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Sebnitz, Raketen, Denis Scheck

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Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der Niederschlag von Sebnitz”
(zeit.de, Martin Machowecz)
Martin Machowecz besucht die Kleinstadt Sebnitz, die vor zehn Jahren Schlagzeilen wie “Kleiner Joseph – gegen 50 Neonazis hatte er keine Chance” oder “Ein Kind, ertränkt wie eine Katze” zu verarbeiten hatte. “Den Mord hatte es nie gegeben. Wahr ist: Der kleine Joseph, Sohn eines deutsch-irakischen Apotheker-Ehepaares, ertrank im Dr.-Petzold-Bad. Ursache war wohl ein Herzleiden.”

2. “Die Rakete, die keine war…”
(scienceblogs.de/planeten, Ludmila Carone)
Planetologin Ludmila Carone kommentiert die Aufregung von US-Fernsehsendern um einen angeblichen Raketenstart vor einigen Wochen. “Es wird ja ständig diese Kluft zwischen Wissenschaftlerinnen und normalen Menschen beklagt und immer so getan, dass sich die Wissenschaftlerinnen halt mehr anstrengen müssten. Aber mal ehrlich. Bei so einem Mist wie dieser falschen Raketen-Geschichte können wir uns anstrengen soviel wir wollen, wir haben von vornherein verloren.”

3. Interview mit Mina Ahadi
(jungle-world.com, Daniel Steinmaier)
Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi liefert Hintergründe zu den Mitte Oktober im Iran verhafteten Journalisten von “Bild am Sonntag”.

4. Interview mit Denis Scheck
(youtube.com, Video, 7:36 Minuten)
Literaturkritiker Denis Scheck liest 150 bis 180 Bücher pro Jahr und wird dafür “fürstlich bezahlt”.

5. “Geht’s noch???”
(fraufreitag.wordpress.com)
Lehrerin Frau Freitag liest antisemitische Kommentare ihrer Schülerinnen auf Facebook und greift ein. “Die sind doch keine kleinen Kinder mehr. Die sollen nächstes Jahr in die Welt gehen und Berufe erlernen.” Siehe auch den Folgebeitrag “Is alles nicht so einfach”.

6. “Herzattacke: 9-Live-Moderator erreicht Notrufzentrale nicht”
(der-postillon.com)

Finanzjournalismus, Wein, Wash Echte

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1. “Finanzjournalisten in der Grauzone”
(ndr.de, Video, 8:32 Minuten)
Ein Netzwerk von Finanzjournalisten empfiehlt Aktien, die direkt nach dem Börsengang abstürzen. Den Aufwärtstrend bis dahin nutzen sie selbst durch rechtzeitigen Kauf und Verkauf der gleichen Aktien mit Gewinn aus. “Nach diesem Muster soll das Netzwerk Aktienkurse von rund 20 Unternehmen manipuliert haben.”

2. Interview mit Bernd Gäbler
(dradio.de, Tobias Armbrüster)
Bernd Gäbler überrascht es nicht, dass die Medien auf die Terrorwarnungen widersprüchlich reagieren: “Die Medien stehen vor einer objektiven Schwierigkeit. Sie haben eine wolkige Lage. Der Innenminister sagt, es ist eine konkrete Gefahr, aber die Konkretion wird nicht ausgesprochen. Wie verhalten sie sich da? Natürlich widersprüchlich! Die meisten Medien mahnen zur Zurückhaltung, aber agieren selber aufgeregt.”

3. “Rechtsradikaler erschleicht Beckstein-Interview”
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta)
Um ein Interview mit Günther Beckstein für die österreichische Zeitschrift “Die Aula” zu erhalten, gibt sich Michael Weber als Mitarbeiter des Anzeigenblatts “WochenSpiegel Sachsen” aus. “Auf seiner Homepage gibt sich der inzwischen 47 Jahre alte Eidgenosse als früherer Mitarbeiter der ‘Bild’-Zeitung aus. Bei ‘Bild’ kennt man den Mann nicht.”

