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Entfolgungswahn um Homer Simpson

Die Nachricht des Tages kommt von der Agentur AFP und lautet vollständig so:

Kanadas Premier Harper folgt Homer Simpson nicht länger auf Twitter
Politiker hat selbst fast eine halbe Million Follower

Montréal (AFP) – Kanadas Premierminister Stephen Harper folgt dem Zeichentrickstar Homer Simpson nicht länger auf Twitter. Harper meldete sich am Sonntag als Follower des Oberhauptes der Comic-Familie ab. Kurz zuvor war ein Artikel auf der Website des Fernsehsenders CBC erschienen, der die Interessen des konservativen Politikers auf Twitter aufzeigte. Demnach folgt Harper 223 anderen Twitter-Nutzern. Er selbst ist mit fast einer halben Million Followern der beliebteste “zwitschernde” Parteichef in Kanada.

Ist das nicht interessant?

Doch, ist es:

“Focus Online” informierte seine Leser noch in der Nacht über diese aktuelle Entwicklung:

Ein Twitter-Follower weniger - Kanadas Premier Harper folgt Homer Simpson nicht mehr

Auch der “Donaukurier” staunte und berichtete:

Kanadas Premier kein Follower mehr von Homer Simpson

Die österreichische Nachrichtenagentur APA entschied sich, dass das Thema in Österreich auch nicht weniger relevant ist als in Deutschland, und reichte die Meldung an ihre eigenen Abonnenten durch.

Nun könnte man all das an sich schon als Ausweis eines größeren Irrsinns sehen. Die Meldungen sind aber nicht nur bekloppt, sondern auch noch falsch. Jedenfalls folgt @PMHarper aktuell durchaus @HomerJSimpson. (Es gab da sogar vor eineinhalb Jahren mal einen Tweetwechsel zwischen den beiden.)

Angesichts der Gefahr, dass da eine Falschmeldung die Runde macht und Menschen in aller Welt nun von ihren Medien informiert werden, dass der Parteichef-Zwitscherkönig Kanadas nicht mehr Homer Simpson folgt, obwohl er Homer Simpson folgt, haben wir natürlich sofort bei der Agentur AFP nachgefragt, was da los ist.

Daniel Jahn, der Chefredakteur von AFP in Deutschland, antwortet:  

Unsere Meldung über Stephen Harper und Homer Simpson basiert auf einer Meldung des AFP-Büros in Montreal. Wir versuchen derzeit, durch Kontaktaufnahme mit den dortigen Kollegen herauszufinden, wie die Meldung zustande gekommen ist. Dies ist wegen des Zeitunterschieds leider nicht auf die Schnelle möglich, das Büro ist derzeit nicht besetzt. Es ist nicht auszuschließen, dass Harper zwischenzeitlich Simpson “entfolgt” ist, um ihm wenig später wieder zu folgen. Wenn ich Näheres weiß, melde ich mich wieder bei Ihnen.

Wir werden eine eventuelle Antwort hier natürlich zeitnah weiterreichen, auch wenn unsere Kapazitäten — anders als offenbar die von AFP — vermutlich nicht ausreichen, jeden möglichen Statuswechsel im Twitter-Verhältnis zwischen kanadischen Politikern und amerikanischen Comicfiguren bekannt zu geben.

Die andere Frage, die wir AFP gestellt hatten, blieb übrigens unbeantwortet: Welchen Nachrichtenwert die Meldung erfüllt. Ist vielleicht auch eine aufwändigere Recherche.

PS: Unter dem “Focus Online”-Artikel findet sich der folgende Leserkommentar:

Mit Dank an Boris R.!

Nachtrag, 19:00 Uhr. Der “Donaukurier” hat sich korrigiert und meldet nun: “Kanadas Premier ist nach wie vor Follower von Homer Simpson”.

Nachtrag, 21:45 Uhr. AFP hat die Meldung zurückgezogen:

Montréal (AFP) – Der kanadische Regierungschef Stephen Harper hat nicht aufgehört, dem Zeichentrickstar Homer Simpson auf Twitter zu folgen. AFP hatte für die Meldung irrtümlich den französischsprachigen Twitter-Account von Harper eingesehen, der sich aber von seinem englischen Account stark unterscheidet. Im französischen Account ist Harper der Cartoonfigur nie gefolgt, im englischen Account folgt er ihr ohne Unterbrechungen weiterhin.

