In seinerbeliebtenVersuchs–Reihe “Wie viele Fehler passen in einen einzigen Artikel” widmet sich Bild.de aktuell einer wilden Geburtstagsparty, die die Tochter von “Fergie” laut “Sun” veranstaltet haben soll.
Bild.de nennt die Mutter “Sarah Fergusen“, richtig schreibt sich der Nachname: Ferguson.
Bild.de nennt die Tochter “Prinzessin Eugenie Fergusen”, richtig lautet ihr Name: Prinzessin Eugenie von York. Ferguson ist der Mädchenname ihrer Mutter.
Christiane Hoffmanns “Bild”-Kolumne heißt jeden Tag “Ich weiß es!”. Vermutlich weil es den Grafikern zu mühsam ist, das Logo je nach Bedarf gegen “Könnte ungefähr hinkommen!”, “Ziemlich grob geraten!” und “Frei erfunden!” auszutauschen.
Gestern hat die “Bild”-Kolumnistin den Weg gewählt, aus drei Ereignissen, die zu unterschiedlicher Zeit an unterschiedlichen Orten stattgefunden haben, ein einziges zu machen.
Christiane Hoffmanns Patchwork-Geschichte geht so:
So toben sich Kate Moss und ihr Drogenfreund nach dem Sex aus
(…) Heimlich trafen sich die beiden zu einer “Sauf- und Sexnacht”, wie die britische Zeitung “News of the World” berichtete.
Im Abstand von 90 Minuten verließen Pete [Doherty] und Kate das konspirative Haus eines befreundeten Künstlers. Tja, wurden dabei natürlich erwischt. Und zum Dank setzte es Prügel!
Pete ging mit Regenschirm auf das Auto eines Paparazzo los, zertrümmerte seine Scheibe. Kate schlug wie eine Furie mit ihrer Handtasche auf Fotografen ein. (…)
Richtig ist, dass laut “News of the World” Moss und Doherty eine gemeinsame Nacht mit “WILDEM SEX” verbrachten und das Haus im Abstand von 90 Minuten verließen, wobei sie von Fotografen erwischt wurden. Nur: von irgendeiner Schlägerei ist da nicht die Rede. Und die angebliche Wilde-Sex-Nacht fand schon von Freitag auf Samstag vergangener Woche stand.
Zum Handtaschen-Angriff von Kate Moss kam es erst drei Tage später, am Dienstag. Er hatte deshalb natürlich auch nichts mit der Sex-Nacht zu tun. Und er ereignete sich auch nicht vor dem Haus, in dem Doherty und Moss die Nacht verbracht haben sollen, sondern vor einem anderen Haus.
Dienstag war ebenfalls der Tag, an dem Pete Doherty einen Paparazzo mit einem Regenschirm angriff. Nicht vor dem Haus mit dem wilden Sex, auch nicht vor dem Haus mit dem Handtaschen-Zwischenfall, sondern auf offener Straße. Zwei Fotografen sollen ihn verfolgt haben, als er mit seinem frisch gekauften, angeblich achten Jaguar herumfuhr.
Und wenn man, wie Christiane Hoffmann, einfach nach Gutdünken Orte, Zeitangaben und Zusammenhänge verändert, sieht das so aus:
Und als sei das noch nicht schlimm genug, vermischt Bild.de das alles unauffällig mit einer vierten Geschichte und illustriert Hoffmanns Kolumne mit Fotos, die Doherty bei einem wiederum ganz anderen Ausraster zeigen: vor einer Woche nach einer gerichtlichen Anhörung.
Im Hintergrund ein Wirbelsturm, im Vordergrund ein lachender Umweltminister Sigmar Gabriel und darunter die gewaltige Schlagzeile: “Minister verhöhnt Hamburger Tornado-Opfer”. So machte die “Bild”-Zeitung gestern in Hamburg auf.
Und behauptete:
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel in Berlin macht Späße über den Tornado! (…) In der gestrigen Haushaltsdebatte im Bundestag (es ging um den Klimawandel) witzelte er über den Tornado, der durch Hamburgs Süden fegte: “Das wird wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.”
“Bild” nannte das im Stabreim eine “peinliche Politiker-Panne” — und hätte, wenn es so gewesen wäre, womöglich recht.
