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Verwirrung garantiert

Man kennt das: Fernseher, Autos, Mobiltelefone und vor allem Geschirrspüler gehen gerne dann kaputt, wenn die Garantiezeit gerade um ist.

Doch nicht alles, was der Laie als “Garantie” bezeichnet, ist auch im juristischen Sinne eine Garantie. Dort unterscheidet man nämlich zwischen der gesetzlichen Gewährleistung, nach der ein Kunde – vereinfacht gesprochen – einen Anspruch darauf hat, dass ein neu erworbenes Gerät auch funktioniert, und der Garantie, die ein Verkäufer oder Hersteller einräumt und deren Leistungen über die der gesetzlichen Gewährleistung hinausgehen. Die Gewährleistung gilt in Deutschland zwei Jahre, eine Garantie so lang, wie sie der Verkäufer oder Hersteller beim Kauf einräumt.

Diese Unterschiede sind auch für den Laien von Bedeutung, wenn er etwa ein Produkt von Apple erworben hat. Der Unterhaltungselektronikhersteller rät zum Kauf seines “AppleCare Protection Plan”, der die “einjährige Hardwaregarantie ab Kaufdatum” je nach Produkt auf zwei bzw. drei Jahre verlängert. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) ist der Ansicht, dass Apple absichtlich nicht deutlich genug über die gesetzlichen Gewährleistungsansprüche des Käufers gegenüber dem Händler aufkläre, um zum Kauf von “AppleCare” zu animieren, und hat Apple deswegen im Frühjahr abgemahnt.

Diese Unterschiede sind aber auch für Journalisten von Bedeutung, wenn sie etwa über den Brief schreiben wollen, den die EU-Justizkommissarin Viviane Reding an die nationalen Verbraucherschutzminister geschrieben hat und in dem sie Apples Vorgehen beim Verkauf von “Apple Care” ebenfalls kritisiert.

Der “Spiegel” schreibt dazu in seiner aktuellen Ausgabe:

“Es scheint, dass Apple-Verkäufer es versäumten, den Verbrauchern klare, wahrheitsgemäße und vollständige Informationen über die ihnen nach EU-Recht zustehende gesetzliche Garantie zu geben”, heißt es in einem Brief der zuständigen EU-Justizkommissarin Viviane Reding an die Verbraucherschutzminister aller 27 EU-Mitgliedsstaaten. […] Apple habe, schreibt Reding, prominent für seine eigene kommerzielle Gewährleistung geworben, “es aber versäumt darauf hinzuweisen, dass die Verbraucher nach EU-Recht einen automatischen und kostenlosen Anspruch auf eine zweijährige Garantie haben”.

Das ist, wie Sie gerade gelernt haben, falsch. Die Begriffe “Garantie” und “Gewährleistung” sind genau vertauscht.

Schuld daran ist womöglich die englische Sprache, in der Frau Reding ihren Brief an die verschiedenen Minister geschrieben hat. In dem Schreiben, das uns ebenfalls vorliegt, heißt es nämlich:

It appeared […] that, in order to make their own commercial warranties look more attractive, Apple retailers failed to provide consumers with clear, truthful and complete information on the legal guarantee from which they freely benefit under EU law.

Und an einer anderen Stelle:

Apple prominently advertised that its products come with a one year manufacturer warranty, but failed to clearly indicate the consumers’ automatic and free-of-cost entitlement to a minimum 2-year guarantee under EU-law.

Ja, fuck! Was im Englischen “commercial warranties” sind, sind im Deutschen also “kommerzielle Garantien”, und eine “(legal) guarantee” entspricht der “(gesetzlichen) Gewährleistung”.

Das muss man vielleicht nicht mal als Englischlehrer wissen. Aber als “Spiegel”-Journalist, der darüber schreibt, wäre es natürlich hilfreich.

Oder als Journalist, der die fehlerhaften “Spiegel”-Angaben für die Discounter-Agentur dapd übernimmt. Oder für Bild.de. Oder für “Focus Online”.

Die Deutsche Presse-Agentur dpa, der das Schreiben ebenfalls vorliegt, schreibt korrekt von dem “gesetzlichen zweijährigen Gewährleistungsanspruch”, übersetzt einen Satz aber auch mindestens unsauber:

“Es scheint, dass Apple-Verkäufer es versäumten, Verbrauchern klare, wahrhaftige und komplette Informationen zu geben über die Garantie, die ihnen nach EU-Recht zusteht.”

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Licht aus, Spott an

Es war wohl die “Süddeutsche Zeitung”, der es als erstes aufgefallen ist:

Ein Söder zum Ausschalten.

Über den bayerischen Finanzminister Markus Söder schrieb die Zeitung:

Die neueste Gemeinheit kommt allerdings von unerwarteter Seite – genauer: von einer hinteren Seite im aktuellen Ikea-Katalog. Dort wird ein Armleuchter “Söder” zum Preis von 89 Euro feilgeboten, der Teil einer ganzen “Söder-Serie” ist, zu der auch mehrere Wand- und Hängelampen in verschiedenen Designs gehören.

Nach einer ausführlichen Durchsicht des Angebots kann man sagen: Eine große Leuchte ist dieser Söder nicht. Den Herstellerangaben zufolge verbreitet er lediglich ein “weiches Stimmungslicht”, und dem Käufer wird die Verwendung des Leuchtmittels “Sparsam” empfohlen. Selbst damit bringt Söder es laut Katalog nur zur “Energieeffizienzklasse C auf einer Skala von A (sehr effizient) bis G (weniger effizient)”.

