Unabhängig davon muss jede Zeitung den üblichen journalistischen Standards entsprechen, also nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert sein, Meinungen ebenso wie fragliche Tatsachen als solche kennzeichnen, bei kontroversen Themen beide Seiten darstellen und vor allem die “innere Wahrheit” eines Sachverhalts, also den Kern der Geschichte, richtig wiedergeben. Das gilt für BILD genau wie für alle anderen Zeitungen — auch wenn die Darstellungsweise in Boulevardzeitungen naturgemäß anders ist als bei FAZ oder Süddeutscher.
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann im September 2005 gegenüber “Dialog”, der Zeitung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit.
Schau|pro|zess, der (abwertend): auf propagandistische Massenwirkung angelegtes öffentliches Gerichtsverfahren.
Duden, 5. Auflage
“Bild” macht heute Jörg Armbruster zum Verlierer des Tages. Der ehemalige Nahost-Korrespondent der ARD hat vorgestern im “Tagesthemen”-Kommentar die Befürchtung geäußert, dass der Prozess gegen Saddam Hussein zum “Schauprozess” werden könnte. Außerdem ist Armbruster der Meinung, dass “der Sinn für Gerechtigkeit” im Irak noch unterentwickelt sei, der “Wunsch nach Rache” hingegen sei verbreitet. Deswegen fragt “Bild”:
Entdeckt da jemand sein Herz für Saddam?
Am Ende steht:
BILD meint: Erst denken, dann reden!
Und wir möchten die Aufforderung gerne zurückgeben. Schließlich bezeichnet Armbruster Saddam in seinem Kommentar mehrfach als “Massenmörder”, wirft ihm mehrfach Folter und Vertreibung vor und sagt:
Zehntausende Iraker ließ der Diktator hinrichten, sie hatten keine Chance sich zu verteidigen, sie kamen erst gar nicht auf die Anklage- sondern gleich auf die Folterbank.
Armbrusters abschließende Sätze zeigen eigentlich recht deutlich, worum es ihm geht:
Sie [die Richter] müssen dem Massenmörder Saddam einen juristisch einwandfreien Prozess bieten. Nur so können sie die Iraker überzeugen, dass es so etwas gibt wie eine demokratische Justiz im neuen Irak, erst so bekommt der Prozess einen tieferen Sinn. Denn kein Strafmaß kann die Verbrechen Saddams je wieder gut machen.
Wie kommt man bei “Bild” also dazu, Armbruster vorzuwerfen, er habe “sein Herz für Saddam” entdeckt? — Armbruster sagt:
Den Satz, auch ein Schwerverbrecher hat einen Anspruch auf einen fairen Prozess, diesen wichtigen Satz verstehen viele Iraker nicht.
Dirk Hoeren ist ein Mann, der sich auch schon mal eines beunruhigenden Demokratieverständnisses verdächtig macht, populistische Kommentare schreibt, sich bestens mit “Intim-Verhören” auskennt und sich in der Vergangenheit schon mal als “Hartz IV-Inspektor” verdingte.
Kurzum: Dirk Hoeren arbeitet für “Bild”.
Und was muss das für ein Tag gewesen sein für die “Bild”-Zeitung und ihren Dirk Hoeren, als ihnen ein “Report vom Arbeitsmarkt im Sommer 2005” unterkam, der (herausgegeben von Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit mit einem Vorwort von Wolfgang Clement) gleich mit einem “Thekenwitz” beginnt, in dem von Männerunterhosen, Kühlschrankinhalten, nackten Oberkörpern in Ehebetten, jammernden Libanesen und wiederholt von “Abzocke” die Rede ist und in dem Sätze stehen wie:
“Dieter Schuster aus Mannheim wusste jedenfalls sofort, welche Richtung er einzuschlagen hatte, als er frühmorgens im Flur leise Stimmen und den Begriff ‘Prüfdienst’ hörte. Fluchtartig flitzte Schuster in Unterhose aus dem Schlafzimmer Richtung Terrassentür. Draußen empfingen ihn feiner Nieselregen und bibbernde Kälte – leider kam der Prüfdienst Anfang März.”
