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Wikileaks, Beckedahl, Kochshows

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “‘Wetten dass..?’-Unfall: Wie das ZDF die Probenstürze herunterspielt”
(faz-community.faz.net/blogs, Peer Schader)
Peer Schader geht es nicht darum, den Verantwortlichen die Schuld am Unfall in der Sendung “Wetten, dass..?” zuzuschieben: “Aber ganz so einfach, wie man es sich beim ZDF derzeit mit der Behauptung macht, bei der Vorbereitung habe nichts dafür gesprochen, dass die Wette furchtbar schiefgehen kann, ist die Angelegenheit wohl nicht.”

2. “Wikileaks’ Julian Assange verhaftet”
(perlentaucher.de, Anja Seeliger)
Für Anja Seeliger hat die Veröffentlichung der Diplomatendepeschen “die ganze Welt irgendwie durchsichtiger gemacht”: “Diese Depeschen haben fast alle Nationen beschämt. Und das ist gut! Kann man nicht plötzlich ganz neu reden, wenn auf jeden ausgestreckten Zeigefinger zurückgezeigt werden kann? Soll doch jeder erst Mal vor der eigenen Haustür kehren!”

3. “Chaos Computer Club fordert Informationsfreiheit im Netz”
(ccc.de)
“Die Verbreitung der von Wikileaks veröffentlichten Dokumente stellt nach Auffassung des CCC einen legitimen Akt der öffentlichen Meinungsbildung dar und ist eine Wahrnehmung des Grundrechts auf Publikationsfreiheit.”

4. “Defend WikiLeaks or lose free speech”
(salon.com, Dan Gillmor, englisch)
Dan Gillmor ruft Journalisten zur Einsicht auf, dass Angriffe auf Whistleblower auch Angriffe auf sie selbst sind.

5. Interview mit Markus Beckedahl
(epd.de)
Ein ausführliches Gespräch mit Markus Beckedahl von netzpolitik.org. Er glaubt, dass das Klickverhalten der Nutzer auf sie selbst zurückfällt: “Die Nutzerwelt sollte sich nicht beschweren, wenn überall nur Polemiken zu finden sind, denn das wird letztendlich geklickt oder geflattred. Aber vielleicht führen ja solche Dienste und die Evaluation der Nutzungsverhalten allmählich dazu, dass sich das verändert.”

6. “Deutschlands größte Fans von TV-Kochshows werden jetzt künstlich ernährt”
(kojote-magazin.de)

Das dümmste anzunehmende Symbolfoto

Irgendjemand bei “RP Online” muss es für eine gute und naheliegende Idee gehalten haben, einen Artikel über falsche Rechenschaftsberichte bei der rechtsextremen NPD mit diesem Foto zu bebildern:

Sympathisanten der NPD bei einer Demonstration in Duisburg.

Ein Mann mit grünen Haaren und dem Wort “Punk” auf dem T-Shirt. Ein Plakat der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands. Die Chancen, dass es sich dabei tatsächlich um “Sympathisanten der NPD” handelt, dürften ungefähr bei Null liegen.

Mit Dank an Hanna.

Nachtrag, 18.35 Uhr: “RP Online” hat das Foto ausgetauscht — und die Bildunterschrift sicherheitshalber gleich mit.

Dance With Somebody

Dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) geht es finanziell nicht so richtig gut, händeringend wird im Haus nach Einsparungsmöglichkeiten gesucht.

Einen ersten Erfolg gibt es anscheinend bei der Internetseite des Senders zu vermelden: Statt für teures Geld aktuelle Agenturfotos einzukaufen oder gar eigene Fotografen loszuschicken, bedient man sich einfach im umfangreichen Archiv. Randale in Berlin sehen Randalen in Hamburg im Grunde nicht unähnlich (BILDblog berichtete) und auch beim Bundespresseball sieht es im Wesentlichen jedes Jahr gleich aus.

Also theoretisch:

Mit Dank an Klaus B.

Nachtrag, 28. November: “RBB Online” hat Horst Köhler durch Christian Wulff ersetzt.

