1. Die nervige Lust am Missverstehen (t-online.de, Nicole Diekmann)
Nicole Diekmann rät, sich nicht in den Online-Empörungsstrudel ziehen zu lassen, und führt dazu zwei Beispiele aus der jüngeren Zeit an: “Es ist ein anstrengender Trend, den auch die mitmachen, die sich so gern auf der richtigen Seite sehen und auch den so wichtigen Kampf gegen Hassrede führen. Ihre Verantwortung, oder sagen wir es weniger pädagogisch, ihre Chance, die Spaltung der Gesellschaft wenigstens nicht weiter mit voranzutreiben, übersehen sie dabei. Die Anlässe werden immer nichtiger, die Hämmer immer härter.”
Dazu passend ein weiterer Lesehinweis: Die Empörung der Anderen. So startest du deine private Entpörungs-Welle (dirkvongehlen.de).
2. Hey, Auslandsberichterstattung – Wir müssen reden! (journalist.de, David Schraven & Bassel Alhamdo & Frederik Richter & Marcus Bensmann)
Laut Recherchen von “Correctiv” und “journalist” würden in der ZDF-Auslandsberichterstattung arabische, russische sowie chinesische O-Töne und ihre Übersetzungen nicht immer übereinstimmen. Es gehe um eine grundsätzliche Praxis bei Fernsehinterviews in fremden Sprachen: “Müssen der gesendete Ausschnitt und die deutsche Übersetzung einander entsprechen? Oder darf der Korrespondent sich frei aus verschiedenen Stellen des Gesprächs bedienen — und die Übersetzung einfach mit einem sprechenden Gesicht bebildern?”
3. Es gibt nicht DIE Objektivität im Journalimus. (planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jakob Buhre war beim nur noch einmal im Jahr stattfindenden ZDF-Pressegespräch in Berlin und hat wie immer aufmerksam zugehört. Zum Beispiel bei den Lobpreisungen von ZDFneo, die Buhre in dieser Form nicht nachvollziehen kann: “Meiner Beobachtung nach hat ZDFneo (Jahresbudget 41,2 Mio.) den Anteil an selbst-produzierten, also originären ZDFneo-Formaten zurückgefahren. Sowohl Pressesprecher Alexander Stock als auch Intendant Thomas Bellut bestreiten das, doch wie mir die ZDF-Pressestelle später auf Anfrage mitteilte, gab es in der vierten Kalenderwoche 2020, in der das Pressegespräch stattfand, genau 45 Erstsendeminuten von neuem, selbst-produziertem Neo-Programm. Auf die 168-Stunden-Woche gerechnet sind das 0,45 Prozent (…). Die restlichen 99,55% bestehen aus Wiederholungen und Lizenzeinkäufen.”
Siehe auch Buhres mit einem Blick erfassbare Analyse des ZDFneo-Programms in Kalenderwoche vier (PDF).
4. Verpasste Gelegenheit für die Pressefreiheit (reporter-ohne-grenzen.de)
Als eine “verpasste Gelegenheit für die Pressefreiheit” bezeichnen die Reporter ohne Grenzen das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Verbot der Internetplattform “linksunten.indymedia”. “Leider hat sich der Senat weitgehend auf die formale Frage beschränkt, ob die mutmaßlichen Betreiber als Einzelpersonen überhaupt berechtigt waren, gegen das Vereinsverbot zu klagen. Die grundrechtliche Abwägung, ob die inkriminierten Inhalte ein pauschales Verbot der ganzen Plattform rechtfertigen, bleibt damit offen”, so ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske.
Weiterer Lesehinweis: Was ist eigentlich Linksunten.indymedia? (spiegel.de)
5. Ärger um Talkshow mit Thilo Sarrazin: Es hagelt Absagen anderer Gäste (rnd.de)
Gestern Abend wurde in der Talkshow “Talk im Hangar-7” des österreichischen Senders Servus TV die Debattenkultur diskutiert. Als ein Beispiel für einen Vertreter einer “unbequemen Meinung” hatte man Thilo Sarrazin eingeladen. Und sich damit die Absagen diverser anderer Gäste eingehandelt. Hasnain Kazim veröffentlichte seine Absage auf Twitter: “Es freut mich, dass Sie grundsätzlich Interesse an meiner Arbeit und auch an meinen Standpunkten zum Thema Debattenkultur haben. Einer davon ist, dass nicht jede ‘Meinung’ eine Meinung ist. Und auch, dass man nicht jedem Bullshit, jedem Rassismus, jeder Menschenverachtung, die im Deckmantel einer ‘Meinung’ daherkommt, eine Bühne bieten sollte. Man bietet ‘Identitären’ für ihre neonazistischen Ansichten keine Plattform. Man gibt Rechtsextremisten keine Redezeit. Und man lädt auch nicht Thilo Sarrazin in eine Talkshow ein.”
6. Programmierter Zombie-Exzess: Radikalisierungsmaschine Youtube (medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Adrian Lobe berichtet über eine Studie der Nichtregierungsorganisation Avaaz mit dem Titel “Why is YouTube Broadcasting Climate Misinformation to Millions?” (PDF). Das Geschäftsmodell von Youtube und die verwendete algorithmische Mechanik spiele Extremisten in die Hand: “Für jedes Klima-Desinformationsvideo, das jemand anschaut oder likt, werden ähnliche Inhalte in den Empfehlungen angezeigt, sodass der Nutzer in die Online-Blase der Desinformation tappt”, so das Autorenteam der Studie.
1. Keine unabhängigen Medien beim «grössten Jounalismuspreis der Welt» (medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Benjamin von Wyl berichtet über die Verleihung der Fetisov Journalism Awards in Luzern, den angeblich “größten Journalismuspreis der Welt”. Bei der Verleihung des von allerlei Seltsamkeiten geprägten Preises musste er jedoch draußen bleiben, man habe kurzfristig seine Akkreditierung widerrufen. Überhaupt scheint sich der Veranstalter recht medienscheu gegeben zu haben: “Bei der Verleihung der Fetisov Journalism Awards, die der russische Milliardär Gleb Fetisov gestiftet hat, waren keine unabhängige Berichterstatter willkommen. Dem Vernehmen nach seien die geladenen Gäste durch die Tiefgarage ins Luzerner Hotel Schweizerhof geschleust worden. Schweizer Journalist*innen waren — soweit bekannt — keine darunter.”
Zum Hintergrund unbedingt lesenswert: Ein russischer Milliardär stiftet sich den größten Journalismuspreis der Welt (medienwoche.ch, Herwig G. Höller & Benjamin von Wyl).
2. Ein Zombie kehrt zurück (taz.de, Christian Rath)
Die Verlage versuchten schon einmal und relativ erfolglos via gesetzlichem Leistungsschutzrecht etwas vom großen Google-Kuchen abzubekommen. Auch das neue Leistungsschutzrecht werde ihnen wohl nur minimale Einnahmen bringen, prognostiziert Christian Rath, der rechtspolitische Korrespondent der “taz”.
3. Das sind die Nominierten für die Goldenen Blogger 2019 (die-goldenen-blogger.de)
Am 9. März dieses Jahres findet in Berlin die Verleihung des Influencer-Awards Die Goldenen Blogger statt. Der Hauptpreis wird entweder an den Youtuber Rezo, die Journalistin Samira El Ouassil oder das Faktencheck-Blog “Volksverpetzer” gehen. Es lohnt jedoch auch ein Blick auf die anderen Nominierten — insgesamt gibt es 18 Kategorien mit jeweils drei Nominierungen.
4. “Als Korrespondent ist man oft ein Übersetzer” (fachjournalist.de, Florian Beißwanger)
Der “Fachjournalist” hat mit Dominique Eigenmann gesprochen, der als Deutschland-Korrespondent für den Schweizer “Tages-Anzeiger” arbeitet. In dem Interview geht um Eigenmanns Korrespondentenleben in Berlin, die Unterschiede zwischen Schweizer und deutschen Medien und die Frage, wie er seine Themen findet: “Ich versuche bei vielen Themen jene Aspekte aufzugreifen, die für ein Schweizer Publikum von Interesse oder von Belang sind. Die deutsche Debatte um eine neue Regelung der Organspende beispielsweise war für mein Schweizer Publikum auch deswegen interessant, weil in der Schweiz dieselbe Entscheidung bald ansteht — und die Abstimmung vermutlich anders ausgeht.”
