Suchergebnisse für ‘r’

Mega Watt?

Hier stand ein Eintrag, in dem wir der Nachrichtenagentur dpa Unkenntnis der Einheit “Megawatt” vorgeworfen haben — und leider dabei unser eigenes Unwissen demonstrierten. Es ging um die Meldung, dass Zypern in diesen Tagen nach einer Explosion bei einem großen Elektrizitätswerk Strom aus dem türkisch besetzten Nordteil der Insel erhält.

Die dpa beschrieb dies am Samstag so:

Nun sollen täglich zwischen 70 und 110 Megawatt vom Norden in den Süden geliefert werden, teilte die Regierung in der Inselhauptstadt Nikosia mit.

Das “täglich” in diesem Satz ist irreführend, denn die Einheit Watt gibt eine Leistung an, keine Energie. Ähnlich sinnlos wäre es, zu sagen, ein Fön verbraucht täglich 2000 Watt. Der Energieverbrauch wird in Wattstunden (oder im Haushalt gebräuchlicher: Kilowattstunden) angegeben und hängt natürlich davon ab, wie lang der Fön läuft. Fönte man sich einen Tag ununterbrochen, käme man auf 48 Kilowattstunden (2000 Watt mal 24 Stunden geteilt durch 1000).

(Für alle, die das zu unanschaulich finden: Der Unterschied zwischen Leistung und Energie ist derselbe wie zwischen Geschwindigkeit und Entfernung. Ein Auto, das 100 km/h fährt, legt am Tag, wenn es ununterbrochen fährt, 2400 Kilometer zurück. Zu formulieren, es fahre “täglich 100 km/h” ist mindestens rätselhaft.)

Die 70 bis 110 Megawatt sind also einfach die Leistung, die dem Süden vom Norden zur Verfügung gestellt werden soll. Die Agentur dpa hätte nur das “täglich” weglassen müssen. Wir aber haben uns in der vermeintlichen Korrektur dieses kleinen Formulierungsfehlers völlig verheddert — und nebenbei auch noch die (komplizierten) politischen Verhältnisse Zyperns unzulässig verkürzt. Wir bitten um Entschuldigung.

Alkohol weckt Tote auf

Krebs, Alkohol oder Sex: Das sind die drei Themen, mit denen prinzipiell jede Studie ihren Weg in die Schlagzeilen schafft. Kein Wunder also, dass Bild.de über die Erkenntnisse einer Studie der Washington University in St. Louis berichtet, in denen das durch übermäßigen Alkoholkonsum verursachte Phänomen “Filmriss” untersucht wurde.

Erstaunlich ist, wen Bild.de hierbei im Zusammenhang mit “Schlüssel-Rezeptoren im Gehirn (…), welche entscheidend für Lern-Prozesse und das Gedächtnis sind” zu Wort kommen lässt:

Samuel B. Guze, Professor und Leiter der Abteilung für Psychiatrie an der Universität von St. Louis: “Es braucht große Mengen an Alkohol, um diese Prozesse zu stören. (…)”

Bei Bild.de braucht es jedoch nicht mal Alkohol, um die Wahrnehmung aussetzen zu lassen, denn Dr. Samuel B. Guze war an der Studie überhaupt nicht beteiligt — aus dem nachvollziehbaren Grund, dass er seit elf Jahren tot ist.

Die Aussage, die hier zitiert wurde, stammt in Wirklichkeit von Charles F. Zorumski, der nicht nur Leiter der Studie ist, sondern auch eine von Samuel B. Guze und seiner Gattin noch zu Lebzeiten (1998) gestiftete Professur innehat.

Charles F. Zorumski, den Bild.de weiter unten im Text auch korrekt als Studienleiter benennt, ist also quasi der Samuel-B.-Guze-Professor der Washington University. In der Originalmitteilung der Universität heißt es entsprechend:

“It takes a lot of alcohol to block LTP and memory,” says senior investigator Charles F. Zorumski, MD, the Samuel B. Guze Professor and head of the Department of Psychiatry.

Mit Dank an D. N.