Oder dies:
“Biologen verwenden für ‘Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben’, übereinstimmend die Bezeichnung ‘Parasiten’. Natürlich ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu übertragen. Schließlich ist Sozialbetrug nicht durch die Natur bestimmt, sondern vom Willen des Einzelnen gesteuert. Wer den Grundstock seines Haushaltseinkommens bei der Arbeitsagentur oder der für das Arbeitslosengeld II zuständigen Behörde kassiert und im Hauptberuf oder nebenher schwarzarbeitet, handelt deshalb besonders verwerflich.”
Kurzum: Laut Netzeitung.de wurde aufgrund der 33-seitigen Broschüre gegen Wolfgang Clement bei der Staatsanwaltschaft Ellwangen Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Der paritätische Wohlfahrtsverband nannte die Wortwahl “menschenverachtend”.
Und Dirk Hoeren? Als ihm das obige Papier unterkam, machte er sich an die Arbeit, nannte den Report “Clement-Papier” und das Papier distanzlos einen “aufrüttelnden Report”. Und dann suchte Hoeren darin kurzerhand “die schlimmsten Fälle” und musste, um sie “Bild”-gerecht aufzuschreiben, im Grunde nur hie und da ein wenig kürzen, woraufhin es am vergangenen Montag auf Seite 1 der “Bild”-Zeitung hieß:
Thea Dückert, Arbeitsmarktexpertin der Grünen, nannte den Report laut FTD anschließend “eine Steilvorlage für eine billige Hetze gegen Leistungsbeziehende in der Boulevardpresse”.
Gestern war es wieder so weit. Auf der Titelseite von “Bild” ging turnusmäßig die Welt unter:
Der Artikel beginnt mit den Worten:
Die Erde wird so glutheiß enden wie unser Nachbarplanet Venus — die furchtbare Vorhersage des klügsten Physikers der Welt.
Man hätte auch schreiben können: die bekannte Vorhersage. Denn schon vor fünf Jahren machte Stephen Hawking sie publik. Ein Artikel aus der “Welt” vom 4. Oktober 2000 zitiert ihn mit der Prognose, “dass sich die Erdatmosphäre immer mehr aufheizt, bis sie wie die Venus zu brodelnder Schwefelsäure wird.”
Weiter tut “Bild” so, als habe Hawking mit seinem Untergangsszenario in der ARD-Talkshow “Beckmann” am Montag “ein Millionenpublikum erschüttert” und dann “bei einem Vortrag an der Berliner FU (…) noch einmal nachgelegt”. Das passt schon zeitlich nicht, da der Vortrag vor der Ausstrahlung der Sendung stattfand. Und in Wahrheit hatte die “Einstein Lecture Dahlem” von Hawking nicht die Erderwärmung zum Thema, sondern den Ursprung des Weltalls. Aber so genau nimmt es “Bild” eh nicht mit den Zitaten. Den Satz “Es drohen viele Gefahren. Aber die größte, die mich besorgt macht, ist die weltweite Erwärmung” schreibt die gedruckte “Bild” dem Vortrag in Berlin zu, Bild.de der “Beckmann”-Sendung.
Neben vielen anderen Ungenauigkeiten verblüfft auch, dass Hawking gesagt haben soll, die Erde werde am Ende “so aussehen wie die Venus: 250 Grad heiß und saurer Regen”. Die Oberfläche der Venus ist im Durchschnitt rund 470 Grad heiß.
Ach, und dann ist da noch das “Foto”, mit dem die “Bild”-Zeitung ihren Aufmacher illustriert und das sie treuherzig mit den Worten betextet: “Planet Erde, gehüllt in einen alles Leben abtötenden Hitzemantel — Hawkings Vision von unserer Zukunft”. Es handelt sich dabei um diese Illustration der Agentur “Science Photo Library” und ist nicht mehr und nicht weniger als eine künstlerische Darstellung einer brennenden Erde, um den durchaus schon vor Hawkings Auftritten einer breiteren Öffentlichkeit bekannten Treibhauseffekt zu symbolisieren.
Die 15 “größten Computer-Lügen made in Hollywood” enthüllt Bild.de aktuell — gemeint sind Filmszenen, in denen Computertechnik eine Rolle spielt, die es in dieser Form aber gar nicht gibt. Die erste “Lüge” lautet so:
Wird eine Datei von der Festplatte gelöscht, verschwindet sie auch vom Monitor. Zumindest bei Jack Ryan (Harrison Ford) im Thriller “Das Kartell”. Doch wo bleibt da die Nachfrage des Computers “Möchten Sie das Dokument wirklich in den Papierkorb verschieben?”
