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Zé Robertos Geheimnisverrat “in BILD”

Der Brasilianer José Roberto de Olivera alias Zé Roberto spielt demnächst beim Fußballverein Schalke 04 und gab (so steht’s seit gestern beispielsweise im WAZ-Portal DerWesten) “am Montag sein erstes Interview” und zwar (so steht’s seit gestern auf der Schalke-Homepage) “auf der Terrasse des Hotels Kempinski ‘The Dome’ in Belek”, wo er (so steht’s seit gestern im Regionalportal westline) in einer “Fragerunde mit den Journalisten (…) bereitwillig alle Fragen zu seiner Person beantwortet” hatte.

Kurzum: Zé Roberto gab in der Türkei eine Pressekonferenz, von der heute auch “Bild” berichtet.

Und alles, wirklich alles, was sich heute dazu in “Bild” nachlesen lässt, steht auch andernorts — allerdings nicht so, wie es sich in “Bild” nachlesen lässt:

"Ze Roberto - In BILD verrät er seine 11 Geheimnisse (...) Aber BILD verriet er schon seine 11 Geheimnisse."

Mit Dank an Thomas S. und Mike S. für die Hinweise.

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Angi Baldauf ist “Bild”-Reporterin. 2002 beispielsweise war sie damit beschäftigt, für “Bild” ein gutes Dutzend Artikel über das “Krebsmädchen Anita” zu schreiben und anschließend rund zwei Dutzend Artikel über das “Krebsmädchen Dari”. (Bonustrack: “Anita (…) tröstet die kleine Dari”). Außerdem berichtete Baldauf u.a. über das “Krebs-Drama” bzw. den “Krebs-Fluch” von “Merkels schöner Ministerin” (Ursula von der Leyen), über den “Krebs-Schock” bei “Deutschlands jüngster Bischöfin” (Margot Käßmann) — und natürlich immer mal wieder über Anita (“Jetzt werde ich Mama”) und Dari (“Jetzt ist sie gesund”)…

Mit anderen Worten: Mit Krebsmädchen kennt sich die Angi aus.

Und nicht nur das. So wusste Baldauf am gestrigen Samstag zu berichten, dass ein regionaler Radiosender mit ein paar Politikern einen Wahlwerbesong aufgenommen hat — “zur Melodie des WM-Songs von Sportfreunde Stiller ’54, 74, 90, 2006′” (der während der Fußball-WM 2006 mehrere Wochen lang den ersten Platz in den deutschen Verkaufscharts belegt hatte). Und alle, die bis gestern noch dachten, die Sportfreunde Stiller hätten damals irgendwelche bekloppten Lottozahlen oder Model-Maße eines Seite-1-Mädchens besungen, wurden endlich eines Besseren belehrt, denn:

"BILD entdeckte: Die Zahlen im WM-Refrain bedeuten, dass in den Jahren auch eine WM war."

Mit Dank an Torsten R. und Carsten P.

Wir sind Franz!


Jens Weinreich, 42, leitet das Sportressort der “Berliner Zeitung” und ist wegen seiner regelmäßigen Enthüllungen über die Schattenseiten des organisierten und kommerzialisierten Sports vielleicht einer der meistgehassten Sportjournalisten in Deutschland. Er kritisiert den “Fanjournalismus” im Stil Waldemar Hartmanns und das Hochjubeln von “Kirmesboxern” durch die jeweils übertragenden Sender und ist Autor mehrerer Bücher und Filme vor allem über Doping und kriminelle Machenschaften im Sport. 2005 gewann er den “Wächterpreis der Tagespresse” für seine Enthüllungen von Unregelmäßigkeiten bei der missglückten Olympia-Bewerbung Leipzigs und gründete das “Sportnetzwerk”, das kritischen Sportjournalismus fördern will.

Von Jens Weinreich

Oft habe ich den Kollegen verflucht, der mich zu diesem Beitrag überredet hat. Denn ich gestehe: Ich blättere gewöhnlich nicht in der “Bild”-Zeitung, und darauf lege ich Wert. Vielleicht ein oder zwei Mal im Monat schaue ich in dieses Blättchen. Es mag schrecklich unprofessionell klingen für einen Sportjournalisten, doch das ist mir egal. “Bild” ist für mich vor allem eines: irrelevant. Über Bundesliga und Nationalmannschaft erfahre ich auch ohne “Bild” genug, ob ich es will oder nicht. Und es ist wahrlich nicht so, dass “Bild” in diesem Unterhaltungssektor allen anderen voraus marschieren würde. Ganz im Gegenteil.

Ich will nur über die Sportseiten reden. Da habe ich in dieser Woche nichts gesehen, was ich nicht auch woanders gelesen hätte. Allerdings hat vieles gefehlt, journalistische Texte beispielsweise, aber das ist ja nichts Neues. Hintergründe zu den Dopingpraktiken im deutschen Sport, ob nun im Team Telekom oder an der Universitätsklinik Freiburg? Korruptionsskandale in zahlreichen Sportarten, etwa im Handball-Weltverband, wo gerade Olympiaqualifikationsspiele neu angesetzt werden mussten? “Bild” hat da nichts Eigenes zu bieten. Der frisch fertig gestellte Bericht des Bundesinnenministeriums (“Projektgruppe Sonderprüfung Doping”) wird in “Bild” nicht einmal erwähnt. (Ich hoffe, ich habe keine dreizeilige Kurzmeldung übersehen.)