Es war nur ein kleiner Text im Regionalteil, aber natürlich genau die Sorte Meldung, die weite Kreise ziehen würde. Sehr weite Kreise:

“Augsburger Allgemeine”:
Armleuchter Söder - Jetzt neu im Ikea-Katalog. Markus Söder kann mächtig austeilen. Der CSU-Mann kann aber auch einstecken. Das muss er nun.

nordbayern.de:
Ein "Armleuchter" namens Söder. Ikea verkauft siebenarmigen Lampe mit dem Namen des bayerischen Finanzministers.

“Welt Online”:
Söder offiziell zum Armleuchter erklärt

“Focus Online”:
Bayerisch-schwedische Erleuchtung: Söder hängt bei Ikea rum

“RP Online”:
Neuheit des schwedischen Einrichtungshauses: Bei Ikea ist Söder eine sparsame Leuchte

tagesschau.de:
Schlusslicht: Ein Armleuchter namens "Söder"

“B.Z.”:
Ein Armleuchter namens Söder

tagesspiegel.de:
Namensgleichheit bei Ikea: Söder ist ein Armleuchter

“Bild”:
Verlierer: Bayerns Finanzminister Markus Söder (45, CSU) hat einen neuen Namens-Kollegen: Im neuesten Katalog des schwedischen Möbelriesen Ikea gibts einen Armleuchter, Name Söder (schwedisch für Süden), Energieeffizienzklasse C, Entsorgungstipp inklusive. BILD meint: Markus Süden!

Bild.de:
Ikea verkauft Armleuchter "Söder"

Außerdem berichteten noch die “Junge Welt”, die “Rheinische Post”, die “taz”, die “Welt kompakt”, der Kölner “Express”, der “Berliner Kurier”, die “Berliner Morgenpost”, der “Tagesspiegel”, die “Welt” und verschiedene kleine Medien über die Lampe mit dem lustigen Namen.

Die Geschichte hätte eigentlich schon vor einem halben Jahr derartige Kreise ziehen können, als die “Abendzeitung” aus München erstmals über “Söder” berichtet hatte (was diese übrigens nicht davon abhielt, jetzt noch einmal darüber zu schreiben).

Aber die “Abendzeitung” hatte damals die Chance zur naheliegenden Pointe verstreichen lassen, die die “Süddeutsche Zeitung” jetzt genutzt hat.

Eigentlich ist “Söder” nämlich gar kein “Armleuchter”:

Mit Dank an Martin K.

Wo ein Willis ist, ist auch eine Story

Wer sich im Internet irgendwo anmeldet, bekommt häufig einen Text vorgelegt, der ausgedruckt in etwa die Ausmaße des Telefonbuchs von Chicago aufweisen würde. Solche Allgemeinen Geschäftsbedingungen sind in der Regel so lang und sprachlich so ermüdend, dass es gut sein kann, dass man einem Anbieter sein Erstgeborenes abtritt oder der Zerstörung des Planeten Merkur zustimmt, wenn man blindlings einfach auf “OK” klickt.

Der Schauspieler Bruce Willis hat aber, wenn man Medienberichten trauen darf, offenbar irgendwie die Geschäftsbedingungen des iTunes Store, dem Musikportal des Unterhaltungsgeräteherstellers Apple, durchgearbeitet und dabei festgestellt, dass er seinen Töchtern im Falle seines Ablebens gar nicht seine digitale Musiksammlung vererben könnte. Seitdem ist er auf einer Mission, um für die Freiheit der iTunes-Nutzer und gegen Apple zu kämpfen.

Man darf diesen Medienberichten natürlich nicht trauen, auch wenn stern.de ein bisschen naiv referiert:

Das berichten übereinstimmend die britischen Boulevardzeitungen “The Sun” und “Daily Mail”.

Die “Sun” und die “Daily Mail” sind als Quellen ungefähr so seriös wie der Freund des Schwagers einer Arbeitskollegin oder das nordkoreanische Staatsfernsehen.

Die “Daily Mail” schrieb zum Beispiel am Sonntag:

Bruce Willis sieht man eigentlich eher, wenn er Explosionen entkommt und Terroristen bekämpft, um die Welt zu retten.

Sein letzte Kampf allerdings führt ihn in die deutlich leisere Welt des Gerichtssaals — obwohl er sich immer noch einem beeindruckenden Gegner stellt.

Es heißt, der Hollywood-Actionheld überlege, juristisch gegen den Technologiegiganten Apple vorzugehen, weil er seinen Töchtern seine digitale Musiksammlung hinterlassen möchte.

(Übersetzung von uns.)

Das klingt so vage, dass die “Daily Mail” das Gleiche vermutlich über jede andere Person hätte schreiben können, ohne dass sie dabei unkonkreter hätte werden müssen.

Die “Daily Mail” schreibt von verschiedenen Plänen, mit denen Willis “angeblich” sein Vorhaben umsetzen will. Aber woher sie ihre angeblichen Informationen hat, das schreibt sie nicht.

Das einzige wörtliche Zitat im Artikel stammt dann auch gar nicht von Bruce Willis:

Anwalt Chris Walton sagte: “Viele Leute werden überrascht sein, wenn sie erfahren dass all die Lieder und Bücher, die sie über die Jahre gekauft haben, ihnen tatsächlich gar nicht gehören. Es ist ganz natürlich, dass man sie an eine nahestehende Person weitergeben will.”

(Übersetzung von uns.)

Diesen Chris Walton zitiert auch die “Sun”. Außerdem hat sie herausgefunden, dass Willis’ Downloads “Berichten zufolge Klassiker von den Beatles bis zu Led Zeppelin enthalten”.

An dieser Stelle hätte man stutzig werden und sich fragen können, warum die Musiksammlung eines 57-Jährigen eigentlich so viele Downloads mit der Musik seiner Jugend enthalten soll — das dürfte Willis doch noch alles auf Vinyl oder CD haben.