Nun ja: Diese Nachfrage kann man nicht nur in Hollywood, sondern auch in Bottrop, Unterföhring und Babelsberg ganz leicht abschalten.
Das ist aber auch gar nicht die Computer-“Lüge”, die sich in “Das Kartell” (Originaltitel: “Clear and Present Danger”) findet: Dort verschwindet die Anzeige des Inhalts einer Datei, weil jemand die Datei löscht. Das geschieht beim Durchschnittscomputer im wahren Leben nicht (und hat nichts mit dem Papierkorb zu tun). Und wie kommt Bild.de auf den Unsinn? Durch falsches Übersetzen. Offenbar stammt die “Lüge” von dieser Liste, in der es heißt:
If you display a file on the screen and someone deletes the file, it also disappears from the screen (e.g. Clear and Present Danger).
Heute reden wir über Wölfe. Oder, wie “Bild” sie nennt: WÖLFE.
In der Lausitz gibt es seit kurzem wieder ein paar. In der Lausitz liegt auch Löbau, und irgendwo bei Löbau lebt eine kleine Familie mit ihrer fünf Monate alte Tochter sehr, sehr naturnah in einer kleinen Hütte im Wald. ZweiTage in Folge hatte “Bild” relativ friedlich über den “Waldkauz” und sein Kind geschrieben, aber dann musste wohl ein bisschen Action her. Die Wendung deutete sich schon am Ende des zweiten Artikels an:
Ist ein Leben im Wald gefährlich für Kinder?
“Im Lausitz-Wald gibt es Wölfe”, sagt Jäger Rudolf Schellbach (76). “Zwar meiden sie Menschen. Doch ein Restrisiko bleibt.”
Ein Restrisiko, hoho. Nun könnte man argumentieren, dass für Kinder außerhalb des Waldes das Risiko, vom Auto überfahren zu werden, deutlich mehr ist als ein Restrisiko, aber lassen wir das.
Jedenfalls erschien am dritten Tag der kleinen Waldkauz-Reihe, für die übrigens “Bild”-Redakteur Jürgen Helfricht verantwortlich zeichnet, der schon die Katzen-zu-Benzin-Geschichte erfand, ein Artikel mit der Überschrift:
Jäger in großer Sorge!
Holen sich Wölfe das Wald-Baby?
Der Artikel beginnt im Rotkäppchen-Stil:
Der Waldmensch läuft mit seinem süßen Töchterchen durchs Dickicht. Neugierig schaut sich Johanna (5 Monate) in der wilden Natur um. Alles sieht so friedlich aus. Doch im Unterholz lauert Gefahr. DIE LAUSITZ-WÖLFE!
Als Beleg für die “Gefahr” kommt erneut Rudolf Schellbach (76) zu Wort. Diesmal hat sich sein Zitat leicht verändert, aber nach der behaupteten “großen Sorge” klingt es immer noch nicht:
“Zwar meiden Wölfe die Menschen. Aber ein Restrisiko gerade für ein in Schafspelz eingewickeltes Baby bleibt.”
Aber “Bild” hat noch einen Kronzeugen: Den Jäger Joachim Bachmann. Ihm glaubt “Bild”, dass die zwei Wolfsrudel in der Lausitz “ein Risiko für Menschen” und “die heimischen Wildbestände” darstellten. Bachmanns “große Sorge” laut “Bild”:
Gefährlich wird es, wenn sich diese unberechenbaren Tiere an den Menschen gewöhnen, ihre Scheu verlieren. Wir haben schon Wolfsspuren in Dörfern gefunden.
Bachmann ist, vorsichtig gesagt, kein richtig guter Kronzeuge. Denn Bachmann hat gerade vor dem Verwaltungsgericht Dresden einen Prozess verloren, mit dem er sich das Recht erstreiten wollte, einen freilebenden Wolf in seinem Revier abzuschießen.