Heute greift “Bild” das Thema auch bundesweit auf und macht Gabriel zum “Verlierer des Tages”:
(…) Im Bundestag sagte er, die Katastrophe werde “wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.”
BILD meint: Ganz schnell entschuldigen!
Und hätte, wenn es so gewesen wäre, womöglich recht.
Aber die Sache war ein bisschen anders. Gabriel hatte sehr ernsthaft über die Bedeutung des Klimaschutzes und die Gefahren des Klimawandels geredet und dann gesagt:
Letztens hatten wir in Hamburg einen Tornado. Ich weiß nicht, ob es so etwas schon einmal gab und ob das etwas mit dem Klimawandel zu tun hat.
An dieser Stelle wurde er von mehreren Zwischenrufen unterbrochen, die er nicht verstand. Er fragte nach, und der CDU-Abgeordnete Steffen Kampeter machte eine vermutlich witzig gemeinte Bemerkung:
Die Frage ist, ob das etwas mit den Mehrheitsverhältnissen in Hamburg zu tun hat!
Auf diesen Zwischenruf hin antwortete Gabriel:
Das wird wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.
Was genau Kampeter und Gabriel meinten, wie Kampeter vom Tornado auf die “Hamburger Mehrheitsverhältnisse” kam und Gabriel von den Hamburger Mehrheitsverhältnissen auf die Entlassung des Justizsenators am Montag, bleibt auch nach Lektüre des stenografischen Berichts schleierhaft.
Aber die “Bild”-Zeitung verschweigt ihren Lesern den Zusammenhang: dass sich Gabriel nicht direkt auf den Tornado bezog, sondern auf eine Bemerkung über die “Hamburger Mehrheitsverhältnisse”. Dabei muss ihr der tatsächliche Ablauf bekannt gewesen sein. Denn Gabriels Satz lautete wörtlich (wie auf dem Video von der Sitzung zu sehen ist) etwas anders. “Bild” zitiert aus der redigierten Version im stenografischen Bundestags-Protokoll. Und in diesem Protokoll ist auch der vorhergehende Zwischenruf dokumentiert.
Das ist eine 1-Kurus-Münze. Steht ja auch drauf. Sie ist 2,7 Gramm schwer, 1,65 Millimeter dick und hat einen Durchmesser von 1,7 Zentimetern. Mit anderen Worten: Sie ähnelt einem 2-Euro-Stück weder in Form, noch in Größe und Gewicht. Sie ähnelt ihm quasi überhaupt nicht.
Das hält Bild.de jedoch nicht davon ab, schon den ganzen Tag über das Gegenteil zu behaupten (siehe Ausrisse unten) — und sie fälschlicherweise als “neue türkische 1-Lira-Münze” zu bezeichnen. Die ist ihrerseits 8,3 Gramm schwer, 1,9 Millimeter dick, hat einen Durchmesser von 2,615 Zentimetern und, indem sie so völlig anders aussieht als obige 1-Kurus-Münze, tatsächlich Ähnlichkeit mit einem 2-Euro-Stück.
Mit Dank an Harald S., Sven M. und Kristian S. für den Hinweis.
Nachtrag, 31. März, 13.20 Uhr. Der Schummel-Beauftragte von Bild.de muss lange mit anderen Dingen beschäftigt gewesen sein, aber jetzt endlich verkauft Bild.de keine Kurus-Münzen mehr als Lira-Münzen.
Ja, Wahnsinn. Die Japaner bauen den “höchsten Fernsehturm der Welt”. “Japanischer Riese” nennt ihn Bild.de. “600 Meter hoch. Und damit den Wolken näher als jeder andere Turm weltweit.”
Da staunen sie bei Bild.de und zeigen gleich noch einen anderen tollen Ausschnitt aus der Illustration:
Noch toller wären die Bilder nur, wenn auf ihnen auch der japanische Fernsehturm zu sehen wäre. Und nicht Burj Dubai, ein ganz anderes Turmprojekt, auch hoch, aber nicht in Japan, sondern in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Und der tolle Turm, über den Bild.de schreibt, sieht so aus.
