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Frau Polle und der Schnee von gestern

Manche Sachen kommen immer wieder. Heuschnupfen zum Beispiel. Jedes Jahr das gleiche Elend. Und jedes zweite Jahr ist es zum Beispiel bei Birkenpollen-Allergikern besonders schlimm. 2010 wird wohl so ein Jahr.

Wenn also in einem Artikel, der gestern auf sueddeutsche.de erschien, folgende Formulierung steht …

Eines steht jedenfalls fest: Ein Spaziergang dürfte das Jahr 2008 für Pollenallergiker nicht gerade werden.

… dann ist die naheliegende Erklärung, dass sich jemand die Mühe ersparen wollte, den ganzen Rotz noch einmal aufzuschreiben, einen zwei Jahre alten Text einfach unter dem aktuellen Datum noch einmal veröffentlicht hat und dabei vergaß, die Jahreszahl zu ändern.

So einfach ist es aber nicht.

Weite Teile des sueddeutsche.de-Artikels basieren auf einer Meldung, die die Nachrichtenagentur DAPD am vergangenen Freitag verbreitet hat. Die DAPD-Meldung wiederum basiert auf einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, worauf DAPD auch hinweist.

Der Artikel von sueddeutsche.de basiert aber nicht nur auf der DAPD-Meldung: Den Hinweis, dass dieses Jahr ein sogenanntes “Mastjahr” mit besonders starker Birkenpollenbelastung werden könnte, bekommen Leser von sueddeutsche.de als zusätzliche Information. Er stammt offenbar aus einem Artikel aus einem Asthma-Online-Portal, der erklärt, dass ein solches “Mastjahr” alle zwei Jahre auftritt und unter anderem 2004 und 2006 stattfand und für 2008 erwartet wurde — der Artikel ist nämlich schon zwei Jahre alt (und basiert zum Teil auf dieser Nachricht von journalmed.de, der wiederum basiert auf … Ach, egal).

Jedenfalls kommt in diesem Artikel auf dem Asthma-Online-Portal auch folgender Satz vor:

Eines steht jedenfalls fest: Ein Spaziergang dürfte das Jahr 2008 für Pollenallergiker nicht gerade werden.

Und der fand dann (mit zwei weiteren Sätzen) wörtlich Einzug in den Artikel auf sueddeutsche.de. Der deshalb jetzt aussieht, als sei er schon zwei Jahre alt. (Einen entsprechenden Leserhinweis in einem Kommentar unter dem Artikel hat die Redaktion, wie es üblich ist, ignoriert.)

Manche Menschen mögen dieses Produktionsverfahren “Flickenteppich” oder “Kraut und Rüben” nennen, andere sprechen vielleicht von einem “Mashup”. Wir würden einen anderen Begriff für diese Textform empfehlen: “Onlinejournalismus”.

Mit Dank an Urs Sch. und Annika K.

Nachtrag, 19.50 Uhr: sueddeutsche.de hat aus der “2008” eine “2010” gemacht.

Axolotl Roadkill, Vancouver, Burkina Faso

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. Interview mit Deef Pirmasens
(sueddeutsche.de, Lisa Sonnabend)
Deef Pirmasens, der mit seinem Blogeintrag zum Buch “Axolotl Roadkill” von Helene Hegemann eine Flut von Berichten ausgelöst hat, äussert sich zur Literaturkritik: “Ein Buch von einem 28-jährigen Blogger aus einem Untergrundverlag ist offensichtlich nicht so interessant wie eine Veröffentlichung in einem Großverlag von einer Jugendlichen, deren Vater in der Kulturszene bekannt ist. Hegemann wird ja gelobt als das Wunderkind der Literaturszene, das den großen Generationenroman geschrieben hat.”

2. “Die Unfähigkeit, zu googlen”
(begleitschreiben.twoday.net, Gregor Keuschnig)
Gregor Keuschnig nennt Helene Hegemann das “Hätschelkind des deutschen Feuilletons” und freut sich, dass nun wohl dem netten Mädchen kein Buchpreis von alten Männern übergeben werde. “Das Buch wurde über den grünen Klee gelobt – die Gründe liegen natürlich darin, weil den Rezensenten hier eine Welt gezeigt wird, die sie gar nicht kennen und für exotische Jugendliche hat man doch immer ein Ohr, zumal wenn sie Authentizität, die Krücke aller Lebensfremden, suggerieren.”

