Vermutlich wäre schon viel gewonnen, wenn man die Berichterstattung über die Piratenpartei ausschließlich Journalisten überließe, die das Internet bedienen können.
Die könnten zwar natürlich immer noch, wie stern.de, behaupten, dass die “Verpeilten Piraten vor dem Untergang” stehen, wenn sie bei der Landtagswahl in Niedersachen nicht mehr als drei Prozent der Stimmen bekommen. Sie könnten natürlich auch weiterhin bemängeln, dass im Programm zu einer Landtagswahl (!) so gut wie nichts über die “großen Themen – wie geht es weiter mit dem Euro?” zu lesen sei.
Aber sie würden wenigstens den Twitter-Account des Piraten-Bundesvorsitzenden Bernd Schlömer von einem Scherz-Account von jemandem unterscheiden können, der sich “Größter Vorsitzender aller Zeiten” nennt, als Motto “PIFF PAFF alles kapottschießen!” angibt und in seinem Profilbild über ein Foto von Schlömer die Ausrufe “GEIL!” und “RATATATATA” gesetzt hat:
Die stern.de-Autorin Katharina Grimm konnte das nicht unterscheiden, weshalb sie in ihrem Artikel ein Zitat des falschen Schlömers für ein Zitat des echten Schlömers ausgibt:
Seit fast zwei Tagen steht das trotz Hinweisen auf den Fehler unkorrigiert da. Vielleicht ist es doch keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.
Nachtrag, 19.40 Uhr. Jetzt hat stern.de sich unter Verweis auf diesen Blog-Eintrag doch korrigiert, das falsche Zitat entfernt und sich für den Fehler entschuldigt.
Das las sich gestern fast schon wie ein Happy-End. Zweieinhalb Wochen nachdem das Prominentenpaar Sylvie und Rafael van der Vaart seine Trennung bekannt gegeben hatte, titelte “Bild”:
Im Inneren erfuhr der Leser dann auf einer halben Seite “alles über das Liebes-Comeback”:
Nun, was war passiert? Die “Bild”-Leute Christiane Hoffmann und Babak Milani erklären es gleich zu Beginn ihres Artikels:
“Der Duft nach dem Regen …
Das Gefühl nach dem Weinen …
Der Klang einer zweiten Chance …”
Sylvie van der Vaart (34) öffnete gestern Mittag öffentlich ein wenig ihr Herz. Drei Zeilen postete sie bei “Facebook”, dazu ein Foto des Sonnenaufgangs am Hamburger Hafen. Ihre Worte lassen erahnen, was für ein Gefühlschaos sie in den letzten zwei Wochen durchlebt hat. Sie signalisieren die Hoffnung auf Romantik, auf die Rückkehr der Liebe, auf die Ruhe nach dem Sturm.
Einmal in Fahrt, schwingen sich die Autoren in fast schon Wagner’sche Höhen auf:
Sylvie ohne Rafael ist wie Currywurst ohne Curry. Ein Großteil IHRER Karriere hat das starke Fundament der “Familie van der Vaart”.
Wenn du wirklich liebst, musst du irgendwann zu der Erkenntnis kommen, dass es die Liebe nicht ohne das Leiden gibt. Die Liebe ist nicht so perfekt wie Sylvies blonde Föhnfrisur. Streit, Konflikt und böse Worte gehören dazu. Du darfst nur den Respekt nicht verlieren und deine Liebe. Und dich selbst.
Denn der Duft nach dem Regen ist wundervoll …
Hach ja.
Bild.de widmete sich derweil ebenfalls dem Dreizeiler:
Und lieferte gleich einen Screenshot mit:
Gepostet wurden “diese drei Zeilen” also auf einer Seite namens “Sylvie van der Vaart NEWS” — doch die ist, wie sich nach knapp viersekündiger Recherche zeigt, nicht das offizielle Profil der Moderatorin, sondern eine Fan-Seite. Frau van der Vaart selbst hat mit den Worten, die ihr “Bild” und Bild.de in den Mund legen und genüsslich ausschlachten, in Wirklichkeit also nichts zu tun.