5. Was wird aus der “Morgenpost”? (sueddeutsche.de, Peter Burghardt)
In Hamburg machen sich derzeit viele Menschen Sorgen um das Fortbestehen der “Hamburger Morgenpost”. Es gebe Gerüchte, dass Eigentümer DuMont die jüngste Modernisierung nur mit Blick auf einen baldigen Verkauf durchgeführt habe: “Die digitale Transformation und der Umzug dienten einzig und allein dazu, die Braut hübsch zu machen”, so “Mopo”-Betriebsratsvorsitzende Nina Gessner auf einer Demo. Mittlerweile seien allerlei Solidaritätsbekundungen von Hamburger Promis eingetrudelt, die sich ebenfalls eine weiterhin eigenständige “Morgenpost” wünschen.
6. Der Erfinder des “Maus-Journalismus” (deutschlandfunk.de, Michael Borgers)
Seit 1971 erklärt der inzwischen 80-jährige Armin Maiwald den kleinen und großen Zuschauern der “Sendung mit der Maus” (WDR) die Welt. Michael Borgers preist ihn im Deutschlandfunk als Erfinder des “Maus-Journalismus” und lobt Maiwald für seine Vorbildfunktion für viele Journalistinnen und Journalisten.
Am vergangenen Donnerstag war großer Messer-Tag bei den “Bild”-Medien. Die “Bild”-Zeitung verkündete auf ihrer Titelseite, dass die “Messer-Gewalt” “immer schlimmer” werde:
Und bei Bild.de lief am Morgen die auf der Titelseite angekündigte “große Sondersendung”.
Ein paar Stunden später, am frühen Nachmittag, gab es noch eine “Bild live”-Sendung. Denn es gab einen “NEUEN MESSERANGRIFF”:
Im baden-württembergischen Rottweil hatte ein Mann eine Mitarbeiterin des örtlichen Jobcenters mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Die Frau musste per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei konnte noch vor Ort einen Tatverdächtigen festnehmen. Und “Bild” berichtete mit einer Messer-Sondersendung.
Diese Sendung dürfte ein weiterer Testballon der Redaktion und ein Vorgeschmack darauf gewesen sein, wie das von Chefredakteur Julian Reichelt und dem Axel-Springer-Verlag geplante “Bild TV” aussehen könnte. Wenn das “Bild”-Team mehrere Stunden am Tag durchgängig senden möchte, muss es auch kurzfristig Sendungen zu aktuellen Themen auf die Beine stellen können. Durch die gut 16-minütige “Bild live”-Sendung vom Donnerstag konnte man einmal mehr erahnen, wie schrecklich das alles werden dürfte.
Das größte Problem war, dass es diese Sendung überhaupt gab; dass ein singuläres Ereignis, das eher von lokalem Interesse ist, durch “Bild” zu einer “BREAKING NEWS” von angeblich deutschlandweiter Relevanz aufgeblasen wurde. So schlimm der Angriff im Jobcenter in Rottweil war, bleibt es ein Vorfall von begrenzter Bedeutung. Die “Bild”-Redaktion aber schnappt ihn sich und schaltet zwei, drei Alarmgänge hoch: Hier, schaut her! Schon wieder ein Messerangriff! Überall Messergewalt! Und wie ist es beim nächsten Vorfall und beim übernächsten — berichtet “Bild live” dann wieder? Vermutlich nicht. Nicht einmal die “Bild”-Redaktion schafft es, aus jedem Messerangriff in Deutschland eine angstverbreitende TV-Sendung zu machen.
Ein möglicher Grund, warum gerade der Angriff in Rottweil zu einer “Bild live”-Sendung führte: Ein Plan von Julian Reichelt soll sein, plattformübergreifende Themenschwerpunkte zu setzen, mit denen er dank “Bild”-Zeitung, Bild.de und eben “Bild TV” bis zu 40 Millionen Menschen erreichen will. Wenn man zufällig sowieso schon eine Titelseite zur “Messer-Gewalt” an den Kiosken liegen hat, und dann ein aktueller Fall reinkommt, kann man doch wunderbar mit einer Messer-Sondersendung testen, wie das klappen könnte. Auch Moderatorin Juliane Bauermeister sagte gleich zu Beginn der Sendung:
Ein Mann greift eine Frau mit dem Messer an und verletzt sie schwer. Ja, dieser furchtbare Angriff passierte heute Vormittag. Das Opfer: eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Rottweil in Baden-Württemberg. Ja, und wir haben ja erst heute morgen in unserer 8-Uhr-Sendung über den Anstieg von Messerangriffen in Deutschland berichtet. Nun also dieser neueste tragische Fall.
Durch diese Aktualitätshechelei begibt sich die “Bild”-Redaktion in einen selbst auferlegten Breaking-News-Modus, der dazu verpflichtet, irgendetwas zu erzählen und irgendetwas zu zeigen, auch wenn kaum bis gar nichts zu erzählen und zu zeigen ist. Das führt etwa dazu, dass Moderatorin Bauermeister dann einen Tweet wie diesen der Polizei Konstanz vorliest:
Bauermeister: “Da müssen wir also abwarten, was jetzt die Ermittlungen dazu bringen.” Diesen Tweet, der eigentlich nur sagt, dass es noch nichts zu sagen gibt, liest sie später in der Sendung noch ein zweites Mal vor. Viel weniger kann man nicht zu berichten haben.
Und auch “Bild”-Redakteur Frank Klauss, der mit der Moderatorin im Studio steht, kann nicht viel mehr beitragen als: Mann, Messer, Jobcenter, Mitarbeiterin, Hubschrauber, Krankenhaus, Polizei, Festnahme. Ansonsten sagt er Dinge wie:
Ob sie in Lebensgefahr schwebt, ist derzeit noch nicht bekannt. Wir warten da auch noch auf weitere Nachrichten von Seiten der Polizei.
Und: Angriffe in Jobcentern kämen immer wieder vor …
so dass viele Jobcenter auch mittlerweile einen Sicherheitsdienst haben und auch ihre Mitarbeiter schulen. Ob das hier in Rottweil der Fall war, das wissen wir noch nicht. Aber das ist sicherlich auch eine interessante Frage, der wir noch nachgehen werden.
Dazu noch ein paar Allgemeinplätze: Die Polizei sei jetzt damit beschäftigt, Spuren zu sichern und mit Zeugen zu sprechen. Außerdem werde der Tatverdächtige nun vernommen. Schau an. Zum möglichen Motiv des Mannes sagt Klauss:
Über das Motiv können wir bislang erst noch spekulieren.
… und spekuliert dann über einen möglichen Streit um Leistungskürzungen.
Noch trauriger ist nur die Schalte zu “Bild”-Reporter Frank Schneider, der aus irgendeinem Grund vor einer Burger-King-Filiale steht, aber nicht in Rottweil. Schneider erzählt von der Statistik aus Nordrhein-Westfalen, die die Grundlage für die “Bild”-Titelseite mit der “immer schlimmeren” “Messer-Gewalt” ist:
Naja, die wichtigste Nachricht ist natürlich: Die Attacken nehmen deutlich zu. Es gibt ja wenige Zahlen in der Vergleichbarkeit, weil natürlich viele Bundesländer sie noch nicht erheben. Aber wir haben zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen seit einem Jahr diese Erhebung. Und man sieht ja schon: Vom ersten zum zweiten Halbjahr nimmt die Zahl der Attacken deutlich zu.
Das ist deswegen bemerkenswert, weil nur kurz darauf von der “Bild”-Redaktion ein morgens aufgezeichnetes Interview mit Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul eingespielt wird, der gewissermaßen Herausgeber der Statistik ist, zu der “Bild”-Reporter Schneider behauptet, dass das alles “deutlich” steige. Reul sagt:
Man muss da behutsam sein, weil wir es das erste Mal machen, aber auch die einzigen sind in Deutschland, die das gemacht haben. Aber die Zahlen sind erschreckend. Wir können jetzt nicht sagen, ob sie wirklich gestiegen sind. Aber mein Gefühl ist, das nimmt zu, da tut sich was, da müssen wir achtsam sein. Das muss man vor allen Dingen ernst nehmen. Und das ist auch nicht einfach mit billigen Parolen zu lösen, sondern da muss man ganz genau hinschauen: Warum passiert das? Und welche Möglichkeiten haben wir als Polizei oder als Staat oder als Gesellschaft?
