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Die Zeit, Mediaset, Sport1

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Medienvielfalt selber machen – was die Zeitungskrise mit Blogs zu tun hat”
(metronaut.de, John F. Nebel)
John F. Nebel erinnert daran, dass Medienvielfalt nicht nur von Verlagen abhängt, “deren Print-Tageszeitungen abschmieren, sondern der Auswahl diverser, verfügbarer, spannender, lesbarer, hörbarer, konsumierbarer Medien insgesamt. (…) Qualität gibt es, wenn Leute Zeit, Muße und Begeisterung in den Inhalt stecken können. Und dann braucht es Leser, bei denen gute Inhalte Enthusiasmus und den Griff zum Geldbeutel auslösen.”

2. “Auf den Hund gekommen: Der Wärmestuben-Journalismus der ‘Zeit'”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier liest die aktuelle “Zeit” mit dem Titelthema “Wie guter Journalismus überleben kann”: “Mich hat diese hilflos-verzweifelt-verklärende Flucht ins Pathos unter dem Sinnbild des süßen gephotoshoppten Hundes heute depressiver gemacht als alle aktuellen Untergangs-Nachrichten von Print-Medien.”

3. “Verstöße gegen Gewinnspielsatzung bei Sport1: ZAK verhängt Bußgelder und schöpft Einnahmen ab”
(die-medienanstalten.de)
Die ZAK verhängt Bußgelder in der Höhe von insgesamt 28.000 Euro gegen den TV-Sender Sport1: “Sport1 hatte im Januar 2012 in sieben Ausgaben der Sendung Sportquiz irreführende Angaben gemacht, u.a. über den Schwierigkeitsgrad von Spielen und über das Auswahlverfahren für die durchgestellten Nutzerinnen und Nutzer. Außerdem wurde mehrfach gegen die Pflicht zur umfassenden Information verstoßen; das betraf z. B. Spielmodus und Teilnahmebedingungen.”

4. “Bunga-Bunga-Stimmung in Italien ist vorbei”
(dradio.de)
Der Börsenwert der von Silvio Berlusconi gegründeten TV-Sendergruppe Mediaset “hat sich in weniger als einem Jahr halbiert”: “Die von Berlusconis Medien propagierte und von ihm vorgelebte unbändige Vergnügungslust kommt immer weniger an. Eine wachsende Zahl der italienischen Fernsehzuschauer schaltet sich lieber bei politischen Talkshows ein. Sie erzielen heute Rekordwerte bei den Einschaltquoten.”

5. “Was für Artikel die Menschen von Journalisten erwarten”
(blog.tagesanzeiger.ch/deadline, Constantin Seibt)
Als Constantin Seibt 1989 als Volontär einen Artikel über ein Firmenjubiläum einer Schnellreinigung schreiben sollte, wurde er mit den Worten “Sie müssen hier nichts mehr tun – wir haben den Artikel schon geschrieben” empfangen.

6. “A Day in the Life of a Blogger”
(youtube.com, Video, 47 Sekunden)

Torschusspanik

Zlatan Ibrahimovic, Fußballer in der schwedischen Nationalmannschaft, hat der Fußballwelt am Mittwoch einen kollektiven Dauerorgasmus verpasst. Im Spiel gegen England verwandelte er, nachdem er schon drei Tore geschossen hatte, zur Krönung noch einen unglaublichen Fallrückzieher aus 25 Metern Tor-Entfernung. Noch im selben Augenblick war klar: Dieser Treffer wird in die Geschichte eingehen.

Fans und Medien sind seitdem völlig aus dem Häuschen. Die deutsche Presse kniete geschlossen nieder, betete das Zlatanunser und kürte den Treffer nicht nur zum Tor des Tages, sondern auch wahlweise zum Tor des Jahres, des Jahrzehnts, des Jahrhunderts oder des Jahrtausends. Um es auf den Punkt zu bringen: ein unvergleichliches Ereignis.

Nur die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” will den einmaligen Charakter des Treffers nicht so recht anerkennen. Dort erinnert sich Sportredakteur Uwe Marx nämlich heute daran …

(…) dass es mal einen Spieler gab, der nicht nur aus fünfundzwanzig, sondern gleich aus vierzig Metern per Fallrückzieher traf. Es war auch ein Schwede, Rade Prica, der mal bei Hansa Rostock gespielt hat. Er hatte im Spiel für Rosenborg BK gegen den FC Basel tatsächlich mal die Unverfrorenheit, es aus noch größerer Entfernung als Ibrahimovic zu versuchen – und zu treffen.