Nachtrag, 5. August. Der verwirrende Stand der Dinge auf “Zeit Online”:

Verfassungsschutz, Israelkritik, NDR

1. “Geschreddert, vergessen, geschlossen”
(journalist.de, Michael Kraske)
Im Bundesamt für Verfassungsschutz wurden “zwischen dem 4. November 2011 und dem 4. Juli 2012 insgesamt 310 Akten über Rechtsextremisten geschreddert, bevor ein genereller Vernichtungsstopp erging”. Michael Kraske geht der Frage nach, warum die Vertuschungsaktionen des Verfassungsschutzes rund um die NSU in den Medien mehrheitlich versandet sind: “Tageszeitungen haben immer wieder Beteuerungen von Verfassungsschützern verbreitet: kein NSU-Bezug bei vernichteten Akten, fast alles rekonstruierbar. Dass es dann doch relevante Bezüge gab und etliche Akten nicht rekonstruierbar waren, ging unter. Da Medien meistens anlassbezogen berichten, fällt es häufig schwer, Prozesse abzubilden und Fehler zu korrigieren.”

2. “Ein Leben für diese Bilder”
(zeit.de, Bastian Berbner)
Bastian Berbner schreibt über den Tod von Molhem Barakat, der auch dann noch als Kriegsfotograf in Syrien arbeitete, als die ausländischen Reporter längst das Land verlassen hatten: “Niemand wird zu diesem Job gezwungen. Aber in einem Land, in dem es kaum noch einheimische Arbeitgeber gibt, herrschen dennoch Zwänge. Molhem kann das Geld gut gebrauchen. Sein Vater ist arbeitslos, sein Bruder kämpft für die Rebellen. Der Teenager ernährt jetzt seine ganze Familie.”

3. “Die Mär von der verbotenen Israelkritik”
(stern.de, Mareike Enghusen)
Mareike Enghusen stellt vorläufige Ergebnisse einer Studie über die deutsche Berichterstattung zur Nahostpolitik vor: “Kein anderes Land der Welt wird in deutschen Medien so oft und scharf kritisiert wie Israel.”

4. “Pförtner des NDR beweist größere News Kompetenz als Tagesschau Redaktion”
(martin-lejeune.tumblr.com)
Journalist Martin Leujeune, der derzeit bei einer Familie im Gazastreifen wohnt, beklagt, dass er vom NDR ignoriert wird: “Der einzige, der sich im NDR für meine Schilderung und Erlebnisse interessierte, war der Pförtner, bei dem ich landete als ich um ein Uhr Nachts die Nummer der Zentrale wählte.”

5. “Ukraine-Reporter: ‘Wir sind Detektive'”
(ostpol.de, Sonja Volkmann-Schluck und Stefan Günther)
Fünf Korrespondenten schätzen die russischen und ukrainischen Medien ein und erzählen, wie sie arbeiten.

6. “Tote im SPIEGEL-BILD”
(lto.de, Markus Kompa)
Die rechtliche Seite der Fotos der mit dem Flug MH017 zu Tode gekommenen Menschen, die der “Spiegel” auf seiner Titelseite rund um die Schlagzeile “Stoppt Putin jetzt!” veröffentlicht hatte.

Die Grenzen der Anreißerei

Wer “Bild-Plus” lesen will, muss zahlen. Wer nicht zahlt, bekommt nur kurze Anreißertexte zu lesen, die meistens ungefähr so klingen:

Da bleibt jeder Mutter das Herz stehen: Melanie E. (23) musste mitansehen, wie der Kinderwagen mit ihrem Baby von einem Auto mitgerissen wurde! Lesen Sie hier die ganze Geschichte!

Ein paar Andeutungen als Köder, den Rest gibt es erst hinter der Paywall. (Mutter und Kind geht es übrigens gut.)

Das ist kein neues Prinzip, aber seitdem der “Heftig”-Wahn um sich greift, sind die Teaser noch eine Spur dümmlicher plakativer geworden (übrigens nicht nur bei “Bild-Plus”). In bestimmten Fällen könnte sich das aber ändern.

Vor zwei Wochen ist der ehemalige Landtagsabgeordnete Daniel Mack, dem bei “Bild-Plus” ein “Schwarzfahr-Skandal” vorgeworfen wurde, gegen die Berichterstattung vorgegangen — und zwar ausdrücklich gegen den Artikel und den Anreißer.

