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Gefährliche Lidlschaften

Die Geschichte hat alles, was Auflage macht: Tote! Die Nachbarn im Süden! Eine Alliteration in der Überschrift!

Killer-Käse aus Österreich tötet zwei Deutsche

Gut, die zwei toten Deutschen verblassen vielleicht am Ende des ersten Absatzes etwas …

Ein neuer Lebensmittel-Skandal hält Deutschland in Atem. Nach dem Verzehr eines Harzer Käses aus Österreich sind zwei Deutsche an einer Listeriose (Bakterieninfektion) gestorben. In Österreich kamen sechs Menschen ums Leben.

Aber sonst?

Na ja, so richtig neu ist der Skandal auch nicht — neu ist die Erkenntnis, dass es Tote (übrigens insgesamt sechs und nicht sechs in Österreich und zwei Deutsche) gegeben hat.

Über die Rückrufaktion hatten verschiedene Medien bereits vor drei Wochen berichtet. Allerdings war der Käse mit den gefährlichen Bakterien im Sortiment des Discounter Lidl aufgetaucht — und weil Lidl und “Bild” eine lange und innige Geschäftsbeziehung verbindet (s. Kasten), war die Meldung bei Bild.de zunächst etwas kleiner ausgefallen.

Auch die Meldung in der gedruckten “Bild” vom 25. Januar war eher unauffällig platziert gewesen und nur vier Tage später war Lidl (gemeinsam mit dem Konkurrenten Aldi) bei “Bild” schon wieder “Gewinner” — weil die Discounter in England beliebter seien als die heimischen Supermarktketten. “Bild” “meinte” damals:

Sorry, das ist eben deutsche Wertarbeit!

Jetzt aber gibt es die Opfer des österreichischen “Killer-Käses” (der aus deutschem Quark hergestellt wird) und Bild.de muss quasi über den Fall berichten.

Und das klingt dann so:

Eine große deutsche Handelskette reagierte sofort und verbannte die Produkte (Foto oben) aus den Regalen!

Als im vergangenen Jahr ein anderer Discounter eine große Rückrufaktion hatte starten müssen, stand sein Name gleich fünf Mal im Artikel auf Bild.de.

Mit Dank an Patrick S. und ceggis.

Nachtrag, 17. Februar: Bild.de hat die Zahl der Todesfälle in Österreich von sechs auf vier korrigiert, in einem neuen Artikel zum Thema wird Lidl genannt.

Das Schein-Interview mit dem Komapatienten

Es war eine Weltsensation, und der “Spiegel” hatte sie exklusiv. Im November berichtete das Nachrichtenmagazin über den Belgier Rom Houben, der nach einem Unfall scheinbar in ein Wachkoma gefallen war, tatsächlich aber wohl bei vollem Bewusstsein gewesen sei — 23 Jahre lang. Er konnte nur nicht mit der Außenwelt kommunizieren.

“Spiegel”-Wissenschaftsredakteur Manfred Dworschak hatte den Mann besucht und glaubte, sogar mit ihm gesprochen zu haben:

Wie haben Sie diese 23 Jahre überlebt, Monsieur Houben? Ein tiefes Knurren entweicht dem Mann im Rollstuhl, er scheint nachzudenken. Dann hurtiges Geklapper, ticketitack, Houbens rechter Zeigefinger huscht über die Tastatur, die an seiner Armlehne klemmt. Buchstabe auf Buchstabe erscheint: “Ich habe meditiert, ich habe mich weggeträumt”, steht da geschrieben. “Und nennen Sie mich Rom.”

Der Mann, der seiner Mitwelt verlorenging, lebt heute in einem hübschen Pflegeheim im belgischen Zolder. Noch immer ist er zu kaum einer Bewegung fähig, aber in seiner rechten Hand ist etwas Leben, das er nutzt: Mit Hilfe einer Sprachtherapeutin, die hinter ihm steht und seine Hand stützt, kann Rom auf einer Bildschirmtastatur schreiben.

Es klappert wieder, ticketitack: “Nie vergesse ich den Tag, an dem sie mich entdeckten, meine zweite Geburt.”