Nachtrag, 16.30 Uhr: Bild.de hat den Namen des Professors unauffällig korrigiert.

Nachtrag, 12. Juli: Bild.de hat sich doch noch entschlossen, transparent auf die Korrektur hinzuweisen. Unterhalb des Artikels steht jetzt:

*LIEBE LESER, HIER IST UNS EIN FEHLER UNTERLAUFEN: Irrtümlich haben wir zunächst berichtet, Samuel B. Guze hätte dieses Zitat abgegeben. In Wahrheit war es Professor Zorumski, der die Guze-Professur innehat. Professor Guze ist bereits im Jahr 2000 verstorben. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Landweg nach Indien entdeckt

Endlich wäre auch das mal geklärt:

Neue Umfrage: Italiener sind Europas schlechteste Autofahrer. Auch deutsche Fahrkünstler kommen nicht gut weg

Bild.de berichtet über erstaunliche neue Erkenntnisse:

In der aktuelle Umfrage des Ferien-Autovermieters “Holiday Autos” dürfen sich die Italiener mit dem zweifelhaften Titel als “schlechteste Autofahrer Europas” schmücken.

Die Top-10-Liste, die Bild.de in eine zehnteilige Klickstrecke gepackt hat, wartet dann auch mit einer echten Überraschung auf:

Europas schlechteste Autofahrer 2011 - Platz 7: USA (4 Prozent der Stimmen)

Die USA in Europa?! Weiß das Barack Obama? Oder Sarah Palin?

Kein Grund zur Panik für die Amerikaner: Bei Bild.de waren sie nur zu doof, die Pressemitteilung abzuschreiben, die sie selbst verlinkt haben.

“Holiday Autos” hat demnach einfach nur “die schlechtesten Autofahrer” ermittelt. Das Wort “Europa” taucht in der Pressemitteilung nicht ein mal auf.

Mit Dank an Daniel G.

Nachtrag, 8. Juli: Bild.de hat den Artikel überarbeitet und weist sogar darauf hin:

Nachtrag: In einer früheren Fassung des Artikels schrieben wir von “Europas schlechtesten Autofahrern”. Tatsächlich bezieht sich die Umfrage aber nicht nur auf Europa. Vielen Dank an die vielen Hinweise unten im Kommentarblock.

Spiegel, DSK, Bagelheads

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Spaß und Spannung mit Adolf und Josef”
(blaetter.de, Uli Gellermann)
Uli Gellermann vermisst in der “Spiegel”-Titelgeschichte “Bruder Todfeind” vom 11. Juni einige Fakten. Es kommt ihm ausserdem vor, als werde “der Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion, der vor 70 Jahren begann, zu einem sportiven Duell zwischen Josef und Adolf.” Zum aktuellen “Spiegel”-Titel “Die digitale Unterwelt” siehe “Welcome to Germany. ‘Der Spiegel’ in Full Retard Mode” (davaidavai.com, englisch).

2. Interview mit Christian Stöcker
(basicthinking.de, Jürgen Vielmeier)
Wie geht Christian Stöcker, Ressortleiter “Netzwelt” von “Spiegel Online”, mit Fehlern um? “Fehler machen wir natürlich auch, und es ist klar, dass sich das nie ganz vermeiden lassen wird. Unser Anspruch besteht darin, dem Leser das Beste zu liefern, was unter den aktuellen Umständen drin ist – was auch bedeutet, dass wir schnellstens und transparent korrigieren, wenn tatsächlich mal ein Fehler auf der Seite gelandet sein sollte.”

3. “Achtet mir die Blogger”
(kundenkunde.de, Peter Soltau)
Henrik Böhme von dw-world.de reagiert auf einen kürzlich angebrachten Plagiatsvorwurf.

4. “Neue Medienmode lateinamerikanischer Potentaten”
(faz.net, Josef Oehrlein)
Wie der Präsident von Venezuela, Hugo Chávez, mit Medien umgeht. “Für ihn zählt nur der direkte Kontakt zu seinem Publikum, dem ‘Volk’. Dazu braucht es für ihn weder Regierungssprecher noch Journalisten. Bei Pressekonferenzen, so sie überhaupt noch stattfinden, sind Journalisten bloße Stichwortgeber für schier endlose Monologe.”

