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Ist es in Ordnung, das tote Flüchtlingskind zu zeigen?

Wenn Sie in den letzten Stunden im Internet unterwegs waren, haben Sie dieses Foto wahrscheinlich gesehen: Ein dreijähriger Junge liegt leblos am Strand, das Gesicht halb im Wasser. Er ist ertrunken, als seine Familie mit ihm nach Europa flüchten wollte.

Viele Medien zeigen das Foto seit gestern Abend, vor allem in Großbritannien und Griechenland, aber auch hierzulande, wo es etwa auf FAZ.net und Handelsblatt.com zu sehen ist.

Und natürlich in “Bild”. Es erschien heute auf der letzten Seite der „Bild“-Zeitung …

… auf der Startseite von Bild.de …

… und auf so ziemlich allen anderen Kanälen:






Wir bekommen seit gestern viele Mails dazu, viele Leser sind “zutiefst schockiert” darüber, dass “Bild” und andere Medien das Foto zeigen.

Doch ähnlich wie bei dem vor Kurzem veröffentlichten Foto der Flüchtlinge, die in einem Lkw in Österreich erstickt sind, sind wir uns nicht sicher, was wir davon halten sollen. Ist es in Ordnung, das Foto zu veröffentlichen? Oder sollte man es lieber verpixeln? Oder ganz darauf verzichten? Wir wissen es nicht. Fühlen uns aber deutlich wohler dabei, wenn wir es hier bei uns unkenntlich machen.

Auch der Deutsche Presserat konnte uns heute noch keine abschließende Einschätzung zu dem Fall geben. Er verweist auf die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex und erklärt, man müsse immer abwägen zwischen dem öffentlichen Informationsinteresse auf der einen und dem Schutz der Menschenwürde und der Persönlichkeit auf der anderen Seite. Zum Foto des toten Jungen seien bislang zwölf Beschwerden eingegangen, zehn davon gegen “Bild”.

Damit Sie sich selbst ein Bild machen können, haben wir einige Debatten-Beiträge gesammelt. Wir werden die Liste im Laufe des Tages ggf. erweitern. Sachdienliche Hinweise wie immer gerne an [email protected].

***

Achtung: In einigen der Artikel sind die Fotos unverpixelt zu sehen. Diese Artikel haben wir mit einem * gekennzeichnet.

Presseschauen zum Thema finden Sie unter anderem auf neues-deutschland.de* und bei der „New York Times“*.

Was uns der tote Junge von Bodrum lehrt
(sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger)
Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de, entschied sich mit seinem Team gegen die Veröffentlichung des Fotos: “Zeigen oder nicht? Ist es tatsächlich so, dass Menschen dem Tod erst ins Auge sehen müssen, um das tödliche Potenzial politischer Entscheidungen zu verstehen? Reichen nicht Worte wie zu Beginn dieses Artikels, um begreifbar zu machen, was vor jenem Strand passiert ist, was an vielen Orten gerade vielen Menschen passiert?”

*Hinsehen!
(handelsblatt.com, Rüdiger Scheidges)
Der Internetauftritt des “Handelsblatts” zeigt gleich mehrere Fotos, Autor Rüdiger Scheidges fordert seine Leser auf hinzusehen: “Doch was Berichte und Erzählungen wohl nie schaffen, das bewirkt ein solches Bild, das uns jetzt so sehr schockt. Das Dokument der uns umgebenden Wirklichkeit zeigt uns nämlich aufs drastischste, dass dieser kleine Mensch in seinem hochgerutschten roten T-Shirt, seiner Jeanshose, den kleinen Turnschuhen und seinem zusammengepressten kleinen Händchen einer von uns ist. ”

Endet die professionelle Distanz an einer Wasserleiche
(udostiehl.wordpress.com, Udo Stiehl)
Der Journalist Udo Stiehl fragt mit Blick auf den Pressekodex: “Rechtfertigt es die besondere Nähe und Emotionalität zum Thema, dass plötzlich Bilder einer Kinderleiche die journalistischen Grundsätze und die professionelle Distanz verpuffen lassen? Gilt Ziffer 9 nicht mehr? […] Haben tote Flüchtlingskinder, die am Strand angespült werden, jetzt etwa keine Ehre und Würde mehr? Es steckt sicher eine gute Absicht dahinter, in Verbindung mit dem Foto an die Politik zu appellieren, sichere Zufluchtswege zu schaffen. Aber dazu sollte keine Kinderleiche instrumentalisiert werden.”

Ein Foto, das die Welt erschüttert
(ksta.de)
Der “Kölner Stadtanzeiger” hat eine kurze Presseschau zum Abdruck des Fotos veröffentlicht und diesen Hinweis angehängt: “Unsere Redaktion hat sich in diesem Fall dazu entschlossen, das Foto nur im Anschnitt zu zeigen, damit Sie als Leser selbst entscheiden können, ob Sie sich die Aufnahme ansehen wollen.”

*Das traurigste Foto der Welt: #Kiyiya wird zum Symbolbild der Flüchtlingskrise
(meedia.de, Alexander Becker)
“Meedia” findet, das Foto könne “tatsächlich etwas bewegen. Es erinnert in seiner brutal emotionalen Symbol-Kraft an das berühmte Foto des jungen Mädchens, dass während des Vietnamkrieges vor einer Napalm-Wolke floh. Die Kraft eines solchen ikonischen Bildes kann man nicht hoch genug einschätzen.”

Am Strand
(friedemannkarig.de, Friedemann Karig)
Der Journalist Friedemann Karig wägt ab zwischen “Pictorial Turn” und “verwerflichem Ausschlachten der letzten Würde”. Letztlich sei er unentschlossen: “Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät. Wenn die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Medien eintrifft, dass dieses eine Bild ein Umdenken auslöst, dann hat sich die Medienethik selbst abgeschafft. Wenn es wirklich Leben rettet, dann bitte, druckt es, teilt es, plakatiert es, schickt es ins Weltall. Aber dann haben wir wohl ein ganz anderes Problem als dieses Bild.”

Bilder des Grauens
(djv.de, Hendrik Zörner)
Für Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband steht das Foto in der Reihe jener Bilder, “die ein Ereignis von historischer Tragweite zeigen, die es emotional begreiflich machen, die mehr als tausend Worte sagen. Das waren die Leichenberge in den befreiten Konzentrationslagern 1945, die nackten, weinenden Kinder mit herunter hängenden Hautfetzen nach einem Napalm-Angriff in Vietnam, das brennende World Trade-Center am 11. September 2001 in New York. Und das ist seit gestern der ertrunkene dreijährige Junge, angespült an einen türkischen Strand, der zum Symbol für die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer geworden ist.”