Was seine Kompetenz angeht, ist ein Artikel aus der heutigen “Sächsischen Zeitung” zum Thema interessant:
Gleich 27 Wölfe vermutete der Kläger in der Lausitz, erst Anfang September hätten Jagdfreunde die riesigen Fußspuren von fünf ausgewachsenen Wölfen bei Boxberg gesehen, zehn bis zwölf Zentimeter im Durchmesser. Gesa Kluth, die Wolfsbeauftragte des Freistaates, erklärte daraufhin dem Jäger und Träger der Verdienstmedaille des Deutschen Jagdverbandes die Biologie dieser Tiere. Schon die Welpen haben so große Füße wie die Alttiere, allerdings acht bis neun Zentimeter groß (…).
Das Verwaltungsgericht kam außerdem zu dem Ergebnis, ein Angriff auf Menschen sei “mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen”.
Bei den “Jägern”, die laut “Bild” in “großer Sorge” um das Mädchen im Wald sind, handelt es sich also um einen Jäger, der nicht in großer Sorge ist, und einen weiteren Jäger, der nicht sehr viel von Wölfen zu verstehen scheint. Das hat er mit der “Bild”-Redaktion gemein, die tatsächlich dieses Foto rechts mit dem Text versah: “Ein Wolf fletscht die Zähne. Er ist auf der Suche nach Beute.” Wenn uns nicht alles täuscht, muss er, um seine Beute wiederzufinden, nur kurz den Kopf senken und zwischen seine acht bis neun Zentimeter großen Pfoten schauen.
Herrn Dr. Mathias Döpfner
Axel Springer AG
Axel-Springer-Straße 65
10888 Berlin
Sehr geehrter Herr Dr. Döpfner,
in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa haben Sie in der vergangenen Woche die Vermischung kommerzieller und redaktioneller Inhalte “brandgefährlich” genannt. Sie sagten, Medien, die die Grenzen aufweichten, drohten sich damit selbst den Ast abzusägen. Sie plädierten für eine “sehr strikte” Trennung.
Herr Döpfner, kennen Sie das Internetangebot von Bild.T-Online? Es handelt sich dabei um ein Joint Venture, an dem das von Ihnen geführte Unternehmen Axel Springer 63 Prozent der Anteile hält. Es gibt dort eine Rubrik namens “Erotik”, die sich in ihrer Aufmachung in keiner Weise von Rubriken wie “Nachrichten” oder “Sport” unterscheidet. Die einzelnen Menüpunkte sind wie redaktionelle Menüpunkte gestaltet; die einzelnen Teaser in diesem Ressort sehen exakt so aus wie Teaser, die in anderen Ressorts zu redaktionellen Beiträgen führen.
Der “Aufmacher” im Ressort Erotik heißt aktuell (10. Oktober, 21 Uhr): “Richtig dicke Möpse! Dicke HUPEN”. Ein Klick führt zum gleichnamigen Angebot der Firma Telecall unter der Adresse “sexdate.de”, das unter anderem “heißen Livesex” verspricht.
Der im Stil eines Artikelanreißers gestaltete Teaser daneben zeigt eine Frau, die unter der Überschrift “Das Privatcam-Portal” verspricht: “Ich schenk’ Dir bis zu 40 Euro!” Ein Klick führt zum Angebot “Sex and the Web” der Schweizer Firma Aximus, die unter anderem “aufwendig produzierte Erotikfilme in der Hardcore-Version: ungeschnitten und unzensiert” verkauft.
Der scheinbar redaktionelle Teaser darunter lockt mit einer “Neuen Erotik-Videothek: XXX-Movies — 40.000 Filme online”. Er führt zu einem kostenpflichtigen Angebot von Telecall.
Wer auf den Teaser “Nur ein Klick zum Seitensprung” klickt, bleibt zunächst auf den Seiten von Bild.T-Online. In der Aufmachung eines redaktionellen Artikels heißt es dort: “Weil’s so schön anonym ist… Seitensprung bei Bild.T-Online! (…) Mit dem neuen Seitensprung-Service auf Bild.T-Online geht’s jetzt ganz einfach, sicher und unbemerkt!” Das Wort “Werbung” oder “Anzeige” steht nicht auf dieser Seite. Auch nicht über dem Link, mit dem man “zu deinem Seitensprung” kommt. Er führt zum kostenpflichtigen Angebot flirtpub.de der Firma Bosner Onlineservice.