Dennoch hat “Bild” heute wieder einen großen Sport-Tag. Man kapriziert sich auf die übliche Mischung: Helden, Sex und Zwistigkeiten. Der FC Bayern läuft immer: “Hitzfeld geht!” Nacktfotos gehen auch: “Sex-Skandal um schöne Olympia-Königin”. Und wenn ausnahmsweise mal fünf deutsche Fußballteams unter den letzten 32 Vereinen im zweitklassigen Uefa-Pokal stehen, titelt “Bild”, wie einfallsreich: “Wir sind Uefa-Cup!” Mit anderen Worten: Es fehlt dem Blatt an exklusiven Sportmeldungen. Selbst den ewig nörgelnden Fußballtorhüter Jens Lehmann (“Er muss da weg!”) schreibt man von anderen ab. Diesmal hat Lehmann mit dem Fußball-Zentralorgan “kicker” geredet. “Bild” zitiert nur, aber wenigstens mit Quellenangabe.

Lustig wird es allerdings in der Berliner “Bild”-Ausgabe auf der letzten Seite, die dem FC Bayern gewidmet ist. Dass Ottmar Hitzfeld den FC Bayern verlassen will, schreibe man “bereits seit Tagen”, plustert sich “Bild” auf. Ich weiß nicht, wer das in diesem Lande noch nicht geschrieben hätte. Egal, “Bild” nennt potenzielle Nachfolger, aber nur die üblichen Verdächtigen. Wenn mehrfach von “Bayern-Bossen” die Rede ist, wird zwar “Killer-Kalle” Karl-Heinz Rummenigge genannt, auch Uli Hoeneß — nur einen anderen, den Bayern-Präsidenten, sucht man vergebens in der Liste der Schuldigen am Hitzfeld-Drama.

Kein Wunder, denn Franz Beckenbauer ist als Lichtgestalt sakrosankt. Kritik an ihm verbietet sich. Franz ist nicht nur Kaiser, er ist Gott, wenn es sein muss, geht er über Wasser — und Bild macht ihn zur Not zum Bundeskanzler. Stolz präsentiert “Bild” auf dieser Bayern-Seite noch eine krude Rangliste des “Manager-Magazins”. Die Frage lautet: Wer regiert in Deutschland das Sport-Business? Die Antwort hätte man sich fast gedacht. “Auf Platz 1: ‘Bild’-Kolumnist Franz Beckenbauer.” Auf Rang 14, zwar hinter dem IOC-Präsidenten Jacques Rogge (7), aber vor Sportminister Wolfgang Schäuble (17), “noch ein Bild-Mann: Vize-Chefredakteur Alfred Draxler”.

Heißa, da ist die Sportwelt doch wieder in Ordnung, zumindest aus Sicht der “Bild”-Strategen. Wir sind Uefa-Pokal, wir sind Franz und wir sind wichtig. Wir sind übrigens auch ein bisschen unterwürfig: Wie erkundigte sich der “Bild”-Reporter Walter M. Straten vergangene Woche beim “Bild”-Kolumnisten Franz Beckenbauer? “Was ist dran an den Gerüchten, dass Sie ein Franz-Beckenbauer-Museum planen?” Der Springer-Lohnschreiber dementierte, vorerst noch. “Ein Museum mit meinem Namen?”, erwiderte der Kaiser, “definitiv nicht. Da müsste ich mich ja selbst reinstellen.”

“Bild” bleibt dran. Bis zur nächsten Kolumne.

 
Unsere Reihe BILDblogger für einen Tag beschließen, wenn alles klappt, Judith Holofernes und Max Goldt.

Konkurrenten im Kampf um den primitiveren Witz


Martin Sonneborn, 42, ist (obwohl “Bild” das noch im November behauptete) schon seit zwei Jahren nicht mehr “Titanic”-Chefredakteur, sondern Mitherausgeber. Und darüber, “wie die TITANIC einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte”, hat er ein Buch geschrieben. Sonneborn ist Bundesvorsitzender der Partei DIE PARTEI, die vor der Bundestagswahl 2005 die Sendezeit für ihre WahlwerbeSpots bei Ebay versteigerte. Heute arbeitet er u.a. für die Satire-Rubrik von “Spiegel Online”, “Spam”, wo er auch in den Kurzfilm-Reihen “Hinterbänkler heute” und “Heimatkunde” zu sehen ist.
Auf Sonneborns Wunsch veröffentlichen wir seinen Gastbeitrag in alter Rechtschreibung.

Von Martin Sonneborn

Eins vorweg: Ich schätze Kai Diekmann und sein Blatt. Und das nicht nur, weil wir vieles gemeinsam haben. Diekmann ist Herausgeber der “Bild”-Zeitung — also nicht der neubebilderten “FAZ”, sondern der anderen –, und ich bin Mitherausgeber von “Titanic”. Auch wenn wir ständig Konkurrenten sind im Kampf um die lustigere Schlagzeile, den primitiveren Witz, so arbeiten wir doch seit Jahren erfolgreich mit “Bild” zusammen. Der Markt in Deutschland ist groß genug für zwei Satiremagazine! Und den “Focus” auch noch!

Bisher ist zum Glück kaum aufgefallen, daß wir uns mit dem Blatt des “9-cm-Mannes”, wie ihn selbst enge Freunde nicht offen nennen, perfekt die Bälle zuspielen. Als wir mit ein paar spaßigen Faxen Einfluß nahmen auf die Vergabe der Fußball-WM 2006, war “Bild” sich am nächsten Tag nicht zu schade, ein Foto von mir auf die Titelseite zu nehmen, meine Telefonnummer und die Aufforderung, doch mal anzurufen und mir die Meinung zu geigen. Von der zufällig mitgeschnittenen CD “Bild-Leser beschimpfen Titanic-Redakteure live am Telefon” wollten die Kollegen nicht mal Tantiemen! Und das, obwohl einige hundert ihrer besten Leser über sich hinaus wuchsen: “Im Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ!”; “Man sollte Sie auswandern!”; “Vaterlandsverräter!”; “Ihnen gehört die Satire-Lizenz entzogen!”