Nachtrag, 12.30 Uhr. Der Hochhaus-Beauftragte von Bild.de hat sich der Sache nun angenommen, war aber etwas in Eile. Immerhin finden sich im Teaser und in der Bildergalerie nun tatsächlich Illustrationen des geplanten neuen Fernsehturms für Tokio. Bild.de schreibt, es werde der höchste Turm weltweit sein, “doch lange wird der Höhenrekord des Tokio-Towers wohl nicht anhalten. Der nächste Riesenturm ist bereits in Planung … 2008 wird er von einem derzeit im Bau befindlichen 800-Meter-Wolkenkratzer in Dubai deutlich überragt werden”. Dazu müsste es allerdings schon zu einer erstaunlichen Störung im Raum-Zeit-Kontinuum kommen, denn der japanische Turm wird frühestens 2010 fertig. Er wird also nach Bild.de-Logik minus zwei Jahre lang das höchste Gebäude der Welt sein, oder anders gesagt: nie.
Schön, dass Bild.de das ursprünglich als “japanischer Riese” bezeichnete Gebäude jetzt richtig beschriftet: nämlich als geplanter Wolkenkratzer in Dubai. Drei Klicks weiter hat Bild.de aber noch ein Gebäude aus Dubai im Angebot:
Das ist nun wieder Quark. Das abgebildete Gebäude ist (aufmerksame Leser wissen es) keineswegs das Burj Dubai, das gerade gebaut wird, sondern ein früherer, inzwischen verworfener Entwurf für ein Hochhaus an gleicher Stelle, der auf einem ursprünglich für Melbourne geplanten Gebäude beruhte.
Klingt kompliziert? Wäre aber ganz einfach gewesen, wenn man es von Anfang an richtig gemacht hätte.
Nachtrag, 13.55 Uhr. Also, der Hochhaus-Beauftragte von Bild.de ist dann doch noch mal kurz reingekommen und hat immerhin die letzte Illustration aus der Bildergalerie, die mit dem falschen Burj Dubai, ersatzlos entfernt.
Danke an Birger T., Felix G. und Marco W. für die sachdienlichen Hinweise.
Die “Bild”-Zeitung berichtet heute, dass Bundestagspräsident Norbert Lammert ihr angesichts ihrer unakzeptablenKampagne eine “unakzeptable Kampagne” vorgeworfen habe:
Lammert sprach sogar von “Vorführung und Nötigung des Bundestages”.
Auch der zugehörige “Bild”-Kommentar erweckt den Eindruck, es sei allein Lammert gewesen, der “Bild” diese Vorwürfe gemacht habe. Dem ist nicht so. (Auch wenn FDP-Chef Guido Westerwelle die Zeitung in Schutz nimmt.) Im selben Interview Lammerts, aus dem “Bild” zitiert, sogar im selben Satz betont der Bundestagspräsident, dass er mit seiner Kritik nicht alleine sei:
… zumal gestern Abend alle Fraktionen sich ausdrücklich von dieser Kampagne der “Bildzeitung” distanziert haben und gerade die damit offenkundig beabsichtigte Vorführung und Nötigung des Bundestages als in der Form und in der Sache vollständig unakzeptabel zurückgewiesen haben.
(Hervorherbung von uns.)
Die “Bild”-Zeitung verschweigt auch, dass der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Poß ihre Art der Berichterstattung gestern im Bundestag zum Thema machte. Laut Protokoll der Plenar-Sitzung sagte er:
Lieber Herr Präsident Lammert, Sie begrüße ich heute Morgen besonders freundlich, weil ich finde, dass Sie Opfer einer üblen Kampagne der Zeitung mit den großen Buchstaben sind. (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Parteiübergreifend sind wir der Auffassung, dass sich die Politik nicht alles gefallen lassen darf, wenn so gemobbt wird wie hier im Einzelfall geschehen. Das ist auch nicht der erste Fall. (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Oskar Lafontaine (DIE LINKE))
Dirk Hoeren, bei “Bild” für Renten-Lügen zuständig, demonstriert heute auf Seite 1 des Blattes die hohe Kunst der Desinformation. Unter der Überschrift “8377 Euro! Luxus-Pension für Bundestags-Präsidenten” schreibt er:
Gestern abend Spitzengespräch bei Bundestagspräsident Norbert Lammert (57/CDU, Foto) über die Neuordnung der Diäten und Pensionen für Abgeordnete. Lammert selbst hat ab 2009 einen Pensions-Anspruch von 8377,50 Euro.
