheorien sind ein Riesengeschäft“
(wiwo.de, Niklas Dummer)
Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und hat ein Buch über Verschwörungstheorien verfasst. Im Gespräch mit der „Wirtschaftswoche“ erklärt er, wie Verschwörungstheorien funktionieren und wie damit Geld verdient wird.

2. Video: Pink stinks – Geschlechterklischees
(daserste.de, Christiane Steckfuß, Video, 6:16 Minuten)
Die Hersteller von Kinderspielzeug haben erkannt, wie gut man daran verdienen kann, wenn man Spielzeug in blauen und und rosafarbenen Varianten auf den Markt wirft. „Gendermarketing“ heißt das Ganze und richtet sich schon an Grundschulkinder bzw. deren Eltern. Stevie Meriel Schmiedel von „Pinkstinks“ sieht das besonders kritisch. Durch die Genderisierung des Spielzeugs würden alte Geschlechterrollen unreflektiert weitergegeben. Doch Gendermarketing beschränkt sich nicht nur auf Spielzeug, erklärt Schmiedel, und weist auf einen interessanten Aspekt hin: „Wenn Sie mal auf Duschgel oder andere Produkte für Kinder gucken: Mädchen gucken immer den Betrachter an, ob sie jetzt Cartoon oder reell sind, und lächeln, und die Jungs schauen irgendwo in die Weite und sind gerade in Aktion begriffen. Und diese zwei Klischees, es ist unfassbar, findet man überall.“

3. YouTube schaltet weiterhin Werbung vor extremistischen Inhalten
(heise.de, Tilman Wittenhorst)
YouTube hat weiterhin mit einem peinlichen Problem zu kämpfen: Schlimm genug, dass auf der Plattform rassistische oder antisemitische Videos erscheinen. Doch diese werden von YouTube oftmals auch noch mit Werbeclips seriöser Unternehmen wie Adidas, Amazon und Netflix versehen.

4. Muss es immer pompös sein?
(faz.net, Oliver Jungen)
In Köln trafen sich die Filmbranche zum „Serien-Summit“, in der es um die Zukunft der deutschen Serie ging. Von drei Serienmachern aus dem Ausland konnte man lernen, dass auch mit verhältnismäßig kleinen Budgets gute Ergebnisse erzielbar sind.

5. Ein Trainingscamp für “Hasis”
(sueddeutsche.de, Ulrike Schuster)
Jahrelang soll ein WDR-Korrespondent junge Frauen sexuell belästigt haben, die er in einem von ihm veranstalteten Journalismus-Seminar traf. Die Geschichte beginnt bereits in den Neunziger Jahren und der Sender hatte lange Kenntnis von den Vorwürfen, doch eine tatsächlich wirksame Reaktion gab es erst jetzt.

6. Wahnsinnig unsympathisch, ne?
(uebermedien.de, Video, 0:52 Minuten)
In einer Folge von „Germany’s Next Topmodel“ konfrontiert die Online-Chefredakteurin von „Bunte“ Julia Bauer die Kandidatinnen mit vermeintlich „dunklen Geheimnissen“ aus ihrer Vergangenheit und stellt ihnen eine Frage, die sie, nun ja, auch ihrem Spiegelbild hätte stellen können.

32 frohe Botschaften, Unruhe im Funkhaus, Springerknechtle Bechtle

1. Die Welt wird immer besser
(faz.net, Hans Rosling)
Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man leicht den Eindruck bekommen, dass alles schlechter wird auf unserer Erde. Das liegt daran, dass über Verschlechterungen in der Regel viel und über Verbesserungen in der Regel wenig berichtet wird. Der im Februar 2017 verstorbene Wissenschaftler Hans Rosling hatte es sich zur Aufgabe gemacht, auf die positiven Veränderungen hinzuweisen.
 In einem Gastbeitrag für die „FAZ“ gibt es sein Vermächtnis: 32 gute Botschaften! Beachtens- und lesenwert wegen der Grafiken mit den positiven Entwicklungen, aber auch wegen der Gedanken drumherum.

2. Unruhe im Funkhaus
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Beim „WDR“ rumort es: Nach Belästigungsvorwürfen gegen einen weiteren Mitarbeiter hat der Sender externe Anwälte mit der Aufklärung von Vorwürfen der sexuellen Belästigung innerhalb der Anstalt beauftragt. Inwieweit eine transparente Aufklärung der Fälle erfolgt, ist fraglich: „Persönlichkeitsschutz und Arbeitsrecht heißen ganz offenbar die Linien, hinter die sich der WDR bislang immer wieder zurückzieht. Parallel wird immer deutlicher, dass offenbar sehr viele im Haus sehr lange schon von den Vorwürfen wussten, sich aber nicht trauten, dies anzusprechen.“

3. Springerknechtle Bechtle
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Ein Ausflug in die Zeitgeschichte: 1968 wurde der Wortführer der Studentenbewegung Rudi Dutschke niedergeschossen. Viele Menschen machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, die lange gegen Dutschke und die aufbegehrenden Studenten gehetzt hatte. Josef-Otto Freudenreich erzählt die Geschichte der Springer-Blockade in Esslingen. Dort hatten sich Demonstranten versammelt, welche die Auslieferung des Boulevardblatts verhindern wollten.