Aber zurück zu “Bild”-Mann Schneider, der noch mal sagen will, auf wen die Gesellschaft da besonders schauen muss: die Ausländer:
Es sind hauptsächlich männliche Tatverdächtige, es sind junge Männer. Es sind nicht nur Jugendliche, es sind auch viele Erwachsene, aber junge Männer, dabei. Es sind relativ viele Nicht-Deutsche dabei. Von den Deutschen haben viele auch noch Migrationshintergrund. Es ist offenbar auch ein kulturelles Problem. Der Psychologe hat es heute morgen ja auch noch mal erklärt: Das ist so ein Männlichkeitssymbol. Und das kommt eben diesem archaischen und patriarchalischen Männerbild von vielen Zuwanderern nahe. Man hat das Messer dabei, um seine Ehre, seine Männlichkeit zu verteidigen. Und das ist sicherlich die Aussagekraft dieser Statistik bisher.
Auch zu dieser billigen Parole zu diesem Aspekt gibt es eine Aussage von NRW-Innenminister Reul. Auf die Frage, wie “das Täterprofil von solchen Menschen” aussehe, sagt er im Interview:
Sie haben es richtig beschrieben: Vorrangig Männer. Vorrangig Männer und vorrangig Deutsche. Und das heißt zum Beispiel, dass die einfache Erklärung ‘Das sind nur diejenigen, die aus dem Ausland kommen’ falsch ist und nicht reicht. Aber auch da gibt es 40 Prozent. Und deswegen sind beide Sachverhalte ernst zu nehmen.
Inzwischen steht fest, dass der 58-jährige Tatverdächtige in Rottweil Deutscher ohne Migrationshintergrund ist.
Am Ende der “Bild live”-Sondersendung sagt Moderatorin Juliane Bauermeister:
So viel zu dem, was wir wissen über den heutigen Messerangriff.
Und:
Wir halten Sie natürlich weiterhin auf dem Laufenden.
1. Gewaltige Fotodatenbank zeigt, wie gefährlich Gesichtserkennung ist (zeit.de)
Laut “New York Times” soll das wenig bekannte Startup Clearview eine Datenbank mit Milliarden Bildern von Menschen zusammengesammelt haben, die mittels Gesichtserkennung zuzuordnen seien. Clearview soll dafür Facebook, Youtube und viele andere Websites geplündert haben. Das Unternehmen biete seine Dienste sowohl Behörden als auch Privatunternehmen an. Es lohnt sich, auch den “NYT”-Beitrag im Original zu lesen. Er hat Elemente einer alarmierenden Dystopie.
2. Eine Frage der Größe (sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Wenn es nach einem “Diskussionsentwurf” des Justizministeriums zur Umsetzung des Leistungsschutzrechts geht, sollen Vorschaubilder bald nur nur noch im Briefmarkenformat erlaubt sein. Simon Hurtz erklärt Hintergrund, Zusammenhänge und Interessenlagen.
3. Wenn überall das Gleiche steht (taz.de, Anne Fromm)
Im Osten Deutschlands schrumpft die Presse auf einige wenige Anbieter zusammen. Nach dem Verkauf der “Mitteldeutschen Zeitung” an die Bauer Media Group, die mit der “Volksstimme” bereits die andere große Tageszeitung in Sachsen-Anhalt besitzt, kommentiert Anne Fromm: “Das mag Ihnen in Tübingen oder Oldenburg egal sein. Vielleicht nehmen Sie von ihr nur dann Kenntnis, wenn sie morgens in der ‘Presseschau’ im Deutschlandfunk zitiert wird. Doch zur Demokratie gehört ein dichtes Netz aus Meinungsvielfalt und Pressevielzahl.”
4. AfD- und Nichtwähler nutzen wenig Nachrichtenquellen (heise.de, Andreas Wilkens)
Psychologinnen und Psychologen der Universität Ulm haben Wähler politischer Parteien zu deren Nachrichtenkonsum befragt. Das Ergebnis: Nicht- und AfD-Wähler sowie Unterstützer kleiner Parteien bezögen sich auf die vergleichsweise wenigsten Nachrichtenquellen. Außerdem würden ältere Befragte laut Studie mehr Nachrichtenquellen nutzen als jüngere.
5. Nach der Verhandlung über die BND-Massenüberwachung: 7 Lehren für die (investigative) journalistische Arbeit (medium.com, Daniel Moßbrucker)
Das Bundesverfassungsgericht befasst sich derzeit mit der Massenüberwachung durch den Bundesnachrichtendienst und prüft, ob diese das Grundgesetz verletzt. Durch das energische Nachfragen der Richterinnen und Richter seien so viele Details und Zahlen wie lange nicht bekannt geworden. Daniel Moßbrucker hat daraus sieben Erkenntnisse für Journalistinnen und Journalisten abgeleitet.
6. Wie Polizeimeldungen Autounfälle verharmlosen (tagesspiegel.de, Stefan Jacobs)
In Polizeiberichten über Autounfälle werde oft die Perspektive des Autoverkehrs eingenommen, was zu einer Verharmlosung und Falschbewertung des tatsächlichen Unfallgeschehens führen könne. Stefan Jacobs hat einige Beispiele aus Berlin zusammengetragen und sensibilisiert damit für das wichtige Thema.
Ein exklusives Interview mit zwei Hollywood-Stars — darauf kann eine Redaktion schon stolz sein. Und klar, dass diese Redaktion dann auch extra schreibt: “BILD traf Will Smith und Martin Lawrence zum Interview”.
Blöd nur, wenn es gar kein Interview gegeben hat.
Der Artikel auf Bild.de zitiert Will Smith und Martin Lawrence zwar mehrfach und ausführlich; diese Zitate stammen aber alle von einer Pressekonferenz in Berlin, bei der die zwei Schauspieler gemeinsam mit Produzent Jerry Bruckheimer sowie den Regisseuren Adil El Arbi und Bilall Fallah ihren neuen Film “Bad Boys for Life” vorgestellt haben. Hier der Vergleich:
Bild.de
Pressekonferenz
“Ich habe in meiner Karriere einige Fortsetzungen gedreht, ich war niemals richtig glücklich mit der Qualität. Aber das hier war unser Baby, dieser Film hat unsere beiden Karrieren gestartet. Es musste also vernünftig werden und nicht einfach nur der dritte Teil. Sehr selten werden Fortsetzungen besser, aber bei dieser Trilogie ist der dritte Film der beste.”
Smith: “I’ve made a couple of sequels in my career and I was never totally happy with the quality of the sequel, and this was like our baby, like this was the movie that really launched both of us and it just, it had to be right, it had to be a movie, that was worthy of coming back to it by itself. Not just: Hey, wouldn’t it be cool to make a third one, and you know, I wanted to do something that was great and I wanted to take a shot at making the best of the three movies. And very rarely in sequels do the films get better, as you go along, and I think that with this trilogy, I think that definitely in terms of story, definitely in terms of performance, this third one is the best of the three.”
Als Lawrence etwas von “Ich mache Sport” ins Mikrofon flüstert, kriegt sich Smith gar nicht mehr ein. Er fängt an, laut zu lachen und klatscht begeistert in die Hände. Dann gibt er zu: “Ich fühle mich älter.”
Lawrence: “Well, exercise.” – Gelächter – Smith: “I don’t know, ah, you know, I just feel like, I’m feeling all of my 50 years old.” – Lawrence: “I feel all of 54.”
Vor Beginn der Dreharbeiten zu “Bad Boys for Life” habe er [Smith] gesagt, er mache alle Stunts selbst – Tom Cruise (57) schaffe das schließlich auch. “Nach drei Tagen war klar, es ist viel tougher als ich dachte.” Kampfszenen und aus dem Fenster springen sei in seinem Alter doch weitaus schwieriger als mit 25. “Danke Gott für die Spezialeffekte!”