Aber warum nachdenken, wenn “Sun” und “Daily Mail” übereinstimmend über den Fall schreiben?

Bild.de:
WEIL ER SEINE MUSIKSAMMLUNG VERERBEN MÖCHTE: Bruce Willis legt sich mit Apple an

krone.at:
Bruce Willis fordert mehr Rechte an Musiksammlung

oe24.at:
Bruce Willis will iTunes von Apple verklagen

kurier.at:
Bruce Willis will Apple wegen iTunes klagen

heute.at:
Wegen iTunes: Bruce Willis will Apple verklagen

20min.ch:
Verklagt Bruce Willis Apple — wegen iTunes?

“Focus Online”:
Rechtsstreit um iTunes-Musiksammlung: Bruce Willis will Apple verklagen

“Focus Online” hatte es sogar geschafft, sich nicht auf “Sun” und/oder “Daily Mail” zu berufen, sondern auf das Trashmeldungaufbereitungsportal pressetext.com, wo sie den britischen Anwalt, den die “Daily Mail” (etwas undeutlich) als Experten befragt hatte, gleich zu “Willis’ Rechtsanwalt” gemacht hatten.

Dann passierte gestern etwas Unvorhergesehenes: Ein Twitter-User gab Bruce Willis’ Ehefrau Emma einen Rat, wie er seinen Töchtern ganz leicht den Zugang zu den iTunes-Songs sichern konnte — und Emma antwortete schlicht, die ganze Geschichte sei gar nicht wahr:

Einige Medien wie stern.de, 20min.ch und zdnet.de aktualisierten daraufhin ihre Artikel, andere wie “Focus Online” veröffentlichten einfach einen weiteren Artikel zur Frage, was eigentlich nach dem Tod mit der iTunes-Bibliothek passiert.

Wiederum andere Medien wie “Welt Online” veröffentlichten nach dem Dementi heute einfach irgendwelche feuilletonistischen Aufsätze, als sei nichts geschehen:

Warum Bruce Willis Apple verklagen will: Der Actionstar will seine Musiksammlung einmal vererben. Doch nach seinem Tode gehören die Dateien wieder Apple. Nun erwägt Bruce Willis eine Klage. Sein Tun ist von erhabener Sinnlosigkeit.

Am Nachmittag brachte “Welt Online” dann dieses “Update”:

Update: Inzwischen hat sich die Ehefrau von Bruce Willis, Emma Heming-Willis, bei Twitter zu Wort gemeldet und die Meldung, Bruce Willis würde Apple verklagen wollen, wörtlich als “nicht wahre Geschichte” bezeichnet.

“Inzwischen” im Sinne von “gestern”.

Charles Arthur hat die Geschichte der offensichtlichen Falschmeldung für das Technikblog des “Guardian” aufgeschrieben und hat eine gleichermaßen alberne wie plausible Erklärung:

Lasset also die Suche für den Ursprung dieser Geschichte beginnen. Es gibt einen Artikel vom 23. August auf Marketwatch, der eine seltsame Ähnlichkeit aufweist — aber es gibt dort keine Erwähnung einer Anfechtungsklage. Es geht nur um Nachlässe und Testamente (“Estates and Wills”).

Was uns zum erschaudernden Innehalten bringt: könnte es sein, dass jemand die Erwähnung von “Estates and Wills” sah und dachte, es seien “estates and Willis”?

(Übersetzung von uns.)

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 18.10 Uhr: Am späten Nachmittag, als die Geschichte so richtig schön “durch” war, legte die “Financial Times Deutschland” in ihrem Internetauftritt nach:

iTunes-Musiksammlung: Bruce Willis trickst Apple aus

Der Text erzählt die bekannte Mär, nach der Bruce Willis Apple verklagen wolle, und endet mit diesem bemerkenswerten Absatz:

Seine Ehefrau Emma Heming ließ auf Twitter zwar dementieren, Willis selbst wolle Apple verklagen. Ein User schlug ihr daraufhin eine denkbar simple Lösung vor: “Sag Bruce doch einfach”, schreibt RichieD, “er soll seinen Töchter seine iTunes Passwörter geben. Dann wird er ewig leben.”

Ein “doch” folgt auf das “zwar” nicht mehr.

Mit Dank an Stefan G.

Beschneidung, Paywalls, Carly Rae Jepsen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Chronik einer beispiellosen Debatte”
(tagesspiegel.de, Jost Müller-Neuhof)
Anfang Mai fällt das Kölner Landgericht ein Berufungsurteil zur rituellen Beschneidung von Jungen. Sechs Wochen lang passiert gar nichts, dann beginnt eine beispiellose öffentliche Debatte, gesteuert von einem Rechtsprofessor, einer Staatsanwältin und einem Richter, anfangs nur von einzelnen Journalisten unterstützt.

2. “Einmal zahlen, überall lesen”
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Während viele Verlage noch daran arbeiten, im Internet mit ihren Inhalten Geld zu verdienen, sind drei osteuropäische Länder schon weiter: In Polen, Slowenien und vor allem der Slowakei gibt es “nationale Paywalls” als verlagsübergreifende Bezahllösung für Online-Inhalte. Ein Experiment mit erstaunlichen Nebeneffekten: “Erfreuliche Auswirkungen hat die Paywall auf die Leserkommentare. ‘Mit der Paywall hat sich die Qualität der Kommentare schlagartig verbessert’, sagt Radoslav Augustin, Projektmanager beim Portal der Tageszeitung SME.”