Die weiteren “Überschriften”, die im redaktionellen “Erotik”-Ressort von Bild.T-Online zu finden sind, führen unter anderem zu den sämtlich kostenpflichtigen Angeboten “stripfun.com”, “Lesbenspecial Chrissy & Mia” (Beate Uhse), “Sex Trainingskamp” und “videodevil.de”. Die redaktionell wirkende “Seitensprung-Suche”, bei der der Nutzer eingeben kann, ob er männlich oder weiblich ist, einen Mann oder eine Frau sucht und er Wert auf ein Bild legt — sie führt ebenfalls zu flirtpub.de.
Keiner der genannten Teaser und Artikel ist an irgendeiner Stelle auf Bild.T-Online mit den Worten “Anzeige”, “Werbung”, “Shop” o.ä. gekennzeichnet. Es gibt bei Bild.T-Online keine Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten. Einige Werbelinks sind zwar mit dem Wort “Anzeige” gekennzeichnet. Das führt allerdings dazu, dass die vielen Werbelinks, die nicht mit dem Wort “Anzeige” gekennzeichnet sind, in ihrer Gestaltung noch irreführender sind.
Beim “Erotik”-Ressort handelt es sich übrigens, anders als bei der Rubrik “Shopping”, nicht um ein reines Werbeportal. Einige der redaktionell gestalteten Teaser führen nicht zu kommerziellen Angeboten, sondern tatsächlich zu redaktionellen Texten, etwa über Themen wie “Welche Sex-Pille soll man(n) nehmen?” oder: “Was Männer im Bett wirklich wollen”. Ähnlich vollständig ist die Vermischung im Ressort “Singles”, das gerade eine redaktionell gestaltete “neue Serie” über “Sexy Singles” begonnen hat, hinter der sich in Wahrheit Werbung für “Friendscout24” verbirgt. Auch hier gibt es keine Möglichkeit, Werbung und Redaktion voneinander zu unterscheiden.
Auf den Seiten, mit denen der “Verband Deutscher Zeitschriftenverleger” (VDZ) für “Crossmedia”-Werbung wirbt, finden sich unter anderem die Kampagnen “Kochbuch für Deutschland” und “Küche für Deutschland” von Bild.T-Online mit jeweils einem Werbepartner. Dort wird als einer der Vorteile dieser Aktionen genannt:
“Aktionen für Deutschland” werden im Stil redaktioneller Beiträge erklärt und beworben.
In der “Animation der Kampagnenmechanik” wird die Grenzen verwischende Technik detailliert demonstriert. Zum Angebot gehört ein “Online-Special mit eigener Subnavigation” — gemeint ist ein Menüpunkt in der Seitennavigation, der nicht als Anzeige gekennzeichnet ist, sondern wie ein Menüpunkt aussieht, der zu redaktionellen Angeboten führt. Als Teil der Werbekampagne führte Bild.de (im redaktionellen Teil) ein “Gewinnspiel” durch, bei dem die Bild.T-Online-Leser in einem “großen Foto-Wettbewerb” “Deutschlands schönstes Küchengirl” wählten.
In der Demonstration, wie für das “Kochbuch für Deutschland” geworben werden konnte, ist von der “Anbindung an redaktionell gestaltete, werbliche Artikel zum Thema” die Rede. Das Internetportal Bild.T-Online verwischt also nicht nur die Grenzen zwischen redaktionellen und werblichen Artikeln, sondern wirbt auch noch damit, dass und wie es die Grenzen verwischt.
Herr Döpfner, weil wir gerne glauben wollen, dass es sich bei Ihren Aussagen vergangene Woche gegenüber dpa nicht nur um wohlfeile Worte handelt, die keine Bedeutung für die tatsächliche Arbeit in der Axel Springer AG haben, möchten wir Sie fragen:
Gilt der Trennungsgrundsatz von Werbung und Redaktion, der auch in den “journalistischen Leitlinien” von Axel Springer festgelegt ist, nicht für Online-Angebote?
Inwiefern entsprechen die oben geschilderten Beispiele Ihrer Vorstellung davon, wie Werbung und Redaktion “sehr strikt” getrennt werden?
Wie lässt es sich mit Ihren Vorgaben vereinbaren, dass bei Bild.T-Online nicht nur einzelne Werbebotschaften nicht als Werbung gekennzeichnet sind, sondern anscheinend ganze Bereiche des Angebotes auf einer systematischen Verwechselbarkeit von werblichen und redaktionellen Botschaften aufgebaut sind?