Die Lizenz behielten wir aber und revanchierten uns u.a. mit der Erfindung des schreibenden “Bild”-Lesers (heute als “BILD-Leser-Reporter” bundesweit im Einsatz). Bei der genußintensiven Lektüre der “Bild”-Leserbriefspalte fällt ja schnell auf, daß sich die Zuschriften in ihrer Sprachgewalt nicht wesentlich vom redaktionellen Teil abheben. So riefen wir bei ausfindig gemachten Leserbriefschreibern an und baten — der Einfachheit halber gleich im Namen der “Bild”-Chefredaktion — um einen gepfefferten druckreifen Kommentar zu irgendwas für die nächste Ausgabe. Die Ergebnisse druckten wir dann in “Titanic”, sie haben uns viel Freude bereitet.

Kommentar Karl H., Münster:
Ist die SPD ein Auslaufmodell? Die SED sang die Internationale, ist weg vom Fenster. Die KPDSU sang die Internationale, ist weg vom Fenster. Wie lange singt die SPD noch die Internationale?

Na? Klingt fast wie “Post von Wagner”, was?

Immer im Gleichschritt mit “Bild” (Trittin! Schröder!) prügelten wir (Problembär Beck!) mit “Titanic”-Titeln jahrelang auf die Sozis ein, unterstützen dekadenlang erst Kohl (“Nach Arschbombe halb Asien überflutet: Massenmörder Helmut Kohl!”), dann das Merkel (“Darf das Kanzler werden?”), polemisierten gegen Ausländer (“Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?”; “10 Jahre sind genug: Auf Wiedersehen, Zonis!”) und druckten gleich seitenweise irgendwelchen unseriösen Quatsch.

In schweren Zeiten spendeten die Schlagzeilen der Hamburger Kollegen uns oftmals Trost und Rat: “Amokläufer erschießt vier Kollegen” — “Da dürften die Straßen jetzt wohl für eine Weile sicher sein”, dachten wir beruhigt und revanchierten uns gerade kürzlich mit dem großen, abgeschlossenen Fotoroman “Der Volks-Penis”, in dem ein für allemal in Wort und Bild klargestellt wird, daß Diekmann eben nicht total klein ist, untenrum.

Übrigens: Daß wir mit der “irren Titanic-PARTEI” (“Dresdner Morgenpost”) jetzt in Hamburg zur Landtagswahl antreten und mit unserem Spitzenkandidaten Heinz Strunk “Bild raus aus Hamburg!” fordern, ist nur eine populistische Forderung, die uns Stimmen bringen soll. Man wird das hoffentlich nicht persönlich nehmen — ich habe das Gefühl, was den Umzug anbetrifft, verstehen sie bei Springers einen guten Spaß. Und wenn nicht? Egal, notfalls gewinnen wir — und das unterscheidet uns vom Spitzenkandidaten der SPD, Alfred E. Naumann — die Wahl eben auch ohne Unterstützung der Springer-Presse!

Zum Schluß möchte ich aber auch eine kurze Kritik äußern, schließlich habe ich mir heute extra “Bild” gekauft und unter — ich nehme mir die Freiheit, Kai — Freunden muß das erlaubt sein: Für meinen Geschmack heben sich manchmal die Überschriften zu wenig vom Text der Fickanzeigen hinten ab:

Ich hab mir meinen Hund auf die Brust tätowiert. Sandy (21) — Mein Arsch gehört Dir. Resi (69) ist noch geil

Stünde nicht aus Versehen Resis Telefonnummer dabei, man könnte Anzeigen und redaktionelle Inhalte glatt verwechseln…
 
BILDblogger für einen Tag ist morgen ein BILDblog-Leser.

Best of Wagner

Zusammengestellt von Peter Lewandowski*


Peter Lewandowski, 50, ist seit 2001 Chefredakteur des Leute-Magazins “Gala” (wo er eine Zeitlang auch selbst bloggte). Zuvor war er bei Axel Springer Chefredakteur des Männermagazins “Maxim” und Chef der Entwicklungsredaktion. Als “Playboy”-Chef sorgte er von 1998 bis 2000 u.a. mit Fotos von Meret Becker, Tanja Szewczenko, Nadja ab del Farrag, Pamela Anderson, Cindy Crawford und — nicht zu vergessen — Kati Witt für steigende Auflage und Medienpräsenz. Die “Berliner Zeitung” schrieb damals, er sei “ein sympathischer Mann”, die “Bunte” nannte ihn “Nacktmacher der Nation” — und die “Bild”-Zeitung “irgendwie clever”. Sein Motto bei “Gala”: “Gute Nachrichten und schöne Bilder statt negativer Schlagzeilen und Leid”

“Sie enttäuschen mich schon, daß Sie als emanzipierte Frau in der O-Frage lügen mußten. Lassen Sie uns die O-Lüge im Lichte der Gleichstellung von Mann und Frau betrachten.

Gehörte nicht neben dem Wahlrecht, der Quote, gleicher Lohn für Mann und Frau auch der soziale Anspruch auf geschlechtliche Befriedigung zu Eurem Kampf? Richtete sich die Emanzipations-Bewegung nicht auch gegen Männer, die sich keine Gedanken darüber machten, ob Frau kommt oder nicht kommt?