Viele weitere, teils herzzerreißende Antworten über das Leben von jemandem, der unerkannt bei Bewusstsein ist, aber keine Möglichkeit hat, sich mitzuteilen, schien der “Spiegel”-Redakteur dem Mann zu entlocken. Er war offenbar von der unbändigen Euphorie des Neurologen Steven Laureys, der den Fall entdeckt hatte, angesteckt:

Seit seiner Befreiung klappert Rom mit wachsendem Eifer auf seiner Tastatur, solange jedenfalls die Logopädin mitmacht. “Ich habe ihn natürlich getestet, um auszuschließen, dass in Wahrheit die Logopädin schreibt”, sagt Laureys. “Wir sind uns sicher, dass Rom bei Bewusstsein ist. Wussten Sie übrigens, dass er schon an einem Buch schreibt?”

Fernsehsender, Zeitungen und Online-Medien auf der ganzen Welt erzählten die unglaubliche Geschichte des “Spiegel” weiter. Die meisten Menschen, die sie hörten oder sahen, waren berührt. Und ein paar wurden sehr ärgerlich.

Denn die Methode, mit der Rom Houben vermeintlich sprach, ist höchst zweifelhaft. Bei der sogenannten “Gestützten Kommunikation” hält eine andere Person die Hand eines Menschen, der sich sonst nicht artikulieren kann, und führt sie über eine Tastatur. In Deutschland machte der Fall des Autisten Birger Sellin Furore, der sich auf diese Weise angeblich mitteilte, ein Buch schrieb und 1995 in “Stern-TV” mit Günther Jauch unterhielt.

Es fehlen wissenschaftliche Beweise dafür, dass bei der “Gestützten Kommunikation” tatsächlich derjenige spricht, der geführt wird — und nicht (womöglich unwissentlich) der Helfer. In Tests zeigte sich immer wieder, dass die Probanden auf diese Weise nur solche Fragen zuverlässig beantworten konnten, deren Antwort auch die Hilfsperson kannte. Bei der “Gestützten Kommunikation” würde es sich dann nur um eine Form des “Kluger Hans”-Effektes handeln. Amerikanische Fachverbände halten die Technik für diskreditiert.

James Randi, einer der bekanntesten und renommiertesten Kämpfer gegen Aberglaube jeder Art, hält “Gestützte Kommunikation” für nichts anderes als Scharlatanerei. Er geriet deshalb besonders in Rage, als er die Geschichte hörte, wie sich Rom Houben angeblich plötzlich der Welt mitteilte. “Diese grausame Farce muss aufhören!”, schimpfte er in seinem Blog und wies darauf hin, dass man in den Fernsehaufnahmen sogar sieht, dass Houben nicht einmal in Richtung der Tastatur schaut. Das tut aber die Frau, die mit festem Griff seine Hand führt. Das, was Houben angeblich “sagte”, ließ einige Experten ebenfalls misstrauisch werden.

Auch in Deutschland äußerten viele Skeptiker Zweifel.

Wir hatten damals “Spiegel”-Redakteur Manfred Dworschak mit der Kritik konfrontiert und gefragt, warum er meint, mit Rom Houben selbst kommuniziert zu haben. Er antwortete:

Steven Laureys hat Houben getestet (er zeigte ihm eine Reihe von Objekten, während Houbens Logopädin außerhalb des Raumes wartete, und fragte ihn, als sie zurückgekehrt war, was er gesehen hatte).

Ich weiß, dass die gestützte Kommunikation einen trügerischen Eindruck erwecken kann; deshalb habe ich mich ja auch vergewissert. Sie ist aber nicht schon von vorneherein ein untauglicher, korrupter Kanal, der in jedem Fall nur zur Hilfsperson führen kann.

Rom Houben fing nach seiner Entdeckung zunächst an, mit seinem rechten Bein (die rechte Körperhälfte ist motorisch nicht ganz erloschen) Ja-Nein-Signale zu geben. Damit war eine erste Verständigung möglich. Später lernte er, ein einfaches Ja-Nein-Display mit dem Zeigefinger zu bedienen. Als er damit gut zurecht kam, ging er zur alphabetischen Tastatur über.

Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn er beim Schreiben nicht immer die Tastatur im Blick hat; er sähe bei seiner Lichtempfindlichkeit ohnehin mitunter nicht allzu viel. Und wenn man bedenkt, dass er fast jeden Tag Stunden mit Schreiben verbringt und diese Tastatur für ihn das einzige Objekt auf der Welt ist, auf das er sein Handeln richten kann, verwundert es nicht so sehr, dass er die Tasten inzwischen auch mal halbwegs blind trifft (sie sind ja auch nicht gerade klein).