Totes Kind am Strand: Warum wir das Foto nicht zeigen
(merkur.de)
Die Onlineredaktion des “Merkur” zeigt das Foto nicht und schreibt: “Wir sagen nicht, dass es falsch ist, dass andere Medien das Foto zeigen. Aber wir haben uns nach kontroversen Diskussionen in unserer Redaktion dagegen entschieden. Der Hauptgrund ist, dass wir uns nicht wohl dabei fühlen, ein totes Kind in aller Deutlichkeit zu zeigen. Zudem sollte jeder selbst entscheiden, ob er dieses traurige Bild sehen möchte oder nicht. Wie schlimm das Flüchtlingsdrama ist, weiß jeder aus den vielen, vielen Berichten auch auf unserem Portal. Und wir werden weiterhin ungeschönt darüber berichten. Aber ohne einen toten Buben zu zeigen.”

Das Bild des toten Ailan – ein medienethischer Kommentar
(netzwerk-medienethik.de, Alexander Filipovic)
Alexander Filipovic erkennt vier Werte bzw. Argumente, die (zum Teil) in Konkurrenz miteinander stehen: Die “Würde des Jungen”, der “Schutz der LeserInnen”, die “journalistische Pflicht zur Berichterstattung” und “Menschen aufrütteln wollen”. Seine Abwägung: “Ich würde das Foto nicht bringen und halte das Vorgehen von, zum Beispiel, Kölner Stadtanzeiger und sueddeutsche.de für beispielhaft. Hier wird deutlich, dass reflektiert und abgewogen wurde und diese Überlegungen wurden publiziert. Und es werden Möglichkeiten angedeutet oder gezeigt, wie das Foto angeschaut werden kann, so dass jeder in Kenntnis von dem, was abgebildet wird, selber entscheiden kann, ob er oder sie es sich anschaut.”

*Zweifelhafter Betroffenheitskult
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Bei Rainer Stadler hinterlässt der massenweise Abdruck des Fotos einen “bitteren Geschmack”: “Die Massenmedien kaschieren ihren Voyeurismus mit einem Betroffenheitskult, dessen Legitimation sie neuerdings daraus ableiten, dass die ohnehin an chronischer Hysterie leidenden sozialen Netzwerke wieder einmal in besonders starke Erregung geraten sind. Man reagiert auf ein angebliches Marktbedürfnis. Doch die Mediengesellschaft schaut nur in den Spiegel und sieht sich selber. Die kurzlebigen Bekundungen von Betroffenheit sind letztlich ebenso sehr ein soziales Zeichen für Abgestumpftheit und ein allgemeines Desinteresse am Geschehen auf diesem Globus. Das moralische Bewusstsein scheint erst jetzt zu erwachen, da das Flüchtlings- und Migrationsdrama näher rückt und bereits in unseren Hinterhöfen und Strassen sichtbar wird.”

*Diskussion um Foto eines toten syrischen Jungen in der “Bild”
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Der “Tagesspiegel” (der ein Foto zeigt, auf dem das tote Kind weggetragen wird) hat die Nachrichtenagentur dpa zum Thema befragt: “dpa gab das Foto verpixelt heraus. ‘Zuerst einmal: Dieses Foto hat uns in der dpa-Redaktion auch schockiert. Gerade auch Tote haben aber eine Würde’, sagt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann. ‘Daher haben wir uns dafür entschieden, es vorerst nur gepixelt aufzulegen. Unsere Kunden können es aber auch unverpixelt bestellen beziehungsweise eine Perspektive, in der das Kind nicht so im Zentrum des Bildes steht.’ Bisher habe es jedoch keine Anfragen in dieser Richtung gegeben. ‘Wir sind der Überzeugung, dass auch die Visualisierung menschlichen Leids zur journalistischen Grundversorgung durch die dpa gehört’, so Gösmann weiter. ‘Wir bemühen uns aber in steter Einzelfallabwägung darum, dabei die Würde von Opfern und auch die Gefühle von Nutzern unserer Produkte zu berücksichtigen.'”

Foto mit Kinderleiche zeigen? “Abwägung von Menschenwürde”
(derstandard.at, Oliver Mark)
Politikwissenschaftlerin Petra Berhardt sagte dem “Standard” (der das Foto nicht zeigt), die Abwägung sei auch eine Frage der “ethischen Selbstpositionierung”. Es mache einen Unterschied, “ob ein Bild aufs Cover kommt und somit kein Wegsehen möglich macht oder ob es zum Beispiel online hinter einer ‘graphic content warning’-Schranke abrufbar ist, wo das Publikum selbst entscheiden kann, ob es das Bild sehen will oder nicht.”

Wegsehen wäre die schlimmste Entwürdigung
(kress.de, Heike Rost)
Die Journalistin Heike Rost hat sich gestern dezidiert dafür ausgesprochen, das Foto zu zeigen. Es gehöre “zur Aufgabe von Journalismus, die Seelenruhe von Lesern zu stören”, auch wenn es “unbequem” und “schwer erträglich” sei. “Die Geschichte des Journalismus belegt immer wieder, vom Vietnam-Krieg über 9/11 und den Boston-Marathon bis zu den Erdbeben von Haiti und Japan: Es waren Bilder, die Menschen zutiefst berührten. Und zu Veränderung und Handeln bewogen. (…) Wegsehen bewegt nichts. Und für die Opfer dieser Kriege und Katastrophen wäre genau das die wohl schlimmste Entwürdigung.”

Journalismus und die Schock-Bilder
(presseverein.ch, Janosch Tröhler)
Janosch Tröhler vom Zürcher Presseverein weist auf die “Click-To-View”-Möglichkeit hin: “Die Diskussion ‘Zeigen vs. nicht zeigen’ beschränkt sich tatsächlich auf den Printjournalismus. Doch die digitalen Kanäle bieten die Möglichkeit, die Entscheidung, ob man das Foto sehen möchte oder nicht, den Lesern zu überlassen. Das ist auch die technische Lösung, verantwortungsvollen Journalismus zu machen, der nichts auslässt, aber auch auf billigen Voyeurismus und beim sensiblen Rezipienten keinen Schock auslöst.”

“Die fortgespülte Menschlichkeit”
(detektor.fm, Audio)
detektor.fm hat sich mit dem Fotografen Martin Gommel unterhalten, der selbst schon aus Krisengebieten berichtet hat. Der meint, ethisch bedenklich sei nicht das Zeigen des Fotos, „sondern ethisch bedenklich ist, dass Kinder auf dem Mittelmeer sterben“. Gommel hält es für wichtig, ein solches Bild zu zeigen, weil es uns vor Augen führe, „dass das ganze Thema eine sehr, sehr konkrete Seite hat, die eben Menschenleben kostet“.

