Am 26. August 2004 passierte im Wiehltal einUnfall. Medienberichten zufolge nannte ihn die Polizei damals den “folgenschwersten Verkehrsunfall, den es in Deutschland je gab”. Ein Tanklaster fiel auf der A4 kurz hinter der Abfahrt Gummersbach von der Wiehltalbrücke. Über 30.000 Liter Kraftstoff gingen in Flammen auf. Gestern begann der Prozess gegen den mutmaßlichen Verursacher des Unfalls. Und die prozessbegleitende Berichterstattung auch. Bild.de allerdings schrieb in der Zusammenfassung des Unfallhergangs:
Und das ist seltsam, weil die Wiehltalbrücke an ihrer höchsten Stelle doch nur 60 Meter hochist.
Bitte beantworten Sie die folgende dreiteilige Frage:
Erstens: Welchem Zweck dient Ihrer Ansicht nach der Einsatz von Blaulicht und Martinshorn an Polizeifahrzeugen? Zweitens: In welcher Situation werden die Signale eingesetzt? Drittens: Können Sie sich Situationen vorstellen, in denen Blaulicht und Martinshorn die notwendige Eindeutigkeit polizeilicher Zeichen und Weisungen nicht gewährleisten?
Antwortvorschlag A
Einsatzfahrzeuge der Polizei nutzen Martinshorn und Blaulicht meist, damit andere Autofahrer Platz machen. Das Polizeiauto befindet sich auf dem Weg zu seinem Einsatzort. Aber letztens, wollte die Polizei mich bloß mit Blaulicht und Martinshorn anhalten, was ich zuerst gar nicht richtig begriffen hatte, weil ich die Leuchtschrift “Stop Polizei” zunächst übersehen hatte. Da wär’ ein anderes Signal vielleicht praktischer.
Antwortvorschlag B
Einsatzfahrzeuge der Polizei nutzen Martinshorn und Blaulicht meist, damit andere Autofahrer Platz machen. Die Beamten haben tierischen Kohldampf und Kaffeedurst und sind auf dem Weg zu “Dunkin’ Donuts”. Wenn die jetzt aber ‘n echten Einsatz haben, wär’ so’n extra Zeichen natürlich super — könnt’ ich gleich hinterher.
Wenn Sie sich für Antwort B entschieden haben, sind Sie höchstwahrscheinlich “Bild”-Redakteur und für diesen kurzen Text auf der heutigen Titelseite verantwortlich:
Darin heißt es nämlich:
Zivilfahnder, Streifenbeamte und Autobahn-Cops donnern künftig mit dem Heulton “Yelp” der US-Polizei zu ihren Einsätzen.
Wenn Sie sich aber für Antwort A entschieden haben, ist diese Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums sicher interessant. Und für alle, die sich für Antwort B entschieden haben sowieso.
Die ehemaligen Bundesminister und SPD-Politiker Egon Bahr, Erhard Eppler und Hans-Jochen Vogel haben sich entschieden, einen Offenen Brief an den “Bild”-Chefredakteur und Herausgeber Kai Diekmann zu schreiben. Anlass dafür ist die gestrige “Bild”-Kolumne “Berlin intern” von Hugo Müller-Vogg (Überschrift: “So kam Willy Brandt an den Nobelpreis”), die von Bahr, Eppler und Vogel als “schändliches Schmierenstück” bezeichnet wird. Weiter heißt es in dem Brief an Diekmann:
“Sie sollten dafür sorgen, dass auch im Wahlkampf das Minimum von politisch-journalistischem Anstand nicht unterschritten wird.”
Mallorca ist eine der schönsten Mittelmeer-Inseln und “Bild” manchmal sehr genau.
Im Juli beispielsweise hatte “Bild” ausführlich über Boris Becker und “seine Elena” berichtet. “Bild” wusste alles, naja: fast alles über seine “Mallorca-Bekanntschaft”: Mit was für einem Autotyp welcher Farbe Becker mit ihr über die Mittelmeer-Insel fuhr und so weiter. Und als “die süße Russin” Mallorca verlassen hatte, war “Bild” ihr auf den Fersen, wusste in welchem Stadtteil welcher Stadt sie wohnt, wer im selben Haus einen Tiefgaragenplatz hat und was genau auf ihrem Klingelschild steht. Und anschließend wussten all das auch Millionen “Bild”-Leser.