Das stellten auch die wahren Verfasser des “hoffnungsvollen Facebook-Eintrags” gestern auf ihrer Seite klar:
Schon seit Jahren pflegen Sylvie van der Vaart und “Bild” ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Frau van der Vaart, ihres Zeichens “Model, Moderatorin usw.” (Bild.de), war bereits mehrfach als Kolumnistin für das Blatt tätig, sie spielte beim “Bild-Super-Manager” mit, stylte einen “Bild”-Reporter um und war einen Tag lang Chefredakteurin bei Bild.de. “Bild am Sonntag” warf einen Blick in Sylvies Kleiderschrank, “Bild” bummelte mit ihr durch ihre Heimat Eppendorf, und Bild.de zeigte sie in Dessous, in Dessous und in Dessous.
Als die Eheleute van der Vaart zu Beginn des Jahres — exklusiv in “Bild” — ihre Trennung bekannt gaben, war also schon abzusehen, dass sich das Blatt mit der Post-Trennungs-Berichterstattung nicht gerade zurückhalten würde. Dass sich die Redakteure aber dermaßen ins Zeug legten, hat dann doch ein wenig überrascht.
“Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen”, verrät Sylvie van der Vaart (34) dem “Gala”-Chefredakteur Christian Krug bei einem Treffen vor wenigen Tagen. UND: “Ich liebe Rafael immer noch so sehr!”
Am Mittwochmorgen überraschte uns die Nachricht vom Liebes-Comeback der van der Vaarts: “Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen”, soll Sylvie van der Vaart (34) dem “Gala”-Chefredakteur Christian Krug am Rande eines Termins verraten haben und der druckte es prompt in seinem Magazin. (…)
Nun ließ die Moderatorin den Bericht jedoch zurückweisen. Sie habe zu diesem Thema gar kein Interview gegeben, von einer Versöhnung könne keine Rede sein, teilte ihr Management mit. Das Paar stehe in gutem Kontakt, alles andere müsse die Zukunft zeigen.”
Diese Zukunft erschnupperte “Bild” dann, wie eingangs beschrieben, gestern aus dem “Duft nach dem Regen”. Eine Korrektur der Ente findet sich heute nicht im Blatt. Nur der dürre Hinweis, dass Sylvie van der Vaart ab 22. Februar eine neue RTL-Show moderieren wird. Ganz ohne Lyrik.
Mit Dank an Rene W., Frederik S., Tinnef, Nora R. und Sarah.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Absprung” (absprung.wordpress.com)
Eine Journalistin bloggt über die Einstellung der “Westfälischen Rundschau”, für die sie seit 1990 als Redakteurin arbeitet. “Arbeitslos. Nach 26 Jahren im Beruf. Letztes Jahr kam am 10. Januar – 10 Tage zu spät – der Scheck für 25 Jahre Zugehörigkeit zur WAZ-Gruppe. Statt eines persönlichen Glückwunschs gab es einen Fleurop-Gutschein.”
2. “Mit Wenn und Aber” (theeuropean.de, Frank Werneke)
Bereits Ende der 1990er-Jahre zeichnete sich ab, “dass auch Zeitungen ein demografisches Problem haben”, schreibt Gewerkschafter Frank Werneke. “Doch ganz überwiegend wurde an alten Konzepten festgehalten. Eine Zeitung ist dann gut, wenn sie dasselbe bringt wie die Konkurrenz, ist zum Beispiel so ein Konzept, woran auch der immer schnellere Nachrichtenstrom aus dem Internet nichts geändert hat, wo Inhalte seit mittlerweile fast anderthalb Jahrzehnten frei Haus fließen.”
3. “Erweitertes Bewusstsein” (medienspiegel.ch, Christof Moser)
Christof Moser findet, es sei “höchste Zeit für Journalisten, sich zu überlegen, in welchem Boot sie eigentlich sitzen − nach dem Untergang der Dampfer”.