5. “DSK darf wieder lächeln”
(katrinschuster.de)
Die Berichterstattung der Medien über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn: “Offenbar will man einfach nicht wahrhaben, dass Journalisten weder der Exekutive noch der Judikative angehören. Und wenn Medien einen Angeklagten erst als schuldig vorstellen, noch bevor die Ermittlungen begonnen haben, um es dann ‘spektakulär’ zu nennen, wenn während der Ermittlungen Zweifel an dieser Schuld aufkommen, wird auch ihre Befähigung zur Ausübung der so genannten Vierten Gewalt in dieser unserer Gesellschaft des Spektakels ziemlich fraglich.” Siehe dazu auch Stefan Niggemeier, der Artikel in “Stern” und “Spiegel” analysiert.

6. “Und um das Sommerloch: ein Bagel”
(snoeksen.blogspot.com)
Bild.de berichtet über “Bagelheads”: “Nur: zum einen ist es kein wirklicher Trend, neu ist es auch nicht und aus Japan… naja, entstanden ist es zumindest woanders.”

dapd  etc.

Hilfe!

Gestern Mittag vermeldete die Nachrichtenagentur dapd aufgeregt das “Aus für Notrufsäulen an deutschen Straßen bis Jahresende”. Wer bei dieser Überschrift angenommen hatte, die orangefarbenen Notrufsäulen entlang der Autobahnen (die ja durchaus als “deutsche Straßen” durchgehen dürften) würden – etwa bis Jahresende – verschwinden, wurde schon im ersten Satz eines besseren belehrt:

Alle Notrufsäulen an den deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen werden bis zum Jahresende abgebaut. Dies teilte die Björn-Steiger-Stiftung in Stuttgart auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd mit. (…)

Nicht betroffen vom beschlossenen Abbau sind die derzeit rund 16.000 Notrufsäulen an den deutschen Autobahnen, für die der Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) zuständig ist.

Aber auch das war offensichtlich nicht ganz richtig, denn dapd verschickte rund vier Stunden später eine “Berichtigung”. Dort hieß es nun:

Nur Baden-Württemberg behält Notrufsäulen

Was genau es bedeutet, wenn “nur Baden-Württemberg” die Notrufsäulen behält, erklärte dapd natürlich auch gerne:

Nur Baden-Württemberg behält Notrufsäulen an den Bundes-, Landes- und Kreisstraßen, in den anderen Bundesländern werden sie abgebaut. Das teilte die Björn-Steiger-Stiftung in Stuttgart auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd mit. Bundesweit gibt es den Angaben zufolge derzeit knapp 2.100 Säulen, davon allein rund 1.800 in Baden-Württemberg.

dapd hatte also herausgefunden, dass immerhin 14% der noch bestehenden Notrufsäulen an deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen abmontiert werden sollen — nämlich die außerhalb Baden-Württembergs. Die restlichen der ehemals rund 7.000 Notruftelefone sind nämlich seit der Einführung eines Handyortungssystem für die Leitstellen im Jahr 2006 sukzessive abgebaut worden, wie uns die Björn-Steiger-Stiftung auf Anfrage erklärte.

Nun würde man als Laie sagen: “Hmmmmm, das ist dann wohl eher keine Meldung! dapd war sich nur zu fein, den ursprünglichen Schwachsinn komplett zurückzuziehen.” Doch Profis denken da anders.

“Bild” bringt heute auf der Titelseite folgende Kurzmeldung, die sich offensichtlich auf eine der ersten dapd-Varianten beruft:

Notrufsäulen an Bundesstraßen werden abgeschafft

Stuttgart – Alle Notrufsäulen an den deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen werden bis zum Jahresende abgebaut. Das teilte die Björn-Steiger-Stiftung in Stuttgart mit. Die Notrufsäulen seien nicht mehr finanzierbar. Außerdem habe die heute selbstverständliche Handynutzung sowie die nun mögliche Ortung von Mobiltelefonen die Säulen zuletzt zunehmend überflüssig gemacht. Bundesweit gibt es noch rund 2000 Säulen. Nicht betroffen sind die rund 16000 Notrufsäulen an den Autobahnen.

