1. “Kartell der Krawalljournalisten” (taz.de, Albrecht von Lucke)
“Kein führender Journalist hat die ökonomische Großkrise rechtzeitig erkannt. Trotzdem überbieten sich die breitbeinigen Meinungsmacher weiter in analytischer Haltlosigkeit.”
2. “Warum ist ‘Die Zeit’ nicht besser?” (stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier analysiert die Zeit-Titelgeschichte über Fernsehen und fragt sich, warum sie trotz umfangreichem Reiseetat nicht besser ist. Einen “Rüdiger Schawinski” gebe es nämlich keinen und dass erst seit den 80er-Jahren über die Quote geredet wird, stimme auch nicht.
3. “Brasilien übt mediale Selbstkritik” (nzz.ch, K. H.)
Klaus Hart berichtet, dass im Fall Paula Oliveira gerade die sogenannt seriösen Medien viel zur Verbreitung der Falschmeldung beigetragen hätten: “In der Tat sind gerade Qualitätstitel, darunter Nachrichtenmagazine, die alle stark von Regierungs- und Staatsanzeigen profitieren, bei dem Fall erstaunlich weit gegangen. So wurde als geradezu unverschämt bewertet, dass die Behörden und auch die Medien der Schweiz nicht sofort bereit waren, den Darstellungen von Paula O. hundertprozentig Glauben zu schenken.”
Dieser Herr in der modischen Freizeitjacke, der uns da den Rücken zudreht, ist Wolfgang Faber. Er hat soeben das Ladengeschäft einer “Computerfirma in Bochum” betreten und seinen alten PC auf den Tresen gestellt. Herr Faber will offenbar einen neuen Computer kaufen.
Wir begegnen Herrn Faber in einem Leserreporter-Video von Bild.de über “Deutschland im Abwrack-Wahn”. Er hat nämlich, wie er sagt, “in den Medien” gesehen, dass die Computerfirma für den alten PC eine “Abwrackprämie” zahlen soll, und der Bild.de-Sprecher fügt aus dem Off hinzu:
Wolfgang Faber hat das direkt mal ausprobiert.
Ein bisschen merkwürdig ist allerdings, dass auf dem Schild, das da auf dem Tresen der “Computerfirma in Bochum” zu sehen ist, der Name “Faber” steht. Und dass es in Bochum tatsächlich eine Firma namens “Faber Datentechnik” gibt. Und dass einer ihrer Geschäftsführer Wolfgang Faber heißt.
Das ist aber kein Zufall und kein Versehen. Denn wie man uns auf Nachfrage bei der Firma Faber Datentechnik in Bochum bestätigt, sind “Kunde” und Geschäftsführer ein und dieselbe Person. Bild.de sei von einem Leser auf das Angebot aufmerksam gemacht geworden und habe die Firma um Videomaterial gebeten. Faber Datentechnik habe das dann selbst gedreht (in der uncut-Version gibt es das Video auch bei youtube und auf der Internetseite der Firma) und Bild.de zur Verfügung gestellt.
1. “Der YouTube-Präsident düpiert die Starreporter” (spiegel.de, Marc Pitzke)
“US-Präsident Obama liebt es, sich im Internet direkt an die Bürger zu wenden – das Nachsehen haben die etablierten Korrespondenten im Weißen Haus. Sie fürchten um ihre Exklusivität und reagieren vergrätzt.”
2. “Fertig mit lustig” (weltwoche.ch, Kurt W. Zimmermann)
Wenn sich eine Branche von Oligarchen oder vom Staat helfen lasse, dann sei es richtig übel um sie bestellt: “Verleger sind Hasenfüsse. Bei Gegenwind verlieren sie schnell den Glauben an sich selbst und scheuen jedes Risiko. In Krisenzeiten können darum externe Investoren immer extrem billig in die Medien einsteigen, weil sie mehr Courage haben.”
3. “Verlage beuten freie Mitarbeiter aus” (ndr.de, Video, 9:19 Minuten)
Niemand bezahlt ihnen Reisespesen oder Telefonkosten und sie verdienen weniger als Bäcker. Und dann sind sie auch noch gezwungen, den Verlagen die Verwertungsrechte abzutreten. Die freien Journalisten.