4. “Freie Presse”
(weingutwein.de, Jochen Harder)
Jochen Harder wird von der “taz” nach einer Weinempfehlung gefragt: “Was lese ich eine Woche später in der TAZ als wörtliche Rede von Jochen Harder gänsegefüßelt? ‘…von tiefer, rubinroter Farbe präsentiert sich…hat eine feine Würze und die Note einer reifen Pflaume am Gaumen…mit leichtem Duft nach Lakritz und Veilchen…’ usw. – also der übliche Weinsprech. Nicht ein einziger Satz des Gedruckten stammt von mir.”

5. “Irish Daily Star on the deepening financial crisis”
(virtualeconomics.co.uk, englisch)
Auf der Titelseite der Boulevardzeitung “Irish Daily Star” werden Regierungsmitglieder als “Useless Gobshites” bezeichnet.

6. Interview mit Wash Echte
(fabian-soethof.de)
Fabian Soethof spricht mit dem Berliner Blogger Wash Echte: “Es geht nicht um eine Schublade, auch nicht um bestimmte Moden oder Wohnorte, sondern um die Beschreibung einer elitären, aber mehr noch herablassenden Haltung gegenüber dem vermeintlich Konformen. Eine Haltung, die sich aber, ohne dass es ihre Protagonisten gemerkt haben, schon lange selbst in einen Konformismus, oder wenn man so will, Mainstream, verabschiedet hat.”

Berners-Lee, Business Report, Yassir

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1. “Long Live the Web: A Call for Continued Open Standards and Neutrality”
(scientificamerican.com, Tim Berners-Lee, englisch)
Tim Berners-Lee warnt vor abgeschlossenen Welten im Web: “Some people may think that closed worlds are just fine. The worlds are easy to use and may seem to give those people what they want. But as we saw in the 1990s with the America Online dial-up information system that gave you a restricted subset of the Web, these closed, ‘walled gardens,’ no matter how pleasing, can never compete in diversity, richness and innovation with the mad, throbbing Web market outside their gates.”

2. “Zitieren, verlinken, Bilder veröffentlichen: Was ist erlaubt? Wo drohen Strafen?”
(kerstin-hoffmann.de)
Rechtsanwältin Anja Neubauer erklärt im Gespräch mit Kerstin Hoffmann, was erlaubt ist bei Urheber-, Zitier- und Bildrechten. “Grundsätzlich: Marken darf man verwenden! Dazu sind sie da. Viele denken, dass man dies überhaupt nicht dürfte.”

3. “Non, sagt Monsieur le Président”
(tagesspiegel.de, Anna Sauerbrey)
Frankreich: Steckt hinter den aus Redaktionen gestohlenen Computern der Inlandsgeheimdienst DCRI? “Sicher ist: Der DCRI hat in Sachen Bettencourt-Affäre wiederholt die Telefonrechnungen von Journalisten ausgewertet, um Informationslecks in Behörden und Regierung ausfindig zu machen – und damit gegen den Quellenschutz verstoßen, der seit Januar in Frankreich Gesetz ist.”

4. “Bald keine neuen redaktionellen Websites mehr?”
(andreasvongunten.com)
Andreas Von Gunten zweifelt an einer Meldung der Nachrichtenagentur SDA, die auf einem Business Report beruht. “Da ich natürlich nicht bereit bin, mehr als 4000 CHF auszugeben um zu verstehen, was an den Aussagen dran ist, belasse ich es damit, zu behaupten, dass da sehr wahrscheinlich Bullshit drin steht.”

5. Interview mit Yassir Ezarzar
(philibuster.de, Nadia Shehadeh)
Nadia Shehadeh spricht mit dem vor einem Jahr nach Marokko ausgewiesenen Musiker Yassir Ezarzar. “Ich bin hier mehr Ausländer als in Deutschland – wobei man als Ausländer hier meiner Meinung nach besser behandelt wird. Aber es gibt keine Infrastruktur, keine Arbeit – schwer krank werden ist hier gleichbedeutend mit sterben.”

6. “Angst-Quiz”
(wirhabenkeineangst.de, Magdalena Böttger)
“Erinnerst du dich noch an…?”

DuMont, Monitor, Apple

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1. “DuMont: Kommunizieren wie Nordkorea”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier wundert sich über das vielgestaltige Kommunikationsverhalten der Kölner Mediengruppe M. DuMont Schauberg. “Man muss sich immer wieder gewaltsam in Erinnerung rufen, dass wir es hier mit Leuten zu tun haben, deren Beruf die Kommunikation ist.”

