Suchergebnisse für ‘Wagner’

Gefakter Fake-Vorwurf, Breiterer Breitbart, Gottschalks Scheitern

1. “Statisten mit traditionell islamischer Kleidung”
(faz.net, Michael Hanfeld)
Unmittelbar nach dem Londoner Anschlag verbreiteten rechte Blogger und Parteien das Gerücht, der amerikanische Nachrichtensender “CNN” habe den Protest von Muslimen gegen Terror inszeniert. Der Fake-Vorwurf ist jedoch Fake und wird von “CNN” als Unsinn zurückgewiesen. Eine kleine Gruppe von Demonstranten war mit Plakaten unterwegs und suchte die Aufmerksamkeit von Journalisten. Kein Wunder, dass sie in verschiedenen Medien erscheinen.

2. Verlorene “Breitbart”-Leser wiedergefunden
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Letzte Woche gingen Meldungen durch die Medien, die nationalistische amerikanische Nachrichtenseite „Breitbart“ hätte drastisch Leser verloren (auch 6vor9 verlinkte entsprechend). Stefan Niggemeier hat sich die Zahlen genauer angeschaut und festgestellt, dass der angebliche Absturz längst nicht so dramatisch ist wie beschrieben. Und dies liegt auch an der Messmethode.

3. Was haben wir uns da eingebloggt
(taz.de, Robert B. Fishman)
Das Netz ist voller Reiseblogger. Die Szene sei breit aufgefächert, schreibt Robert B. Fishman in der “taz”. Manche würden nur über Städtereisen in Europa, andere über Camping, Reisen mit Kind oder Hund, Hostels, Luxushotels, Spa und Wellness oder Rucksacktouren berichten. Andere würden sich auf einzelne Städte, Regionen oder Länder konzentrieren. Hinter der Reiseromantik steckt jedoch oft knallhartes Business. Doch auch im Reisejournalismus der klassischen Medien verschwimmen die Grenzen zwischen PR, Journalismus und Blogs.

4. News-Sperre
(sueddeutsche.de, Cornelius Pollmer)
Dresdner Kommunikationswissenschaftler haben sich mit dem Thema “Nachrichtenkompetenz” von Lehrern und Schülern beschäftigt und die Lehrplanvorgaben untersucht: “Nur ein Drittel der Lehrplanvorgaben mit Nachrichtenbezug annoncierten das Mediensystem Deutschlands und seine Rolle für die freie Meinungsbildung.” Facebook und andere soziale Netzwerke kämen nur in jedem dreißigsten Lehrplan vor.

5. Das “Sag’s-mir-ins-Gesicht”-Experiment der tagesschau
(wwwagner.tv, Jörg Wagner)
Die “Tagesschau” rief letzte Woche ihre Kritiker dazu auf, ihnen “die Meinung zu sagen”, und zwar per Skype und “direkt ins Gesicht”. Medienmagazin-Macher Jörg Wagner hat mit der Social-Media-Verantwortlichen der “Tagesschau” über die Aktion gesprochen und alle Videos zum eventuellen Nachschauen eingebettet.

6. Chronik des Scheiterns: 5 Jahre nach “Gottschalk Live”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Thomas Gottschalk, einst gefeierter Star, Held des Samstagabends und Quotengarant ist tief gefallen, jedenfalls wenn man seine letzten Projekt und die dazugehörigen Quoten zum Maßstab macht. DWDL.de hat sich an “”Gottschalk Live” erinnert, ist ins Archiv gegangen und hat eine “Chronik des Scheiterns” erstellt.

N24 Fake News, “Spiegel Daily”, Kurzes Geilomobil

1. Spiegel Daily: Nur 1 Minute Lesezeit!
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz hat sich die Erstausgabe von “Spiegel Daily” angeschaut. Das Angebot wirkt auf ihn bislang noch recht beliebig und zusammengestöpselt: “Alles in allem ist „Spiegel Daily“ in der Erstausgabe leider nicht sehr viel mehr als ein Sammelsurium aus Nachrichten, SPON-Versatzstücken und Dingen, von denen man beim Spiegel vermutlich glaubt, dass sie das Publikum im Netz cool findet (die drei populärsten Hashtags des Tages bei Twitter). Ich habe die ganze Zeit nur noch auf 1 Vong-Spiegel-her-gesehen-Joke gewartet. Macht man das nicht jetzt so in diesem Netz?”
Auch Thomas Knüwer zeigt sich wenig begeistert: Spiegel Daily: Niedrige Erwartungen noch untertroffen

2. Wie N24 Fake News produziert
(welchering.de)
Peter Welchering wurde von “N24” um ein Statement zu Nordkoreas Cyberarmee gebeten. Sowohl mit der Redakteurin, als auch mit der Realisatorin vor Ort will er vereinbart haben, dass von den aufgezeichneten Statements keines verwendet werden darf ohne die Erwähnung, dass er die Indizien für nicht ausreichend hält. Natürlich kommt es, wie es kommen muss und der Sender bringt sein Statement ohne den Zusatz. Für Welchering ist die Sache damit besiegelt: “Wir haben es halt mal probiert, und ich musste erfahren, dass ihr eben doch keinen seriösen Journalismus könnt. Damit kann ich leben. Aber nehmt bitte auch zur Kenntnis, dass dieser Test auf seriöse Arbeit eben ein einmaliger Test war. Ihr haltet euch nicht an Absprachen und reisst Statements aus dem Zusammenhang, faked sie also, und das hat eine Konsequenz: Ihr bekommt von mir kein Statement mehr.”

3. Wie transparent ist die Transparenz von ARD/ZDF?
(wwwagner.tv, Jörg Wagner, Audio: 6:06 Minuten)
Jörg Langer erstellt für die Otto-Brenner-Stiftung eine Studie über die Transparenz in den öffentlich-rechtlichen Medien. Langer sieht trotz positiver Änderungen noch Verbesserungsbedarf: “Auf der einen Seite hat sich viel getan in den letzten Jahren, dass bestimmte Zahlen verständlich und auffindbar für die Bürgerinnen und Bürger aufbereitet werden. Wenn man dann aber ein Stückchen genauer reinsteigt und wissen will, was genau denn wofür aufgewendet wird, da stößt man recht schnell an die Grenze.”

