Um mal etwas Positives zu sagen: Diese Geschichte auf der heutigen Seite 1 von “Bild” ist nicht ganz so unsinnig, wie man denken könnte. Natürlich müsste man den Ausruf “Forscher sicher!” ersetzen durch: “Einzelne Forscher vermuten!”, und natürlich sind die Thesen des Princetoner Professors mit dem schönen Namen Richard Gott bestenfalls faszinierende Gedankenspiele und nicht konkrete Erwartungen. Aber richtig ist, dass der Forscher glaubt, es sei theoretisch möglich, Zeitreisen zu unternehmen, und Wurmlöcher könnten dabei als eine Art Abkürzung zwischen zeitlich oder räumlich weit entfernten Punkten dienen.
“Bild” hat offenbar diesen Artikel in “National Geographic” gelesen, daraus gleich ein Zitat von Professor Gott abgeschrieben und die Illustration übernommen (natürlich ohne den ursprünglichen Hinweis, dass es sich nicht um ein “Foto” handelt, sondern um die Fantasie eines Künstlers).
Alles wäre nur ein bisschen übertrieben und abwegig und ungenau gewesen — wenn man sich bei “Bild” nicht dazu entschieden hätte, die theoretischen Gedankenspiele mit ein bisschen Anschauung aufzupeppen. Und so beginnt der Artikel mit der Frage:
Können wir doch eines Tages in die Vergangenheit blicken und beobachten, wie vor 65 Millionen Jahren die Dinos ausstarben?
Und er endet mit der Antwort:
Wir bräuchten vielleicht nur Minuten, um 65 Millionen Lichtjahre im Wurmloch zurückzureisen und das Ende der Dinosaurier zu erleben.
Mal abgesehen davon, dass es nicht einen Moment gab, in dem es Poff machte und die Dinosaurier plötzlich alle tot waren. Und mal abgesehen davon, dass “Bild” am Ende Lichtjahre (eine Entfernungseinheit) mit Jahren (einer Zeiteinheit) verwechselt. Wenn, sagen wir, in 100 Jahren eine Maschine erfunden würde, mit der die Menschen in die Vergangenheit reisen können, warum wimmelt es dann bei uns nicht von Menschen, die diese 100 Jahre zurück gereist sind? Weil sie alle unsere Gegenwart so langweilig fanden und stattdessen gerade schlangestehen vor den Dinosaurieren?
Richard Gott (der ohnehin Reisen in die Vergangenheit für weit unwahrscheinlicher hält als solche in die Zukunft) hat auf diese Frage eine Antwort:
Man kann nicht in eine Zeit reisen, in der noch keine Zeitmaschinen gebaut worden waren. Man kann keine Zeitmaschine benutzen, bevor sie existiert.
Und deshalb ist die ganze Dinosauriergeschichte in “Bild” leider doch endgültig: Unsinn.
Hunde sind etwas ganz Wunderbares: Sie kotzen auf den Teppich, müssen ständig raus, haaren das Auto voll, verkratzen das Parkett, knabbern am Sofa, neigen zum Sabbern oder haben Herzfehler – und wenn sie eines Tages sterben, ist das sehr, sehr traurig. Außerdem kosten sie Geld: Futter, Hundehaftpflicht, Tollwutimpfung, Bahn- und U-Bahn-Karten, Quietschetierchen, Leckerli… Glücklich ist, wer einen Hund im bayerischen Windorf hat, denn offenbar gibt’s da wenigstens keine Hundesteuer. Im 180 Kilometer entfernten München hingegen sind’s jährlich 76,80 Euro, 100 Kilometer weiter, in Klais, angeblich sogar 1.200 Euro usw.
Gut 500 Kilometer von der Hundesteueroase Windorf liegt Löbau, wo der Stadtrat am 12. Mai 2005 eine neue Hundesteuersatzung beschlossen hat, wonach ein Hund nun beispielsweise 18 Euro weniger als in Berlin, 54 Euro weniger als in Köln kostet (ja, selbst bei mehreren Hunden mindestens 54 Euro weniger als z.B. in Villingen-Schwenningen). Und am 19. September 2005 fand sich deshalb in “Bild” folgende, mit “vier süßen Welpen” illustrierte, Geschichte:
Mit anderen Worten: “Bild” wollte sich offenbar über die Hundesteuererhöung in Löbau echauffieren und hatte zur Veranschaulichung den Löbauer Bernd Engelmann aufgetan, dessen Riesenschnauzerhündin Maxi im Juli eben jene “vier süßen Welpen” (siehe Ausriss) bekommen hatte, woraufhin “Bild” textete:
“Die Welpen sind erst neun Wochen alt. Aber ihr Besitzer muß sie wohl einschläfern, weil er die teure Hundesteuer nicht bezahlen kann.”