Letzterer las sich so:

Grünen-Politiker soll Bahn-Ticket gefälscht haben

Peinlich, peinlich, Herr Politiker! Kontrolleure erwischten den ehemaligen Grünen-Landtagsabgeordneten Daniel Mack (27) als Schwarzfahrer. Doch dabei bleibt’s nicht – jetzt ermittelt die Frankfurter Polizei gegen den Kommunikationsberater.

Im Antrag auf die Verfügung kritisiert Macks Anwalt Ralf Höcker vor allem, dass die Redaktion im Anreißer nur die Vorwürfe, aber keinen der entlastenden Umstände genannte habe. Das Landgericht Köln folgte dem Antrag und erließ eine einstweilige Verfügung gegen beide Fassungen. “Bild” hat sie inzwischen gelöscht.

Laut Höcker hat damit zum ersten Mal ein Gericht anerkannt, …

dass für die Leser, die keine zahlenden Kunden sind, der Kurztext für sich allein steht. Das heißt, dass schon die Anreißer ausgewogen formuliert sein müssen und nicht mit dem Argument, im Haupttext werde ja differenziert, unzulässig zugespitzt werden dürfen.

Nachtrag, 5. März 2015: Inzwischen wurde das Verfahren gegen Daniel Mack nach § 153a StPO gegen Zahlung von 1500 Euro eingestellt. Doch darüber hat die “Bild”-Zeitung natürlich nicht mehr berichtet, “obwohl sie nachweislich seit Langem davon weiß”, wie uns Ralf Höcker mitteilte.

Korrektur, 6. März 2015: “Bild” hatte gegen die einstweilige Verfügung keinen Widerspruch eingelegt, wie wir zunächst geschrieben hatten, sondern “Herrn Mack gleich zur Erhebung der Hauptsacheklage aufgefordert”, erklärte uns Macks Anwalt. “Wir haben die Klage für Herrn Mack eingereicht, und das Landgericht Köln bestätigte mit Urteil vom 25. Februar 2015 (Az: 28 O 402/14) das bereits per einstweiliger Verfügung ausgesprochene Verbot.”

  