Der Haken an der Sache ist allerdings: Wir haben keinerlei Hinweis darauf gefunden, dass es diesen Treffer jemals gegeben hat. Fraglich ist sogar, ob die Mannschaften Rosenborg BK und FC Basel überhaupt je gegeneinander gespielt haben. Und auch Rade Prica hat in seiner Karriere zwar schon gegen so manchen Verein auf dem Platz gestanden, der FC Basel war jedoch nie dabei.

Wie kommt Uwe Marx also darauf? Höchstwahrscheinlich stützt er seine Aussage auf folgendes Video:

Und das zeigt nicht etwa ein einen realen Treffer, sondern einen Ausschnitt aus dem Videospiel (!) “Pro Evolution Soccer”.

Damit wäre der Favorit für den “Tor des Jahres” schon mal klar.

Mit Dank an Patrick S. und Ole S.

Nachtrag, 13.07 Uhr: FAZ.net hat den angesprochenen Absatz gelöscht und folgende Korrektur veröffentlicht:

Der Text wurde nachträglich korrigiert. In einer ersten Fassung wollten wir die Leistung Ibrahimovics schmälern mit dem Verweis auf ein Fallrückziehertor von Rade Prica. Der Schwede soll nach unserer Darstellung einmal aus 40 Metern mit dieser Art des Kunstschusses  in einem Spiel von Rosenborg Trondheim gegen den FC Basel getroffen haben. Offenkundig  sind wir dabei einer Täuschung erlegen. Prica traf so elegant lediglich in einem auf Youtube verbreiteten Video, das eine Szene aus einem Spielkonsole-Duell wiedergab. Wir bitten deshalb um die Nominierung dieses Treffers für das Tor des Jahrhunderts im Bereich Spielekonsole und bitten zugleich um Nachsicht für den Fehler.

Nachtrag, 26. November: Auf Papier hat sich die FAZ (am 19. November) für folgende Korrektur — und ein Passiv an entscheidender Stelle entschieden:

Eines schon mal vorneweg: Das Fallrückzieher-Tor von Zlatan Ibrahimovic ist der spektakulärste Treffer, der in dieser Kategorie je dokumentiert wurde. Ibrahimovic hatte im Länderspiel der Schweden nicht nur alle vier Treffer zum 4:2 erzielt, sondern auch den sensationellen Schlusspunkt gesetzt, als er akrobatisch aus 25 Metern getroffen hatte. Dass wir Rade Prica in einer Partie von Rosenborg Trondheim gegen den FC Basel einen noch spektakuläreren Treffer zugetraut haben, hätte eingefleischte Anhänger von Hansa Rostock wohl sofort stutzig gemacht. In Diensten von Hansa hatte Prica einst manche Chance ausgelassen. Was also für die computeranimierte Version eines realen Tores gehalten wurde, war in Wirklichkeit doch nur ein Kunstschuss aus der virtuellen Welt, entstanden auf dem Videokonsolenspiel “Pro Evolution Soccer 2011”. Auch schön zwar, aber eben nur dank besonderer Fingerfertigkeit und nicht wegen einer bemerkenswerten Körperbeherrschung entstanden. Wir ziehen das Büßerhemd über, bewundern Ibrahimovic uneingeschränkt und trauen Prica weiterhin alles zu. Auch in der Realität.

SF  

Hier berichtet der Veranstalter noch selbst

Am Montagabend berichtete das Schweizer Fernsehen SF zwei in seiner Sendung “Sportlounge” über den “Norseman”, den “wohl härtesten Triathlon der Welt” in Norwegen:

Wer sich für den “Norseman” interessiert, dem kamen diese Bilder vielleicht bekannt vor — aus dem offiziellen Video, das seit Ende August auf YouTube zu finden ist:

In der Videobeschreibung danken die Macher ihrem Sponsor United Bakeries, der das Video ermöglicht habe. Entsprechend oft ist dessen Schriftzug auch im offiziellen Video zu sehen — und damit auch bei SF zwei. Der einzige wesentliche Unterschied zwischen den beiden Videos ist nämlich der Off-Sprecher des Schweizer Fernsehens, der das Rennen schildert, als habe er selbst daran teilgenommen.