3. “IOC und Internet”
(dradio.de, Jens Weinreich)
Die Sportler der bevorstehenden Winterspiele in Vancouver dürfen nun doch publizieren, aber nur in engen Grenzen: “Sie dürfen nur Tagebuch führen und sich auf ihre Erlebnisse beschränken, nicht aber über Konkurrenten schreiben, schon gar nicht olympische Betriebsgeheimnisse verraten und Sicherheitsrisiken eingehen, was immer das heißen mag.” Die Vorschriften sind in den IOC Blogging Guidelines nachzulesen.

4. “Oli Kahn und das … äh, Fußball”
(print-wuergt.de, Michalis Pantelouris)
Michalis Pantelouris ist die “Bereitschaft von Medien, falsche Informationen zu verbreiten”, nicht egal.

5. “Polish newspaper claims ‘Pedobear’ is 2010 Vancouver Olympic mascot”
(telegraph.co.uk, Matthew Moore, englisch)
Eine polnische Zeitung druckt eine vor Monaten veröffentlichte und vermutlich über eine Bildersuche aufgefundene Zeichnung, die nicht die offiziellen Olympia-Maskottchen zeigt. Künstler Michael R. Barrick zeigt in einem Blogeintrag, wie die Nachricht darauf um die Welt geht.

6. “Die Grundsteinlegung am 8.2.2010 hat stattgefunden!”
(schlingenblog.posterous.com, Christoph Schlingensief)
Christoph Schlingensief bloggt über die Grundsteinlegung der Oper, die er in Burkina Faso plant.

Bild  

Ein bisschen angereichert

Die Leserschaft von “Bild” muss dieser Tage zweifelsfrei den Eindruck gewinnen, die Welt stehe ganz unmittelbar vor einem Atomkrieg im Nahen Osten — wenn, ja wenn die USA, Israel und die Weltgemeinschaft dem als “Irren von Teheran” verschrieenen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad (für “Bild” eindeutig ein “Diktator”) nicht bald den Krieg erklärten.

Von Tag zu Tag überschlagen sich “Bild” und Bild.de mit neuen und immer schriller werdenden Alarmmeldungen, Skandalnachrichten und vermeintlichen Insiderberichten, angereichert mit immer bedrohlicher klingendem Zahlenmaterial zu Urananreicherung und zu Sprengkopftechniken.

So erklärt “Bild” heute etwa:

Der Irre von Teheran entsetzt die Welt

Am Morgen (…) befahl Diktator Ahmadinedschad grinsend im Staatsfernsehen die Herstellung hochangereicherten Urans: “Beginnen Sie die 20-Prozent-Anreicherung!”

Damit steht für Experten endgültig fest: Der Iran will die Bombe! Um jeden Preis!

Nun ist keineswegs ausgeschlossen, dass Ahmadinedschads Regierung die Herstellung von Atomwaffen plant. Und selbstverständlich ist die fehlende Bereitschaft der iranischen Behörden zur Kooperation mit der Internationalen Atomenenergieorganisation IAEA höchst beunruhigend, vor allem angesichts der innen- und regionalpolitischen Instabilität.

Aber: Die medial inszenierte Anweisung Ahmadinedschads, nun Uran auf 20 Prozent anzureichern, ist keineswegs ein Indiz dafür, dass der Iran “jetzt” und “um jeden Preis” eine Atombombe entwickeln wollen würde. Ganz davon abgesehen, dass zu einer Atombombe neben dem Willen auch ein gerüttelt Maß an Know-How gehört, über das der Iran nach seriösen Einschätzungen zumindest bislang noch nicht verfügen soll.

Interessanterweise ist das auch “Bild” bekannt: Zehn Zentimeter neben dem Wort “20-Prozent-Anreicherung” darf nämlich der umstrittene Allround-Experte Michael Wolffsohn in einem Interview erklären, dass erst “hochangereichertes Uran (85%)” eine Atombombe ermögliche. (Wobei der Historiker hinzufügt, dass der Iran seine Fabriken nutzen wolle, um das 20-prozentige Uran “heimlich weiter anzureichern — für Atomwaffen” und somit die Atombombe “in etwa einem Jahr” haben werde).

