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Kein Sprengstoff-Rettungswagen und andere Dochnichtnews aus Hannover

Die Terrorpanikberichterstattung geht also weiter. Kurz nach dem abgesagten Fußball-Länderspiel am Dienstag in Hannover verkündete „Bild“:

Auch die Agenturen Reuters und AP berichteten (ohne Quellenangabe), die Arena sei aus Sicherheitsgründen geräumt worden, und so zog die Geschichte in Windeseilmeldungen ihre Kreise.

Kurz darauf „Bild“:

Dann, „Breaking News“ bei Bild.de:

++ Söhne-Mannheims-Konzert in TUI-Arena abgebrochen

Dann „Bild Hannover“:

Tatsächlich hat das Konzert stattgefunden. Einer der “Söhne Mannheims” schrieb danach auf Facebook:

Mit ihrer rastlosen Falschmelderei schaden sich die Medien aber nicht nur selbst, sondern auch denen, die ihnen vertrauen (wollen), ihren Lesern, Hörern und Zuschauern. Sie stiften Verwirrung und Angst, ausgerechnet in Situationen, in denen besonnene Aufklärung so wichtig wäre.

Woher „Bild“ und die Agenturen die Falschinfo hatten, ist unklar. Es war jedenfalls nicht die einzige an diesem Abend.

Unzählige Journalisten und Medien verbreiteten die Tweets von „@PNiedersachsen“, zitierten sie in den Nachrichten und bauten sie in ihre Liveblogs ein, weil es ja ganz offensichtlich „offizielle Tweets der Polizei Niedersachsen“ waren. Dabei hätten sie nur ein einziges Mal klicken müssen, um das hier zu sehen:

Allein der Liveticker des NDR verwies im Laufe des Abends fünfmal auf die Tweets der „Polizei“, der offizielle Twitter-Account der Stadt Hannover schrieb:

Für weitere Infos an diesem Abend empfehlen wir, der Polizei Niedersachsen zu folgen.

… mit Link zum Fake-Account.

Der hätte alles mögliche behaupten können, viele hätten sicher auch weiterhin geglaubt, er wäre von der Polizei. Der Twitterer nutzte seine plötzliche Macht aber nicht weiter aus, inzwischen hat er auch sein Profilbild und seinen Namen geändert und mehrfach klargestellt, dass er kein offizieller Account ist (was uns auch die echte Polizei bestätigt hat).

Und dann war da ja noch der Sprengstoff-Rettungswagen. Beziehungsweise nicht.

Die „Kreiszeitung“ und (was allerdings kaum registriert wurde) auch die „Hamburger Morgenpost“ hatten online behauptet:

Im Bereich des Stadions in Hannover soll ein so genannter Gefährder gesichtet worden sein, der den Behörden bekannt ist. Sicherheitskräfte haben zudem einen Rettungswagen entdeckt, in dem sich Sprengstoff befand.

(kreiszeitung.de)

Vor dem Stadion wurde ein Rettungswagen mit Sprengstoff entdeckt. Das erfuhren wir aus zuverlässiger Quelle. Auch ein sogenannter Gefährder, der der Polizei bekannt ist , wurde gesichtet.

(mopo.de)

Die Geschichte wurde so ziemlich überall aufgegriffen. Manchmal mit Fragezeichen, manchmal mit “Angeblich”, manchmal ohne jeden Zweifel.


(stern.de)

(ksta.de)

(“Focus Online”)

Am Dienstagabend hat der Innenminister Niedersachsens die Meldungen auf einer Pressekonferenz dementiert. Es sei kein Sprengstoff gefunden worden, auch das Rettungswagen-Gerücht lasse sich nicht bestätigen, sagte er. Das schreibt auch die „Bild“-Zeitung, es hat sie aber nicht davon abgehalten, in der Überschrift groß zu fragen:

In einer weiteren Pressekonferenz erklärte eine Sprecherin der Polizei Hannover gestern erneut, es sei kein Sprengstoff gefunden worden.

Von wem die “Kreiszeitung” und die “Mopo” die Infos hatten, ist immer noch offen. Die “Mopo” ist diesbezüglich ganz still geworden und hat bloß noch vermeldet, dass kein Sprengstoff gefunden wurde. Dass sie anderthalb Stunden zuvor “aus zuverlässiger Quelle” noch das Gegenteil erfahren haben wollte, hat die Redaktion offenbar lieber schnell vergessen.

Anders die “Kreiszeitung”, die gestern einen zweiten Artikel veröffentlichte, in dem sie ihre Version verteidigt. Darin beruft sie sich allerdings weiterhin auf “eine seriöse Quelle”. Ach ja, und:

Auch Hans-Joachim Zwingmann, 1. Vizepräsident des Deutschen Sportjournalisten Verbandes, bestätigte am Mittwoch gegenüber der Kreiszeitung: „Nach meinen Informationen hat ein Schnüffelhund bei der Untersuchung eines Krankenwagens angeschlagen. Es soll aber angeblich keine Auffälligkeiten gegeben haben. Das ist alles schon ein bisschen dubios. Kurz nach 19 Uhr standen mehrere Krankenwagen direkt vor dem Haupteingang des Stadions und sind rein- und rausgefahren. Warum, weiß ich nicht.“

Oha. Rein- und rausgefahren! Und ein Schnüffelhund! Bestätigt vom 1. Vize vom Dingsverband!

Und außerdem habe ja auch …

TV-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein im ZDF von Hinweisen berichtet, “es gäbe wohl eine konkrete Gefahrensituation was Einsatzkräfte betrifft, sprich Polizeiwagen, sprich Krankenwagen”.