4. Böhmermanns kleiner Mann und das Verschwörungsportal
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Als die Nachricht die Runde machte, dass Hans Meiser für ein obskures Verschwörungsportal arbeitet, glaubten nicht wenige an einen neuerlichen Sccop von Jan Böhmermann. Hans Meiser spielt in Böhmermanns “Neo Magazin Royal” gelegentlich den für populistische Parolen anfälligen “kleinen Mann”. Da hätte es nahe gelegen, ihn bei einer entsprechenden Seite einzuschleusen. Nun hat sich aber Böhmermanns Produktionsfirma “Bildundtonfabrik” zu Wort gemeldet und die Zusammenarbeit mit Meiser beendet. Und auch Meiser selbst hat sich geäußert.

5. Bilder, die Angst machen – Medienpsychologe Frank Schwab zur Wirkung von Krisenberichterstattung
(blmplus.de, Bettina Pregel, Video, 2:22 Min.)
Vor kurzem fand die 3. Fachtagung Jugendschutz und Nutzerkompetenz. Thema der Tagung: „Bilder, die Angst machen – Katastrophen und Krisen in den Medien.“ Im Video-Interview spricht Medienpsychologe Prof. Dr. Frank Schwab über Angst auslösende Katastrophenbilder und wie Eltern besser mit der Angst ihrer Kinder umgehen können.

6. Kurz und das Geilomobil: “Guardian” fällt auf “Tagespresse” herein
(derstandard.at)
Der renommierte britische “Guardian” ist auf einen Beitrag der österreichischen Satireseite “Tagespresse” über ÖVP-Chef und Außenminister Sebastian Kurz hereingefallen.

US-Polit-Satire, Sparmaßnahmen, Frühstücksfernsehen

1. “Satiriker analysieren Trump besser als die klassischen Nachrichten”
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand)
Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Sophia McClennen beschäftigt sich mit der Funktionsweise von Polit-Satire. Sie sieht das Medium gegenüber klassischen Nachrichtenmedien im Vorteil: Satiriker wie Stephen Colbert, Trevor Noah oder Samantha Bee hätten schneller einen klareren Standpunkt gegenüber der neuen Regierung gefunden. Im Interview mit der „SZ“ spricht sie über 24-Stunden-Nachrichtenkanäle, kritisches Denken und erklärt, warum Republikaner seltener für Satire zugänglich sind.

2. Algorithmen oder Journalisten können das Fake-News-Problem nicht lösen. Das Problem sind wir.
(netzpolitik.org, Danah Boyd)
Danah Boyd ist Medienwissenschaftlerin und Sozialforscherin und seit einigen Jahren Präsidentin des „Data & Society Research Institute“ in New York. Laut Boyd liegt die Verantwortung bei der Bekämpfung von Fake News nicht nur bei den großen Unternehmen wie Google und Facebook, sondern vor allem bei uns: „Wenn wir technische Lösungen für komplexe sozio-technische Probleme suchen, können wir uns nicht einfach aus der Verantwortung stehlen und ein paar Unternehmen beauftragen, die Brüche in der Gesellschaft zu kitten, die sie sichtbar gemacht und verstärkt haben. Wir müssen zusammenarbeiten und Bündnisse mit Gruppen eingehen, die nicht unsere politischen und sozialen Vorstellungen teilen, um die Probleme anzugehen, die wir gemeinsam sehen. Die Alternative wäre ein kultureller Krieg, in dem die Unternehmen als Vermittler und Schiedsrichter fungieren.“

3. Eine Frage der Glaubwürdigkeit
(taz.de, Silke Burmester)
Silke Burmester beschäftigt sich in ihrem Kommentar mit der Berichterstattung über die französischen Präsidentschaftswahlen: „ZDF-Moderator Claus Kleber und Korrespondent Theo Koll nennen Macron schon den künftigen Präsidenten. Haben die nichts gelernt?“ Den beiden Topjournalisten seien die Erkenntnisse der letzten anderthalb Jahre egal. Für sie liege die Gefahr nicht in der Destabilisierung unserer Demokratie, sondern darin, als Mann vor der Kamera kein Gewicht zu haben.

4. Sparmaßnahmen schüren Ängste
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner, Audio: 5:24 Minuten)
Beim sogenannten “ARD-Freienkongress” haben sich einige der rund 18.000 freien Mitarbeiter getroffen, die den Funkhäusern den Großteil der journalistischen Inhalte liefern. Sorgen macht den freien Mitarbeitern vor allem die geplante ARD-Strukturreform, bei der es darum geht, Rationalisierungs- und  Effizienzpotentiale zu nutzen. Die geplanten Sparmaßnahmen hätten gravierende Auswirkungen auf die journalistische Qualität.

5. Markus Beckedahl: „Facebook soll Hilfssheriff, Richter und Henker spielen“
(t3n.de, Stephan Dörner)
Markus Beckedahl beschäftigt sich als Betreiber von Netzpolitik.org seit 2002 mit netzpolitischen Themen wie staatlicher Überwachung, Open-Source-Software, Telekommunikationsgesetzen sowie schöpferischem Gemeingut und einer freien Wissensgesellschaft. Im Interview verrät er, warum Algorithmen die Demokratie gefährden — und warum er das Hatespeech-Gesetz der Bundesregierung ablehnt.

