Bild.de hat eindrucksvolle Fotos gemacht, die zeigen, wie das öffentliche Leben in Deutschland während des Spiels der Fußball-Nationalmannschaft gegen Serbien zum Stillstand gekommen ist. Hier etwa der Hamburger Hauptbahnhof, links vor den Anpfiff, rechts nach dem Anpfiff:
Oder wie man sonst sagt: Links mit Zugverkehr, rechts ohne Zugverkehr.
(Für alle, die es ganz genau wissen wollen: Zu sehen sind Gleis 11 und 12. Um 12.51 Uhr steht auf Gleis 12 (rechts) der Metronom 80945 nach Uelzen, auf Gleis 11 (links) wird gleich der Metronom 39419 nach Cuxhaven einfahren, gefolgt vom IC 2310 nach Westerland. Von 13.34 Uhr an fährt über eine halbe Stunde lang kein Zug von diesem Bahnsteig.)
Um 13.30 Uhr beginnt in Südafrika das Vorrunden-Spiel Deutschland gegen Serbien, welches das öffentliche Leben in der Bundesrepublik mutmaßlich für zwei Stunden zum Erliegen bringen wird.
“Spiegel Online” war gestern schon so freundlich, den Managementberater Rüdiger Klepsch zu fragen, was in Sachen Fußballgucken am Arbeitsplatz okay ist und was nicht.
Der geneigte Leser erfährt darin nicht nur etwas über den Umgangston in Büros, sondern auch den an anderen Orten:
Die potentiellen Vereinswechsel von Profifußballern sind traditionell ein Quell munterer (und oft genug hilfloser) Berichterstattung. Da wird einfach mal so drauf los spekuliert, da werden harmlose Fragen in den Raum gestellt, die es einem hinterher ermöglichen, es im Zweifelsfall immer schon gewusst zu haben.
So gesehen kann es eigentlich nicht mehr lange dauern, bis die Internetseite der “B.Z.” Michael Ballack auch mit den verbliebenen 16 Bundesligisten in Verbindung gebracht hat:
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Wie Schiffeversenken, nur ernster” (sueddeutsche.de, Peter Glaser)
Peter Glaser nennt Journalismus “die zivilisierteste Form von Widerstand”. Sein Text zur Zukunft des Journalismus befasst sich unter anderem mit der Suchmaschinenoptimierung und der Auflösung der klassischen Bündelungsform.
2. “SPIEGEL vs. ZEIT” (wissenslogs.de/wblogs/blog/klimalounge, Stefan Rahmstorf)
Eine Diplomarbeit vergleicht die von “Spiegel” und “Zeit” in Artikeln zum Thema Klimawandel zitierten Klimaforscher.
3. “Opfer von Täuschungsmanöver” (stuttgarter-zeitung.de, Erik Raidt)
Unbekannte geben sich gegenüber der Presse als “Junge Liberale” aus und wenden sich “mit drastischen Parolen gegen Arbeitslose”: “Die Stuttgarter Zeitung bedauert, dass die Jungen Liberalen durch die Berichterstattung über die von Dritten fälschlich in Umlauf gebrachten Behauptungen in ein falsches Licht gerückt worden sind.”
4. “Gewalt? Chaos? Desorganisation?” (profil.at, Johannes Dieterich)
Die Fußball-WM in Südafrika hat begonnen. Johannes Dieterich erinnert nochmals an die zuvor verbreiteten Vorbehalte: “WM-Besucher müssten damit rechnen, von machetenschwingenden Farbigen zerstückelt zu werden, schrieb der Reporter eines britischen Boulevardblatts. Ein deutsches Sicherheitsunternehmen empfahl seiner Nationalmannschaft, ihr Hotel nur mit kugelsicheren Westen zu verlassen.”