1. “Studienergebnisse: Zeitungen Online 2008” (media-ocean.de, Steffen Büffel und Sebastian Spang)
Die Ergebnisse der Studie “Zeitungen online 2008″ sind da. Es gibt weniger Foren, weniger Chats, dafür mehr Kommentarmöglichkeiten, wenn nun auch vielerorts mit Registrierungspflicht.
2. “Big Brother 2009” (dradio.de/dlf, Burkhard Müller-Ullrich)
“Das Land Bayern versucht, den Nachdruck historischer Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus zu verhindert – gegen den Protest angesehener Historiker. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien verbietet zum ersten Mal einen Internet-Blog eines magersüchtigen Mädchens. Zweimal verbietet der Staat Medien – ist es da gerechtfertigt, von Zensur zu sprechen?”
3. “Finden Sie Worte!” (presseverein.ch)
“Namhafte Zeitungen” drucken für das Luzerner Medienausbildungszentrum (MAZ) ein vermutlich kostenloses Inserat ab, das einen Kindersoldaten zeigt, zu dem Worte gefunden werden sollen. Wer könnte davon angesprochen werden? Vielleicht “Führungskräfte, die sich in Interviewtechnik briefen lassen, PR-Leute, die sich für ihre Lobby-Arbeit in Kommunikation weiterbilden, und wohlhabende Sprösslinge, die mit Papas Segen und zwecks Selbstverwirklichung die journalistische Laufbahn einschlagen wollen.”
1. Euer Dieter knüppelhart (bild.de, Dieter Bohlen) Dieter Bohlen, Sänger seichter Liedchen und erfolgreicher Musikproduzent, bloggt bei bild.de und zeigt dort natürliches Boulevard-Talent und endlose Eitelkeit. Er schreibt über Mitarbeiter (“Klar, der ist ein netter Typ, aber für uns leider nicht zu gebrauchen”) und Kandidaten (“Wie bestehen sie, wenn sie in einem Interview brettharte Fragen um die Ohren bekommen?”).
2. “Wenn Satire in die Hose geht” (welti.ch, Philippe Welti)
Der Beobachter (Axel Springer Schweiz AG) versucht sich an Satire und scheitert kläglich am Humorsinn der Leserschaft. Chefredakteur Andres Büchi sieht sich nach Interventionen von Lesern und Zeitungen zu einer Entschuldigung genötigt. Nein, man wolle sich nicht ernsthaft von den Kantonen Wallis und Tessin trennen (Artikel und Entschuldigung).
3. “Die anarchische Produktionsweise der Medien” (weltwoche.ch, Kurt W. Zimmermann)
Kolumnist Zimmermann beschäftigt sich mit den “Merkwürdigkeiten der Zeitungsbranche”, die in ihren Prozessen unflexibel sei: “Die Redaktionsgrösse bemisst sich nicht an der anfallenden Arbeit. Sie bemisst sich an externen Faktoren. In guten Anzeigenzeiten wachsen die Redaktionen. In schlechten Anzeigenzeiten schrumpfen die Redaktionen. Der journalistische Aufwand bleibt gleich.”
1. “Krieg – Live im israelischen Wohnzimmer” (andremarty.com)
Der israelische Privatsender Channel 10 telefoniert während dem Krieg immer mal wieder mit Ezzeldeen Abu al-Aish, einem palästinensischen Gynäkologen. Ein Anruf des Senders erfolgt, nachdem sein Haus von einem israelischen Panzer beschossen wurde: “Drei seiner Töchter sind tot, die 22jährige Bisan, die 15jährige Mayer und die 14jährige Aya. Seine 14jährige Nichte Nour und eine weitere Tochter sind verletzt.” Die sehr emotionale Live-Schaltung ist auf YouTube zu sehen (youtube.com, Video, 4:18 Minuten).