Ja, liebe “Kreiszeitung”, dabei sprach sie aber explizit über “Gerüchte” (ab 5:30):

Erst hieß es – gibt natürlich viele Gerüchte – eine Bombe im Stadion, dann hieß es, es droht Gefahr von den Einsatzkräften vor Ort, also Polizei, Krankenwagen sind eine mögliche Bedrohung.

Hätten wir also: “eine seriöse Quelle”, den Schnüffel-Vize und Müller-Hohenstein. Und noch einen weitere Kronzeugin, die gestern Abend in einem dritten Rettungswagen-Artikel der “Kreiszeitung” hinzugekommen ist: die “Bild”-Zeitung.

Laut „Bild“-Zeitung bestätigt ein Geheimpapier des Verfassungsschutzes Berichte unserer Zeitung, wonach Sprengsätze in einem Rettungswagen ins Stadion geschmuggelt werden sollten.

Nein. Also ja: Das schreibt die “Bild”-Zeitung. Damit bestätigt sie aber, wenn überhaupt, nur, dass es solche Pläne gab. Aber nicht, dass, wie die “Kreiszeitung” behauptet hatte, ein “Rettungswagen entdeckt” wurde, “in dem sich Sprengstoff befand”.

Umstritten bleibt bislang, ob ein solcher Sprengsatz auch tatsächlich in einem Fahrzeug gefunden worden ist.

… schreibt die “Kreiszeitung”, und irgendwie haben wir das Gefühl, dass sie so langsam selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich glauben soll.

Am Dienstagabend hatte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) das dementiert. Ein Zeuge berichtet allerdings, dass ein Schnüffelhund bei der Untersuchung eines Rettungswagens angeschlagen habe.

Jaja, der Schnüffelhund. So einer hatte (wie auch die “Kreizeitung” berichtete) in Hannover auch bei einem Paket in einem Zug angeschlagen, das dann doch keine Bombe war, nur so viel zur Beweiskraft einer solchen Beobachtung. Von der anderen seriösen Quelle für den Sprengstoff-Rettungswagen ist in der “Kreiszeitung” übrigens keine Rede mehr.

Evakuierungen, die doch nicht stattgefunden haben, Polizei-Tweets, die doch nicht von der Polizei sind, Bomben, die doch nicht gefunden wurden — so kann’s gehen, wenn jeder der erste sein und keiner was versäumen will, wenn alles, was man in die Finger kriegt, erst mal schnell rausgehauen wird, wie im Rausch, alles geben, alles zeigen.

In der heutigen Ausgabe macht “Bild” das ZDF übrigens zum “Verlierer”:

Gut, ein Info-Laufband gab es doch, und das “heute-journal spezial” kam — mit Live-Schalte — um 19.54 Uhr. Aber “Bild” hat Recht: Die ZDF-Leute haben sich Zeit gelassen. Bestimmt noch mal tief durchgeatmet, vielleicht sogar recherchiert. Was für Luschen.

Mit Dank an O.M. und Mikey.

Er steht im Tor, im Tor, im Tor – und blick.ch kommt nicht dahinter

Die Geschichte klingt aber auch wirklich gut: James Bittner, seines Zeichens Langzeit-Ersatztorwart bei zahlreichen englischen Fußballklubs, hat nach 13 Jahren des Wartens seine ersten Einsatzminuten in einer Profiliga bekommen.

Das berichtet jedenfalls blick.ch so:

Da ist der zähe Engländer doch schon seit 13 Jahren Fussball-Profi, spielte bei Swindon, Bournemouth, den Queens Park Rangers, Fulham Exeter, Torquay, Woking, Salisbury, Forest Green, Hereford, Newport und seit 2014 bei Plymouth — und stand tatsächlich noch keine Sekunde im Tor!

Dass am vergangenen Wochenende nun 5400 Sekunden plus Nachspielzeit dazugekommen sind, liege vor allem daran, dass der Stammtorhüter von Plymouth eine längere Haftstrafe absitzen müsse und deswegen Ersatzmann Bittner ran dürfe. Noch so ein irrer Aspekt an dieser Story.

Also, zusammengefasst:

Dieser Typ hat Sitzleder! Die Geschichte von James Bittner (33) ist unglaublich — und extrem lang.

“Unglaublich” ist die Geschichte von blick.ch ebenfalls — und extrem verspätet. Denn Bittner hatte schon einmal einen Einsatz als Profi: Im Januar wurde er im Viertligaspiel — die vierte Liga zählt in England zum Profibereich — gegen Morecambe für eine Halbzeit eingewechselt. Und auch die Sache mit dem Gefängnisaufenthalt des Stammtorwarts liegt schon eine Weile zurück: Luke McCormick wurde bereits 2008 wegen fahrlässiger Tötung durch rücksichtsloses Fahren und Fahren unter Alkoholeinfluss zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und vier Monaten verurteilt. 2012 kam er wieder frei. Am vergangenen Wochenende fehlte McCormick wegen einer Verletzung.

Zwar berichten auch zahlreiche britische Medien über Bittners besonderen Einsatz am vergangenen Wochenende. Allerdings schreiben sie vom “first league start”, also von seinem ersten Spiel von Beginn an.

Blick.ch beruft sich übrigens auf einen Bild.de-Artikel. Dort steht die Sache mit dem “Startelf-Debüt” immerhin in der Überschrift richtig …

… im Artikel heißt es aber:

Die Zahl seiner Einsätze in einer der vier englischen Profiligen: 0!