Smith: “We came into this movie, and I was like: I’m doing all the stunts, I don’t need no stuntman. Just whatever it is. Tom Cruise can do all his stunts, I can do all my stunts. And, we had about three days of that, we had about three days and we had a scene calling the subs. I said: ‘Hey, you think we should use our stuntman for this?’ And you know, it was really a lot tougher than I imagined, it’s a whole lot easier doing a fight scene and trying to fall out of a window and all of that kind of stuff at 25, than it is at 50. Thank god for special effects!”
Er [Bruckheimer] hat keinerlei Zweifel am Erfolg der Fortsetzung: “Wenn du eine Kamera auf Martin und Will richtest, weißt du, sie werden fantastisch sein.”
Bruckheimer: “When you put Martin and Will together, and you turn a camera on, it’s magic, no matter what, so I knew they would be fantastic.”
Smith erinnert sich noch gut an die Dreharbeiten des ersten Films in Florida. “Prince hatte einen Club in Miami, selbst designt. Es war wirklich hart für uns zu arbeiten, wenn du jede Nacht in den Club gehen konntest …”
Smith: “For me, it was Miami. It was like, you know, for this, for ‘Bad Boys’ was the first time we really spent time in Miami, it was like our introduction to that. And, one of the major memories: Prince had a club in Miami, when we first made the film, with ‘glam slam’ or something like that. Prince designed a club, it was really hard to get work done in Miami when you could go to Prince’s club every night. So that was one of my fondest memories.”
Was für ihn die Freundschaft der beiden Hauptfiguren ausmacht: “Es muss nicht liebenswürdig sein, es muss nicht besonnen sein oder goldig. Aber sehr zuverlässig.” Motto: “We ride together, we die together”.
Smith: “Yeah, that’s really at the center of ‘Bad Boys’, you know, that idea: ‘We ride together, we die together.’ It’s like perfect friendship. And it doesn’t have to be gentle, and, you know, it doesn’t have to be calm, it doesn’t have to be sweet, but what it is: it’s rocksolid. We ride together, we die together. Bad Boys for life.”
(All diese Zitate (bis auf eines — aber auch dieses stammt von der Pressekonferenz), sind in einem gekürzten Zusammenschnitt auf Youtube zu finden.)
Der “Bild”-Autor hat während der gesamten Pressekonferenz keine einzige Frage gestellt — das geht aus einem Audiomitschnitt hervor, der uns vorliegt. Dennoch gibt die Redaktion die Antworten als eigenes “Interview” aus.
Diese Interviewvorgaukelei hat bei “Bild” eine gewisse Tradition:
1. Ein Netflix für Journalismus (taz.de, Alexander Graf)
Immer wieder taucht die Forderung nach einem Portal für Zeitungsartikel auf, einem “Netflix für Journalismus”. Vor einigen Jahren gab es mit Blendle den weitgehend gescheiterten Versuch, ein derartiges Modell zu etablieren. Heutzutage versucht sich vor allem das Unternehmen Readly mit einer Art Journalismus-Flatrate. Im Magazinbereich sei das bereits ganz gut gelungen, doch alle wichtigen überregionalen Zeitungen würden fehlen. Die Verlagshäuser hätten Angst, dass ein neuer Branchenriese entsteht. Doch genau der stehe mit Apple und seiner App “News+” bereits in den Startlöchern.
2. Lebenshilfe-Themen sollen Abos bringen (daniel-bouhs.de, Audio: 5:16 Minuten)
Daniel Bouhs hat sich den neuen Onlineauftritt des “Spiegel” angeschaut. Dort fiele, neben vielen weiteren Änderungen, vor allem das neue Ressort “Leben” auf. Welche Strategie verfolgt das Nachrichtenmagazin? Und wie kann das Verschmelzen von Print und Online gelingen? Für den Deutschlandfunk hat Bouhs die beiden “Spiegel”-Spitzen Barbara Hans und Steffen Klusmann befragt.
3. BILD erklärt lebende Frau für tot | WALULIS DAILY (youtube.com, Video: 8:31 Minuten)
Vergangene Woche berichtete “Bild” über einen tödlichen Unfall in Südtirol und veröffentlichte Fotos der Opfer und des Unfallfahrers auf der Titelseite. Darunter eine Frau, die mit dem Unfall nichts zu tun hatte und sich auf Facebook bitterlich beschwerte: “LIEBE BILD? Wie kann das passieren? Ich bin am Leben und es wird wahllos ein Bild vor gefühlt 8 Jahren ins Netz gestellt obwohl ich nicht betroffen bin? HABT IHR SIE NOCH ALLE? schlimm genug dass ihr mit der Story Kohle verdient!” (BILDblog berichtete). Das Walulis-Team hat sich des traurigen Falls angenommen und in einem achtminütigen Video auf satirische Weise nachgespielt, wie es bei “Bild” wohl zugegangen sein muss: “Stell dir vor, die BILD-Zeitung erklärt dich für tot.”
5. Maulkorb von oben: Eigentümer beschneiden die Pressefreiheit ihrer Redaktionen (medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Immer wieder kommt es vor, dass branchenfremde Reiche, Industrielle und Unternehmer in Medien investieren. Dagegen wäre nicht viel einzuwenden, wenn da nicht die Sache mit den möglichen Interessenkonflikten wäre. Adrian Lobe hat sich die vergangenen Kontroversen in Frankreich, den USA und Deutschland angeschaut. Lobe bringt es im Schlussteil auf den Punkt: “Zu einem unabhängigen Journalismus gehört beides: Eigentümer, die die Pressefreiheit respektieren. Und Journalisten, die keine Beisshemmungen gegenüber den Mächtigen haben. Auch nicht gegenüber ihrem Eigentümer.”
6. Journalismus-Trend des Jahres: Die Zugstattflugreportage (dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff lästert über die, seiner Meinung nach, derzeit auffällig oft erscheinenden Zugreportagen: “Was früher die Provinzreportagen waren, sind heute die ‘Papa fährt Bahn’-Geschichten, die sich in der Regel wirklich putzig und sehr unterhaltsam lesen, auch wenn sie natürlich dem durchschnittlichen Bonusmeilensammler ein bisschen vorkommen wie Stories From Outta Space. Aber es gilt nun mal weiterhin der zuverlässige Merksatz, dass Dinge, die ein Journalist entdeckt, genau dann neu sind, wenn der Journalist sie entdeckt.”
1. #12062020olympia: Die Klimabewegung hat ein Abgrenzungsproblem (vice.com, Thembi Wolf)
Der umtriebige Geschäftsführer der Firma Einhorn und Initiator des Olympiastadion-Events #12062020olympia hat sich im Gespräch mit Tilo Jung merkwürdig bis ungeschickt zu der Frage geäußert, ob bei dem Event auch Nazis willkommen seien. Anlass für Thembi Wolf, etwas anzusprechen, was sie für ein Problem neuer sozialer Bewegungen hält: die Konsenssucht. “Soziale Bewegungen sind Volksmusik geworden. Alle können sich unterhaken, alle können den Text mitsingen. Ein bisschen Liebe, ein bisschen Frieden. Wer könnte darüber uneinig sein? (…) Mehr Basisdemokratie — klingt gut! Aber ist es vielleicht eher das Setting für einen dystopischen Netflix-Thriller, wenn ein Unternehmen ein Stadion mietet, um darin Petitionen abstimmen zu lassen?”
2. Wen frag ich denn heute? (katapult-magazin.de, Lukas Brenner)
Medien veröffentlichen gerne und regelmäßig politische Umfragen beziehungsweise Umfrageergebnisse wie die zur bekannten “Sonntagsfrage”. Entsprechend viele “Umfrageinstitute” tummeln sich auf dem Markt: Forsa, Allensbach, Forschungsgruppe Wahlen, Infratest dimap, Infas, Insa, Kantar Emnid, GMS, GESIS, YouGov, Civey … Lukas Brenner hat sich die Methoden der Demoskopen angeschaut. Sein Urteil: “Einige Institute verwenden umstrittene Methoden und sind politisch nicht neutral.”