***

Zur Geschichte der Familie:
*Family of children found on Turkish beach were trying to come to Canada
(ottawacitizen.com, Terry Glavin)
Die Familie des ertrunkenen Jungen hatte offenbar seit längerer Zeit versucht, nach Kanada zu kommen. Terry Glavin hat all ihre Anstrengungen nachrecherchiert: “Teema, a Vancouver hairdresser who emigrated to Canada more than 20 years ago, said Abdullah and Rehan Kurdi and their two boys were the subject of a ‘G5’ privately sponsored refugee application that was rejected by Citizenship and Immigration in June, owing to the complexities involved in refugee applications from Turkey. The family had two strikes against them — like thousands of other Syrian Kurdish refugees in Turkey, the UN would not register them as refugees, and the Turkish government would not grant them exit visas.”

Ein Hinweis für Twitter:
„Sensible Medien“ bei Twitter
(sebastian-pertsch.de, Sebastian Pertsch)
Sebastian Pertsch hat einen guten Hinweis für Twitter-Nutzer: Wenn man Fotos als “sensibel” markiert, werden sie in der Timeline nicht sofort angezeigt, sondern erst nach einem Klick auf “Foto anzeigen”. Das sei “einfach und schnell erledigt” — und gestatte es “jedem Twitter-Nutzer selber zu entscheiden, die Bilder oder Fotos zu sehen”.

Trotteln, Sarrazin, Bücherverbrennung

1. “Es gibt schon schöne Trotteln”
(facebook.com, Armin Wolf)
Am Ende eines Beitrags der ORF-Nachrichtensendung “ZiB2” war ein Facebook-Posting über Flüchtlinge zu lesen: “An die Wand stellen und einen Kopfschuss verpassen”. Moderator Armin Wolf kommentierte das mit den Worten: “Da graust einer Sau” und “Es gibt schon Trotteln”. Das veranlasste einen Zuschauer zu einer Beschwerdemail an den Publikumsrat, auf die Armin Wolf nun antwortet: “Würde ich es noch einmal sagen? Nein. Ich würde nicht ‘schöne Trotteln’ sondern ‘Es gibt schon feste Trotteln’ sagen. ‘Schöne’ war tatsächlich unpassend.”

2. „Die Eskalation war teilweise inszeniert“
(ostpol.de, Sonja Volkmann-Schluck)
Marco Risovic war als Fotograf an der griechisch-mazedonischen Grenze, als die Regierung dort vergangene Woche den Übergang für Flüchtlinge blockierte. Im Interview spricht er über die Arbeit vor Ort und die Inszenierung von Bildern. Denn dass danach vor allem Fotos von Polizisten zu sehen waren, die mit Tränengas und Blendgranaten auf Flüchtlinge losgehen, war seiner Ansicht nach “von mazedonischer Seite beabsichtigt”.

3. Sarrazins Erbe wirkt weiter
(mediendienst-integration.de, Daniel Bax)
Vor fünf Jahren warnte Thilo Sarrazin schlagzeilenträchtig und begleitet von einem enormen Medienecho vor der Selbstabschaffung Deutschlands. Der “taz”-Journalist Daniel Bax sieht das Buch und die folgende Debatte als Zäsur, die “deutlich gemacht [habe], dass es auch in Deutschland das Potential für eine rechtspopulistische Partei jenseits der Union gibt” und der AfD und “Pegida” den Weg geebnet habe. Sarrazin selbst habe mittlerweile an Popularität verloren, seine Thesen seien jedoch salonfähiger als je zuvor.

4. Wie eine Bücherverbrennung erfunden wurde
(wibkeschmidt.com, Wibke Schmidt)
In einer “Provinzbücherei im Schwarzwald” wurden vor einem Monat 3200 Bücher aussortiert — aus Sicht der “Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen” ein “übliches Vorgehen”, schreibt Wibke Schmidt. Daher wundert sie sich, dass Roland Tichy in seinem Blog die Aktualisierungsaktion in Bad Dürrheim in eine neu aufgelegte Bücherverbrennung umdichtet: “Aus der Aussortierung alter Bücher in einer Gemeindebibliothek eine von höchsten staatlichen Stellen gesteuerte rot-grüne Umerziehungsaktion zu machen — darauf muss man erst mal kommen.”

5. Dramatisches Drama
(udostiehl.wordpress.com, Udo Stiehl)
“Bis zu 50 Flüchtlinge in Schlepper-LKW erstickt” – diese Schlagzeile tauchte gestern in etlichen Medien auf. Udo Stiehl fragt sich, warum so viele Journalisten “die Verlockung [verspüren], eine ohnehin schreckliche Story sofort zu dramatisieren”. Korrekter wäre es gewesen, sich an der Angabe des Ermittlers auf der Pressekonferenz zu orientieren, der von “mindestens 20 Todesopfern” sprach. Wenn man bei Todesmeldungen “mindestens” durch “bis zu” ersetze, “würden Spekulation und Dramatisierung wohl bald zum Standard von Schlagzeilen erhoben”. (Inzwischen hat das österreichische Innenministerium bekanntgegeben, dass in dem LKW mehr als 70 Tote gefunden wurden.)

6. Neues aus der Bildmontage-Bastelstube: Basteln mit Tieren
(noemix.twoday.net)

Bild  

Wenn “Bild” Unschuldige zu Mördern macht

Die „Bild“-Zeitung will um jeden Preis Gesichter zeigen. Sie will, dass ihre Leser den Tätern und Opfern in die unverpixelten Augen sehen können, warum auch immer. Da können die Polizei, die Justiz oder die Angehörigen noch so oft darum bitten, es nicht zu tun.

In den meisten Fällen beschafft sich die Redaktion die Fotos kurzerhand im Internet und schert sich dabei weder um die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten noch um die Rechte der Urheber, und um den Pressekodex erst recht nicht.

Auch gestern zeigte „Bild“ wieder das Foto eines Mannes, der wegen Mordes angeklagt ist (natürlich ohne jede Unkenntlichmachung):

Nun stellt sich heraus: Der Abgebildete ist gar nicht der Angeklagte. Er hat mit der Sache überhaupt nichts zu tun.


(Online hat “Bild” das Foto inzwischen gelöscht, im ePaper die ganze Seite.)

Es war nicht der erste Fehler dieser Art. Bei weitem nicht.

Im August vergangenen Jahres erklärte die „Bild am Sonntag“ einen jungen Mann zum „Killer“, obwohl er nichts mit der Tat zu tun hatte. Die Fotobeschaffer hatten sich im falschen Facebookprofil bedient.

Ähnlich wie 2012, als Bild.de und die Berliner „Bild“-Ausgabe das Foto einer Frau zeigten, die angeblich von ihrem Mitbewohner getötet worden war. In Wirklichkeit lebte die Abgebildete aber noch und hatte nichts mit der Sache zu tun.

Anfang 2014 druckte die Kölner „Bild“-Ausgabe das Foto eines Mannes und behauptete, er habe seine Oma erschlagen. Später stellte er sich als unschuldig heraus.

Einige Monate später zeigte “Bild” einen Mann, der, so die Bildunterschrift, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Tatsächlich lebte der Abgebildete noch, “Bild” hatte ihn verwechselt.