Und bei derwesten.de bekommen sie es sogar hin, in einem kurzen Absatz gleich drei vier Fehler (Alter, Vereinsname, Liga, Anzahl Profispiele) einzubauen:

34 Jahre alt ist der Torwart, der mittlerweile für Plymouth Arglye in der dritten englischen Liga das Trikot überstreift. Denn das kann er eigentlich am besten: nur das Trikot überstreifen. Diesen fiesen Gedanken könnte man zumindest haben, wenn man weiß, dass James Bittner vor 13 Jahren erstmals im Match-Kader eines Profiklubs auftauchte und seitdem genau null (!) Profispiele gemacht hat.

Man könnte auch den fiesen Gedanken haben, dass der Autor null (!) recherchiert hat.

Mit Dank an “hsbasel”.

Die AfD und INSA, Matussek, rechtsextreme Gewalt in den Medien

1. AfD drittstärkste Partei? Zweifel an Umfrage
(ndr.de, Andrej Reisin)
Die AfD bei über zehn Prozent? Drittstärkste Partei auf Bundesebene? Doch, doch — hat schließlich das Meinungsforschungsinstitut INSA herausgefunden. Und viele Medien machen daraus eine Nachricht. Andrej Reisin hat bei der Sache allerdings größere Bedenken: “Der Leiter eines Meinungsforschungs-Instituts (das laut Medien gleichzeitig die AfD beraten soll), der in Artikeln einen mehr als wohlwollenden Ton gegenüber der AfD anschlägt, verantwortet Umfragen für die “Bild”-Zeitung, in denen die AfD zur drittstärksten politischen Partei wird: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.”

2. Die “Welt” schmeißt Matthias Matussek raus
(tagesspiegel.de, Joachim Huber und Sonja Álvarez)
“Meistgelesen ist derzeit nicht das Terrorthema, sondern der Rausschmiss Matusseks bei der ‘Welt’.” Das twitterte der Online-Chef des “Tagesspiegels” am frühen Dienstagabend. Der entsprechende Artikel erklärt, wie es zu Matusseks Engagement-Ende kam: erst das umstrittene Facebook-Posting, dann der Konter von Chefredakteur Jan-Eric Peters (“durchgeknallt”), die uneinsichtige Reaktion Matusseks (“Wahrheiten ausgesprochen”), schließlich der angebliche Eklat auf der Redaktionskonferenz der “Welt”, in der Matussek seinen Chef als “durchgeknalltes Arschloch” bezeichnet haben soll. Diesen Vorwurf weist Matusseks Anwalt allerdings als “absurd” zurück. Johannes Kram zieht Parallelen zu Akif Pirinçci, und Christoph Giesa meint: “Egal wohin es allerdings für Matthias Matussek geht, für den politischen Journalismus in Deutschland ist die Entscheidung der Welt eine gute.”

3. Kameradschaft vor der Kamera
(de.ejo-online.eu, Katharina Neumann)
In Deutschland gibt es drei rechtsextreme Gewalttaten pro Tag. Für Journalisten stellt sich die Frage, wie man darüber berichtet, ohne Nachahmer zu informieren oder sogar zu inspirieren. Eine Masterstudentin der LMU München beschäftigte sich in ihrer Abschlussarbeit mit dem Dilemma, sie führte Interviews mit Rechten. Das “European Journalism Observatory” stellt einige ihrer Erkenntnisse vor.

4. Alles wird schlimmer: Wie die News-Medien am falschen Weltbild basteln (müssen)
(pixeloekonom.de, Johannes Eber)
Kieze, in denen es knallt, “Jugendgewalt leicht angestiegen”, Großsiedlungen seien besonders schlimm. Das schreiben Nachrichtenportale über ihre Zusammenfassungen einer aktuellen Jugendgewaltstudie für Berlin (PDF). Dabei zeigt die im Kern: Die Jugendgewalt ist weiter rückläufig. “Jede Wette, dass die Mehrheit der Berliner vom Gegenteil überzeugt ist. Weil die Medien (mit Ausnahmen) das Gegenteil berichten. Weil das Gegenteil mehr Klicks bringt”, schreibt Johannes Eber.

5. Reicht der Hinweis “Sponsored” um Werbung im Netz zu kennzeichnen?
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Erlaubt ist es. Aber ist es für die Leserschaft auch verständlich, wenn bezahlte Beiträge auf einer Website mit “Sponsored Post” überschrieben sind? Wird klar, dass es sich letztlich um Werbung handelt? Für einen Großteil nicht, meint Thomas Stadler, der sich auf eine Befragung von “Statista” zum Thema stützt.

6. Der kommende #Winter und der #Journalismus. Ein Drama in bisher 4 Akten.
(twitter.com, Jörg Kachelmann)
Jörg Kachelmann bekommt von der Agentur “Spot on News” ein Anfrage zu Winterwetter und Schneefall. Bei Twitter dokumentiert er seine Antworten.

Eine regelmäßig aktualisierte Linksammlung zur Berichterstattung über die Anschläge in Paris gibt es hier.

Fallen, Fake, Alarm: Die Paris-Berichterstattung von Bild.de

“Sehr reibungslos und sehr schnell und sehr professionell“ sei die “Bild”-Berichterstattung über die Anschläge von Paris abgelaufen, hat Bild.de-Chef Julian Reichelt gestern im “Aufwachen!”-Podcast erzählt. Die “Bild”-Medien hätten ihren Usern und Lesern …

alles geboten, was es an Nachrichtenlage gab, ohne, das kann man jetzt mit dem Rückblick sagen, in irgendeine Falle zu tappen, irgendeinen Fake zu veröffentlichen, der kursiert hat, ohne, aus meiner Sicht, eine zu alarmistische Sprache zu verwenden, was ja in dieser Situation gerade mit der Flüchtlingskrise in Deutschland meiner Meinung nach sehr wichtig ist, da nicht auf Sprache hereinzufallen, die sozusagen dann eine Religion kriminalisiert, sondern die nah bei den Fakten bleibt, und ich glaube, das ist uns sehr gut gelungen.