Wiederholt taucht das “einschläfern müssen” in der kurzen “Bild”-Meldung auf. Und das ist nicht nur falsch (weil Engelmanns “süße Welpen” noch gar nicht hundesteuerpflichtig sind und gemäß Hundesteuersatzung erst ab November angemeldet werden müssten), sondern auch grob irreführend: Denn von “einschläfern müssen” kann keine Rede sein – im Gegenteil: Laut Tierschutzgesetz ist das Töten von Wirbeltieren “ohne vernünftigen Grund” verboten und wird mit Freiheits- oder Geldstrafe bestraft. Eine vielleicht nicht unwesentliche Information, die “Bild” jedoch ebenso verschweigt wie die weitaus naheliegendere Möglichkeit, die Welpen einfach zu verkaufen oder zu verschenken.
Mit Dank an Kinga K. und Jana für den Hinweis, danke auch an Ella und Nappo für die Inspiration.
Nur zur Erinnerung: “Bild”-Kommentator Dirk Hoeren sorgte sich in seinem Kommentar am Dienstag um das Zusammenleben von Deutschen und Türken. Er sah es dadurch bedroht, dass Politiker die Interessen von 600.000 Deutschen türkischer Abstammung vertreten. Nicht bedroht sah er es anscheinend durch die — gelinde gesagt — irreführende Berichterstattung der “Bild”-Zeitung.
Wie schon gestern veröffentlicht “Bild” auch heute Briefe von “Bild”-Lesern zum Thema:
Schröder, Fischer & Co. sind für 600.000 Türken-Stimmen bereit, deutsche Interessen zu verkaufen.
Der Schröder schleimt bei den Türken, obwohl er wissen müßte, daß die Mehrheit der Deutschen gegen einen EU-Beitritt ist.
Wie armselig muß ein Mensch sein, wenn er um die Gunst gekaufter Deutsch-Türken bettelt, um sie gegen die eigenen Landsleute auszuspielen.
Die sinnentstellende “Bild”-Geschichte über den Erfinder Christian Koch, der (wie “Bild” an zwei aufeinanderfolgenden Tagen berichtete)“aus Katzen Benzin machen” könne, eigentlich aber aus Müll Bio-Diesel herstellen kann, beschäftigt mittlerweile auch die internationale Presse.
CNN beispielsweise (ähnlich wie u.a. auch die indische “Hindustan Times”) verbreitete unter Bezug auf den “Bild”-Bericht unsinnigerweise, ein deutscher Erfinder habe Tierschützer verärgert, indem er mit toten Katzen gegen die steigenden Treibstoffpreise ankämpfe (siehe rechts). Weiter heißt es bei CNN.com – wie schon in der zu Grunde liegenden Reuters-Meldung – nicht minder falsch, Koch habe “Bild” gesagt, er könne durch die Zugabe von zirka 20 überfahrenen Katzen in seinen Müll-Mix genug Treibstoff für eine 50-Liter-Tankfüllung produzieren…
Aber was kann “Bild” dafür? — Viel!
Denn in einer ausführlicheren Reuters-Meldung steht auch noch etwas ganz anderes – ein O-Ton des Erfinders Koch nämlich, der sagt:
“Es ist völliger Unsinn, dabei an tote Katzen zu denken. Ich habe noch nie Katzen verwendet und denke auch gar nicht daran.”
Und nicht nur das: Reuters zitiert auch “einen ‘Bild’-Sprecher”, der sagt, die “Bild”-Story habe zeigen sollen, dass Katzen-Kadaver “theoretisch” zur Treibstoffgewinnung benutzt werden könnten.
Und Reuters hat sogar mit einem der “Bild”-Autoren gesprochen, der angibt, Koch habe ihm gegenüber nie behauptet, er würde, wie es der Artikel nahelegt, tote Katzen benutzen.
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber und Monie S. für die Übersetzungshilfe.
“Bild”-Kolumnist und Angela-Merkel-Unterstützer Hugo Müller-Vogg hat etwas Aufregendes herausgefunden: Die Menschen, die in einer SPD-Wahlwerbung abgebildet sind (mitsamt der Summen, die sie eine Unions-geführten Regierung angeblich kosten würde), diese Menschen sind gar nicht echt. Jedenfalls müssen sie ganz bestimmt nicht unter dem sogenannten “Merkel-Minus” leiden. Nicht nur, weil die SPD-Zahlen nach Müller-Voggs Berechnungen angeblich falsch sind. Sondern auch, weil es sich nicht um deutsche Familien und Rentner handelt, sondern um amerikanische Models.