4. Das Bild der Bauern
(ndr.de, Oda Lambrecht & Christian Baars)
Immer wieder gibt es Berichte, die sich kritisch mit der Landwirtschaft und ihren Folgen für Mensch, Umwelt und Tier auseinandersetzen. Berichte, die von Landwirten oft als einseitig empfunden werden. Ihre Antwort: Das Herstellen einer Gegenöffentlichkeit durch die Online-Veröffentlichung eigener Berichte, Fotos und Videos.

5. Auf Youtube ist die Erde eine Scheibe
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Wegen des Datenskandals richten sich momentan alle Augen der Welt auf Facebook, doch auch Google hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Videoplattform erweise sich, so Adrian Lobe, „immer mehr als Katalysator für Verschwörungstheorien und Hassbotschaften, die dem erklärten Ziel der Mutterfirma Google, «die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen», zuwiderlaufen.“

6. Hustensaft Jüngling hat uns den Facebook-Skandal erklärt
(noisey.vice.com, Nina Damsch)
Als Rausschmeißer fürs Wochenende ein Chat-Interview der besonderen Art: Was würde der deutsche Rapper „Hustensaft Jüngling“ an Mark Zuckerbergs Stelle tun? Sollten wir alle Facebook löschen? Hängen die coolen Kidz überhaupt noch da ab? Und ist Mark Zuckerberg wirklich ein Roboter, wenn nicht sogar ein Reptiloid?

Amokfahrt von Münster, Weg mit der Börse, Medien, die auf Türen starren

1. Anschlag? Amoktat? Todesfahrt?
(taz.de, Daniel Bouhs)
Sollten Medien sich bei unsicheren Lagen frühzeitig auf ein Szenario festlegen? Und hat die Polizei nach dem Vorfall in Münster mit mehreren Stimmen gesprochen wie vom Digitalableger der „Rheinischen Post“ behauptet? „RP Online“ hatte relativ früh von einem „Anschlag“ gesprochen, sich danach aber transparent korrigiert. Auch die ARD glaubte an das Werk von Terroristen und hatte bereits einen „Brennpunkt“ angesetzt. Dort ruderte Programmdirektor Volker Herres zurück und erklärte auf Twitter, weshalb man auf die Sendung verzichtet habe.
Weitere Lesetipps: Bei „Spiegel Online“ schreibt Arno Frank über die Tweets der AfD-Politikerin Beatrix von Storch: „Es ist hier eine ganz spezielle Armseligkeit am Werk, die durch soziale Medien ihre volle Kraft entfaltet.“
In Gegen die Panik plädiert Dirk von Gehlen für mehr Social-Media-Gelasenheit und stellt einen Sieben-Punkte-Plan für Besonnenheit und Ruhe vor. (sz.de, Dirk von Gehlen)

2. Alles für die Blase
(sueddeutsche.de, Alexander Mühlauer)
In der so bezeichneten “Brussels Bubble” tummeln sich alle, die sich als Teil der EU-Machtmaschine verorten. Für diese Zielgruppe aus Kommissaren, Abgeordneten, Lobbyisten und Journalisten gibt es die Europa-Ausgabe von „Politico“. Es sei ein „exklusiver Club für Leser, die es sich leisten können, für Informationen zu zahlen“, schreibt Alexander Mühlbauer. In Amerika gäbe es bereits „Pro-Abos“, die bei Organisationen im hohen fünfstelligen Bereich liegen können: „Die Frage ist allerdings, was das noch mit klassischem Journalismus zu tun hat, denn Politico schließt damit den Großteil der Öffentlichkeit aus. Es ist vielmehr ein exklusiver Leserclub für Zahlungskräftige. Eine Pflichtlektüre kann das nur äußerst bedingt sein, schließlich ist es für viele schlicht zu teuer.“

3. Eben noch auf der Straße, jetzt in der Kunstgalerie
(faz.net, Andrea Diener)
Das Verfassungsgericht hat sich mit der sogenannten Straßenfotografie beschäftigt. Das Gericht habe einerseits die Legalität der Straßenfotografie unterstrichen und andererseits Grauzonen geschaffen, wie Andrea Diener in der “FAZ” schreibt: „Die Aushandlung dieser neu geschaffenen Grauzone dürfte wieder einige Jahrzehnte lang die Fotografen in die Verzweiflung treiben – bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder mehr als hundert Jahre dauert, bis sich an der Gesetzeslage etwas bewegt.“

4. YouTube statt TV: Diese Sender bieten Millionen-Reichweiten günstig auf der Video-Plattform an
(omr.com, Torben Lux)
Sollen TV-Sender ihre Inhalte nicht nur in der eigenen Mediathek, sondern auch auf Youtube veröffentlichen? Dafür sprechen die kostengünstige Reichweiten- und Zielgruppenvergrößerung und die Werbeeinnahmen, dagegen die Verstärkung der Publikumsabwanderung. „Veescore“-Gründer Christoph Burseg hat die Performance deutscher Fernsehsender und einzelner Formate ausgewertet und stellt die zehn erfolgreichsten Kanäle vor.

