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Und “Lukas” ist Podolski, ja?

Es ist ein “ungewöhnliches” Projekt, so das “Hamburger Abendblatt”: Zwei Journalisten haben das Neue Testament als Magazin an die Kioske gebracht.

Am Anfang war ein Word-Dokument, bestehend aus dem Neuen Testament, wie es Kirchgänger und Schüler kennen, die den Religionsunterricht besuchen: den vier Evangelien (Lothar, Markus, Lukas, Johannes), der Apostelgeschichte, den Paulinischen Briefen, den Katholischen Briefen und der Offenbarung des Johannes.

Lothar, natürlich. Oder, wie die Christen etwas ehrfurchtsvoller sagen: Herr Matthäus.

Mit Dank an Tim W.

Nachtrag, 20.40 Uhr. In der Online-Version hat das “Abendblatt” den Lothar jetzt unauffällig durch einen Matthäus ersetzt.

2. Nachtrag, 18. April: Das “Abendblatt” bittet heute “aufrichtig um Entschuldigung” und erklärt, wie es zu der Panne kommen konnte:

Autor Thomas Andre [hatte] während des Schreibens einen Scherz einbaute, von dem er dachte, dass er niemals ins Blatt gelangen würde. Gelangte er aber.

Golfmagazine, The Collection, Newshype

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Das Elend der deutschen Medienpolitik”
(carta.info, Lutz Hachmeister)
Deutsche Medienpolitik zwischen realer Bedeutungslosigkeit und verzweifelter Selbstbeschäftigung: Lutz Hachmeister nennt die Landesmedienanstalten “einen angenehm dotierten Park für Parteipolitiker und ihre Gefolgsleute”. “Abgesehen von Mikro-Regulierungen auf der lokalen und regionalen Rundfunkebene” sei ihnen durch die Kassierung ihrer Pläne durch föderale Medienpolitiker nicht mehr als “Sitzungen, Tagungen und ‘Events’ geblieben”.

2. “Schleichender Verdacht”
(golfnerd.de, Denis Krah)
Die Abgrenzung zwischen redaktionellen und werblichen Inhalten in den Zeitschriften “Golf Journal”, “Golfmagazin”, “Die PGA-Seiten” und “Golf spielen”.

3. “Monothematisches Monatsmagazin nur für Tabletnutzer”
(netzwertig.com, Peter Sennhauser)
Peter Sennhauser bespricht das iPad-Magazin “The Collection” aus dem Ringier-Verlag und erinnert dabei an die Zeit Mitte der neunziger Jahre, als Multimedia-CD-Roms als der letzte Schrei und eine völlig neue Medienform galten. “Die Leserschaft will diskutieren, Inhalte teilen und speichern, zitieren und weiterverwenden – darauf basiert der Boom der sozialen Medien, und sie steht im Widerspruch zu isolierter Interaktion mit einem Programm.”

4. “Is This the World’s Best Twitter Account?”
(cjr.org, Craig Silverman, englisch)
Craig Silverman hält das Twitter-Konto von Andy Carvin (@acarvin) für eines der besten der Welt. “Carvin sends hundreds of tweets a day that, taken together, paint a real-time picture of events, opinions, controversies, and rumors relates to events in the Middle East.”

5. “Aus der Blogosphäre für die Blogosphäre”
(philibuster.de, Michael Stepper)
Michael Stepper spricht mit Jannis Kucharz über den geplanten Blogaggregator Newshype. “Im Moment durchsuchen wir rund 2000 Quellen und die eingehenden Twitter-Links. Schon das ist für unseren Bot eine gehörige Menge an Futter, aber wir wollen gerne noch mehr Blogs aufnehmen, denn je mehr Quellen, desto besser die Ergebnisse.”

6. “Countdown to the Next Countdown – I Can’t Believe It’s Not Shuttered!”
(thedailyshow.com, Video, 5:27 Minuten, englisch)
Die “Daily Show” widmet sich dem doch noch zustande gekommenen Budgetkompromiss in den USA und der dadurch abgewendeten Schließung staatlicher Einrichtungen. Jon Stewart beobachtet dabei Journalisten, die vorher einen dramatischen Countdown inszenieren und nachher nur noch wissen wollen, wer daraus als Gewinner und wer als Verlierer hervorgeht.