Ich gestehe, ich guckte mehr auf Ihren Busen als auf Ihre Worte. Das Spiel mit dem Ball ist etwas Göttliches. Sind die Sterne nicht Bälle? Ist das Weltall nicht ein Ball-Gebilde? Mit 36 macht man als Frau neue Rechnungen auf. Wie viel Glück bleibt mir noch, ehe meine Hüften breiter und meine Schenkel dicker werden? Wie viele Jahre habe ich noch?

Ich kann Ihnen nur mein Beileid ausdrücken. In meinem Bett will ich nur echte Frauen haben. Sie hätten eine große Frau werden können… Sie sind keine große Frau in der Republik geworden. Die großen Frauen der Republik heißen Frau Merkel, Frau Schavan, Alice Schwarzer, Claudia Roth, Frau von der Leyen. Das sind Frauen für die Zukunft. Für mich ist das die großartigste Aussage.

Herzlichst

Ihr F. J. Wagner

PS in eigener Sache: Ich weiß, dass ich Tage habe, wo ich elendig schreibe und nichts zu sagen habe. Ich bin leer, ich habe nicht geküsst, ich habe nichts gefühlt. Morgen fliege ich nach Portugal. Ihr Kolumnist macht Urlaub. Er will auch glücklich sein.”

*) Aus: “Post von Wagner” an Ute Vogt, Anne Will, Gabriele Pauli, Angela Merkel, Lady Diana, die deutschen Fußballweltmeisterinnen und die Rechtschreibe-Reformer

BILDblogger für einen Tag ist morgen Oliver Gehrs.

“Bild” riskiert dicke Lippe

Das ist natürlich eine ganz billige Masche, mit der das britische Boulevardblatt “Sun” gestern ganz fies deutsche Soldaten verhöhnte. Sie würden Spiele spielen, während “unsere Jungs kämpfen” und seien “Kuchenesser”, schrieb das Blatt. Als Foto-Beweis hatte die “Sun” deutsche Soldaten in Afghanistan beim Tischfußball gezeigt.

Der “Sun”-Artikel
Primär geht es der “Sun” darum, dass sich deutsche Truppen nur im “sicheren Norden” Afghanistans aufhalten würden und die deutsche Regierung alles tue, um Verluste zu vermeiden. So dürften deutsche Soldaten ihre Basis nach Einbruch der Dunkelheit nicht verlassen und sich nicht weiter als zwei Stunden von einem Militär-Krankenhaus entfernen. Der “Sun” liege ein “geheimes Memorandum” deutscher Kommandeure vor, das Offiziere auffordere, nicht über Operationen zu sprechen, um die Diskussion um die “Kuchen-essenden Deutschen im Norden” nicht anzuheizen.

Aber was die “Sun” kann, kann die “Bild”-Zeitung natürlich schon lange (nur nicht so gut, wie wir gleich sehen werden) und revanchiert sich heute, indem sie sich über die gestrige “Sun”-Berichterstattung empört und ein Foto britischer Soldaten zeigt, die auch nicht kämpfen, sondern spielen.

Dumm ist allerdings, dass “Bild”* der “Sun” damit gleich Anlass zu neuerlichem Hohn gibt:

"Als wenn die Briten immer nur kämpften! Auch sie spielen in ihrer Freizeit -- z. B. Rugby, wie man sehen kann. Das Foto wurde im März 2007 in Camp Bastion, Süd-Afghanistan, aufgenommen."

Rugby ist ja dieses Feldspiel, das so ähnlich funktioniert wie American Football, aber ganz ohne Helm gespielt wird. Demnach kann das auf dem Foto-Beweis von “Bild” schon deswegen gar kein Rugby sein, weil die Soldaten sehr wohl Helme tragen:

"Kämpfen mit dem Brettspiel?"

Mit Dank an Chris H. für den sachdienlichen Hinweis.

*) Bei Bild.de hat man offenbar bemerkt, dass auf dem Foto kein Rugby gespielt wird und den Halbsatz “wie man sehen kann” inzwischen gestrichen.

Angst und Ambition

Heute fragt “Bild”:

Haben Sie einen neuen Mann, Frau Oettinger? (...) Die Antwort ist kurz und geheimnisvoll: "Kein Kommentar."

Geheimnisvoll, soso.

Hier zum Vergleich eine wirklich geheimnisvolle Antwort. Die Frage lautet ungefähr: Herr Oettinger, sind Sie von “Bild” dazu getrieben worden, in der Zeitung zu verkünden, dass Sie sich von Ihrer Frau getrennt haben? Seine Antwort steht heute in den “Stuttgarter Nachrichten” und lautet:

“Das werde ich später mal beantworten.”

Bis dahin kann man nur spekulieren, wie freiwillig der baden-württembergische Ministerpräsident gestern in “Bild” das “Liebes-Aus” erklärt hat:

Oettinger wäre nicht der erste Prominente, der berichten würde, dass die Zeitung ihn mit einer Mischung aus Drohungen und Angeboten dazu gebracht hätte, ihrem Willen nachzugeben, etwa, indem sie ihm verschiedene mögliche Formen der Berichterstattungen aufzeigt, je nach Grad der Kooperation mit “Bild”.