Das klang halbwegs überzeugend, doch die Skeptiker sollten Recht behalten. Im aktuellen “Spiegel” muss Dworschak einräumen, dass Rom Houben nicht auf diese Weise mit ihm reden konnte. Die Richtigstellung hat das Nachrichtenmagazin unauffällig in einem langen Artikel über neue Ideen der Hirnforschung versteckt:

Houben schrieb wohl doch nicht selbst; er hat nicht genug Kraft und Muskelkontrolle in seinem rechten Arm, um Zeichen anzusteuern. Die Logopädin, im Bemühen, dem Mann zum Ausdruck zu verhelfen, übernahm also unbewusst die Führung — solche Selbsttäuschungen kommen bei der Methode immer wieder vor. Auch die Auskünfte, die Houben Ende vorigen Jahres dem SPIEGEL gab, stammten demnach nicht von ihm.

Im aktuellen Test bekam Houben nun der Reihe nach ein Wort vorgesprochen oder einen von 15 Gegenständen gezeigt; die Logopädin war nicht dabei. Danach sollte der Mann jeweils den richtigen Begriff aufschreiben — es gelang kein einziges Mal.

Was für ein Alptraum muss es für den Gelähmten gewesen sein, wenn er tatsächlich bei Bewusstsein ist, zu erleben, wie andere in seinem Namen für ihn sprachen, was er gar nicht sagte.

In seinem ersten Stück im vergangenen Jahr schrieb Dworschak über Houben, den er damals noch Rom nannte:

Sein Fall zeigt besonders drastisch, wie wenig mitunter der Schein über das Sein sagt.

Das hat sich leider auf zweifache Art bewahrheitet.

Mit Dank an Marcus Anhäuser!

Berge versetzen (2)

Die Sendung “Familienduell” läuft schon länger nicht mehr im Fernsehen, aber das Spielkonzept scheint sich auf den Fluren der Bild.de-Redaktion noch großer Beliebtheit zu erfreuen: Wenn Ereignisse räumlich eingeordnet werden müssen, werden einfach 100 Mitarbeiter gefragt und die Top-Antwort kommt dann online.

Wenn Bild.de über eine amerikanische Hochschule schreibt, heißt es also: “Nennen Sie eine amerikanische Hochschule!” Dann sagen ganz viele Leute “Harvard” und – zack! – ist es Harvard.

Heute lautete die Frage in der Kantine offenbar: “Nennen Sie ein italienisches Ski-Gebiet!” Top-Antwort: “Alpen”.

Alles klar:

IN DEN ITALIENISCHEN ALPEN: Schnee-Lawine überrollt Snowboarder

Bei diesen Bildern bleibt einem das Herz stehen! Drei Snowboarder fahren einen Alpen-Hang hinunter.

Aber da kann auch der Sprecher im Video vom “Horrorvideo aus den italienischen Alpen” faseln: Der Monte Cimone, an dem das Video entstand, gehört zum Apennin.

Das steht im Übrigen auch in der Skigebiet-Info, die Bild.de selbst zwei Mal verlinkt, und im Artikel der “Daily Mail”, auf die sich Bild.de beruft.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

dpa, Nordwest-Zeitung, SZ-Magazin

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wozu noch Journalismus?”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier schreibt über den Zustand des Online-Journalismus in Deutschland. Im Gegensatz zum Text auf sueddeutsche.de ungestückelt und inklusive dem ersten Satz. “Eigentlich müssten La-Ola-Wellen von Journalisten durch das Land schwappen, vor lauter Begeisterung darüber, wie das Internet ihre Arbeit erleichtert und verbessert und ihre Möglichkeiten potenziert hat. Das Gegenteil ist der Fall.”

2. “Bericht über Bundeswehr mit erfundenen Zitaten”
(meedia.de, Daniel Bouhs)
Die dpa trennt sich von einem langjährigen Mitarbeiter, weil dieser zitierte, was niemand je äusserte. “Die Zitate stammten ‘aus Internet-Foren oder waren frei erfunden’.”