Diese Quelle muss auch der “Tagesspiegel” benutzt haben:

Notrufsäulen an deutschen Straßen verschwinden bis Jahresende

Stuttgart – Für die Notrufsäulen an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen kommt das Aus. Sie würden bis zum Jahresende abgebaut, teilte die Björn-Steiger-Stiftung mit. Die Säulen seien nicht mehr finanzierbar. Zudem seien sie durch die Handynutzung zunehmend überflüssig. Nicht betroffen sind die 16 000 Notrufsäulen an den Autobahnen. dapd

Die “Süddeutsche Zeitung” brachte einen längeren Artikel, der auf der ersten dapd-Meldung basierte und auch die Online-Medien haben die NichtGeschichte natürlich dankbar aufgenommen — wobei abendblatt.de eine wahre Meisterleistung geglückt ist: In dem Artikel, der mit den Worten “nur Baden-Württemberg behält Notrufsäulen” beginnt, zeigt sich ein ADAC-Experte vom “kompletten Aus für die Notrufsäulen an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen” überrascht. Der dapd hatte das ADAC-Zitat aus seiner berichtigten Fassung herausgenommen, weil sich das “komplette Aus” als wenig haltbar erwiesen hatte.

Auch die dpa erweckt seit gestern den Eindruck, der seit fünf Jahren voranschreitende Abbau der Notrufsäulen sei eine Neuigkeit:

Aus für Notrufsäulen – Steiger Stiftung baut ab

Stuttgart (dpa) – Die Björn Steiger Stiftung baut ihre Notrufsäulen bundesweit nach und nach ab. Von den ursprünglich 7000 Säulen stehen noch 2095, davon gut 1800 in Baden-Württemberg, sagte eine Sprecherin der Stiftung am Mittwoch in Stuttgart. Die hohen Kosten für das Notrufsystem über die Säulen an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen seien in Zeiten von Handys nicht mehr zu rechtfertigen, begründete sie die Entscheidung. Nicht betroffen sind die Säulen an Autobahnen. Sie werden vom Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) betrieben.

Mit großem Dank an Tobias.

Hinweis, 19.10 Uhr: In der ursprünglichen Fassung dieses Eintrags hatten wir geschrieben, die dpa-Meldung sei “immer noch völlig unkorrigiert”. Die dpa erklärte uns dazu, dass es an der Meldung “nichts zu korrigieren” gebe, da alle Fakten korrekt wiedergegeben würden.

Miami Vize

Gary Foster, ein früherer Mitarbeiter des amerikanischen Finanzdienstleisters Citigroup, ist angeklagt, über 19 Millionen Dollar unterschlagen und auf sein eigenes Konto überwiesen zu haben. Vielleicht tröstet ihn da ja ein wenig, dass er von den deutschsprachigen Medien nachträglich ganz an die Spitze seiner Bank befördert wurde.

Ursprung der Falschmeldung dürfte dieser Bericht der Nachrichtenagentur “Reuters” sein:

Ex-Citi-Spitzenmanager soll Bank 19 Mio Dollar gestohlen haben

(…) Ein früherer Spitzenmanager der US-Bank Citigroup soll dem Geldhaus rund 19 Millionen Dollar gestohlen haben. Dem einstigen Citi-Vizepräsidenten Gary Foster werde vorgeworfen, zwischen Mai 2009 und Dezember 2010 das Geld von Citi-Konten auf seine eigenen umgeleitet zu haben, teilten die US-Anklagebehörden am Montag mit.