5. “Frisch am Stück.” (alexander-kissler.de)
Alexander Kissler sieht den kritischen Sportjournalismus während der WM in einer Auszeit: “Kritik hat Sendepause, Sportjournalismus wird zum angewandten Fan-Sein. Jetzt werden, je nach Verbreitungsgebiet, Helden gemacht, Stars gepriesen, Führer gebenedeit.”
6. “Vuvuzela-Filter” (surfpoeten.de)
Wie macht man ein Audiosignal vuvuzelafrei? Eine kurze Anleitung.
“Bild” machte gestern keinen Hehl daraus, was sie von den “Vuvuzela” genannten Plastiktröten hält, die bei der Fußball-WM in Südafrika massiv zum Einsatz kommen:
Das also ist der Sound der WM! Was für ein Tröt-Wahnsinn bei den Spielen Südafrika gegen Mexiko (1:1) und Uruguay gegen Frankreich (0:0). Der nervige Dauerton der Plastiktrompeten (“Vuvuzelas”) erinnert an gewaltige Bienenschwärme.
Die Kommentatoren in TV und Radio sind kaum zu verstehen. Dröhnen uns jetzt vier Wochen lang die Ohren? BILD beantwortet die wichtigsten Fragen.
Diese Fragen finden sich auch auf Bild.de — und darüber hinaus auch die Antwort auf die gar nicht gestellte Frage “Und wo bekomme ich jetzt so ein Teil?”:
Es ist Sommer, wir schreiben eine gerade Jahreszahl und viele Privatfahrzeuge sind beflaggt wie sonst nur Staatskarossen. Kein Zweifel: Uns steht ein internationales Fußballgroßereignis ins Haus.
Anlässlich der Fußball-WM 2006 hatte “Bild” mit einem “WM-Knaller” überrascht: Mit einem in der Zeitung abgedruckten Gutschein konnte man beim Discounter Lidl für 99 Cent 6 Flaschen “köstliches Grafenwalder Premium-Pils”, “eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips” und eine Deutschland-Fahne erstehen.
Nach langem Zögern sah der deutsche Presserat darin einen Verstoß gegen die Ziffern 6 und 7 des Pressekodex und sprach – unter anderem wegen eines Verstoß gegen des Trennungsgebot von Werbung und redaktionellen Inhalten – gegen “Bild” einen “Hinweis” aus (BILDblog berichtete).
Zwei Jahre später bekam der geneigte Leser zur Fußball-EM für “nur einen Euro” sechs Flaschen “Grafenwalder Premium Pils” und ein Paket Grillwürstchen (“Dulano, 350 Gramm”). “Bild” pries die “größte EM-Aktion aller Zeiten” zwei Mal auf der Titelseite an und schwärmte in den dazugehörigen Artikeln u.a. vom “Party-Hammer”. Der Gutscheincoupon selbst war immerhin – gleich zwei Mal – mit dem Wörtchen “Anzeige” versehen (BILDblog berichtete auch dazu).
Heute startet – wie die Meisten vielleicht mitbekommen haben – mal wieder eine Fußballweltmeisterschaft — und da sind “Bild” und Lidl natürlich bestens aufgestellt:
Im … äh: “redaktionellen” Artikel wurde gestern schon mal vom “WM-Knaller von BILD und Lidl” geschwärmt, der “sechs Flaschen Grafenwalder Pils und ein Paket Grillwürstchen (6 Stück) für nur 1 Euro” verspricht (“Sie sparen bis zu 70 Prozent gegenüber dem Einzelkauf!”).
Heute nun ist es laut “Bild”-Titelseite ein “Mega-Kracher zum WM-Start”.
Auf einer Viertelseite wird in der Zeitung “die größte Fan-Aktion aller Zeiten” gefeiert, “mit allem, was Sie für Ihre WM-Feier brauchen”. Als “Anzeige” gekennzeichnet ist allerdings – in alterTradition – nur der Gutschein-Coupon selbst. Das aber natürlich wieder doppelt:
In wenigen Stunden startet die Fußball-WM in Südafrika und viele Fußballinteressierte hierzulande denken nur noch an Deutschland.