3. “In 11 Schritten zum Meinungsmonopol”
(taz.de, Felix Zimmermann)
Felix Zimmermann notiert elf Punkte zum Lokaljournalismus der “Nordwest-Zeitung” in Oldenburg. Punkt 8: “Ignorieren Sie das Internet, Ihre Leser sind eh zu alt dafür. Die NWZ macht’s vor: Zwei Leute stellen die Lokalausgaben ins Netz und bauen Bilderstrecken, zum Beispiel von Autounfällen – das war’s. Setzen Sie auch keine Links, sonst wechseln Ihre Leser ja die Seite!”

4. “Darauf einen Edelobstgeist – das SZ-Magazin”
(blog.dummy-magazin.de, Oliver Gehrs)
“Dummy”-Chef Oliver Gehrs beleuchtet den aktuellen Zustand des Magazins der “Süddeutschen Zeitung”. In den Kommentaren meldet sich Jan Heidtmann zu Wort, der stellvertretende Chefredakteur des Magazins.

5. “Mit Schirrmacher ins Keta-Loch”
(floriansiepert.com)
Florian Siepert schlägt nach dem Plagiatsfall “Axolotl Roadkill” einen vierwöchigen “Zwangsberlinaufenthalt mit allen Schikanen für sämtliche Feuilletonredakteure und Lektoren” vor.

6. “Save the Newspaper!”
(youtube.com, Video, 2:20 Minuten, englisch)
Jesse Brown mit einem leidenschaftlichen Appell zur Rettung der Zeitungen.

Wie sich alle mit Hartz IV verrechnen

Der schmale Grat zwischen Arbeit und Hartz IVAm 6. Februar veröffentlichte die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” unter der Überschrift “Der schmale Grat zwischen Arbeit und Hartz IV” einen mehr als halbseitigen Bericht über Berufe im Niedriglohnbereich. Unter Berufung auf Berechnungen des Karl-Bräuer-Instituts behauptet der Autor Sven Astheimer, dass das sogenannte “Lohnabstandsgebot” in mehreren Wirtschaftszweigen nicht eingehalten wird. Das Gehalt, das in bestimmten Branchen gezahlt wird, liege zum Teil noch unter dem Hartz-IV-Anspruch des jeweiligen Arbeitnehmers.

Die “FAZ” schreibt:

Besonders gefährdet sind Geringverdiener, vor allem, wenn von dem Lohn mehrere Familienmitglieder ernährt werden müssen.

Und tatsächlich: Studiert man die beigefügten Charts mit den Ergebnissen der Studie, so erfährt man, dass in einigen Extremfällen der Nettolohn eines Geringverdieners nur knapp über oder sogar unter dem jeweiligen Hartz-IV-Anspruch liegt.

Oder, wie es die “FAZ” formuliert:

In einigen Branchen sind die finanziellen Anreize zur Arbeitsaufgabe besonders stark: in der Zeitarbeit, dem Gastgewerbe, dem Wach- und Sicherheitsgewerbe und dem Garten- und Landschaftsbau.

Das Gehalt eines Zeitarbeiters an der unteren Lohngrenze mit Frau und zwei Kindern etwa liegt dieser Berechnung zufolge 278 Euro unter seinem Hartz-IV-Anspruch von 1.653 Euro. Wenigstens, so die “FAZ” weiter, “haben die Betroffenen einen Anspruch darauf, sich die Differenz ‘aufstocken’ zu lassen”.

Hart arbeitende Bürger haben also letztlich nur genausoviel in der Tasche wie Hartz-IV-Empfänger? Das klingt in der Tat zutiefst unsozial. Was die “FAZ” jedoch völlig unterschlägt, ist die Tatsache, dass Aufstocker durch Freibeträge als Anreiz für Erwerbstätigkeit auf einen deutlich höheren Betrag kommen.

Wir haben testweise den oben genannten Extremfall aus der “FAZ” in den Einkommensrechner des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales eingegeben und sind auf Freibeträge von 286,20 Euro gekommen (unter Einbeziehung eines 50-Euro-ÖPNV-Tickets zum Pendeln). Diese Freibeträge, die sich je nach Einkommen zwischen 240 und 350 Euro bewegen, erhalten Niedriglöhner noch zusätzlich zu ihrem auf Hartz-IV-Niveau aufgestockten Gehalt.