Vollpfosten

Wohl weil sie bei Bild.de ihren Lesern nicht zutrauen, dramatische Handyfilme von undramatischen unterscheiden zu können, haben sie es vorsichtshalber gleich mal in die Dachzeile geschrieben:

Dramatischer Handyfilm: Hier fliegt ein Pfeiler in die Autoscheibe
Andererseits sind es unbestreitbar spektakuläre Bilder, auf denen ein am Fahrbahnrand liegendes Kantholz von einem LKW hoch- und durch die Windschutzscheibe eines PKW geschleudert wird. Bilder, die natürlich mal wieder aus dem Internet stammen:

Doch obwohl die Geschichte in den USA recht groß die Runde machte und Bild.de am Ende seines Videos “Powered by ABC News” schreibt, haben sie bei Bild.de offenbar wenig bis nichts begriffen.

So erzählt der leicht schläfrige Off-Sprecher, die Fahrerin des getroffenen Fahrzeugs hab schon vorab die Kamera eingeschaltet, “weil die beiden LKW vor ihr Schlangenlinien fuhren”. Und auch wenn das für die Geschichte nicht wirklich wichtig ist: Die Fahrerin Wendy Cobb hatte gegenüber dem Autoblog jalopnik.com etwas ganz anderes angegeben, wie auch ABC News zitiert:

Ich habe eigentlich die beiden LKW aufgenommen, die sich ein kleines “Elefantenrennen” lieferten und den Verkehr aufhielten. (Ich sage immer, ich schicke das an die Firmen, für die sie arbeiten, um diese wissen zu lassen, wie die Fahrer die Firma repräsentieren, aber ich mache das nie. Ich kann mir nicht helfen — ich arbeite im Marketing und denke deshalb über solche Sachen nach.)

(Übersetzung von uns.)

Doch dann wird Bild.de in dem Bestreben, den dramatischen Bildern einen wissenschaftlichen Überbau zu verpassen, vollends wahllos: Ein “Versuch mit Crash-Test-Dummies” soll zeigen, wie “der Einschlag eines Pfeilers bei nur 40 km/h” aussieht.

Den Versuch hat Bild.de – warum auch immer – der Fernsehserie “Mythbusters” entnommen und er zeigt, wie ein Stück Autoreifen bei 40 Meilen pro Stunde (rund 65 km/h) durch eine Scheibe geschossen wird.

Der Off-Text hat mit den gezeigten Bildern also vergleichsweise wenig zu tun, aber es bleibt natürlich ein “dramatischer Handyfilm”.

Mit Dank an Alexander H.

dpa  

Idiotentest

Die Frage, ob ein Fußballverein in jedem Spiel drei Punkte holt oder alle drei Spiele einen Punkt, macht den Unterschied zwischen Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach aus.

Die Frage, ob die Deutschen Autofahrer pro Minute 20 Punkte in Flensburg sammeln oder alle zwanzig Minuten einen Punkt, macht den Unterschied zwischen einer dpa-Meldung von 17.21 Uhr und einer von 14.50 Uhr aus.

Am Freitag hatte das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg seinen Jahresbericht vorgestellt und auf Seite 38 (PDF) dieses anschauliche Bild gebracht:

Im Jahr 2010 wurden Verkehrsdelikte “im Wert von” schätzungsweise 10,5 Millionen Punkten an das [Verkehrszentralregister] gemeldet (siehe Diagramm 15). Damit sind 2010 rein rechnerisch in jeder Minute rund 20 Punkte für Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung vergeben worden.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) muss das irgendwie falsch verstanden haben, weswegen sie um 14.50 eine Meldung verschickte, deren Überschrift schon nichts Gutes verhieß:

Alle 20 Minuten gibt’s einen Punkt in Flensburg

Männer sind die größeren Sünder im Verkehr: Im Flensburger Punkteregister liegen sie mit 78 Prozent deutlich vorn. Auch die Art der Regelübertretungen variiert nach Geschlecht.