4. “Wenig Geld für Hoffnungsträger” (ndr.de, Video, 6:03 Minuten)
Onlinejournalisten verdienen nach wie vor deutlich weniger als Printjournalisten.
5. “Bloggende Journalisten: zu riskant?” (scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Florian Freistetter greift den Beitrag von Journalistin “eigenwach” auf: “Jeder Mensch weiß, dass auch Journalisten eine private Meinung haben. Keiner glaubt, dass Journalisten wirklich komplett objektiv sind. Sie sollen nur objektive Artikel schreiben. Aber was ist so schlimm, wenn man einen objektiven Artikel schreibt UND eine Meinung hat?”
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1. “Heißer Scheiß” (wahrheitueberwahrheit.blogspot.de, Thomas)
Das verflossene Jahr gehöre zu “den bis dahin 10 wärmsten jemals gemessenen Jahren”, vermelden Medien jeweils am Jahresende. Keine Überraschung, wenn man sich die Werte mal ansieht: “Deutlich mehr als die Hälfte aller Jahre ‘seit Beginn der Aufzeichnungen’ gehören (…) zu den bis dahin 10 wärmsten jemals gemessenen Jahren! Seit dem Jahr 1986 gehören sogar ausnahmslos alle Jahre dazu.”
2. “Als Journalistin bloggen – ein Luxus mit Risiken und Nebenwirkungen” (eigenwach.wordpress.com)
Journalistin Eigenwach hat Bedenken, zu bloggen: “Gehen wir davon aus, ich schreibe Blogbeiträge über meine Meinung zur zweiten Gotthardröhre, zur Neat, zum Tourismusresort Andermatt, zur politischen Situation in Uri, zu Gemeindefusionen, Skigebietserweiterungen und zur Schächenspange. Sässe ich dann wenig später an Medienkonferenzen zu eben diesen Themen, läge der Vorwurf der unausgewogenen Berichterstattung nahe. Oder zumindest näher. Egal, wie neutral die Berichterstattung dann auch ausfallen würde – ich wäre auf jeden Fall angreifbar.”
3. “Was man von der Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert lernen kann” (schulesocialmedia.com, Philippe Wampfler)
Philippe Wampfler schreibt über Medien und Sucht im historischen Kontext: “Es wäre also leicht, die Diskussion einfach zu verweigern, indem man darauf verweist, dass jeder mediale Wandel von ähnlichen Befürchtungen geprägt war: Sei es das Lesen, der Film oder eben Computerspiele – stets war die Rede von einer ‘gänzlichen Zerrüttung des Gehirns’ oder ‘einem empfindlichen Nervensystem'”.
4. “Besseres Englisch durch Fernsehen” (sebastian-kuepers.com)
Wie man dazu kommt, Serien und Filme in der englischen Originalversion anzusehen. “Wenn man dem Fernsehen etwas Gutes und Sinnvolles abgewinnen will, dann ist es wirklich die Fähigkeit Fremdsprachen zu vermitteln.”
5. “Esquire’s Interview with Megan Fox Is the Worst Thing Ever Written” (vice.com, Jamie Lee Curtis Taete, englisch)
Die aktuelle Titelgeschichte von “Esquire” in der Kritik: “I understand that what occured the day of the interview probably wasn’t all that interesting. I’d imagine he sat opposite her while she talked about whatever movie she was contractually obliged to talk about. And then he had to find a way of making that seem interesting for five whole pages.”
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1. “Mit fettarschiger Selbstzufriedenheit” (taz.de, Deniz Yücel)
Bei “Freitag”-Verleger Jakob Augstein “findet sich alles, was den zeitgenössischen Antisemitismus ausmacht”, schreibt Deniz Yücel. “Besser: Das Simon-Wiesenthal-Center behält Jakob Augstein im Auge. Und wirft einen Blick auf einige seiner Verteidiger in den deutschen Medien.”