3. “The fight for control of the internet has become critical”
(guardian.co.uk, John Kampfner, Englisch)
Das Internet droht immer mehr zum Opfer staatlicher Kontrolle und Zensur zu werden. “All governments, whatever their hue, cite similar threats: terrorism and organised crime, child pornography and intellectual property are the ones most commonly used. Unsurprisingly these, and local variants, are used by dictatorships, who need merely to point to precedents set in the west to counter any criticism with the charge of hypocrisy.”

4. “Zwischenbilanz zu Spitzers ‘DigitaleDemenz'”
(carta.info, Martin Lindner)
Martin Lindner liest und kommentiert Manfred Spitzers medial durchgefeaturetes Buch “Digitale Demenz”: “Es liest sich über weite Strecken wie eines dieser osburen Bücher im Eigenverlag, mit denen selbsternannte Warner und Weltretter in der untergegangenen Gutenberg-Galaxis ihre wirren Meinungen mikropublizierten, vor der Erfindung des Blogs.”

5. “The New Rise of a Summer Hit: Tweet It Maybe”
(nytimes.com, Ben Sisario, Englisch)
Carly Rae Jepsens “Call Me Maybe”, der Sommerhit des Jahres, wurde nicht durch Plattenfirmen-PR und Radioeinsätze zum Megahit, sondern durch Justin Bieber, Twitter, YouTube und jede Menge Fan-Videos. “‘Call Me Maybe’ is a watershed case for the use of social media as a marketing tool, but the song’s success will be difficult to replicate — even for Ms. Jepsen as she prepares to release her album. No matter how hard a record company might push, popularity online depends on the enthusiasm of individual fans.”

6. “Neu am Kiosk: ‘Schöner Wohnen’ in Botschaften – Assange-Special!”
(extra3.blog.ndr.de)

tz, Deutschlandradio, die Anderen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Bekenntnisse: So führt man Medien in die Irre”
(diepresse.com, Anna-Maria Wallner)
Hauptsächlich über die Website “Help A Reporter Out” diente sich Ryan Holiday Medien als Experte für alles Mögliche an – und war erfolgreich, unter anderem bei der “New York Times” und bei Reuters: “Holiday stellte fest, wie schlampig manche Journalisten und Blogger recherchieren. Kaum jemand habe sich die Mühe gemacht, die Quelle zu überprüfen. Nur wenige wollten mit ihm telefonieren, den meisten reichte sein Statement per E-Mail.” Siehe dazu auch “How This Guy Lied His Way Into MSNBC, ABC News, The New York Times and More” (forbes.com, Dave Thier, englisch) und “Mr Rent-a-Quote fools mainstream media” (independent.co.uk, Guy Adams, englisch).

2. “Die da!”
(sueddeutsche.de)
“Fahrlässiger Abdruck von Fotos” der Boulevardzeitung “tz”: “Die Zuschauerin hatte in der Zeitung zwar nicht das Gesicht der Betroffenen erkennen können, wohl aber deren Schuhe. Auf einem der Fotos trug sie zufällig dasselbe Paar wie später beim Prozess ihres Freundes.”

3. “Aldi-Filialleiter wird nach ‘Spiegel’-Geschichte von Nachbarn und Kunden geschnitten”
(echo-online.de, Reinhard Jörs)
Der Leiter der Aldi-Filiale in Dieburg erzählt, wie es ihm nach der Veröffentlichung der “Spiegel”-Aldi-Titelgeschichte erging.

4. “In eigener Sache”
(dradio.de, Peter Lange)
Deutschlandradio Kultur stellt einen zwischenzeitlich entfernten Beitrag wieder online: “Die Redaktion hatte den Beitrag ohne Rücksprache entfernt. Aus journalistisch plausiblen Gründen.”

5. “Sieg für die Heimat”
(fr-online.de)
Verschiedene Kürzel tragen zusammen, wie Olympia im chinesischen, russischen, französischen, italienischen, mexikanischen, US-amerikanischen und thailändischen Fernsehen gesendet wird.

6. “Best of: Die Überschriften der Anderen”
(tagesspiegel.de, Sebastian Leber)

Keinen Respekt gezollt

Seit der sogenannten Teppichaffäre von Entwicklungsminister Dirk Niebel ist klar, dass gerade an Staatsbeamte besonders hohe moralische Maßstäbe angelegt werden, wenn es um die korrekte Verzollung hochpreisiger Gegenstände geht. Was viele noch nicht wussten, laut dieser “Bild”-Schlagzeile von gestern reicht es sogar schon, wenn man irgendwann einmal in seinem Leben einen Beamten im Fernsehen gespielt hat:

"Tatort"-Kommissar beim Schmuggeln erwischt

Die Rede ist von Mehmet Kurtuluş, der laut “Bild” …, aber lesen Sie selbst:

Der Fall: Am Freitagmittag landet in Frankfurt am Main die Lufthansa-Maschine “LH 457” aus Los Angeles. An Bord ist auch Schauspieler Kurtulus (…). An der Zollstation 6, im Terminal 1 (Halle B) dann der Zugriff: Die Beamten bitten den ARD-Star, seine Tasche zu öffnen. Sie finden: einen Laptop mit amerikanischer Tastatur! Auf die Frage, ob der Rechner neu gekauft sei, antwortet Kurtulus: “Nein, den habe ich vor etwa anderthalb Jahren gekauft, für ungefähr 1300 Dollar.” Doch einen Beleg hat er nicht. (…) Ein Strafverfahren wird eingeleitet: “Verdacht der versuchten Steuerhinterziehung”.

Gut, Mehmet Kurtuluş ist eigentlich gar kein “Tatort”-Kommissar mehr und der Fall ist so unbedeutend, dass eine Sprecherin des Zolls auf Anfrage von Welt.de erklärt:

Ob allerdings Anklage gegen den Schauspieler erhoben wird, sei unklar. “Solche Fälle passieren hier ständig”, sagte sie.