Auf Anfrage bestätigte uns dies auch die Bundesagentur für Arbeit:

Bevor Einkommen angerechnet wird, sind die Freibeträge abzusetzen. In Höhe dieser Freibeträge liegt somit der “Vorteil” des Erwerbstätigen. In dem Beispiel hat der Zeitarbeiter somit tatsächlich ein um 286,20 € höheres Haushaltseinkommen als die Familie, die nur Alg II bezieht. (…) Ihre Berechnung ist korrekt, die der FAZ nicht.

Auch das Karl-Bräuer-Institut distanziert sich auf Anfrage unsererseits von den Ergebnissen der “FAZ”. Das Institut habe keine Vergleichsstudie angefertigt, sondern lediglich die Brutto- und Nettolöhne ausgesuchter Branchen im Niedriglohnsektor berechnet. Den Vergleich mit Hartz-IV-Empfängern und insbesondere die Unterschlagung der Freibeträge hat demnach allein die “FAZ” zu verantworten.

Wir halten also fest: Die “FAZ” prangert einen Missstand an, den es so gar nicht gibt, und steuert dadurch die ohnehin schon hysterische Debatte, ob gewollt oder ungewollt, in eine nachweislich falsche Richtung. Und was machen andere Medien? Sie verbreiten die Mär vom fehlenden Lohnabstand völlig unreflektiert weiter:

Neue Hartz-IV-Sätze - In diesen Branchen lohnt sich Arbeit nicht mehr!
“Bild”

Diese Jobs bringen weniger Geld als Hartz IV
(“Welt Online”)

Studie: Diese Jobs bringen weniger als Hartz IV
(“Münchner Merkur”)

Studie: Diese Jobs bringen weniger Geld als Hartz IV
(“Hamburger Abendblatt”)

Einkommen auf Hartz-IV-Niveau: Arbeiten für ein Almosen
(“Spiegel Online”)

Selbst Finanzexperte Historiker Außenminister Guido Westerwelle plappert die Zahlen der “FAZ” nach, wie man in einem Gastbeitrag auf welt.de nachlesen kann:

Wer kellnert, verheiratet ist und zwei Kinder hat, bekommt im Schnitt 109 Euro weniger im Monat, als wenn er oder sie Hartz IV bezöge. Diese Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Leistungsgedanken besorgt mich zutiefst.

Diese Leichtfertigkeit im Umgang mit Fakten besorgt uns zutiefst.

Mit Dank an Sven H.

Airen, NWZonline, Gagasein

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. Interview mit Airen
(faz.net, Tobias Rüther)
Nochmals zum in den Feuilletons gefeierten Plagiatsfall Axolotl Roadkill. Im Anschluss auf ein langes Gespräch mit dem Blogger Airen findet sich eine ebenso lange Liste von “Parallelstellen, die sich aus einem Abgleich der Bücher ‘Strobo’ und ‘Axolotl Roadkill’ sowie des Blogs mit Hegemanns Buch ergeben (Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen)”.

2. “Von Visits, PageImpressions, NWZ und fremden Federn”
(medienfloh.de, Florian Schuster)
Florian Schuster präsentiert eine Liste von URLs, die NWZonline, der Internetauftritt der “Nordwest-Zeitung”, der IVW auf einer Local-Liste meldet – Klicks, die so mit in die Zählung der Visits und Page Impressions einfliessen. Auf der Liste finden sich unter anderem Websites wie studivz.net/oldenburg oder partner.hanseatreisen.de/nwz.

3. “Zeitungen feiern den 10jährigen Geburtstag der Verbraucherinsolvenz”
(finblog.de, Andreas Kunze)
Die Presseagentur dpa feiert zehn Jahre Verbraucherinsolvenz und die Online-Portale feiern mit. Nur: Die Insolvenzordnung trat am 1.1.1999 in Kraft – und ist also schon über 11 Jahre alt.

4. “Im Glashaus und so …”
(nachgetragen.wordpress.com)
Das Magazin der “Süddeutschen Zeitung” zeichnet in einer “Anleitung zum Gagasein” die Sängerin Lady Gaga mit einer Roten Schleife und folgert: “Lady Gaga ist eine Schwulenikone”.

5. “DFB-Kicker ganz bei Trost”
(n-tv.de, Christoph Wolf)
Christoph Wolf beobachtet den Umgang von Fußball-Nationalspielern mit “Bild”.

6. “Auslese-Gewinner 2009”
(wissenschafts-cafe.net, Lars und Marc)
“Die besten wissenschaftlichen Blogposts des Jahres.”