3. “Humor ist sein Handwerk” (faz.net, Thiemo Heeg, 1. Januar)
Jens Oliver Haas schreibt die Moderationstexte für die RTL-Sendung “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!”. Anfang der 1990er-Jahre arbeitete er als Polizeireporter für “Bild”: “Bild ist ein hartes Brot, es verlangt, dass man seine moralischen Grenzen sehr oft verschiebt. (…) Man fängt an, Leute zu beeinflussen, zu indoktrinieren. Man sorgt dafür, dass der Fotograf alleine im Raum bleibt, damit er ein Foto von der Wand abfotografieren kann.”
4. “Good science vs. bad science” (macleans.ca, Julia Belluz, englisch)
6 Punkte, die ein Journalist bedenken sollte, wenn er eine medizinische Studie verwerten möchte.
6. “Laber Rhabarber” (tagesspiegel.de, Oliver Welke und Dietmar Wischmeyer)
Fantasien, was sich bei den Redaktionskonferenzen der fünf ARD-Talkshows abspielen könnte.
“Bild”-Redakteure haben es auch nicht leicht. Da wird morgens auf der Konferenz beschlossen, dass es am nächsten Tag eine große Geschichte über ein “Riesen-Chaos bei der GEZ-Abbuchung” im Blatt geben soll, und dann müssen sie dafür auch noch Beispiele finden!
Am vergangenen Mittwochmittag schickte eine “Bild”-Redakteurin deshalb folgende Mail an die “Bild”-Mitarbeiter im ganzen Land:
Fälle gesucht – Chaos bei der GEZ-Abbuchung
Liebe Kollegen,
für die Geschichte “Riesen-Chaos bei der GEZ-Abbuchung” suchen wir Fälle aus den Außenredaktionen.
Das Thema soll morgen groß im Bund erscheinen, daher freue ich mich über zahlreiche, zeitnahe Chaos-Fälle.
Chaos ist z.B.:
Bislang wurde GEZ immer zur Mitte des Quartals, also letztmalig am 15.11.2012 (für die Monate Oktober bis Dezember) abgebucht. Jetzt aber wurde bereits am 2.1.2013 für die Monate Januar bis März 2013 abgebucht. FAKT: Die GEZ darf nicht einfach die Termine umstellen.
Bislang hat jemand nur für ein Radio gezahlt, jetzt wurde automatisch der neue Beitrag von 17,98 Euro abgebucht. FAKT: Richtig wäre gewesen, vorher per Schreiben darüber zu informieren bzw. zur Zahlung des neuen Beitrags aufzufordern.
Jemand wohnt in einer WG. Beiden Bewohnern wurde der Beitrag abgebucht. FAKT: Richtig wäre nur einer zahlt je Wohnung.
Rückmeldung bitte direkt an mich.
Tausend Dank & viele Grüße
Christin Martens
BILD-Hauptstadtbüro
Politik und Wirtschaft
Die Resonanz war wohl eher überschaubar. Am Ende musste die große Skandalgeschichte mit vier eher zweifelhaften Fällen auskommen, von denen zwei “Bild”-Mitarbeiter beisteuerten (BILDblog berichtete).
(Fürs Protokoll: “FAKT” 2 aus der Mail stimmt nicht. Verbraucherschützer wiesen gestern darauf hin, dass eine Einzugsermächtigung für die GEZ auch für den neuen Beitragsservice gilt, und der gegebenenfalls auch höhere Beiträge vom Konto abbuchen darf.)
Heute scheint die “Bild”-Zeitung auf der Titelseite zu ernten, was sie gesät hatte:
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
Heute endet ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisierten in den vergangenen Wochen die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS wählten täglich sechs besondere Links aus und stellten sie im BILDblog und auf djs-online.de vor. Heute ausgewählt von Eva Thöne und Angela Gruber.
