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Mutti, ich bin im Buch!

Vermutlich sind letztlich Bastian Sick und die Süddeutsche Verlagsgesellschaft schuld. Schließlich war es vor einigen Jahren die Idee des SZ-Verlags gewesen, das Verlagsbudget mit der 100-teiligen “Süddeutsche Zeitung Bibliothek” aufzustocken. Und schließlich war es Bastian Sick gewesen, der Autor der oberlehrerhaften “Spiegel Online”-Kolumne zu sprachlichen und grammatikalischen Schludrigkeiten, der die Sammlung, Ordnung und Kommentierung von Leserzuschriften zur Marktreife geführt hatte. Man muss dem Respekt zollen: Den Lesern ihre eigenen Einsendungen kostenpflichtig anzudrehen, das muss man ja auch erst einmal schaffen.

Aber wie dem auch sein mag, die Verknüpfung und Perfektion beider Ideen darf sich “Spiegel Online” auf die Fahnen schreiben.

Wer nämlich beispielsweise in dieser Woche den Beitrag “Schräge Schilder – Vorsicht, Laternenmast von achtern” auf “Spiegel Online” las, der bekam als Dienstleistung am Leser sogleich eine freundliche Serviceleistung des Spiegel Verlages mitgeliefert — in Form eines kleinen Kastens, der nicht nur auf das Buch “Schräge Schilder” in der Edition “Spiegel Online” verweist, sondern auch einen ganz besonders freundlichen Link direkt zum Spiegel-Shop beinhaltete:

Spiegel-Online-Buchtipp: Schräge Schilder

Weil man aber so einen kleinen Kasten schnell mal übersieht, waren die Damen und Herren bei “Spiegel Online” so nett und haben auch in der Bildergalerie zum zugehörigen Text einen dezenten Hinweis auf das bestimmt sehr lustige Buch versteckt:

Mehr als 150 der schrägsten aller Schilder — Im Spiegel Shop und im Handel erhältlich

Dieses Prinzip ist bei “Spiegel Online” weder ein Einzelfall noch neu. Im Spiegel-Shop finden sich insgesamt immerhin 18 Titel, die Inhalte von “Spiegel Online” in Buchform zusammenfassen und die entsprechend bequem direkt auf der Plattform selbst beworben werden können – und da sind drei “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod”-Spiele sowie die zehn Hörbücher mit “Spiegel Online”-Inhalten noch nicht einmal eingerechnet.

Bereits im April wurde beispielsweise auf ähnliche Weise das ebenfalls “bequem im Spiegel-Shop” zu bestellende Buch “Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt” angepriesen. Ein Buch, das nach Angaben von “Spiegel Online” “die lustigsten Flugzeug-Erlebnisse von Spiegel Online-Lesern” versammelt.

Eine erkennbare Unterscheidung zwischen Werbung und redaktionellem Beitrag war auch damals nicht auszumachen. Auf der Startseite wurde das “Thema” selbst angekündigt, samt einer redaktioneller “Themenseite”, die überraschenderweise den selben Titel wie das Buch trug:

Kurioses aus dem Cockpit: "Ihr Ankunft-Gate ist auch Ihr Absturz-Gate". In der Luft sind Pilotenversprecher manchmal gar nicht lustig. Aber nach der Landung... - ein SPIEGEL-ONLINE-Buch über kuriose Cockpit-Ansagen provozierte Leser zur Dokumentation neuer Höhenflüge. Wie würde es Ihnen gehen, wenn Sie hören: "Liebe Fluggäste, gerade kam es zum Totalabsturz"?

Auf der Beitragsseite selbst war dann ein freundlicher Hinweis auf das Buch zu sehen, der direktemang zum Spiegel-Shop führte:

Die lustigsten Flugzeug-Erlebnisse von SPIEGEL-ONLINE-Lesern - jetzt auch als Buch und Hörbuch!

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis im Spiegel-Shop auch die schlauesten Kommentare zu allen Themen der “Spiegel Online”-Foren zum Kauf angeboten werden werden. Aber keine Sorge, Sie werden davon erfahren — die kritischen Reporter von “Spiegel Online” werden mit Sicherheit eine Themenseite anlegen und ausführlich berichten. Wie das gute Journalisten eben tun.

Mit Dank auch an Kristian S.