Die Zuschauer von SF zwei sollen diese Übernahme eines kommerziellen Videos offenbar an dieser Einblendung erkennen können:

Bearbeitung: Simon Joller

Wir haben SF zwei einige Fragen zukommen lassen:

  • Der Off-Sprecher (womöglich Herr Joller) kommentiert die Bilder, als habe er selbst am “Norseman” teilgenommen. War dies der Fall?
  • Hat das SF eine Genehmigung eingeholt, das offizielle Video verwenden zu dürfen? Hat es für die Verwendung eventuell gar Lizenzgebühren gezahlt oder die Macher anderweitig bezahlt?
  • Hätte die Moderatorin Ihres Erachtens nicht darauf hinweisen müssen, dass es sich 1.) nicht um eine eigenständige Reportage des SF handelt und der “Norseman” 2.) schon mehrere Monate zurückliegt?
  • Ist es mit den journalistischen Grundsätzen des SF vereinbar, ein offizielles Video eines Sportereignisses, bei dem auch die Sponsoren immer schön ins Bild gerückt werden, in einer Magazinsendung zu zeigen?
  • Ist die Verwendung dieses Videos eine Ausnahme oder kommt es in der “Sportlounge” (oder anderen Sendungen des SF) vor, dass externe Beiträge (in diesem Fall: offizielle Werbefilme für eine Veranstaltung) übernommen werden? Falls ja: Woran kann der Zuschauer diese erkennen?

Hier die vollständige Antwort der Pressestelle:

SRF hat eine Genehmigung für die Bearbeitung und Verwendung des Beitrages direkt von der Produktionsfirma erhalten.

Einkäufe externer Beiträge finden punktuell statt und sind aus publizistischer Sicht in Ordnung.

Mit Dank an Lars L.

Hinweis/Korrektur: In der ursprünglichen Fassung dieses Eintrags hatten wir geschrieben, die Sendung sei am Sonntagabend ausgestrahlt worden. Das war falsch: Es war Montag, der 5. November.

Jahrhundertsturm, Verifizierung, Griechenland

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Sandy zeigt, was Journalismus
künftig leisten muss”

(netzwertig.com, Martin Weigert)
Martin Weigert fehlt “ein von einem international renommierten Nachrichtenangebot oder einem Startup entwickeltes, rund um den Globus bekanntes Portal zur Verifizierung von nachrichtenrelevantem User Generated Content.”

2. “Syrien-Fotos im SPIEGEL: Zu stark, um echt zu sein?”
(spiegel.de, Matthias Krug)
Ein Leser zweifelt die Echtheit zweier Fotos im “Spiegel” an, die Fotoredaktion antwortet. “Als einziges Medium in Deutschland verfügen wir über eine Bildverifikation mit insgesamt sieben Mitarbeitern.”

3. “Da bläst er!”
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.de, Thomas)
Jedes Jahr wieder: Jahrhundertstürme.

4. “Die Völkerverständiger”
(dialoggers.eu, Diogenes Dimitrakopoulos und Marcus Pfeiffer)
Zusammenarbeit zwischen Journalisten aus Deutschland und Griechenland jenseits der “veralteten Stereotype”, die bestimmte Medien nutzen, “um Politik zu spielen und damit ihre Auflage zu steigern”.

5. “The 13 Worst Reviews of Classic Books”
(publishersweekly.com, Bill Henderson, englisch)
Vernichtende Kritiken über Bücher, die später zu Klassikern wurden.

6. “Postillon24 Nachrichten: Folge 3 – Mann walkt tagelang nordic im Kreis”
(youtube.com, Video, 5:57 Minuten)

Sportlich, sportlich (1-4)

Am Freitag gewann die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr WM-Qualifikationsspiel in Irland mit 6:1. Am Sonntag feierte die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” den “Hauch von Befreiung”, den dieses Ergebnis bedeutete.

Was laut “Sonntagszeitung” vor allem an einem Mann lag:

In Dublin genügte ein Name, um das Steigerungspotential im Vergleich zur EM zu vermessen. Marco Reus präsentierte sich nicht nur wegen seiner beiden Tore als ein weiterer Spieler, der den Unterschied ausmachen kann.

Doch obwohl Reus gegen Irland der Matchwinner war, gab es offensichtlich kein brauchbares Foto von ihm aus dem Spiel — die “FAS” jedenfalls druckte ein Foto aus dem EM-Viertelfinale gegen Griechenland, gut zu erkennen am EM-Logo auf den Ärmeln und an den deutschen und griechischen Fahnen unter dem Adler:

Mit Dank an Oskar L.