Der erste Satz ist korrekt. Der zweite Satz ist korrekt. Schreibt man beide so hintereinander, entsteht ein Eindruck, der vollständig falsch ist. Der sich aber zufällig genau mit dem Eindruck deckt, den die “Bild”-Zeitung seit mehreren Tagen in einer Kampagne gegen Lammert zu erwecken versucht.
Richtig ist, dass Lammert gestern mit den Fraktionschefs darüber sprach, wie die Diäten und Pensionen der Bundestagsabgeordneten geregelt werden sollen. Er machte bei dieser Gelegenheit auch eigene Vorschläge. Den Zorn der “Bild”-Zeitung hatte sich Lammert nicht zuletzt dadurch zugezogen, dass er darauf bestand, diese Vorschläge zuerst mit den gewählten Volksvertretern zu besprechen und nicht zuerst mit dem selbsterklärten “LEITMEDIUM” der Republik.
Richtig ist vermutlich auch (wir haben das nicht überprüft), dass Lammert ab 2009 einen Anspruch auf mehrere Tausend Euro Pension haben könnte. Das kann man, wenn man weiß, wie es geht, immer schon selbst ausrechnen. Die Zahl als solche ist also keine Neuigkeit. Im Gegenteil: Sie stimmt nur, wenn die jetzige Pensions-Regelung beibehalten wird. Thema des Gesprächs bei Lammert war aber ja gerade die umstrittene Frage, ob diese Regelung beibehalten werden soll.
“Bild”-Redakteur Dirk Hoeren montiert die beiden bekannten und korrekten Tatsachen geschickt so, dass es aussieht, als sei die “Luxus-Pension” von Lammert ein Ergebnis des Spitzengesprächs bei Lammert. Das ist grober Unfug.
“Elite-Soldaten holen Geiseln raus”, schreibt “Bild” heute und will die tolle Geschichte natürlich auch bebildern. Naturgemäß sind bei solchen geheimen Unternehmen jedoch keine Pressefotografen dabei. Die “Bild”-Redaktion hat sich deshalb mal wieder für ein Symbolfoto entschieden (siehe Ausriss), das sie wie folgt betextet:
Die Betextung des Fotos ist Unsinn: Ob und inwieweit an der Aktion überhaupt “Amerikaner” beteiligt waren — wer weiß. (In der britischen “Times” heißt es: “The force consisted mainly of SAS troopers, backed by about 50 soldiers from the 1st Battalion The Parachute Regiment and Royal Marines — all members of the Special Forces Support Group codenamed Task Force Maroon.” Kurzum: Es waren “mainly” Briten.) Und dass die “Offensive in der vergangenen Woche”, mit der “Bild” glaubt, den aktuellen Artikel illustrieren zu müssen, nichts mit die Befreiung dreier britischer Geiseln zu tun hat, lässt das Blatt zumindest unerwähnt.
Bedauerlicherweise zeigt die von “Bild” als Symbolfoto verwendete Abbildung jedoch nicht einmal die “Offensive in der vergangenen Woche”. Es handelt es sich dabei vielmehr um eine Aufnahme, mit der bereits die Nachrichtenagentur AFP am 16. März 2006 symbolhaft die an diesem Tag begonnene Offensive der US-Armee bei Samarra zu illustrieren versuchte, zu der es bis dahin ebenfalls keine Fotos gab.
“Bild” berichtet heute über “Deutschlands fieseste Radarfalle” und meint eine Tempo-80-Zone zwischen dem Autobahnkreuz Castrop-Ost und Herne-Horsthausen. Laut Auskunft der zuständigen Autobahnpolizei Münster soll sie allerdings, anders als “Bild” schreibt, keine Führerscheine vernichten, sondern Leben retten. Man habe das Tempo-Limit eingerichtet, weil die Strecke als Unfallschwerpunkt gelte.
Das weiß auch “Bild”:
Die Strecke ist vielbefahren, 310 Unfälle ereigneten sich im letzten Jahr.
