Von der wissenschaftlichen Forschung immer noch unbeantwortet ist die Frage, ob es theoretisch denkbar ist, eine Nachricht so kurz und schlicht zu formulieren, dass es nicht einmal dem Überschriftenpraktikanten von Bild.de gelingt, sie falsch zu verstehen.
Danke an Florian K. und Thomas R.!
Nachtrag, 22.30 Uhr. Der Überschriftenpraktikant hat sich die Meldung dann nachträglich doch noch einmal ganz genau durchgelesen.
Gestern enthüllte “Bild” das Trikot des Fußballvereins Hertha BSC für die Bundesliga-Saison 2007/2008. Zum “Hintergrund” schrieb “Bild”, dass “einige Fans” nie “warm wurden” mit dem aktuellen Trikot. Insbesondere das “Adler-Wappen aus den Meister-Jahren 1930/1931” kam offenbar nicht so gut an. Und nachdem es am 2. Spieltag der laufenden Saison einen Trikot-Vorfall (Fans warfen nach einem Spiel “von den Herthanern in die Fankurve geworfene Trikots wieder zurück”) gab, hatte sich, so ist jedenfalls der “Bild”-Zeitung zu entnehmen, Ex-Hertha-Präsident Wolfgang Holst als Sprecher des Ältestenrates “in den Zoff” eingeschaltet:
Holst damals: “Man muss die Fans ernst nehmen. Wir haben ihre Wünsche angehört und protokolliert. Das Papier geht der Geschäftsleitung zu.” Und die hat reagiert: Schluss mit dem Adler auf den neuen Schmuckstücken für die Fans!
Hertha BSC nahm dazu in einer Pressemitteilung Stellung. Der Verein stellt darin fest, dass “bereits seit der Spielzeit 2005/2006 das Trikotdesign (…) verabschiedet worden ist”. Insofern sei auch der Hinweis auf den Ältestenrat in der “Bild”-Zeitung “nicht relevant”.
Das klingt nachvollziehbar. Insbesondere, wenn man weiß, dass Hertha BSC bereits zwei Wochen vor dem Trikot-Vorfall (und damit offenbar auch vor der Äußerung von Holst) in einer Mitteilung schrieb:
Um es ganz deutlich zu machen: In keiner Sekunde wurde daran gedacht, das HERTHA-Logo mit der Fahne durch das Logo mit dem Adler zu ersetzen. (…) [Das aktuelle] Trikot ist eine Sonder Edition und wird es nur in dieser Spielzeit geben. Die weiteren Trikots, und auch das aktuelle Auswärtstrikot werden selbstverständlich mit dem Original-Logo mit der Fahne gespielt. Auch zukünftig wird das alte HERTHA-Logo erhalten bleiben und auf den neuen Trikots zu sehen sein. (Links von uns.)
Im Sommer 2006, wenige Tage nachdem eine Französin namens Alexandra Paressant dem britischen Boulevardblatt “The Sun” intime Details über den brasilianischen Fußballspieler Ronaldinho erzählt hatte, sah die letzte Seite der “Bild”-Zeitung so aus:
Und man kann nicht einmal behaupten, dass “Bild” damals keine Anstrengung unternommen hätte, sich von der eigenen Geschichte zu distanzieren:
(…) jetzt soll Brasiliens Superstar Ronaldinho (26) angeblich einen echten Traumtreffer gelandet haben. Das französische Top-Model Alexandra Paressant (…) behauptet steif und fest, daß der weltbeste Fußballspieler abseits des Rasens nur für SIE dribbelt. (…) (Fettungen von uns.)
Allerdings: Damit SIE der “Bild”-Zeitung “jetzt zum 1. Mal” erzähle, wie sie Ronaldinho kennengelernt habe, wurde “Ronaldinhos angebliche Geliebte” von den “Bild”-Kollegen Cathrin Gilbert und Florian Scholz extra “aufgespürt”.