6. Dunkle Prophezeiungen im Frühstücksfernsehen – Wie Claus Strunz argumentiert | WALULIS
(youtube.com, Philipp Walulis, Video: 6:13 Minuten)
Mediensatiriker Philipp Walulis setzt sich mit dem journalistischen Wirken von Claus Strunz auseinander: „Wieso er immer im Sat.1-Frühstücksfernsehen auftaucht, mit welchen Tricks er den Untergang des Abendlands herbeiargumentiert und was das alles mit Viagra zu tun hat, schauen wir uns jetzt mal an.“

“Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist”

Morgen jährt sich zum zweiten Mal der Absturz des “Germanwings”-Flugs 4U9525. 150 Menschen sind damals in den französischen Alpen ums Leben gekommen, darunter auch Co-Pilot Andreas Lubitz, der die Maschine bewusst zum Absturz gebracht haben soll. Während viele der Hinterbliebenen sich treffen und gemeinsam trauern werden, werden Lubitz’ Eltern in Berlin bei einer eigens organisierten Pressekonferenz sitzen. Sie wollen ein Gutachten präsentieren, in dem es um Zweifel an den offiziellen Ermittlungen zur Absturzursache gehen soll.

In der “Zeit” von heute ist ein lesenswertes Stück von Petra Sorge zum Thema erschienen (hier eine Zusammenfassung von “Zeit Online”). Sie hat sich mit Günter Lubitz, dem Vater von Andreas, getroffen und mit ihm über verschiedene Gutachten, Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft, seine Motivation gesprochen:


Der Text handelt auch von der Berichterstattung rund um den “Germanwings”-Absturz. Es geht um ein brennendes Grab, um herumschleichende Reporter, um möglicherweise erfundene Interviewaussagen. Es geht vor allem um die “Springer”-Blätter “Bild” und “Welt am Sonntag”.

***

Da ist zum Beispiel der “Bild”-Bericht über das Grab von Andreas Lubitz. In der Print-Ausgabe und online hatten die “Bild”-Redaktionen Ende Juni 2015 groß auf der Titel- beziehungsweise Startseite über die Beerdigung des “Germanwings”-Co-Piloten berichtet …


… und dabei auch dessen Grab, niedergelegte Kränze, letzte Grüße von Freunden gezeigt.

Petra Sorge schreibt in ihrem “Zeit”-Artikel:

Kurz nach der Beerdigung von Andreas Lubitz gelangte ein Reporter auf den Friedhof. Er fotografierte das Grab: Kränze, die letzte Widmung der Familie. Bild veröffentlichte das Foto. Kurze zeit später setzte jemand das Grab in Brand. Der Brandstifter wurde nie gefunden.

Wegen der Veröffentlichung des Fotos folgte ein Gerichtsverfahren, das noch immer nicht endgültig entschieden ist. Inzwischen liegt der Fall beim Bundesgerichtshof:

Das Kammergericht Berlin untersagte den Abdruck des Fotos schließlich, mit der Begründung, die Berichterstattung stelle “einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte” der Kläger dar. Der Springer-Verlag hat Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt. Über die Frage von Pietät, Persönlichkeitsrecht und Grenzen der Pressefreiheit muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden.

Nun kann man über einen direkten Zusammenhang von Bericht und Feuer nur mutmaßen. Die Tatsache aber, dass “Bild” und Bild.de trotz des Brandes und der möglichen Gefahr einer weiteren Brandstiftung im vergangenen August wieder mit großen Fotos über das Grab von Andreas Lubitz und den neuen Grabstein dort berichtet haben, wird vor diesem Hintergrund noch ekliger als es eh schon ist.

***

Direkt im Anschluss schreibt Petra Sorge:

Günter Lubitz hat lange überlegt, ob er mit der ZEIT sprechen soll. Mehrmals stand das Treffen auf der Kippe, besonders nachdem im Februar zwei Journalisten nahe dem Haus waren und danach behauptet hatten, die Familie habe sich erstmals öffentlich geäußert. Diese aus dem Zusammenhang gerissene “Äußerung” stammte aus einem Antwortschreiben, mit dem Günter Lubitz schon im November 2016 auf die Bitte um ein Interview reagiert hatte.

Bei den “zwei Journalisten” dürfte es sich um Mitarbeiter der “Welt am Sonntag” handeln. Die Wochenzeitung hatte vor gut einem Monat, am 26. Februar, vier Seiten über den “Germanwings”-Absturz veröffentlicht. In dem langen Text findet sich auch diese Passage:

Erstmals überhaupt haben sich die Eltern nun zu Wort gemeldet. Auf Anfrage der “Welt am Sonntag” schrieben sie: “Zum Absturz des Germanwings-Fluges 9525 ergeben sich auch für uns noch viele unbeantwortete Fragen, merkwürdige Sachverhalte und Zweifel am bisher kommunizierten Unfallhergang. Wir sind momentan selber noch am Recherchieren.” Zu dem “völlig falsch gezeichneten Bild” ihres Sohnes wollen sie sich momentan aber noch nicht äußern.

Ein “Unfallhergang”? Ein “völlig falsch gezeichnetes Bild” ihres Sohnes?

Aus einer E-Mail-Absage auf eine Interview-Anfrage vom November 2016 macht die “Welt am Sonntag” im Februar 2017 also die exklusive Nachricht, dass Lubitz’ Eltern sich “erstmals überhaupt” geäußert hätten.

“Bild” und Bild.de griffen das Thema direkt auf:


Franz Josef Wagner schrieb einen Brief an die Eltern von Andreas Lubitz.

***

Der dritte Abschnitt im “Zeit”-Artikel zur Berichterstattung über die “Germanwings”-Katastrophe ist der brisanteste. Es geht um ein Interview von “Bild”-Reporter John Puthenpurackal aus dem März 2015:



Die Aussagen der angeblichen “Ex-Freundin” über Lubitz’ angebliche Ausraster und seine angeblichen Ankündigungen waren nur wenige Tage nach dem Unglück entscheidende Bausteine bei der medialen Konstruktion eines Psychogramms.

“Bild” schreibt in dem Artikel:

Die Stewardess Maria W. (26) war eine zeitlang die Freundin von Todes-Pilot Andreas Lubitz (27).

Fünf Monate lang flogen sie im vergangenen Jahr zusammen durch Europa und übernachteten heimlich gemeinsam in Hotels.