Es ist schon sehr bezeichnend für Julian Reichelt und sein Verständnis von Journalismus, dass er offenkundig stolz auf diese Punkte ist, aber es ist noch bezeichnender, dass keiner davon stimmt.

Fangen wir mit einem harmlosen Beispiel an:

Der Eintrag stammt aus dem Liveticker von Bild.de. Damit verbreitete das Portal einen der ersten Fakes, die nach den Anschlägen kursierten. In Wahrheit wurde die Beleuchtung des Empire State Buildings am Freitagabend ausgeschaltet. Rot-weiß-blau beleuchtet war es im Januar nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“.

Eine andere Falschmeldung, die (nicht nur) von Bild.de verbreitet wurde, ist die mit der Playstation.

Nach den Terror-Anschlägen in Paris hat Belgiens Innenminister davor gewarnt, dass die Playstation 4 sich bei Terroristen zunehmender Beliebtheit erfreut.

Grund: die Spielkonsole bietet ein eigenes Netzwerk für private Gruppen und Sprach-Chats. Zudem gibt es die Möglichkeit, direkt in Online-Spielen zu kommunizieren. (…)

Auch bei den Ermittlungen zu den Anschlägen in Paris sollen in Brüssel Beweise gefunden worden sein, die nahelegen, dass die Attentäter mindestens eine PS4-Konsole genutzt haben, berichtet „Forbes“.

Es stimmt, dass der belgische Innenminister gesagt hat, Terroristen könnten die Playstation als Kommunikationskanal benutzen. Das war allerdings am 10. November — drei Tage vor den Anschlägen in Paris.

Auch dass bei den Ermittlungen irgendwelche PS4-Beweise gefunden worden seien, ist falsch. Der Autor des „Forbes“-Artikels hat auf Nachfrage des Videospiel-Portals kotaku.com gestern eingeräumt:

“This was actually a mistake that I’ve had to edit and correct,” writer Paul Tassi told me this afternoon. “I misread the minister’s statement, because even though he was specifically saying that PS4 was being used by ISIS to communicate, there is no public list of evidence list of what was found in the specific recent raids. I’ve edited the post to reflect that, and it was more meant to be about discussing why or how groups like ISIS can use consoles. It’s my fault, as I misinterpreted his statement.”

Immerhin: Heute hat Bild.de den Artikel korrigiert.

Ein anderes Beispiel. In den ersten Stunden nach Bekanntwerden der Ereignisse verkündete Bild.de immer neue Opferzahlen:



Laut offiziellen Angaben (Stand 15. November) gab es 129 Tote.

Natürlich war die Lage in den Stunden nach den Anschlägen völlig chaotisch, niemand konnte genau sagen, wie viele Menschen getötet wurden oder was überhaupt passiert war. Aber wäre es nicht gerade in solchen Situationen die Aufgabe von Journalisten, die gesicherten Informationen zusammenzutragen, statt Gerüchte als Gewissheiten zu verkaufen und mit Ausrufezeichen in die Welt zu posaunen?

Welche Folgen so etwas unter Umständen haben kann, zeigt ein anderer Fall.

Am Samstag tauchten Berichte auf, nach denen an einem der Anschlagsorte der Pass eines syrischen Flüchtlings gefunden wurde. Wenig später teilte der griechische Minister für Migration mit, dass der Pass im Oktober von einem Flüchtling zur Einreise nach Griechenland benutzt worden sei.

Viele Medien warnten daraufhin vor voreiligen Schlussfolgerungen. Es sei „noch völlig unklar, ob es sich bei dem Mann, auf den der Pass ausgestellt ist, auch tatsächlich um den toten Attentäter handelt“, schrieb etwa sueddeutsche.de am Sonntagabend:

Zwischen all den Toten lag ein syrischer Pass. In der Nähe eines der Männer, die sich am Freitag während des Länderspiels in Paris am Stadion in die Luft sprengten, wurde das Dokument gefunden. Es wurde Anfang Oktober bei der Einreise nach Griechenland genutzt, der Besitzer ließ sich als Asylbewerber registrieren. Sollten einer oder mehrere Attentäter auf diesem Weg nach Europa gekommen sein, wäre das eine Steilvorlage für jene Politiker und Gruppen, die versuchen, das Attentat in Zusammenhang mit den gestiegenen Flüchtlingszahlen zu bringen. Sie wollen die Flüchtlingsdebatte mit jener über Terrorismus verknüpfen. Doch noch ist es zu früh, um eindeutig zu sagen, ob tatsächlich ein Syrer an den Anschlägen beteiligt war.

Dennoch verkündete Bild.de schon am Samstag:


Da war sie also, die Steilvorlage.



Noch einmal: Zu diesem Zeitpunkt war lediglich klar, dass der Pass eines angeblichen syrischen Flüchtlings in der Nähe des Stade de France gefunden wurde. Dass er dem Attentäter gehörte, war eine Mutmaßung, kein Fakt. Er hätte auch einem der Opfer gehören können. Oder jemand ganz anderem.