Zwar ist es korrekt, dass Foster den Titel “Vice President” – oder, um genau zu sein, “Assistant Vice President” – führte, aber das bedeutet noch lange nicht, dass der durch den deutschen Begriff Vizepräsident korrekt übersetzt ist. Im amerikanischen Firmen gibt es nämlich zahlreiche Vice Presidents (BILDblog berichtete), deren untere Ränge mit einem einfachen Abteilungsleiter vergleichbar sind. Ein dem deutschen Verständnis eines Vizepräsidenten entsprechender Senior Executive Vice President bzw. Deputy President steht bis zu sieben Stufen über dem ehemaligen Assistant Vice President Gary Foster:

  1. Senior Executive Vice President (SEVP) = Deputy President
  2. Executive Vice President (EVP)
  3. Group Vice President (GVP)
  4. Senior Vice President (SVP)
  5. Corporate Vice President (CVP) – First Grade Executive Officer (or VP of old type company)
  6. First Vice President (FVP)
  7. Vice President (VP)
  8. Assistant or Associate Vice President (AVP)

Und während Gary Foster von der “New York Times” korrekt als “midlevel accountant in Citigroup’s Long Island City back office” bezeichnet wird, beförderten ihn deutschsprachige Medien durchweg zum “Ex-Citigroup-Vize”, “Ex-Citi-Vize”, “ehemaligen Spitzenmanager”, zur “ehemaligen Führungskraft” oder gar zum “Ex-Citi-Spitzenmanager”. Einzig die “Financial Times Deutschland” ordnet Foster korrekt dem “mittleren Management” zu.

Mit Dank an Frank (danke auch für den tollen Reim).

Nachtrag, 18:03 Uhr: Tagesschau.de und “Spiegel Online” haben sich inzwischen korrigiert und weisen jeweils am Ende des Artikels transparent darauf hin. Bei “Spiegel Online” scheint sich die Korrektur aber hauptsächlich auf die Überschrift zu konzentrieren. Im Teaser und im Text ist immer noch die Rede von einem “früheren Spitzenmanager” und “einstigen Top-Manager”.

AOL, Tagesschau-App, Konflikte

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “AOL Hell: An AOL Content Slave Speaks Out”
(thefastertimes.com, Oliver Miller, englisch)
Ein eindrücklicher Bericht aus der AOL-Klickfabrik, in der es ganz egal geworden ist, was in einem Artikel steht, solange alles andere stimmt: “When it comes to an article, what AOL cares about is the title, and the ‘keywords’ that will make the article more likely to show up among the top results on Google. You type phrases into ‘Google Trends,’ and it suggests the most popular combination of words associated with that topic. You then stick those words into your title and first paragraphs. Rinse, wash, and repeat.” Siehe dazu auch diesen Artikel auf t3n.de. Hintergründe zum “eighth degree, black belt idiot” auf techcrunch.com.

2. “The Schlong Goodbye”
(thedailyshow.com, Video, englisch, 4 Minuten)
Wie US-TV-Sender reagieren, als Nancy Pelosi bei einer Pressekonferenz gleich zu Beginn klarstellt, dass sie nicht über den aufgrund einer Sexaffäre zurückgetretenen Abgeordneten Anthony Weiner, sondern über Jobs, Medicare und die Mittelklasse reden wird.

3. “Die Tagesschau-App und das Märchen von der Wettbewerbsverzerrung”
(claushesseling.de)
Claus Hesseling hält die Klage verschiedener deutscher Zeitungsverlage gegen die App von tagesschau.de für einen schlechten Witz. “Vielleicht dämmert es auch bald den Verlagsmanagern: Aktuelle Nachrichten wird es immer immer immer frei und kostenlos im Netz geben. Egal ob auf tagesschau.de, Twitter oder anderen Quellen.”

4. “Ha-haaaaaaaaa”
(katjakullmann.de)
“Soeben ereilt mich ein überaus dringender Anruf. Ein berühmtes People-Magazin aus München war dran: Man habe gehört, dass ich komplett pleite sei und kaum noch zu essen habe – ob man bitte schnell eine Homestory machen könne (‘mit Fotos’) – und ob und wann denn mein neues Buch eigentlich erscheine.”

5. “BILD gefällt mir nicht!”
(duesteregrenze.wordpress.com, Stefan Grenz)
Stefan Grenz schreibt über “Bild”: “Solange Journalisten anderer Medien BILD zitieren, solange machen sie sich mitschuldig am Erfolg von BILD.”

