1. “Im Land der ‘gleichgeschalteten Medien'” (fr-online.de, Katja Thorwarth) Nach der FAZ (“Meine Tage im Hass”) schreibt sich auch die FR ihren Frust über pöbelnde Online-Kommentatoren von der Seele. Neben der Wiedergabe vieler, “zum besseren Verständnis in Ansätzen korrigiert[er]” Fäkalausdrücke macht Katja Thorwarth eine wichtige Feststellung: “Der Schrei über Zensur ist vollkommen deplatziert, denn Zensur kann nur dort greifen, wo es um das Grundrecht der Meinungsfreiheit geht. Und an diesem Punkt verwechseln viele User die Kommentarspalten im Internet mit dem Tresen ihrer Stammkneipe.” Auf Twitter sind sich Stefan Plöchinger und Wolfgang Blau einig: Es hilt nur “gescheit moderieren”.
3. “Ton gegen Juden in Deutschland verschärft sich” (berliner-zeitung.de, Thomas Kröter)
Die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel untersucht soziale Medien, Online-Kommentare, Chats und Foren auf antisemitische Äußerungen. Während Ausmaß und Intensität zugenommen hätten, sei eines gleich geblieben: “Über 60 Prozent kommen aus der sogenannten Mitte” und leugnen “vehement, antisemitisch eingestellt zu sein”. Weniger Grund zur Besorgnis sieht dagegen der Historiker Wolfgang Benz (tagesspiegel.de).
5. “Wir brauchen kein Radio der Zukunft, wir brauchen es jetzt” (diskurslabor.de, Tom Leonhardt)
Das “National Public Radio” hat mit seiner neuen App “NPR One” die “Idee von personalisierbarem Radio auf eine sehr stilvolle und gut umgesetzte Art und Weise salonfähig gemacht”. Ein Vorbild für deutsche Anstalten sieht Marc Krüger (netzpiloten.de): “Was wäre, wenn alle ARD- und Deutschlandradio-Sender ihre Podcasts in einer App wie ‘NPR One’ anbieten würden? […] Was für eine großartige Möglichkeit, einmal Gesendetes (und Bezahltes) haltbar zu machen!”
6. “Missliebige Offenlegung” (taz.de, Anne Fromm)
Ja, das ZDF hat eine Folge der Kabarettsendung “Die Anstalt” aus der Mediathek gelöscht. Nein, das ist keine Zensur, sondern eine “Frage der Korinthenkackerei” zweier “Zeit”-Journalisten, wie Max Uthoff es ausdrückt (youtube.com) – eine Darstellung, die Jochen Bittner allerdings zurückweist (twitter.com). Anne Fromm fasst den Streit zusammen und meint: “Das ZDF hat zwar in letzter Zeit Einiges verbockt, steht diesmal aber offenbar ziemlich gut da.” Stellungnahmen von Bittner und Joffe gibt es bei Telepolis.
2. “Das Ende der Pressefreiheit” (spiegel.de, Marc Pitzke)
Der Überwachungswahn der NSA schadet der Pressefreiheit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Insbesonders investigative Reporter sprechen von “eine[r] schreckliche[n] Zeit” und “einer zusätzlichen Schicht der Angst”. Elisabeth Pohl zitiert bei “Netzpolitik” einen von HRW befragten Journalisten: “Ich will nicht, dass die Regierung mich zwingt, mich wie ein Spion zu verhalten. Ich bin kein Spion, ich bin ein Journalist.”
3. “MH17: how Storyful’s ‘social sleuthing’ helped verify evidence” (theguardian.com, Ben Cardew, englisch)
Bei Katastrophen wie dem MH17-Unglück greifen Journalisten oft auf User-generated content aus sozialen Netzwerken zurück. Um diese Informationen zu verifizieren, hat Storyful den “Open Newsroom” entwickelt. Executive Editor David Clinch ist sich sicher: “For sustainable journalism you cannot just rely on sources of information or video content that exist traditionally. If that is the only place you are looking you are missing huge amounts.”