AFP  

Weißer Hai bleibt auf dem Teppich

In Sydney ist ein Surfer im flachen Wasser von einem Hai angegriffen worden, so viel ist klar. Was genau das für ein Hai war, war zunächst nicht ganz klar, Opfer und Medien gingen aber mal vorsorglich vom berühmt-berüchtigten Weißen Hai aus.

Heute Morgen, um 7.01 Uhr unserer Zeit berichtete der “Sydney Morning Herald” auf seiner Internetseite:

Der Hai, der Paul Welsh heute Morgen an den Nordstränden Sydneys gebissen hat, ist anhand eines Zahnfragments als 1,6 Meter langer Teppichhai identifiziert worden.

Das Exemplar dieser normalerweise sanftmütigen Hai-Art, ein Bodenbewohner, dürfte durch die schmerzhafte Begegnung genauso traumatisiert sein.

[Übersetzung von uns]

Auch andere australische Medien berichteten zu dieser Zeit über den deutlich geschrumpften Angreifer.

Mehr als fünf Stunden später, um 12.17 Uhr tickerte AFP (nachzulesen etwa bei “Spiegel Online” und “RP Online”):

Laut [Augenzeuge Michael] Brown handelte es sich bei dem Angreifer vermutlich um einen Weißen Hai, den größten Raubfisch der Welt. Er selbst arbeitet bei der Hai-Überwachung in der Region mit und sah nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten mehrmals Weiße Haie vom Flugzeug aus. Diese können bis zu sechs Meter lang und mehr als zweitausend Kilogramm schwer werden.

Der “Sydney Morning Herald” hingegen zitiert den Leiter der westaustralischen Hai-Angriff-Kartei mit den Worten:

Wenn es einen Hai-Angriff gibt, ist es immer erst mal ein Weißer Hai. Die Angst vor Haien ist erstaunlich.

Der Mann weiß offenbar, wovon er spricht.

Mit Dank an Holger.

Bild  

Rammsteinalte Geheimnisse

In ihrer Dresdner Regionalausgabe schreibt “Bild” heute:

VOR DEN KONZERTEN IN DRESDEN: 10 Geheimnisse über RAMMSTEIN

Heute und morgen stehen die Hard-Rocker von Rammstein in der Messe Dresden vor je 10 000 Gästen auf der Bühne. BILD verrät zehn Geheimnisse, die sie über die Band noch nicht wussten:

Aus Platzgründen war leider kein Platz mehr für einen weiteren Halbsatz, den wir an dieser Stelle aber gerne nachreichen:

BILD verrät zehn Geheimnisse, die sie über die Band noch nicht wussten, wenn sie auch sonst noch nie etwas von ihr gehört haben:

In welchen Bands die Mitglieder zuvor gespielt haben, welchem Genre ihre Musik “offiziell” (vom Ministerium für Schubladendenken) zugerechnet wird und dass Sänger Till Lindemann eine Pyrotechniker-Lizenz hat, dürfte jedem Menschen bekannt sein, der sich ein bisschen intensiver für das Thema interessiert — oder mal einen Blick in die Wikipedia-Artikel über Rammstein und Lindemann geworfen hat.

Wirklich geheimnisvoll ist dagegen, wie “Bild” zu dieser Behauptung kommt:

1999 wurden Kruspe und Lindemann in den USA verhaftet, weil sie bei dem Titel “Bück dich” unzüchtige Bewegungen auf der Bühne machten. 100 Dollar Strafe, 6 Jahre auf Bewährung.

Zum einen betrug die Bewährungszeit sechs Monate, zum anderen war es nicht Gitarrist Richard Kruspe, der mit Lindemann verhaftet wurde, sondern Keyboarder Christian “Flake” Lorenz, wie die Band selbst in einem Interview erzählte.

Das zehnte “Geheimnis” könnte natürlich für Fans ohne Karte interessant sein …

Obwohl die Tickets für die Konzerte in Dresden innerhalb weniger Tage ausverkauft waren, gibt es nun durch die Freigabe von Produktionssperrungen noch Karten (71,25 Euro) auf www.rammstein.de. Die Tickets gelten vor und nach dem Konzert als DVB-Fahrschein.

… aber die haben es vermutlich schon vor einer Woche auf der offiziellen Website der Band gelesen.

Mit Dank an Maik H. und Stefan W.