Man wird ja noch mal fragen dürfen. Und so scheint die Frage, die “Bild” heute in einer Überschrift formuliert, berechtigt:
“Wird Schröder Berater für Russen-Gas?”
Schließlich hatten verschiedeneinternationaleMedien (unter Bezugnahme auf “diplomatische Kreise”) berichtet, Gerhard Schröder werde in allernächster Zeit ein Angebot unterbreitet, künftig als Berater im russischen Energie-Konzern Gazprom tätig zu sein. “Bild” referiert das Gerücht und beendet die Meldung mit dem bedeutungsschwangeren Hinweis:
“Gasprom hielt sich gestern bedeckt. Ein Sprecher des Unternehmens wollte sich gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax dazu nicht äußern — dementierte aber auch nicht!”
Hätte “Bild” allerdings tatsächlich ein Dementi veröffentlichen wollen, es hätte eins gegeben — von Bela Anda nämlich, dem Regierungssprecher. Schon gestern gegen 18 Uhr berichtete der Nachrichtenagentur dpa, laut Anda sei der Wahrheitsgehalt des Gerüchts “gleich null”. Und heute nun zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den Regierungssprecher mit den Worten:
“Das stimmt nicht.”
Weiter heißt es bei Reuters:
“Dabei bezog er sich ausdrücklich auf einen Bericht der ‘Bild’-Zeitung, der er vorwarf, trotz Kenntnis seines Dementis dies nicht in ihrer Berichterstattung erwähnt zu haben.”
Aber, wer weiß: Vermutlich fehlte “Bild” einfach der Platz für ein Dementi. Am Ende stand schließlich schon keins.
Nachtrag, 12.10.2005 (nur der Vollständigkeit halber):
Der Dementi-Beauftrage von “Bild” hat seines Amtes gewaltet und dafür gesorgt, dass man heute in “Bild” folgende Sentenz lesen kann: “Eines ist auch klar: Bundeskanzler Gerhard Schröder wird nicht Berater des russischen Energiekonzerns Gazprom.”
Aktuell verlinkt Bild.de wieder einen Artikel von Anfang Juni dieses Jahres. Darin ist “Bild” empört. Es sei kaum zu glauben, mit welchen “fiesen Methoden” sogenannte “Handy-Betrüger” arbeiteten. Die “Abzocker” wüssten, dass “Gefühlsreaktionen” wie Freude, Anteilnahme oder Geschmeicheltsein dazu verleiteten, “einfach zurückzurufen”. Glücklicherweise kennt “Bild” “die Tricks der miesen Betrüger” und teilt sie dem Leser mit (“hier klicken!”).
Unter anderem weiß Bild.de, dass sich hinter der Rufnummer +49137799090269 eine Fangnummer verberge, “die bei Rückruf eine bis zu einer Stunde andauernde Verbindung” aufbaue, die der Anrufer nicht selbst trennen könne.
Das klingt unheimlich “fies” und unglaublich: eine Fangnummer, die die rote Taste zum Auflegen blockiert, die Ausschalttaste deaktiviert und die Klappe zum Akkufach verklemmt, so dass man den nicht mehr herausnehmen kann?
Die Fangnummer, die einen Anruf “bis zu einer Stunde halten” kann, ist nicht nur “fies”, sondern auch eine Legende, ein sogenannter Hoax, ein Jux, Scherz, Schabernack — eine Erfindung für Leichtgläubige. Das kann man seit zweieinhalb Jahren hier oder hier nachlesen oder auch beim Schwesterunternehmen von Bild.T-Online, bei T-Mobile. Dort heißt es:
Noch ein wichtiger Hinweis: Der Anruf wird nicht bis zu einer Stunde gehalten. Dies war fälschlicherweise in einigen Meldungen und Warnhinweisen zu lesen.
Aber wer trotzdem unbedingt sein Geld loswerden will, findet dazu im Bild.de-Erotik-Ressort reichlich Gelegenheit. Einfach auf die Bilder klicken, die “Gefühlsreaktionen” hervorrufen (“Dicke Hupen”, “Die sexy Blondine will jetzt mit Dir chatten”, “Teuflisch gute Nacktfilme”).
Danke an Torsten G. für den Hinweis.
Nachtrag, 14. Oktober: Inzwischen ist der angebliche “Trick” mit der wundersamen nicht-trennbaren Verbindung bei Bild.de spurlos verschwunden.