4. “Medien tappen in Strafanzeigen-Falle” (taz.de, Sebastian Heiser) “Wassertisch kritisiert Senat“ sei so erwartbar wie “Hund beißt Mann”. Bei einer Strafanzeige würden Journalisten dagegen eine Geschichte wittern. Deshalb wirft ein CDU-Politiker des Berliner Abgeordnetenhauses seinen politischen Gegnern immer wieder Untreue vor, und die Medien beißen an. Allerdings: “Dass die Verfahren später allesamt eingestellt werden – das berichtet dann keiner mehr.”
5. “‘Zeit’-Journalisten gehen gerichtlich gegen das ZDF und ‘Die Anstalt’ vor” (internet-law.de, Thomas Stadler)
Die angebliche Zensur des ZDF war bereits gestern Thema bei “6 vor 9” (Link 4). Der Rechtsanwalt Thomas Stadler kommentiert: “Für ein Flaggschiff wie die ‘Zeit’ kommt das juristische Vorgehen von Joffe und Bittner gegen das ZDF einem journalistischen Offenbarungseid gleich. Leider berichten die großen Zeitungen wie SZ, FAZ oder ‘Spiegel’ […] nicht. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.”
6. “Springer funktioniert wie eine Monarchie” (blogs.stern.de, Lutz Meier)
Nach der Aufregung um die rassistische Islam-Hetze (stefan-niggemeier.de) von Nicolaus Fest analysiert Lutz Meier die Machtverhältnisse innerhalb des Konzerns und macht Mathias Döpfner als absolutistischen Herrscher aus: “Springer funktioniert hier weniger wie ein pluralistischer Verlag. Sondern es ist eine Art feudalistisches Prinzip, dem das Haus folgt.”
Bild.de löschte den Artikel also wieder und veröffentlichte stattdessen den hier:
Großkreutz-Berater Konstantin Liolios stellt klar: „Kevin ist am Dienstag von der Feier auf der Berliner Fan-Meile direkt nach Dortmund gereist.“
Die Falschinformation wurde aber nicht (nur) von Bild.de in die Welt gesetzt, sondern zuvor schon vom Online-Auftritt der “Gala”. Autor Philipp Jessen erwähnte sie gestern am Rande und widmete ihr heute dann einen ganzen Artikel:
Der Text steht immer noch online. Einen Hinweis auf die Dementis sucht man vergeblich.
Aber jetzt geht es ja nicht um Roma, sondern um Juden, und gegen die darf nicht gehetzt werden, das findet sogar “Bild”.
… schrieb auch Bild.de-Chef Julian Reichelt, als er sich vor zwei Tagen über den “menschenverachtende[n] Hass” empörte, der sich in den Sozialen Netzwerken breitmache.
Die Postings auf unseren Social-Media-Seiten reichen von wüsten Beschimpfungen bis hin zu Adolf-Hitler-Fotos. (…)
Um es einmal ganz klar zu sagen:
► Wir bei BILD und BILD.de wollen solche Menschen nicht.
► Wir wollen sie nicht als Leser, nicht als User, nicht als Facebook-Freunde, nicht als Twitter-Follower.
► Wir wollen mit ihnen nichts zu tun haben.
► Wir wollen ihr Geld nicht, ihre Klicks nicht, ihre Zeit nicht, ihre Aufmerksamkeit nicht.
Jetzt auf einmal. Vergangene Woche brauchte “Bild” erst sechs Tage und einen Blogeintrag von uns, um den menschenverachtenden Hass von ihren Social-Media-Seiten zu entfernen.
Aber selbst wenn man den Populismus und die Scheinheiligkeit mal ausblendet, selbst wenn man verdrängt, was die “Bild”-Zeitung in der Vergangenheit getan hat und wie verlogen ihr plötzliches Toleranzgetue deshalb wirkt, selbst dann hat diese Kampagne noch einen widerlichen Beigeschmack. Denn während das Blatt den Hass auf die eine Religion kritisiert, befeuert es zugleich den Hass auf eine andere.