Flensburg (dpa) – Die Zahl der Verkehrssünder ist im vergangenen Jahr erneut angestiegen. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg verzeichnete 2010 einen Zuwachs um 31 000 auf knapp neun Millionen Autofahrer mit Sündenregister, sagte sein Präsident Ekhard Zinke am Freitag. Laut KBA-Jahresbericht wuchs die Zahl der Punkte damit um 0,3 Prozent – alle 20 Minuten kam ein Punkt dazu.

Kurze Zeit später stand der Fehler zum Beispiel beim “Handelsblatt”, dem “General-Anzeiger Bonn”, dem “Wiesbadener Kurier”, der “Nordwestzeitung”, den “Ruhr Nachrichten” und bei n-tv.de online — und am nächsten Tag auf der Titelseite der “Berliner Morgenpost”.

Zweieinhalb Stunden später verschickte dpa dann einen neuen Artikel — nicht etwa eine Korrektur des ersten, aber einen, in dem die Statistik plötzlich stimmte:

2010 stieg die Gesamtzahl nur leicht um 0,3 Prozent, das sind ungefähr 31 000 Verkehrssünder mehr. Insgesamt sind dort nun knapp neun Millionen Autofahrer registriert. Rechnerisch wurden jede Minute 20 Punkte vergeben.

Wer also lang genug gewartet hatte, war auf der richtigen Seite, so etwa stern.de oder auto-motor-und-sport.de.

Die anderen Medien haben noch nicht gemerkt, dass der erste dpa-Artikel falsch war — auch wenn dieses Wissen erfahrungsgemäß nicht zwingend zu einer Korrektur auf ihren Webseiten führen würde.

Mit Dank an Tom und Matthias T.

Nachtrag, 17.05 Uhr: Der “Wiesbadener Kurier” und die “Ruhr Nachrichten” haben die Meldung jeweils offline genommen.

2. Nachtrag, 6. April: Bereits gestern um 16.56 Uhr hat dpa eine Korrekturfassung des fehlerhaften Artikels verschickt.

Auf n-tv.de ist der Artikel jetzt offline, die “Berliner Morgenpost” hat ihren Artikel in der Online-Version unauffällig korrigiert.

3. Nachtrag, 7. April: dpa hat uns noch folgende Erklärung für den Fehler geschickt:

Bei der ersten, von der Autorin korrekt angelieferten Meldung war am Desk ein Redigierfehler unterlaufen, den wir bedauern. Dieser Fehler war leider auch später nicht mehr aufgefallen, als der zweite korrekte Bericht gesendet wurde.

Bild  

Das Leben des ACAB*

In Monty Pythons “Das Leben des Brian” gibt es eine Szene, in der Brian von einem römischen Soldaten erwischt wird, während er eine Wand beschmiert. Weil seine Parole in fehlerhaftem Latein verfasst ist, zwingt der Soldat Brian dazu, einhundert Mal die richtige Formulierung an die Wand zu schreiben.

Ganz so wird die Szene nicht abgelaufen sein, die “Bild” heute in der Stuttgarter Regionalausgabe beschreibt:

Der Polizist wurde als “Bulle” beschimpft. Dann sah er, wie ein Chaot ein Graffito schmierte: ACAP (englische Abkürzung für “Alle Polizisten sind Bastarde”).

Aber das Wort “bastard” beginnt im Englischen natürlich auch mit einem B und nicht mit einem P — es sei denn, man hat den gleichen Sprachfehler wie Pontius Pilatus in “Das Leben des Brian”.

*) Acab: türkischer Jungenvorname

Mit Dank an Moritz.