“Interview”/Pressekonferenz

“Bild” Pressekonferenz
Vrabec: „Wir wollen im oberen Drittel dabei sein. Nürnberg ist für mich der Favorit. Die wollen sofort wieder hoch. Danach kommen mit Düsseldorf, Braunschweig, 1860 München Fürth und Red Bull Leipzig die nächsten Klubs. Wir sind im erweiterten Kreis, sind immer noch in der Entwicklung und noch nicht so stabil. Aber wir wollen besser sein als letzte Saison mit Platz 8.“ “Deswegen denke ich, das obere Drittel ist für uns sicher das Ziel (…). Für mich persönlich ist der 1. FC Nürnberg der ganz klare Favorit (…) signalisiert, dass sie willens sind, sofort wieder aufzusteigen (…). Danach gibt’s eine große Gruppe von Vereinen (…), wie beispielsweise Düsseldorf, wie beispielsweise auch Braunschweig, (…) 1860 München und Greuther Fürth (…), und Red Bull Leipzig (…). Ich glaube, dass wir zum erweiterten Kreis dieser Mannschaften gehören (…), wohlwissend aber auch, dass wir immer noch in der Entwicklung sind (…) weil auch wir immer noch nicht so stabil sind (…). [Das Ziel ist] besser als letzte Saison auf jeden Fall, als Platz 8.”
BILD: Wer kämpft gegen den Abstieg?
Vrabec: „Da will ich keine Prognose wagen. Mit Cottbus hat letzte Saison auch keiner gerechnet.“
“[Für die unteren Plätze] möchte ich keine Prognose abgeben, […] letztes Jahr hat niemand im Vordergrund drüber nachgedacht, dass Energie Cottbus absteigen könnte.”
BILD: Wie wichtig ist jetzt ein guter Start?
Vrabec: „Sehr wichtig. Dann weiß man, dass die Dinge in der Vorbereitung gut gelaufen sind. Die Vorbereitung ist noch nicht abgeschlossen, dauert bestimmt noch bis zum dritten oder vierten Spieltag.“
“Ein guter Start in die Saison ist immer wichtig (…), weil du weißt, dass du das, was du in der Vorbereitung erarbeitet hast, auch wirklich gut gemacht hast.
(…) wobei auch immer klar ist, dass die Vorbereitung (…) noch in den dritten, vierten Spieltag mit hineingeht (…).”
BILD: Es fehlt immer noch der Stürmer…
Vrabec: „Ich bin guter Hoffnung. Wir sind aber mit Nöthe, Thy, Verhoek und Kyong sehr zufrieden. Fakt ist, dass wir noch einen anderen Stürmertypen suchen, der uns kompletter macht. Vielleicht kommt er erst zum Ende der Transferperiode (bis 2.9., d. Red.). Wenn‘s gar nicht klappt, ist das aber nicht schlimm.“
“Ich find’s nicht ärgerlich, dass er momentan nicht da ist, weil (…) wir mit den Stürmern, die momentan uns zur Verfügung stehen, sehr zufrieden sind – alle drei: Nöthe, Verhoek und Thy (…) aber auch Kyong. (…) Fakt ist aber auch: Wir wollen dann schon einen anderen Spielertyp noch dazubekommen im Sturm, der uns dann einfach als Mannschaft auch kompletter macht. (…) vielleicht auch erst am Ende der Transferperiode – und wenn’s gar nicht klappt, dann müssen wir auch damit leben (…).”
BILD: Neu ist der Kapitän, der die Truppe jetzt anführt. Warum haben sie Sören Gonther ausgewählt?
Vrabec: „Sören hat ein sehr gutes Standing innerhalb der Mannschaft, er ist ein Wortführer bei den jungen und bei den älteren Spielern. Er ist sehr kritisch – mit sich, auch mit dem Trainerteam. Er hat einen langfristigen Vertrag und bringt natürlich auch die Qualität auf den Platz.“
“Zunächst einmal, dass Sören ein sehr gutes Standig in der Mannschaft hat, dort wirklich auch ein Wortführer ist, egal ob bei älteren, etablierteren Spielern oder bei der jüngeren Generation (…). Des Weiteren ist er sehr kritisch, intern, mit sich selbst, mit der Mannschaft, auch mit dem Trainerteam (…). Drittens hat er einen längerfristigen Vertrag (…) und viertens einfach auch durch seine Qualität als Fußballspieler selbst auf dem Platz.”
BILD: Auch für den Kopf wird was getan?
Vrabec: „Wir haben kein Kopfproblem, wollen aber die Spieler noch besser machen. Ein Mentalcoach arbeitet mit der Mannschaft zum Beispiel bei der Zielformulierung.“
“[Der Mentalcoach] arbeitet mit der Mannschaft (…), um beispielsweise Erfolgsfaktoren festzulegen (…), wenn’s um Zielformulierungen geht (…). Wenn man sich mit einem Mentalcoach zusammensetzt (…), heißt das nicht automatisch, dass man irgendein Kopfproblem hat, sondern man versucht (…), den Spieler noch besser zu machen.”
Vrabec: „Ich glaube aber, dass unsere Mannschaft besser ist als letzte Saison. Wir haben unsere neuen Spieler gezielt dazugeholt. Der Team-Geist ist überragend. Wir sind auf allen Positionen doppelt besetzt, der Konkurrenzkampf ist groß. Die Jungs gehen aber miteinander gut um.“ Keine Entsprechung — siehe Eintrag.
Bild  

Mach’s noch einmal, Vrabec

Zum Auftakt der 2. Bundesliga ist am Freitag in “Bild Hamburg” ein großes “Start-Interview” mit dem Trainer von St. Pauli erschienen:

Interessanterweise decken sich die Antworten aber ziemlich genau mit dem, was Vrabec schon am Tag zuvor auf einer Pressekonferenz gesagt hatte (Vergleich).

Hat der Trainer also alles zweimal erzählt? Einmal für alle und dann noch einmal, ganz persönlich nur für “Bild”?

Nein. Der Pressesprecher des Vereins erklärte uns auf Anfrage, dass “Bild” kein Extra-Interview bekommen habe. “Bild”-Reporter Thomas Dierenga tut einfach nur so, als hätte er alleine mit dem Trainer gesprochen. Auch die Fragen der anderen Journalisten gibt er als die seinen aus. So ist “Bild” vor einigen Jahren auch schon mal an ein “Exklusiv”-“Interview” mit Ronaldo gekommen.