2. “Absurdistan: Wie das ARD-Magazin Monitor einen Skandal um den neuen Personalausweis erfindet”
(mr-gadget.de, Christoph Dernbach)
In einem Beitrag der ARD-Sendung “Monitor” wird vom neuen Personalausweis geredet – und der alte gezeigt. “Mit einem Skandal um den neuen Personalausweis hat die Story aber nun überhaupt nichts zu tun.”

3. “Das 1×1 der Apple-Berichterstattung”
(wir-muessen-twittern.de, Robert Kindermann)
Robert Kindermann rät Berichterstattern aus den Multimedia-Ressorts, sich in der Frage “wann ist eine Apple-Meldung eine Meldung für mein Medium?” auf die Fakten zu beschränken und auf Gerüchte zu verzichten.

4. “Fast wie Gas”
(taz.de, Johannes Thumfart)
Johannes Thumfart kritisiert Artikel von Alex Rühle in der “Süddeutschen Zeitung” und von Nils Minkmar in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” zum Theoriebuch “Der kommende Aufstand”. “FAZ und SZ rezensierten die Schrift derart positiv, dass sich ein Berliner Buchladen genötigt sah, ironisch per Rundmail zu kommentieren, große deutsche Tageszeitungen riefen nun zum Terrorismus auf.”

5. “Coffee and TV”
(juliane-wiedemeier.de)
Juliane Wiedemeier interpretiert eine Grafik bei “RTL aktuell”, auf der eine Landschaft mit zwei Strommasten, eine Steckdose, ein Blumenstengel und eine Glühbirne zu sehen ist.

6. “Warum heißt Spiegel Online eigentlich Spiegel Online?”
(schreibenfuergeld.wordpress.com, DL2MCD)
“Na is doch klar: weil man dort alles spiegelt!”

Terrorwarnungen, Merian, Street View

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1. “Terror und die deutschen Medien”
(heise.de/tp, Marcus Klöckner)
Terrorwarnungen: Marcus Klöckner liest “Die Zeit”, die “Süddeutsche Zeitung”, das “Handelsblatt” und Stern.de und konstatiert dabei Spekulationen, kaum eigene Recherchen und eine Distanzlosigkeit zur Politik und zu den Sicherheitsbehörden. “Die Tatsache, dass in Namibia ein Bomben-Testkoffer gefunden wurde, hätte es noch nicht mal im Ansatz in die Schlagzeilen machen dürfen. Tests von Sicherheitskontrollen an Flughäfen finden ständig irgendwo auf der Welt statt.”

2. “Die Jagd ist frei”
(tagesspiegel.de, Matthias Thibaut)
Matthias Thibaut berichtet über Punkt 4 aus dem Code of Practice der britischen Press Complaints Commission, nach dem Journalisten Personen “nicht ausfragen, anrufen, verfolgen oder fotografieren” dürfen, “wenn sie aufgefordert wurden, dies zu unterlassen. Sie müssen sich auf Aufforderung ausweisen und sagen, für welche Publikation sie arbeiten. ”

3. “‘Koofmichs’ im aktuellen Journalismus befinden sich unrühmlich im Aufwind”
(btb-bremerhaven.blogspot.com, Detlef Kolze)
Detlef Kolze bemerkt, dass er über die “Bremen”-Ausgabe der Zeitschrift “Merian” von der “taz” im Anzeigenteil, von der “Nordsee-Zeitung” dagegen im redaktionellen Teil informiert wird.

4. “Links, nicht links”
(weltwoche.ch, Roger Köppel)
Roger Köppel nimmt sich linke Journalisten vor, die er als “erstaunlich kleinkariert, engstirnig und auf eine irritierende Weise intolerant” einschätzt. “Nichts ist gefährlicher als viele Leute, die zu schnell in die gleiche Richtung denken. Ein guter Journalist hat immer etwas Ärgerliches. Er sieht es meistens anders, ist nie zufrieden und immer kritisch. Er misstraut allem, was ihm gesagt wird. Und am meisten misstraut er den Zeitungen, weil er weiss, wie sie zustande kommen.”