Bild  

Eine wie keine

Als kürzlich bekannt wurde, dass der Fußballfunktionär Mohamed bin Hammam bei der Wahl zum FIFA-Präsidenten gegen den seit 1998 amtierenden Sepp Blatter antreten will, gab auch “Bild” eine Einschätzung ab:

Blatter (…) ist seit den Manipulations-Enthüllungen rund um die umstrittene Doppel-Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 angeschlagen. Auch Bin Hamman spricht inzwischen von einer “korrupten Organisation”.
(Hervorhebung von uns)

Dass Bin Hamman von einer “korrupten Organisation” gesprochen hat, stimmt. Allerdings war der Inhalt seiner Aussage das exakte Gegenteil dessen, was “Bild” glauben macht:

Die FIFA sei keine korrupte Organisation, sagte bin Hammam. “Aber wir brauchen mehr Transparenz.”
(Hervorhebung von uns)

Mit Dank auch an den Hinweisgeber.

The Look of Love

Die gute Nachricht:

Es wird wärmer!

Die schlechte:

Laue Frühjahrslüftchen, Regengüsse, Temperaturschwankungen… Sie haben schon ein neues Sommerkleid, aber keine Ahnung wie Sie es jetzt schon tragen können?

Gut, dass Bild.de “für Sie ganz genau hingeschaut” hat!

Es wird wärmer! Die besten Promi-Styling-Tipps für einen schönen Frühling. Auf in die Natur: Sienna Miller (re) kombiniert Spitzentop zum Flatterröckchen plus Herrenhut, Kniestrümpfe und Gummistiefel – eine stylische Kombi und perfekt für wechselhaftes Wetter

Klasse “Übergangs-Look”, den Siena Miller da trägt, was? Bild.de erklärt ihn auch gerne noch mal ausführlicher:

Sienna Miller (29) zeigt, dass sie auch im Frühjahr ein sicheres Styling-Händchen hat und gibt uns gleich zwei gute Tipps mit auf den Weg. Sie kombiniert Flatterröckchen, Kniestrümpfe und Gummistiefel. Das sieht nicht nur niedlich aus, die Kombi hält auch warm.

Tatsächlich dürfte es sich eher um das Styling-Händchen von April Ferry handeln, der Kostümdesignerin des Films “The Edge of Love”, aus dem das abgebildete Szenenfoto stammt. Der Film, der während des zweiten Weltkriegs spielt, feierte vor fast drei Jahren Premiere und lief im Sommer 2009 in Deutschland an.

Mit Dank an Torsten B.

Nachtrag, 15.18 Uhr: Bild.de hat das Foto und den sich darauf beziehenden Text aus dem Artikel entfernt.

  

Wie “Bild” einmal keinen Schatz fand

— Ein Gastbeitrag von Daniel Schleusener —

“Bild jagt den Maya-Schatz” — so nannte “Bild” die Aktion, die sich über einige Tagen hinzog. Die Zeitung hatte eine Expedition nach Guatemala gesandt, die dort – genauer im Izabal-See – einen Goldschatz lokalisieren und ganz nebenbei auch Atlantis finden sollte. Ich habe diese Berichterstattung für ein englischsprachiges Blog über Mesoamerika verfolgt und unter anderem Gespräche mit dem deutschen Botschafter in Guatemala und zwei deutschen Mayanisten geführt.

Der Mann, der “Bild” auf die Spur des vermeintlichen Schatzes gebracht hat, ist Joachim Rittstieg, ein pensionierter Realschullehrer für Mathematik und Sport, der sich seit 40 Jahren mit den Maya beschäftigt. Nach seiner Theorie liegt im Izabal-See unter einer Schlammschicht nichts anderes als Atlantis, die sagenumwobene Stadt. Rittstieg nennt sie Atlan und behauptet, dies wäre der Name der alten Maya-Hauptstadt gewesen. Inzwischen sei sie untergegangen, aber er sieht in verschiedenen Inschriften Beweise dafür, dass sie existiert hat und dass sie auch mal eine Wikinger-Stadt war. Dies alles will Rittstieg durch die Entschlüsselung des Codex Dresdensis, einer der wenigen erhaltenen Maya-Handschriften; Platons Atlantisbeschreibung, Gesprächen mit drei Maya-Priestern, sowie durch die Neuübersetzung der Edda herausgefunden haben. Mit Hilfe von Satelliten- und Sonaraufnahmen sei sogar die Schatzkiste bis auf 10cm Genauigkeit lokalisierbar.