1. “Ist Bloggen ein Auslaufmodell?” (Der Freitag, Wolfgang Michal)
Bequemer, effizienter und nicht so viele gemeine Kommentare: Weniger Internetnutzer schreiben auf Blogs offen ihre Meinung: “Ein Blog gleicht eher einer zugigen Haltestelle als einer Wohlfühlnische”, sagt Wolfgang Michal. Und beschwert sich über den “Neobiedermeier” einer Netzgemeinde, die es sich in ihrer Facebook Filterblase gemütlich gemacht hat.
2. Vertauschte Rollen (Nieman Journalism Lab, Ken Doctor)
Die New York Times hat sie schon. Andere Zeitungen werden ihrem Beispiel wohl bald folgen und um ihre Internetauftritte eine Paywall ziehen, sagt Ken Doctor. Er analysiert, warum der rein netzbasierte Journalismus bei digitalen Erlös-Strategien den großen Verlagshäusern hinterherhinkt – und bald nachziehen muss.
4. “Mal schnell rüberwhatsen” (Handelsblatt, Nils Rüdel)
Die WhatsApp Inc. ist derzeit eines der erfolgreichsten Startups im Silicon Valley: Mehr als 18 Milliarden Nachrichten weltweit seien an Silvester über die Smartphone-Anwendung verschickt worden, meldete das Unternehmen. Experten aber warnen vor Sicherheitslücken.
5. Die Macht der Gefühlssymbole (W&V, Linda Ross)
Werden in einem Facebook-Post Emoticons verwendet, steigt die Interaktionsrate beträchtlich, behauptet eine neue Studie. Die Nutzer sind demnach auch eher gewillt, solche Posts zu liken. Doch Vorsicht: Emoticon ist nicht gleich Emoticon.
6. “We own the weekend” (Guardian, Observer, Video)
Guardian und Observer übernehmen die Herrschaft über Samstag und Sonntag – zumindest im neuen Werbespot für die Wochenendausgaben der beiden Zeitungen. Und ein gealterter Hugh Grant darf dazu auch drei Sätze sagen.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
Bis zum 11. Januar gibt es hier ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen. Heute ausgewählt von Sara Weber und Kersten Augustin.
1. “Wulff und die BILD: Wenn die Zeitung mit im Bett liegt” (Süddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Der Fahrstuhl ist im Keller angekommen: Christian und Bettina Wulff haben sich getrennt, niemand geringeres als Kai Diekmann persönlich verkündete die Nachricht. Carolin Gasteiger zeichnet auf Süddeutsche.de nach, wie die Bild-Zeitung den Aufstieg Christian Wulffs zum Bundespräsidenten unterstützte und wie sie auch an seinem Rücktritt maßgeblich beteiligt war.
2. “Paid Content muss man können können” (indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer wirft den Verlagen “Inkompetenz, Kundenunfreundlichkeit und zwielichtige Tricksereien” in Sachen Mobile Apps vor und verdeutlicht das mit Kundenbewertungen in Appstores. Bei Twitter folgte dem Blogpost eine kleine Auseinandersetzung zwischen Knüwer und Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger. Plöchinger kritisierte, dass Knüwer in seinem Text eine veraltete Version der SZ.de-App als Beispiel nutzte, obwohl diese wegen der Nutzerbeschwerden bereits überarbeitet wurde.
3. Best of Feuilleton 2012 (umblaetterer.de)
Die feuilletonistischen Highlights des vergangenen Jahres, unter anderem mit der “FAS”-Glosse zum Günter-Grass-Gedicht, das angeblich von der “Titanic” in der “Süddeutschen Zeitung” platziert wurde, und dem Interviewspaziergang mit Dirigent Christian Thielemann.
4. “Chavez’ Gesundheit, Twitter und eine Hausdurchsuchung” (Guardian, Jonathan Watts und Virginia Lopez)
Hugo Chavez, Präsident von Venezuela, ist schwer krank und wird auf Cuba behandelt. Seine für den 10. Januar geplante Vereidigung wurde verschoben, alles weitere ist unklar: Regierungstreue und oppositionelle Medien werfen sich Lügen und Desinformation vor. Das Haus eines Twitterers wurde nun vom Geheimdienst durchsucht. Er soll Gerüchte über den Gesundheitszustand des Präsidenten verbreitet haben. Hinter @LucioQuincioC soll Federico Medina Ravell stecken, Cousin eines bekannten Oppositionellen und Medienunternehmers.