Heute anonym XXIV

Letzte Woche konnte Bild.de vor Selbstbewusstsein kaum laufen:

BILD.de pixelt da, wo Google es versäumt hat: Das sind die Patzer bei Street View! Bild.de verpixelt

Aber das war wie gesagt letzte Woche. Diese Woche hingegen ist wieder Normalität eingekehrt:

Dieses Autohaus in Oderwitz gehört der Familie. Birgit K. ist Geschäftsführerin

Ja: Unter jeder dieser gelben Fläche stand der ausgeschriebene Name.

Mit Dank an Thomas W., Andre S. und die vielen anderen Hinweisgeber.

Hauptsache Titten

Man tut Sonic Syndicate vermutlich nicht Unrecht, wenn man behauptet, es gebe noch einige bekanntere Bands aus Schweden.

Der Mann (es steht zu vermuten, dass es sich um einen Mann gehandelt haben muss), der für den Kölner “Express” den Veranstaltungstipp für das Kölner Konzert von Sonic Syndicate am Dienstag geschrieben hat, kennt sich hingegen aus:

Ausriss: "Express"

Moment. Man kann sich so schlecht auf die Bildunterschriften konzentrieren:

Prost! Karin Axelssonn ist nicht nur Bassistin der Band…

… sondern zeigt im Video den übrigen Bandmitgliedern, was sie drunter trägt.

Dass der Mann nicht wusste, wie man den Namen von Karin Axelsson korrekt schreibt (nämlich mit einem “n”), ist verzeihlich — aber er weiß offensichtlich auch nicht, wie Karin Axelsson aussieht. Anders jedenfalls als die dralle, barbusige Blondine, die der “Express” riesengroß zeigt und die im (umstrittenen) Video zur Single “Turn It Up” zu sehen ist.

Mal zum Vergleich:

Unbekannte, barbusige Blondine:

Unbekannte, barbusige Blondine (blond).

Karin Axelsson:

Karin Axelsson (schwarzhaarig).

Mit Dank an Ralf M., Nico E. und an Gregor G. für den Scan.

Hauspost

Die Digital-Redaktion von Bild.de hat einen tollen Tipp:

Watchmi nimmt Lieblings-Sendungen und -Serien kostenlos auf

Allerdings ist vor lauter Stress anscheinend niemand in der Redaktion dazu gekommen, den kostenlosen Service gründlich zu testen oder auch nur auszuprobieren. Und das obwohl Bild.de in diesem Jahr schon zwei Mal über das Programm berichtet hatte. Doch auch für den dritten Artikel scheint nur der Waschzettel des Herstellers vorgelegen zu haben:

Der Anbieter verspricht: Watchmi soll sich den Geschmack des Zuschauers merken und ähnliche Sendungen oder Filme vorschlagen, die ebenfalls interessant sein könnten.

Aber das ist schon in Ordnung so, eine Recherche ist nicht nötig. Denn der Anbieter ist absolut vertrauenswürdig:

Auch die Kollegen von autobild.de mussten nicht lange suchen, um das Material für ihre informativen Preis-Reporte zu finden. Denn die besten Angebote, die gibt’s nur bei einem Anbieter:

So im Mai:
Wer einen schicken Neuwagen sucht, kann beim Händler derzeit satte Rabatte aushandeln – denn viele davon kämpfen nach dem Abwrack-Boom 2009 ums Überleben. Die besten Angebote gibt's bei autohaus24.de

Oder im Juli:

Wer einen schicken Neuwagen sucht, kann beim Händler derzeit satte Rabatte aushandeln – denn viele davon kämpfen nach dem Abwrack-Boom 2009 ums Überleben. Die besten Angebote gibt's bei autohaus24.de.

Wie kann autohaus24.de konstant die besten Angebote finden, die die Fachjournalisten von autobild.de überzeugen? Natürlich nur mit kompetenten Partnern:

powered by Autobild Sixt

Mit Dank auch an Robin J.

Apfel mit ohne Gehäuse

Online-Journalismus kann so einfach sein: Man klickt sich morgens durch die Artikel von anderen Redaktionen. Was einem gefällt, übernimmt man einfach. Weitere Recherche ist nicht nötig, das haben ja die Kollegen bereits getan. Noch ein paar Fotos ergänzen — fertig.