3. Ist der Ruf erst ruiniert, der Intendant den Halt verliert (dwdl.de, Thomas Lückerath)
“DWDL”-Chefredakteur Thomas Lückerath kommentiert das Vorgehen des WDR-Intendanten Tom Buhrow in der Causa “Umweltsau”: “Ausgerechnet in Hochzeiten von Fake News und Stimmungsmache darf ein Journalist und ehemaliger Nachrichtensprecher nicht zulassen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zum Spielball von Stimmungsmache wird, die langsam aber stetig die Koordination des Erlaubten verschieben will. Satire, ob bissig oder banal, ob mal treffsicher oder weniger gelungen, bleibt Satire. Es beschämt mich allein schon, diese Zeilen schreiben zu müssen. Ohne hyperventilierende Medien und Buhrows Entschuldigung wäre es der Sturm im Wasserglas geblieben.”
4. Eine 18-Jährige beschwört auf Tiktok die Eskalation zwischen USA und Iran zum «Dritten Weltkrieg» herauf – und erreicht damit ein Millionen-Publikum (nzz.ch, Gabriela Dettwiler & Reto Stauffacher)
Die 18-jährige Schülerin Laura Sophie aus München hat auf Tiktok mehr als 2,2 Millionen Followerinnen und Follower, die sie mit Tanzvideos und kleinen Schulgeschichten versorgt. Am Wochenende veröffentlichte sie ein (nicht mehr öffentlich einsehbares) Erklärvideo, warum es möglicherweise zu einem Dritten Weltkrieg kommen könnte. Die “NZZ” kritisiert: “Es ist fragwürdig, wenn junge Erwachsene wie Laura Sophie unwidersprochen Halbwahrheiten an Millionen von Menschen verbreiten können. Sie scheinen sich nicht bewusst zu sein, dass sie mit ihren Videos mehr Menschen erreichen als viele Tageszeitungen und bei ihren Followern eine Kompetenzfunktion besitzen. Dass ihre «Kriegserklärung» ohne Einordnung auf Plattformen wie Tiktok oder Twitter zirkuliert, ist gefährlich.”
5. “Dieser Bericht ist unanständig” (deutschlandfunkkultur.de, Martin Böttcher, Audio: 6:52 Minuten)
Vergangenes Jahr sorgte der Film “Leaving Neverland” und die darin enthaltenen Kindesmissbrauchsvorwürfe gegenüber Michael Jackson für einiges Aufsehen. Nun hat der TV-Sender Sat.1 eine Doku gesendet, die anscheinend eine Art Gegenposition beziehen und den Musiker entlasten soll. Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt hat sich den 110-Minuten-Beitrag (inklusive Werbeunterbrechungen) angeschaut. Der Film komme wie ein überlanger Bericht aus einem typischen Boulevard-Magazin daher, sei einseitig und ziehe falsche Schlüsse.
6. Alles neu denken – der Prozess hinter dem Relaunch des digitalen SPIEGEL (medium.com/@devspiegel)
Lust auf eine Überdosis Marketing-Bla-Bla? Dann gönnt Euch diesen Artikel der “Spiegel”-Leute zur neu überarbeiteten Website — ein Mix aus BWL-Gelaber, inhaltsleeren Worthülsen und peinlichem Selbstlob. Es entsteht der fatale Eindruck, dass es nicht von Belang ist, ob hier mit Schrauben oder Journalismus gehandelt wird. Aber vielleicht war es ja auch nur ein emotionaler Ausrutscher im narzisstischem Liebesrausch der Selbstbespieglung.
Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 7: unzuverlässige Zeugen.
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Wenn Menschen Zeuge eines Unfalls werden, passiert es danach erstaunlich oft, dass sie in ihrer Aussage bei der Polizei angeben, sie hätten erst einen Knall gehört und sich dann umgedreht. Trotzdem sind sie fest davon überzeugt, den Unfall beobachtet zu haben. In der Rechtssprache nennt man diese Menschen Knallzeugen. Das Phänomen beobachtet man auch bei Raubüberfällen, wenn geschossen wurde. Menschen glauben, sie könnten ihrer Erinnerung vertrauen, doch in Wirklichkeit war alles ganz anders.
Auch Journalistinnen und Journalisten haben mit diesen Menschen zu tun. Es kann sein, dass sie gründlich recherchiert und mit mehreren Zeugen oder Zeuginnen gesprochen haben, aber die Informationen, die sie erhalten haben, trotzdem falsch sind. Hinzukommt: Sie selbst sind natürlich kein Stück besser. Auch Journalistinnen und Journalisten verlassen sich auf ihre Erinnerung, obwohl das sehr oft keine gute Idee ist.
Eine beliebte Übung in Reportage-Seminaren ist, allen Teilnehmenden eine Szene vorzuführen oder erleben zu lassen und ihnen im Anschluss die Aufgaben zu geben, die Szene zu beschreiben. Das Ergebnis ist üblicherweise: Alle Beschreibungen fallen völlig unterschiedlich aus. Das liegt nicht nur an Erinnerungsverzerrungen, sondern auch daran, wohin Menschen ihre Aufmerksamkeit lenken und was sie mit dem Gesehenen verbinden.
Die 3Sat-Wissenschaftssendung “Nano” hat für einen Beitrag in einem Experiment die Zuverlässigkeit von Zeuginnen und Zeugen untersucht. Zehn Menschen erlebten einen inszenierten Überfall. Danach sollten sie versuchen, sich an den Täter zu erinnern und ihn zu beschreiben. Der Überfall hatte direkt vor ihren Augen stattgefunden. Trotzdem lagen die Altersangaben der Zeuginnen und Zeugen um bis zu 30 Jahre auseinander. Auf Fotos konnte nur die Hälfte den Mann identifizieren.
In dem Beitrag kommt auch der Gedächtnisforscher und Gerichtsgutachter Hans Markowitsch zu Wort. Er sagt: “Stresshormone […] führen dazu, dass man auch seine Wahrnehmung sehr eng ausrichtet, und alles in der Peripherie wird mehr oder minder ausgeblendet.” Etwa die Hälfte aller Aussagen vor Gericht seien weit von der Wahrheit entfernt.
Ein großes Missverständnis ist, dass viele Menschen denken, dass das Gedächtnis wie eine Speicherkarte funktioniert. Die us-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus vergleicht es in ihrem TED-Vortrag “How reliable is your memory?” mit einer Wikipedia-Seite: “Du kannst dort hineingehen und es verändern. Und andere können das auch”, sagt sie.
Der Rechtspsychologin Julia Shaw ist es in einem Experiment gelungen, 70 Prozent der Probandinnen und Probanden falsche Erinnerungen einzupflanzen und sie davon zu überzeugen, dass sie eine Straftat begangen haben. Die Menschen erinnerten sich anschließend in einer großen Detailtreue. Sie konnten ihre Emotionen exakt beschreiben. Und die Erinnerungen ließen sich auch danach noch umprogrammieren. “Wir müssen wissen, dass mehrere Befragungen auch dazu führen können, dass Täter mehr Missinformationen mit einbauen in ihr Erinnern”, sagt Shaw in einem Beitrag des ARD-Wissenschaftsmagazins “Planet Wissen”. Und das ist auch für die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten von Bedeutung.
Augenzeugen müssen häufig einen ganzen Interview-Marathon absolvieren. Wenn Journalistinnen und Journalisten Gesprächspartner brauchen, nehmen sie oft die, von denen sie wissen, dass diese bereit sind, etwas zu sagen, weil sie auch schon mit Kolleginnen oder Kollegen gesprochen haben. Aber es kann sein, dass die Befragten beim fünften oder siebten oder zehnten Interview schon eine leicht veränderte Geschichte erzählen: “Je öfter man jemanden befragt, desto mehr kann sich das Erinnern verändern”, sagt Julia Shaw. Jedes erneute Erzählen und jede Suggestivfrage können die Erinnerung formen und Details zu einem festen Bestandteil einer Erzählung werden lassen, obwohl die Befragten sich anfangs gar nicht so sicher waren.