Viele, viele Witze und bissige Bemerkungen hängt Müller-Vogg unter der Überschrift “Die heile SPD-Familie — ‘Made in the USA'” an der Tatsache auf, dass die SPD die Fotos einfach von der Agentur Getty Images bezogen hat, unter anderem auch die Schlusspointe, dass nicht nur die Rechnung der SPD, sondern auch die abgebildete “Familie” ein “Wahlkampf-Märchen” sei.
… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat “Bild” im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin “Annelise Krauß” ein “e” vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in “Bild”. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:
“‘Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche’, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.”
Und das sei nun wirklich “Quatsch”, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von “Bild” zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: “Das wäre ja auch idiotisch,” sagt Krauß, “denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!” Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut “Bild” ja “aus Katzen Benzin machen” kann):
“Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.”
Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu “Bild” gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn “der Herr Helfricht”, also einer der Autoren des “Bild”-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in “Bild” stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)
Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass “Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)”, wie es in “Bild” heißt, “aus Katzen Benzin machen” könne: Denn dass die “Benzin”-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige “Bild”-Text selbst, weil darin nur von “Bio-Diesel” oder “Diesel” die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die “Welt” im Januar 2005, die “Pirmasenser Zeitung” im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.
“Bild” indes nennt Kochs Erfindung einen “Spezialreaktor” und schreibt Sätze wie diesen:
“Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.”
Und fragt man einfach mal nach bei dem “Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann” (“Bild”), antwortet Christian Koch, der “Bild”-Bericht habe “nichts mit der Wahrheit zu tun” und sei “zudem grenzenlos dumm”. Koch weiter:
“Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.”
Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:
Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
Nachtrag, 12:15:
“Bild” hat die Sache mit der “Katzen-Kraft” heute noch einmal aufgegriffen:
Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch “theoretisch auch aus Katzen” Bio-Diesel herstellen “könnte”, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von “Bild” aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen “Bild”-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz (“Die Diskussion ist überflüssig”) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es “Bild” offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen “Benzin” (Überschrift) und “Diesel” (Text) zu unterscheiden…
Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat eine einstweilige Verfügung gegen “Bild” erwirkt. Es geht um die “Benzin-Wut”-Kampagne der Zeitung. In einem Interview in “Bild” vom 27. August hatte Trittin im Zusammenhang mit dem hohen Preis für Kraftstoff diverse Vorschläge aufgestellt, die die Zeitung auf ihrer Titelseite an mehreren Tagen auf eine einzige Forderung verkürzte: “ab und zu das Auto stehen lassen”. Am 31. August tauchten dann in “Bild” plötzlich die zusätzlichen Punkte Trittins wieder auf. “Bild” tat, als habe Trittin sie gerade erst auf Anfrage von “Bild” präsentiert, obwohl er sie bereits im ursprünglichen Interview formuliert hatte.
Das Landgericht Berlin untersagte “Bild” nun vorläufig, diese Darstellung wörtlich oder sinngemäß zu wiederholen. In einer weiteren einstweiligen Verfügung verpflichtete das Gericht “Bild”, eine Gegendarstellung Trittins zu dem Thema zu drucken.
Es gibt eine jahrzentelange “Bild”-Tradition, nach der — egal wie falsch ein Bericht war — Begriffe wie “Richtigstellung”, “Widerruf” oder “Korrektur” um jeden Preis zu meiden sind. Sogar in solchen Fällen, in denen selbst “Bild” es angebracht findet, die eigene Darstellung zu korrigieren. Wie die Redaktion dann vorgeht, zeigt beispielhaft der Fall des angeblichen Skandal-Knastes in Lübeck.
Am Mittwoch enthüllte “Bild” (wie berichtet) exklusiv und überregional die vermeintlich skandalösen Zustände in der Justizvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof. Fotos dokumentierten, wie ein Gefangener über einen Zaun ausbricht, während eine Aufseherin die Füße hochgelegt hat und in der Sonne ein Buch liest.
An diesem Artikel ist, wie die “Lübecker Nachrichten” am Donnerstag berichteten, ungefähr alles falsch: Die Fotos sind mehrere Jahre alt, vermutlich zeigen sie nicht einmal einen Ausbruch oder überhaupt den Zaun, über den man ausbrechen müßte.