***

Apropos Adler: Am Sonntag fand das sogenannte “Jahrhundertspiel” zwischen Deutschland und Italien statt, bei dem ehemalige Nationalspieler beider Länder für einen guten Zweck gegeneinander antraten.

Der Kölner “Express” schreibt dazu auf seiner Website:

30:000 Fans waren in die Frankfurter Arena gekommen, und sie sahen Ballack noch einmal mit dem DFB-Adler auf der Brust.

Das darüber abgebildete Foto zeigt allerdings deutlich, dass Ballack gar keinen DFB-Adler auf der Brust hatte:

Genau genommen hatte keiner der deutschen Spieler den DFB-Adler auf der Brust, weil es sich nicht um ein offizielles Spiel des Deutschen Fußballbundes handelte und dessen Wappen deshalb auch nicht verwendet werden durfte. Weswegen auch die Überschrift “Ballack genießt Auftritt im DFB-Trikot” auf wackligen Beinen steht.

Mit Dank an Tim W.

***

In der Nacht zum Sonntag kam es in Fürth zu einer Massenschlägerei mit neun Verletzten.

Der Sportinformationsdienst sid schreibt:

Nach Angaben der Polizei sollen sich zu jenem Zeitpunkt 40 Anhänger des Aufsteigers in ihrem Vereinsheim aufgehalten haben, als gegen 1.30 Uhr rund 60 Fans des Club auftauchten.

Der sid war so unvorsichtig, die Meldung als “Fußball/BL/Nürnberg/Fürth/Fans/Schlägerei” zu kategorisieren, woraus die Überschriftenmacher bei “Focus Online” folgendes folgerten:

1. FC Nürnberg gegen SpVgg Greuther Fürth: Massenschlägerei bei Bundesligaspiel.

Nur, dass am Wochenende nicht nur nicht das Spiel Fürth gegen Nürnberg stattfand (das ist erst Ende November), sondern wegen der Länderspielpause (s.o.) gar kein “Bundesligaspiel”. Aber wenn Fans von Bundesligavereinen aufeinander einschlagen, muss das ja quasi ein Bundesligaspiel gewesen sein.

Mit Dank an Bastian.

***

Und dann war da noch die “Welt”, die gestern den schwedischen Fußballer Zlatan Ibrahimovic porträtierte, der “als gemein, gefährlich und genial” gilt:

Auf der Skala der Traumberufe stünden wir Fußballreporter ganz oben, wenn da nicht mitunter diese brutale Wirklichkeit wäre: Erst bettelt man bei einem Star um ein Interview – um hinterher zu bedauern, dass es geklappt hat. So erging es jenem armen Kerl, der Zlatan Ibrahimovic einmal unbedingt vor der Kamera haben wollte. Der Torjäger kam nach dem Spiel vom Duschen, strebte zum Ausgang – und es kam zu folgendem Dialog.

“Zlatan!”, schrie ihm der Reporter nach. Ibrahimovic hielt abrupt an, machte kehrt und sagte: “Was zum Teufel willst Du?” Der Reporter bugsierte den Rüden dann irgendwie vors Mikrofon, zupfte sich fürs Interview schnell die Haare schön – da verzog Ibrahimovic seine krumme Nase und maulte: “Zum Teufel, was hast Du für ein Parfüm? Du riechst nicht gut.” Die Anspannung des Reporters nahm dramatisch zu, verkrampft lächelnd nahm er Anlauf zum Zwiegespräch, doch wieder war der Kicker schneller. “Das ist ja schlimm, wie Du riechst”, beschwerte sich Ibrahimovic. Anschließend beantwortete er halbherzig eine kurze Frage zum Spiel, und der Reporter, erleichtert, bedankte sich: “Also, bis demnächst, wir sehen uns.” “Besser nicht”, sagte Ibrahimovic, rümpfte noch mal die Nase – und ging.

Wie ernst es Ibrahimovic mit seinen “Beschwerden” war, sehen Sie am Besten selbst:

Mit Dank an Boludo.

Focus Money, Turkmenistan, Buchtapete

6 vor 9

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1. “Always believe in your soul”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier nennt “Focus Money” das “Fachblatt für Hysteriker mit Alzheimer” und zeigt zur Veranschaulichung einige Titelblätter der letzten Jahre. Siehe dazu auch “Der Spiegel und die vielen Euro-Tode” (meedia.de, Stefan Winterbauer) und “Der SPIEGEL und die Inflation” (nachdenkseiten.de, Jens Berger).