5. Fernsehen für die Parallelgesellschaft
(spiegel.de, Thomas Fricke)
Thomas Fricke widmet sich einer der „verrücktesten Minderheitensendungen, die es je gab“, der “Börse vor acht“ (ARD): „Nun ist jede Minderheit bei uns natürlich willkommen – und darf nicht einfach diskriminiert werden. Klar. Und es ist natürlich auch wichtig, dass Unternehmen Geld bekommen; und die Leute was über Wirtschaft lernen. Muss es aber unbedingt Börsen-TV sein? Zur besten Sendezeit? Ab ins Nachtprogramm damit! Da, wo Fernsehen für Sonderbares sonst ja auch hin verschoben wird.“

6. Warten auf Puigdemont
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video, 2:22 Minuten)
Die Blicke der Welt, so schien es, waren auf eine Tür gerichtet: Unzählige Medienvertreter hatten sich im schleswig-holsteinischen Neumünster versammelt, um den Moment festzuhalten, in dem der katalanische Separatistenführer Carles Puigdemont die JVA verlassen würde. Boris Rosenkranz hat daraus einen packenden Einakter geschnitten.

Ausgehetzt: Rönsch-Festnahme, Causa Facebook, Der Hass der Rapper

1. Deutsche Ermittler nehmen untergetauchten Rechtsextremen in Budapest fest
(sueddeutsche.de, M. Hoppenstedt & S. Hurtz & D. Mützel & S. Pittelkow & K. Riedel)
Deutsche Ermittler haben den untergetauchten Rechtsextremen Mario Rönsch in Budapest festgenommen. Rönsch soll die Hetzseiten “Anonymous.Kollektiv” und Anonymousnews.ru betrieben haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, über den Online-Shop “Migrantenschreck” hunderten Deutschen illegale Waffen verkauft zu haben.

2. Imageschaden und Werbeeinbußen
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster)
Mögliche Werbeverluste und drohende Milliardenstrafen: Der Datenskandal könnte für Facebook teuer werden. Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit Dennis Horn über die wirtschaftlichen Folgen der Causa “Cambridge Analytica” unterhalten.

Weiterer Lesetipp: Facebook-Großkunden drohen mit dem Exodus (sueddeutsche.de, Kathrin Werner)
Unterdessen hat Mozilla eine Browsererweiterung vorgestellt, mit der Facebook-Nutzer ihre Privatsphäre besser schützen können, den “Facebook Container”.

Und noch ein Lesetipp: Wie die “Zeit” berichtet, wollen EU-Parlamentarier mit dem Facebook-Whistleblower Christopher Wylie über mögliche Einflussnahmen auf den Brexit sprechen.
Für iPhone-Besitzer interessant: iOS-Entwickler warnt: Fotofreigabe erlaubt Apps tiefe Einblicke (heise.de, Leo Becker). Ein iOS-Entwickler weist auf die Problematik hin, die dadurch entstehen könnte, wenn iPhone-Apps Facebooks “Software Development Kit” verwenden. Dann ließen sich “tausend Fotos pro Minute” direkt auf dem Gerät auswerten und Alter und Geschlecht der abgebildeten Personen sowie weitere Bildinhalte erfassen.

3. Jetzt also doch: Wir erhalten die Akkreditierung bei der EU
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
Es bedurfte erst einigen öffentlichen Drucks, um eine Akkreditierung von Netzpolitik.org bei der EU-Kommission durchzusetzen. Die EU-Kommission hatte der Nachrichten-Website zu digitalen Freiheitsrechten und anderen netzpolitischen Themen zunächst den Zugang verwehrt. Mit einem merkwürdigen Grund: „netzpolitik.org“ sei keine Medienorganisation. Nun hat die Kommission eingelenkt, doch die Handhabung der Akkreditierung bleibt generell problematisch und wirft einige Fragen auf.

4. Eine Frau ist kein Hulk
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
„Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski beschäftigt sich mit einer seltsamen journalistischen Erkrankung:„Es ist eine Art Virus. Journalistinnen und Journalisten schreiben Texte über Frauen, die irgendwas auf die Reihe bekommen, und schaffen es traurig oft nicht, ihre Verwunderung darüber geheim zu halten, dass diese Frauen aussehen wie Frauen eben oft aussehen und nicht so, wie Leute sich eine durchgedopte ukrainische Kugelstoßerin vorstellen.“

5. «Facebook hat lange ein Auge zugedrückt»
(republik.ch, Adrienne Fichter)
Die Sozialwissenschaftlerin Zeynep Tufekci forscht zu den sozialen und politischen Auswirkungen von Plattformen wie Facebook. Die „Republik“ hat sich mit der renommierten Wissenschaftlerin über die derzeitige Situation unterhalten und weshalb auch die europäische Datenschutzverordnung einen Fall wie Cambridge Analytica in Zukunft nicht verhindern wird. Tufekci sieht dringenden Handlungsbedarf: „Wir brauchen einfach eine dringende Debatte, warum welche Daten gespeichert werden, wann es Sinn macht, wann nicht. Diese kommerzielle Vorratsdatenspeicherung. Das sollten wir jetzt dringend angehen.“

6. „Fick die Cops“ – Wieso hassen Rapper die Polizei? | STRG_F
(youtube.com, Johannes Edelhoff, Video, 23:38 Minuten)
Woher kommt der Hass vieler Rapper auf die Polizei? Warum wird in den Texten etlicher Hip-Hop Songs gegen die „Cops“ gerappt? Johannes Edelhoff hat mit Rappern, Fans und Polizisten gesprochen.