Am Freitag erschien nun in “Bild” (allerdings diesmal nicht bundesweit) ein weiterer Artikel zum Thema. Überschrift:
Carstensen macht JVA Lübeck jetzt zur Chefsache
Diese Zeile wird durch nichts im zugehörigen Text gedeckt. Und in der Realität gibt es, nach allem was man weiß, auch keinen Anlass für eine solche Maßnahme.
Der Artikel selbst ist eine waghalsige Mischung aus dem Richtigstellen der gröbsten Fehler und einer noch weitergehenden Verdrehung der Tatsachen. Die “Bild”-Autoren Bernd Prawitz und Martin Wichmann, die auch schon die Falschmeldung verantworteten, erwecken nun den Eindruck, als sei die CDU/SPD-Regierung durch den von “Bild” enthüllten erfundenen “Skandal” aufgerüttelt worden. Die Richtigstellung besteht darin, dass “Bild” nicht mehr behauptet, dass es einen aktuellen Fall gibt. Stattdessen wird dem “Bild”-Leser suggeriert, dass der Ausbruchsversuch entweder gar nicht stattgefunden hat, oder von der früheren grünen Justizministerin zu verantworten sei.
Aus einer Richtigstellung wird so eine perfide politische Unterstellung. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) wird mit den Worten zitiert:
“Die JVA ist jetzt sicher. Zustände wie unter der grünen Justizministerin gibt es nicht mehr. (…) Die Fotos sind lange vor meiner Amtszeit entstanden. Wenn Aufsichtsbeamte heute so ihre Pflicht vernachlässigen würden, wären sie morgen nicht mehr im Amt.”
Wohlgemerkt: “Bild” hat keinerlei Hinweis darauf, dass überhaupt Aufsichtsbeamte ihre Pflicht vernachlässigt haben. Oder in den Worten der Zeitung selbst:
Warum der Mann auf dem Foto über den Zaun klettert, wenn er doch sowieso im offenen Vollzug war, ist nicht geklärt.
P.S.: Erst nach mehreren Anfragen von uns hat Bild.de am heutigen Abend die Falschmeldung vom Mittwoch aus dem Online-Angebot entfernt.
Es gibt einen ganz einfachen Weg, Steuern zu senken: Man senkt ganz einfach die Steuern. Wenn man die Einkommensteuer abschaffen würde, hätten die Menschen zum Beispiel gleich viel mehr Geld in der Tasche! Auf die gleiche Art könnten zum Beispiel auch Museen ihre Attraktivität steigern: Sie halbieren einfach die Eintrittspreise! Und wenn Privatsender endlich aufhören würden, so viel Werbung zu zeigen, hätte man viel mehr Spaß beim Filmegucken!
Und wenn Sie jetzt sagen, dass das doch Milchmädchenrechnungen sind, weil die Einnahmeausfälle jeweils an anderer Stelle wieder ausgeglichen werden müssten, dann sind Sie vermutlich kein “Bild”-Redakteur. “Bild” glaubt nämlich, dass man nur die Ökosteuer abschaffen muss, schon kostet der Sprit weniger, und alle sind glücklich.
Glauben Sie nicht, dass das so schlicht da steht? Aber ja:
Von 1,31 Euro für einen Liter Super kassiert der Staat rund 84 Cent Steuern, knapp zwei Drittel.
Würde der Ökosteueranteil (inkl. MwSt. 17,75 Cent) wegfallen, blieben ihm immer noch rund die Hälfte.
Und schwups würde Sprit 1,13 Euro kosten …
Und schwups ist der Artikel zuende, und irgendwie kommt der Gedanke nicht mehr vor, dass die über 16 Milliarden Euro, die aus der Ökosteuer jährlich in die Rentenversicherung fließen, dann ja auf eine andere Art finanziert werden müsste und zum Beispiel — schwups — der Beitrag zur Rentenversicherung deutlich stiege.
“Bild”-Autor und Hobby-Wissenschaftler Dr. Paul C. Martin formulierte in einem “Bild”-Kommentar den Gedanken leicht abgeschwächt, aber ähnlich schlicht:
Dabei müßten nur Mineralöl- und Ökosteuer ein klein wenig und vorübergehend gesenkt werden, bis das Schlimmste ausgestanden ist.
…und schon bliebe Deutschland eine Art Hungersnot erspart (Martin bezeichnet Benzin als “Grundnahrungsmittel” wie früher Brot).
So einfach ist das also. Viel einfacher als, sagen wir, über viele Tage das Thema der explodierenden Benzinpreise in “Bild” mit persönlichen und politischen Angriffen auf Jürgen Trittin zu verbinden, ohne gleichzeitig der Wahrheit Gewalt anzutun.