Wirklich infam ist, dass “Bild” einfach behauptet, dass der Schauspieler “beim Schmuggeln erwischt” wurde, obwohl dies überhaupt nicht erwiesen ist. Zwar wird im Artikel die Behauptung durch “scheint” und “soll” abgemildert, die Unschuldsvermutung sollte jedoch auch in der Überschrift gelten.

Manche Kommentatoren auf Bild.de kommen daher auch gar nicht erst auf den Gedanken, dass Kurtuluş womöglich gar nicht geschmuggelt hat, sondern lassen auch gleich noch ungehemmt ihrem Rassismus freien Lauf (aber das kennt man ja):

Wenn man schon so heißt……………..

Rotzfrech, dummdreist. Daran ändert auch deutsche Staatsbürgerschaft nichts.

Das ist wahre Kulturbereicherung.
Danke an Grüne und Konsorten.

ich wundere mich überhaupt nicht! Das ist nun mal deren Mentalität! Sieht man auf jedem derer Basare…jeder versucht jeden übers Ohr zu hauen.

jetzt wissen wir wenigstens dass er sich wieder in d aufhält und unser sozialsystem belastet

… in die Türkei abhauen !!!

Und damit die eigenen Leser nicht selbst versehentlich eine derartige “Basarmentalität” an den Tag legen, bietet Bild.de gleich noch den passenden Ratgeber:

 Mehmet Kurtulus beim Schmuggeln erwischt Was muss ich eigentlich alles verzollen?

Dabei zeigt sich auch die Komplexität der Zollbestimmungen:

Wer von außerhalb der Europäischen Union zurückkehrt (z. B. USA, Karibik, Afrika), darf zollfrei einführen:

(…)

• Kleidung und Wertsachen wie Schmuck oder Elektro-Artikel sind bis 300 Euro Wert zollfrei, bei Flug- und Seereisen bis 430 Euro.

(…)

Wer aus einem Nicht-EU-Land mehr mitbringt als erlaubt, muss die Ware bei der Einreise beim Zoll anmelden und eine Einfuhrabgabe zahlen.

Beispiel von “Zoll Online”

Ein Ehepaar reist auf dem Landweg (Pkw) aus der Schweiz ein, wo es 4 antike Stühle gekauft hat. Die Wertgrenze beträgt pro Reisenden 300 Euro, da sie nicht im See- oder Flugverkehr einreisen. Jeder Stuhl kostet 120 Euro. Beide Reisende können innerhalb der Wertgrenze von 300 Euro jeweils 2 Stühle (240 Euro) abgabenfrei einführen.

Ein anderes Ehepaar reist ebenfalls aus der Schweiz ein, wo es sich einen alten, restaurierten Bauernschrank im Wert von 320 Euro gekauft hat. Da der Schrank jedoch nicht teilbar ist, kann sein Wert nicht aufgeteilt werden. Demnach ist der Bauernschrank einem Ehepartner zuzuordnen. Sein Wert in Höhe von 320 Euro übersteigt die Freigrenze von 300 Euro. Somit fallen für den Schrank Einfuhrabgaben an.

– Ist bei nicht teilbaren Waren die Reisefreigrenze überschritten, so werden die Einfuhrabgaben auf den Gesamtwert der Ware und nicht nur auf den die Freigrenze übersteigenden Wertanteil erhoben. Dies bedeutet, dass in oben genanntem Beispiel der Schrank mit seinem Gesamtwert von 320 Euro zu verzollen ist.

So weit so richtig. Weiter im Text:

• Wer maximal 700 Euro über der Freigrenze liegt, die Ware im persönlichen Gepäck mitführt und sie für den privaten Gebrauch bestimmt ist, zahlt pauschal 17,5 Prozent des Warenwertes, der über den Grenzen liegt.

Das hingegen ist falsch. Sobald die Freigrenze überschritten wird, werden sämtliche Abgaben auf den Gesamtbetrag fällig. Das gilt auch nicht bis “maximal 700 Euro über der Freigrenze”, sondern nur bis 700 Euro Gesamtbetrag.

Bild.de weiter:

• Bei einer Überschreitung der Einfuhrgrenze um mehr als 700 Euro, oder wenn der Urlauber die pauschale Besteuerung ablehnt, berechnet der Zoll die Abgaben einzeln für jedes Produkt, abhängig vom Warenwert, Herkunftsland und der Art der Ware. Ein kompliziertes Verfahren, das Sie vermeiden sollten.

Wer dieses komplizierte Verfahren vermeiden will, sollte besser nicht auf Bild.de hören. Wie bereits oben erwähnt, kommt die Einzelberechnung für jedes einzelne Produkt bereits bei Überschreiten der Grenze von 700 Euro und nicht erst bei “Überschreitung der Einfuhrgrenze um mehr als 700 Euro”. Die 700 Euro sind schon die Grenze.

Oder, um es mit den Worten einer großen deutschen Tageszeitung zu sagen:

Bild.de beim Schmuggeln erwischt

Mit Dank an Axel Sch.

dpa  etc.

Eine Interpretationsagentur macht Nachrichten

Es war eine düstere Warnung, die am vergangenen Mittwoch Schlagzeilen machte. Eine Gruppe von 17 europäischen Ökonomen hatte am Tag zuvor in einem Gutachten gewarnt: “Europa steuert schlafwandelnd auf eine Katastrophe von unabsehbaren Ausmaßen zu.”

Die Agentur dpa berichtete über das Papier, das der Rat des “Institute for New Economic Thinking” veröffentlicht hatte, den ganzen Tag über in immer neuen Meldungen. Jedesmal schrieb sie dabei auch über die Position der Wissenschaftler:

Eine langfristige Transferunion lehnen sie dagegen ebenso ab wie Eurobonds.