Aufgespürt, aha.
Wenige Tage später druckte die “Bild am Sonntag” ein Interview von Gilbert & Scholz mit Paressant, illustriert mit einem der “Bild”-Fotos und einem unscharfen Foto, das zuvor bereits in der “Sun” zu sehen war. Der Text klang ähnlich vertraut:
Weltfußballer Ronaldinho (26) dribbelt neben dem Platz nur noch für Sie [sic]: Alexandra Paressant (26). Das behauptet zumindest das Top-Model aus Frankreich.
Und wiederum kaum eine Woche später berichteten Gilbert & Scholz in “Bild” erneut über Paressant — diesmal mit einem neuen Foto, das angeblich Ronaldinho “und Freundin Alexandra” auf Marbella zeigte, tatsächlich aber etwas ganz anderes zeigte.
Danach dauerte es ein wenig, bis Gilbert & Scholz mit neuen Neuigkeiten aufwarten konnten, aber am 19. Juli war es soweit. Illustriert mit einem der aus “Bild” bekannten Fotos hieß es nun:
Ronaldinho bekennt sich öffentlich zu seiner neuen Liebe, dem französischen Top-Model Alexandra Paressant (…).
Frech oder selbstvergessen, jedenfalls so, als hätte es die “Sun”-Enthüllungen nie gegeben, hieß es über Ronaldinhos “neue Liebe” nun sogar:
BILD berichtete exklusiv.
Die Zeitschrift “Rund” schreibt jedoch in ihrer März-Ausgabe (u.a. unter Berufung auf das französische Magazin “So Foot”):
Laut “Rund”-Magazin handelt es sich bei Paressant vielmehr um “eine Expertin der Medienmanipulation” (oder gar “eine Verrückte”). Ihr sei es mit allerlei Tricks gelungen, “ein virtuelles Double” ihrer selbst zu schaffen — und das so gut zu vermarkten, dass ihre vermeintliche Liebesgeschichte mit dem Fußballstar nicht nur in der “Sun” und vielen, vielen anderen Medien nachzulesen war (und ist), sondern auch “exklusiv” in “Bild”.
Die Fotos, mit denen “Bild” und “BamS” ihre Paressant-Geschichten immer wieder großzügig bebilderten (O-Ton “Bild”: “Wow!”), bekam “Bild” übrigens offenbar von einer vermeintlichen Managerin des “Top-Models” zur Verfügung gestellt (“Bild”-Fotocredit: “privat”). Sie zeigen allerdings leider nicht die “Heckansicht” und “schönsten Fankurven” von Alexandra Paressant, sondern (irgend)ein Mannequin namens Alexandra Kabi.
PS: Laut “Rund”-Magazin wollten sich weder die “Bild”-Autoren noch “Bild” zu den Schwindel-Vorwürfen äußern. Bei Bild.de ist keiner der Paressant-Texte mehr zu finden.
Irgendwie war wohl auf der Seite, auf der die “Bild am Sonntag” heute darüber spekuliert, ob Bernd Schuster von der kommenden Saison an Trainer beim FC Bayern wird, noch ein bisschen Platz. Und irgendwer kam wohl auf die lustige Idee, den Lesern mit einer Foto-Montage schon einmal zu zeigen, wie das dann aussähe, wenn es wahr würde:
Leider war offenbar niemand in der Nähe, der sich ein bisschen mit Fußball auskennt. Die Frage “BAYERN-ZUKUNFT?”, die über der Fotomontage steht, lässt sich jedenfalls klar mit “Nein” beantworten. Denn selbst wenn Schuster in der nächsten Saison zum FC Bayern kommen sollte, gäbe er Mehmet Scholl und Hasan Salihamidzic nicht “die Richtung vor”. Die beiden verlassen den Verein bekanntlich zum Saisonende.
Und wie nennt man so einen Fehler? Einen “dicken Klops”? Aber mindestens.