Am 27. August druckte “Bild” ein Interview mit“Verhör” von Trittin. Der Umweltminister sagte darin auf die Frage nach Wegen aus der Preisspirale, dass die Industrie sparsamere Autos entwickeln müsse und dass alternative Antriebe gefördert würden. Er griff die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer durch die Union an. Und den Verbrauchern empfahl er vier Möglichkeiten: sparsamere Autos fahren, mit Erdgasautos fahren, spritsparender fahren sowie “ab und zu das Auto stehen lassen”.
“Bild” kündigte das Interview “Verhör”auf der Seite 1 so an:
Zwei Tage später war dies auch die einzige Aussage, die von den Vorschlägen Trittins übrig geblieben war. Alle anderen vergaß die “Bild”-Zeitung, um (wieder auf Seite 1) ihre These von der “Wut auf Trittin” zu belegen. Angeblich waren “Millionen Autofahrer empört” über die (von “Bild” verkürzte) Aussage des Umweltministers. Immerhin 18 davon empörten sich tatsächlich in “Bild” und sagten Sätze wie: “Der soll mal seinen Dienstwagen stehen lassen.” “Bild” selbst nannte Trittins (von “Bild” verkürzte) Äußerung einen “blanken Hohn” für Pendler.
Wiederum zwei Tage später titelte “Bild” auf Seite 1: “Benzin-Wut — Und die Politiker reden Müll”. Abgebildet waren als Beleg vier Politiker mit vermeintlich indiskutablen Zitaten — ausschließlich Mitglieder der rot-grünen Koalition, sicherlich ein Zufall, da ja auch CDU/CSU die Öko-Steuer nicht abschaffen wollen.
Inzwischen schien auch “Bild” allmählich der Kraftstoff auszugehen, denn der Artikel bestand tatsächlich fast ausschließlich aus alten Zitaten. Der Schluss allerdings hielt eine Überraschung parat:
Umweltminister Jürgen Trittin, hatte erst am Samstag im BILD-Interview allen Autofahrern geraten, ab und zu das Auto stehen zu lassen. Gestern präsentierte er auf BILD-Anfrage ein Drei-Punkte-Programm.
Sind Sie auch so gespannt, welche Punkte der Umweltminister nach Tagen der “Bild”-Attacke endlich aus der Schublade zog? Richtig: Es waren inhaltlich exakt die, die er “Bild” schon vier Tage zuvor diktiert hatte, die dem Blatt aber irgendwie unterwegs abhanden gekommen waren: keine Erhöhung der Mehrwertsteuer, alternative Treibstoffe, sparsamere Autos.
Nein, auch damit ist die Geschichte noch nicht zuende. Um zu belegen, dass Trittin Wasser predigt und Wein trinkt, begleiteten ein “Bild”-Reporter und ein “Bild”-Fotograf den Grünen-Minister am Dienstag einen ganzen Tag lang (die Umstände erläutert Trittin im “Tagesspiegel”). Akribisch schrieb der Reporter am Donnerstag auf, wie viele Kilometer Trittin mit seinem Dienstwagen zurücklegte, obwohl er doch das Ab-und-zu-Stehenlassen propagierte (und “Bild” druckte reichlich Fotos beim Ein- und Aussteigen in den Wagen).
Bilanz der Trittin-Wahlkampftour für diesen Tag: rund 600 gefahrene Kilometer, davon 380 Kilometer mit der Bahn, 215 Kilometer mit der Dienstlimousine, die zuvor 220 Kilometer aus Bonn zum Bahnhof in Bielefeld anfahren mußte, um den Minister abzuholen.
Der eifrige “Bild”-Mann hätte sich die Arbeit sparen können. Denn Trittins Dienstlimousine hat keinen Tropfen Benzin verbraucht. Sie ist, wie “Bild” unauffällig in einer Klammer vermerkt, “für 3400 Euro Aufpreis auf Erdgas umgerüstet” worden. Und Trittins Vorschlag lautete ja: Entweder mal den Wagen stehen lassen oder zum Beispiel auf einen Erdgas-Wagen umsteigen. Aber das komplette Zitat hatte der “Bild”-Mann sicher gerade wieder nicht zur Hand.
Und gelegentlich tritt das sogar offen zutage – vorgestern zum Beispiel, als “Bild” behauptete, Zakynthos sei “eine wunderschöne griechische Insel in der Ägäis”, obwohl Zakynthos doch gar nicht in der Ägäis, sondern im Ionischen Meer liegt.