6. “Wie deutsche Medien Konflikte klassifizieren”
(graphitti-blog.de, katja)

Gemischtes Doppel

Wegen des heutigen Feiertags ist das Wochenende für die meisten Arbeitnehmer drei statt zwei Tage lang.

Man könnte auch sagen: Das Wochenende ist 50% länger.

Oder wie Bild.de schreiben würde: Das Wochenende hat sich verdoppelt.

USA verdoppeln Rüstungsexporte: Die USA steigern ihre Rüstungsexporte in diesem Jahr voraussichtlich um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

B.Z.  

Falsches Topmodel gewählt

Falls Sie zu den 78 Millionen Deutschen gehören, die das Finale der ProSieben-Sendung “Germany’s Next Topmodel” gestern nicht verfolgt haben: Gewonnen hat die 20-jährige Jana aus Haltern am See.

Das kam für viele überraschend, aber kaum jemand hatte sich – trotz abschreckender Beispiele in der jüngsten Vergangenheit – so weit aus dem Fenster gelehnt wie die “B.Z.”, die gestern auf ihrer Titelseite schrieb:

Topmodel-Finale: Darum wird es Amelie

Die Berliner Boulevardzeitung nannte “5 Indizien, warum die 16-Jährige Amelie am Donnerstag Germany’s next Topmodel gewinnen wird”. Denn:

Die Spatzen pfeifen bereits von den Dächern, dass das Küken gewinnt.

Doch offensichtlich hatten die Spatzen entweder undeutlich gepfiffen, sich geirrt — oder die Topmodel-Jury um Heidi Klum wollte sich partout nicht an die Wünsche der “B.Z.” halten:

Nach den eher exotischen Sara Nuru und Alisar Ailabouni soll wieder eine Blondine gewinnen. Und Amelies (1,75 Meter) blonde Konkurrentin Jana ist mit 1,73 Metern zu klein für ein Model.

Favoritin Amelie flog im Finale übrigens als Erste raus.

Mit Dank an Marco S.

Bild  

Des Wahnsinns fette Beute

Es geht um Macht, Ehre und um schlimme Sex-Vorwürfe. Bei den Rechtswissenschaftlern der Bremer Uni ist heftiger Prof-Zoff ausgebrochen.

Das klingt doch schon mal nach den richtigen Zutaten für eine zünftige “Bild”-Geschichte. Und so berichtete das Blatt am Dienstag in Bremen groß über den “Irren Prof-Zoff an der Bremer Uni”.

Der Professor, der “schlimme Sex-Vorwürfe” gegen seine Kollegen erhob, saß da bereits seit zwei Wochen in der geschlossenen Psychiatrie des Zentralkrankenhauses Bremen-Ost.

Dort besuchte “Bild” ihn dann für die Mittwochsausgabe. Oder genauer: Die Zeitung tat so, als hätte sie ihn dort besucht. Der Klinikbetreiber erklärt dagegen, “definitiv” keine “Bild”-Reporter zu dem Patienten gelassen zu haben.

“Bild” zeigt den Mann in seinem Krankenzimmer, nennt ihn mit vollem Namen und und lässt ihn über eine “schier unglaubliche Mobbing-Kampagne” sprechen, die der offensichtlich schwer kranke Jurist gegen sich wittert. Dadurch, dass “Bild” den Professor ernst nimmt und ihm eine öffentliche Bühne bietet, die er sucht, vor der er selbst aber mutmaßlich geschützt werden sollte, sinken die Chancen, dass der Mann nach einer möglichen Genesung wieder in seinen Arbeitsalltag zurückkehren könnte. Kurzum: Für die geile Story nutzt “Bild” einen psychisch Kranken aus und geht das Risiko ein, dessen Ruf vollends zu zerstören.

Die “taz” berichtet heute in ihrer Nord-Ausgabe ausführlich über die Berichterstattung der “Bild”-Zeitung, die den kranken Professor zusätzlich “demontiert”:

Blättern:  1 ... 1122 1123 1124 ... 1203