Im “Interview” mit Vrabec findet sich nur eine Aussage, die nicht in der PK vorgekommen ist. Laut Pressesprecher Christoph Pieper stand der Trainer nach der Konferenz noch kurz mit einigen Journalisten zusammen, vielleicht sei die Aussage dort gefallen. Möglicherweise habe der Reporter sie auch in einem anderen Interview oder während des Trainigslagers aufgeschnappt. Klar ist jedenfalls: Das Interview, das “Bild” vorgibt geführt zu haben, gab es nicht.

So etwas komme durchaus vor, sagt Pieper, aber das sei kein “Bild”-spezifisches Phänomen. Auch andere Medien würden Pressekonferenzen als eigene Interviews verkaufen, übrigens nicht nur im Sportbereich. Für ihn sei aber der Inhalt entscheidender, nicht die Form der Präsentation. Weil das vermeintliche Interview “inhaltlich so weit okay” gewesen sei, sei die Sache auch “kein extremer Aufreger” für ihn. Zumindest in seiner Funktion als Pressesprecher. Er persönlich sehe diese Praxis aber schon problematisch, weil “dem Leser dort eine Form von Exklusivität vorgegaukelt wird, die es so nie gegeben hat.”

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Wer hat’s erfunden?

“Bild” beschäftigt sich heute mit Haris Seferović, dem neuen Spieler bei Eintracht Frankfurt. Und weil der aus der Schweiz kommt, klingt die Überschrift (Ausgabe Frankfurt) so:

Auch im Text taucht die kleine Spielerei mehrfach auf:

Eintracht wünscht sich Törli Törli unaufhörli!

Jetzt ist Seferovic doch in Frankfurt. Und sorgt hoffentlich unaufhörli für Törli Törli Törli anstatt für Ärger.

Zur Erklärung schreibt “Bild” noch:

Törli ist ein liebevoller Begriff in der Schweiz für Tore.

Ja, das stimmt auch.

Allerdings — wir haben extra bei unseren Schweizer Freunden nachgefragt — nur für solche. Und nicht für solche.

Oder, wie der Schweizer “Blick” schreibt:

Den Eintracht-Fans wird’s egal sein, dass in der ganzen Schweizer Fussballgeschichte noch nie jemand das Wort “Törli” in den Mund genommen hat. Hauptsache, Seferovic schiesst seine Tore…

Mit Dank an Alexander M. und Hannes S.

Syrien, WhatsApp, Münchner Neueste Nachrichten

1. “Eine Bankrotterklärung für den Journalismus – Christoph Reuter zu Berichterstattung zu Syrien”
(alsharq.de, Ansar Jasim)
Teil 1 eines Interviews mit “Spiegel”-Korrespondent Christoph Reuter: “Es kommt häufig zu Übertreibungen: Es heißt, es seien 60 Leute umgekommen, aber tatsächlich waren es fünf. Ich kann die Leute irgendwie verstehen. Das Regime macht das die ganze Zeit so und viele glauben das. Wir sagen dann immer, macht das nicht, weil die Wirklichkeit grauenvoll genug ist. Ihr müsst nichts übertreiben. Damit riskiert ihr die Glaubwürdigkeit.”

2. “‘Ventil der Gefühle'”
(freitag.de, Sebastian Dörfler)
Detlev Claussen im Interview über Antisemitismus: “Mich macht misstrauisch, dass sich so viele Leute über Israel unheimlich aufregen, aber über Syrien kein Wort verlieren. Wir haben dort seit zwei Jahren solche Gräueltaten erlebt, aber Sie kriegen keine Demonstration mit mehr als 100 Leuten zusammen. Bei Israel ist das sofort anders.”

3. “Spektakuläre Falschmeldung erregt Deutschland”
(sueddeutsche.de, Barbara Galaktionow)
Die “Süddeutsche Zeitung” blickt zurück, wie ihre Vorgängerzeitung “Münchner Neueste Nachrichten” über den Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 berichtet hat.

4. “Kriegsrhetorik: Offensive im Anti-Terror-Einsatz oder Angriff auf den Gegner?”
(udostiehl.wordpress.com)
Udo Stiehl nimmt in der Kriegsberichterstattung verwendete Begriffe wie Offensive, Anti-Terror-Operation oder Terrorgruppe unter die Lupe.