2004 bebilderte die Berliner Ausgabe einen Artikel über einen Autounfall mit dem Foto eines Mädchens und schrieb, es sei bei dem Unfall gestorben. In Wahrheit lebte das gezeigte Kind aber noch und hatte nicht mal in dem Auto gesessen.

2012 druckte „Bild“ das Foto eines Schülers und nannte ihn „KILLER“ und „miesen Kindermörder“; auch er stellte sich später als unschuldig heraus (nachdem ein Lynchmob versucht hatte, das Polizeikommissariat zu stürmen, wo der vermeintliche „KILLER“ festgehalten wurde).

2009 veröffentlichte „Bild“ ein riesiges Foto, das den Amokläufer Tim K. zeigen sollte. Tatsächlich war darauf ein ganz anderer – unschuldiger – Junge zu sehen.

Wenige Wochen später präsentierte die „Bild am Sonntag“ auf einem Foto den Tatverdächtigen eines Vierfach-Mordes. Auch in diesem Fall hatte der Abgebildete überhaupt nichts mit der Sache zu tun.

Die Richtigstellung zur aktuellsten Verwechslung hat „Bild“ heute übrigens auf Seite 6 abgedruckt. Direkt unter einem unverpixelten Porträtfoto, auf dem ein „Killer“ zu sehen ist. Behauptet zumindest „Bild“.

Nachtrag, 19. Februar 2016: Vor drei Tagen druckte “Bild” ein Foto, das das Opfer eines Säureangriffs zeigen sollte. Einen Tag später folgte die (winzige) Korrektur: Die Fotobeschaffer hatten sich wieder geirrt; die abgebildete Frau hatte nichts damit zu tun.

Wie “Bild” den Hass gegen Flüchtlinge schürt

Es sind ungewohnte Töne von Julian Reichelt. In letzter Zeit macht sich der „Bild“-Online-Chef immer wieder für Flüchtlinge stark, er erklärt:

Oder:

Auch sonst geben sich „Bild“-Medien sichtlich Mühe, dem lauter werdenden Fremdenhass im Land etwas entgegenzustellen; sie wettern gegen die „Pegida-Idioten“, versuchen sich an entlarvenden Faktenchecks, erzählen rührende Positiv-Geschichten, machen auf das Leid der Geflüchteten aufmerksam und kritisieren das „geschmacklose Spiel mit Angst und Vorurteilen“.

Dagegen ist auch erstmal nichts zu sagen. Bloß wäre dieses Engagement viel glaubwürdiger und vor allem: wirksamer, wenn „Bild“ nicht gleichzeitig an vielen Stellen genau diesen Hass, die Feindbilder und die Ressentiments gegen Flüchtlinge befeuern würde.

Sie erinnern sich vielleicht an den Artikel, den die Dresdner „Bild“-Ausgabe vor gut einem Jahr veröffentlicht hat:

Obwohl schnell klar war, dass die Schutzwesten nicht aus Angst vor den Flüchtlingen angeschafft wurden, sondern zum generellen Schutz der Rettungskräfte, und obwohl auch „Bild“ weiß, dass es in Wahrheit keine Vier-Sterne-Luxusbude mehr ist, sondern ein ausrangiertes Hotel ohne jeden Schnickschnack, und obwohl der Artikel mit diesen falschen Behauptungen nachweislich die Stimmung gegen Flüchtlinge anheizt, ist er immer noch online.

Wenn den „Bild“-Leuten und vor allem ihrem Online-Chef so viel daran gelegen ist, den Flüchtlingen zu helfen, warum korrigieren oder löschen sie den Artikel nicht einfach?

Und generell die ganzen Geschichten, die von den „Bild“-Medien in die Welt gelogen wurden und heute genau jenen als Argumentationshilfe dienen, die gegen die „Überfremdung“ unseres Landes zu Felde ziehen.

Also wenn es in diesem Land jemanden gibt, der das „geschmacklose Spiel mit Angst und Vorurteilen“ beherrscht, dann ist das die “Bild”-Zeitung.

Ein anderes Beispiel. Anfang vergangener Woche erschien in „Bild“ Hamburg und bei Bild.de ein Artikel über den Hamburger Verkehrsbund (HVV):

Aus Angst vor „schlechter Presse“ hat der HVV hat seine Fahrkartenkontrolleure angewiesen, bei Flüchtlingen, die ohne Ticket angetroffen werden, ein Auge zuzudrücken.

Das geht aus einem internen Schreiben des Unternehmens hervor, das BILD vorliegt. Wörtlich heißt es darin: Bei „Asylsuchenden“ müsse man „viel „Augenmaß walten lassen“, da viele von Ihnen „Opfer von professionellen Fahrkartenfälschern“ würden oder „nachvollziehbar kaum Kenntnisse“ von der HVV-Tarifstruktur hätten.

Dann, wie üblich, ein schockierter Politiker:

Das will CDU-Verkehrsexperte Dennis Thering (31) so nicht stehen lassen: „Die ,Augen-zu-Anweisung‘ muss zurückgenommen werden. Es gibt in Hamburg die Möglichkeit, eine vergünstigte HVV-Zeitkarte zu erwerben, explizit auch für Personen, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten.“

Und der Artikel schließt mit der Bemerkung:

In der Tat erhält jeder neu ankommende Flüchtling 149 Euro Taschengeld pro Monat. Davon sind nach Angaben der Sozialbehörde 25,15 Euro für Fahrkarten im Nahverkehr vorgesehen.

Die haben also — in der Tat — genug Geld, die Flüchtlinge. Und dann kommt der HVV auf die Idee, sie alle schwarzfahren zu lassen, damit es keine negativen Artikel gibt? Und der arme Deutsche muss wieder blechen?

Soweit — und so verzerrt — die Version der „Bild“-Zeitung.

Was das Blatt nämlich nicht erwähnt: Es sind nicht nur Flüchtlinge, bei denen der HVV „ein Auge zudrückt“, sondern alle Leute, die aufgrund von Sprachproblemen oder aus anderen guten Gründen versehentlich ein ungültiges Ticket dabeihaben.

„Egal ob Hamburger oder Flüchtling oder Tourist“, erklärte uns der HVV-Sprecher auf Nachfrage, “da machen wir keinerlei Unterschied”. Wer zum Beispiel glaubhaft versichern könne, dass er Opfer von Fälschern wurde oder sich beim Fahrkartenkauf vertan hat, dürfe mit der Kulanz der Kontrolleure rechnen, das gelte für alle und sei schon immer so gewesen.