BILD-Reporter John Puthenpurackal hat ihre Identität überprüft. Er ließ sich u.a. ein Foto zeigen, das die Stewardess und den Amok-Piloten bei einem Flug in derselben Crew zeigt.

Wir haben den Namen auf ihren Wunsch geändert, sie so fotografiert, dass sie nicht erkannt werden kann. In BILD spricht jetzt die Frau, die diesem Mann sehr, sehr nah war.

Trotz Identitätsprüfung durch Reporter Puthenpurackal und Foto-zeigen-lassen glaubt Staatsanwalt Christoph Kumpa laut “Zeit” inzwischen, dass die Aussagen in dem “Bild”-Artikel erfunden seien. Petra Sorge schreibt:

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: “Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.” Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: “Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.” Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: “Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.”

“Bild” wehrt sich im “Zeit”-Artikel gegen diesen Vorwurf.

Hate-Speech-Gesetz, Fake-News-König, ClaimChecker

1. Analyse: So gefährlich ist das neue Hate-Speech-Gesetz für die Meinungsfreiheit
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Justizminister Heiko Maas hat einen Gesetzenwurf gegen Hate Speech und Fake News vorgestellt (“Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung
in sozialen Netzwerken”). Experten kritisieren das Vorhaben. Markus Reuter fasst auf “Netzpolitik.org” zusammen: “Würde der Entwurf Gesetz werden, macht man die betroffenen Netzwerke ohne vorhergehende richterliche Überprüfung zu Ermittler, Richter und Henker über die Meinungsfreiheit.” Des Weiteren zitiert Reuter aus einer Stellungnahme der “Digitalen Gesellschaft”, welche die Meinungsfreiheit in Gefahr sieht: “Da eine vorherige gerichtliche Kontrolle nicht vorgesehen ist, müssen die Anbieter selbst entscheiden, ob diese Verpflichtung im Einzelfall greift oder nicht. In Anbetracht der hohen Bußgeldandrohungen bei Verstößen dürfte dies zu einer höchst proaktiven Löschpraxis der Anbieter führen, die im Zweifel stets zu Lasten der Meinungsfreiheit gehen wird.”

2. Der Fake-News-König bereut sein Tun
(spiegel.de, Fabian Reinbold)
Jahrelang hat der Amerikaner Jestin Coler das Internet mit Falschnachrichten geflutet, die sich viral verbreiteten. Die von ihm gebastelte Fake-Seite “Denver Guardian” wurde bis zur amerikanischen Wahl 500.000 Mal geteilt und kommentiert. Auf der aktuell stattfindenden Tech-Konferenz “South by Southwest” gibt sich Coler geläutert, doch “Spiegel”-Reporter Fabian Reinhold ist skeptisch.

3. Fake News und Wahlen: Danke, Donald Trump!
(blmplus.de, Stephan Weichert)
Der Blog der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien hat den Journalismus-Professor Stephan Weichert gefragt, wie Fake News Wahlen beeinflussen und was sie für den Journalismus bedeuten. Donald Trump sei ein Desaster für den Journalismus und werde ihm dennoch nutzen: Die Relevanz qualifizierter Berichterstattung werde erhöht und es komme zu einem Glaubwürdigkeitsverlust von Populisten. Außerdem hätte Trump viele Journalisten zu Aktivisten gemacht und damit eine Repolitisierung unter Intellektuellen, Medienschaffenden und Kreativen bewirkt.

4. Sparen am falschen Ende
(djv.de, Anna-Maria Wagner)
Das ZDF will im Zuge seines Sparprogramms das fast 30 Jahre alte Traditionsmagazin „ML mona lisa“ einstellen. Die Referentin für Digitale Kommunikation beim “Deutschen Journalisten-Verband” Anna-Maria Wagner kritisiert die Entscheidung. Selbst wenn die Sendung in der bisherigen Form nicht mehr den Zeitgeist treffe, gäbe es einen wachsenden Markt für anspruchsvolle Frauen-Formate: “Der Erfolg neuer, feministisch geprägter Medienangebote zeigt aber, wie antiquiert die Begründung des ZDF-Intendanten ist, ein frauenspezifisches Format als solches sei überholt. Das Gegenteil ist richtig.”

5. “Darüber berichten die Medien nicht!” Wirklich nicht?
(deutschlandfunk.de)
Ob AfD, Pegida, Lügenpresse-Rufer oder Verschwörungstheoretiker: Immer wieder wird unterstellt, dass bestimmte Themen von den Medien totgeschwiegen werden würden. Doch stimmt das? Für eine schnelle Überprüfung haben der Journalist Marc Krüger und der Internetentwickler Rolf-Thomas Langer den “Claim Checker” ins Leben gerufen: Eine Google-Suchmaske, die es einfacher macht, gezielt bei GoogleNews auf bestimmten Medienseiten nach einem Thema zu suchen. Der “Claim Checker” soll in Zukunft noch ausgebaut werden, die Entwickler freuen sich über Ideen, Kritik und Anregungen dazu.

6. Ryan Gosling Impersonators Have Been Fooling Conan For Years
(youtube.com, Video, 2:54 Minuten)
Der Ryan-Gosling-Prank während der “Goldenen Kamera” hat sich bis nach Amerika rumgesprochen. Nun behauptet der US-amerikanische Talkshow-Moderator Conan O’Brien, ebenfalls Opfer von Gosling-Doppelgängern geworden zu sein.

Viel Reiberei für wenig Vielweiberei

Am 24. November vergangenen Jahres hatte die “Bild”-Zeitung genug (beisammen): In Hameln hatte ein Mann eine seiner angeblichen vier Frauen auf schreckliche Weise verletzt, in Montabaur hatte ein Schuster berichtet, dass sein Nachbar “4 Frauen und 23 Kinder” habe. Es war Zeit für den großen:

Franz Solms-Laubach stellte seinen Lesern das volle Panik-Programm zusammen: “Paralleljustiz”, “Friedensrichter”, “Scharia-Polizei”. Und “Imam-Ehen”:

Imam-Ehen: Immer mehr Muslime in Deutschland sind — wie im Fall von Nurettin B. — nur nach islamischem Recht von einem Imam verheiratet. Offizielle Daten dazu gibt es nicht, denn diese Ehen gehen ja an der Verwaltung vorbei. Die “Berliner Zeitung” zitiert die Schätzung eines Familienhelfers aus Berlin-Neukölln von 2012, wonach 30 Prozent aller arabischstämmigen Männer in der Hauptstadt zwei Frauen haben. Nach deutschem Recht sind die Ehen ungültig. Nicht aber in den Augen der Ehepartner.