Wie leicht sich die Erinnerung durch Fragen in eine Richtung lenken lässt, zeigt zum Beispiel der Priming-Effekt*: Ein Reiz löst bestimmte Assoziationen aus. Das lenkt das Denken — und sogar das Verhalten. Der Psychologe Daniel Kahneman beschreibt diese Effekte in seinem Buch “Schnelles Denken, langsames Denken”.
Studien zeigen: Menschen, die mit Begriffen konfrontiert werden, die mit dem Altern zu tun haben, bewegen sich danach langsamer. Und der Effekt funktioniert auch umgekehrt: Menschen, die aufgefordert werden, langsam zu laufen, erkennen Wörter, die mit dem Altern zu tun haben, sehr viel schneller wieder.
Der jeweilige Reiz kann ein Bild oder ein Geruch sein, aber eben auch Fragen. Beantworte zum Beispiel im Kopf diese Fragen:
Welche Farbe hat der Kittel eines Arztes?
Welche Farbe haben Wolken?
Welche Farbe hat Schnee?
Was trinkt die Kuh?
Bei der vierten Frage denken viele Menschen zuallererst an Milch, obwohl die richtige Antwort natürlich wäre: Wasser.
Auf diese Weise können Fragen von Journalistinnen und Journalisten Einfluss darauf nehmen, wie Befragte sich erinnern. Und natürlich betrifft der Effekt die Journalistinnen und Journalisten auch selbst.
Eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie sehr uns unser Gehirn in die Irre führen kann, ist dieser Aufmerksamkeitstest (Achtung, leichter Spoiler!): Man sieht ein schwarz gekleidetes Team und ein weiß gekleidetes Team, die sich Bälle hin und her werfen. Man soll die Pässe zählen. Doch wenn man das macht, übersieht man schnell ein wichtiges Detail. Das Video ist ein Beispiel für das Phänomen der selektiven Wahrnehmung.
Menschen sehen nur das, was sie suchen. Im Journalismus kann das zu falschen Darstellungen führen — meist mit nicht besonders dramatischen Folgen. In anderen Berufen steht sehr viel mehr auf dem Spiel: In dem Buch “Crash-Kommunikation: Warum Piloten versagen und Manager Fehler machen” beschreibt Peter Klaus Brandl den Hergang eines Flugzeugabsturzes in Spanien im Jahr 2008. Eine Maschine war wenige Kilometer von Madrid entfernt kurz nach dem Start in ein Flusstal gestürzt. Die Absturzursache, wie Experten später feststellten: Die Crew hatte vergessen, die Landeklappen auszufahren. Eigentlich im Cockpit eine absolute Selbstverständlichkeit, laut Brandl “so selbstverständlich wie Schuhe anziehen”.
Wie das passieren konnte? Die Crew hatte schon einen Startversuch abbrechen müssen**. Beim zweiten Mal versäumte sie, wie das Luftfahrtmagazin “Austrianwings” schreibt, mehrere Routine-Schritte. Ein defektes Alarmsystem machte sie nicht auf den Fehler aufmerksam. Das alles passierte unter großem Stress. Ein weiterer Abbruch hätte sie Stunden gekostet.
Im Journalismus gehen Stresssituationen in der Regel viel glimpflicher aus, aber auch dort führen sie dazu, dass Dinge übersehen werden — nicht nur bei der Aufnahme von Informationen, auch danach noch. Etwa beim Redigieren von Texten. Wer Grammatik- oder Rechtschreibfehler finden möchte, übersieht unter Umständen, wenn etwas inhaltlich nicht stimmt. Und das ist oft die Erklärung, wenn die Frage gestellt wird: Wie kann das denn passieren — das haben doch drei Leute gelesen?
Aber auch auf der Suche nach Rechtschreibfehlern kann vieles schiefgehen, weil das Gehirn es sich leicht macht und nach Mustern sucht. Deswegen können Menschen Sätze lesen, in denen zwar alle Buchstaben vorhanden sind, aber nur der erste und der letzte Buchstabe bei jedem Wort an der richtigen Stelle stehen.
Aslo ugneähfr so.
Das bewirkt allerdings nicht nur, dass Menschen Wörter lesen können, die falsch geschrieben sind, sondern eben auch, dass sie beim Redigieren falsche Wörter übersehen. Genau das dürfte hier passiert sein:
Ein anderer typischer Fehler ist, Texte zwar sorgsam auf inhaltliche und grammatikalische Fehler zu durchsuchen, aber den Blick fürs Ganze zu verlieren. Wenn man Pech hat, sieht das dann so aus:
Aber was kann man dagegen tun?
Um sich nicht von der eigenen Erinnerung täuschen zu lassen, sind genaue Aufzeichnungen unglaublich hilfreich. Das ist eine banale Erkenntnis, die es aber noch immer nicht in alle Redaktionen geschafft hat. Telefoninterviews nur mit dem Stift mitzuschreiben oder sich darauf zu verlassen, dass man sich an ein Zitat später schon irgendwie erinnern wird, ist weit verbreitet und eigentlich immer eine schlechte Idee, wenn es darum geht, Fehler zu vermeiden.
Gegen Erinnerungsverzerrungen bei Gesprächspartnern kann man sich nur schützen, indem man die Informationen prüft. Aber das ist nicht immer möglich. Es kann aber sinnvoll sein, sich die gleiche Sache noch mal von einer anderen Person erzählen zu lassen, auch wenn man denkt, man habe doch schon alles erfahren.
Eine unscheinbare, ziemlich langweilig klingende, aber überraschend wirkungsvolle Methode, um Gedächtnisfehler zu vermeiden, ist die Checkliste. Mit ihr lassen sich Text-Bild-Scheren, Fehler in Überschriften oder Bildunterschriften in vielen Fällen vermeiden. Und wirklich nützlich wird die Checkliste, wenn man das Gefühl hat, dass man sie eigentlich nicht mehr braucht. Denn neben dem Gedächtnis ist eine weitere mindestens ebenso unangenehme Fehlerquelle: die Routine.
*Nachtrag, 23. Dezember: Zwei Leser haben uns darauf hingewiesen, dass neue Studien die in Daniel Kahnemans Buch “Schnelles Denken, langsames Denken” dargestellten und hier oben beschriebenen Forschungsergebnisse zum “Priming” so nicht bestätigen. Eine dieser Studien findet man hier. Ein vor knapp zwei Wochen erschienener Beitrag in der Fachzeitschrift “Nature” fasst den aktuellen Stand der Debatte zusammen. Herzlichen Dank für die Hinweise an Simon B. und Frank R.!
**Korrektur, 23. Dezember: Ein Leser hat uns darauf hingewiesen, dass die Darstellung des Flugzeugabsturzes in dem Buch “Crash-Kommunikation: Warum Piloten versagen und Manager Fehler machen”, die wir weiter oben zusammengefasst haben, nicht ganz richtig ist: Laut dem im Luftfahrtmagazin “Austrianwings” dargestellten abschließenden Untersuchungsbericht ereignete sich der Absturz nicht beim dritten, sondern beim zweiten Startversuch. Und eine Ungenauigkeit in unserer Darstellung: Die Piloten übersahen keine Warnleuchte, sie versäumten eine Kontrolle. Eine Alarmvorrichtung machte sie nicht darauf aufmerksam, weil sie defekt war. Wir haben das korrigiert. Herzlichen Dank an Harald S. für den Hinweis!
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Teil 1 unserer “Kleinen Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier, Teil 5 hier und Teil 6 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.
Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 6: Storydenken.
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Im Jahr 1944 veröffentlichten die österreichischen Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel eine etwas mehr als eine Minute lange Animation, die zwei Dreiecke und einen Punkt zeigen. Die Formen bewegen sich innerhalb und außerhalb eines Rechtecks. Probandinnen und Probanden bekamen die Aufgaben, sich die Szene anzusehen und sie zu beschreiben.
Einige von ihnen schilderten eine Verfolgungsjagd, andere eine Eifersuchtsszene. In den Dreiecken und dem Punkt sahen sie häufig zwei Männer und ein Frau. Das Quadrat stellten sie sich als Haus vor. Sie machten sich Gedanken über die Motive der Figuren und über deren Gefühle. Einige Deutungen glichen einer Seifenoper. Nur: Einen Punkt, zwei Dreiecke und ein Rechteck sah so gut wie niemand. Die Beschreibungen hatten fast alle eine Gemeinsamkeit: Sie waren eine Geschichte.