Mit dem internen Schreiben (hier im Wortlaut) habe der HVV lediglich der aktuell hohen Zahl von Flüchtlingen Rechnung tragen und die Mitarbeiter daran erinnern wollen, dass bei den Kontrollen Fingerspitzengefühl gefragt sei. Es sei auch nicht aus Angst vor schlechter Presse verschickt worden, sondern „aus Überzeugung“. Der HVV-Sprecher:

Ich kenne den Kollegen, der das Schreiben verschickt hat. Der hat vor Kurzem miterlebt, wie verängstigt einige Flüchtlinge waren, als sie, umringt von Uniformierten, am Bahnsteig kontrolliert wurden, da dachte er sich einfach: „Da muss man was tun“ und hat dann das Schreiben verschickt, um die Kollegen für die spezielle Situation zu sensibilisieren.

Das alles hätte der „Bild“-Reporter auch erfahren, wenn er beim HVV nachgefragt hätte. Aber das hat er laut HVV nicht.

So reißt “Bild” das Dokument aus dem Zusammenhang und erweckt den Eindruck, die Flüchtlinge bekämen eine ungerechtfertigte Extrawurst.

Die Reaktionen auf den Artikel sehen übrigens so aus:















Das ist nur eine winzige Auswahl. Auf der Facebookseite der Hamburger “Bild” stehen noch über 900 weitere Kommentare, viele davon gehen in die gleiche Richtung. In den Sozialen Medien, in Foren und in analogen Diskussionen ist die “Nachricht”, dass “die Flüchtlinge jetzt sogar offiziell schwarzfahren dürfen”, zu einem weiteren Scheinargument geworden, mit dem der Hass genährt wird.

Auch der HVV habe aufgrund der Berichterstattung Dutzende Hassbriefe und -mails bekommen, sagte uns sein Sprecher, die meisten davon seien „offen rassistisch“.

Die Hütte brennt, “Bild” schüttet Benzin nach, und Julian Reichelt steht davor und tut so, als wolle er löschen.

Mit Dank an Lars W.

Siehe auch: Schlechte Presse, Lügenpresse und der HVV (“Eimsbütteler Nachrichten”)

Nachtrag, 17. August: Julian Reichelt hat auf unsere Kritik reagiert. Nur verstanden hat er sie nicht.

Bild  

“Bild” ist stolz auf Presserats-Rügen

(Screenshot: Meedia)

Die Grafik stammt aus einer internen Selbstanfeuerungs-App der “Bild”-Medien, in der ganz unironisch solche Sätze stehen wie „Wir brennen für die Wahrheit“ oder „Wir respektieren Menschen“.

Auch “Bild”-Mann Paul Ronzheimer ist natürlich zu sehen („Wir berichten auf Augenhöhe. Ungeschönt und mit unverstelltem Blick auf das Wesentliche.“) und eben die Grafik zu den Rügen, mit denen die „Bild“-Zeitung sich brüstet, als wären es in Wirklichkeit Auszeichnungen für ihren „unbequemen“ „Journalismus“. Was tatsächlich dahintersteckt, können Sie unter anderem hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier nachlesen.

Polizei? Da könnte ja jeder bitten!

Seit knapp eineinhalb Wochen sucht die Polizei Niedersachsen nach einer Familie aus Drage. Mutter, Vater und Tochter waren spurlos verschwunden, die Polizei startete eine öffentliche Fahndung. Dafür hat sie Scans der drei Passfotos auf die eigene Internet- und auf eine Facebook-Fahndungsseite gestellt. Zahlreiche Medien haben die Fotos in der aktuellen Berichterstattung verwendet — macht ja auch Sinn bei einer öffentlichen Fahndung.

Inzwischen haben die Beamten die Leiche des Familienvaters gefunden. Die dazugehörige Pressemitteilung endet mit diesem Absatz:

Medienhinweis: Die Öffentlichkeitsfahndung nach dem 41-jährigen Marco S. ist somit beendet. Es wird darum gebeten, die Fotos aus der Berichterstattung zu nehmen.

Den Hinweis hat die zuständige Polizeiinspektion Harburg spätabends am vergangenen Freitag veröffentlicht.

Und so sieht die Berichterstattung von “Bild”, Bild.de und “Bild am Sonntag” seitdem aus:

Bild.de, 1. August:

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)
“Bild am Sonntag”, 2. August:

Bild.de, 2. August:

“Bild”, 3. August:

“Bild”, 4. August:

Nun kann es eine etwas aufwendigere Sache sein, schon publizierte Online-Artikel zu durchkämmen und einzelne Fotos per Hand rauszulöschen. Aber all die aufgeführten Berichte sind eben erst nach der Bitte der Polizei erschienen.

Jan Krüger, Sprecher der Polizeiinspektion Harburg, sagte uns, dass eine Missachtung des Medienhinweises keine rechtlichen Schritte von Seiten der Polizei nach sich ziehe. Familienangehörige müssten sich dagegen wehren und das Persönlichkeitsrecht des verstorbenen Vaters durchsetzen.

Krüger und sein Team hätten das Foto direkt nach der Identifizierung der Leiche aus dem Internet genommen, online fänden sich nur noch die Bilder der Mutter und der Tochter, nach denen weiterhin gesucht wird. Bei den Medien könne man nur darauf hoffen, dass sie der Bitte nachkommen.

Allerdings haben wir das Gefühl, dass diese Hoffnung bei den Leuten von “Bild” vergebens ist.

Mit Dank an @macerarius.

Die widerliche „IS“-Propaganda bei Bild.de

Bild.de berichtete gestern über „eine neue, zynische Propaganda-Aktion“ der Terrormiliz „Islamischer Staat“ („IS“ oder „ISIS“):

Vermummte Kämpfer führen vier gefesselte Männer auf das Dach eines vierstöckigen Hauses in der Stadt Falludscha (Zentral-Irak). Mit ihren wehrlosen Gefangenen treten sie an die Brüstung des meterhohen Hauses – stoßen dann ihre Opfer nacheinander in den Tod: Der Vorwurf der Terroristen: Die Männer seien homosexuell gewesen.

Bilder der Hinrichtung sind bei Twitter zu sehen. Und bei Bild.de.

Die Redaktion hat in dem Artikel drei Fotos veröffentlicht, die zeigen, wie die Terroristen einen (zumindest halbwegs verpixelten) Mann zum Dach bringen …

… wie sie ihn über die Brüstung schubsen und sogar, wie er vom Dach fällt:

Wieder einmal verbreitet die Terrormiliz im Internet die grausame Propaganda ihres „Gottesstaates“.

Und wieder einmal verbreitet Bild.de fleißig mit.

“Die Medien sollten zurückhaltend mit der Veröffentlichung von Fotos umgehen und sich nicht als Propagandainstrument der Terroristen missbrauchen lassen.”

… sagte der Presserats-Vorsitzende Lutz Tillmanns vor gut einem Jahr, als die Bilder von der Hinrichtung des Journalisten James Foley um die Welt gingen.

Bei Bild.de sieht die Zurückhaltung so aus:

Wenn ein „Neues Schockfoto aus der perversen Welt der Terrormiliz“ auftaucht — Bild.de zeigt es:


(Immerhin: Gesichter von Geiseln und abgetrennte Köpfe macht Bild.de in den meisten Fällen unkenntlich.)