“Bild”-Mitarbeiter Hans-Jörg Vehlewald aber ignoriert diesen Umstand in seinem Kommentar zum Thema weitgehend. Er konzentriert sich auf andere Aspekte:
Kein Zweifel: Raser und Drängler auf deutschen Straßen gehören bestraft. Aber was sich die Polizei in NRW jetzt geleistet hat, ist die pure Abzockerei und ein schlimmes Beispiel für die Gängelei der Bürger! Da lassen die Behörden ein Stück Autobahn erst jahrelang verrotten. Dann stellen sie, statt die Fahrbahn zu reparieren, ohne Vorwarnung ein Tempo-80-Schild an den Straßenrand, wo vorher keines war. Und lassen binnen 48 Stunden über 2000 Autofahrer in ihre Falle tappen.
Hervorhebung von uns.
Und es stimmt offenbar, dass an der Stelle, wo jetzt ein Tempo-80-Schild steht, vorher kein Tempo-80-Schild stand. Das jedenfalls bestätigt Klaus Laackmann, der auch von “Bild” zitierte Sprecher der Autobahnpolizei:
Dort befand sich seit Jahren eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 100 Kilometer in der Stunde.
Deshalb sei auch nicht etwa jeder geblitzt worden, der die vorgeschriebenen 80 Kilometer in der Stunde überschritt, sondern man habe “erst ab 100 gemessen”, sagt Laackmann. Außerdem seien die Tempo-80-Schilder bereits am 21. Februar aufgestellt worden. Die erste Radarmessung hingegen habe am Samstag, den 18. März stattgefunden. Also ziemlich genau vier Wochen später. Dennoch wurden in fünfeinhalb Stunden über 1360 Geschwindigkeitsübertretungen festgestellt, woraufhin man “sofort offensiv die Öffentlichkeit gesucht” habe. Bei einer zweiten Kontrolle am Montag, dem 20. März, waren es in drei Stunden immer noch 900 Übertretungen, und die Pressearbeit sei noch verstärkt worden. Weiterhin habe man das Radargerät auch erst “vier bis fünf Kilometer” nach Beginn der Begrenzung aufgebaut. “Da passieren sie drei 80er Schilder und sehen bereits das vierte, wenn das Radar kommt.”
“Bild”-Kommentator Vehlewald kommt trotzdem zu folgendem Urteil:
Aber es ist die nackte Gemeinheit, wenn man Autofahrern auf ihrer gewohnten Pendler-Strecke mit Tempolimits auflauert und ohne jede Schonfrist Geld und Führerscheine abkassiert! Solche Raubritter-Mentalität dient nicht der Verkehrssicherheit. Sie schafft Staatsverdrossenheit!
Hervorhebung von uns.
Mal ehrlich: Wäre ein Raubritter so verfahren, wie es die Polizei offenbar getan hat, er wäre wohl als erfolglosester Raubritter aller Zeiten in die Geschichte eingegangen.
Der Paragraph 30 des Abgeordnetengesetzes des Deutschen Bundestages muss dringend geändert werden. Darin steht, dass der Bundestag innerhalb eines halben Jahres nach seiner konstituierenden Sitzung darüber entscheidet, wie die Diäten der Abgeordneten verändert werden. Der Präsident leitet den Fraktionen einen entsprechenden Gesetzesvorschlag zu.
Das kann natürlich so nicht bleiben. Richtig müsste es heißen: Die “Bild”-Zeitung beschließt, wie die Diäten der Abgeordneten verändert werden. Über eventuelle eigene Pläne infomiert der Bundestagspräsident die “Bild”-Redaktion. Er ist ihr in jedem Fall Rechenschaft schuldig, noch bevor er sich mit den Vertretern der Fraktionen abgestimmt hat.
Zur Zeit sträubt sich Bundestagspräsident Norbert Lammert allerdings noch gegen diesen klitzekleinen Eingriff in das demokratische Verfahren.
Was bisher geschah:
Am Samstagberichtet der einschlägig bekannte “Bild”-Redakteur Dirk Hoeren über eine angebliche “Geheimstudie” des Bundestagspräsidenten. Darin werde erstmals “ein möglicher Systemwechsel wie in Nordrhein-Westfalen angedeutet”. Dort wurden gerade die Diäten erheblich erhöht, dafür fallen viele Privilegien insbesondere bei der Altersversorgung weg.