Die “Frankfurter Rundschau” spricht davon, dass die “Bild”-Zeitung in den vergangenen Tagen “ihre Folterwerkzeuge auspackte”:

Zuerst berichtete das Blatt in seiner Stuttgarter Regionalausgabe, Inken Oettinger habe 170 hochmögende Damen der Gesellschaft beim Adventskaffee in der Berliner Landesvertretung mit dem Hinweis auf das Fußballtraining des Sohnes einfach sitzen gelassen. Dann titelte sie in der Deutschlandausgabe “Deutschlands seltsamstes Politiker-Ehepaar”. Nun wurde Stufe drei gezündet: “Ehe kaputt”.

Auch die “Stuttgarter Nachrichten” formulieren, Oettinger habe “dem Druck der ‘Bild’-Zeitung nachgegeben” und berichten aus der Stuttgarter Regierungszentrale:

“Die haben dem Chef doch das Messer auf die Brust gesetzt”, meint einer. Was das heißen könnte? “Bild” soll gedroht haben, die Ehe-Probleme öffentlich zu machen. So viel ist klar: In der vergangenen Woche soll es ein Telefonat zwischen “Bild”-Chef Kai Diekmann und der Regierungszentrale gegeben haben.

Seit Monaten schon habe “Bild” Oettinger angeboten, “seine privaten Dinge über den Boulevard zu regeln”, was der Ministerpräsident abgelehnt habe, schreiben die “Stuttgarter Nachrichten”, und:

“In Berlin wird kolportiert, der Springer-Konzern habe für diese Woche mit der Veröffentlichung von Details aus dem Privatleben des Paares gedroht. Das aber wollten sich die Oettingers ersparen.”

In einem Leitartikel kritisieren die “Stuttgarter Nachrichten” Oettingers Art des Coming-Outs:

Politiker und Journalisten in Baden-Württemberg wissen seit langem von den Schwierigkeiten der Eheleute Oettinger – aus Respekt vor der Privatsphäre haben sie geschwiegen. Viele Redakteure, auch dieser Zeitung, haben Oettinger auf seine Ehe angesprochen – die Antwort “Kein Kommentar” wurde stets respektiert.

Auf die Frage, warum Oettinger sein Schweigen exklusiv für und in “Bild” brach, sei im Staatsministerium von einer “Zwangslage” die Rede: “Wir konnten doch nicht anders.”

Zu groß ist offenbar die Angst christlich-konservativer Landespolitiker mit Ambitionen in Richtung Berlin, es sich mit “Bild” zu verderben. Sicherheit gibt da wohl nur das Gefühl, von “Bild” geliebt zu werden, egal um welchen Preis.

Und der Boulevard dankt: Als “einen der mächtigen CDU-Kronprinzen” titulierte “Bild” den baden-württembergischen Ministerpräsidenten gestern prompt. Man kann das auch anders sehen: Ein mächtiger Kronprinz braucht ein starkes Rückgrat, er braucht Souveränität, er knickt auch vor “Bild” nicht ein.

Der Kommentar schließt:

Günther Oettinger […] lässt sich am Ende des “Bild”-Berichtes mit einem Satz zitieren, der angesichts der zweidrittelseitigen Aufmachung seines Ehe-aus-Bekenntnisses so absurd wie verzweifelt anmutet: “Wir haben die Bitte, dass die Öffentlichkeit unsere Privatsphäre akzeptiert.” Wir gehen davon aus, dass sein Appell nicht dieser und anderen seriösen Zeitungen gilt. Sondern der “Bild”-Zeitung, gern auch exklusiv. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Den Preis für künftige Wohlbehandlung hat Oettinger schließlich schon bezahlt.

Bild.de verbreitet weiter “Bild”-Ente weiter

Bereits am Montag meinte “Bild” es ganz genau zu wissen: Der Dortmunder Fußballer Nelson Valdez habe das 1:0 beim Spiel gegen den VfB Stuttgart “nicht selbst geschossen”:

Fernseh-Bilder bewiesen: Der Stürmer stümperte den Ball erst hinter der Linie ins Netz. Das 0:1 war eigentlich ein Eigentor von Stuttgarts Abwehrspieler Delpierre — unter gütiger Mithilfe von Torhüter Schäfer. Die DFL führt trotzdem Valdez als Torschützen.

Und am Dienstag verkündete “Bild”:

"Valdez: DFL nimmt ihm das Tor weg"

Die DFL bestätigte BILD gestern offiziell: Das Tor wird dem kleinen Stürmer aus Paraguay aberkannt und statt dessen als Eigentor des Stuttgarters Delpierre geführt.

Kurioserweise hatte die DFL jedoch “nach dem Studium der TV-Bilder” und am selben Tag, als diese “Bild”-Meldung erschien, entschieden, das Tor doch zugunsten von Valdez zu werten — was “Bild” immerhin einen Tag darauf richtig stellte (“Chaos um Valdez-Tor”).

Darüber, ob die DFL “Bild” am Montag wirklich das Gegenteil “offiziell” bestätigt hatte, wollte man uns bei der DFL keine Auskunft geben.

Falsch ist die “Tor-weg”-Meldung vom Dienstag jedenfalls. Bei Bild.de jedoch findet sie sich auch zwei Tage nach der nun wirklich offiziellen Entscheidung noch immer auf der Startseite der “Borussia Dortmund Klub-News”, und die Korrektur sucht man vergebens*:

Mit Dank an Sebastian L. und Frank für den sachdienlichen Hinweis.

*) Die Korrektur der “Tor-weg”-Meldung wurde zwischenzeitlich über das Sport-Telegramm bei Bild.de verbreitet, wo sie aber nicht mehr zugänglich ist.

  

Wie enttäuscht sind Lesben von Männern?