Auch bei Bild.de klärt ein Kasten auf:

Was bedeutet die jetzt angekündigte Uran-Anreicherung auf 20 Prozent?

Die Anreicherung auf 3,5 Prozent für den Einsatz in Kernkraftwerken kann der Iran inzwischen selbst bewerkstelligen. Für den Einsatz in medizinischen Reaktoren – etwa für die Krebstherapie – wird ein Anreicherungsgrad von 20 Prozent benötigt. Uran gilt dann bereits als hoch angereichert.

Es wird befürchtet, dass der Iran in einer weiteren Stufe Uran noch höher anreichern könnte, um schließlich Atombomben bauen zu können. Dafür ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent erforderlich.

Deshalb will die Weltgemeinschaft schon die niedrigere Anreicherung nicht im Iran selbst zulassen, sondern im Ausland aufbereitetes Uran liefern.

All dieses Wissen hielt “Bild” aber nicht davon ab, die Sachlage abzukürzen:

Irans Diktator Mahmud Ahmadinedschad hat Befehl gegeben, hochangereichertes Uran zur Entwicklung von Atomwaffen im eigenen Land herzustellen.

Mit Dank an Eagle.

Kaum Überlebenschancen

Dann hielt sich Kevin die Waffe an den Kopf und drückte ab. Mit lebensgefährlichen Verletzungen kam er in die Klinik, wo er kurz darauf verstarb. Walther zu BILD: "Er ist schwer verwundet, hat kaum Überlebenschancen."

Nachtrag, 19.55 Uhr: Bild.de äußert sich inzwischen nicht mehr zu den Überlebenschancen des Verstorbenen.

Mit Dank an Mike E.

Pfitzinger, Hegemann, Knallpresse

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der lauteste Leser”
(taz.de, Anja Maier)
taz-Redakteurin Anja Maier besucht Hans Pfitzinger, einen an Krebs erkrankten taz-Leser, der sie in seinem 2008 und 2009 geführten taz-Blog schon als “Hohlspießerin” und “Dünkelkolumnistin” bezeichnete.

2. “Axolotl Roadkill: Alles nur geklaut?”
(gefuehlskonserve.de, Deef Pirmasens)
Im von vielen Medien ausführlich rezensierten Buch “Axolotl Roadkill” von Helene Hegemann stehen Passagen, die sehr ähnlich im Buch “Strobo” des Bloggers Airen zu finden sind. Romanautorin Hegemann gibt auf buchmarkt.de zu, von Airen “regelrecht abgeschrieben” zu haben. Felicitas von Lovenberg überraschen die Vorwürfe in der FAZ nicht – “einem ungewöhnlichen Bucherfolg” folge “fast nichts so zuverlässig wie der Plagiatsvorwurf”.

3. “Was die Medien Ihnen verschweigen”
(evangelisch.de, Daniel Drepper)
Daniel Drepper schreibt über “Project Censored”, ein seit über 30 Jahren bestehendes Non-Profit-Projekt, das sich um von den Medien nicht aufgegriffene Themen kümmert.

4. “Zum Umgang mit der Knallpresse”
(floriansiepert.com)
Florian Siepert beleuchtet, wie BBC Radio 4 mit fragwürdigen Quellen wie “Sun, Mirror oder Daily Mail” umgeht.

5. “Sat 1: Sender ohne Sendung”
(tagesspiegel.de, Bernd Gäbler)
“Um Sat 1 zu retten, müsste es einen Bruch mit dem ewigen Lavieren, den Halbheiten des Low-Budget-TV und dem Nachläufertum geben. Dazu reichen nicht einzelne Formatideen. Der Sender selbst braucht ein Leitbild.”

6. “The Blogs Must Be Crazy”
(thedailyshow.com, Video, 5:34 Minuten, englisch)
Jon Stewart mokiert sich über die reißerischen Schlagzeilen von US-Blogs wie der “Huffington Post”.

Privatsphärenklänge

Die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” beschäftigt sich mit einer neuen Form des Sexismus, dem sich Frauen in Castingshows und ähnlichen Wettbewerben freiwillig aussetzen.