2. “Die Maden und die Medien” (faz.net, Stefan Niggemeier)
Die von Gatekeepern befreite RTL-Sendung “Ich bin ein Star – holt mich hier raus” zeigt eigene Qualitäten. Stefan Niggemeier fragt sich, “wann je zuvor so viele Fernsehzuschauer in einer Unterhaltungssendung so viel über Transsexualität erfahren haben. Wie absurd, dass ausgerechnet in dieser bizarren, künstlichen Extremsituation im australischen Dschungel Gespräche entstehen, die dem schwierigen Thema angemessener sind als die übliche Boulevardberichterstattung.”
3. Interview mit Leo Fischer (tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Leo Fischer, der 27-jährige Chefredakteur der Satirezeitschrift Titanic, will sein Bestes geben, freut sich über Klagen und kämpft mit Bedeutungsverlust: “Die meisten Politiker der Postmoderne verstehen Satire inzwischen aber wohl als PR.”
1. Bild.de schreibt offenbar aus der NZZ am Sonntag ab (klartext.ch, Nick Lüthi)
Karl Wendl, bei bild.de für die “Zusammenhänge der Weltpolitik” zuständig (bildblog.de), schreibt eine Kolumne, die in weiten Teilen an einen Artikel in der NZZ am Sonntag erinnert. Damit konfrontiert, spricht Wendl von einen “Irrtum” – bild.de habe fälschlicherweise eine “Skizze” veröffentlicht.
2. “25 Jahre Privat-TV” (tagesspiegel.de, Harald Martenstein)
Harald Martenstein freut sich über ein Vierteljahrhundert Privatfernsehen und erklärt, was sich geändert hat: “Das Fernsehen ist nicht mehr pädagogisch. Das Fernsehen sendet, jedenfalls meistens, nicht mehr das, was eine gebildete Elite sich wünscht oder dem Volke, mit guten Gründen vielleicht, zuzuteilen geruht. Seit es Privatfernsehen gibt, wird gesendet, was die Leute sehen möchten.”
3. Migros stellt seine Werbung in Frage (persoenlich.com, Matthias Ackeret und Christian Lüscher)
An der Verlegertagung stellt ausgerechnet der Chef der Migros, Marktleader im Detailhandel, seine bisherige Werbestrategie in Frage. Für die klassischen Verlage ein massive Bedrohung, denn schon die Kürzung des Budgets für 2009 um 50 Millionen Franken wird massive Restrukturierungsmassnahmen nach sich ziehen.
1. “Wirres zum ‘Bund’ aus Berlin” (bernergazette.ch)
Roland Mischke schreibt in der Berliner Zeitung einen Text über “das absehbare Ende” der Schweizer Tageszeitung Bund. Die Berner Gazette hat ihn gelesen und ist damit nicht zufrieden: “Um den Medienjournalismus bei der ‘Berliner Zeitung’ steht es schlecht, wenn ein derart sinn- und faktenfreier Text durchgeht und auch noch gedruckt wird.”
2. Interview mit Margrit Sprecher (tagesanzeiger.ch, Rico Bandle)
Reportagejournalistin Margrit Sprecher hat den Schweizer Kultursender DRS2 besucht und ein Buch darüber geschrieben: “Seit ich das Buch geschrieben habe, höre ich mehr DRS 2 als je zuvor. Ich begreife aber nicht, weshalb der Sender ausschliesslich bewundert und gelobt wird. Mit so viel Mitteln und Freiheiten ist es keine Kunst, ein gutes Kulturradio zu machen. Im Vergleich zu Print-Journalisten sind die wahnsinnig verwöhnt.”
3. Interview mit Karin Storch (tagesspiegel.de, Thomas Eckert und Joachim Huber)
Die Leiterin des ZDF-Studios in Tel Aviv schläft zurzeit “miserabel”. Zur Informationsfreiheit sagt sie diesen bemerkenswerten Satz: “Ich fühle mich überhaupt nicht manipuliert, wir unterliegen allerdings der israelischen Zensur.”
… und wieder ist es an der Zeit, schnell noch ein wenig Gerümpel wegzuräumen, das während unseres Winterschlafs liegengeblieben ist.