5. “Auf dem Weg in die Befindlichkeitskratie”
(mspr0.de, Michael Seemann)
Michael Seemann macht sich zum Start von Google Street View in Deutschland Gedanken zur Ausweitung des Persönlichkeitsrechts: “Die Hausfassade, die schon immer, zu jeder Zeit und nach jedem Verständnis gerade die Trennung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen bewerkstelligt – mit einem klar definierten Innen und einem unzweifelhaften Außen – die soll jetzt auch Privatsphäre werden.”

6. “Google Street View lernt von BILD”
(unsterblichkeit.eu, Therese)
Die Doppelmoral von Bild.de in Verpixelungsfragen.

Flickschusterei bei der Marsmission

Wissenschaft ist selten so spannend wie ein Hollywoodfilm. Wenn also zwei amerikanische Wissenschaftler vorschlagen, bei bemannten Marsmissionen in einer nicht mehr allzu fernen Zukunft die Astronauten auf dem roten Planeten abzusetzen und nicht mehr zur Erde zurückkehren zu lassen, weil man damit etwa 80% der Kosten einsparen könnte, ist das erst mal nur ein trockener Vorschlag.

Doch dapd hilft, diesen Vorschlag richtig einzuordnen:

“Man würde ältere Menschen schicken, um die 60 oder so”, sagt [Wissenschaftler Dirk] Schulze-Makuch. Filmfans denken hier sofort an “Space Cowboys”, ein Streifen, in dem Helden älteren Semesters unter der Führung von Bruce Willis die Erde vor der Zerstörung durch einen Asteroiden retten.

Verwirrte Filmfans vielleicht. Denn “Space Cowboys” ist ein Film, in dem “Helden älteren Semesters” unter Führung von Clint Eastwood ins Weltall geschickt werden, um einen aus der Bahn geratenen russischen Satelliten vom Absturz auf die Erde abzuhalten. Der “Streifen”, in dem Bruce Willis als Anführer einer Truppe von (eher mittelalten) Öl-Bohrarbeitern die Erde vor der Zerstörung durch einen Asteroiden retten soll, heißt “Armageddon”.

Gut, dass den Redakteuren verschiedener Online-Portale dieser Fehler aufgefallen ist. Schlecht, dass sie ihn dennoch nicht richtig korrigiert bekommen haben:

“Welt Online” etwa kriegt die Besetzung richtig auf die Reihe, irrt dann aber bei der Aufgabe der tapferen Film-Astronauten:

Filmfans denken hier sofort an “Space Cowboys”, ein Streifen, in dem Donald Sutherland, Tommy Lee Jones, Clint Eastwood und James Garner die Erde vor der Zerstörung durch einen Asteroiden retten.

Ebenso die “Basler Zeitung”:

Filmfans denken hier sofort an “Space Cowboys”, ein Streifen, in dem Helden älteren Semesters unter der Führung von Clint Eastwood die Erde vor der Zerstörung durch einen Asteroiden retten.

“RP Online” hatte ursprünglich den falschen dapd-Satz veröffentlicht, diesen dann aber im Nachhinein dahingehend korrigiert, dass jetzt Filmtitel, Hauptdarsteller und Mission zusammenpassen — aber der Bezug zu den Renter-Astronauten verloren gegangen ist:

Filmfans denken hier sofort an “Armageddon”, ein Streifen, in dem ein paar Helden unter der Führung von Bruce Willis die Erde vor der Zerstörung durch einen Asteroiden retten.

Lediglich bei der “Financial Times Deutschland” saß offenbar ein Filmfan, der sich richtig auskannte — und gleich den Schluss des Films verrät:

Filmfans denken hier sofort an “Space Cowboys”, ein Streifen, in dem Helden älteren Semesters unter der Führung von Clint Eastwood ins Weltallt aufbrechen – allerdings um einen defekten Sateliten zu reparieren. Die “Space Cowboys” wenden schließlich eine nukleare Katastrophe ab, ein Astronaut muss dafür allerdings sein Leben lassen.

Mit Dank an David L.

Bild  

Wagner mit seinem Latein am Ende

Die Gedankengänge von “Bild”-Kolumnist Franz Josef Wagner sind ja schon an normalen Tagen kaum nachvollziehbar. Aber mit seiner jüngsten “Post von Wagner” sichert sich der Gossen-Goethe bzw. Gaga-Kolumnist wohl endgültig einen Platz im Olymp des Unfugs.

