Archiv für April 27th, 2026

“Nius” hat Skandal erfunden, Das Internet stirbt, How to Sell Bullshit

1. Nius hat Ramadan-Skandal erfunden
(lto.de, Max Kolter)
Das Landgericht Köln habe dem Portal “Nius” von Ex-“Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt zentrale Aussagen über ein angebliches “Fastenbrechen für Bürgergeldempfänger” in einer Dortmunder Behördenkantine untersagt und sie als “sämtlich unwahr” bewertet. Tatsächlich habe die Kantinenpächterin das Büfett demnach auf eigene Kosten zu ihrem Einstand veranstaltet. Eingeladen gewesen seien nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsagentur. Die Veranstaltung sei auch nicht öffentlich gewesen, es habe sich mitnichten um ein vom Staat finanziertes Ramadan-Event gehandelt.
Weiterer Lesehinweis: Solidarisch gegen Onlinepranger: “Eine Infoveranstaltung zu Nius mit Berichten von Betroffenen rechter Kampagnen zieht 250 Menschen an. Reichelts Portal hatte im Vorfeld massiv Stimmung gemacht.” (taz.de, Darius Ossami)

2. Das Internet stirbt
(netzpolitik.org, Carla Siepmann)
Carla Siepmanns Beitrag beschreibt, wie Soziale Medien zunehmend von KI-generierten Inhalten und automatisierten Interaktionen geprägt werden. Anknüpfend an die “Dead Internet Theory” argumentiert sie, dass Bots, KI-Videos und maschinell erzeugte Kommentare immer stärker die Feeds bestimmen und den menschlichen Austausch verdrängen. Für Plattformen sei das einerseits profitabel, weil massenhaft Inhalte Aufmerksamkeit erzeugen. Zugleich entstehe aber ein Problem, wenn Bots am Ende vor allem andere Bots bespielen.

3. How to Sell Bullshit Online (Fast)
(blog.ub.uni-leipzig.de, Stephan Wünsche)
Stephan Wünsche warnt vor einem wachsenden Betrug mit KI-generierten pseudowissenschaftlichen Büchern, die über Selfpublishing-Anbieter wie “tredition” veröffentlicht und teils sogar von Bibliotheken angeschafft würden. Die Bücher würden auf den ersten Blick seriös wirken, seien bei genauerem Hinsehen aber voller Fehler und erfundener Quellen. Problematisch sei das nicht nur wegen des verschwendeten Geldes, sondern auch, weil es das Vertrauen in wissenschaftliche Publikationen untergraben könnte.

Bildblog unterstuetzen

4. Newsletter Netzwerk Recherche
(netzwerkrecherche.org, Lena Wrba & Lena Kampf)
Wie immer eine Empfehlung wert, nicht nur für investigativ arbeitende Journalistinnen und Journalisten: der Newsletter des Netzwerk Recherche. Die aktuelle Ausgabe beginnt mit einigen Worten von Lena Kampf zu den Entwicklungen in den USA. Außerdem gibt es den bewährten Überblick über medienrelevante Nachrichten, Veranstaltungen, Preise und Stipendien.

5. Hyperreaktivität: Die Macht der Memes
(verdi.de, Till Schmidt)
Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin Annekathrin Kohout beschreibt Soziale Medien als eine Kultur der “Hyperreaktivität”, in der Sichtbarkeit vor allem durch ständiges Reagieren, Bewerten und Zuspitzen entstehe. Politisch gefährlich werde das vor allem dann, wenn Empörung, Ironie oder Verdacht strategisch eingesetzt würden. Für den Journalismus folge daraus, dass er sich nicht von Erregungsdynamiken treiben lassen, sondern eigene Themen setzen und sauber einordnen sollte.

6. Meinungsfreiheit in Gefahr: Was ist da dran?
(ardsounds.de, Sophie Morár & Johannes Leininger, Audio: 25:52 Minuten)
Die aktuelle Folge von “BR24 Medien” geht der Frage nach, ob die Meinungsfreiheit in Europa tatsächlich unter Druck steht, wie es US-Vizepräsident JD Vance vergangenes Jahr behauptet hatte. Sophie Morár und Johannes Leininger sprechen darüber, wo der Staat die Grenzen der Meinungsfreiheit zieht, und wie auch Medien zu dieser Wahrnehmung beitragen. Der Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann betont, dass viele Menschen Meinungsfreiheit als Kern der Demokratie sehen, und wirbt für mehr Offenheit gegenüber anderen Positionen. Ronen Steinke, Journalist und Jurist, sieht die Meinungsfreiheit unter Druck. Der Staat sei in den vergangenen Jahren stärker gegen bestimmte Äußerungen vorgegangen und habe so die Grenzen des Sagbaren enger gezogen.