Rittstieg behauptet, die Maya hätten im Jahre 666 v. Chr. 2.156 goldene Tafeln mit ihren Gesetzen besessen, die ein Gesamtgewicht von acht Tonnen hatten. In der Chronologie Mesoamerikas fällt das Datum in die sogenannte mittlere Präklassik. Archäologische Funde sehen keinen Beweis dafür, dass die Maya zu dieser Zeit mit Gold gearbeitet hätten, auch nicht im kleinen Stil. Der Fund von acht Tonnen Gold in einer im Jahre 666 v. Chr. untergegangenen Stadt wäre für Mesoamerikanisten und Mayanisten – gelinde gesagt – überraschend und unerwartet. In meinem Blog habe ich mich ausführlicher mit Rittstiegs Theorie und ihren Hintergründen beschäftigt.

Atlantis, Wikinger und Maya-Gold — wäre man im Internet auf diese Geschichte gestoßen, hätte man wohl etwas gelächelt, den Kopf geschüttelt und es als esoterisches Geschwurbel nordisch-germanozentrischer Prägung abgetan. “Bild” hielt die Geschichte allerdings für plausibel und wollte ihre Wahrheit auf einer Expedition mit fragwürdigen Methoden beweisen.

Am 28. Februar kündigte “Bild” daher eine Expedition nach Guatemala an. Mit sechs Mann wollte man den Maya-Schatz jagen. Was “Bild” dazu bewogen haben könnte, den Ausführungen von Herrn Rittstieg zu glauben, ist mir bis heute schleierhaft. Aber da waren sie nun in Guatemala und daheim erstellte die Redaktion eine fesche Schatzkarte mit dem ersten Hinweis, dass es hierbei um Atlantis geht:

Schatzkarte

Im Artikel sagte uns Herr Rittstieg noch einmal, dass er den Schatz auf 10cm genau lokalisieren kann. Also nichts wie ab zum See, könnte man meinen. Doch da gab es ein kleines Problem: “Bild” hatte offenbar keinerlei Genehmigung für irgendwelche Expeditionen, Tauchgänge oder archäologische Ausgrabungen.

Dafür hatte “Bild” eine Idee, wie der Maya-Schatz aussehen könnte, und zeigte noch vor Beginn der Expedition das Aussehen des Schatzes. Und welche Bilder benutzt die Redaktion, um einen Schatz zu illustrieren, der vor 2600 Jahren untergegangen ist? Bilder von Masken, die etwa 700 Jahre alt und definitiv nicht mayanisch sondern mixtekisch sind. Beide Masken sind im Museo Nacional de Oaxaca zu sehen:

  • Bild 1 der Galerie zeigt Mictlantecuhtli. Diese Maske wurde nicht vor 1300 fertiggestellt, also knapp 2000 Jahre nach dem angeblichen Untergang von Atlantis
  • Bild 13 zeigt ebenfalls eine Maske, aus dem frühen 14. Jahrhundert. Sie zeigt den Gott Xipe Totec.
  • Bild 3 zeigt nicht, wie behauptet, den Maya-Kalender — es ist überhaupt kein Kalender! Was dort zu sehen ist, ist der aztekische Sonnenstein mit dem Gott Tonatiuh in der Mitte. Ihn als Maya-Symbol zu benutzen, zeugt davon, wie uninformiert “Bild” tatsächlich ist.