So ist wohl auch der Bild.de-Artikel über die Auktion eines “Apple 1” zustande gekommen, der von einem Bericht der “Daily Mail” mehr als nur inspiriert wurde. Hier wie dort erfährt der Leser, dass die Computer-Antiquität 524.000 mal weniger Speicher besitzt als heute übliche PCs, in beiden Artikeln erfährt der Leser vom – falschen – Mindestgebot von 150.000 Pfund. Immerhin hat Bild.de den Original-Artikel verlinkt.

Allerdings war Bild.de beim Abkupfern doch etwas sehr flüchtig:

Es ist der Urahn aller Apple-Computer! Einer der ersten Apple-PCs – mit Holzgehäuse und selbstgeschnitztem Apple-Schriftzug – kommt in London unter den Hammer. Für mindestens 150 000 Pfund (umgerechnet 176 550 Euro)!

Nun ja: Die “Daily Mail” zeigt ein Bild von einem Apple-Gehäuse mit handgearbeitetem Schriftzug. Dabei handelt es sich jedoch um das Exemplar eines frühen Computer-Enthusiasten, das im Smithsonian Museum ausgestellt ist. Das bei Christie’s zu versteigernde Exemplar hat hingegen kein Gehäuse.

Hätte der Bild.de-Redakteur den Artikel mit wachen Augen gelesen, wäre ihm das klar geworden. Hätte er dazu noch einen Klick auf die Auktionsseite gewagt, dann hätte er auch erfahren, dass die 150.000 Pfund nicht das Mindestgebot, sondern der höchste Schätzwert ist.

Aber Recherche — das ist halt etwas für die anderen.

Nachtrag 1, 14:45 Uhr. Mangelnde Recherche alleine reicht offenbar nicht aus. Um wirklich erfolgreich zu sein, muss man mehr Fehler machen als die Konkurrenz. Anders lässt sich dieser Teaser auf der Startseite von Bild.de kaum erklären:

Apple 1 - Erster Mac kommt unter den Hammer

Wie jeder Computer-Nostalgiker weiß, war der Apple 1 kein “Mac”, die Macintosh-Reihe begann erst 1984. Wer kein Computer-Nostalgiker ist, hätte auch einfach in die Bildergalerie zum Artikel über die Apple-1-Auktion schauen können. Dort steht es nämlich gleich zweifach:

A star is born...Der legendäre Mac erblickt 1984 das Licht der Welt

Allerdings kann man das Misstrauen der Bild.de-Startseiten-Redakteure gegen die Bild.de-Bildergalerien-Texter verstehen. Denn in der gleichen Galerie findet man diese kühne Behauptung:

Eckig und einfach: Die erste Computermaus der Welt kam 1983 mit Apple-Lisa, dem Vorläufer des Mac

Wann genau die erste Computermaus der Welt präsentiert wurde, ist zwar nicht ganz klar — aber der Zeitpunkt lag mindestens 15 Jahre vor dem Apple Lisa.

Nachtrag 2, 16:30 Uhr. Nicht nur Bild.de leidet unter einer akuten Abschreibeschwäche – auch Dnews hat den Bericht der Daily Mail punktgerecht versemmelt – und erstaunlicherweise die gleichen Fehler gemacht:

Einer der ersten Apple-Computer, die Firmengründer Steve Jobs von der elterlichen Garage aus verkaufte, wird in London versteigert. Das Einstiegsgebot für das handgefertigte Sammlerstück aus Holz liegt bei 150.000 Pfund (ca. 176.550 Euro).
[…]
Bei dem zu versteigerndem Computer handelt es sich um ein Holzgehäuse mit eingeschnitztem “Apple“ Schriftzug.

Die Meldung samt Fehler wurde von pcgames.de und cynamite.de übernommen.