5. Twittern für die Anstalt (Dradio Wissen, Podcast)
Wie gehen Journalisten mit Twitter um und wie wurde aus einem privaten Spaß-Account der offizielle ZDF-Kanal? Antworten geben @ZDF-Twitterer Michael Umlandt und Wissenschaftsautor Lars Fischer in der Redaktionskonferenz von DRadio Wissen.
6. “Einmal Faire-Trade-Biokoks, bitte” (taz, Deniz Yücel)
Gesundes Gemüse ist out: Gestern erschien die 10.000 Ausgabe der “taz – die Tageszeitung”. Für die Jubiläumsausgabe schrieb Deniz Yücel einen Artikel über einen neuen Trend im Berliner Nachtleben. Bio-Koks, Fairtrade natürlich, denn: “An unseren Partys klebt Blut”. Hätte die “taz” ein treffenderes Thema finden können, das beschreibt, wie sich ihre Leserschaft verändert?
Seit Wochen versucht “Bild”, einen Volksaufstand gegen den neuen Rundfunkbeitrag herbeizuschreiben. Fast jeden Tag wartet das Blatt mit einem neuen Artikel auf, der einen Skandal im neuen System anprangert. Die vermeintlichen Enthüllungen werden von anderen Medien begeistert ungeprüft übernommen.
Wie macht die “Bild” das?
Stellen wir uns für einen Moment vor, wir redeten nicht von ARD und ZDF, sondern vom Taschengeld des kleinen Timmy.
Der hat bislang jeden Monat 60 Euro bekommen: je zehn von Vater und Mutter und 40 von Tante Ursula. Nach dem Ärger am zweiten Weihnachtstag haben die Verwandten beschlossen, das Geld anders aufzuteilen. Vater und Mutter zahlen jetzt je 15 Euro, Tante Ursula auch, und dafür beteiligt sich Onkel Franz ebenfalls mit 15 Euro.
Timmys Schwester Tanja findet es doof, dass Timmy überhaupt soviel Taschengeld bekommt, und macht nun Theater: Das sei total ungerecht, dass der Timmy nun viel mehr Geld bekommt als früher. Ich krieg doch gar nicht mehr Geld als früher, sagt Timmy. Wohl, sagt Tanja: Die Eltern zahlen jetzt jeden Monat zehn Euro mehr! Und der Onkel Franz zahlt jetzt plötzlich auch! Überhaupt müssen mehr Leute dein Taschengeld bezahlen! Also ist klar, dass du voll eine Taschengelderhöhung bekommen hast.
Tanja will später mal zur “Bild”-Zeitung gehen.
Dirk Hoeren, Guido Brandenburg und Nikolaus Harbusch sind heute die Tanjas von “Bild”. Ihre Kampagne gegen ARD und ZDF basiert zum großen Teil auf zwei einfachen Taschenspielertricks: Bekannte und öffentlich zugängliche Dokumente werden wie neue und geheime Fundsachen behandelt. Und jede potentielle Mehreinnahme für ARD und ZDF durch das neue System wird erwähnt; jede potentielle Mindereinnahme wird verschwiegen.
Am 22. Dezember gab Hoeren vor, “die wichtigsten Fragen” zum neuen Rundfunkbeitrag zu “beantworten”. Darunter diese:
Steigen die Einnahmen der Sender durch den neuen Beitrag?
Die Sender rechnen mit 840.000 neuen Gebührenzahlern. Die Gebührenkommission KEF kalkuliert mit 581 Mio. Euro Mehreinnahmen.
Tatsächlich findet sich die Zahl 581 Mio. an prominenter Stelle (Seite 15) im Bericht der KEF. Er bedeutet allerdings nicht das, was “Bild” behauptet.