Waschen, schneiden, spalten

Hobbypsychologen und Boulevardreporter wissen: Wenn sich eine Frau von ihrem langen Haupthaar trennt, hat es vermutlich eine wichtige Veränderung in ihrem Leben gegeben.

Oder sie hoffte auf eine neue Filmrolle, so wie diese unglückliche Schauspielerin:

Emma Watson (20): Sie wollte sich nach acht abgedrehten “Harry Potter”-Filmen einer neuen Aufgabe widmen und schnitt sich zum Vorsprechen sogar die Haare ab.

Bild.de hat die Formulierung “schnitt sich zum Vorsprechen sogar die Haare ab” mit einem Link unterlegt, der einen direkt zu einem anderen Bild.de-Artikel vom 6. August bringt.

Damals schrieb Bild.de:

Mit der Frisur erinnert der “Harry Potter”-Star (spielt Zauberschülerin Hermine) ein wenig an 60er-Jahre Stilikone Twiggy. Doch eine Filmrolle ist nicht der Grund für Emmas neuen Look. Sie trennte sich freiwillig von ihrem schönen langen Haar.

“Ich habe das seit vielen Jahren vorgehabt”, schreibt die Britin bei Facebook. “Es fühlt sich unglaublich an. Ich liebe es.” Es sei “das Befreiendste überhaupt”!

Mit Dank an Mats S.

Nachtrag, 26. August: Bild.de hat den Satz dahingehend geändert, dass sich Emma Watson nicht mehr “zum Vorsprechen” die Haare abgeschnitten hat, sondern “kurz vor dem Vorsprechen”.

Blöd nur, dass der erste Satz des Artikels immer noch lautet:

Scarlett Johansson wollte sie, Emma Watson ließ sich dafür die Haare abschneiden – die Rolle der düsteren Computer-Hackerin Lisbeth Salander in der Hollywood-Version der Stieg Larssons “Millenium”-Trilogie.

Und falls Sie das auch noch ändern wollen, liebe Bild.de-Redakteure: “Millennium” schreibt man mit zwei “n”, weil es von “mille” (tausend) und “annus” (Jahr) kommt. Mit einem “n” käme es von

Jacobi, Focus, Monopolisten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Doppelt hält Leser”
(politplatschquatsch.com)
“Bild”-Kolumnist Claus Jacobi erzählt zweimal eine Anekdote, die mit den Worten “Der Kunsthistoriker Emil Schaffner vergaß nie” beginnt und auch bei Google zu finden ist.

2. “Bodycount bei Focus”
(nice-bastard.blogspot.com, Dorin Popa)
Dorin Popa versucht aus dem “Focus”-Impressum herauszulesen, welche Mitarbeiter das Magazin verlassen werden.

3. “Brüder Grimm oder Blogger vs. Journalisten?”
(netzpiloten.de, Jeanette Gruber)
Jeanette Gruber befragt Blogger zu angeblichen Grabenkämpfen mit den klassischen Medien.

4. “In der feedback-Schlaufe”
(wozu-noch-journalismus.mazblog.ch, Valentin Groebner)
Valentin Groebner macht sich Gedanken zur Zukunft des Journalismus: “Mediale Berichterstattung hat die Macht, ihre Gegenstände – das gilt für vergnügte Untergrund-Bands ebenso wie für ‘unberührte’ Ausflugsziele – in eigenartig unechte und grelle Kopien ihrer selbst zu verwandeln. Da ist es mir eigentlich fast lieber, wenn sich die Journalisten vornehmlich mit Selbstaufgeblasenem befassen, da kann nichts kaputtgehen.”

5. “Die Kolonialmächte der Datenwolke”
(carta.info, Christian Stöcker)
Christian Stöcker möchte nicht, dass das Internet “zum lukrativen Spielplatz einiger weniger Monopolisten wird”. “Wünschenswert wäre es, dass auch das Überall-Internet von morgen noch ein freies und damit auch chaotisches Gebilde ist.”

6. “Umgang mit behinderten Menschen: Euer Mitleid kotzt mich an!”
(blindpr.wordpress.com, Heiko Kunert)
Der blinde Heiko Kunert nervt sich über aufgezwungene Hilfe: “Ich bezweifle, dass solche Menschen wirklich nur helfen wollen. Sie verlangen Dankbarkeit für etwas, das ich gar nicht haben will. Ihr Mitleid ist keine Hilfsbereitschaft, ihr Mitleid ist Überheblichkeit. Sie nehmen mich nicht als gleichberechtigten Menschen, sondern als hilfebedürftiges Wesen wahr.”