Weil so ein langer Text zur Auflockerung und Aufmachung ein Foto braucht, zeigt die “FAS” ein dpa-Foto von zwei hoffnungsvollen Teilnehmerinnen eines Castings für “Germany’s Next Topmodel”:

Angetreten zur Demütigung

Die Bildunterschrift beginnt mit den Worten “Angetreten zur Demütigung”.

Das mit der Demütigung könnte sich durchaus noch mal auf direktem Wege wiederholen, denn auf den Teilnahmebögen, die die beiden jungen Frauen in die Kamera halten, sind etliche persönliche Daten, darunter Adresse und Telefonnummer, gut lesbar zu erkennen:

Vorname: Katja, Nachname: XXX, Adresse: XXX Telefon: XXX, Geburtsdatum: XXX

Mit Dank an Theo, Falk Z. und Björn.

Ein schlechter Clausewitz

Vom preussischen General Carl von Clausewitz ist die Begriffsbestimmung überliefert, Krieg sei “eine bloße Fortsetzung der Politik unter Einbeziehung anderer Mittel”. Wenn es allerdings nach dem US-amerikanischen Autor Daniel Pipes ginge, dann wäre Krieg die Beschwichtigung innenpolitischer Widersacher und die Ablenkungen von wirtschaftspolitischen Problemen durch einen militärtaktisch sehr fragwürdigen Angriff — zumindest wenn man Pipes’ mittlerweile aus dem Netz genommenen Beitrag bei “Welt Debatte” (der im Google Cache und auf Pipes’ Homepage weiterhin zu finden ist) beim Wort nimmt:

BRENNPUNKT NAHOST - Barack Obama sollte den Iran bombardieren. Von Daniel Pipes. Barack Obamas Umfragewerte stürzen in den Keller. Bei den Themen Arbeitslosigkeit und Gesundheitssystem ist er gescheitert, zudem hat er drei Nachwahlen verloren. Eine dramatische Geste ist nötig, um die öffentliche Wahrnehmung zu ändern. Er muss Befehl geben, die iranischen Atomwaffen zu zerstören.

Nun sollte man von dieser Stellungnahme nicht sonderlich überrascht sein: Daniel Pipes, Gründer und Leiter des konservativen amerikanischen Think Tanks “Middle East Forum”, ist nicht eben dafür bekannt, sonderlich ausgewogene, differenzierte Urteile von sich zu geben — eher im Gegenteil. Vor Kurzem erklärte Pipes dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders seine Solidarität. Und 2008 hatte er nahegelegt, Barack Obama sei früher Moslem gewesen (wenn auch ohne es zu wissen).

Die Leser von “Welt Online” allerdings mussten von diesem Kommentar durchaus irritiert sein: Mit keinem Wort wurde der umstrittene Autor des Textes vorgestellt. Und auch dass der Text ursprünglich für die konservative US-amerikanische “National Review” geschrieben wurde, war auf “Welt Online” nicht in Erfahrung zu bringen.

Noch erstaunlicher waren nur Pipes Forderungen: Barack Obama, schrieb Pipes, solle nämlich dringend den Iran bzw. dessen Atomprogramm bombardieren. Aber nicht etwa um Israel zu unterstützten oder zu verhindern, dass die autokratisch-religiöse Führung in Teheran zur Atommacht wird, nein. Sondern um Barack Obamas Popularität in den USA einen Schub zu verpassen:

So, wie 9/11 die Wähler das Umherirren der ersten Monate George W. Bushs vergessen ließ, würde ein Schlag gegen die iranischen Anlagen Obamas schwaches erstes Jahr in der Versenkung verschwinden lassen und die innenpolitische Szene umgestalten. Es würde die Gesundheitsreform zur Seite schieben, die Republikaner veranlassen mit den Demokraten zusammenzuarbeiten, Netroots kreischen, Unabhängige umdenken und Konservative in Verzückung geraten lassen.

Selbst wenn man Pipes im Hinblick auf die Gefährlichkeit einer “Atommacht Iran” folgen mag: Trotz der von Pipes herbeizitierten Umfragen erscheint es eher fraglich, dass Obama tatsächlich gerade dadurch an Zustimmung gewinnen würde, dass er einen weiteren Militäreinsatz vom Zaun bräche. Überhaupt scheint Pipes mit seiner Forderung, von innenpolitischen Problemen durch einen Militärschlag abzulenken, das Drehbuch von “Wag the Dog” in Sachen Zynismus in den Schatten stellen zu wollen. Pipes Ausführungen sind derart krude, dass selbst unter den Kommentatoren auf Welt Online der Verdacht aufkam, es könne sich bei dem Beitrag eigentlich nur um einen schlechten Scherz handeln.