Und: Anders als die Scharia es gebietet, können sich die Männer ihre Zweit-Familie oft nicht leisten — dann muss der Sozialstaat die Bigamie finanzieren. Wurde die Zweit- oder Dritt-Ehe im Ausland geschlossen, wird sie in der Regel stillschweigend geduldet.

“30 Prozent aller arabischstämmigen Männer in der Hauptstadt”? Gut, “offizielle Daten dazu gibt es nicht”, aber immerhin hat Solms-Laubach die “Berliner Zeitung” als Quelle. Vermutlich bezieht er sich auf einen Kommentar vom 14. Juni 2016. Maritta Tkalec schreibt dort:

2012 schätzte ein Neuköllner Familienhelfer, dass 30 Prozent aller arabischstämmigen Männer in Berlin mit zwei Frauen verheiratet sind. Den Unterhalt für ihren Mini-Harem finanzieren sie, anders als die Scharia verlangt, nicht aus eigenem Einkommen, sondern mit Hartz IV. Sage keiner, die Polygamie sei kein Problem in Deutschland.

Tkalec wiederum dürfte sich auf einen “Welt”-Artikel vom 30. September 2012 beziehen. Dort schreibt Joachim Wagner “über das heikle Thema”:

Der libanesische Familienhelfer Abed Chaaban in Neukölln schätzt, dass 30 Prozent aller arabischstämmigen Männer in Berlin mit zwei Frauen verheiratet sind — mit einer staatlich, mit der anderen islamisch.

Wagner hatte die “30 Prozent” zuvor schon einmal ins Spiel gebracht, in einem “Spiegel”-Artikel vom 18. Juni 2012:

Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber der Familienhelfer Chaaban aus Berlin schätzt, dass in der Hauptstadt rund 30 Prozent aller arabisch-stämmigen Männer zwei Frauen haben.

“Zeit”-Reporter Mohamed Amjahid hatte Zweifel an der Zahl und die verrückte Idee, nicht beim stumpfen Abschreiben mitzumachen, sondern zu recherchieren. In der “Zeit”-Ausgabe von heute präsentiert er sein Ergebnis:

In Neukölln leben laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 4893 arabische Männer. Ich bin einer von ihnen. Rund 1500 von uns arabischen Berlinern betreiben also Vielweiberei? Seltsam, ich kenne keinen einzigen Polygamisten. Wo sind die alle?

Amjahid hat in “Hinterhof-Moscheen” nachgefragt, bei einem “gut vernetzten Imam”, im Neuköllner Rathaus, bei der Arbeitsagentur, beim Jugendamt, bei Integrationsvereinen, in Shisha-Bars. Am Ende hat er einen Mann gefunden, der sehr unglücklich ist mit seinen zwei Frauen. Mehr nicht.

Dafür hat Mohamed Amjahid aber den vielzitierten “Familienhelfer” Abed Halim Chaaban getroffen:

An einem verregneten Dienstag sitzt er in der Ecke seines kleinen Büros im dritten Stock eines arabischen Integrationsvereins. “Die Journalisten, mit denen ich gesprochen habe, lügen, oder sie haben mich missverstanden”, sagt Chaaban. Er habe vor Jahren mal einem Reporter erzählt, dass 30 Prozent der arabischen Ehen mit einer Scheidung endeten. “Von Polygamie war nie die Rede.”

Ganz am Ende seines “Scharia-Reports Deutschland” verspricht “Bild”-Mann Franz Solms-Laubach:

BILD bleibt dran.

Vorschlag unsererseits, bevor Sie weitermachen: Fangen Sie doch vielleicht besser erst noch mal von vorne an.

Sigmar Gabriel hält sich nicht an die von “Bild” vorgegebene Kandidatur

Es kommt nicht häufig vor, dass die “Bild”-Medien so transparent mit einem Fehler umgehen:

Seit heute steht fest, dass Sigmar Gabriel nicht als SPD-Kanzlerkandidat in den anstehenden Bundestagswahlkampf ziehen wird. Der “Stern” und “Die Zeit” berichteten als Erste darüber — ein schöner Scoop.

Bild.de hatte — wie im Screenshot oben steht — am 9. Januar unter Berufung auf interne Parteikreise geeilmeldet und getitelt:


Einen Tag später gab es in “Bild” dann noch das volle Programm obendrauf: Riesenschlagzeile auf Seite zwei …

… und einen Brief von Franz Josef Wagner, der Sigmar Gabriel seine Bewunderung ausspricht, dass dieser sich tapfer “als Kanzlerkandidat der SPD” zur Verfügung stellt:

Andere Nachrichtenseiten zogen nach und beriefen sich dabei — mehr oder weniger deutlich — auf die “Bild”-Medien. Die “Huffngton Post” beispielsweise:

Oder “RP Online”:

Oder “Focus Online”:

Oder die “B.Z.”:

Und selbst das Team von stern.de, das sich aktuell zusammen mit den Print-Kollegen völlig zurecht für die Enthüllung des Gabriel-Rückzugs feiern lässt, übernahm vor zwei Wochen noch die “Bild”-Geschichte:

Auch die Nachrichtenagenturen berichteten, und so fand man den “Bild”-Fehler fast überall. Am 7. Januar, also zwei Tage vor der falschen Gabriel-Geschichte, feierte “Bild” übrigens auf der Titelseite einen “Riesenerfolg für BILD”:

Die Spitzenposition im “ZITATE-RANKING!” kommt nicht nur, aber auch daher, dass andere Medien Quatsch von “Bild” immer wieder ungeprüft übernehmen.