Die Formulierung findet sich in minimalen Varianten in sieben dpa-Meldungen, die zwischen 3:15 Uhr morgens und 16:52 am späten Nachmittag veröffentlicht wurden. Das Problem ist nur: Die Aussage findet sich nicht in dem Papier, in dem sie angeblich stehen soll.

Dort heißt es:

“As far as the long-term vision is concerned, we do not believe that euro zone bonds, or a full fiscal union, are necessary to ensure a functioning economic and monetary union. (…) While many Council members believe that further fiscal and political integration In Europe is desirable, we do no[t] believe that they are necessary to make an economic system with a single currency viable.”

Es ist also keineswegs die Rede davon, dass die Unterzeichner eine langfristige Transferunion und Eurobonds “ablehnen”, sondern bloß, dass beides “nicht notwendig” sei, um das Funktionieren der Währungsunion zu gewährleisten.

Eine “Ablehnung” wäre von dem Rat auch nicht zu erwarten gewesen, denn zu seinen Mitgliedern gehören mehrere ausgesprochene Befürworter von Eurobonds wie der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Er bestätigt uns auf Anfrage, dass die Formulierung von dpa falsch ist. Unter den Autoren des Papiers herrsche keine Übereinstimmung darüber, ob die Einführung von Eurobonds wünschenswert sei; deshalb hätten sie sich auf die Kompromiss-Formulierung geeinigt, sie sei jedenfalls “nicht notwendig”. Das Papier weise ausdrücklich darauf hin, dass sich “einige Mitglieder” für dauerhafte Eurobonds aussprechen. Er zähle sich auch dazu. Außerdem spreche sich das Papier für eine temporäre Gemeinschaftshaftung in Form des Schuldentilgungspaktes aus.

Wenn in dem Text also nicht steht, dass die Wissenschaftler Eurobonds ablehnen, warum behauptet die dpa das? (Die Agentur betonte in ihren Meldungen, dass ihr das Papier vorliege; es war zu diesem Zeitpunkt eh längst im Internet veröffentlicht.)

Auf unsere Anfrage räumt dpa-Nachrichtenchefin Iris Mayer ein, dass es sich bei der Formulierung um “eine Interpretation unsererseits” handle. Die Darstellung sei “sprachlich verkürzt, inhaltlich finden wir sie aber durchaus angemessen”:

Durch das gesamte Gutachten der Ökonomen zieht sich als Grundtenor die Ablehnung einer langfristigen Transferunion, sie wird als nicht notwendig bezeichnet, im Begleitschreiben heißt es zusätzlich zur Begründung, sie würde falsche Anreize setzen.

(…) Da es sich bei dieser Position um die von Wissenschaftlern handelt, wäre es sicher besser gewesen, sprachlich neutral mit “halten für nicht notwendig” zu formulieren, anstatt dem politisch einordnenden Reflex “lehnen ab” zu unterliegen. Mit genau diesem Reflex hätten wir im übrigen eine Äußerung von Merkel “halte Eurobonds nicht für notwendig” sehr wahrscheinlich verkürzt mit “Merkel hat Eurobonds erneut abgelehnt” dargestellt.

Merkel ist aber auch bekanntermaßen eine Gegnerin von Eurobonds. Mehrere Autoren des Papiers konnten Eurobonds schon deshalb nicht “erneut” ablehnen, weil sie sie gar nicht ablehnen.

Wäre es also nur “besser gewesen”, wenn die Nachrichtenagentur den Inhalt des Gutachtens richtig wiedergegeben hätte? Oder schlicht notwendig — angesichts der Tatsache, dass sich bekannte und erklärte Befürworter von Eurobonds unter den Autoren befinden und ihr Papier, anders als dpa behauptet, eben keine klare Ablehnung von Eurobonds enthält?

Was die Nachrichtenagentur dpa meldet, wird schnell zur Tatsache. Ihre Meldungen mit der Aussage, die 17 Ökonomen “lehnen eine langfristige Transferunion ebenso ab wie Eurobonds” fanden sich u.a. in FAZ.net, “Zeit Online”, “Focus Online”, n-tv.de, stern.de, morgenpost.de, diepresse.com, “Handelsblatt”, ftd.de.

Die spezielle dpa-Behauptung übernahmen aber auch Medien in ihren (vermeintlich) eigenen Berichten, so etwa die “Rheinische Post”, “Frankfurter Neue Presse” und “Kölner Express”.

Selbst die renommierte und als Wirtschafts-Autorität geltende “Frankfurter Allgemeine Zeitung” machte sich offenbar nicht die Mühe, das Originaldokument zu lesen, verließ sich auf die dpa-Zusammenfassung und stolperte nicht darüber, dass eine “Ablehnung” angesichts der beteiligten Personen sehr überraschend gewesen wäre. In der FAZ erschien am Donnerstag ein Zeitungsartikel, der mit dem Kürzel eines Wirtschaftsredakteurs versehen war, und in dem es hieß:

Eine langfristige Transferunion lehnen die Ökonomen dagegen ebenso ab wie Eurobonds. Diese Positionen decken sich mit denen der deutschen Regierung.

Der zweite Satz zeigt, welche Kreise die dpa-Formulierung inzwischen gezogen hatte. Die Bundesregierung hatte nämlich zwischenzeitlich Stellung genommen zu dem Papier der 17 Ökonomen. Wiederum dpa gab die Aussagen des stellvertretenden Regierungssprechers Georg Streiter so wieder:

Streiter betonte, viele der Expertenpositionen deckten sich mit denen der Regierung, etwa die Ablehnung von Eurobonds oder einer langfristigen Transferunion.