Lammert widerspricht noch am selben Tag ausdrücklich: Der von “Bild” erweckte Eindruck, eine Entscheidung sei bereits gefallen, sei falsch. Insbesondere gebe es keine Tendenz zum nordrhein-westfälischen Modell. Dies sei “von den Präsidenten aller übrigen Landtage (…) ausdrücklich nicht als Grundlage einer möglichen Neuregelung empfohlen” worden. Bei der “Geheimstudie” handele es sich im übrigen nur um ein Beratungspapier, das Diätenregelungen in verschiedenen Bundesländern vorstelle.
Am Montagberichtet der bei “Bild” für Renten-Lügen zuständige Dirk Hoeren erneut, auch über Lammerts Erklärung. Davon, dass der Bundestagspräsident “Bild” widersprochen hat, erfahren die “Bild”-Leser allerdings nichts. Im Gegenteil: Das klare Dementi des Bundestagspräsidenten verdreht Hoeren in sein Gegenteil: Lammert habe “bestätigt”, “daß es das von BILD enthüllte Papier als ‘Beratungsunterlage’ gebe”. Auch die Überschrift des “Bild”-Artikels suggeriert erneut, dass bereits eine Entscheidung gefallen sei. Sie lautet: “Diese Luxus-Pensionen sollen jetzt abgeschafft werden”.
Am Dienstag verheddert sich die “Bild”-Zeitung zunehmend in den eigenen Behauptungen. Noch am Vortag hat sie den Eindruck erweckt, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder sei für eine Pensions-Reform im Sinne von “Bild” (gab “grünes Licht für eine Reform der Ruhegelder”). Nun schreibt das Blatt, Kauder habe signalisiert, seine Fraktion werde “bei größeren Kürzungen für die Altersversorgung der Parlamentarier nicht mitmachen!”
Und an die Adresse derjenigen Parlamentarier, die glauben, sich bei dieser Reform davonstehlen zu können, sei gesagt: VERGESST ES!
Gleichzeitig verschärft “Bild” den Druck auf Norbert Lammert:
BILD wollte es gestern genau wissen und fragte bei Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nach: Wie soll die Reform der Diäten aussehen?
Und: Wann schaffen Sie endlich die Luxuspensionen der Abgeordneten ab? Sollen die Abgeordneten ihre Privilegien behalten, wenn überall in Deutschland gekürzt und gespart wird?
Lammert will die “Bild”-Fragen nicht beantworten, was sich vielleicht nachvollziehen lässt, wenn er erst am nächsten Montag über das Thema mit den Fraktionschefs berät und erst im April einen Vorschlag vorlegen will. “Bild” aber nennt dieses demokratische Verfahren “Geheimniskrämerei” und fragt in einer großen Überschrift:
Lammert beantwortet diese Frage am Dienstag erneut in einer Pressemitteilung. Er erklärt darin, dass es “bei dem durch das Gesetz vorgegebenen Zeitplan und dem mit allen Fraktionen des Bundestages vereinbarten Verfahren bleiben” werde, dass die “Beratungsunterlagen” (die “Bild” bekanntlich “Geheimstudie” nennt) “weder Empfehlungen noch konkrete Vorschläge” enthalten und Entscheidungen bisher nicht getroffen seien. Am Ende wiederholt er:
Das sogenannte “Düsseldorfer Modell” wird von den Präsidenten aller übrigen Landtage nicht als Grundlage einer möglichen Neuregelung empfohlen.
Das hatte er fast wörtlich bereits am Samstag gesagt, als er den “Bild”-Artikel vom selben Tag dementierte. Nun, am Mittwoch, tut “Bild” aber so, als handele es sich um eine Neuigkeit:
Am Ende seiner Erklärung läßt der Bundestagspräsident dann die Katze aus dem Sack. (…) Im Klartext: Es sieht so aus, als bräuchten die Abgeordneten auch künftig keinen Beitrag zu ihrer Altersversorgung zu zahlen ….
Was “Bild” als neuen Skandal darstellt, ist der unveränderte Stand von letzter Woche.
Aber “Bild” “gibt nicht auf”, fleht diesmal:
und kündigt an, Lammert auch heute “Fragen” zukommen zu lassen. Dabei hatte der Bundestagspräsident zu der “Bild”-Kampagne schon gestern gesagt, was dazu zu sagen war — und “Bild” hatte seine Worte sogar zitiert:
Der Ehrgeiz der “Bild”-Zeitung, anstelle des Parlaments Bezüge und Versorgung der Abgeordneten festzulegen, ist buchstäblich kaum übersehbar.