5. “Wie Whatsapp zum neuen Nachrichtenmedium wurde”
(konradweber.ch)
Wo finden sich Aufnahmen zu den aktuellen Unwettern in der Schweiz? Bei WhatsApp: “Beispiele zeigen, dass Bilder und Videos des Unwetters in den letzten Tagen als erstes in Gruppenchats unter Freunden geteilt wurden: Man datiert sich gegenseitig über Schäden, Wissenswertes und Betroffene in der Heimatregion auf. Ob den geteilten Inhalten der Weg in die Öffentlichkeit schliesslich gelingt, liegt einzig daran, ob in den Gruppenchats auch Personen mit einem ‘breiteren Mitteilungsbedürfnis’ vorhanden sind.”

6. “Wer ist eigentlich dieser Taliban, der sich in Deeskalation übt?”
(ad-sinistram.blogspot.de, Roberto De Lapuente)
Roberto De Lapuente schreibt zur Debatte um einen Text von Nicolaus Fest zum Islam (BILDblog berichtete): “Mensch, Nikolaus Fest, dich hammse richtig verarscht. Hast nur das seit Jahren aktive Programm in einige Zeilen gegossen und bist nun der Depp.”

Josef Joffe, Antisemiten, Gaza

1. “Zeitungen oder Quelle – Dinos sterben langsam”
(rolandtichy.de)
Roland Tichy, noch Chefredakteur der “Wirtschaftswoche”, versucht im Urlaub deutschsprachige Zeitungen digital zu erwerben.

2. “Einstweilige Verfügung gegen “Die Anstalt”: Zeit-Journalisten wehren sich gegen ZDF-Satire”
(meedia.de, Julia Wadhawan)
Im Streit um eine ZDF-Satire melden sich “Zeit”-Journalisten zu Wort. Josef Joffe: “Betonen möchte ich: Um Satire oder Meinungsfreiheit ging es in dem Antrag auf einstweilige Verfügung nicht. Satire darf vieles, solange sie weder Fakten, noch Persönlichkeitsrechte verletzt. Meinungsfreiheit darf alles, was das Grundgesetz erlaubt. Das muss so bleiben; daran dürfen Journalisten als letzte rütteln.”

3. “Why the Sun’s ‘boy with the devil mark’ front page should make you uneasy”
(newstatesman.com, englisch)
Die “Sun”-Schlagzeile “Boy, 4, has mark of devil”.

4. “Glauben Sie das?”
(sueddeutsche.de, Johannes Boie und Tim Neshitov)
Der Propagandakrieg wird komplizierter, es gibt nicht nur Fälschungen, sondern auch Fälschungen von Fälschungen: “Und je länger ein Krieg andauert, desto mehr steigt bei Aktivisten die Bereitschaft, jeder Desinformation zu glauben, die das eigene Feindbild bestätigt.”

5. “Auch Linke können Juden hassen”
(tagesanzeiger.ch, Thomas Meyer)
Ist Antisemitismus eine Angelegenheit “rechtsextremer Kreise”? Thomas Meyer widerspricht: “Der linke Antisemit ist sich nicht bewusst, dass er ein Antisemit ist. Er hält sich für einen guten, vernünftigen, fairen und einfühlsamen Menschen. Er vergleicht morgens in der Zeitung die Opferzahlen und glaubt dann, den Nahostkonflikt in dessen Komplexität erfasst zu haben und ein moralisches Urteil darüber fällen zu können.”

6. “Eine ganz normale Nacht in Gaza Stadt”
(martin-lejeune.tumblr.com)
Martin Lejeune berichtet aus Gaza: “Während ich diese Zeilen schreibe, um mich zu beruhigen, bin ich nicht im al-Deira Beach Hotel am Strand von Gaza, in dem die ausländischen Korrespondenten Schutz suchen. Ich bin im Wohnhaus einer muslimischen Familie im Zentrum von Gaza Stadt. Ich höre, wie in den Nachbarwohnungen unseres Hauses kleine Babys ohne Unterbrechung schreien, verängstigte Kinder in den Armen ihrer Mütter weinen, die Erwachsenen fluchen.” Siehe dazu auch diesen, aktuellen Beitrag.

Die Opfer der Medien

Selten verschwimmt die Grenze zwischen den Boulevardmedien und den vermeintlich seriösen Blättern dieses Landes so sehr, wie in den Wochen nach einem großen Unglück.