Wenn auf Youtube ein neues „abscheuliches Propagandavideo“ auftaucht, baut Bild.de es oft direkt in den Artikel ein …

… unterlegt es mit einem Off-Kommentar und lädt es als eigenes Video („Copyright BILD“) wieder hoch …

… oder zeigt die „barbarischen“, „widerwärtigen“, „perversen“ und „niederträchtigen“ Szenen als Screenshots (kleine Auswahl):


























Etliche Fotos und Videos hat Bild.de schon veröffentlicht, von posenden, Fahne schwingenden, Panzerfaust schießenden Terroristen; und von gedemütigten, gefolterten und ermordeten Geiseln vor, während und nach ihrem grausamen Tod. Nur in den seltensten Fällen beschränkt sich Bild.de auf die bloße (ausführliche) Beschreibung der “Horrorbilder”.

Dabei schreibt Bild.de selbst:

Für ISIS erfüllt die Veröffentlichung derart abscheulicher Videos mehrere Zwecke. Zum einen dienen die medialen Zeugnisse ihrer Grausamkeit als wichtiges taktisches Mittel. (…)

Zudem erfüllen die Gräuelvideos auch einen Rekrutierungszweck: Bei den Sympathisanten der Terrorgruppe handelt es sich offenkundig um Personen mit ausgeprägter Gewaltaffinität und starken sadistischen Neigungen. Gegenüber konkurrierenden Terrorgruppen, die ihre Mordtaten weniger medial aufbereiten, hat ISIS den Vorteil, die sadistischen Bedürfnisse dieser Personengruppe stärker zu befriedigen.

Kurzum:

Mit ihrer massiven Propagandaschlacht im Internet vermarkten die Terroristen regelrecht ihren Kampf!

Und Bild.de hilft ihnen dabei.

Mit Dank an Christian M. und Stefan F.

Siehe auch:

Wenn die Wirklichkeit nicht blutig genug ist

Vergangene Woche sind am tunesischen Strand von Port el Kantaoui, den „Bild“ den „Todesstrand“, „Strand des Grauens“, „Strand des Terrors“ und „Strand der Tränen“ nennt, 38 Menschen getötet worden.

Bild.de zeigte auf der Startseite grausame Fotos:



(Unkenntlichmachungen von uns.)

Die „Bild“-Medien zeigten Fotos des erschossenen Attentäters in einer riesigen Blutlache (in „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de immerhin verpixelt, in „Bild“ nicht), Fotos von blutüberströmten Verletzten, von blutüberströmten Sonnenliegen, von blutüberströmten Treppenstufen, von weinenden Angehörigen und immer wieder Fotos von Leichen, die am Strand liegen.

Aber das war den Leuten von Bild.de offenbar immer noch nicht grausam genug. Bei mindestens einem Foto — es zeigt zwei notdürftig bedeckte Leichen zwischen Sonnenstühlen — haben sie, bevor sie es auf die Startseite gepackt haben, einen Filter über das Foto gelegt, um das Opfer blutiger zu machen.

Zum Vergleich (Achtung, auf dem Foto ist der Arm einer Leiche zu sehen): Vergleich

Mit Dank an Jan M. für Screenshot und Hinweis!

“Bild” am Grab von Andreas L.

Am vergangenen Samstag ist Andreas L., der Co-Pilot der Germanwings-Maschine 4U9525, auf dem Friedhof seiner Heimatstadt beerdigt worden.

Die „Rhein-Zeitung“ wusste schon ein paar Tage zuvor davon, hat es aber für sich behalten, „damit seine Familie und seine Freunde in Ruhe Abschied von ihm nehmen konnten“, wie Chefredakteur Christian Lindner erklärte. Gestern hat die Zeitung lediglich einen kurzen Satz über die Beerdigung geschrieben, der im Grunde nur die Information enthielt, dass sie stattgefunden hat.

Für dieses Vorgehen hat die Redaktion viel Lob bekommen. Auch wir wurden mehrfach darauf hingewiesen, da könnten wir doch ruhig mal über ein positives Beispiel berichten. Machen wir ja auch gerade, aber gezögert haben wir schon, und so ganz können wir die Begeisterung immer noch nicht teilen.

Erst einmal: So sah das Ganze gestern aus:

Die Meldung steht rechts oben, über der weißen Fläche:

Co-Pilot ist in seiner Heimat beerdigt worden
Montabaur. Der Germanwings-Co-Pilot Andreas L. (29), der im März 149 Menschen mit Absicht in den Tod geflogen hat, ist am Samstag in aller Stille in seiner Heimatstadt Montabaur beerdigt worden.*

Unter der weißen Fläche steht:

*Die Redaktion dieser Zeitung wusste vorab von dem Begräbnis. Wir haben uns dafür entschieden, darüber nur mit einem Satz zu berichten. Mehr zu unserer Entscheidung auf Rheinland-Pfalz

Im Innenteil schreibt Chefredakteur Lindner dann „in eigener Sache“ (online kostenpflichtig):

Ein Satz.
Das genügt.

Verantwortungsvolle Journalisten zeichnen sich auch durch Haltung aus. Gute Redaktionen reagieren auch im Internetzeitalter überlegt statt übereilt. Seriöse Zeitungen und Webseiten machen bewusst nicht alles, was möglich wäre.

Ganz in diesem Sinne hat die Redaktion dieser Zeitung nachgedacht, abgewogen, entschieden und gehandelt, als wir schon vor einigen Tagen erfuhren, dass der Co-Pilot Andreas L. (…) in seiner Heimatstadt Montabaur beerdigt wird. Wir haben diese Information bis zwei Tage nach der Beerdigung für uns behalten. Damit seine Familie und seine Freunde in Ruhe Abschied von ihm nehmen konnten. Damit die Weltpresse bei diesem Begräbnis nicht erneut über Montabaur herfällt. Damit Privates privat bleibt und nicht ohne Not und ohne Sinn öffentlich wird.

Ja, wir hätten aus der Ferne Fotos von der Beerdigung machen können. Ja, wir hätten die Beerdigung als einziges Medium beschreiben können. Ja, wir hätten die Bilder weltweit verkaufen, hätten unseren exklusiven Text deutschlandweit und auch international vermarkten können.

Auf all das haben wir bewusst verzichtet.

Das klingt alles sehr reflektiert, es klingt aber auch so, als solle man der „Rhein-Zeitung“ jetzt ganz doll dankbar sein. Aber wofür? Dafür, dass sie die Weltpresse doch nicht auf die Trauernden gehetzt hat? Dass sie sich dagegen entschieden hat, Kapital aus dem Leid der Angehörigen zu schlagen?