Und auch die Nachrichtenagentur dts will nicht hintenan stehen:

Im Londoner Auktionshaus Christie’s kommt am 23. November einer der ersten Apple Computer der Welt, der Apple 1, unter den Hammer. Medienberichten zufolge können Interessenten ab einem Einstiegsgebot von rund 176.000 Euro mitbieten.[…]Der Gewinner der Versteigerung darf sich im Anschluss über ein Komplettpaket freuen, dass aus dem “Gehäuse”, dem Computer, einer Bedienungsanleitung und einem Brief von Apple-Gründer Steve Jobs besteht.

Nachtrag 3, 16:45 Uhr. Inzwischen hat Bild.de den Rückwärtsgang eingelegt und Artikel, Teaser und Bildergalerie korrigiert. Nun heißt es:

Es ist der Urahn aller Apple-Computer! Einer der ersten Apple-PCs – ohne Tastatur, Monitor und Gehäuse – kommt in London unter den Hammer. Schätzwert: bis zu 150 000 Pfund (umgerechnet 176 550 Euro)!

Mit Dank an Alexander A., Florian, Paul B. und Oliver D.

Gute Aussicht

Es ist ein bemerkenswertes Selbstverständnis, das Bild.de da an den Tag legt:

Was so viele Menschen in aller Welt begeistert, muss natürlich auch auf BILD.de zu sehen sein…

Gemeint ist damit: Wenn ein Video bei YouTube “bereits mehr als 3,5 Millionen Mal” (im Sinne von: mehr als 7 Millionen Mal) angeschaut wurde, kann Bild.de es auch schon mal klauen, zwei Mal hintereinanderschneiden, mit Musik und Off-Kommentar unterlegen und nochmal selbst hochladen. Der Arbeitsaufwand dürfte sich dank der Einnahmen aus dem vorgeschalteten Werbeclip rechnen. Aber das ist ja alles nichts Neues.

Konkret geht es um dieses Video hier:

Bild.de erklärt dazu:

Bei einem Spiel zur Stadt-Meisterschaft liegt die Driscoll Middle School schon fast aussichtslos 0:6 hinten.

Wenn man sich sonst eher mit Sportarten wie Fußball oder Handball beschäftigt, bei denen die Tore gezählt werden, sieht so ein 0:6 natürlich “fast aussichtslos” aus. Im American Football allerdings kann man unterschiedlich viele Punkte erzielen. Durch einen Touchdown beispielsweise sechs, weswegen das Spiel in diesem Moment mindestens ausgeglichen war.

Mit Dank an Gabriel T., Lothar Z., Manuel L., J.L., Johannes B. und Matthias H.

Nachtrag, 12. November: Bild.de hat die Formulierung “fast aussichtslos” aus dem Artikel entfernt.

Modellflugzeug

Nach dem Triebwerkschaden und der Notlandung eines Airbus A 380 der australischen Fluglinie Qantas sowie Abstürzen mit Todesopfern in Pakistan und Kuba fragen sich viele Reisende:

WIE SICHER IST EIGENTLICH DIE MASCHINE, MIT DER ICH FLIEGE?

So weit, so naheliegend.

Bild.de griff also auf die Statistiken einer privaten Flugzeugkatastrophen-Website zurück und präsentiert den Lesern jetzt Zahlen und Fakten.

Und damit das nicht zu langweilig wird und die Leser auch wissen, wie die entsprechenden Flugzeuge aussehen, gibt es eine kleine Grafik dazu:

Vom Airbus-Modell A320 gab es bisher 20 Totalverluste, von der Boeing 757 acht und von der Tupolev Tu-154 insgesamt 60 Totalverluste. Allerdings wurden auch unterschiedlich viele Maschinen gebaut

Der Nutzen dieses Schaubilds wird allerdings dadurch eingeschränkt, dass das mit “Boeing 757” bezeichnete Flugzeug gar keine Boeing 757 ist. Die Lufthansa hat gar keine 757 in ihrer Flotte. Bei dem abgebildeten Flugzeug handelt es sich wahrscheinlich um einen Airbus A 320.

Mit Dank an Guido K. und David N.

Nachtrag, 22.18 Uhr: Bild.de hat die Grafik überarbeitet — und siehe da: Auch der Airbus A 320 war keiner:

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