Nehmen wir allein diese Opfergalerien.

Das Schlimme daran ist ja nicht nur die Selbstverständlichkeit, mit der Journalisten die Facebook-Profile toter Menschen durchwühlen und alles daraus veröffentlichen, was nicht niet- und nagelfest ist. Es ist auch die Feigheit, die sie an den Tag legen, wenn man sie darauf anspricht.

Der “Stern” zum Beispiel hat in der Vergangenheit — etwa nach dem Amoklauf von Winnenden oder einem Flugzeugabsturz im Jahr 2009 — zahlreiche Privatfotos von Opfern gedruckt, aber konsequent jede Aussage darüber verweigert, woher er die Fotos hatte und ob die Angehörigen die Veröffentlichung erlaubt hatten. Auch andere Medien hielten es so. Stefan Niggemeier hat das nach dem Amoklauf von Winnenden in einem erschreckenden Blogeintrag festgehalten. Da klauen die “Bild”-, RTL-, aber auch “Stern”- und “Focus”-Menschen offenbar kurzerhand private Fotos der Opfer von SchülerVZ, veröffentlichen sie ohne Zustimmung der Angehörigen — und sobald man wissen will, wie sie an die Fotos gekommen sind oder wie sie es allgemein mit der Notwendigkeit eines Einverständnisses halten, blocken sie ab.

Leider hat sich seither — der Amoklauf liegt fünf Jahre zurück — kaum etwas geändert. Zwar hat der Presserat kurz darauf die Regeln zum Schutz der Persönlichkeit überarbeitet, damit sie “für Journalisten einfacher anzuwenden sind”, zudem haben immer wieder Angehörige geäußert, wie schmerzhaft es gewesen sei, die geklauten Fotos in den Medien sehen zu müssen.

Trotzdem sieht es im “Stern” momentan so aus:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Eine komplette Doppelseite hat die Illustrierte den Porträts gewidmet. Und auch der “Spiegel” hat eine Opfergalerie gebastelt, hielt es aber offenbar für verkaufsfördernder, sie gleich vorne auf dem Cover abzudrucken und mit einer knalligen Anti-Putin-Schlagzeile zu versehen:


(Unkenntlichmachung von uns.)

Woher stammen die Fotos diesmal? Im “Spiegel” findet sich keinerlei Hinweis darauf, im “Stern” ist für lediglich zwei der 34 Fotos eine Quelle angegeben (“AP”).

Wir haben beide Redaktionen gefragt, woher sie die Fotos bekommen haben, ob eine Zustimmung der Angehörigen vorlag, und wenn nein, warum die Bilder dann trotzdem gedruckt wurden.

Der “Stern” wollte sich — Überraschung — nicht äußern. Warum auch. Geht schließlich nur um so Pipikram wie journalistische Grundsätze, da hat der “Stern” dann doch Besseres zu tun.

Die Chefredaktion des “Spiegel” war immerhin nicht ganz so feige und schrieb uns zur Herkunft der Fotos:

Der SPIEGEL hat sich bei der Auswahl der Fotos aus öffentlich zugänglichen Quellen bedient.

Aha. Soll wohl heißen: Auch der “Spiegel” hat sich durch die Facebook-Profile der Toten geklickt und sich frei bedient.

In einer zweiten Mail schob er dann noch hinterher:

Zahlreiche andere Zeitungen und Zeitschriften im In- und Ausland haben in den letzten Tagen öffentlich zugängliche Quellen benutzt, um Fotos der Opfer zeigen zu können.

Ja — und? Was soll das denn bitte heißen? Dass es okay ist, im Internet auf Beutezug zu gehen, weil die anderen es ja auch machen?

Er schrieb weiter:

Wir halten die Optik für angemessen, denn es handelt sich um Opfer der ruchlosen Machtpolitik des russischen Präsidenten Putin. Dies rechtfertigt nicht nur eine so starke, emotionale Optik, es macht sie geradezu notwendig – und zwar im Interesse der Opfer und ihrer Angehörigen.

Das ist nun wirklich eine Frechheit. Woher will der “Spiegel” denn wissen, was in den Köpfen der Angehörigen vorgeht, wenn er nicht mal mit ihnen gesprochen hat? Was ist, wenn einige oder gar alle Angehörigen einfach nur ihre Ruhe haben wollen? Wenn sie eben nicht wollen, dass ihre toten Familienmitglieder für politische Forderungen instrumentalisiert werden? Was ist, wenn es ihr Leid nur noch vergrößert, wenn die Fotos der Opfer überall auf der Welt zu sehen sind? Ja dann — haben sie Pech gehabt.