Dass Bild.de und Chefredakteur Julian Reichelt sich jetzt entschuldigen ist gut und verdient Respekt. Ad hoc fallen uns nur zwei Situationen ein, in der Reichelt ähnlich transparent reagiert hat: Als Bild.de mal bei einem “Tagesanzeiger”-Autoren ganze Passagen geklaut hatte, bat der Bild.de-Chef per Twitter um Entschuldigung; als Bild.de mal bei einem Zitat von Günter Wallraff eine nicht ganz unwesentliche kritische Stelle einfach weggelassen hatte, räumte Reichelt per Twitter einen Fehler ein. Gut möglich, dass es noch ein paar weitere Situationen geben mag. Wahnsinnig viele dürften es allerdings nicht sein.

Bei einer ganz ähnlichen Geschichte wie jetzt bei Sigmar Gabriel gab es zum Beispiele keine ähnliche Reaktion: “Bild” und Bild.de behaupteten Anfang Oktober vergangenen Jahres, dass Frank-Walter Steinmeier auf keinen Fall für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren werde:

Wenn heute Mittag die Spitzen von CDU, CSU und SPD im Kanzleramt zum Koalitionsgipfel zusammenkommen, wird es KEINE Einigung auf einen gemeinsamen Vorschlag geben. Vielmehr werden die zwei prominentesten Kandidaten aus dem Rennen genommen.

Der in fast allen Umfragen beliebteste Anwärter, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (60, SPD), wird nicht aufgestellt, weil Kanzlerin Angela Merkel (62, CDU) klar sagt: DER NICHT!

Als dann rauskam, dass SPD und CDU Steinmeier doch als Kandidaten nominieren, gab es keine Korrektur der “Bild”-Medien, keine Entschuldigung von Julian Reichelt. Der falsche Artikel ist unverändert online.

Doch zurück zur Kanzlerkandidatur bei der SPD. Inzwischen steht fest, dass Martin Schulz für seine Partei als Spitzenkandidat bei der kommenden Bundestagswahl antreten wird.

Der “Spiegel” und “Spiegel Online” berichteten noch vor wenigen Wochen, Ende 2016, dass Schulz es nicht werden wird. Der “Spiegel” titelte etwas zurückhaltender:

“Spiegel Online” etwas deutlicher:

Und Bild.de übernahm die Geschichte und titelte ganz sicher:

Auch auf diese falsche Schlagzeile reagieren “Bild” und Bild.de nicht mit einer Richtigstellung. Dafür ist aber am frühen Abend die von Julian Reichelt angekündigte Aufarbeitung des Bild.de-Fehlers im Gabriel-Fall erschienen:

Warum? Ganz einfach: Sigmar Gabriel und seine Sprunghaftigkeit sind schuld:

Tatsächlich begleiten Gabriel seit jeher Vorwürfe, er sei politisch sprunghaft und persönlich nicht immer berechenbar. Dass er sich in der für die SPD so lebenswichtigen Frage der Kanzlerkandidatur auch kurzfristig noch einmal umentscheiden würde — vielleicht hätte auch BILD das ahnen können oder gar müssen.

Bei Personalien rund um Kanzlerkandidaturen hat “Bild” wirklich immer wieder doofes Pech.

Medien fallen auf satirischen Kreuzbandriss rein

Übermorgen, am Freitag, ist es soweit: Die Bundesliga startet wieder, und passend dazu bringt der “Axel-Springer-Verlag” ein neues Produkt an die Kioske: die “Fußball Bild”. In Stuttgart und München wurde die tägliche Fußballzeitung in den vergangenen Monaten bereits getestet. Bald gibt es sie also auch bundesweit.

Das kann ja nur grandios werden, bei all der Expertise, die die “Bild”-Medien auf dem Feld so zu bieten haben. Die Fußballkenner von Bild.de schafften es gestern zum Beispiel, im alten Wappen von Juventus Turin einen Löwen zu entdecken, wo sonst alle nur einen Stier sehen:

Oder sie wissen durch ihre hervorragenden Kontakte in die Szene schon vorher von Trainerverpflichtungen, die dann gar nicht stattfinden.

Ein weiteres Beispiel, wie gut die Fußballberichterstattung bei “Bild” und Bild.de ist, zeigt eine Meldung über den französischen Nationalspieler Dimitri Payet, die Bild.de gestern am späten Abend veröffentlicht hat, und “Bild” in der heutigen Ausgabe bringt:


Payet spielt derzeit beim Londoner Premier-League-Klub West Ham United. Dort ist er aber nicht besonders glücklich und will gern weg, am liebsten wohl zum französischen Erstligisten Olympique Marseille. Damit sein aktueller Verein zustimmt, setzt Dimitri Payet ihn ziemlich unter Druck: Er teilte erst kürzlich mit, dass er sich weigere, für West Ham United zu spielen, bis der Klub ihn ziehen lässt.

Und jetzt also, so das geballte “Bild”-Fußballfachwissen, sogar die Drohung, dass sich Dimitri Payet selbst verletzen werde, wenn er nicht wechseln darf:

Der Franzose (kam 2015 für 15 Mio Euro) droht laut “L’Equipe”: “Ich schwöre, dass ich nie wieder das Trikot von West Ham anziehe. Wenn ihr mich nicht verkauft, werde ich mir selbst einen Kreuzbandriss zuziehen.”

Woher “L’Equipe” diese Info hat, haben sie bei “Bild” und Bild.de allerdings nicht nachgeschaut. Sie stammt nämlich vom französischen Portal footballfrance.fr (nicht zu verwechseln mit “France Football”), das sich auf der eigenen Seite so beschreibt:

FootballFrance.fr est un site d’informations parodiques consacré au football. Même si la rédaction de FootballFrance.fr s’appuie sur l’actualité pour écrire ses papiers, rien de ce qui est présent sur ce site n’est vrai, les personnes interrogées pour les besoins des articles n’existent pas, tout est faux. Voilà, c’est dit, salut !