Ungefähr so scheint der Mensch zu funktionieren. Wo er auch hinschaut, entdeckt er Sinn und Zusammenhänge. Das ist das Format, in dem das Gehirn Informationen speichert. Und in dieses Format konvertieren Menschen alles, was sie sehen und erleben.
Im Rückblick sieht fast alles so aus, als wäre es eine zwangsläufige Folge aus sich logisch auseinander ergebenden Ereignissen, obwohl vieles im Leben einfach durch Zufall passiert, und man bei einer genaueren Untersuchung feststellen würde: Es hat keinen Sinn. Diesen Fall lässt das Gehirn allerdings nur ungern zu. Wo es keinen Sinn erkennen kann, schließt es die Sinnlücke mit einer eigenen Konstruktion. Und das ist im Journalismus ein Problem, denn es führt zu einer Verzerrung, die als Story bias bekannt ist.
Menschen biegen sich die Dinge gern so zurecht, dass sie zu einer guten Geschichten werden. Sie unterschlagen Details, die nicht ins Bild passen. Sie konstruieren Zusammenhänge, wo keine sind. Diese Tendenz bewirkt, dass Gerüchte oft immer abenteuerlicher werden, weil neue Details hinzugedichtet werden, die aus dem Gerücht eine noch bessere Geschichte machen. Im Grunde beschreibt das Story bias ein Grundprinzip der “Bild”-Zeitung: Die Geschichte ist wichtiger als die Wahrheit.
Der Effekt führt auch dazu, dass Geschichten ohne schlechte Absicht so sehr vereinfacht werden, dass sie die Wirklichkeit kaum noch abbilden können. Eine Weltwirtschaftskrise oder ein Krieg zum Beispiel lassen sich wunderbar im Info-Grafik-Format erklären. Erst passierte dies, dann das, dann kam der nächste Schritt. So wird das Ereignis am Ende greifbar, aber es entsteht der falsche Eindruck, dass die Welt sich wie ein Domino-Spiel erklären lässt — und bei den gegebenen Ereignissen alles zwangsläufig so kommen musste.
Der Schriftsteller Rudolf Dobelli beschreibt das Story bias in seiner Kolumnensammlung “Die Kunst des klaren Denkens” an einem Beispiel: Eine Brücke stürzt ein und reißt einen Autofahrer mit in die Tiefe. Danach wird man die tragische Geschichte des Autofahrers lesen. Vielleicht war er auf dem Weg zu seiner Familie. Vielleicht kam er gerade von der Arbeit. Vielleicht wollte er in der Woche darauf heiraten.
Nur das, was eigentlich passiert ist, ist keine gute Geschichte. Die Brückenkonstruktion hat aus irgendeinem Grund nachgegeben, vielleicht durch eine komplizierte Kette aus unglücklichen Zufällen, die sich nicht zurückverfolgen lässt. Für Menschen sind aber vor allem die Menschen interessant.
Journalistinnen und Journalisten gehen zudem gern so vor, dass das Ergebnis schon vor der Recherche feststeht. Sie formulieren eine These und suchen dann nach den passenden Belegen. Im Januar 2019 musste der WDR einräumen, dass die Wirklichkeit sich doch etwas anders darstellte, als sie in einigen Dokumentationen der Reihe “Menschen hautnah” gezeigt wurde. Eine Autorin hatte Protagonisten für eine Doku aus einer Komparsen-Datenbank rekrutiert. Die Geschichte stimmte so nicht ganz. Es sollte alles etwas besser klingen, als es wirklich war.
Dass ein Beitrag schon vor der Recherche steht, ist keine Besonderheit der WDR-Doku-Reihe. Das zeigt zum Beispiel der Abschlussbericht über den Fall Relotius beim “Spiegel”. An einer Stelle zitiert das Autoren-Team aus einer inzwischen sehr bekannt gewordenen E-Mail. Der damalige Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer, gibt darin Anweisungen zu Aufbau und Inhalt einer Reportage:
Dort heißt es unter anderem: “Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.”
Wie die Geschichte aussehen soll, steht schon vor der Recherche fest. Das Ergebnis muss in die vorgegebene Form passen. Und wenn das der Fall ist, steht am Anfang der Recherche nicht die Frage: Wie ist es gewesen? Sondern: Woher bekomme ich das Personal?
In diesem Fall sollte die Story offenbar möglichst preiswürdig sein. In anderen Fällen konstruieren Journalistinnen und Journalisten, weil es schneller geht, als ergebnisoffen zu recherchieren — oder weil sie davon überzeugt sind, die Antwort eh schon zu haben.
Pressesprecher sagen, sie kennen das. Wenn sie von Journalistinnen und Journalisten angerufen werden, wüssten diese oft längst, was sie hören wollen. Sie bräuchten nur noch jemanden, der es sagt. Der Bundesverband deutscher Pressesprecher hat im Jahr 2015 eine Studie mit dem Titel “Thesenjournalismus statt ergebnisoffener Recherche?” veröffentlicht. Dazu hatte er über eintausend Pressesprecher befragt. Ein Ergebnis war:
Über alle Medien hinweg gehört es inzwischen zum journalistischen Standard, thesengeleitet zu recherchieren und Storys zuzuspitzen.
In der Zusammenfassung heißt es:
Probleme bereiten den Pressesprechern […] vor allem Situationen, in denen die Journalisten nicht bereit sind, ihre Ausgangseinschätzungen zu ändern — auch wenn sie in der Recherche neue Informationen bekommen, die die Storyline widerlegen.
Auch das ist nicht allein ein Problem von Journalistinnen und Journalisten. Wissenschaftler haben in verschiedenen Studien gezeigt, dass Menschen sogar dann an falschen Informationen festhalten, wenn sie sehen, dass sie falsch sind. Die Forscher sprechen von Belief perseverance oder Faktenresistenz.
In einem Experiment sollten 19 Probandinnen und Probanden, jeder von ihnen promoviert in einem naturwissenschaftlichen Fach, den Inhalt einer Kugel bestimmen. Sie erhielten eine manipulierte Formel. Dann gab man ihnen Kugeln. Sie berechneten den Inhalt erst mit der Formel, später füllten sie Wasser in die Kugeln, gossen es in eine Kiste und bestimmten das Volumen. Das errechnete Ergebnis stimmte nicht mit dem tatsächlichen überein. Dennoch hielten mit Ausnahme eines Wissenschaftlers alle an der falschen Formel fest.
Auch der Innsbrucker Psychologe Tobias Greitemeier untersuchte den Effekt in einem Experiment. Er ließ Probandinnen und Probanden einen wissenschaftlichen Artikel lesen. Einige informierte er im Anschluss darüber, dass die Daten gefälscht waren. Die übrigen bekamen diese Information nicht. Eine dritte Gruppe (Kontrollgruppe) las den Artikel nicht. In Befragungen zeigte sich, dass die Menschen, die über die Fälschung informiert wurden, ihre Meinung zwar korrigierten, aber auch danach weiterhin stärker von den Informationen beeinflusst waren als die Personen aus der Kontrollgruppe, die den Artikel gar nicht kannte. Im Abstract seiner Arbeit schreibt Greitemeier:
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Widerrufserklärung eines empirischen Artikels in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht ausreicht, um sicherzustellen, dass die Leser des ursprünglichen Artikels nicht mehr an die Schlussfolgerungen des Artikels glauben.
Bei journalistischen Beiträgen ist das wahrscheinlich nicht anders.
Das Gehirn wirkt schon beim Sammeln von Informationen darauf hin, dass vorhandene Informationen begünstigt werden (Confirmation bias) und neue es schwerer haben. Ergeben sich Widersprüche (kognitive Dissonanzen), versucht das Gehirn, sie aufzulösen, indem es sie umdeutet. Jürgen Schaefer schreibt in einem “Geo”-Essay: “Wenn andere viel zu schnell mit ihrem Rad durch die Fußgängerzone fahren, halten wir das für ‘idiotisch’, bei uns selbst für ‘verwegen’.”