Immerhin bekommt das “Spiegel”-Cover gerade ordentlich Gegenwind. Auch der Presserat ist schon eingeschaltet; sieben Beschwerden seien zu dem Titelblatt eingegangen, sagte uns Presserats-Geschäftsführer Lutz Tillmanns. Er halte solche Opfergalerien aus pressethischer Sicht ohnehin für “bedenklich”. Im Fall des MH17-Absturzes komme aber hinzu, “dass diese Galerie eingebaut ist in die Putin-kritische Berichterstattung, das heißt das unmittelbare Unfallereignis ist gar nicht vorrangiger Anlass für den Beitrag.”

Er verweist auf eine Entscheidung des Presserats, die kurz nach den Anschlägen von Utøya veröffentlicht wurde und seines Erachtens auch heute noch gültig sei. Darin heißt es:

Viele Medien hatten die Fotos [der Opfer] veröffentlicht, weil die Redaktionen den Opfern “ein Gesicht geben” wollten, um den Lesern das Ausmaß dieses schrecklichen Verbrechens begreifbarer zu machen. Diese Intention stößt sich allerdings mit dem Persönlichkeitsrecht der Opfer.

Nur weil Menschen zufällig Opfer eines schrecklichen Verbrechens werden, rechtfertigt dies nicht automatisch eine identifizierende Berichterstattung über ihre Person. Bei der Abwägung gelangte das Gremium zu dem Ergebnis, dass das Persönlichkeitsrecht der Opfer im konkreten Fall ein mögliches Informationsinteresse der Leser überlagert. Die durch die Fotos entstehende Emotionalisierung ist lediglich eine erweiterte Information, die vom ethischen Standpunkt her zum sachlichen Verständnis des Amoklaufs so nicht erforderlich war.

Ob der Presserat das auch im Fall der MH17-Opfer so sieht, wird sich erst in ein paar Wochen zeigen, wenn er über die eingegangenen Beschwerden beraten hat.

Änderungen an der Praxis der Medien wird das vermutlich in keinem Fall zur Folge haben.

“Spiegel Online” stolpert Treppenwitz hinunter

Die peinlichste Geschichte hat sich “Spiegel Online” für den Schluss aufgehoben. Ganz am Ende der Klickstrecke (zum Thema, kein Witz: Die spektakulärsten Kontroversen, die von Wolkenkratzern entfacht wurden) erzählt das Portal folgende Geschichte:

Der Turm ist nicht geschlossen, wie “SpOn” behauptet, sondern wurde vor vier Monaten eröffnet. Gut, kann passieren. Da wäre allerdings noch eine Kleinigkeit: Diese peinliche Sache mit den fehlenden Aufzügen nämlich, die ist zwar sehr amüsant, aber leider kompletter Blödsinn. Eine Falschmeldung, die seit fast einem Jahr kursiert.

Das hätte der verantwortliche Klickstreckenbefüller auch ganz schnell bei Wikipedia rausfinden können. Und bei uns. Und sogar im eigenen Archiv. Im vergangenen Jahr ist “Spiegel Online” nämlich schon mal drauf reingefallen und musste eine (wenn auch sehr halbherzige) Korrektur veröffentlichen.

Vielleicht basteln wir demnächst auch mal eine Klickstrecke zum Thema: “Die peinlichsten Mediendummheiten, die von Wolkenkratzern entfacht wurden”. Wir wissen auch schon, welche Geschichte wir uns für den Schluss aufheben.

Mit Dank an Thomas L., Yannik O. und Sascha K.

Nachtrag, 11 Uhr: “Spiegel Online” hat den “Treppenwitz” aus der Klickstrecke gelöscht und folgenden Hinweis veröffentlicht:

In einer früheren Version dieses Artikels war auch das “Residencial in Tempo” im spanischen Benidorm aufgeführt. Über diesen Wolkenkratzer gibt es widersprüchliche Informationen in deutschen wie spanischen Medien. Da wir diese aktuell nicht selbst überprüfen können, haben wir das Gebäude aus der Aufzählung genommen. Die Red.

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