Verlegergeschenk, Möchtegern-Gonzo, Promille-Schreiber

1. Verleger bekommen Hilfe vom Staat
(taz.de, Anne Fromm)
Die Große Koalition will die Sozialabgaben für Zeitungszusteller senken, „zur Sicherung der bundesweiten Versorgung mit Presseerzeugnissen“. Das Steuergeschenk an die Verlage muss jedoch finanziert werden und das führt zur Frage: Wer zahlt die Zeche? Der Steuerzahler oder gar die Zeitungsboten selbst? Und was ist generell von der Idee zu halten?

2. Gemeinsame Plattform von ARD und Verlagen
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs)
Der BR-Intendant und aktuelle ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm denkt über eine gemeinsame Plattform mit Inhalten von Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen nach. Das Ziel: Sich mit dieser Art “Super-Mediathek” von YouTube, Facebook und Co. zu emanzipieren. Zeitungsverlegerchef Döpfner, sonst im Dauertwist mit den Öffentlich-Rechtlichen, gefällt die Idee. Das Projekt ist jedoch sehr ambitioniert, um es zurückhaltend zu formulieren und weist zahlreiche Schwierigkeiten auf. Einige davon hat der Journalist Martin Hoffmann in einem Twitter-Thread zusammengefasst.



3. Faktencheck: Die vom „Rheinneckarblog“ erfundene Terror-Story ist kein „Gonzo-Journalismus“
(correctiv.org, Caroline Schmüser)
Der „Rheinneckarblog“ meldete am Wochenende einen „massiven Terroranschlag in Mannheim“. Rund 50 Angreifer hätten mit Macheten und anderen Messern verschiedene Feste in der Stadt gestürmt, und für ein „Blutbad apokalyptischen Ausmaßes“ gesorgt. Später stellte sich heraus: Die Geschichte war frei erfunden. Der Verdacht liegt nahe, um zahlende Abonnenten zugewinnen, denn Seitenbetreiber Prothmann hatte an strategischer Stelle eine Paywall eingerichtet. Prothmann gibt als Rechtfertigung für die Aktion an, es habe sich um „Gonzo-Journalismus“ gehandelt. „Correctiv“-Autorin Caroline Schmuser erklärt, warum dies keineswegs der Fall ist.

4. Radikal und islamfeindlich
(faktenfinder.tagesschau.de, Sylvia Stöber)
Donald Trump hat sich als neuen Nationalen Sicherheitsberater einen berühmt-berüchtigten Falken in die Regierung geholt. Der erzkonservative Militarist John R. Bolton befürwortete nicht nur den Irak-Krieg, er ist auch gegen das Iran-Abkommen und unter Umständen für einen Präventivschlag gegen Nordkorea. Und er leitet einen Think Tank, der unter anderem Desinformation über Deutschland verbreitet. Sylvia Stöber dröselt die Verbindungen und Verwicklungen des neuen Sicherheitsberaters auf.

5. AfD im Bundestag: Mehr als jeder dritte Abgeordnete offenbar in Facebook-Gruppen mit rassistischer Hetze
(motherboard.vice.com, Sebastian Meineck)
Nach einer „Motherboard“-Analyse sind offenbar mehr als ein Drittel aller AfD-Bundestagsabgeordneten Mitglied rassistischer Hetzgruppen auf Facebook. Sebastian Meineck hat sich in die braunen Ecken des Netzwerks begeben und Partei und Abgeordnete mit ihren Mitgliedschaften konfrontiert.
 Weiterer Lesetipp: Wie aus Falschnachrichten Fake-News werden (golem.de, Friedhelm Greis) über die Taktik von Rechtspopulisten, schlecht recherchierte Meldungen klassischer Medien für sich auszunutzen.

6. “Krone”-Kolumnist Jeannée muss sich “Sudelfeder” nennen lassen
(diepresse.com)
Der österreichische Boulevardjournalist Michael Jeannée teilt in seinen Kolumnen gerne aus, kann aber augenscheinlich nicht viel einstecken. Wegen der Bezeichnungen „Sudelfeder“ und “Promille-Schreiber” zog er vors Gericht. Dies urteilte: Die erste Zuschreibung ist erlaubt, die zweite nicht, da kein “ausreichendes Tatsachensubstrat“. Die Prozessbeteiligten haben Rechtsmittel eingelegt: Nun darf sich das Wiener Oberlandesgericht mit Sudelfeder und Promille-Schreiber befassen.

Erlaubte Fragen, Ode an die Ignoranz, Stecker gezogen bei “Britain First”

1. Offene Fragen sind noch keine fal­schen Behaup­tungen
(lto.de)
“Günther Jauch – Sterbedrama um seinen besten Freund – Hätte er ihn damals retten können?” titelte die „Woche der Frau“. Der Fernsehmoderator setzte sich dagegen zunächst erfolgreich mit einer Gegendarstellung zur Wehr, unterlag nun aber vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Argumentation des Gerichts, stark verkürzt: Es müsse erlaubt sein, Fragen zu stellen. Fragen, die offen für verschiedene Antworten seien, könnten keinen Gegendarstellungsanspruch auslösen.