Die “Post von Wagner” vom Freitag war nämlich an das Wort Terror adressiert. Klingt komisch, ist aber im Rahmen der Kolumne nicht ungewöhnlich. Wagner schreibt:

Böses Wort Terror,
Terror ist lateinisch, das Verb terrere bedeutet erschrecken. Das Wort ist über 2000 Jahre alt.

So weit ist alles noch richtig, doch dann sitzt Wagner einem Irrtum auf, bei dem Klassischen Philologen und Latein-Lehrern die Haare zu Berge stehen dürften:

Historiker übersetzen terrere auch mit: “die aus dem Untergrund kommen”.
Terra – die Erde.
2000 Jahre später ist Deutschland in Terror-Angst. Irgendetwas kommt unsichtbar aus der Erde.

Werden wir also von Maulwurfmonstern aus der Tiefe bedroht? Nein: Mal davon abgesehen, dass die lateinische Sprache eher in das Fachgebiet von Klassischen Philologen fällt, sind ernsthafte Zweifel an der Kompetenz der Historiker, die Wagner hier anführt, berechtigt. Denn die Begriffe “Terror” und “Terra” haben etymologisch soviel miteinander gemein wie die deutschen Begriffe “Wurst” und “Durst” — nämlich vier Buchstaben.

Während die Wurzeln von “terrere” im indogermanischen “trásati” (zittern) und im griechischen τρέω bzw. τρέσω (sprich: tréo bzw. treso) zu suchen sind, bedeutet  “terra” in etwa “das Trockene” (siehe griech. τεραίνω (teraino) bzw. lat. torrere “dörren, trocknen”)*.

Der ähnliche Klang von “Terror” und “Terra” ist also dem Zufall geschuldet. Während man “terrere” immer noch am besten mit “erschrecken” übersetzt, lautet der lateinische Begriff für “die aus dem Untergrund kommen” am ehesten “subterranei”.

Übrigens: Das Wort “Bildung” ist etymologisch mit dem Wort “Bild” verwandt. Das war’s dann aber auch an Gemeinsamkeiten.

*Quelle: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, ausgearbeitet von Karl Ernst Georges, hg. von Heinrich Georges (ND der 8. Auflage), Bd. 2, Darmstadt 1998.

Mit Dank an Stefan W.

Kein Knast für alle Fälle

In den USA warten derzeit mehr als 3.000 Gefangene auf ihre Hinrichtung, einer von ihnen ist John David Duty. Weil dem Staat Oklahoma das Medikament Thiopental ausgegangen ist, soll bei Dutys geplanter Exekution im Dezember Pentobarbital zum Einsatz kommen, das sonst zur Betäubung von Tieren eingesetzt werden. So berichteten es ausländische Medien seit dem 9. November.

Mit etwas Verspätung kam die Geschichte vergangenen Freitag auch bei Bild.de an. Aber warum sitzt Duty überhaupt im Knast?

Duty war im Jahr 2001 wegen Mordes an seiner 22-jährigen Zellengenossin zum Tode verurteilt worden.

Er hatte die junge Frau mit Schnürsenkeln erdrosselt. Zu diesem Zeitpunkt saß Duty gerade drei lebenslange Haftstrafen ab – wegen Vergewaltigung, Raub und versuchten Mordes.

Nun ist es selbst in einem Land wie den USA, wo die Uhren manchmal etwas anders ticken, unüblich, verurteilte Straftäter mit jungen Frauen in eine Gefängniszelle zu sperren — noch dazu, wenn es sich dabei um Vergewaltiger handelt.

Auch wenn “cellmate” im Englischen sowohl männlich als auch weiblich sein kann: Der Vorname hätte – neben der offensichtlichen Tatsache, dass es keine Unisex-Gefängniszellen gibt – ein Indiz für das Geschlecht des Opfers sein können, denn amerikanische Medien schreiben:

The 58-year-old Duty was convicted of the Dec. 19, 2001, killing of 22-year-old Curtis Wise, who was Duty’s cellmate at the Oklahoma State Penitentiary in McAlester. Wise was strangled with shoelaces.

Der 58-jährige Duty wurde wegen Tötung des 22-jährigen Curtis Wise am 19. Dezember 2001 verurteilt, der Dutys Zellengenosse im Staatsgefängnis von Oklahoma in McAlester war. Wise wurde mit Schnürsenkeln erdrosselt.