Auf dem Umweg über die Antwort der Regierung fand die dpa-Interpretation sogar Einzug in den Dienst der Nachrichtenagentur Reuters, die am Mittwochmittag nun ebenfalls meldete:

Die Bundesregierung folgt zwar ausdrücklich die dramatischen Lagebeurteilung der Ökonomen nicht, sieht Übereinstimmung bei einigen Vorschlägen der Wissenschafter. Das gelte etwa in Hinblick auf die Ablehnung einer langfristigen Transferunion im Währungsraum und von Euro-Bonds.

Das war in der indirekten Rede womöglich noch korrekt, wenn auch irreführend. Anders als die Meldungen der Konkurrenz von AFP, die über die 17 Wissenschaftler und ihr Papier am Mittwochnachmittag dann ebenfalls schrieb:

Zugleich sprachen sie sich gegen eine Transferunion und gemeinsame Staatsanleihen aus.

Die dpa-“Interpretation” dieses Teils des Gutachtens hat in der öffentlichen Darstellung in den deutschen Medien seinen tatsächlichen Inhalt fast vollständig verdrängt.

Verifikation, Chris Köver, Herdentrieb

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. ” Amok-Lauf: US-Berichterstattung”
(ndr.de, Video, 5:13 Minuten)
Die Berichterstattung von US-TV-Sendern über den Anschlag von Aurora: “Nicht wissen, aber berichten – es könnte ja stimmen.”

2. “Wie ARD, BBC und CNN Inhalte aus dem Social Web verifizieren”
(konradweber.ch)
Konrad Weber vergleicht Verifikationsprozesse verschiedener Medienhäuser: “Während einige der grossen anglo-amerikanischen Medienhäuser bereits ganze Teams mit der Verifikation von Social Media-Inhalten beauftragen, ziehen die Medieninstitutionen im deutschsprachigen Raum erst langsam nach.”

3. “Keine Bewegung!”
(rp-online.de, Sebastian Dalkowski)
Sebastian Dalkowski besucht einen Medientermin des Fußballvereins Borussia Mönchengladbach.

4. “Die aufgewärmte Frauenpower der ZEIT”
(comicgate.de, Marc-Oliver Frisch)
Ein Vergleich zwischen einem Artikel in der FAZ (von Oliver Ristau am 24. März) und einem in der “Zeit” (von Chris Köver am 19. Juli), inklusive Statements der Verfasser.

5. “Herdentrieb”
(medienspiegel.ch, Pia Horlacher)
Wie kommt es, fragt Pia Horlacher, dass wir “hundertmal das Gleiche in hundert gleichen Meinungen lesen und hören”? “Vielleicht liegt’s ja nicht nur an der Angst, den Mainstream zu verlassen, wo einer etwas vorsagt (oft genug die Spindoktoren der dazugehörigen, riesigen Vermarktungs-Maschinerie) und viele hinterher schreiben. Manchmal ist es wohl einfach nur der Mangel an kritischer Kompetenz, der in den gegenwärtigen Medienstrukturen nicht mehr erworben und nicht mehr ausgebildet werden kann. ”

6. “dahinter steckt manchmal auch ne doofe zeitung”
(belauscht.de, Thorsten)

Keine Lieder über Liebe

Als der damalige Bundespräsident Christian Wulff dem “Bild”-Chefredakteur auf die Mailbox quatschte, ließen sich Kai Diekmann und seine Redaktion nicht von einer Veröffentlichung eines geplanten Artikels über Wulffs private Hausfinanzierung abbringen. Nun ist es offenbar einigen rangniederen Politikern gelungen, einen auf den ersten Blick deutlich weniger brisanten Artikel, der bereits auf Bild.de erschienen war, wieder löschen zu lassen. Das behauptet zumindest der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm.

Dehm ist nicht nur Politiker der Partei Die Linke, sondern auch Musiker, Komponist und Produzent. In dieser Funktion (und der des “Kondom-Erfinders”) hat ihn die “Bild”-Redakteurin Angi Baldauf anlässlich der Veröffentlichung seiner neuen CD “Grosse Liebe. Reloaded” für die Zeitung porträtiert. Ihr Artikel erschien am Samstagabend auf Bild.de:

Diether Dehm (62): Dieser Linke ist der erste Popstar im Bundestag. Hit-Schreiber, Sänger, Kondom-Erfinder — Der Abgeordnete Diether Dehm hat alle Hände voll zu tun.

Etwa 18 Stunden später war der Artikel wieder verschwunden, ist aber auf Dehms Internetpräsenz noch nachzulesen (PDF).

Es spricht wenig dafür, dass der Artikel bei Bild.de versehentlich veröffentlicht und dann wieder zurückgezogen wurde. Bild.de hatte ihn über den offiziellen Twitter-Account beworben:

So erregte der Artikel offenbar auch die Aufmerksamkeit der CDU-Abgeordneten Erika Steinbach, die sich öffentlich empörte:

Frau Steinbach und Herrn Dehm verbindet eine Jahrzehnte alte Feindschaft: 1990 hatte Steinbach behauptet, Dehm sei vor Jahren Stasi-Mitarbeiter gewesen. Dehm ließ diese Behauptung gerichtlich verbieten, doch 1996 tauchte eine Stasi-Akte auf, aus der hervorging, dass Dehm als von 1971 bis 1978 als Informeller Mitarbeiter die Staatssischerheit der DDR mit Informationen aus seinem Umfeld versorgt hatte. Es folgte eine längere Auseinandersetzung, die mit der Feststellung endete, dass Steinbach Dehm als “Stasispitzel” bezeichnen darf.