2. Klartext: Ode an die Ignoranz
(heise.de, Clemens Gleich)
Clemens Gleich plädiert in seiner unterhaltsamen „Ode an die Ignoranz“ für mediale Abschottung und den Griff zum Ausschalter: „Unser Problem liegt längst nicht mehr darin, dass wir Wichtiges verpassen, im Gegenteil: Wir können das Unwichtige nicht lassen. (…) Bis wir die Technik und unsere angeborenen Verhaltensweisen wieder in eine brauchbare Balance gebracht haben, hilft uns nur die Axt der Abschottung.“

3. Facebook sperrt Britain First
(zeit.de)
Die Chefs der rechtsextremen und islamfeindlichen britischen Organisation „Britain First“ sitzen seit vergangener Woche wegen Hassverbrechen in Haft. Nun hat auch Facebook die Seite von „Britain First“ gesperrt. Sie hatte zuletzt zwei Millionen Likes.

4. Sprache: Es geht nicht um das „Mitgemeintsein“ von Frauen
(antjeschrupp.com)
Antje Schrupp fragt sich, warum sich unsere Kultur so vehement gegen eine Veränderung von Sprache wehrt, die Frauen sichtbar macht. „Während Frauen aufgrund des generischen Maskulinums von klein auf üben (müssen), zu unterscheiden, ob sie gemeint sind oder nicht, werden Männer daran gewöhnt, dass sie immer gemeint sind, dass es prinzipiell immer um sie geht, es sei denn, es ist ausdrücklich von Frauen die Rede.“

5. Eine Gesellschaft braucht Fiktion
(taz.de, Stefan Stuckmann)
Sollen öffentlich-rechtliche Sender auch Fiktion und Unterhaltung produzieren oder sich auf Information und Nachrichten beschränken? Drehbuchautor Stefan Stuckmann ist ein unbedingter Anhänger des Fiktionalen. Oftmals würden Serien Diskurse stärker prägen als nicht­fiktionale Stücke: „Serien wie „Girls“ oder „Sex and the City“ haben mehr getan für das sexuelle Selbstbewusstsein junger Frauen als jede Doku über Frauenrechte. In den USA war es kein Essay, kein Leitartikel, sondern das Musical „Hamilton“, dem die populäre Neudefinition des amerikanischen Gründungsmythos als Immigrantengeschichte gelang. Und die Serie „Black Mirror“ macht die Schattenseiten der Digitalisierung besser erfahrbar als jedes Erklärstück über russische Twitterbots.“

6. Die Drecksarbeit wird an Freiwillige outgesourct
(spiegel.de, Patrick Beuth)
YouTube will verschwörungstheoretischen Videos “Wikipedia”-Links beifügen, quasi als inhaltliches Gegengewicht. Patrick Beuth hält dies für „einen Versuch, die Drecksarbeit auszulagern. In diesem Fall an die freiwilligen Wikipedia-Autoren, die ganz sicher nicht darum gebeten haben, als unbezahltes Korrektiv für eine Plattform herzuhalten, die mit extremen Inhalten extrem viel Geld verdient.“

Alphonso-Aus, Abschiebe-Romantik, akkurates Banker-Drama

1. #ausFAZwirdTAZ
(taz.de, Heide Oestreich)
“DDR 4.0”, “Gleichschaltung”, “linke totalitäre Diskursregeln” — seit gestern schlägt der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” viel Wut entgegen. Der Grund: Die Redaktion hat bekanntgegeben, dass sie einige hauseigene Blogs einstelle, darunter auch das von Rainer Meyer alias “Don Alphonso”. Heide Oestreich über das “FAZ”-Ende Meyers, der “die Marktlücke eines elitären Rechtspopulismus für sich” entdeckte: “Die treue Leserschaft (18.000 Follower auf Twitter) sieht da sofort die linke Erziehungsdiktatur am Werk: #AusFAZwirdTAZ hieß der flugs erfundene Hashtag, der sich alsbald mit Abo-Kündigungsdrohungen füllte”. Kurt Sagatz schreibt beim “Tagesspiegel”, dass weder inhaltliche Gründe noch schlechte Abrufzahlen zur Trennung von “Don Alphonso” geführt hätten.

2. Mass shootings covered LIVE
(abc.net.au, Paul Barry, englisch, Video, 5:15 Minuten)
Beim Amoklauf vor drei Wochen an einer Schule im US-Bundesstaat Florida konnte man sie wieder beobachten: Journalisten, die Schüler via Social Media fragen, ob sie mal eben anrufen könnten, noch während diese Schüler sich im Klassenzimmer vor dem Schützen versteckten. Das Medienmagazin “Media Watch” des australischen Senders ABC ist der Frage nachgegangen: “Are reporters putting victims in danger as they chase the story over social media?”