“Bild” fühlt sich heute durch das Coming-Out von Anne Will animiert, die Sexualpsychologin Christine Baumanns zu fragen: “Was ist bei lesbischer Liebe anders?” Konkret will “Bild” wissen, ob das Lesbischsein angeboren ist — “oder sind die Männer schuld?” Und Baumanns antwortet, bei manchen Lesben sei das genetisch, “viel häufiger ist aber eine große Enttäuschung mit einem Mann der Auslöser” (siehe Ausriss links). Wir sprachen darüber mit Renate Rampf, der Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD).

Renate Rampf: Die Behauptung, dass Frauen lesbisch sind, weil sie enttäuscht sind, ist völliger Unsinn. Dann müsste Deutschland zu 90 Prozent lesbisch sein. Meiner Erfahrung nach sind die meisten Frauen, die schwerwiegende, dramatische Enttäuschungen mit Männern erleben, heterosexuelle Frauen. Die werden verlassen, die werden betrogen, die werden geschlagen — manche haben natürlich auch ganz wunderbare Beziehungen. Aber wo Liebe ist, ist auch Enttäuschung, und deshalb gehe ich mal davon aus, dass die Enttäuschung von den heterosexuellen Frauen gegenüber den heterosexuellen Männern viel größer ist. Lesbische Frauen sind meistens gar nicht so enttäuscht von Männern, sie erwarten nicht so viel. Sie haben Freunde, sie haben Kollegen, sie haben Väter, sie leben mit denen so, wie Männer eben auch mit anderen Männern und anderen Frauen jenseits der Sexualität leben. Wir Lesben haben, ich möchte mal sagen, ein unspektakuläres Verhältnis zu Männern.

Wie “Bild” über Lesben berichtet

Claus Jacobi, “Bild”, 18.11.2006:
Ein Gericht im nahen New Jersey hat entschieden, dass zwei zusammenlebende Lesben als Eltern eines Neugeborenen anerkannt werden können. Und das ist auch gut so. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Unbeantwortete Nebenfrage: Wie kam die eine Lesbe zu dem Kind?

Claus Jacobi, “Bild”, 2.9.2006:
Ab Juni 2007 wird in Berlin ein Mahnmal an die “im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen” erinnern. Nach dem Entwurf soll im Innern ein Filmbild zwei einander küssende Männer zeigen. (…) Sogleich warnte der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit in “Emma” davor, “weibliche Homosexuelle” auszugrenzen und die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Griefahn (SPD), die den Mahnmal-Entwurf “schlicht unangebracht” findet, möchte auch “ein küssendes Frauenpaar” sehen. Und das ist dann gut so?

“Bild”, 22.7.2006:
SIND DIE WIRKLICH ALLE ANDERSRUM? 450 000 Männer und Frauen werden heute in Berlin zum Christopher Street Day erwartet, der Parade der Schwulen und Lesben. Aber nicht alle, die kommen, sind auch wirklich so. Hier sehen Sie fünf junge Frauen, die mittanzen wollen. Schauen Sie sich die Bilder an und raten Sie, wer welche Vorlieben hat.

“Bild”, 1.6.2006:
Tina hat Sex mit Bette. Jenny knutscht mit Marina. Shane vernascht eine Nackte im Swimmingpool. Frauen lieben Frauen in der neuen TV-Serie “The L-Word” (…). Doch nur eine der Hauptdarstellerinnen ist auch im richtigen Leben lesbisch. Raten Sie mal, welche …

“Bild”, 10.5.2006
Lesbe (taubstumm) sticht Lesbe (taubstumm) nieder
… weil sie sie mit einem Mann (auch taubstumm) betrogen hat

“Bild”, 1.4.2006:
Jetzt packt Jürgen Krust (62) aus. Er war zwölf Jahre lang Trainer beim Bundesligisten FCR Duisburg, wurde dreimal Deutscher Meister. Sein Vorwurf: Intrigen, Eifersucht & Zicken-Zoff sind Alltag im Frauen-Fußball.
Krust über Homosexualität: “30 bis 50 Prozent der Fußballerinnen fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen. Die gleichgeschlechtliche Liebe ist aber zum größten Teil keine echte. Der hohe prozentuale Anteil der Lesben-Liebe hängt vor allem mit dem Zeitfaktor zusammen. Die Mädels sind an sechs Tagen in der Woche bis spät abends für den Fußball unterwegs. Sie haben kaum noch Zeit woanders hinzugehen. Es ist einfach problematisch, einen passenden Mann zu finden. Sie gehen dann den Weg des geringsten Widerstandes und verlieben sich innerhalb der Mannschaft. Natürlich gibt es auch ein paar echte Lesben. Die versuchen dann ihre Macht auszuspielen. Beim Hallen-Fußball-Masters zum Beispiel gibt es eine Players-Night. In internen Kreisen lautet das Motto: Heteros knacken.”

Claus Jacobi, “Bild”, 21.1.2006:
Das ist die Welt, in der wir leben: In Hamburg kann jeder fünfte Schulanfänger nicht richtig Deutsch. Das Fernsehen plant Serien über Schwule und Lesben. “Ich wollte ihn nur essen, nicht töten”, verteidigt sich ein Angeklagter vor Gericht. Manager, die Konzerne an den Rand der Pleite führten, erhalten zum Abschied Millionen Euro und Limousinen auf Lebenszeit. Deutsche Atomkraftwerke, die zu den sichersten der Welt zählen, sollen abgeschaltet werden. Die grüne Claudia Roth schwärmt von “Interkulturalität”. Eine Blinde möchte mit ihrem Blindenhund ins Kino. Susanne Osthoff wird für den Grimme-Preis vorgeschlagen. Schöne neue Welt …

“Bild”, 13.10.2005:
Lesben-Küsse im TV Ulrike Folkerts
Berlin – Privat küßt TV-Kommissarin Ulrike Folkerts (44, “Tatort”) schon lange nur noch Frauen. Jetzt tut sie es auch beruflich … (…) Für Barbara Rudnik, die privat nur Männer liebt, ist es der erste Lesben-Kuß. Wie fühlt es sich an, die Lippen einer Frau zu spüren?