2. “Die Lehren der ‘Spiegel’-Affäre”
(youtube.com, Video, 5:22 Minuten)
“Zapp” blickt zurück auf die Spiegel-Affäre. 1962 wurden sieben “Spiegel”-Mitarbeiter wegen angeblichem Landesverrat festgenommen, darunter auch Herausgeber Rudolf Augstein. Nach und nach wurden sie wieder entlassen, zuletzt, nach 103 Tagen in Untersuchungshaft, auch Augstein.

3. “Turkmenischer Bückling”
(nzz.ch, René Zeller)
Die Schweiz empfängt Gurbanguly Berdymuchammedow, Staatschef von Turkmenistan, mit militärischen Ehren. Bei der anschliessenden Pressekonferenz werden den anwesenden Schweizer Journalisten lediglich zwei Fragen zugestanden (die sie unter sich absprechen sollen), Nachfragen sind nicht erlaubt. “Es ist unstatthaft, die Presse aufzubieten, um den diplomatischen Händedruck zu orchestrieren – und die Journalisten wie Lemminge zu dressieren.”

4. “‘Warum lese ich das? Vermutlich, um mich aufzuregen'”
(zeit.de, Harald Martenstein)
Harald Martenstein liest in Zeitungen die Rubrik “Leute”. “Und dann lese ich ständig, nur im Internet würden unseriöse Sachen stehen, Gerüchte, belangloses Zeug.”

5. “‘Man kann als Zuschauer gar nicht so viel kotzen'”
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Oliver Kalkofe beschreibt Scripted-Reality-Formate: “Formate mit der Aussage: Guck mal, wie scheiße die Welt ist, wie doof die Leute da draußen alle sind. Programme, die boshaft Menschen vor die Kamera schubsen und zum Auslachen vorführen, damit die Blöden unter den Zuschauern denken können: Cool, die sind ja noch bekloppter als ich!”

6. “Mein letztes Buch”
(freitag.de, Malte Herwig)
Malte Herwig digitalisiert seine rund 4500 Bücher: “Die bürgerliche Buchtapete kenne ich aus meiner Kindheit. Auf den Regalen meines Vaters stehen noch immer Enzyklopädien, Kunstbände, Briefeditionen von Goethe bis Adenauer. In keines dieser Bücher hat er je hineingeschaut. Dafür hat er jeden Abend mit Hingabe Kriminalromane gelesen.”

Nebeneinkünfte, Doping, Volontäre

6 vor 9

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1. “Spitzenverdiener im Parlament”
(blog.abgeordnetenwatch.de, Martin Reyher)
Ex-“Bild”-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje verteidigt in einem “Bild”-Kommentar Peer Steinbrück. Martin Reyher schreibt dazu: “Der als Journalist getarnte Agenturchef Tiedje verteidigt seinen Klienten Steinbrück. Ein Hinweis auf diese Geschäftsbeziehung wäre reizend gewesen, BILD! Von wegen Transparenz und so…”

2. “Sind wir nicht alle ein bisschen Steinbrück? – Radiomacher und ihre Nebenjobs”
(fair-radio.net, Thomas Korte)
Thomas Korte erinnert daran, dass Journalisten Nebeneinkünfte nicht nur kritisieren, sondern sie auch gerne selbst akzeptieren: “Interessenkonflikte scheinen programmiert. Denn die Inhalte und die Entscheidung, wie ein Reporter über den Event vorher oder nachher berichtet, sind entscheidend mit der Frage verbunden, wie sehr er sich mit dem Thema verbunden fühlt. Und ist es nicht ein deutlicher Unterschied, ob man als unbeteiligter Journalist, als Zuschauer, Kulturkritiker, als interessierter Vertreter von Öffentlichkeit und damit als unabhängiger Berichterstatter über die Veranstaltung berichtet oder ob man als eingekaufter Moderator, Präsentator oder Kommentator dem Ereignis bewohnt?”

3. “‘Die Presse’: Fake-Falafel statt Fact-Check”
(deranderefellner.wordpress.com)
“Die Presse” stellt eine Satire-Story aus den USA als Realität dar. Der Autor nimmt Stellung: “In flagranti erwischt, in der Tat. Ist mir auch noch nie passiert und durchaus Scheiss-peinlich.”