3. Vier Minister? Wie sich die „Süddeutsche“ von der CSU blenden ließ
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
“EIL : CSU schickt vier Minister nach Berlin”, twitterte die Redaktion der “Süddeutschen Zeitung” vorgestern. “Das schien ein ziemlicher Coup zu sein für die CSU — und ein ziemlicher Scoop für die ‘Süddeutsche Zeitung'”, schreibt Stefan Niggemeier. Bloß: Es stimmt gar nicht stimmt. Tatsächlich sind es drei CSU-Minister (Horst Seehofer für Inneres, Andreas Scheuer für das Ressort Verkehr und Gerd Müller als Entwicklungshilfeminister). Dazu kommt Dorothee Bär, die Staatssekretärin im Bundeskanzleramt wird. Weiterer Lesetipp zu Bär: der frühere Bundesbeauftragte für Datenschutz, Peter Schaar, über “Dorothee Bärs eigenartiges Datenschutzverständnis”.

4. Abschiebung: Was wirklich passiert — Teil 1
(bmi.gv.at, Reinhard Leprich)
Ein Lese-Tipp, aber sicher keine Empfehlung: Das österreichische Innenministerium, FPÖ-geführt, will sich offenbar nicht mehr auf Journalisten verlassen und schreibt nun selbst Reportagen. Reinhard Leprich aus der Kommunikationsabteilung hat “eine Luftabschiebung in den Kosovo und nach Moldawien” begleitet. Und festgestellt: Das gefällt allen voll super, jeder ist happy, eine tolle Sache, so eine Abschiebung. Laut Innenminister Herbert Kickl handelt es sich um “eine spannende Reportage”. Wir finden eher: erstaunlich erschreckende Abschiebe-Romantik.

5. Not Heidis Girl: Wie Youtube eine Kampagne gegen Sexismus ausbremste
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz & Alexander Fanta)
Die Organisation “Pinkstinks” startet ihre Anti-Germany’s-next-Topmodel-Kampagne “Not Heidis Girl”, zu der auch ein Youtube-Video gehört. RTL zeigt einen Ausschnitt dieses Videos in einer Sendung. Youtubes Filtersystem “Content ID” gleicht ab, schreibt RTL das geistige Eigentum zu und sperrt das Originalvideo. “Pinkstinks” ist verständlicherweise stinkig und vermutet starke Reichweitenverluste. netzpolitik.org über einen “neuen Fall von algorithmischem Overblocking”.

6. Wir haben “Bad Banks” mit einem Banker geguckt
(vice.com, Lisa Ludwig)
Die Serie “Bad Banks” (aktuell in den Mediatheken von ZDF und “Arte” zu finden) ist ein großer Erfolg: viele Zuschauer, lobende Kritiker, beschlossene Fortsetzung. “Doch wie realistisch ist das Banker-Drama? Arbeiten im Frankfurter Bankenviertel wirklich lauter Soziopathen mit Kokainproblem?”, fragt Lisa Ludwig. Sie hat sich “Bad Banks” mit einem Experten aus dem Finanzsektor angeschaut. Und der urteilt: “‘Die Serie ist erstaunlich akkurat'”. (Unser Tipp wegen Spoilergefahr: erst die Serie gucken, dann den Text lesen.)

“Bild” feiert den schwulen Selbsthass

Die “Bild”-Redaktion weiß, was ihre Leserschaft gerne über Schwule lesen möchte. Zum Beispiel das: “70-Jährige lassen sich hier in der Berliner Herbstsonne öffentlich auspeitschen”, heißt es in einem Text über das Fetisch-Treffen “Folsom” in Berlin, “Menschen urinieren sich vor Imbissständen gegenseitig ins Gesicht. Manche stehen einfach an der Straßenkreuzung und onanieren stundenlang vor sich hin.”

Kolumne Politically Correct

Früher hat die “Bild”-Zeitung wahlweise offen gegen Homosexuelle gehetzt oder sich an ihrem Außerirdischsein ergötzt. Da das heute nicht mehr so en vogue ist, hat sie sich etwas Neues einfallen lassen. Damit die Redaktion sich nicht selbst die Finger schmutzig machen muss und sich als weltoffen und tolerant darstellen kann, hat sie das Homophobieressort outgesourct: Nina Queer, prominente Berliner Dragqueen und Protagonistin der LGTBI*-Community darf jetzt seit einem Jahr in einer Kolumne (“Darf’s ein bisschen queer sein?”) Ressentiments gegen die eigenen Leute bedienen, was den Ressentiments nicht nur zusätzliche Legitimität verleiht, sondern auch einen besonderen Unterhaltungsfaktor garantiert. “Nichts ist so amüsant für homophobe Menschen, wie Homos, die so sehr von Selbsthass angefressen sind, dass sie sich zum Hofnarren machen lassen”, sagt die Journalistin Stephanie Kuhnen über die “Bild”-Kolumnistin.

Queer war “Toleranzbotschafterin” der Berliner SPD. Die Partei distanzierte sich aber von ihr nach einem “menschenverachtenden Kommentar” auf Facebook, in dem die Dragqueen in Folge eines homophoben Übergriffs Jugendlicher gefordert hatte:

Es ist doch zum Kotzen! SOFORT ABSCHIEBEN! Ob in Deutschland geboren oder nicht. Wer Stress haben will, für den lässt sich doch bestimmt ein tolles Kriegsgebiet finden…..