Nachtrag, 27.8.2005:
Sorry, wir müssen uns korrigieren. Aber ja: Denn Boris Becker gehört doch, wie Lafontaine, zur Riege ehemaliger “Bild”-Kolumnisten. Nach seinem ersten Wimbledon-Sieg nämlich hatte ihn “Bild” vier Jahre lang als Kolumnisten (angeblich für eine Jahresgage von rund einer Million Mark) verpflichtet gehabt. “Als Gegenleistung mußte der Gast-Autor etwa 20mal im Jahr Intimes aus seinem Leben zu Papier bringen lassen”, schrieb jedenfalls der “Spiegel” im Jahr 1989. Da war nämlich Schluss mit Beckers Kolumnistentätigkeit. Unklar ist, ob Becker “Bild” oder “Bild” Becker den Vertrag kündigte. Fest steht nur, dass die Zusammenarbeit vorzeitig endete, nachdem Becker in einem Interview mit der Zeitschrift “Sports” über “Bild” gesagt hatte:
“Ich konnte mich mit der Art und Weise, wie die Geschichten erfinden und auch mit den Methoden, wie sie arbeiten, nicht identifizieren.”
Mit Dank an Lorenz L. fürs vage, aber gute Erinnerungsvermögen.
Niels Annen ist 32 Jahre alt, SPD-Direktkandidat für den Deutschen Bundestag im Wahlkreis Hamburg-Eimsbüttel und studiert. Und “Bild” fragte in großer Aufmachung (am Samstag in der Hamburg-Ausgabe, am Montag in Berlin):
Wer’s nicht gelesen hat, kann das seit gestern nachholen, weil “Bild” noch einen zweiten, inhaltlich recht ähnlichen Artikel über “das SPD-Milchgesicht” veröffentlicht hat. Die Hauptfrage diesmal:
Und man könnte den Eindruck haben, die unabhängige und überparteiliche “Bild” ließe sich hier in ihrer Berichterstattung von der Opposition instrumentalisieren. Aber wir wollen nicht spekulieren. Halten wir uns lieber an die Fakten – und Fakt ist: “Bild” schrieb über Annen:
“Wenn er es jetzt in den Bundestag schaffen sollte, verdient er ca. 10.600 Euro!”
Weiter hieß es in “Bild”:
“Um die 10.600 Euro monatlich, die er dann verdienen würde, werden ihn seine Mitstudenten sicherlich beneiden.”
Auch im zweiten Annen-Text ist in “Bild” von der “Aussicht auf 10.600 Euro Diäten im Monat” die Rede – und das stimmt wieder nicht: Annen wird (wenn es ihm gelingt, am 18. September in seinem Wahlkreis mehr Wähler als die Direktkandidaten anderer Parteien davon zu überzeugen, ihm ihre Erststimme zu geben) wie jedes Mitglied des Bundestages, gemäß Artikel 48, Abs. 3 des Grundgesetztes eine “Diäten” genannte Abgeordnetenentschädigung von monatlich 7.009 Euro gezahlt bekommen. So will es das Gesetz. Zusätzlich dazu steht jedem (in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählten) MdB eine Kostenpauschale zu, über die es auf der Website des Bundestages heißt:
“Weil ein ‘MdB’ auch im Wahlkreis keinen Arbeitgeber hat (der ein Büro stellt, Reisekosten abdeckt und Kilometergeld bezahlt) […] gibt es die Kostenpauschale. Sie beträgt zur Zeit 3.589,00 Euro […]. In vielen Fällen reicht die Pauschale nicht aus. Höhere Ausgaben werden jedoch nicht erstattet, und sie können auch nicht steuerlich abgesetzt werden; denn für den Abgeordneten gibt es keine ‘Werbungskosten’.”
Man könnte also spekulieren, dass “Bild” einfach Abgeordnetenentschädigung und Pauschale zusammenaddiert hat. Aber wie gesagt: Das wollen wir ja nicht.