Am 2. März ging “Bild” auf Guatemala los und meldete prompt, dass “im ganzen Land das Schatzfieber ausgebrochen” ist. Als Beweis soll je ein Bericht aus den Zeitungen “Nuestro Diario” und “Prensa Libre” taugen. Es ist allerdings etwas unglücklich, dass Bild.de beide Screenshots zeigt:

Die Titelseite von Nuestro Diario: "Deutsche kommen, um nach dem Schatz zu suchen"

So lässt sich nämlich nachvollziehen, dass die Zeitungen berichten, dass “Bild” keine Genehmigung für irgendwelche archäologischen Aktivitäten habe. Offizielle Stimmen werden genannt, so Érick Ponciano von der Dirección General del Patrimonio (etwa das Nationale Kulturamt), der bestätigt, dass die Expedition uneingeladen und ohne Genehmigung für etwaige Ausgrabungen kommt. Ohne Genehmigung würde es aber keine Grabungen geben. Auch Mónica Urquizú vom Institut für Anthropologie und Geschichte von Guatemala kommt zu Wort. Auch sie bestätigt noch einmal: Die Maya nutzten in besagter Epoche kein Gold und der Codex Dresdensis enthält keinen verstecken, entschlüsselbaren Code.

Die “Prensa Libre” meldet außerdem, dass der Schiffsverkehr auf dem Izabal-See, in dem Atlantis liegen soll, nun von der Marine kontrolliert werde. Auch “Bild” berichtet, die Soldaten würden den See “überwachen, damit keine heimlichen Schatzsucher das Gold der Maya stehlen können.” Gemeint ist damit wohl vor allem “Bild” selbst, aber die Zeitung erweckt lieber den Eindruck, das Militär würde das Gebiet sperren, damit “Bild” ungestört fischen kann.

Pflichtgemäß meldet sich am 3. März Erich von Däniken zu Wort, der bei einer Geschichte über die Maya natürlich nicht fehlen darf. Er ist sich sicher, dass im Izabal-See ein phänomenaler Schatz liege. Dabei handele es sich aber nicht nur um Gold, sondern “um in Stein gemeißelte Botschaften aus der tiefen Vergangenheit”. Derart motiviert gibt es für die Expedition natürlich kein Halten mehr und sie bricht umgehend auf.

Weil das Militär auf dem Izabal-See seine Runden dreht, geht es nach Copán, einer alten Maya-Stätte. Als Begründung führt “Bild”-Reporter Claas Weinmann über Twitter aus, dass Joachim Rittstieg in Copán Hinweise auf den Schatz vermute. Weshalb er überhaupt noch Hinweise auf einen Schatz braucht, den er angeblich auf 10 cm genau lokalisieren kann, lässt er offen.

Irgendwann muss “Bild” dann doch einmal zum See, auch trotz des Militärs. So geht die Expedition kurzerhand auf ein Privatgrundstück und taucht dort ein bisschen. Denn es gilt, den Beginn einer 9 km langen Brücke über den See zu finden, die vor 2600 Jahren das Festland und Atlantis miteinander verbunden haben soll.

Dabei scheint es sich um das gleiche Grundstück zu handeln, von dem Rittstieg berichtet, er habe dort 1987 “die Trasse der alten Brückenzufahrt zur versunkenen Hauptstadt” entdeckt. 1990 fand er dort außerdem nach eigenen Angaben “eine antike Wasserleitung, Brückenreste” und 2002 die “‘heiße Quelle’ Platons” und “auch die antiken Wasserleitungen”. Dennoch werden diese ungeborgenen Fundstücke jetzt mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn gezeigt. Es ist von dickem Schlamm die Rede, der allerdings Dinge am Ufer nicht betreffen kann.

Claas Weinmann teilte per Twitter mit, dass es nun auf den See gehen würde. Und dann das:

Letzte Vorbereitungen auf dem Expeditions-Katamaran. Heute könnte ein großer Tag werden. Schon irgendein kleiner Hinweis wäre sensationell.

Militärboot taucht auf. Beiboot setzt zu unserem Katamaran über.

Ruhige, aber lange Diskussion. Bin gespannt, was jetzt passiert.

Tauchverbot! Beiboot begleitet unser Schiff zurück.