Nicht so die Mitarbeiter bei kicker.de: Sie haben das Spiel Dänemark gegen die Niederlande zum “Nachbarschaftsduell” erklärt.
Und das, obwohl Dänemark nur an ein einziges Land grenzt — Deutschland halt.
Mit Dank an Daniel S.
Nachtrag, 13.03 Uhr: kicker.de hat alle Verweise auf die angebliche Nachbarschaft zwischen Dänemark und den Niederlanden entfernt.
2. Nachtrag, 16.15 Uhr: Mehrere Leser weisen uns darauf hin, dass Dänemark auch noch verschiedene Seegrenzen zu anderen Staaten (die Niederlande zählen nicht dazu) hat, was natürlich auch richtig ist.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Sorry, unsere Uni-Rankings waren Quatsch” (spiegel.de, Christoph Titz und Jochen Leffers)
Phil Baty vom britischen Hochschulmagazin “Times Higher Education” kritisiert das eigene Hochschulranking, für das er seit 2009 die Verantwortung trägt und “auf das seit 2004 viele Unis auch in Deutschland jeden Oktober gespannt warten”. “Aus Deutschland – ‘ich schäme mich fast, es zuzugeben’, so Baty – kamen ‘lächerliche 182 Antworten als Rücklauf’. Deutschland hat immerhin fast 400 Hochschulen mit über 13.000 Studienangeboten.”
2. “Meine Vierte-Gewalt-Bilanz” (blogs.taz.de/hausblog, Sebastian Heiser)
Der für Berliner Landespolitik zuständige Redakteur Sebastian Heiser fragt sich, in welchem Umfang es ihm gelungen ist, “die Regierung kritisch zu begleiten, sie gut zu analysieren und auf Missstände hinzuweisen”.
3. “Jörg Tauss und der Qualitätsjournalismus” (bruchsal.org, Rolf Schmitt)
Neben Tauss selbst und “Telepolis” (Teil 1 / Teil 2, folgt später) berichtet auch Rolf Schmitt von der Rolle der Medien im zu Ende gegangenen Strafprozess gegen Jörg Tauss: “Ich war selbst an jedem der fünf Prozesstagen im Gerichtssaal und habe miterlebt, wie am ersten Tag die Pressebank bis zum Bersten gefüllt war, wie leer die Pressebank sich an den drei darauf folgenden Verhandlungstagen zeigte und wie wieder voll besetzt am letzten Tag, dem Tag der Urteilsverkündung.”
4. “The Twitter Devolution” (foreignpolicy.com, Golnaz Esfandiari, englisch)
Golnaz Esfandiari zweifelt an der Revolution durch Twitter im Iran: “Through it all, no one seemed to wonder why people trying to coordinate protests in Iran would be writing in any language other than Farsi.”
5. “Warum Fußball?” (novo-argumente.com, Stefan Chatrath)
Stefan Chatrath macht sich zum Start der Fußball-WM Gedanken zum Public Viewing: “Viele ‘echte’ Fans sprechen gar davon, dass die Stätten professionellen Fußballs heute ‘klinisch rein’ seien. Vermutlich ist das einer der wichtigsten Gründe dafür, dass mittlerweile so viele von ihnen das ‘Public Viewing’ vorziehen.”
Wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Warnung im Bezug auf diese komischen Fußballtröten:
Der Hörgerätehersteller Phonak fand in einer Studie heraus, dass Vuvuzelas Hörschäden verursachen können. Die Tröte bringt es auf über 120 Dezibel und ist damit lauter als eine Kettensäge oder ein Schlagzeug.
Geräusche in dieser Lautstärke können neben dem akutem Hörversagen auch irreparable Schäden wie Tinnitus-Geräusche verursachen.
Viele Fußballfans wollen trotz der Warnungen kräftig in die Vuvuzela blasen. Wenn Sie auch Spaß daran haben, dann machen Sie doch mit!