… nachher aber — wie man das heute so tut — erst darauf bestand, missverstanden worden zu sein, später dann darauf bestand, einen Fehler im Affekt gemacht zu haben. Gleichzeitig hatte sie offensichtlich nichts dagegen, dass ihre Anhänger sie in Kommentaren für die “ABSCHIEBEN”-Aussage feierten.

Schon in ihrem ersten “Bild”-Text im Februar 2017 machte Queer klar, dass sie alles dafür tun wird, bestehende Homo-Stereotype zu zementieren. Sie gab zum Auftakt den Lederschwulen eins auf die Mütze, also denen, die neben der Tunte das mediale Bild homosexueller Männer prägen:

Leder ist das Material der Verzweiflung! Zudem hat es einen starken Eigengeruch und überdeckt den fiesen Alte-Leute-Mief. Und wenn man seine Wampe oder wahlweise sein knochiges, leicht brüchiges Gerippe erst mal in einen sündhaft teuren Lederpyjama gezwängt hat, gibt es auch kein Schämen mehr!

Der Trick, eine solche Kolumne von einer Kunstfigur schreiben zu lassen, ermöglicht es, sich bei jeder Kritik eine Ebene aussuchen zu können, mit der man das, was an solchen Sätzen problematisch sein könnte, ins Leere laufen lassen kann. Alles nicht so ernst gemeint, alles überhöht und nur ein Witz, heißt es dann, man habe die Satire eben nicht verstanden. Oder es ist umgekehrt: Kritik an der Kolumne sei der Beweis dafür, dass dort Abgründe oder Missstände präzise beschrieben werden, sich aber bisher niemand getraut habe, diese zu benennen:

Es ist mir völlig klar, dass meine Texte oft zu hart für schwache Gemüter sind und es ist nun mal erwiesen, dass nichts mehr weh tut, als die Wahrheit. Vor allem wenn man sich selbst dabei entdeckt oder erwischt fühlt.

Die Queer-Kolumne von vergangenem Donnerstag ist mit dem Befund überschrieben:

Screenshot Bild.de - Unsere Gesellschaft ist krank

Dass sie krank aufgrund ihrer Homosexuellen ist, schreibt Nina Queer nicht. In ihrem Text geht es zunächst um schnorrende “Influencer”, “unterprivilegierte Drecksschlampen”, die nicht mehr “als einen Schminkkanal bei YouTube aufweisen” könnten und Dschungelcamp-Stars, die, Achtung!, überhaupt keine richtigen Stars seien.

Dann geht es aber doch zur Sache. Auf den Satz “Je hässlicher, abartiger und entwürdigender desto besser” folgt direkt die Erkenntnis:

Es scheint auch nur noch einen Typ von Schwulen in der Öffentlichkeit zu geben: Die hysterisch kreischende Tunte.

Widerlich aussehende Männer mittleren Alters mit schlechtem Modegeschmack (gerne was aus den 80ern), ohne Grundschulabschluss, Arbeit und Lebensinhalt.

Die Gesellschaft krankt also nicht an allen Schwulen, sondern nur an einem Teil von ihnen. Ein Homo trifft in “Bild” ein Urteil zwischen guten Homos und schlechten Homos, um dann die schlechten Homos den Homohassern zum Fraß vorzuwerfen. Die Queer-Kolumne ist aber nicht nur ein Serviceangebot für heterosexuelle Homophobiker, die so ihre Vorbehalte weiterhin kultivieren und sich trotzdem einreden dürfen, nichts gegen Homosexuelle zu haben. Sie wendet sich auch an diejenigen unter den Homosexuellen, die, um endlich in der “Mitte der Gesellschaft” ankommen zu können, dazu ermutigt werden, den Ballast in den eigenen Reihen von Bord zu werfen:

Diese Schwulen sind Schwule für die sich Schwule schämen. POSER! BLENDER! NERVENSCHÄNDER!

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. Den sogenannten “Waldschlösschen-Appell” gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein “Nollendorfblog” bekam eine Nominierung für den “Grimme Online Award”. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

“Bild” bedient also nicht nur das psychologische Phänomen der internalisierten Homophobie, also des homosexuellen Selbsthasses, sondern auch das soziologische Prinzip, nach dem sich oft viele Mitglieder jener gesellschaftlichen Gruppen, die gerade einen Emanzipationsgewinn verbuchen konnten, gerne dadurch abzusichern versuchen, dass sie besonders heftig nach unten treten.

Als sie über die homophoben Zustände auf Jamaika schreibt, bemüht sich Nina Queer nicht einmal um einen Millimeter Differenzierung:

Mit dieser Kolumne möchte ich Homosexuelle davor warnen, Jamaika zu besuchen. Die Insel und ihre Bewohner haben es wahrlich nicht verdient, auch nur einen Dollar durch uns zu verdienen.