Als wäre das aber nicht genug, gibt sich Daniel Pipes auch militärisch äußerst unwissend, wenn er über die Rahmenbedingungen eines solchen Angriffs schreibt:

Es gibt eine solche Gelegenheit: Obama kann dem US-Militär den Befehl geben die iranische Atomwaffen-Kapazitäten zu zerstören. […]

Würde der US-Schlag auf die Ausschaltung der iranischen Atomanlagen begrenzt und keinen Regime Change anstreben, würde er wenig “Personal vor Ort” benötigen und relative wenige Verluste mit sich bringen, was einen Angriff politisch verdaubarer macht.

Wenn’s denn so einfach wäre. Was Pipes offenbar vorschwebt, ist ein Angriff nach Vorbild der “Operation Opera” aus dem Jahr 1981. Damals hatte das israelische Militär an einem Sonntagnachmittag mit acht Kampfflugzeugen das gesamte irakische Atomprogramm ein für allemal zerstört.

Was Pipes allerdings unterschlägt: Der Iran 2010 ist nicht der Irak ’81. Und vor allem hat die Führung im Iran von dem Einsatz gegen den Irak gelernt. Erst Ende des vergangenen Jahres wurden unterirdische Atomanlagen im Iran in der Nähe der Stadt Qom bekannt. Israelische Experten, schreibt etwa der “Economist”, gehen davon aus, dass das iranisch Atomprogramm nicht nur dezentral organisiert ist, sondern zudem auch maßgeblich unterirdisch vollzogen wird. Und damit vor exakt der Art von Luftschlag gefeit ist, den Pipes vorschlägt.

Selbst wenn Barack Obama also glauben würde, dass ausgerechnet ein Militäreinsatz seine Beliebtheit steigern würde, und wenn es zudem strategisch schlau wäre, nach dem Irak auch noch den Iran und damit die zweite Großmacht im Nahen Osten zu destabilisieren -– es wäre mehr als fraglich ob der von Pipes geforderte Angriff militärisch überhaupt möglich wäre.

Dass Pipes’ Beitrag außerdem eher schlecht als recht aus dem Englischen übersetzt wurde, macht die Angelegenheit nur noch verworrener: Wo Pipes über Obamas Politik im Original “his counterterrorism record barely passes the laugh test” schrieb, stellt er auf Deutsch fest:

Seine Bilanz bei der Terrorbekämpfung besteht kaum einen Albernheitstest.

Was auch immer so ein Albernheitstest sein mag: Daniel Pipes’ Forderungen bestünden ihn mit Sicherheit nicht. Den Verantwortlichen bei “Welt Online” immerhin scheint das Lachen schnell vergangen zu sein.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Die kleinere Hälfte

Ein alter Schüler-Witz:

Verzweifelt steht ein Mathematiklehrer vor seiner Klasse: “Wie oft soll ich Euch noch erklären, dass es keine kleinere und keine größere Hälfte gibt?”, fragt er erbost. “Aber warum sage ich Euch das – die größere Hälfte von Euch wird es eh nie verstehen!”

Was soll diese lahme Pointe an dieser Stelle? Nun: Vor zwei Wochen berichteten wir über die irreführenden Berichte nach der Wahl eines Republikaners in den US-Senat.

Doch zumindest die kleinere Hälfte der Journalisten hat immer noch nicht verstanden, dass die Partei des US-Präsidenten Obama damals zwar einen wichtigen Sitz im Senat verloren hat, aber immer noch über die weitaus größere Hälfte der Sitze in dem Parlament verfügt. Dass Obama zwar nicht mehr mit einer strategischen 60-Prozent-Mehrheit legislative Störmanöver der politischen Gegner von vornherein unterbinden kann, aber dennoch mit 59 von 100 Sitzen über eine komfortable absolute Mehrheit im US-Senat verfügt.

tagesschau.de berichtet über ein Treffen der radikalen Rechten:

So haben sie beispielsweise Scott Brown, den republikanischen Kandidaten für das Senatorenamt in Massachussetts, unterstützt. Mit Erfolg: Die Demokraten haben seitdem ihre Mehrheit im US-Senat verloren.