Es handelt sich bloß um Einnahmen, die höher ausfallen als ursprünglich angenommen. Mit dem neuen Beitrag hat das erst einmal gar nichts zu tun, was sich schon daraus ergibt, dass sich diese Einnahmen auch auf die Jahre 2011 und 2012 beziehen, also die Zeit vor der Umstellung. Die Summe enthält zum Beispiel auch Werbeeinnahmen: Die KEF geht nämlich aufgrund der guten Entwicklung von Werbeeinnahmen in der ganzen Branche davon aus, dass zum Beispiel die ARD mehr Geld in diesem Bereich einnehmen könnte als bisher geplant.
Um aber auf die “Bild”-Frage zurückzukommen, ob die Einnahmen der Sender durch den neuen Betrag steigen: Nein. Jedenfalls geht die KEF nicht davon aus.
Sie rechnet in der aktuellen Gebührenperiode (2013 bis 2016) mit Einnahmen aus “Teilnehmerbeiträgen” in Höhe vom 29,3 Milliarden Euro. In der vergangenen Gebührenperiode (2009 bis 2012) waren es ebenfalls 29,3 Milliarden Euro.
Im Klartext: Die KEF rechnet damit, dass durch die Umstellung des Systems insgesamt ungefähr genau so viel Rundfunkgebühren eingenommen werden wie bisher. Einerseits müssen in Zukunft zum Beispiel auch Leute zahlen, die gar kein Empfangsgerät haben. Andererseits müssen zum Beispiel Wohngemeinschaften nur noch einen gemeinsamen Beitrag zahlen. Eine genaue Prognose, wie die einzelnen Faktoren ausfallen, ist nach Angaben der KEF wegen vieler Unwägbarkeiten und fehlender Daten nicht möglich, aber es könnte ungefähr bei plusminus Null rauskommen.
Das entspräche auch dem Ziel des Gesetzgebers: Die Ministerpräsidenten wollten die Reform des Finanzierungssystems so gestalten, dass sie “aufkommensneutral” ausfällt. Und selbst wenn mehr Geld als geplant hereinkäme, dürften ARD und ZDF es nicht behalten. Es würde mit zukünftigen Gebühren verrechnet.
Das sind Informationen, die so wesentlich für das Verständnis des ganzen Verfahrens ist, dass “Bild” sie lieber nicht erwähnt.
Am 2. Januar schaffte es das Thema bei ihr auf den Titel:
Seit Neujahr ist aus der GEZ der “Beitragsservice” geworden. Das klingt besser – und wird trotzdem schlimmer.
Denn die in Köln sitzende Behörde wird ähnlich unpopulär sein: Mit der seit 1. Januar gültigen “Haushaltsabgabe”, einer “TV-Zwangssteuer”, macht sie im Auftrag von ARD und ZDF ab sofort Jagd auf mindestens 4 Millionen deutsche Haushalte.
Wer […] nicht zahlen will, muss Zwangsmaßnahmen der öffentlich-rechtlichen Sender fürchten. In ihrem Geschäftsbericht 2011 kündigt die “GEZ” an: “Für die Vollstreckung rückständiger Rundfunkgebühren nutzt die GEZ alle zur Verfügung stehenden Vollstreckungsmaßnahmen.” Dazu zählen die Inkasso-Jäger von ARD und ZDF Pfändungen von Forderungen, Sachpfändungen und Anträge auf Abnahme der “Eidesstattlichen Versicherung” (früher Offenbarungseid).
Nur “kündigt” die GEZ das gar nicht “an”, sondern tut es längst, und die entsprechende Formulierung findet sich seit Jahren in ihren Geschäftsberichten. Auch das hat nichts mit dem neuen Rundfunkbeitrag zu tun.
Am 3. Januar triumphierte “Bild”:
Also doch! Die neue TV-“Zwangssteuer” soll vor allem dazu dienen, die Einnahmen von ARD und ZDF zu steigern. Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten dies bislang stets bestritten.