Es gab beispielsweise auch Berichte von einem ägyptischen Pass, der an einem Anschlagsort gefunden wurde. Einige Medien behaupteten auch in diesem Fall, er gehöre einem der Terroristen. Inzwischen hat der ägyptische Botschafter in Paris mitgeteilt, dass der Besitzer des Passes keiner der Attentäter sei, sondern eines der Opfer — ein Fußballfan, der bei den Anschlägen schwer verletzt wurde.

Was, wenn sich herausgestellt hätte, dass es im Fall des syrischen Passes ähnlich war?

Dieser Frage kann Bild.de jetzt allerdings locker aus dem Weg gehen, denn seit gestern gibt es neue Erkenntnisse: Die französische Staatsanwaltschaft gab bekannt, dass die Fingerabdrücke eines der Attentäter zu denen eines Mannes passen, der im Oktober als Flüchtling in Griechenland registriert wurde.

Wie wir Julian Reichelt und seine Truppe kennen, werden sie darin vermutlich den Beleg sehen, dass sie von Anfang an Recht hatten, dass sie das mit dem Flüchtling schon wussten, bevor es die Staatsanwaltschaft wusste, weil sie ja so reibungslos und schnell und professionell arbeiten. Und nicht, dass sie einfach bloß geraten haben, bevor es überhaupt irgendwelche Belege gab.

Mit Dank an Martin, Christoph und Peter W.

Eingriff durch Arbeitgeber, Polens Mediensystem, Déjà-vu im “Tatort”

1. Vertriebsverbot für BPB-Publikation: Wir veröffentlichen alle Dokumente
(blog.fragdenstaat.de)
Die “Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände” (BDA) hatte es durch eine Beschwerde beim Bundesinnenministerium (BMI) hinbekommen, die Auslieferung einer Publikation der “Bundeszentrale für politische Bildung” (bpb) zu stoppen (siehe Link Nummer 1 und netzpolitik.org). “Frag den Staat” veröffentlicht nun den dazugehörigen Schriftverkehr zwischen BDA, BMI und bpb.

2. Polen plant Umbau seines Mediensystems
(sueddeutsche.de)
Staatliche Medien sollen “wirklich staatlich” werden, ausländische Verlage sollen aus dem Zeitungsmarkt gedrängt werden: Das, was Polens neuer Kulturminister und seine Kollegen in der polnischen Regierung planen, klingt nach einer Rückeroberung des eigenen Mediensystems.

3. “Unsere Branche will Themen managen, ohne sie im Ansatz zu begreifen”
(kress.de)
Christoph Reuter berichtet seit Jahrzehnten aus Kriegs- und Krisengebieten, aktuell als “Spiegel”-Korrespondent aus der arabischen Welt. Im Interview mit “Kress” spricht er über Stringer, die “Gleichgültigkeit unserer Branche” gegenüber der Recherche und die Unterschiede im Arbeitsumfeld von Bundeswehr, US-Militär, PKK und Taliban.

4. Terror in Little Saigon
(propublica.org, Adam Clay Thompson, englisch)
Zwischen 1981 und 1990 kam es in den USA zu einer Reihe von Morden an vietnamesisch-amerikanischen Journalisten. Das FBI vermutete damals, dass es sich um politisch motivierte Taten handelte; wirklich großes Interesse erzeugten die Fälle allerdings nicht. Adam Clay Thompson hat den fünf Toten hinterherrecherchiert und bei “ProPublica” ein langes Lesestück veröffentlicht.

5. Ahnungslose Siedler im Neuland
(operation-harakiri.de, Ralf Heimann)
Was will der DJV eigentlich mit seiner Kritik an der Informationsstrategie des Bundespresseamtes über Facebook sagen? Ralf Heimann hat da eine Idee. Thomas Knüwer beklagt indes, dass der DJV “konservative, tradierte Werte” pflege. Und Wolfgang Luef kommentiert, der Verband der Berufstelegrafen beschwere sich, dass Politiker jetzt auch telefonieren. Der DJV sieht das alles naturgemäß anders.

6. Déjà-Vu-Erlebnisse im neuen Berlin-Tatort
(absolutobsolet.blogspot.de, Tobias Mandelartz)
Der RBB-“Tatort” vom vergangenen Sonntag glänzt mit Wiedererkennungswert: Tobias Mandelartz hat entdeckt, dass in jeder U-Bahn-Szene derselbe blonde Mann neben den Hauptdarstellern durchs Bild läuft.

Belästigung durch Journalisten, Angriff auf Redaktion, Rufmord

1. Journalisten belästigen Wallenfelser
(infranken.de, Corinna Igler)
Im fränkischen Wallenfels sind in einem Haus acht Babyleichen gefunden worden, viele Medien berichten ausgiebig. “Durch den Ort fahren Autos mit Kennzeichen aus München, Köln und sämtlichen anderen großen Städten, Kleinbusse mit Filmteams sind auch zwei Tage nach dem grausigen Fund noch vor Ort”, schreibt Corinna Igler. Die Journalisten bedrängten einige Anwohner derart, dass diese die Polizei rufen mussten.

2. “Freie Presse”-Redaktion in Glauchau angegriffen
(freiepresse.de, Julia Lappert)
Gestern Abend wurde die Lokalredaktion der “Freien Presse” in Glauchau (Sachsen) angegriffen. Bislang unbekannte Täter warfen mehrere Ziegelsteine in die Redaktion und die Geschäftsstelle. “Die Angreifer müssen von der Straße aus zumindest einen der Reporter gesehen haben, da noch Licht brannte. Dass Personen bei dem Angriff zu Schaden hätten kommen können, haben sie offenbar in Kauf genommen.”