Mit Dank an Florian L., Christoph F., Robin A., Salman und Christoph W. und Gruß an Urs von W.!
Nachdem bekannt wurde, dass der Fußballspieler Ivan Klasnic eine neue Niere bekommt, teilt sein Anwalt heute “klarstellend” mit,
dass es sich vorliegend um eine Lebendspende aus dem persönlichen Umfeld meines Mandanten handelt. Der Spender hat sich aus persönlicher, enger Verbindung zu Ivan Klasnic zur Spende entschlossen. (…) Wir bitten aber um Verständnis, dass aus Gründen des Schutzes auch des Spenders dessen Namen ungenannt bleiben soll.
Die Bitte kommt leider zu spät. In fast dreieinhalb Millionen Exemplaren von Europas größter Tageszeitung heißt es heute:
*)Verwandschaftsgrad, Name, Alter, Beruf und Wohnort des Spenders
wurden von uns unkenntlich gemacht.
Mit Dank an Sebastian P. für den Hinweis.
Nachtrag, 25.1.2007(mit Dank an Simon und Michael): Medienberichten zufolge bezeichnet Klasnics Anwalt die “Bild”-Enthüllung übrigens als “definitiv unrichtig”.
Nachtrag, 29.1.2007: Als wäre nichts gewesen, berichtet “Bild” heute unter Berufung auf eine kroatische Tageszeitung, “die neue Niere (…) stammt von seiner Mutter” — eine Behauptung, die Klasnics Anwalt inzwischen bestätigt.
Schlagzeilen für die Scheinwelt
(nzz.ch, set.)
Nach Unternehmen wie Adidas, IBM und Toyota bauen nun erste Medienhäuser virtuelle Niederlassungen in der Welt des Online-Spiels «Second Life». Bei den Aktivitäten von Firmen wie Reuters oder dem Axel-Springer-Verlag verwischen sich die Grenzen zwischen realer und fiktiver Welt. Die Präsenz hat den Effekt einer PR-Aktion.
«Zeitungen sind etwas anderes als Hamburger»
(bilanz.ch, Stefan Barmettler)
Seit Jahresanfang gehört die BILANZ zum Portefeuille von Axel Springer. Der Vorstandsvorsitzende, Mathias Döpfner, über die Grundwerte des grössten deutschen Verlags, dessen Auslandsengagements und Übervater Axel Springer.
Gut so
(freitag.de, Martin Böttger)
Muss Fernsehen denn wie Fußball sein?
“Die Quelle schweigt”
(fr-online.de, Volker Mazassek)
Wenn ein Sender wie ProSieben sich an der Historie versucht, wird es schon mal unfreiwillig komisch.
Standhafte Reporter im Sturm
(sf.tv, Video, 0:59 Minuten)
Viele europäische Fernsehstationen haben ihre Korrespondenten mitten aus dem Sturm ins Studio zugeschaltet. 10vor10 zeigt, wie die Reporter gegen die Sturmböen ankämpfen.
The last word
(nytimes.com, Video, 2:29 Minuten)
“Hi, I’m Art Buchwald and I just died”
Zu den peinlicheren Fehlern, die einem passieren können, wenn man eine Kolumne namens “Fußball International” schreibt, gehört der, die Vereinsfarben der beiden rivalisierenden Mailänder Fußball-Vereine zu verwechseln. Die Rot-Schwarzen sind die Fußballer von AC Mailand (“Rossoneri”), Inter Mailand nennt man auch die Schwarz-Blauen (“Nerazzurri”).
In der “Bild”-Zeitung vom 7. August 2006 hieß es in der redaktionellen Rubrik “Blieswoods Lebensregeln” zum Thema “Sagen Sie ja!”:
Ja zum Gefühl Fußball! Ist Ihr Herz noch rund von der WM? Zeit, dass sich die Bundesliga dreht (nur noch 4-mal aufwachen!). Schenken Sie sich ein TV-Abo von “Arena”! Noch nie war Fußball so billig (14,90 Euro/Monat). Schwarz-Rot-Geil: Wir machen weiter! Olé, Olé, Olé!