Homosexuelle sind keine besseren Menschen. Auch Homosexuelle haben das Recht auf einfache Sichtweisen. Kein Homosexueller hat die moralische Pflicht, sich für seinesgleichen oder andere diskriminierte Gruppen einzusetzen. Homosexuelle müssen nicht politisch korrekter sein als andere. Und abgesehen davon ist bitterböser Trash, wie Nina Queer ihn formuliert, auch Teil der schwulen Subkultur. In jeder Subkultur gibt es eingeübte Codes des Über-sich-selber-Lachens und der kontrollierten Grenzüberschreitungen. Doch außerhalb dieser Räume — erst recht in einem Medium, zu dessen Markenkern das Ressentiment, die Vereinfachung, die Empörung gehören — erfüllt das, was innerhalb einer Gruppe oft als Selbstbestärkung funktioniert, im Zweifel den gegenteiligen Zweck. Ob Nina Queer, die dazu neigt, sich inhaltliche Kritik an ihren Texten mit Neid auf ihre Aufmerksamkeit zu erklären, das bewusst ist, ist zweitrangig. Denn da es beim Emanzipationskampf der Homosexuellen auch darum ging, dass sie die gleichen Dinge tun dürfen können wie die Heteros, haben letztendlich die solidarischen Lesben und Schwulen auch dafür gekämpft, dass Lesben und Schwule unsolidarisch sein dürfen.

(SPD-)Ausländer raus!, Dopingjäger, Ex-Präsident mit Einkaufswagen

1. Ausländer raus aus meiner Wahl
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
„Bild“ läuft mal wieder zu großer Form auf, was das Schüren von Ressentiments anbelangt: Zuerst die Geschichte über eine Flüchtlingsfamilie, die monatlich über 7.000 Euro vom Staat bekommt, nun die Empörung über Ausländer, die via SPD-Mitgliederentscheid über das Wohl und Wehe der Republik entscheiden. Hengameh Yaghoobifarah befindet: „… genau das lesen die Bild-Leser_innen gerne, die sich in der herbeifantasierten Position der deutschen Opfer von Merkels Politik wohl fühlen. Und jetzt können sie dank Reichelt das Märchen über die bösen Ausländer, die den demokratischen Deutschen die Wahl verpfuschen – und sich sozusagen in ihre Politik „einmischen“ — weitererzählen.“
Weiterer Lesetipp: “Die ‘Bild’ hat eine Kampagne gegen Ausländer in der SPD gestartet” (“Vice”)

2. Der Dopingjäger
(republik.ch, Ariel Hauptmeier)
Ende 2014 sorgte Hajo Seppelts Film “Geheimsache Doping — Wie Russland seine Sieger macht” für weltweites Aufsehen. Ermittlungen begannen, Funktionäre traten zurück oder flohen, Athleten wurden gesperrt, Organisationen suspendiert und zwei Jahre später die russischen Leichtathletinnen und -athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Ariel Hauptmeier hat eine überaus spannende und lesenswerte Reportage über das Entstehen der Reportage geschrieben.

3. Mehr Sex in die seriöse Tagespresse!
(jetzt.de, Katja Lewina)
Katja Lewina ist es gewohnt, für ihre Texte über Sex angegangen zu werden. Nun hat sich der „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein einen ihrer Texte vorgeknöpft. In einem Kommentar antwortet sie Martenstein und allen anderen Kritikern: „Wann immer jemand behauptet, dass wir zu viel über Sex reden, beweist das nur, dass wir noch lange nicht genug darüber geredet haben. Es bedeutet, dass dieses Thema noch nicht so alltäglich und leicht ist, dass die Menschen es mit einem milden Lächeln abtun könnten, anstatt sich darüber zu ereifern.“

4. Quintessenz einer Karriere
(deutschlandfunk.de, Arno Orzessek)
Der BGH hat entschieden, dass das inzwischen eingestellte Magazin „People“ (Bauer-Verlag) ein Foto des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff veröffentlichen durfte, das diesen beim Einkaufen im Supermarkt zeigt. Im „Deutschlandfunk“ wendet sich Arno Orzessek in einer Glosse direkt an Wulff: „Wer sich so wild entschlossen an die Regenbogen-Presse heranschmeißt wie Sie, aber wegen eines läppischen Einkaufswagen-Fotos vor Gericht zieht, der verdient es, in einem Atemzug mit Lothar Matthäus und Boris Becker genannt zu werden… Besagt doch das kleine Medien-Einmaleins: Dem Boulevard hingeben und zugleich seine Unschuld bewahren, das klappt nie.“

5. Wie Zeitungen Podcasts machen
(journalist-magazin.de, Kathi Preppner)
Podcasts wurden anfangs von den großen Medienhäusern belächelt oder schlicht nicht wahrgenommen. Das hat sich geändert: Mittlerweile bieten viele große Verlage eigene Produktionen an. Für den „Journalist“ haben sich die Hörfunk-Experten Sandra Müller und Thomas Becht durch das Angebot der Medienunternehmen gehört.

6. Warum wir nicht gendern
(blog.zeit.de. Meike Dülffer)
Wenn es um Männer, Frauen und Menschen anderen Geschlechts geht, verzichtet „Zeit Online“ auf Gendersternchen, Binnen-I oder den Unterstrich in Substantiven. Wie stattdessen vorgegangen wird, erklärt Textchefin Meike Dülffer und wendet dabei eine pfiffige Guerilla-Taktik an.

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