Ins gleiche Horn stößt der “Tagesspiegel”, als er sich der US-Klimapolitik widmet:

Nachdem die Partei des amerikanischen Präsidenten Barack Obama bei einer Nachwahl vor kurzem ihre Mehrheit im Senat verloren hat, ist es noch schwerer geworden, dort das ohnehin nicht besonders ambitionierte Klimagesetz durchzubringen

Bei “20 Minuten” hat man sich immerhin erinnert, dass etwas Besonderes an der verlorenen Mehrheit war. Nur was das war, das hat man vergessen:

Das ist umso wichtiger, seit Barack Obama die absolute Mehrheit im Senat verloren hat.

Aber warum sagen wir das — die kleinere Hälfte wird eh schreiben, was sie will.

Mit Dank auch an David K.

Nachtrag, 6. Februar: Tagesschau.de hat den Fehler inzwischen korrigiert.

Geile gebührenpflichtige Jungfrauen

Die Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (GEZ) hat seit einigen Tagen ein eigenes Diskussionsforum, in dem über die Notwendigkeit von Rundfunkgebühren diskutiert werden soll.

Und damit man sich besser vorstellen kann, wie es aussieht, wenn Menschen im Internet diskutieren, hatte Der Westen, das Online-Portal der WAZ-Gruppe, seinen Artikel zum Thema mit einem Bild illustriert, auf dem Menschen im Internet diskutieren.

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass das Bild tatsächlich das GEZ-Forum zeigte:

Screenshot: derwesten.de

weißt du, ich bin schwarz
das ist okay
okay
bist du jungfrau?
ja
ist das okay?

okay
ja, ist mir egal
gut
aber hast du ein bild?
ja, im haus meines vaters, auf dem computer da
okay
wo wohnt der?

Nach zwei Leserkommentaren zum Foto wurde es inzwischen durch ein unverfänglicheres ersetzt:

Screenshot: derwesten.de

Mit Dank an KiMasterLian

Mehr recht als “schlecht”

Umfragen sind für Online-Medien eine feine Sache: Sie suggerieren Leserbindung, liefern Klicks und lassen sich mit geringem technischen und intellektuellen Aufwand erstellen. Außerdem kann man sie meistens einfach unbegrenzt online lassen, weil das Ergebnis eh niemanden interessiert — zumindest niemanden in den Redaktionen.

Die Online-Ausgabe der “Berliner Morgenpost” hat sich zum hunderttägigen Jubiläum der Bundesregierung dazu entschieden, ihre Leser die einzelnen Kabinettsmitglieder “benoten” bzw. “beurteilen” zu lassen.

Während Kanzlerin Merkel und alle übrigen Minister die Noten “sehr gut”, “gut”, “es geht so”, “nicht so gut”, “schlecht” und “sehr schlecht” bekommen können, hat sich Morgenpost.de bei Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen – die in der Umfrage noch als “Bundesfamilienministerin” geführt wird – für ein etwas anderes Notenspektrum entschieden:

Ursula von der Leyen (CDU) ist Familienministerin. Wie beurteilen Sie ihre bisherige Arbeit? sehr gut, gut, es geht so, nicht so gut, gut, sehr gut

Überraschend, dass trotz der vielen positiven Optionen das Urteil eher mittelzufrieden ausfällt:

Umfrageergebnis: sehr gut: 3%, gut: 13%, es geht so: 25%, nicht so gut: 34%, gut: 4%, sehr gut: 20%

Weiterhin überraschend, dass man unter der Überschrift “Mehr zum Thema” auch über Bundesarbeitsminister Franz Josef Jung befinden kann, der bekanntlich seit dem 27. November 2009 nicht mehr im Amt ist. Aber die Umfrage ist auch vom 24. Oktober — und somit wohl einfach unbegrenzt online gelassen.

Mit Dank an Alfons Sch.

Nachtrag, 3. Februar: Die “Morgenpost” hat Frau von der Leyen jetzt zur “Arbeitsministerin” ernannt und die Optionen “schlecht” und “sehr schlecht” zugelassen.

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