3. Roland Tichy und die Neue Rechte
(starke-meinungen.de, Alan Posener)
In der “Welt” verteidigt sich Roland Tichy gegen Vorwürfe, er sei Teil der “Neuen Rechten”. Alan Posener hält seine Entgegnung für “ein Dokument des Rechtspopulismus” — und zwar wegen eines einzigen Satzes, der Tichy als Rechtspopulisten entlarve: “Wo ist die Entscheidung darüber gefallen, in Rekordzeit die Bevölkerungsstruktur in Deutschland in vielfacher Hinsicht zu verändern?”

4. Rhetorisches Rudern eines Rufmörders
(taz.de, Joseph Wälzholz)
Der Germanistikprofessor und Bachmannpreis-Juror Klaus Kastberger warf Autor Daniel Kehlmann im Oktober vor, “Wikipedia abzuschreiben und daraus Romane zu basteln”. Kehlmann forderte daraufhin Belege. Nun habe Kastberger eine beachtenswerte Kehrtwende hingelegt: Er habe das ganz anders gemeint, außerdem sei es völlig legitim, als Romanautor aus Wikipedia abzuschreiben, und mit Wikipedia habe er letztlich auch gar nicht Wikipedia gemeint.

5. “You won’t read about this in the media, but…”
(medium.com, Martin Belam, englisch)
Nach den Anschlägen in Paris und der breiten Berichterstattung dazu kamen recht schnell die ersten anklagenden Stimmen, dass über die Anschläge in Beirut wenige Tage zuvor niemand berichtet hatte. Grundsätzlich könne er eine Debatte über die Verhältnismäßigkeiten nachvollziehen, schreibt Martin Belam. Zum Vowurf an sich sagt er allerdings: “But it’s just blatantly untrue.”

6. Social Media Rumours About The Paris Attacks That You Shouldn’t Believe
(buzzfeed.com, Tom Phillips, Adrien Sénécat und Jim Waterson, englisch)
Nein, das Empire State Building erstrahlte nicht blau-weiß-rot. Nein, Uber erhöhte nach den Terroranschlägen in Paris seine Preise nicht. Nein, ein tausendfach geteiltes Bild zeigt keine Solidaritätskundgebung in Deutschland (sondern eine Pegida-Demo in Dresden). “Buzzfeed” hat zwölf Falschinformationen und Gerüchte gesammelt, die sich am Wochenende in den sozialen Medien verbreiteten — und teilweise sogar von großen Medien wie der “New York Post” in die Welt gesetzt wurden.

Zur Berichterstattung über die Anschläge von Paris veröffentlichen wir im Laufe des Tages noch eine gesonderte Link-Übersicht.

Der Hofnarr des Kaisers

Eins muss man Alfred Draxler lassen: So langsam erkennt der Chefredakteur der “Sport Bild” den Mist, den er selbst gebaut hat:

So viel mehr, als sich beim “Spiegel” und dessen Chefredakteur Brinkbäumer für den Hitler-Tagebücher-Vergleich, den Polterauftritt beim “Sport1”-Fußballtalk “Doppelpass” und all die anderen Sticheleien zu entschuldigen, blieb ihm allerdings auch nicht übrig. Denn inzwischen scheint recht klar, dass Draxlers Kumpel Franz Beckenbauer, den er stets verteidigt hat, bei der Vergabe der Fußball-WM einen Bestechungsversuch zumindest geplant hat. Ein Vertragsentwurf mit Beckenbauers Unterschrift lässt das vermuten.

Das sieht seit heute auch Alfred Draxler ein:

Er klingt zerknirscht:

Ich hätte es mir nie vorstellen können. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir die WM 2006 auf saubere Art bekommen haben.

Heute früh musste ich aber bei BILD.de berichten, dass beim DFB ein Vertragsentwurf aufgetaucht ist, der möglicherweise als Bestechungs-Versuch benutzt werden sollte. Schon das Datum sagt viel aus: Vier Tage vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000!

Unterschrieben hat dieses Papier mein langjähriger Freund FRANZ BECKENBAUER!!

Bisher dachten wir, Draxlers “Intensivrecherche” fuße einzig auf langen und intensiven Gesprächen mit guten und sehr guten Freunden, die gleichzeitig auch die Beschuldigten in der Affäre sind, zu der Draxler recherchiert hat. Es ist aber noch viel trauriger: Sie fußt vor allem auf Glauben und Nicht-Vorstellen-Können.

Dafür war Draxlers Caps-lock-Ankündigung in seinem “Das Sommermärchen war nicht gekauft”-Kommentar vom 22. Oktober ausgesprochen mutig:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Höchstwahrscheinlich wird dieses Ausdemfensterlehnen keine beruflichen Konsequenzen für Alfred Draxler haben. Es wird nur heiße Luft gewesen sein, die er in diese Zeilen gepackt hat. Nächste Woche wird er vermutlich schon wieder irgendwo “Nachgehakt” haben und mit seiner “Sport Bild” über den “Lohnzettel eines Schalke-Stars” oder die “Fehler-Schiris” sinnieren, als hätte seine “REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER” keinen Schaden genommen.

Hätte sich Alfred Draxler nicht freiwillig mit vollem Anlauf und Radschlag-Flickflack-Salto laut flatschend in den selbst aufgestellten Fettnapf geschmissen, könnte man fast Mitleid mit ihm haben. Wenn es tatsächlich so war, dass Franz Beckenbauer Draxler vesichert hat, bei der WM-Vergabe sei alles mit rechten Dingen zugegangen, wurde er von seinem langjährigen Freund belogen.