Auf all das haben wir bewusst verzichtet. Stattdessen setzen wir in der knappestmöglichen Form einen Schlusspunkt in diesem Drama um Flug 4U 9525 – indem wir in gerade mal in einem Satz melden, dass Andreas L. nun seine letzte Ruhe gefunden hat. Und wir machen unseren bewussten Verzicht auf jede weitere Zeile – auch stellvertretend für die vielen respektvollen Publikationen der Medienbranche – mit einem weißen Raum auf der Titelseite unserer Zeitung deutlich. Zum ersten Mal seit ihrer Gründung 1946 überhaupt.

Nun ja. Kann man natürlich machen. Kann man aber auch lassen.

Wenn sich ein Koch abends ins Restaurant stellt und sich damit brüstet, dass er heute niemandem ins Essen gespuckt hat, dann ist das sein gutes Recht. Aber isst man nicht doch lieber dort, wo man das Gefühl hat, dass es keine Besonderheit ist, nicht ins Essen zu spucken, sondern der Normalzustand?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist toll, dass die „Rhein-Zeitung“ darauf verzichtet hat, etwas Schlimmes zu tun. Aber wir fänden es noch toller, wenn sie das als Selbstverständlichkeit betrachten würde. Das ist der Grund, warum wir uns etwas schwer damit tun, die „Rhein-Zeitung“ für diese Sache so zu feiern, wie sie es selbst tut. Aber das sind natürlich alles Maßstäbe für den Bereich des verantwortungsvollen Journalismus.

Nicht für die „Bild“-Zeitung.

Die hat das mit der Beerdigung gestern auch mitbekommen. Und sieht heute so aus:

Innen zeigt „Bild“ das Grab nochmal groß aus einer anderen Perspektive, der letzte Gruß der Eltern an ihren toten Sohn prangt als riesige Überschrift über dem Artikel.

Auch Bild.de zeigt das Grab groß auf der Startseite …

… den Rest gibt es aber nur gegen Bezahlung:

Wer alles zur Beerdigung kam, wie sich Verwandte und Freunde von dem Amok-Flieger verabschiedeten und was die Angehörige eines Friedhofsnachbarn sagt, lesen Sie mit BILDplus!

Die Fotos kommen übrigens von „Bild“-Fotograf Jürgen Mahnke — bisheriges Schaffen (Auszug): „Die schlimmsten Schießereien im Rhein-Main-Gebiet“, „Die spektakulärsten Unfälle im Rhein-Main-Gebiet“, „Die schlimmsten Bus-Unglücke im Rhein-Main-Gebiet“, „Die spektakulärsten Sportwagen-Unglücke im Rhein-Main-Gebiet“, „Die schlimmsten Tankzug-Unglücke im Rhein-Main-Gebiet“, „Die wildesten Verfolgungsjagden im Rhein-Main-Gebiet“, „Die gefährlichsten SEK-Einsätze im Rhein-Main-Gebiet“, „Die blutigsten Messerstechereien im Rhein-Main-Gebiet“.

Mahnke hat das Grab des Co-Piloten aus mehreren Perspektiven fotografiert, die Kränze und Blumen der Angehörigen, auch den Zettel, mit dem die Friedhofsverwaltung darauf hingewiesen hat, dass der Friedhof am Samstag gesperrt sei, und beim Grabschmuck der Freundin ist der Fotograf extra nah rangegangen, damit man ihre Abschiedsworte auch schön nachlesen kann (immerhin: die Namen der Angehörigen hat Bild.de verpixelt).





Wenn man das so sieht, lässt sich erahnen, was los gewesen wäre, wenn die Weltpresse doch vorher Wind von der Sache bekommen hätte, und irgendwie sind wir der “Rhein-Zeitung” dann doch dankbar.

Mit Dank auch an Christian P., Geesej R. und Markus G.!

Wie die Medien den Tugçe-Prozess behindert haben

Gestern hat das Landgericht Darmstadt das Urteil im Tuğçe-Prozess gesprochen. Der Angeklagte Sanel M. wurde zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt.

Während der gesamten Ermittlungen hatte es immer wieder harsche Kritik an den Medien gegeben, sowohl von der Polizei als auch von der Staatsanwaltschaft, der Verteidigung und dem Richter. Vor allem die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung wurde stark kritisiert: Sie habe ein falsches Bild von Täter und Opfer gezeichnet, Zeugen beeinflusst und die Ermittlungen damit massiv erschwert.

Rückblick. An einem Abend im November schlug Sanel M. der Studentin Tuğçe A. auf einem Parkplatz in Offenbach gegen den Kopf. Die junge Frau stürzte, erlitt schwere Kopfverletzungen, fiel ins Koma und starb zwei Wochen später.

Was in den Minuten vor dem Schlag geschah, ist zwar bis heute nicht eindeutig geklärt. Doch für „Bild“ war die Sache schon drei Tage nach der Tat völlig klar:

Lehramts-Studentin Tugce A. (22) wollte nur helfen – und wurde ins Koma geprügelt. (…) Samstagnacht in einer Offenbacher McDonald‘s-Filiale: Tugce A. greift mutig ein, als zwei Frauen auf der Damen-Toilette von drei Männern belästigt werden. Vor dem Fastfood-Laden eskaliert der Streit: Die junge Türkin wird von einem der Männer angegriffen!

Ein Schlag trifft sie an der Schläfe, sie knallt mit dem Kopf auf den Boden – Schädelbruch, Klinik, künstliches Koma.

Sofort waren die Rollen verteilt: hier der brutale Verbrecher, dort die mutige Heldin; Teufel gegen Engel, so einfach, so eindeutig. „Es ist die Geschichte Böse gegen Gut“, schrieb „Bild“-Kolumnist Franz-Josef Wagner Anfang Dezember.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten „Bild“, „Bild Frankfurt“ und die “Bild am Sonntag” schon über dreißig Artikel zu der Sache gedruckt:



Das sind, wohlgemerkt, allein die Artikel, die in den ersten drei Wochen nach der Tat gedruckt wurden (eine Sammlung der Online-Artikel haben wir im Dezember hier zusammengestellt). Dieses Ausmaß ist selbst für „Bild“-Verhältnisse ungewöhnlich. Der Umgang mit dem Täter ist es nicht.

„Koma-Schläger“ und „Totschläger“ nannten ihn die “Bild”-Medien, sie veröffentlichten Details aus seinem Privatleben und zeigten immer wieder Fotos von ihm, meistens unverpixelt oder nur mit winzigem Balken über den Augen.

Eine regelrechte Kampagne, wie auch der Vorsitzende Richter laut „FAZ“ gestern bei der Urteilsverkündung sagte:

„Anfangs hat es eine Kampagne gegeben, das lässt sich gar nicht anders beschreiben“ (…). Da sei ein junger Mann von gerade 18 Jahren gewesen, „der sich mit seinen Mitteln nicht dagegen wehren kann, einer großen Zeitung ausgeliefert zu sein“. (…) Einen „Killer“ und „Koma-Schläger“ habe man ihn dort genannt – das sei er aber nicht.