So dumm ist Bild.de schon heute

Die Zeit verfliegt und die Welt ist ein Karussell. Gerade Lehrer merken das immer wieder, wenn sie sich mit einer neuen Generation von Schülern auseinandersetzen müssen. Aus diesem Grund veröffentlicht das Beloit College in Wisconsin jedes Jahr die Mindset List. Diese launige Zusammenstellung soll die Professoren daran erinnern, dass ihre Studenten in einer anderen Welt aufgewachsen sind als sie selbst.

Klingt nicht aufregend? Kein Problem, Bild.de hat einen Dreh gefunden, wie man das Thema interessanter gestalten kann:

US-Bildungs-Studie So dumm ist die Elite von morgen

Dass die Liste keine “US-Bildungs-Studie” ist — geschenkt. Richtig dumm wird es, wenn Bild.de versucht, die Belege für die Dummheit der US-Studenten zu finden und elf vermeintliche Irrglauben “dokumentiert”:

Frauen dürfen Priester werden.

Diese vermeintliche Dummheit ist ein Fakt. Die römisch-katholische Kirche mag sich immer noch gegen Frauen im Priesteramt stemmen, in der anglikanischen Kirche in den USA ist diese Schlacht jedoch lange entscheiden. Die erste Bischöfin wurde dort bereits vor 21 Jahren geweiht.

Den Kalten Krieg hat es nie gegeben.

Dies wäre wirklich eine geschichtsvergessene Dummheit –steht aber nicht auf der Liste des Beloit College. Hier ist lediglich die Rede davon, dass die Erstsemester sich nie vor einem russischen Raketenangriff auf die USA gefürchtet haben. Und da die meisten der Studienanfänger nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geboren wurden, ist dies mehr als verständlich.

Beethoven ist nur ein Filmhund („Ein Hund namens Beethoven“) und kein weltberühmter Komponist.

Dumm nur: Das steht nicht in der “Mindset List”. Hier heißt es lediglich: “Beethoven war schon immer ein guter Hundename”.

Michelangelo ist lediglich ein Computervirus und kein italienischer Künstler.

Auch hier stellte sich Bild.de dumm, denn in der “Mindset List” steht lediglich, dass die Studenten mit dem Computervirus zuerst in Berührung gekommen sind. Was zweifellos humoristisch gemeint ist, da das Schadprogramm in dem Geburtsjahr der meisten Studienanfänger verbreitet wurde.

Songs der Band Nirvana (1987 – 1994) hört man hauptsächlich auf Radiostationen, die Oldies spielen.

Das mag Bild.de wie ein Sakrileg erscheinen und deshalb sah sich die Redaktion genötigt, etwas hinzuzufügen. Im Original steht lediglich, dass Nirvana auf Oldie-Sendern läuft. Und das stimmt zweifellos.

An dieser Stelle ging Bild.de wohl die Fantasie aus und machte mit vermeintlichen Dummheiten der Mindset List vom vergangenen Jahr weiter. Intelligenter wird es damit aber auch nicht.

Mit Dank an Hauke, Alexander S. und die weiteren Hinweisgeber

Hetzenjagd auf den “Spiegel”

Auf der Liste der angesehensten Berufe landen Journalisten und Politiker regelmäßig im unteren Drittel. Und auch untereinander scheint man nicht viel voneinander zu halten.

Vor zwei Wochen erhob Mariela Castro, Direktorin des Nationalen Zentrums für Sexualerziehung CENESEX auf Kuba in der linken Tageszeitung “Junge Welt” schwere Vorwürfe (die auch wir in “6 vor 9” verlinkt haben): Der “Spiegel” habe ein Interview mit ihr sinnentstellend verändert.

“In der gedruckten Fassung hat die Redak­tion Fragen eingefügt, die sie mir nie gestellt hat. Eine solche Frechheit und ein solches Fehlen von Professionalität habe ich noch nicht erlebt, nicht einmal bei Medien in den USA”, so Castro. (…) Der Spiegel habe sie außerdem falsch zitiert. So habe sie die Gefangenen, die derzeit von der kubanischen Regierung freigelassen werden, ausdrücklich nicht als Terroristen bezeichnet: “Die Terroristen sind andere.” Trotzdem wird ihr dies vom Spiegel in den Mund gelegt.