4. “Die Geschichte von der vergessenen Klemme”
(journalist.de, Wolfgang Lenders)
Ein Foto liegt über Jahre hinweg mit einer irreführenden Bildunterschrift in den Bilddatenbanken von dpa und dapd. Aufgedeckt wird der Fehler nach der Intervention eines Lesers des “Donaukuriers”.

5. “Urteil im Dopingprozess Röthlin ./. Steffny: Gut für Berichte über Doping”
(derwesten-recherche.org, Daniel Drepper)
Ein Urteil des Kammergerichts Berlin zu Dopingvorwürfen gegen Marathonläufer Viktor Röthlin: “Das Urteil ist gut für die Berichterstattung über Doping. Steffnys Text ist weiß Gott kein Paradebeispiel für guten Dopingjournalismus. Er steckt voller Vermutungen und Recherchefehler. Trotzdem hat er das Stück nicht um die Ohren gehauen bekommen. Ein paar Richtigstellungen, ein bisschen Gerichtskosten, das war es.”

6. “Abschiedsfilm der BR-Volontäre 2012”
(youtube.com, Video, 8:05 Minuten)

Autorisieren, Reality-TV, Wetten, dass..?

6 vor 9

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1. “Aus Gerede Gedanken filtern”
(spiegel.de, Thomas Tuma)
In der Debatte zum Autorisieren von Interviews tritt Thomas Tuma ein für die “Bearbeitung” von Interviews und das Kämpfen “um jeden Satz”: “Dieser Kampf ist mühsam, aber er ist hilfreicher als die alle paar Jahre in Deutschland aufwallenden Initiativen mancher Zeitungen, die sich dem Diktat ihrer Gesprächspartner nicht mehr beugen wollen.” Siehe dazu auch “‘Gesagt ist gesagt’ – Chefredaktoren über das Autorisieren von Interviews” (persoenlich.com).

2. “What to do about the Pics: Strategien gegen die Abmahnwelle”
(crackajack.de, René Walter)
René Walter formuliert Strategien gegen Urheberrechtsprobleme bei der Verlinkung mit Bild. “Deutsche Blogs, die vor allem auf fremden Content hinweisen und das auch in Bildform tun, sitzen auf einer Zeitbombe.”

3. “Bischofskonferenz gegen kreuz.net”
(katholisch.de)
Die Deutsche Bischofskonferenz distanziert sich vom Internetportal Kreuz.net: “‘Der Begriff des Katholischen wird von dieser Internetseite grob missbraucht’, sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Matthias Kopp, gegenüber katholisch.de. Die Deutsche Bischofskonferenz habe sich schon immer deutlich von kreuz.net distanziert, so Kopp weiter.”

4. “Trash-TV: Die Macher über ihre Erfolgsformate”
(horizont.net)
Programmplaner von RTL, RTL2, VOX und ProSiebenSat.1 geben Auskunft, welche Bedeutung Reality-TV für ihre Sender hat.

5. “Schockierend – Der typische Unglücksbeitrag”
(youtube.com, Video, 1:56 Minuten)
Der Unglücksbeitrag, wie man ihn aus TV-Boulevardmagazinen kennt.

6. “Wattn das?”
(freitag.de, Sebastian Dalkowski)
Sebastian Dalkowski weiß bereits jetzt, wie die morgige “Wetten, dass..?”-Premiere von Markus Lanz ablaufen wird.

Hallo Deutschland, Beckmann, Trolle

6 vor 9

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1. “Wir waren alle blind”
(vocer.org, Christian Fuchs)
Christian Fuchs blickt zurück auf die Mordserie an Kleinunternehmern und stellt sich selbst und anderen Journalisten einige selbstkritische Fragen: “1. Wieso sind wir so staatshörig? 2. Weshalb haben wir den Opfern nie richtig zugehört? 3. Wieso haben wir alle voneinander abgeschrieben? 4. Wem helfen Verdächtigungen? 5. Warum machen wir gerade wieder die gleichen Fehler? 6. Warum wissen wir mal wieder nur hinterher alles besser?”

2. “Weg mit ‘Hallo Deutschland'”
(fr-online.de, Peer Schader)
Peer Schader fordert die Einstellung des “ZDF-Katastrophen- und Unfallmagazins” “Hallo Deutschland”: “Fast 40 Redakteure arbeiten montags bis sonnabends im Wettstreit mit ‘Brisant’ daran, ihrem Publikum am Nachmittag zu erklären, von welchen Katastrophen es heute verschont geblieben ist. Kein Privatsender würde sich das auch nur annähernd in dieser Ausführlichkeit trauen.”