So formt die Wahrnehmung unsere Wirklichkeit. Und wie die Wirklichkeit aussehen wird, beeinflussen Journalistinnen und Journalisten mit ihrer Erwartung, die in ihrer These enthalten ist. Das passiert auch in der Wissenschaft, wo in der Regel viel gründlicher gearbeitet werden kann und mehr Zeit bleibt, alles noch einmal zu überdenken. Jürgen Schaefer berichtet von zwei Studien, in denen es um die Frage geht, ob es Herzpatienten hilft, wenn Unbekannte für sie beten:
Eine Studie ergab: Ja, es helfe. Die zweite kam zum gegenteiligen Ergebnis: Nein, es schade sogar. Das naheliegende Ergebnis — dass es weder hilft noch schadet — wollte keiner nachgewiesen haben: nicht spektakulär genug.
Auch hier ist es wahrscheinlich, dass diese Beobachtung nicht nur die Wissenschaft betrifft, sondern ebenso den Journalismus: Die Geschichte muss gut sein. Dann verbreitet sie sich — und mit ihr die inbegriffene Botschaft. Das ist das Prinzip, nach dem “Fake News” und Gerüchte funktionieren.
Eine Rolle spielt dabei, dass Geschichten von anderen Hirnregionen verarbeitet werden als Fakten. Und dass die Spiegelneuronen im Gehirn es möglich machen, sich in eine Geschichte hineinzuversetzen. So können Menschen von den Erfahrungen anderer lernen, ohne sie selbst gemacht zu haben. Und Geschichten finden sehr viel leichter Zugang zum Gehirn als sperrige Fakten, die beim Eingang auch noch kritisch überprüft werden.
Das ist das Erfolgsgeheimnis von Geschichten. Aber das macht sie gleichzeitig zu manipulativen Werkzeugen: Sie müssen nicht stimmen, damit Menschen sie glauben. Sie müssen vor allem plausibel klingen. Und wie das ausgehen kann, steht im Abschlussbericht zum Fall Relotius.
Das Dumme ist: Es gibt keine Alternative zur Geschichte. Auf keine andere Weise lassen sich Emotionen, Werte oder Erfahrungen so gut transportieren und so erfolgreich Sinn und Identität stiften. Kein anderes Format ist in der Lage, Menschen so zu berühren, sogar körperliche Reaktionen auszulösen. Menschen weinen im Kino, wenn sie Geschichten sehen, die im Grunde nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Und in keinem anderen Format ist der Inhalt so lange haltbar. Je eindrucksvoller eine Geschichte ist, desto besser kann das Gehirn sie sich merken. Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt:
Reine Information ist nur limitiert anknüpfbar. Wenn Sie sie aber in eine Geschichte verpacken, liefern Sie in deren Rahmen viele Anknüpfungspunkte an bereits vorhandene Gedächtnisinhalte. So kann man die Geschichte besser im Gedächtnis abspeichern und daraus dann die entscheidenden Aussagen ableiten. Dazu kommt: Jeder Lernprozess wird von Emotionen begleitet, bei der nackten Vermittlung von Fakten werden diese emotionalen Bereiche nicht angesprochen.
Den Effekt kennt jeder aus schockierenden oder auf andere Weise bewegenden Momenten. Die meisten Menschen, die den 11. September 2001 erlebt haben, können sich genau daran erinnern, wo sie waren, was sie gemacht haben und was sie um sich herum wahrgenommen haben, als die Flugzeuge ins Word Trade Center flogen. Es ist alles gespeichert, wie in einem Film. Es erscheint noch immer sehr real. Nur möglicherweise stimmt es nicht, weil die Erinnerung es mit den Jahren an einigen Stellen verformt hat.
Journalistinnen und Journalisten können das nicht verhindern. Aber sie können dem entgegenwirken, indem sie sich diese Effekte bewusst machen und sich nicht allein auf ihre Erinnerung verlassen, sondern ihre Recherchen so gut es geht dokumentieren, damit das Gehirn sich die Geschichte nicht zurechtformt. Sie können ihre Vermutungen immer wieder infrage stellen, indem sie nach Widersprüchen suchen — und Argumente sammeln, die für das Gegenteil sprechen.
Und wenn sie dann feststellen, dass diese Widersprüche sich im Beitrag nicht unterbringen lassen, weil die Geschichte dann nicht mehr funktionieren würde, sollten sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Geschichte so, wie sie es sich vorgestellt hatten, einfach nicht funktioniert.
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Teil 1 unserer “Kleinen Wissenschaft des Fehlers” gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier und Teil 5 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.
1. Juan Moreno ist der Journalist des Jahres 2019 (mediummagazin.de)
Der vor allem durch die Causa Relotius bekannt gewordene freie Reporter Juan Moreno ist von einer rund 100-köpfigen Jury des “medium magazin” zum “Journalisten des Jahres” 2019 gewählt worden: “Moreno zeigte als Reporter die Hartnäckigkeit des gründlichen Rechercheurs und ehrlichen journalistischen Handwerkers. Zudem bewies er den Mut, für die Wahrheit persönlich viel aufs Spiel zu setzen, da ihm zunächst niemand glauben wollte. Die Folgen seiner Recherchen werden die Debatten über Qualitätsjournalismus weit über 2019 hinaus prägen.”
2. Ein Recht auf Sendezeit gibt es nicht (deutschlandfunk.de, Arno Frank)
Zum Ende des Jahres wird gerne nachgezählt, wie oft welche Politikerinnen und Politiker bei den großen politischen Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen zu sehen waren. Begleitet von der Kritik, dass manche Parteien beziehungsweise deren Vertreterinnen und Vertreter zu kurz gekommen seien, wenn man die Sitzverteilung im Bundestag als Maßstab heranziehe. Eine Kritik, die Arno Frank nicht nachvollziehen kann: “Die Auswahl der Gäste erfolgt nicht nach demokratischem Proporz, sondern nach redaktionellen Erwägungen. Jede Sendung ist der Versuch, eine ergiebige Gesprächsrunde zu orchestrieren.”
3. “Projekt Herkules”: Springer-Chef Döpfner lockt “Bild”-Mitarbeiter mit Turbo-Prämie zum Ausscheiden (meedia.de, Gregory Lipinski)
Der Axel-Springer-Konzern will “die Kostenbasis durch strukturelle Anpassungen um insgesamt rund 50 Millionen Euro senken” und setzt vor allem beim Personal an. Möglichst viele “Bild”-Beschäftigte sollen mit Prämien dazu bewegt werden, freiwillig das Unternehmen zu verlassen. Eine Vorgehensweise, die man bei der “Welt” schon gewählt hatte.
4. Die Like-Fabrik (sueddeutsche.de, Svea Eckert & Simon Hurtz & Sören Müller-Hansen & Vanessa Wormer)
“SZ”, NDR und WDR liegt eine Liste mit Links zu knapp 90.000 Social-Media-Präsenzen vor, die von gekauften Likes des Like-Lieferanten “Paidlikes” profitierten. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum hatten die unzureichend geschützten Daten der Website entnommen und zugänglich gemacht. Obwohl aus ihnen nicht ersichtlich wird, wer den Likekauf beauftragt und bezahlt hat, ermöglicht die Recherche interessante Einblicke in das Geschäftsmodell mit den gekauften “Gefällt mir”-Angaben und Herzen.
5. Polizisten können zwei Tage lang nicht twittern (netzpolitik.org, Marie Bröckling)
Auf Twitter wurden am Wochenende mehrere kleinere Polizei-Accounts zumindest zeitweise gesperrt. netzpolitik.org hat Ursachenforschung betrieben. Der Verdacht auf “Overblocking” liege nahe. Warum jedoch ausgerechnet die elf Polizei-Accounts betroffen waren, von denen die Sperrung bekannt wurde, sei unklar.
6. TikTok: Wir haben Videos von Polizeigewalt hochgeladen, dann wurden sie gelöscht (vice.com, Sebastian Meineck)
Kritischer Journalismus ist auf TikTok anscheinend nicht erwünscht, so eine mögliche Erkenntnis aus einem Experiment der “Vice”-Redaktion. Die fünf testweise hochgeladenen Videoaufnahmen von Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Zivilbevölkerung seien entweder gelöscht oder in ihrer Reichweite gedrosselt worden.