“Bild”, 19.8.2005:
Lesben-Liebe
Ihr Ex jammert: Wir hatten doch so großartigen Sex!

“Bild”, 28.1.2005:
Die Geheimnisse der Liebe. Teil 4: Lieben Schwule und Lesben besser?
(…) Für Frauen sind Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht besonders wertvoll. (…) Vorsicht aber bei Dreiern. Mancher Mann träumt davon, daß zwei Frauen miteinander zärtlich sind. Sieht er es dann, kommt die Eifersucht: Er fühlt sich ausgeschlossen – gegen eine Frau kann er nie konkurrieren.

“Bild”, 28.12.2004:
Lesben-TV! Kommt das etwa auch zu uns?

“Bild”, 8.10.2004
Pocht das Herz der RTL-Lesbe jetzt für einen Mann? Dieser Frauen-Sex war wohl nicht scharf genug…

“Bild”, 9.8.2004:
Scheidung auf lesbisch: Erst Liebe, dann Hiebe!

“Bild” lässt sich erklären, warum Frauen lesbisch werden. Geht das überhaupt?

Renate Rampf: Grundsätzlich gilt für mich: Wer fragt, verdient eine Antwort. Insofern darf natürlich auch die Frage nach der Ursache für Homosexualität gestellt werden. Die Antworten sollten dann nur schon möglichst reflektiert sein. Wir müssen darauf hinweisen, dass die Frage “Warum ist eine Frau lesbisch?” genauso sinnvoll ist oder genauso unsinnig wie die Frage “Warum ist eine Frau heterosexuell?” Wir müssen auf beides antworten: “Wir wissen es nicht.” Wissenschaftlich ist das oft erforscht worden, leider meistens mit der Absicht, Homosexualität zu verhindern oder auszumerzen, und trotz all dieser Versuche kann man dazu nichts sagen. Die Suche nach dem “homosexuellen Gen” hat bis jetzt keine Ergebnisse gebracht, genauso wenig wie die Suche nach dem “heterosexuellen Gen”.

Es gibt lesbische Frauen, heterosexuelle Frauen, bisexuelle Frauen, es gibt Frauen, die viele, viele Jahre heterosexuell leben und dann mit 40 ihr Coming Out haben und ganz glücklich sind, aber vorher auch glücklich waren.

Was halten Sie von Fragen wie “Was ist bei lesbischer Liebe anders”?

Renate Rampf: Jede Liebe ist einzigartig. Das Traurige ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die wissenschaftlich betrachtet auch Patriarchat genannt wird, in der bestimmte Formen des Liebens mehr respektiert werden als andere. Die Form, die mehr geschätzt wird, ist die heterosexuelle, man macht es also am Geschlecht der Liebenden fest. Sinnvoller wäre es natürlich, es beispielsweise daran festzumachen, was die Liebenden einander geben, wie treu sie sind, was ihre Liebe für die Gesellschaft bedeutet.

Können Sie sich erklären, warum das Interesse an dem Coming Out von Anne Will im Jahr 2007 immer noch so groß ist? Sind Lesben für die Öffentlichkeit interessanter als Schwule?

Renate Rampf: Die Lesben und Schwulen haben in den letzten zwanzig, dreißig Jahren sehr viel gekämpft für eine öffentliche Anerkennung, wir haben jetzt die Lebenspartnerschaft, und wir haben offen schwule Bürgermeister und Politiker. Die Lesben haben da eine gewisse Leerstelle hinterlassen. Die Bürgerinnen und Bürger wollen jetzt wissen: “Wie sieht denn die Lesbe eigentlich aus?” Man hat schon ein Bild von Klaus Wowereit und Ole von Beust, aber die Lesbe an sich bleibt unbekannt. Es gibt nur so gewisse Schraffierungen: Manche denken, dass sind Frauen, die sich viel in Baumärkten rumtreiben, andere denken an Fußballerinnen, aber eigentlich weiß man oder frau nicht, wie eine Lesbe ist. Ich glaube, es gibt ein öffentliches Bedürfnis zu sehen, wer oder was die Lesben sind. Da wird man schnell feststellen: Es sind irgendwie ganz normale Frauen, es gibt solche und solche — lange Haare, kurze Haare, ganz besonders hübsche und einige, die sturznormal aussehen. Von den Lesben selber wiederum gibt es auch ein starkes Bedürfnis danach, dass jetzt endlich Frauen den Weg vorgehen und öffentliche Präsenz zeigen.

Denken Sie, dass das Interesse an Lesben und die häufige Fokussierung auf Sex daher kommt, dass viele Männer die Vorstellung von Lesbensex besonders anregend finden?