Nachtrag, 15.13 Uhr: Leser Willi weist uns darauf hin, dass “Bild” einen weiteren Fehler gemacht (bzw. aus der Wikipedia übernommen) hat: Keines der Rammstein-Mitglieder hat je bei Das Auge Gottes gespielt, wie man auf der Website der Band nachlesen kann. Gitarrist Richard Kruspe war kurzzeitig bei der Formation namens Elegantes Chaos dabei, von der dann ein anderes Bandmitglied zu Das Auge Gottes gegangen ist.

Außerdem hat Bild.de exakt die Hälfte der Fehler im Absatz über die amerikanische Verhaftung korrigiert:

1999 wurden Kruspe und Lindemann in den USA verhaftet, weil sie bei dem Titel "Bück dich" unzüchtige Bewegungen auf der Bühne machten. 100 Dollar Strafe, 6 Monate auf Bewährung.

A Streetviewcar Named Desire

Das Video geht seit ein paar Tagen um die Welt. Es zeigt, wie eine Gruppe Aktionskünstler in Berlin ein Auto verfolgt, mit dem die Firma Google die Straßen abfährt, um sie für ihr “Streetview”-Angebot zu filmen. Die jungen Leute zücken die eigenen Kameras, rufen “Fuck Google”, zeigen ihre Mittelfinger und lassen, begeistert über die eigene Witzigkeit kichernd, auf offener Straße die Hosen herunter. Angeblich haben die Leute von “Free Art And Technology” (F.A.T.) einen Peilsender an dem Wagen befestigt, um ihn verfolgen und beim Filmen immer wieder stören zu können. So erwischen sie auch den Fahrer, wie er am Steuer ein Bier trinkt. Und zeigen, wie der Beifahrer mal kurz aussteigt, um mitten in der Stadt an einen Baum am Straßenrand zu urinieren.

Richtig: Das ist alles Quatsch. Das Auto ist nicht von Google — im Winter ist der Konzern hierzulande nach eigenen Angaben gar nicht mit seinen “Streetview”-Autos unterwegs, weil Licht- und Wetterverhältnisse zu ungünstig sind. Die ganze Aktion ist ein Fake. Die F.A.T.-Leute wollen damit und mit anderen Projekten nach eigenen Angaben auf die Gefahren hinweisen, die mit der Allgegenwart und Marktmacht des Konzerns verbunden sind, und auf “das Böse”, das “Streetview”-Autos und -Mitarbeitern tun.

Nebenbei beweisen sie noch die Leichtgläubigkeit der Menschen und Medien: Große internationale Blogs und Internetseiten wie “Boing Boing”, “Gizmodo” und die “Huffington Post” sind auf die Aktion hereingefallen. In Deutschland hielten “Netzpolitik”, “Basic Thinking”, “Dnews” und der “Kölner Stadtanzeiger” den Streich für echt.

Und wer mag, kann jetzt philosophieren, ob sich die Aktion wirklich gegen das böse Google richtet — oder gegen die in Deutschland teils bizarre Züge annehmende Ablehnung von Google.

Wenn ein Blick nicht reicht

Fast ein wenig ergriffen berichtet die Internetseite der “Hamburger Morgenpost” heute über den Stürmer Ruud van Nistelrooy, der am Wochenende seinen ersten (Kurz-)Einsatz für den HSV hatte:

Um zu sehen, wie sehr er sich bereits mit dem HSV identifiziert, reicht ebenfalls ein Blick auf seine Homepage. Nach seinem Wechsel nach Hamburg hat er alles umgestalten lassen. Die Farben Schwarz, Weiß und Blau stehen auch dort ab sofort im Vordergrund. www.ruudvnistelrooy.com

Nun wissen wir auch nicht, wie sehr sich Ruud van Nistelrooy bereits mit dem HSV identifiziert. Aber wir wissen, dass es für die Antwort auf diese Frage möglicherweise bessere Quellen gibt als das Layout von ruudvnistelrooy.com.

Am Fuße der Seite heißt es nämlich:

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Insofern hat van Nistelrooy natürlich auch nicht (wie mopo.de schreibt) “auf seiner Internetseite” “verraten”, dass der dreiminütige Einsatz gegen Köln der kürzeste seiner Karriere gewesen sei — er hat es nach dem Spiel einfach gesagt.

Mit Dank an Christian Sch.

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