“Tout est faux” — um das zu verstehen, muss man in der Schule nicht zwingend einen Französisch-LK besucht haben. Footballfrance.fr ist eine Satireseite. Sie berichtet zum Beispiel über solche Geschichten: Ein Fan, der beim Afrika-Cup seinem Vordermann auf der Tribüne den Kopf abgeschlagen habe, weil er nichts vom Spiel sehen konnte.

“Bild” und Bild.de sind nicht die einzigen Medien, die nicht mal kurz nachgedacht haben, wie realistisch es ist, dass ein Fußballer sich freiwillig selber eine Verletzung zufügen will, die ihn mehrere Monate ausfallen ließe, bevor sie ihre Texte veröffentlicht haben. In ganz Europa sind Zeitungen und Onlineportale auf das gefälschte Payer-Zitat reingefallen, und auch hier in Deutschland:


Die meisten Medien, die über Dimitri Payets vermeintliche Drohung geschrieben haben, haben ihre Artikel inzwischen gelöscht oder korrigiert, so auch “Spiegel Online”:

Bei den Fußballexperten von Bild.de steht der ganze Quatsch hingegen unverändert.

Mit Dank an Robert für den Hinweis!

Nachtrag, 19. Januar: Inzwischen hat auch Bild.de den Fehler bemerkt. Unter dem Artikel steht nun:

Anmerkung der Redaktion: Das Zitat von Payet hat es so nie gegeben. Es ist eine Erfindung von “Football France”, dem Satire-Ableger der französischen Fußball-Seite “France Football”. Wir bitte unsere Leser um Entschuldigung, dass wir das Zitat verbreitet haben.

Mit Dank an Frederik S. und Alexander M. für die Hinweise!

Was interessiert mich mein Deutsch von vor dreieinhalb Jahren?

“In Europa wird jetzt wieder Deutsch gesprochen” “Es muss wieder Deutsch in der Kabine gesprochen werden”, fordert der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, aktuell in “Sport Bild”. Damit sich bei den Fußballern des Rekordmeisters keine Grüppchen bilden, sollten die Spieler eine gemeinsame Sprache sprechen, so Hoeneß’ Gedankengang in etwa.

“Bild”-Briefonkel Franz Josef Wagner schreibt in der heutigen Ausgabe an Uli Hoeneß — einerseits um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, andererseits um ihm wegen seiner Deutsch-in-der-Kabine-Idee zu widersprechen:

Lieber Uli Hoeneß,

herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 65. Geburtstag heute. Leider muss ich mit einem Distelstrauch gratulieren. Sie wollen, dass wieder Deutsch in der Kabine gesprochen wird.

Deutsch? Worüber sollen die Weltklasse-Fußballer in der Kabine auf Deutsch miteinander reden? Über die Evolution, wie das Universum entstand, wer Newton war, Goethe, Schiller?

Fußballer sprechen Fußball-Sprache. Feigling. Dreckshund. Tattoos sind wichtig, Frisuren.

Deutsch ist nicht wichtig. Tore sind wichtig.

Herzlichst
F. J. Wagner

“Deutsch ist nicht wichtig”? Mensch, Wagner, denken Sie an Ihre Stammleser!

Aber noch was ganz anderes: Goethe? Schiller? Deutsch in der Bayern-Kabine? War da nicht mal was?

Am 24. Juni 2013 schrieb Franz Josef Wagner an Pep Guardiola, der damals frisch zum FC Bayern München gekommen war:

Lieber Pep Guardiola,

¿Ya habla alemán? Sprechen Sie schon Deutsch? Es ist die Frage der Fragen. Heute Mittag werden wir es hören, wenn Sie sich als neuer Bayern-Trainer vorstellen.

Deutsch sprechen ist mehr als sich Rühreier zu bestellen. Oder ein Bier. Sie müssen Schweinsteiger erklären, dass er nicht Fußball spielt, sondern Kunst macht. Sie gelten als der Philosoph des Fußballs. Sie haben in vier Jahren vierzehn Titel geholt, zweimal die Champions League gewonnen.

Was ist das alles, wenn Sie nur ein gebrochenes Ausländer-Deutsch reden?

Wie können Sie Schweinsteiger, Müller, Kroos, Neuer, Lahm, Götze erreichen?

Um in das Herz eines Menschen zu kommen, musst Du die Sprache seiner Mutter verstehen. Auch die Mutter Boatengs, der bei Bayern spielt. Zu der Sprache der Deutschen gehören die Schwarzwaldtannen, die Ufer der Ostsee, das Kräuseln der Wellen am Tegernsee und Goethe und Schiller gehören auch noch dazu.

Lieber Pep Guardiola, Sie können gar nicht all die Erwartungen erfüllen.

Es sei denn, Sie können über das Wasser laufen. Es sei denn, Sie sind ein Heiliger, der Jesus des Fußballs.

Herzlichst
F. J. Wagner

Mit Dank an Mathias U. für den Hinweis!

“Bild” befeuert Beleidigungskultur

Bei “Bild” und Bild.de haben sie offenbar endgültig das Interesse an sachlichen Debatten verloren:


Die Grünen-Vorsitzende Simone Peter hatte den Polizeieinsatz in der Silvesternacht in Köln stark kritisiert. Sie sagte der “Rheinischen Post”, dass das Polizei-Großaufgebot zwar Übergriffe deutlich begrenzt habe, allerdings …

“Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden.”

Und:

“Völlig inakzeptabel ist der Gebrauch von herabwürdigenden Gruppenbezeichnungen wie ‘Nafris’ für Nordafrikaner durch staatliche Organe wie die Polizei.”

Für die “Bild”-Medien sind diese Aussagen “irre”. Anstatt sich ernsthaft inhaltlich mit ihnen auseinanderzusetzen, wird die Redaktion beleidigend: Simone Peter sei der Superlativ von “dumm” und — in Anlehnung an die kritisierte Abkürzung “Nafris”, die die Polizei für “Nordafrikanische Intensivtäter” nutzen soll — eine “GRÜn-Fundamentalistisch-Realitätsfremde Intensivschwätzerin”, eine “GRÜFRI”.

Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei nicht um einen Kommentar, sondern um einen Bericht. Den dazugehörigen Kommentar hat “Bild”-Chefin Tanit Koch geschrieben, die immerhin ohne Beleidigungen auskommst, Peters Reaktion aber “schäbig” nennt. “Bild”-Briefeschreiber Franz Josef Wagner nennt Simone Peter eine “Tugend-Tante”.

Pöbeln statt argumentieren, beleidigen statt debattieren, bei einem Thema, bei dem eine vernünftige Debatte wichtig sein dürfte. Denn Simone Peter ist mit ihrer Meinung nicht völlig allein. “Bild” schreibt selbst, dass die Kölner Polizei “den öffentlichen Gebrauch des Behörden-Begriffs ‘Nafri'” inzwischen bedauere, und dass sich das Bundesinnenministerium davon ebenfalls distanziert habe. Außerdem kommt der Grünen-Politiker Omid Nouripour zu Wort, der seiner Parteikollegin zwar widerspricht, den Begriff “Nafri” allerdings auch “sehr hässlich” findet. Hätten die “Bild”-Medien ein Interesse an einer ordentlichen Diskussion zum Polizeieinsatz in Köln, hätten sie zum Beispiel erwähnen können, dass Journalisten vor Ort durchaus Situationen beobachtet haben, in denen die Beamten vor allem aufgrund der Hautfarbe entschieden hätten, wer kontrolliert wird und wer nicht. Christoph Herwartz schreibt darüber bei n-tv.de, Sebastian Weiermann beim “Neuen Deutschland”. Sie hätten erwähnen können, dass manche in den kollektiven Zuschreibungen — “jeder, der in etwa so aussieht wie ein Täter des vergangenen Jahres, ist in diesem Jahr ein potentieller Täter” — einen Widerspruch zum Geist eines Rechtsstaats sehen. Christian Bangel hat dazu einen Kommentar bei “Zeit Online” geschrieben. Sie hätten die Grautöne, die es bei diesem Thema gibt, beschreiben, den wichtigen Austausch von Argumenten vorantreiben können.

Stattdessen beschimpfen die “Bild”-Medien eine Politikerin für eine geäußerte Meinung, die ihnen nicht passt. Natürlich darf man Simone Peters Kritik blöd finden und sie wiederum kritisieren. Mit Inhalten, eigenen Standpunkten, an der Sache orientiert. Das macht “Bild” aber nicht. Mit ihrer Titelzeile in der heutigen Ausgabe trägt die Redaktion stattdessen dazu bei, dass eine Beleidigungskultur salonfähig wird, vor der viele nach der Präsidentschaftswahl in den USA im vergangenen Jahr gewarnt haben.

Kurz nach Weihnachten hatten die Mitarbeiter von Bild.de und ihr Chef Julian Reichelt übrigens noch eine Überraschung parat:

Eine Redaktionssitzung bei Bild.de, ein Entschluss und — schwups — nie wieder Shitstorms.

Was das Portal eigentlich sagen will: Man werde in Zukunft für hitzige Debatten im Internet nicht mehr so schnell das Wort “Shitstorm” verwenden.

“Wir haben alle in den letzten Jahren etwas zu oft und auch zu dankbar über Shitstorms berichtet”, sagt Julian Reichelt, Chefredakteur von BILD Digital. Häufig sind es einige wenige anonyme Twitter-Accounts, die hinter vermeintlichen Trends oder Shitstorms stecken.

Für 2017 versprechen wir Ihnen, liebe Leser, einen entspannteren Umgang mit Shitstorms. Denn: Im Zeitalter von Twitter, Facebook und Instagram ist es selbstverständlich, dass die Leute ihre Meinung sagen und natürlich nicht immer einer Meinung sind. Eine Handvoll Tweets bedeuten aber keinen Shitstorm.

Dass “Bild” und Bild.de in diesem Jahr nicht mehr so schnell von “Shitstorms” sprechen wollen, schließt aber natürlich nicht aus, dass sie selber welche anzetteln oder befeuern. Nur drei Beispiele der inzwischen fast 1800 Kommentare bei Facebook zum “DUMM, DÜMMER, GRÜFRI”-Artikel von “Bild”:

Vllt sollte mal so ein mob über die rutschen

Geht doch ganz einfach. Die Frau an einer Laterne fesseln und begrapschen lassen. Wird ein Klassiker in der Pornoabteilung.

Soll sie sich nächstes Jahr alleine dort hin stellen. Ohne Polizei und ohne andere normale Menschen. Mal gucken wieviel von dieser Frau übrig bleibt.

Mit Dank an @Kathy_Kolumna für den Hinweis!

Nachtrag, 17:32 Uhr: Bild.de hat sich weiter auf die Grünen im Allgemeinen und Simone Peter im Speziellen eingeschossen:

In einem Kommentar (“Erst Veggie, jetzt Nafri”) schreibt Nikolaus Blome, dass die Partei Deutschland blockiere. Simone Peter vergleicht er mit Erich Honecker:

Wie sagte Erich Honecker einst? “Vorwärts immer, rückwärts nimmer”. Er lebte in einer Blase, in der eigene Fehler per Definition ausgeschlossen waren. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.

Nicht viel anders ticken jene Grünen auch, die Simone Peter vertritt.

In einem zweiten Artikel (“Wie tickt die GRÜFRI-Grüne?”) fragt Bild.de, ob Peter dem Druck Stand halten werde, der durch die Reaktionen auf ihre Kritik am Polizeieinsatz entstanden ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch, wie “Bild” das Zitat von Simone Peter aus der “Rheinischen Post” umstellt und aus einer Frage eine Aussage macht. Die “Rheinische Post” zitiert Peter so:

“Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden.”

“Bild” macht daraus:

“Wenn insgesamt knapp 1000 Personen alleine aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt” würden, sei das nicht verhältnismäßig.

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