Dehm war von 1976 bis 1988 Manager des Liedermachers Wolf Biermann gewesen. Biermann hatte hinterher behauptet, Dehm habe sich ihm gegenüber 1988 als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter offenbart, weswegen er ihn als seinen Manager entlassen habe.

Ein Vorfall, der auch im Bild.de-Artikel thematisiert wurde:

Den Vorwurf seines ehemaligen Liedermacher-Mitstreiters Wolf Biermann, er habe ihn bei der Stasi verpfiffen, hält er triumphierend das Dokument der Stasi selbst entgegen. Danach hatte die Stasi versucht, ihn als 24-Jährigen anzuwerben. Als Dehm aber 1977 Biermanns Manager geworden war und in Ostberlin sein Protestflugblatt gegen dessen Ausbürgerung verteilt hatte, stempelte die Stasi den “Perspektiv-IM” zum DDR-Staatsfeind. Sogar mit Fahndungsbefehl, welcher heute eingerahmt neben den neun goldenen und vier Platin-LPs hängt.

Diether Dehm hält es dann auch für möglich, dass sich einige politische Gegner daran störten, “dass ausgerechnet ‘Bild’ das entlastende Dokument erwähnt”.

Beschwert haben sich offenbar einige, wenn auch niemand so öffentlich wie Erika Steinbach. Im vom Liedermacher Konstantin Wecker herausgegebenen Blog “Hinter den Schlagzeilen” heißt es:

Dann prasselte der Druck auf die Redaktion. Aus höchsten Kreisen von CDU, SPD, FDP usw.

Die Bildspitze wurde zur Ordnung gerufen. Zur herrschenden Ordnung.

Diether Dehm selbst erklärte uns auf Anfrage, ihm seien inzwischen Namen “aus den Fraktionsspitzen der drei Parteien” zu Ohren gekommen, die am Sonntag bei “Bild” “vorstellig geworden” sein sollen, um sich über die positive Berichterstattung über Dehm und seine neue CD zu beschweren.

Dass Bild.de den Artikel dann wieder offline genommen habe, sieht Dehm als Teil einer Kampagne gegen seine Partei, wie er uns schreibt:

Es ist nicht nur “Bild”, sondern das Gros der Verlagskonzerne, die LINKE nur skandalisiert in ihre Blätter lassen. Wir erleben gerade eine Auferstehung von Zensur a la McCarthy und Berlusconi, damit um Gotteswillen die Wut über die Zockerbanken in der Eurokrise nicht nach links geht.

Das treffe dann sogar seine “kleine, ziemlich unverdächtige Liebeslieder-CD”.

Die Pressestelle der Axel Springer AG antwortete auf unsere Anfrage, wir wüssten ja, dass der Verlag “zu Redaktionsinterna keine Auskunft” gebe. So sei es auch in diesem Fall.

Mit Dank an Nico R. und Rita B.

Thilo Sarrazin, Rundfunkräte, NZZ

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der Teufel in Deutschland”
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Deutsche Journalisten beurteilen das Buch “Europa braucht den Euro nicht” von Thilo Sarrazin noch vor der Lektüre: “Solche kurzatmigen, moralinsauren Verurteilungen eines Buchs, das erst in dieser Woche erscheint, müssen das Publikum geradezu animieren, durch einen entsprechenden Kauf sich selber eine Meinung zu bilden. Die Prophezeiung der Kritiker erfüllt sich. Hilflos strampeln sie mit im System der Vermarktung, das sie verdammen. Sie hätten schweigen und erst das umstrittene Werk lesen können.” Siehe dazu auch “Sarrazin-Inszenierung, Teil zwei” (nzz.ch, Ulrich Schmid).

2. “Kuschelige Kontrolleure – Die Gremien der ARD verweigern ihre Aufsichtspflicht”
(nachdenkseiten.de, Max Morlok)
Ihren Kontrollauftrag nehmen die wenigsten Mitglieder des Rundfunkrats wahr, glaubt Max Morlok: “Geblendet von der Bedeutung ‘ihres’ Senders und geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, die ihnen aus der Hierarchie dieser Anstalten entgegengebracht wird, winken sie in der Regel alle Vorschläge durch, die ihnen von der Leitung der Häuser auf den Tisch gelegt werden.”

3. “‘Jeder und alles ist skandalisierbar'”
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Ist jeder und alles skandalisierbar? Ja, sagt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen: “Einziges Kriterium: Man braucht ein Publikum, das mitgeht und das Empörungsangebot eines wütenden Einzelnen annimmt – und dann selbst munter pöbelt, spottet, hasst.”

4. “‘Wir waren etwas zu optimistisch'”
(persoenlich.com, Edith Hollenstein)
Zur Aufschaltung der neuen Beta-Version von nzz.ch ein Interview mit Peter Hogenkamp: “Wir wollen eine einzige Marke. Wir publizieren auf jedem Kanal den gleichen hochwertigen Inhalt. Dass auf NZZ Online andere Inhalte zu finden sind als in der Zeitung, wird es künftig nicht mehr geben. Weil nun die hochwertigen Inhalte aus der gedruckten Zeitung auch Online zu finden sind, wird der Brand ‘NZZ Online’ in den nächsten Tagen verschwinden.”

5. “Der Aufstand der Journalisten und Komiker gegen das Libel Law”
(heise.de/tp, Markus Kompa)
Markus Kompa schreibt über anstehende Veränderungen in den britischen Gesetzen zur Ehrverletzung.

6. “Markets in Everything: Torturer”
(marginalrevolution.com, englisch)
Eine Stellenanzeige im “Guardian” sucht einen “Torturer”: “No, I don’t think the ad is real. Alas, I am sure the job is real.”

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