Für Mariela Castro ist die Hetze gegen ihr Land und sie selbst kein Zufall, sondern Teil der Kampagne gegen den kubanischen Sozialismus.

Nun ist bei so einem Interview in der Regel eine recht überschaubare Anzahl von Personen anwesend, es steht somit schnell Aussage gegen Aussage.

Der “Spiegel”-Redakteur Manfred Ertel, der das Interview mit Frau Castro geführt hatte, erklärte uns aber auf Anfrage:

Die von Ihnen zitierten Interview-Aussagen von Mariela Castro in der “Jungen Welt” sind falsch. Das vom SPIEGEL veröffentlichte Interview mit ihr ist in seiner gedruckten Fassung Zeile für Zeile von Mariela Castro persönlich autorisiert worden – so, wie es im SPIEGEL übrigens gängige Praxis ist.

In der Tat hat der “Spiegel” die Praxis der Autorisierung in den 1960er Jahren eingeführt — und kann sich somit in strittigen Situationen wie dieser darauf berufen, dass der Gesprächspartner das Gespräch vor Abdruck abgesegnet hat.

Warum aber ließ die “Junge Welt” ausgerechnet in einem Artikel, in dem sie vermeintlich unseriösen Journalismus anprangert, die beschuldigten Kollegen nicht zu Wort kommen?

Die Redaktion hat uns (auf unsere zweite Anfrage nach zehn Tagen) dazu folgendes geantwortet:

Aufgrund der damaligen Kürze der Zeit – die Entscheidung, das Thema zum Aufmacher zu machen, wurde sehr kurzfristig getroffen – haben wir eine vorherige Kontaktaufnahme mit dem “Spiegel” versäumt. Sie haben recht, dass dies eine Schwäche unserer Veröffentlichung darstellt. Es hat in der Folge allerdings auch von Seiten dieser Zeitschrift offenbar keinen Bedarf gegeben, die Aussagen von Frau Castro uns gegenüber zu dementieren.

Der letzte Satz ist ein erschütterndes Dokument über das Selbstverständnis des Journalismus in Deutschland: Wenn niemand widerspricht, werden die Vorwürfe schon stimmen. So einfach ist das also.

Eine Stunde nachgedacht

Die Deutschen, genauer: “wir” Deutschen, arbeiten zu wenig, findet Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft, Finanzen und Immobilien bei der “Welt”-Gruppe. Und ihm geht es da vor allem um die Arbeit an sich, nicht um deren Entlohnung:

Gewiss, viele Menschen arbeiten viel, auch in Deutschland. Vor allem aber ist die Arbeit ungerecht verteilt. Denn gerade Mindestlöhne und andere vermeintliche sozialstaatliche Wohltaten schließen einen skandalös großen Teil der potenziellen Erwerbsbevölkerung vom Arbeitsleben aus – während der Rest in vielen Fällen umso härter ranmuss.

Er rechnet uns das gerne mal vor:

Arbeiten wir aber nun, insgesamt betrachtet, viel oder wenig? Einer quasiamtlichen Schätzung zufolge dürften in diesem Jahr 55.953.000.000 Stunden Erwerbsarbeit absolviert werden. (…)

Aber dennoch ist in jenen knapp 56 Millionen Stunden das Gros der Zeit enthalten, die wir zur Erwirtschaftung unseres materiellen Wohlstands aufbringen. 55.953.000 Stunden im Jahr, das heißt: Pro Kopf der Bevölkerung werden in Deutschland etwa 690 Stunden offizielle Erwerbsarbeit geleistet. Das sind weniger als eine Stunde und 54 Minuten pro Tag. Selbst wenn man zu der offiziellen Erwerbsarbeit 50 Prozent aufschlägt, um die inoffizielle zu berücksichtigen, landen wir bei weniger als drei Stunden.

Halt, Moment, Stop!

Haben Sie’s bemerkt? Gersemann hat binnen eines Absatzes aus den 56 Milliarden Stunden “56 Millionen” gemacht und drei Nullen gestrichen.

Bei seiner Berechnung hat er allerdings wieder auf den höheren Wert zurückgegriffen — und diesen der Einfachheit halber durch grob 82 Millionen geteilt, denn so viele Einwohner hat Deutschland ja, wenn man alle Kleinkinder und Greise mitzählt. Diesen Wert noch durch 365 und – zack! – ist man bei einem Wert von unter zwei Stunden, die jeder Deutsche jeden Tag arbeitet.