3. “For Ossis only”
(juliane-wiedemeier.de)
Am 6. Oktober findet der von den DJV-Landesverbänden organisierte 1. Ostdeutsche Journalistentag statt. Juliane Wiedemeier: “Schließlich gibt es viele gute Gründe, Journalisten in Ost- und Westdeutschland fein säuberlich voneinander zu unterscheiden, von denen mir spontan nur leider kein einziger einfällt.”

4. “Online-Kommentare: Die Trolle von taz.de”
(blogs.taz.de/hausblog, Svenja Bednarczyk)
Svenja Bednarczyk mit einer Typologie der “taz-Lieblingstrolle”.

5. “‘Fernsehen tut weh'”
(taz.de, Jürn Kruse)
Oliver Kalkofe und Philipp Walulis sprechen im Interview mit Jürn Kruse unter anderem über die Schmerzen, die das Sichten von Scripted-Reality-Sendungen verursacht.

6. “Beckmann und die künstliche Empörung”
(youtube.com, Video, 2:45 Minuten)
Reinhold Beckmann und die Panik auf der Costa Concordia.

Der Sesamstraßen-Skandal (von vor 9 Jahren)

Anfang der Woche gab die Nachrichtenagentur dapd bekannt, eine neue Tochter gegründet zu haben, auf die die Welt gewartet hat: “Spot On News” soll sich ausschließlich um Boulevardthemen kümmern. Gegenüber der Fachzeitschrift w&v sagte Chefredakteur Tobias Lobe: “Ich habe ein Team zusammengestellt, in dem junge Redakteure und extrem erfahrene Unterhaltungs-Profis Hand in Hand arbeiten, eine perfekte Mischung aus Generation 2.0 und Print-Establishment.” Martin Vorderwühlbecke, “Director” von “Spot On News”, ließ sich mit den Worten zitieren, damit biete die Agentur einen Dienst an, der ihren Kunden helfe, “auch im Entertainmentbereich zu punkten“.

Im Online-Angebot der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung” kann man die Auswirkungen schon sehen. Dank “Spot On News” kann es berichten:

Skandal um die neue Sesamstraße

Die Meldung an sich und alle Zitate darin sind zwar bloß aus der “Bild”-Zeitung abgeschrieben, aber den “Skandal” hat “Spot On News” exklusiv:

Die beliebte Kinderserie “Sesamstraße” bringt ab Montag ein paar neue Figuren und die neue Moderatorin Julia Stinshoff. Doch viele können sich nicht so recht darauf freuen, denn der alte, gemütliche Sendeplatz um 18 Uhr gehört der Vergangenheit an. Stattdessen läuft die Show um 8 Uhr in der Früh – wenn die Kinder schon in der Schule sind.

(…) Doch leider ist die Vorfreude dadurch getrübt, dass die neue Sendezeit alles andere als praktisch gewählt wurde: Die Kindersendung läuft nun unter der Woche morgens um 8 Uhr im Kinderkanal (KIKA) und um 6.15 Uhr im NDR.

Ja, das suggeriert “Bild” auch, und auf Bild.de gibt es sogar einen entsprechenden Teaser:

Skandal um die neue Sesamstraße

Doch im Artikel heißt es dann bloß:

Doch schon vor dem Start gibt‘s Ärger!

Grund: die SENDEZEIT! Denn die Kindersendung läuft unter der Woche morgens um 8 Uhr auf dem KIKA und um 6.15 Uhr im NDR.

Von einer “neuen” Sendezeit ist dort nicht die Rede. Ein möglicher Grund: Es gibt keine neue Sendezeit. Seit vielen Jahren läuft die “Sesamstraße” früh morgens im NDR und etwas später im Kika. Auf dem 18-Uhr-Sendeplatz wurde sie zum letzten Mal vor über neun Jahren, am 31. Juli 2003, ausgestrahlt.

“Spot On News”-Chefredakteur Tobias Lobe sagte dem “Handelsblatt”, er glaube an den schnellen wirtschaftlichen Erfolg seiner Agentur: Die Printverlage stünden unter großem Kostendruck und könnten es kaum noch leisten, die Kompetenz für den wachsenden Unterhaltungssektor im Haus zu haben.

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