Wir hatten Alfred Draxler vor zwei Wochen als “DFB-Außenverteidiger” bezeichnet. Das gefiel ihm irgendwie:

Inzwischen zeigt sich: Er war nicht mal das. Draxler war offenkundig nur eine willige Marionette, die Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer benutzen konnten, um über “Bild”, Bild.de und “Sport Bild” ihr eigenes Narrativ des Skandals unter die Leute zu bringen und so ihre persönlichen Positionen zu stärken. In diesem “Sommermärchen” wirkt Alfred Draxler wie der Hofnarr des Kaisers.

Ähnlich närrisch wie Draxlers Verhalten rund um die WM-Affäre waren die Reaktionen seiner Kollegen aus dem Axel-Springer-Verlag. Die ganze “Bild”-Bande hatte dem “Sport Bild”-Chef auf die Schulter geklopft, als der vor zweineinhalb Wochen verkündete: Alles in Ordnung bei der WM-Vergabe. Es schien, als hielten sie Draxlers Artikel tatsächlich für das Ergebnis einer ordentlichen Recherche. Sie feierten ihn als großen Enthüller und taten so, als wäre die ungefilterte Wiedergabe von Aussagen der Beschuldigten Journalismus.

Marion Horn zum Beispiel, Chefredakteurin der “Bild am Sonntag”, hatte zu der Zeit die Hoheit über den Twitteraccount der “Zeit”. Und nutzte die Gelegenheit, um mitzuteilen, dass sie keinen Grund sehe, an Draxlers Recherche zu zweifeln:

Matthias Müller, stellvertretender “Bild”-Sportchef, verbreitete Draxlers Kolumne ebenfalls:

Tobias Holtkamp, Chefredakteur von Springers Fußballportal transfermarkt.de, lobte Alfred Draxlers “Fakten”:

Und “Bild”-Chef Kai Diekmann musste gleich doppelt twittern:

Heute twitterte Diekmann wieder über eine Enthüllung Draxlers:

So kann man natürlich auch versuchen, aus der Nummer rauszukommen.

Thomas de Maizière, Verschwörungsparanoikerin, Zensur

1. Wie de Maizière sich verkalkulierte
(n-tv.de, Christoph Herwartz)
Kein Familiennachzug mehr für syrische Flüchtlinge? Oder doch? Bundesinnenminsiter Thomas de Maizière hat mit Aussagen während seines Albanienbesuchs für Verwirrung gesorgt. Christoph Herwartz hat de Maizière bei der Reise begleitet und rekonstruiert dessen Vorpreschen und Zurückrudern aus medialer Sicht. Sein ernüchterndes Fazit für die eigene Arbeit: “Das Interview de Maizières mit n-tv.de, das an diesem Samstag erscheinen sollte, ist damit schon veraltet, bevor es autorisiert wurde.”

2. Eine Nacht im Notlager
(faz.net, Timo Frasch, Jens Gyarmaty, Georg-Wilhelm König)
Über die Zustände in deutschen Flüchtlingsunterkünften wird derzeit viel geschrieben. Doch die wenigsten Journalisten sind wirklich vor Ort, und wenn überhaupt, dann ist es meist nur eine kurze Stippvisite unter Aufsicht eines Ministers oder anderer Offizieller. “Ein bisschen helfen dürfte aber, wenn man längere Zeit am Stück in einer Unterkunft verbringen könnte, vielleicht sogar dort übernachten.” Genau das haben Timo Frasch, Jens Gyarmaty und Georg-Wilhelm König getan.

3. Was darf ein Interviewer im ORF?
(facebook.com, Armin Wolf)
Susanne Winter ist aus der FPÖ geflogen, ihren Job im österreichischen Parlament will sie aber behalten. Armin Wolf spricht mit ihr im ORF und nennt Winter unter anderem “eine islamfeindliche, rassistische Verschwörungsparanoikerin”. Darf er das? Manche meinen: nein. Armin Wolf hat sich bei Facebook ausführlich zu seinem Interview geäußert.

4. Trollhaus
(profil.at, Ingrid Brodnig)
“Jede Form von Kritik, Gegenrede oder Moderation wird gern als ‘Zensur’ verunglimpft, weil die ‘Meinungsfreiheit’ dadurch abgeschafft werde.” Und das sei, so Ingrid Brodnig, natürlich Unsinn. Sie fordert, sich Begriffe wie “Zensur” für echte Beschneidungen der Meinungsfreiheit aufzuheben — etwa das Urteil gegen den Blogger Raif Badawi in Saudi Arabien. Das entscheidende Missverständnis: “Viele glauben, die Meinungsfreiheit gebe ihnen auch das Recht, immer und überall Gehör finden zu müssen.”

5. Facebooks Instant Articles sind nicht so erfolgreich, wie du glaubst
(mrtnh.de, Martin Hoffmann)
Facebook will Verlage dazu bringen, vollständige Texte auf dem sozialen Netzwerk zu posten, statt mit einem Link auf die eigene Webseite zu verweisen. Diese “Instant Articles” werden wahlweise als Rettung oder als Untergang der Medienbranche gesehen. Martin Hoffmann hat die bislang öffentlich zugänglichen Daten analysiert: “Auf den ersten Blick sorgen die Instant Articles wider Erwarten NICHT für ein höheres Engagement bei den einzelnen Link-Posts.” Er hält die Funktion deshalb nicht für “die großen Heilsbringer”. (Anmerkung: Es ist allerdings durchaus möglich, dass Facebook noch gar nicht begonnen hat, Instant Articles bevorzugt zu behandeln. Sobald der Algorithmus ihnen eine erhöhte native Reichweite zugesteht, wie das etwa bei direkt hochgeladenen Videos der Fall ist, könnten die Interaktionen schnell ansteigen.)