Denn dass Dieter Althaus kein “CSU-Ministerpräsident” ist, hat man bei “Bild” inzwischen immerhin selbst gemerkt. Ob Britney Spears, wie Bild.de behauptet, wirklich über Weihnachten in Indien war, ist zumindestfraglich; so fraglich wie die Bild.de-Behauptung, DJ Tommek DJ Tomekk habe 2007 “auf RTL” mit einem Hitlergruß geschockt. (Soweit wir unserinnern, schockte “Bild” damit.) Doch wenn es auf Bild.de heißt…
Pünktlich zum Jahresende in der bundesligafreien Zeit begeistert uns die US-Sportseite dbbsports.com mit dem heißesten Kick des Jahres!
… dann wollen wir an der Begeisterung der Bild.de-Redaktion nicht zweifeln. Die 14-teilige Screenshot-Galerie zum Thema und eine Bild.de-Version des Videos (“Es ist das schärfste Fußballspiel des Jahres, was das amerikanische Sport-Portal dbbsports.com seinen Lesern zum Ende des Jahres beschert!”) sprechen für sich. Weshalb wir nur mal kurz darauf hinweisen wollen, dass es sich, wenn überhaupt, um den schärfsten/heißesten Kick des Jahres 2007 handelt – genauer: um ein vor anderthalb Jahren veröffentlichtes Musikvideo, das nun von dbbsports.com bloß wiederverwertet wurde.
Und dann war da noch der Versuch der “Bild”-Zeitung, eine “Spiegel”-Geschichte zu entkräften, die den Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Schwierigkeiten brachte. Im “Spiegel” hatte der ehemalige US-General James Marks gesagt, dass zwei deutsche Geheimagenten im Irak-Krieg den Amerikanern mit Wissen des Kanzleramtes wertvolle Informationen für ihre Kriegsführung geliefert hätten. Eine solche “aktive Unterstützung” hat Steinmeier, der das Kanzleramt damals leitete, immer bestritten.
Rolf Kleine, Leiter des “Bild”-Hauptstadtbüros und so etwas wie Pressesprecher, Schönfärber und Ausputzer für Steinmeier, veröffentlichte daraufhin in “Bild” und auf Bild.de einen Artikel, in denen er dem “Spiegel” vorwarf, “offenbar einem bezahlten Propagandisten des Pentagon aufgesessen” zu sein. Marks Aussagen seien deshalb nicht ernst zu nehmen. Kleine nahm damit exakt die Verteidigung Steinmeiers am selben Tag vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zur Rolle der BND-Agenten vorweg (und erklärte schon vorab: “Jetzt deutet alles darauf hin, dass der SPD-Kanzlerkandidat unbeschadet aus der Affäre herauskommt”).
Auf den “Bild”-Artikel antwortet in der aktuellen Ausgabe nun wieder der “Spiegel” — mit einem “Münchhausen-Test”. Unter Berufung auf detaillierte Aussagen mehrerer Journalisten, des Pentagons und von Marks selbst kommt der “Spiegel” zu dem nüchternen Ergebnis: “Es finden sich keine Belege, dass Marks ein ‘bezahlter Propagandist’ des Pentagon ist.”
Viel Platz ist ja nicht in der täglichen “Gewinner/Verlierer”-Rubrik auf der “Bild”-Titelseite. Umso erstaunlicher, wie viele Fehler da an einem Tag wie heute so rein passen (siehe Ausriss)…
Schon die Formulierung “soll es vorher schon zweimal gegeben haben”, auf die “Bild” das “Verlierer”-Dasein der deutschen Retorten-Girlband Queensberry stützt, ist ein bisschen untertrieben. Man kann sich u.a. bei YouTube anschauen, dass der Song ganz bestimmt bereits von anderen gesungen wurde: Im Sommer Ende Oktober erschien er auf dem Album der Kanadierin Eva Avila – und unter dem Titel “Game over” nahm das Lied 2008 für Holland in Belgien am “Eurovision Song Contest” an einem nationalen Vorentscheid für den diesjährigen “Eurovision Song Contest” teil.
Und wir haben gehört: Das alles soll schon seit mehr als einer Woche völlig korrekt auf einer belgischen “Song Contest”-Website namens Belgovision.com nachzulesen sein.