Mit Dank an Fiete S. und derpraktikant für die Hinweise.
Nachtrag, 25.8.2005:
Und wir sind gespannt, wann “Bild” sich in ähnlich großer Aufmachung über Philipp Mißfelder hermacht. Schließlich ist Mißfelder 26 Jahre alt, CDU-Direktkandidat im Wahlkreis 122 und studiert ebenfalls.
Gestern morgen um 9.37 Uhr meldete die Deutsche Presse-Agentur (dpa): ‘Schröder für den Friedensnobelpreis nominiert.'”
So steht es heute in der gedruckten “Bild”. Und natürlich stand das, womit “überhaupt keiner gerechnet hatte”, auch gestern schon bei Bild.de.
Auf der Bild.de-Startseite stand:
Und dann, andernorts, nochmals:
Oben, über dem dazugehörigen Artikel, stand’s dann wieder:
Und im Artikel selbst natürlich auch:
Wie “Bild” berief sich auch Bild.de ausdrücklich auf “die Deutsche Presse-Agentur (dpa)”, die allerdings am frühen Dienstagnachmittag in einer ersten Zusammenfassung zudem vermeldet hatte:
“Sie [die Nominierung] wurde allerdings bereits vor dem 1. Februar in Oslo eingereicht, als von der vorgezogenen Bundestagswahl im September noch keine Rede war. Nach den Regeln des Osloer Nobel-Komitees müssen bis Februar alle Bewerber-Vorschläge für das laufende Jahr vorliegen.”
Um eventuelle Missverständnisse zu vermeiden, wurde die dpa wenig später sogar noch deutlicher und schrieb:
“Allerdings steht auch fest, dass die Nominierung kein später Einfall von SPD-Strategen nach der Ankündigung der Neuwahl ist.”
Anders als andere, anders auch als die gedruckte “Bild”, glaubte deren Online-Version (an sich durchausin der Lage, Meldungennachzubessern) gestern allerdings auf einen entsprechenden Nachtrag verzichten zu können – und das ausgerechnet mitten im Wahlkampf…
Am 31. Juli sind in Brieskow-Finkenherd die Leichen von neun Kindern gefunden worden, die von ihrer Mutter getötet worden sein sollen. Am 1. August fand eine Pressekonferenz statt, auf der unter anderem gesagt wurde, dass die Mutter drei erwachsene Kinder sowie eine fast zweijährige Tochter namens Elisabeth hat. Entsprechend berichteten ab 2. August Medien wie die “Berliner Zeitung”, der “Tagesspiegel”, der “Berliner Kurier”, die “Berliner Morgenpost”, die “B.Z.”, die “Leipziger Volkszeitung” und andere über dieses Kind. Sie nannten es: Elisabeth.
Die Wahrheit setzte sich nur zögernd durch. Am 7. August flackerte sie schon einmal kurz in der “Bild am Sonntag” auf, die Elisabeth Elisabeth nannte. Aber am 8. August, als “Bild” einen Brief der Mutter aus dem Gefängnis veröffentlichte, schwärzte das Blatt die Stelle, an der der (vermutlich richtige) Name stand und behauptete, dort stünde Isabell. Erst am 9. August trug Isabell auch in “Bild” ihren eigenen Namen.
Verwirrt? Ratlos? Wir auch. Warum zeigt “Bild” ein einjähriges Mädchen identifizierbar auf Fotos, verwendet aber eine Woche lang — anders als alle anderen Blätter — einen falschen Namen für das Kind?
Sowas ist peinlich, kann aber passieren. Warum sich die Angelegenheit aber einmal in Hohenwestedt (richtig), einmal aber auch im rund 50 Kilometer entfernten Eckernförde (falsch) abgespielt haben soll, weiß wohl nur “Bild”.
In der heutigen “Bild am Sonntag” fehlt ein Satz. Er lautet: “Andreas Türck, bitte tun Sie uns alle einen Gefallen und beenden ihre traurige Existenz.”