M. habe mit seinem Schlag „vieles gewollt, was nicht in Ordnung ist, aber sicher nicht den Tod eines Menschen“. Aber gegen das Bild, das von ihm gezeichnet und „von vielen Medien blind“ übernommen worden sei, das sich aber im Prozess „wenn überhaupt nur in Teilen bestätigt“ habe, sei M. nicht angekommen.

(Sogar bei Bild.de haben sie gestern ein paar dieser Sätze zitiert, aber so getan, als wüssten sie nicht, wer gemeint ist: Der Richter habe die Worte “an die Presse” gerichtet, heißt es nur.)

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Punkt, den der “Spiegel” im Dezember erwähnt hat:

Die Ermittler in Offenbach fragen sich inzwischen, ob Sanel M. überhaupt jemals wieder in Deutschland leben kann, wenn er nach der Untersuchungshaft oder einer möglichen Freiheitsstrafe wieder auf freien Fuß kommt. Und die Empörten, die im Internet sein Bild verbreiten und nach einer knallharten Strafe für den “Koma-Schläger”, wie ihn die Bild-Zeitung nennt, verlangen, könnten sogar das Gegenteil bewirken. “Grundsätzlich ist es so, dass solche Auswüchse in Berichten und Kommentaren von Gerichten auch strafmildernd gewertet werden können”, sagt der Offenbacher Oberstaatsanwalt Axel Kreutz.

Je härter also ein Medium auf einen Täter einprügelt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er eine mildere Strafe bekommt. Das haben sie bei “Bild” anscheinend nicht verstanden. Oder es steckt Kalkül dahinter, schließlich lässt sich dann wieder gegen die Weichei-Justiz wettern, und fertig ist der Empörungskreislauf.

Der Oberstaatsanwalt jedenfalls kritisierte die Berichterstattung ebenfalls und sagte laut „FAS“, man habe „am Anfang“ den Eindruck haben können, „dass Teile der Medien jeden Grauton vermeiden wollten“.

Bei „Bild“ kamen leichte Grautöne erst zum Vorschein, als der „Spiegel“ am 8. Dezember berichtete, dass laut Augenzeugen die Provokation nicht nur von Sanel M. ausging, sondern auch von Tuğçe A. (wovon inzwischen auch der Richter ausgeht). Von da an nahm die Intensität der „Bild“-Berichterstattung stark ab, auch die Darstellung des Geschehens wurde etwas differenzierter. Aber da hatte sich das Schwarz-Weiß-Bild, diese “Geschichte Böse gegen Gut”, längst in den Köpfen der Öffentlichkeit etabliert und schon eine Menge Schaden angerichtet.

Insbesondere die Ermittler klagten immer wieder darüber, dass die Berichterstattung die Untersuchungen massiv erschwere. Schon vor einem halben Jahr schrieb die „FAZ“:

Aus den Behörden ist zu hören, dass es enorm schwierig sei, in einem Fall zu ermitteln, der medial so stark begleitet werde. Mit „medial“ meinen die Beamten auch die Einträge in den sozialen Netzen, die von Anfang an vom Entsetzen über die Tat und Beileidsbekundungen bis hin zu Beschimpfungen und Drohungen gegen den mutmaßlichen Täter reichten. Polizeigewerkschafter Grün sagt, es gebe auch in vermeintlich eindeutigen Fällen kein „Schwarz und Weiß“. Womöglich auch in diesem Fall nicht.

Zum Problem wurde die Schwarz-Weiß-Malerei der Medien auch bei der Befragung der Zeugen. Laut „FAZ“ sagte der Richter gestern, dass eigentlich alle Zeugenaussagen als „vergiftet“ zu betrachten seien, …

weil die Freunde des Täters wie auch die Freundinnen des Opfers vor allem durch die Berichterstattung erheblich beeinflusst gewesen seien. Die dichotomische Fixierung der Medien auf M. und [A.] habe dazu geführt, dass Zeugen besonders M. Handlungen zugeschrieben hätten, deren Urheber er nicht gewesen sein könne.

Auch der Reporter der „FAS“ beobachtete, dass sich die Freundinnen des Opfers …

weniger an der eigenen Wahrnehmung orientierten als vielmehr versuchten, diese mit der öffentlichen Stimmungslage in Deckung zu bringen. Bei denjenigen Zeugen, die man zum Lager des Angeklagten rechnen kann, war es nicht besser, nur dass sie in ihren Aussagen, zum Teil erklärtermaßen, versuchten, das Bild, das in der Öffentlichkeit entstanden war, zu konterkarieren. Auch mehrere neutrale Zeugen konnten sich den Umständen offensichtlich nicht entziehen. Besonders deutlich wurde das, wenn sie vermeintlich Belastendes über die Tote sagten und dabei das Wort „leider“ anfügten.

Besonders stark kritisiert wurde die “Bild”-Zeitung für die Veröffentlichung des Überwachungsvideos, auf dem die Tat zu sehen ist:

Sowohl in der Print-Ausgabe als auch bei Bild.de wurden die Szenen der Überwachungskamera — „die letzten Minuten, die Tugce bewusst erlebte!“ — detailliert dokumentiert, die entscheidenen Momente hatte die Redaktion sogar extra von einem Illustrator nachzeichnen lassen:

Schon kurz nach der Veröffentlichung äußerten Staatsanwaltschaft und Polizei die Befürchtung, dass die Zeugen dadurch beeinflusst werden könnten:

Durch die Veröffentlichung des Videos werde das Beweismittel zwar nicht wertlos für den Gerichtsprozess, allerdings bestehe die Gefahr, dass dadurch Zeugen in ihrer Aussage manipuliert werden könnten. “Man muss damit rechnen, dass sich Zeugen vor ihrer Vernehmung das Video anschauen und ihre Aussage dann damit abgleichen”, so [Oberstaatsanwalt] Kreutz. Dadurch könnten unter anderem subjektive Erinnerungen an das Geschehen eingefärbt werden.

Auch Interpretationen des Videos, die im Vorfeld eines Prozesses über die Medien verbreitet würden, könnten einen Einfluss auf Zeugenaussagen haben — womöglich auch auf die Schöffen in einem Gerichtsverfahren.

Und so kam es dann auch: Laut „FAS“ hatten „im Grunde alle Zeugen“ das Video vor ihrer gerichtlichen Einvernahme “und zum Teil schon vor ihrer Aussage bei der Polizei gesehen”.

Eine Vernehmungsbeamtin sagte deshalb vor Gericht, es sei schwer gewesen, überhaupt eine objektive Aussage zu bekommen.

Von all der Kritik ist in der “Bild”-Zeitung von heute natürlich kein Wort zu lesen. Die titelt:

Belege finden sich im Artikel keine. Dafür aber ein großes Foto der Mutter des Täters — ohne jede Unkenntlichmachung.

Mit Dank an alle Hinweisgeber!

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