Am 8. März wissen die Leser jedenfalls, dass der See auch für “Bild” gesperrt ist und in der nächsten Zeit nicht getaucht wird. “Bild” wusste mindestens seit dem Treffen mit dem Botschafter am 2. März, dass das Militär illegale Schatzsucher daran hindern würde, zu tauchen. Der deutsche Botschafter, der bei dem Treffen anwesend war, erklärte mir in einer Mail vom 10. März, dass die Expeditionsgruppe im Gespräch mit einem Abteilungsleiter im Kulturministerium gesagt habe, dass am Izabal-See keine Ausgrabungen geplant seien.

Und weiter:

[Der Abteilungsleiter im Kulturministerium] hat keine Einwände gegen die Fahrt zum Izabal-See erhoben; allerdings solle doch bitte von eingehenderen Untersuchungen vor Ort ohne Erlaubnis abgesehen werden – was zugesichert wurde.

Tatsächlich hat “Bild” aber wirklich etwas gefunden! Also eigentlich nicht “Bild” direkt, sondern ein Fischer. Und es ist auch kein Gold, sondern ein ziemlich unspektakuläres Tongefäß. Aber immerhin: man hat jemanden gefunden, der ein Gefäß aus dem See gefischt hat. Also schreibt man folgerichtig am besten:

Gehört dieser Tonkrug zum Schatz der Maya?

Ersten Schätzungen zufolge sei er mehrere hundert Jahre alt. Nicht schlecht, dann fehlen ja nur noch 2000 mehr. “Bild” gibt das zur Überprüfung an Experten und hat seitdem nicht mehr darüber berichtet.

Zwischenzeitlich meldeten sich weitere kritische Stimmen zu Wort. Die deutschen Mesoamerikanisten sprechen in ihrer Stellungnahme vom 7. März von einer “skandalösen Vorgehensweise” und “Effekthascherei”. Allerdings haben die Wissenschaftler sich zunächst etwas von “Bild” anstecken lassen und auch dem Botschafter Dr. Schäfer Vorwürfe gemacht, diese inzwischen aber zurückgenommen.

Schäfer schreibt mir, er habe – anders als “Bild” es erahnen ließ und die Mesoamerikanisten es verstanden – mit dem Besuch im Kulturministerium nicht den Zweck verfolgt, “den Prozess der Genehmigung der ‘Expedition’ abzukürzen”.

Schäfer weiter:

Ich finde es bedauerlich, dass in der Stellungnahme der Eindruck erweckt wird, als hätte ich dazu beigetragen, die guatemaltekischen Behörden in irgendeiner Weise zu hintergehen oder unter Druck zu setzen.

In den folgenden Tagen bemühte sich “Bild” um Genehmigungen, von denen klar war, dass sie nicht zu bekommen sein würden. Denn die Verantwortlichen in Guatemala wissen sehr gut, was eine Theorie ist und was Wunschdenken. So wusste der Botschafter auch zu berichten:

Breit publiziert wurden aber auch die Kommentare guatemaltekischer Fachleute, die die These vom Maya-Gold im Izabal-See rundum verwarfen und auf die grundlegenden Widersprüche zu der gesamten Maya-Forschung hinwiesen.

“Bild” zog also am 10. März die Konsequenzen und reiste wieder ab. Im Abschieds-Artikel übernahm das Team wie gewohnt keine Verantwortung für all die Unhöflichkeiten und Umstände wie z. B. das Militärschiff, das wahrscheinlich auch heute noch seine Runden auf dem Izabal-See dreht.

Rittstieg fasst im Gegenteil die Reise im “Bild”-Artikel so zusammen:

Wir haben alles in unserer Macht Stehende unternommen, drei Taucher eingeflogen und sogar einen Schamanen befragt. Jetzt liegt es an der Regierung von Guatemala, den Schatz zu bergen.

Den Schatz, von dem die Regierung nicht annimmt, dass es ihn gibt.

Die “Bild”-Expedition bindet immer noch wichtige lokale Ressourcen, die man woanders sicher gut gebrauchen könnte. Zwei Drittel der Bevölkerung von Guatemala leben in Armut und wegen “Bild” muss die Marine ein Schiff auf dem See patrouillieren lassen. Fischer werden kontrolliert. Das Expeditionsteam erhielt Polizeischutz, obwohl Drogenbanden ihr Unwesen treiben. Der deutsche Botschafter wurde involviert. Usw. usf.

Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Guatemala. Der Erhalt der Maya-Stätten sichert Einkommen und Besucher. Im schlimmsten Fall werden wegen solch einer Aktion die eigentlichen Maya-Stätten zerstört, um an das versteckte Gold heranzukommen, welches es aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht gibt.

Um es mit den Worten der deutschen Mesoamerikanisten zu sagen:

Archäologen haben bislang in mühevoller Aufklärungsarbeit vor Ort immer wieder darauf hingewiesen, dass die antiken Maya-Stätten keineswegs Goldschätze enthielten, und mussten zudem mit Gerüchten kämpfen, sie würden Schätze illegal außer Landes schaffen. Die BILD-Goldsuche macht diese Arbeit mit einem Schlag zunichte.

“Bild” erklärt hingegen im letzten Artikel: “BILD bleibt dran!”

Bitte nicht!

Daniel Schleusener widmet sich auf seinem Blog “The Complete Mesoamerica (and more)” geschichtlichen, kulturellen, archäologischen und kuriosen Themen rund um Mesoamerika. Unterstützt wird er dabei durch Historiker, Mayanisten und – natürlich – dem Internet.

taz.de  

Nochmal Schwein gehabt

Reiner Metzger hat auf taz.de seiner Wut auf die Informationspolitik der Atomlobby freien Lauf gelassen:

Dieses Vertuschen und Verzögern ist ein unfassbarer Skandal: Die Methoden der Atomlobby KOMMENTAR VON REINER METZGER

Verglichen mit einem japanischen Kernreaktor scheint sich das Gemüt eines stellvertretenden Chefredakteurs der “taz” jedoch einigermaßen leicht abkühlen zu lassen. Denn wie man an der URL erkennen kann, war die Überschrift bei Veröffentlichung des Artikels noch deutlich deftiger:

die-dreckschweine-von-der-atomlobby

Es ist vielleicht ganz gut, dass die “taz” den ursprünglichen Titel geändert hat, denn wer andere Menschen als “Dreckschweine” bezeichnet, befindet sich in schlechter Gesellschaft.

Mit Dank auch an den Hinweisgeber.

Tim K., Gefechte, Yokoso News

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der doppelte Tim K.”
(taz.de, Julia Walker)
Tim K. aus Bremen wurde am 11. März 2009 von vielen als der Amokläufer von Winnenden angesehen. “Wer kommt eigentlich auf die Idee, dass jemand aus Bremen über 600 Kilometer nach Stuttgart fährt, um dort an einer Schule Amok zu laufen?”

2. “USA – Australien – Bild.de”
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.com)
Thomas spürt der Herkunft des von “Bild” beschriebenen Supermonds nach.

3. “Inszenierte Gefechte?”
(sueddeutsche.de, Christina Maria Berr)
Wie realistisch ist die von Helmut Scheben auf journal21.ch aufgeworfene Behauptung, die meisten Bilder von Kampfhandlungen seien gestellt? Christina Maria Berr fragt in der Medienbranche nach.

4. “Betr. Erdbebenkatastrophe als geschmackloses ZDF-‘Musikvideo'”
(carta.info, Martin Oetting)
Martin Oetting schreibt an das ZDF, weil das “heute-journal” Bilder vom Erdbeben in Japan musikalisch unterlegt. “Dass Sie nicht davor zurückschrecken, diese schlimmen Bilder zum Rhythmus von Musik zu schneiden, also daraus sozusagen eine Unterhaltungsshow zu formen, ist aus meiner Sicht schockierend.”

5. “Die Unerträglichkeit von Twitter”
(netzwertig.com, Martin Weigert)
Martin Weigert erlebt Twitter am Wochenende als “als Hort von Desinformation und Panikmache”.

6. “Katz Ueno: Das Ein-Mann-Katastrophen-Social-Media-TV”
(fastvoice.net, Wolfgang Messer)
Wolfgang Messer stellt den Livestream von Yokoso News vor.

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