Wir hielten das schon damals für Schleichwerbung — einen Verstoß gegen Ziffer 7 des Pressekodexes also, wonach Verleger und Redakteure “auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken achten” — und beschwerten uns deshalb beim Presserat (Originaldokument rechts).
Heute nun teilte uns der Presserat mit, dass er unsere Ansicht teilt:
Der Beschwerdeausschuss hält den Verstoß gegen Ziffer 7 des Pressekodexes für so schwerwiegend, dass er (…) die Maßnahme der Missbilligung wählt.
Soweit das. (Eine “Missbilligung” ist für die Zeitung leider folgenlos).
Interessanter an der “Entscheidung des Beschwerdeausschusses 1 in der Beschwerdesache BK1-217/06” (Originaldokument rechts) ist, wie “Bild” beim Presserat auf unsere Beschwerde reagierte. Statt sich inhaltlich mit dem Schleichwerbevorwurf auseinanderzusetzten, beantragte die Rechtsabteilung der Axel Springer AG unsere Beschwerde “wegen offensichtlichen Missbrauchs nicht zu behandeln und zurückzuweisen”, weil BILDblog damit “journalistische Berichterstattung manipuliere”:
Man inszeniere die Wirklichkeit, die man zum Gegenstand der journalistischen Berichterstattung mache, und verstoße damit gegen journalistische Grundsätze wie Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit. (…) Eine ernsthafte Absicht, mit den Beschwerden Antworten auf offene Fragen der Berufsethik zu erhalten, die der Klärung bedürften, liege nicht vor.
Dergleichen ist für uns nichts Neues — zumal sich der Presserat auch dieses Mal wiedernicht der Springer-Auffassung anschließen wollte. Nur der Springer-Vorwurf, dass wir “den Presserat mit einer Flut von kommerziell, also sachfremd, motivierten Beschwerden anriefen”, irritiert uns nachhaltig: In den zweieinhalb Jahren BILDblog waren es ungefähr acht.
Verstummende Wachhunde
(nzz.ch, Stephan A. Weichert)
Medienkritische Selbstbeobachtung interessiere nicht nur die Brancheninsider, schreibt der Autor des folgenden Beitrags. Er kritisiert, dass viele Verlage den Medienjournalismus weggespart hätten.
“ZiB 1” wurde 2006 noch männlicher
(standard.at)
Der Frauenanteil der ORF-Nachrichten sank im letzten Jahr der ersten Generalin – Die “ZiB” blieb schwarz, Wolfgang Schüssel meist am Wort – Jahresbilanz als Download (pdf, 151 kb).
Tyler Brûlé ist der Mann, der seinen Markt erfindet
(welt.de, Joachim Bessing)
Vor zehn Jahren hat der Designer Tyler Brûlé mit der Zeitschrift “Wallpaper” ein neuartiges Lifestyle-Magazin kreiert. Dann wurde es stiller um ihn. Jetzt will Brûlé den Erfolg mit “Monocle” wiederholen.
Unkontrolliertes Sprudeln
(zeit.de, Eberhard Spohd)
Ulf Geyersbach hat ein Buch über die Sprache des Fußballs geschrieben. Auf humorvolle Art analysiert er die Neuschöpfungen und Entgleisungen, die Begriffe und Dummheiten der Menschen, die sich mit dem Sport beschäftigen und wie sie sich über die Jahrzehnte verändert haben.
“Väter weg von Puff und Kneipe”
(taz.de, Jan Feddersen und Susanne Lang)
Parteien? Nur noch Dienstleister auf dem politischen Illusionenmarkt. Die Linke? Nur noch entwaffnet und ratlos. Die Grünen? Nur noch Gierpartei und Teil der totalen Mitte. Warum Peter Sloterdijk dann doch ganz optimistisch ist.