Heute nun berichtet auch “Spiegel Online” über den Fall und schreibt:

Duty war 2001 wegen Mordes an seiner 22-jährigen Zellengenossin zum Tode verurteilt worden.

Weite Teile des Artikels wurden aus einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP übernommen, doch genau dieser Satz stellt die einzig nennenswerte Einzelleistung der Autorin dar. Oder die von Bild.de.

Mit Dank an Benjamin.

Nachtrag, 12.09 Uhr: “Spiegel Online” hat den Satz unauffällig zusammengekürzt:

Duty war 2001 wegen Mordes zum Tode verurteilt worden.

2. Nachtrag, 15.20 Uhr: Jetzt steht auch ein Hinweis bei “Spiegel Online”:

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, Duty sei 2001 wegen Mordes “an seiner 22-jährigen Zellengenossin” zum Tode verurteilt worden. In Wahrheit handelte es sich um einen männlichen Mitgefangenen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

GröPaZ

Hitler geht bei “Bild” und Bild.de bekanntlich immer.

Neu ist die Kategorie, in die der Diktator seit gestern einsortiert wird: “große Persönlichkeiten”.

Neues Buch: Hitler als Kind mit Peitsche verdroschen. Hemingway musste Mädchenkleider tragen, Hitler wurde verdroschen, Balzac ignoriert – Jörg Zittlau über die Horror-Eltern großer Persönlichkeiten.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 16. November: Bild.de hat den Satz geändert:

Jörg Zittlau über Horror-Eltern und ihre KInder

Besoffenheitsjournalismus

Vergangene Woche begann vor dem Landgericht in Arnsberg die Verhandlung im Falle eines 80-Jährigen, der vor über einem Jahr mit seinem Wagen in einen Schützenumzug gefahren war und dabei drei Menschen getötet hatte. 50 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Presseagentur dapd wusste folgendes über den Angeklagten zu berichten:

Mit tränenerstickter Stimme bedauert der gebrochen wirkende Mann zum Prozessauftakt das Geschehen: “Es tut mir unendlich leid, was ich so vielen Menschen zugefügt habe. Was da passiert ist, kann man nie wieder gut machen.” (…) Der erste Geschäftsführer des Schützenvereins Sankt-Hubertus, Rüdiger Morena, zeigt sich von der Reue des Angeklagten beeindruckt. “Das war ein großes Zeichen von Stärke”, sagt er im Anschluss. Für den Verein, die Hinterbliebenen und alle Betroffenen sei es “wichtig, dass er sich entschuldigt hat”.

express.de fasst diese bewegenden Momente in seiner Überschrift so zusammen:

Besoffen in die Menge gerast: Amok-Fahrer von Menden jammert vor Gericht

Offenbar war es express.de nicht genug, eine Entschuldigung in “Gejammer” umzudeuten oder die versöhnlichen Worte im Namen der Hinterbliebenen im dazugehörigen Artikel gar nicht erst zu erwähnen — es musste auch noch die Unterstellung her, der Rentner sei “besoffen in die Menge gerast”.

Dabei taucht weder im aktuellen Gerichtsfall, noch in der Berichterstattung vor einem Jahr (auch nicht auf express.de selbst) der Vorwurf auf, Alkohol habe bei der Unglücksfahrt eine Rolle gespielt. Stattdessen deutet einiges darauf hin, dass der Angeklagte, der sich an den Unfall nicht mehr erinnern kann, damals einen Schwächeanfall erlitten hatte.

Ein Sprecher der zuständigen Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis bestätigte gegenüber BILDblog, dass es keinen einzigen Hinweis darauf gebe, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt des Unfalls in irgendeiner Form alkoholisiert war. Dies sei auch nie Gegenstand der Ermittlungen gewesen.

Es scheint sich also eher um eine Schnapsidee von express.de zu handeln.

Mit Dank an Ralf M.

Nachtrag, 20.05 Uhr: express.de hat das Wort “besoffen” inzwischen entfernt und in einer Anmerkung ergänzt:

In der Dachzeile dieses Beitrags (und nur dort) stand ursprünglich “Besoffen in die Menge gerast”. Das war ein bedauerlicher Fehler: Der Unfallfahrer war bei dem Vorfall nicht betrunken.

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