6. Jetzt spricht der Youtuber, den niemand kennt – ja, genau der
(rp-online.de, Sebastian Dalkowski)
Gronkh, Bibi mit ihrem “Beauty Palace” und LeFloid haben ein Millionenpublikum bei Youtube. Aber was sagt eigentlich ein Youtuber, der eher 600 als 600.000 Views pro Video hat? Sebastian Dalkowski hat einen interviewt. Zum Thema: Dalkowskis Gespräch mit Millionen-Youtuber Sami Slimani.

Reschersche – nein danke!

“Für die reinen Nachrichten muss der User nichts bezahlen. Aber das, was nur BILD kann und nur BILD hat, die exklusiven Geschichten, die besonderen Interviews und Hintergründe, die einzigartigen Fotos – das sind zukünftig BILDplus-Inhalte.”

(Bild.de bei der Vorstellung von „Bildplus“)

Nehmen wir ein Beispiel.

Das ist die reine Nachricht. Die gibt’s kostenlos. Zahlen muss man für den Premium-Weiterdreh, für das, was nur „Bild“ kann und nur „Bild“ hat, und das sieht so aus:

Wenn Tätowierungen so richtig weh tun und zwar nicht nur beim Stechen, sondern hinterher noch viel, viel mehr, dann ist das für die Bemalten zwar eine Katastrophe, für andere aber zum Lachen: BILD zeigt die 22 übelsten Tattoo-Katastrophen der Welt!

Jahaha, die hier zum Beispiel:

Und weil wir hier ja in der Kernkompetenz-Abteilung von “Bild” sind, ist die Sache gleich doppelt falsch.

Das ist keine Frau, sondern ein echter Gangster:

Aber kein echtes Tattoo. Sondern aus einem Film.

Die Überschrift für diese „Tattoo-Katastrophe“ lautet übrigens:

Na dann mal los, „Bildplus“.

Nachwuchs beim DJV, Adblocker, Piratenradio

1. Aufruf zum Gemeinsamen
(medienwoche.ch, René Zeyer)
Angesichts der Angriffe auf Journalisten fordert René Zeyer, dass Medien zusammenstehen: Es sei nun nicht mehr die Zeit für Schuldzuweisungen, für gegenseitige Einteilungen in “rechtskonservativer Kampfjournalist” versus “linker Gutmensch”. Nun gehe es um die Verteidigung der Pressefreiheit. Wobei auch der Staat durchgreifen sollte: “Sonst versagt er in seinem Kern.” Siehe dazu auch die “Blogrebellen” über Angst und eine “Schere im Kopf”. Einen Überblick zur Gewalt gegen Journalisten gibt es bei n-tv.de und faz.net.

2. DJV-Treffen: “Ah, die Schülerzeitung ist auch da”
(ndr.de, Sabine Schaper)
Zwei “Zapp”-Reporterinnen waren beim Verbandstreffen des DJV. Und nicht nur wegen des Zitats aus der Überschrift können sie sich “über Nachwuchssorgen beim DJV nicht mehr wundern”. Offensichtlich trauen die überwiegend (mittel)alten männlichen Anwesenden zwei jungen Frauen nicht zu, dass diese mehr als “ein schönes, lustiges Stück”, vielleicht “fürs Kinderradio” machen. Thomas Otto Jenny Genzmer nimmt das beim “Deutschlandfunk” zum Anlass, über das “Politikum Frau” nachzudenken, und verlinkt unter anderem die Reaktionen von DJV- und BJV-Verantwortlichen.

3. Wie junge Menschen über Adblocker denken
(statista.com, Andreas Grieß)
“Statista” hat 1002 Personen zwischen 18 und 35 Jahren gefragt, was sie von Adblocker halten — mit einem Ergebnis, das vielen Medien nicht gefallen dürfte: “Von den Befragten gaben mehr als die Hälfte an (53 Prozent), Adblocker zu verwenden.” Außerdem sagen 43 Prozent, dass betroffene Webseiten am besten “An den Ausgaben sparen” sollten, wenn ihnen durch Adblocker Einnahmeverluste entstehen.

4. Gekündigte Pädagogin: Auch “Krone” druckte Namen von Magistratsbeamtin
(horizont.at, Timo Niemeier)
Der Ablauf: Die “Kronen Zeitung” schreibt Quatsch über eine gekündigte Kindergartenmitarbeiterin. Das Medienwatchblog kobuk.at kritisiert die “Krone” dafür. Ein “Krone”-Redakteur kritisiert daraufhin kobuk.at, weil ein Name einer beteiligten Magistratsbeamtin nicht geschwärzt wurde. Eben dieser kritikfreudige “Krone”-Redakteur veröffentlicht einen Artikel, in dem er den Namen einer Magistratsbeamtin nicht schwärzt. Und dafür gibt’s jetzt Kritik von horizont.at und kobuk.at.

5. Anti-ALDI-Rant aus dem SPIEGEL-Kindergarten
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi nimmt einen “Bento”-Artikel über Aldi Satz für Satz auseinander. Am Ende bleibt davon nicht viel übrig: “Leider habe ich mittlerweile festgestellt, dass bento gerne auch banal, oberflächlich, großmäulig und pubertär auf der Klaviatur nicht des SPIEGELs, sondern der Huffington Post und Buzzfeed spielt.”

6. Illegaler Sender: Radioanarchie an der Grenze
(ndr.de, Joop Wösten, Video, 4:50 Minuten)

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