Die Deutschen müssen mehr arbeiten. Viel mehr — Durchschnittlich nur drei Stunden Arbeit pro Tag und Kopf reichen nicht aus: Deutschland ist keine Felseninsel, sondern eine Volkswirtschaft.

In Wahrheit arbeiten in Deutschland knapp 40 Millionen Menschen und das an rund 215 Tagen im Jahr.

Die “quasiamtliche Schätzung” stammt immerhin vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Deren Bericht (PDF, Seite 11) kann man auch entnehmen, dass das die Jahresarbeitszeit einer Vollzeitkraft in diesem Jahr vermutlich 1.645,4 Stunden betragen wird. Pro Arbeitstag bleiben also mehr als siebeneinhalb Stunden.

Oder wie schon Loriot feststellte:

Die Lebensjahre sämtlicher deutscher Kleinkinder betragen zusammengerechnet etwa 4 Millionen Jahre. Das ist einfach zu alt!

Mit Dank an Fabian G. und Uwe Sch.

Nachtrag, 10. August: “Welt Online” hat aus den falschen “56 Millionen” richtige “56 Milliarden” gemacht. Am Rest seiner Rechnung scheint Olaf Gersemann festzuhalten.

Heute schon GEBellt?

Das passt natürlich alles ganz schön zusammen: Das sogenannte Sommerloch zwingt die Redaktionen dazu, noch egalere Meldungen als sonst schon zur Schlagzeile zu erheben, gegen die GEZ und ihre Methoden kann man jederzeit preisgünstig Stimmung machen und Tiere gehen sowieso immer.

“Bild” berichtet deshalb heute in der Münchener Regionalausgabe über die tote Rauhhaardackeldame Bini, die Post von der GEZ bekam (nicht zu verwechseln mit der ebenfalls toten Cocker-Spaniel-Dame Geisha, der vor sechseinhalb Jahren dasselbe passierte).

dpa tickerte am Mittag eine Kurzfassung des “Bild”-Artikels unter den Kategorie-Bezeichnungen “Tiere” und “Buntes”, aber die war “Spiegel Online” dann wieder zu wenig.

Also ging man dort direkt an die Quelle bei “Bild” und holte sich noch ein paar zusätzliche Details. Und verhedderte sich beim Apportieren:

Der Brief der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) drohte im typischen Eintreiber-Deutsch: “Bini” solle jetzt mal ihren Fernseher anmelden, denn sie verdiene “bereits eigenes Geld”. Und, so unterstellten die findigen GEZ-Detektive: “Ihr Einkommen liegt über dem einfachen Sozialhilferegelsatz von monatlich 287 Euro”.

Das jedoch hatte nicht mal “Bild” behauptet:

In einem Brief vom 30. Juli fordern die Rundfunkgebühren-Eintreiber Bini schriftlich auf, ihre Rundfunkgeräte anzumelden. Vorausgesetzt, “Sie verdienen bereits eigenes Geld” und “Ihr Einkommen liegt über dem einfachen Sozialhilferegelsatz von monatlich 287 Euro”.

(Hervorhebung von uns.)

Mit Dank an Björn C.

Nachtrag, 11. August: “Spiegel Online” hat den Artikel überarbeitet und folgende Anmerkung darunter gesetzt:

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Textes hieß es, die GEZ hätte dem toten Dackel ein Einkommen von mehr als 287 Euro unterstellt. Korrekt ist: Die GEZ hat den toten Dackel Bini zum Zahlen der GEZ-Gebühr aufgefordert, vorausgesetzt sein Einkommen liege über 287 Euro. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Bild  

Mit Dänen kann man’s ja machen

Thomas Tuchel, Trainer des FSV Mainz 05, ist “sauer” und “verärgert”, so “Bild”: In der Vorbereitung auf den Start der neuen Saison muss er ab Sonntag auf sieben Spieler verzichten, die an Länderspielen teilnehmen sollen.

Ganz groß im Blickpunkt steht Abwehrspieler Bo Svensson. Der Däne will in Kopenhagen Deutschlands Elf stoppen.

Nun wissen wir nichts über die privaten Pläne von Herrn Svensson, aber im Dress der dänischen Nationalmannschaft wird er die deutsche Mannschaft kaum “stoppen” können: Seinen ersten und bisher einzigen Einsatz für Dänemark hatte er vor mehr als vier Jahren und auch beim Freundschaftsspiel am kommenden Mittwoch steht er nicht im Aufgebot, wie kicker.de bereits einen Tag vor dem “Bild”-Artikel berichtete.