Dieser Satz steht nicht da. “Bild am Sonntag”-Autor Stefan Hauck hat ihn nicht hingeschrieben. Aber wenn man seinen langen Text über den Fernsehmoderator Türck liest, könnte man auf den Gedanken kommen, dass dieser Satz nur zufällig fehlt.
Das Urteil im Vergewaltigungs- Prozess gegen Andreas Türck soll erst am 8. September fallen. “Bild am Sonntag” richtet schon heute über ihn. Türcks 36 Jahre nennt Stefan Hauck ein “erbärmliches Leben”: Türck sei ein Mensch mit sehr wenig Talent. Die “Summe seiner Begabungen” reichte nicht aus, es zu mehr zu bringen, als zu einer kurzen, schäbigen Fernsehkarriere. Bald wäre er höchstens im “Dschungelcamp” noch aufgetaucht, und Leute wie Hauck, der seit Jahren die Großen und Wichtigen für “Bild am Sonntag” interviewt, hätten sich nicht mehr mit ihm auseinandersetzen müssen.
Doch dann kam die Anklage wegen Vergewaltigung und brachte Türck noch einmal in die Schlagzeilen. Allerdings ist es im Moment alles andere als sicher, dass Türck schuldig gesprochen wird. “Zweifel an Türcks Schuld mehren sich”, schrieb die “F.A.Z.” am Freitag. Auch die “Bild am Sonntag” scheint mit einem Freispruch zu rechnen. Nur ändert das für sie nichts an der Schuld Türcks, in einem ganz anderen als dem juristischen Sinne:
Nun ist es aber so, daß Andreas Türck auf seinem Rückweg in die vorhersehbare Bedeutungslosigkeit dann doch etwas Unvorhersehbares tat. Und deshalb sitzt er nicht im “Dschungelcamp”, sondern als Angeklagter auf einem blauen Polsterstuhl im Saal 165 C des Frankfurter Landgerichts.
Auch deshalb muß man kein Mitleid empfinden.
Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Sätze zu deuten. Entweder will “Bild am Sonntag”-Autor Hauck sagen, dass er sicher ist, dass Türck die Frau vergewaltigt hat, ganz egal, ob man ihm das nachweisen kann und er von einem Gericht verurteilt wird. Für diese Möglichkeit spricht Haucks Formulierung, dass Türck “etwas Unvorhersehbares tat”. Im Klartext hieße dies: “Andreas Türck ist ein Vergewaltiger”. Oder “Bild am Sonntag”-Autor Hauck will sagen, dass Türck ein so verkommener Mensch ist, dass er es verdient hat, für einen Vergewaltiger gehalten zu werden, selbst wenn er keiner ist. Für diese Möglichkeit spricht Haucks Formulierung, dass man kein Mitleid mit ihm empfinden müsse. Im Klartext hieße dies: “Andreas Türck ist so schlimm wie ein Vergewaltiger.”
Was wirft die “Bild am Sonntag” Andreas Türck vor, außer dass seine Karriere größer und länger gewesen sei, als ihm nach der “Summe seiner Begabungen” zustand? Dass er sich angeblich gerne in Lokalen “im Halbschatten der Gesellschaft” aufhielt, weil es “wenigstens hier Menschen gab, die ihn für eine große Nummer beim Fernsehen hielten”. Dass er angeblich Mädchen imponierte, “die Kaufhausmode tragen und ganz ernsthaft ‘Party machen’ sagen, wenn man sie fragt, was sie sich als ihre Zukunft vorstellen”. Und dass er, der Untalentierte, ernsthaft geglaubt hat, “sein Ticket in die Fernsehwelt wäre eine Dauerkarte”.
Im Grunde sagt Stefan Hauck zu Andreas Türck, dass er — ganz egal, ob er im September freigesprochen wird oder nicht — es nicht verdient hat, jemals wieder auf die Beine zu kommen. Oder “ins Licht”, wie Hauck es nennt. Dass ihm dieser Platz in der Öffentlichkeit nicht zusteht — nicht einmal als (möglicherweise zu unrecht) Angeklagter. Haucks Artikel ist eine einzige wütende Anklage: Wie kann Andreas Türck es wagen, ihn, den “BamS-Autor”, noch einmal mit seiner erbärmlichen Existenz zu behelligen?