In einem BILD vorliegenden Protokoll des NRW-Medienausschusses teilte der ehemalige Chef des ARD/ZDF-Inkassodienstes GEZ, Hans Buchholz, mit, dies sei eine Vorgabe der Politik. Wörtlich sagte er in der Sitzung am 7. April 2011: “Wir haben die Aufforderung, das Beitragsaufkommen um ein Prozent zu steigern. Das ist in den Reformberechnungen der Ministerpräsidenten berücksichtigt.”
Das Protokoll, das “Bild” vorliegt, steht für jeden zugänglich auf den Seiten des nordrhein-westfälischen Landtages. Buchholz’ Äußerungen sind sicherlich missverständlich. Es geht aber auch in diesem Fall nicht um eine Steigerung der Gesamteinnahmen, sondern nur eines Postens — um Mindereinnahmen an anderer Stelle auszugleichen.
Sie gab die ARD-Position wieder, dass es vermutlich nicht mehr Geld für die öffentlich-rechtlichen Sender geben werde, und fügte dann hinzu:
Mit dieser Meinung steht die ARD allerdings eher allein auf weiter Front. Der “Stern” geht in seiner aktuellen Ausgabe von Mehreinnahmen von bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr aus. Die FAZ schreibt von 800 Mio. Euro. Der FDP-Medienexperte Burkhardt Müller-Sönksen sagt ein Plus zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Euro voraus.
Irgendetwas ist in der Tat grob falsch und irreführend …
Diese Meinung teilt die ARD, wie gesagt, mit dem für genau solche Berechnungen maßgeblichen Gremium, der KEF.
Der “Stern” hat für seine 1,5 Milliarden Euro keine Erklärung oder Quelle. Und der bei der FDP anstelle eines Experten für Medien zuständige Bundestagsabgeordnete Müller-Sönksen hat die Zahl selbst vor zweieinhalb Jahren der “Bild”-Zeitung geschenkt und weigert sich, sie zu erklären. Auf Nachfrage heute von BILDblog wollte er nicht sagen, ob er an dieser Summe festhält oder inzwischen eine neue ausgedacht errechnet hat.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
Bis zum 11. Januar gibt es hier ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen. Heute ausgewählt von Anne Hemmes und Martina Kix.
1. Transparenz im Kriminalfall (CNN, CNN-Staff)
In Steubenville, Ohio sollen Footballspieler eine 16-Jährige vergewaltigt haben. Um die Fakten von Behauptungen zu trennen, hat die Stadt eine Website angelegt, auf der Ermittlungsergebnisse zum Fall öffentlich gemacht werden sollen.
2. Das “Schweizer-Taschenmesser für Twitter”? (Agentur Gerhard, Reinhardt Neuhold)
Die neue “Kontext-Suchmaschine” “tame” soll einen Überblick über die wichtigsten Themen der letzten 24 Stunden ermöglichen. “Gerade für Journalisten scheint tame ein wertvolles Instrument zu sein, das eine schnelle Navigation durch die Informationsflut erlaubt.”
3. Wie damals in den 90ern (RPO, André Nobielski)
Ein kleines Internet-Museum hat RPO-Autor André Nobielski zusammengestellt: The Restart Page simuliert bekannte Neustarts von Betriebssystemen aus den 90ern und Geocitiesizer lässt Websites aussehen, als wären sie von einem 13-Jährigen im Jahr 1996 programmiert.
4. Hashtag Wort des Jahres (mashable.com, Seth Fiegerman)
Nachdem Ende 2012 eine Mutter ihr Kind noch # nennen wollte, ist der Begriff jetzt von der American Dialect Society zum Wort des Jahres gewählt worden und schlägt damit “Gangnam Style”.
5. Philipp Rösler: FDP hat ACTA verhindert (netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Philipp Rösler hat auf dem Dreikönigstreffen in Stuttgart gesagt, die FDP habe ACTA verhindert. Markus Beckedahl hat diese Aussage im Faktencheck überprüft.