Zum Beispiel beim größten Vuvuzela-Flashmob der Welt: Fußball-Fans auf der ganzen Welt sollen vor dem Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko gleichzeitig in die Riesen-Tröte blasen. Am 11. Juni um 12 Uhr soll es weltweit losgehen. In Berlin ist der Treffpunkt der Pariser Platz am Brandenburger Tor. Mehr Infos unter www.thisissouthafrica.de, ein Online-Projekt der Axel Springer Akademie.
Laut Selbstbeschreibung der Bauer Media Group ist die Zeitschrift “Bravo” das “Original unter den Jugendzeitschriften und unangefochtener Marktführer” und “wöchentlich das wichtigste Entertainment- und Informationsmagazin” für die “Kernleserschaft zwischen 12 und 17 Jahren”. Das Magazin “weiß, welche Themen die Jugendlichen wirklich bewegen”, “schafft einzigartiges Vertrauen” und “setzt seit 2006 ein Zeichen gegen Gewalt an Schulen”.
Wir sind uns nicht ganz sicher, welche dieser Kompetenzen sich in der Liste widerspiegeln, die “Bravo” letzte Woche veröffentlicht hat. Aber die Kernleserschaft zwischen 12 und 17 Jahren dürfte dankbar sein für die wertvollen Lebenshilfetipps, die ihr wichtigstes Informationsmagazin da für sie bereithält:
Wir haben den Rechtsanwalt und Lawblogger Udo Vetter um eine Einschätzung gebeten, welche Straftatbestände erfüllt sein könnten, wenn man den kreativen Vorschlägen von “Bravo” folgt.
Seine Antwort fiel auch für uns überraschend umfangreich aus:
I. (Rache am Ex)
1. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren), ggf. auch üble Nachrede (§ 186 StGB, Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr — sofern die Tatsache “Niete im Bett” nicht nachweislich wahr ist, wobei der Beweis kaum zu führen sein wird), oder sogar Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren — wenn er keine Niete im Bett ist und das “wider besseres Wissen” behauptet wird).
2. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
3. Betrug gegenüber dem Pizzadienst (§ 263 StGB, Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren)
4. Betrug gegenüber der Stripperin (§ 263 StGB, Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren), Beleidigung gegenüber Mutter und Vater (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
5. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
6. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
7. Beleidigung, (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
8. Körperverletzung, ggf. Versuch (§ 223 StGB, Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren)
9. Beleidigung, § 185 StGB (Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren), ggf. auch üble Nachrede (§ 186 StGB, Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr — sofern die Tatsache “Socken in der Unterhose” nicht nachweislich wahr ist, wobei der Beweis kaum zu führen sein wird), oder sogar Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren – wenn die Behauptung “wider besseres Wissen” aufgestellt wird).
10. Wegen des Zugangs zum Account ggf. Ausspähung von Daten (§ 202a StGB, Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren) oder Vorbereitung des Ausspähens von Daten (§ 202c StGB, Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr). Überdies wieder Beleidigung etc.
II. Rache an der Ex
2. Beleidigung (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
3. Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
4. Diebstahl (242 StGB, Freiheitsstrafe bis fünf Jahren), außerdem Sachbeschädigung (§ 303 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
5. Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
6. Körperverletzung, ggf. Versuch (§ 223 StGB, Freheitsstrafe bis zu fünf Jahren)
7. Beleidigung (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
9. Nötigung (§ 240 StGB, Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren)
10. Beleidigung (§ 185 StGB, Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren)
Nun sind die angegebenen Höchststrafen natürlich nicht gerade das Strafmaß, mit dem bisher unbescholtene Jugendliche zu rechnen hätten — aber dass sie sich gegebenenfalls strafbar machen, wenn sie die Ratschläge von “Bravo” befolgen, das hätte das Magazin, das einzigartiges Vertrauen schafft, seinen jungen Lesern dann vielleicht doch mit auf den Weg geben sollen.