Mit Dank an Jessica.

Kübel mitgespielt

Falls Sie den heutigen Tag außerhalb von Social-Media-Diensten wie Twitter oder Facebook verbracht haben, ist diese Nachricht möglicherweise neu für Sie: In Neuenkirchen ist ein Blumenkübel umgekippt. Oder genauer: Er wurde umgeworfen und ging dabei zu Bruch.

Aus Gründen, die hinterher nie so ganz nachzuvollziehen sind, fand der Artikel aus dem Neuenkirchener Lokalteil der “Münsterschen Zeitung” heute großen Anklang beim Kurznachrichtendienst Twitter. Die Nutzer machten die verschiedensten Scherze zum Thema und “Blumenkübel” wurde zu einem der meist genutzten Begriffe am heutigen Tag.

Dieser Hype, auch als “Internet meme” bezeichnet, rief wiederum die etablierten Medien auf den Plan, die im Sommerloch endlich etwas hatten, worüber sie berichten konnten.

So zum Beispiel die Internetausgabe der “Nürnberger Zeitung”, die zu berichten wusste:

Selbst im internationalen Programm des US-Nachrichtensenders CNN beschschäftigte man sich mit dem umgetretenen Münsteraner Blumentopf. Breaking News – diesmal aus dem westfälischen Hinterland.

Und so sah das aus bei CNN:

Auch in den USA registrierte man den "German big flower bucket".

Beziehungsweise nicht, denn wie man sich fast hätte denken können, handelt es sich bei der Grafik um einen Fake, von dem heute verschiedene Versionen auftauchten — alle übrigens basierend auf einem anderen Fake, der schon seit mehreren Jahren im Umlauf ist.

Dass das alles nicht so stimmte, haben sie auch bei der “Nürnberger Zeitung” schnell gemerkt, weswegen das obige Zitat aus dem Artikel verschwand und die Bildunterschrift ausgetauscht wurde:

Auch in den USA registrierte man den Blumenkübel. Dieses Bild von den CNN-News ist allerdings ein Fake von deutschen Internetusern. So weit ging die weltweite Aufmerksamkeit dann doch nicht.

Nur ein Satz konnte sich noch längere Zeit im Vorspann halten:

Auch CNN und dpa war die Sache ein Eilmeldung wert.

Inzwischen ist auch dieser Satz ersetzt worden.

Mit Dank an Matthias Sch.

Nachtrag, 23.15 Uhr: Unser Leser Farlion schreibt uns, dass er die Redaktion der “Nürnberger Zeitung” telefonisch auf den Irrtum aufmerksam gemacht habe. Erst danach sei der Artikel geändert worden.

Wenn das Heidi wüsste

Auf einem Tisch in Mainz steht ein Kalender, auf dem der 1. August rot umkreist ist, daneben steht “Schweizer Nationalfeiertag”. Die drum herum sitzende Redaktion sinniert: “Kennen wir die Schweiz wirklich?” Geht so, kommt heraus. Warum also nicht die Leser fragen?

Kühe, Berge und Kantone - Wie gut kennen Sie die Schweiz?

Oder etwas poetischer: “Sind Ihre Welt die Berge?”

Es findet sich ein großes Bild eines bekannten Produkts aus Schokolade — daneben stellt sich diese Frage:

Weltbekannt ist dieser dreieckige Riegel, der den höchsten Berg der Schweiz im Logo hat

Dumm nur, dass das als richtige Lösung verkaufte Matterhorn gar nicht der höchste Berg der Schweiz ist.

Dann klappt es vielleicht mit einer anderen Frage. Wer Doris Leuthard, die 2010 amtierende Bundespräsidentin, erkennt, wird in der Antwort so aufgeklärt:

Seit 2006 ist sie eines der sieben Mitglieder des Nationalrates, aus dessen Kreis der Bundespräsident für ein Jahr kommt

Leider auch falsch. Der dem Bundestag entsprechende Nationalrat umfasst 200 Mitglieder. Leuthard ist eines der sieben Mitglieder des Bundesrats, der regierenden Exekutive.

Mit Dank an Pascal.

Nachtrag, 2. August: Inzwischen wurden beide Fehler korrigiert.

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