Renate Rampf: Sex ist an sich eine anregende Sache, es gibt auch keinen Grund, darüber nicht zu sprechen oder zu schreiben. Leider ist es so, dass sich die öffentliche Diskussion meistens nicht für Lesben interessiert. So wird zum Beispiel häufig in den Medien von der “Schwulenehe” gesprochen, obwohl es selbstverständlich eine Lesben- und Schwulenorientierte Lebenspartnerschaft ist. Das Interesse an Lesben ist nicht größer; es ist eher so, dass wir unter der Tradition der Unsichtbarkeit leiden. Lesbischsein wird erst dann als Lesbischsein gewertet, wenn wir öffentlich sagen: “Wir machen Sex mit Frauen!” Und dann haben wir das Problem, dass dann alle über Sex reden wollen.

Freuen Sie sich, wenn eine Zeitung wie “Bild” versucht, Aufklärung zu betreiben?

Renate Rampf: Ich freue mich, wenn über Lesben gesprochen wird. Ich hab mich auch gefreut, als es die Sendung “Hinter Gittern” gab, in der ja auch mehrere Lesben vorkamen und prominent besetzt waren. Noch mehr habe ich mich aber gefreut, als die lesbische Liebe nicht mehr hinter Gittern war. Man muss über Lesben schreiben, und das führt auch dazu, dass auch Falsches über Lesben geschrieben wird. Aber es ist besser, mal ins Fettnäpfchen zu treten und etwas zu sagen, was nur die Wiederholung eines Vorurteils ist, als überhaupt nicht über Lesben zu sprechen. Für die lesbischen Mädchen, die keine Vorbilder haben, für die lesbischen Frauen, die sich orientieren müssen, ist es gut und wichtig, dass das Thema auf der Tagesordnung steht. Lieber wäre mir natürlich, wenn man auch ein bisschen differenzierter aufklärt.

Insgesamt freuen Sie sich aber, dass das Thema durch das Coming-Out von Anne Will in die Presse gekommen ist und sich Leute damit auseinandersetzen?

Renate Rampf: Ja. Lesben sind überall, es sind Journalistinnen, Ärztinnen, Busfahrerinnen, Straßenbahnfahrerinnen, es sind Ministerinnen, Bürgermeisterinnen und und und. Wir hoffen, dass noch eine und noch eine und noch eine sich dazu bekennt, und ich freue mich, wenn ganz viel darüber geschrieben wird.

Schrottgarstige Rekordjagden

Der deutsche Fußballmeister VfB Stuttgart hat gestern in seinem vierten Champions-League-Spiel die vierte Niederlage kassiert. Damit sind selbst alle Chancen, noch im UEFA-Cup mitzuspielen, vertan.

Da kann man als Sportjournalist schon mal hämisch werden:

"Knackt Schrottgart den Flop-Rekord der Champions League?"

Aber Häme gehört sich nicht, hat meine Oma immer gesagt, deshalb versucht man sich bei Bild.de, dem VfB wenigstens den “ewigen Flop-Rekord der Champions League” schmackhaft zu machen:

Und es stellt sich die Frage, ob die Rot-Weißen sogar den ewigen Flop-Rekord der Champions League einstellen werden. (…)

Ein Team mit null Punkten aus den sechs Gruppenspielen hat es in der Champions-League-Geschichte bisher nur sechs Mal gegeben. Den ewigen Flop-Rekord halten die Rumpel-Russen von Spartak Moskau (0 Punkte, 1:18 Tore) im Jahr 2002 vor den Bulgaren von Levski Sofia (0 Punkte, 1:17 Tore) aus der Vorsaison.

Nun: Der VfB Stuttgart hat nach vier Spielen eine Differenz von 3:10 Toren, da müsste er in den verbleibenden zwei Partien schon zehn Gegentore kassieren und kein eigenes mehr schießen, um wenigstens in Sachen Tordifferenz mit Spartak Moskau gleichzuziehen.

Aber das ist Haarspalterei verglichen mit dem nächsten Absatz:

Kleiner Trost: Nach dem Lyon-Spiel, in dem der VfB mehr Tore geschossen hat, als in den gesamten drei Spielen zuvor, darf man zumindest auf einen VfB-Punkt rechnen. In diesem Fall wären sie dann “nur” noch das schlechteste deutsche Champions-League-Team aller Zeiten. Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der HSV mit drei Punkten (7:15 Tore).

Der HSV holte in der Saison 2006/2007 tatsächlich nur drei Punkte bei 7:15 Toren. Damit war er aber immer noch besser dran als der ebenfalls deutsche FC Bayern München, der in der Saison 2002/2003 mit nur zwei Punkten aus der Champions League ausschied.

In einem anderen Artikel schreibt Bild.de:

Vier Spiele, vier Pleiten – dieser traurige Rekord aus deutscher Sicht muss erst einmal gebrochen werden…

Da der HSV es in der letzten Saison geschafft hat, die ersten fünf Spiele zu verlieren, hat Stuttgart noch gar keinen Rekord aufgestellt, der “erst einmal gebrochen” werden muss, sondern hat allenfalls die Möglichkeit, mit einer Niederlage im nächsten Spiel den “Rekord” des HSV einzustellen.

Mit Dank an Florian, Alex G., Benjamin, Jan-Christoph K., Sven W. und Daniel S. für die Hinweise!

Nachtrag, 16.40 Uhr: Inzwischen hat Bild.de nachgebessert. Nun heißt es: “Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der deutsche Rekordmeister Bayern München mit zwei Punkten (9:13 Tore) aus der Saison 2002/2003.” Und bezüglich des “traurigen Rekords” heißt es nun: “Vier Spiele, vier Pleiten – der VfB ist auf dem Weg den traurigen Rekord aus deutscher Sicht (fünf Pleiten in fünf Spielen – der HSV in der vergangenen Champions-Laegue-Saison) einzustellen…”

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