Zu Beginn der Kampagne fragte “Bild”:
Gast-Pöbler Henryk M. Broder erklärte:
Der Judenhass, der sich derzeit entlädt, ist ein importierter, ein Judenhass mit Migrationshintergrund. Seine Protagonisten sind zum allergrößten Teil Araber und Türken, unterstützt von Bio-Deutschen, deren Großeltern noch selber “Juda verrecke!” gebrüllt haben. (…)
Das Gewissen mancher arabischen und türkischen Mitbürger schlägt erst aus und dann zu, wenn sich ihre Wut gegen die Juden bzw. Israel richten kann. Erstens weil sie meinen, damit Zustimmung bei den Mitbürgern ohne Migrationshintergrund zu finden, zweitens weil sie sonst keine Gelegenheit haben, Dampf abzulassen und sich bemerkbar zu machen. Wann und wo sonst dürfen verschleierte Frauen bei politischen Demonstrationen mitlaufen?
Der Antisemitismus ist der “Sozialismus der dummen Kerle”, hat August Bebel gesagt, einer der Urväter der SPD. Die dummen Kerle von heute schreien nicht “Heil Hitler”, sondern “Allahu Akbar”. Sie wollen sich nicht von den Fesseln ihrer Traditionen, sondern Palästina von den Juden bzw. Zionisten befreien.
Auch Nicolaus Fest, der Vize-Chef der “Bild am Sonntag”, schreibt heute vom “importierten Rassismus”. Aber während Broder seine Ausführungen noch auf “manche arabische und türkische Mitbürger” beschränkt, geht Fest noch einen Schritt weiter. Einen gewaltigen Schritt. Er schreibt:
Ich bin ein religionsfreundlicher Atheist. Ich glaube an keinen Gott, aber Christentum, Judentum oder Buddhismus stören mich auch nicht.
Nur der Islam stört mich immer mehr. Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle.
Und antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben.
Am Ende seiner Hasspredigt seines Kommentars fragt er:
Ist Religion ein Integrationshindernis? Mein Eindruck: nicht immer. Aber beim Islam wohl ja. Das sollte man bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen!
Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.
So explizit fremdenfeindlich wie heute war er aber wohl noch nie. Auf Twitter hagelte es auch gleich heftige Kritik, selbst “Bild”-Chef Kai Diekmann distanzierte sich, und mehrere Politiker forderten, “Bild” solle sich für diesen “Schwachsinn” entschuldigen. Fests Reaktion zeugte dann allerdings nur einmal mehr davon, wie hoffnungslos sein Fall ist:
Irgendwann muss aber dann doch mal jemand bei der “BamS” den Verstand eingeschaltet haben, jedenfalls entschuldigte sich die Chefredakteurin Marion Horn heute Abend per Twitter:
Morgen wird außerdem in der Print-“Bild” ein Kommentar von Kai Diekmann erscheinen, der wohl ebenfalls so etwas wie eine Entschuldigung sein soll, auch wenn viele Leser sie nicht als solche erkennen werden. Er schreibt:
Über den Islam sind in den letzten Jahren viele gesellschaftlich wichtige Debatten geführt worden.
Wie tolerant, wie friedfertig ist diese Religion? Wieviel Einfluss sollte der Islam – Glaube von Millionen Menschen in Deutschland – in unserem christlich geprägten Land haben?
Für BILD und Axel Springer gab und gibt es bei all diesen Debatten eine klare, unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus.
Und weiter:
Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben.
Genau solche Auseinandersetzung entlang religiöser Grenzen wollen wir NICHT. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben.
Auf den Kommentar von Nicolaus Fest, der genau das gemacht hatte, geht Diekmann mit keinem Wort ein.*
Aber er schreibt:
Zu welchem Gott die Gläubigen (…) beten, macht keinen Unterschied, darf keinen Unterschied machen. Bei BILD und Axel Springer ist deshalb kein Raum für pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber dem Islam und den Menschen, die an Allah glauben.
Wenn er das wirklich ernst meint, muss sich Nicolaus Fest wohl ein neues Hetzblatt suchen.
In einem Gastbeitrag des Bundestagsabgeordneten Özcan Mutlu erfahren die “Bild”-Leser aber doch noch (indirekt) von Fests Äußerungen. Mutlu schreibt:
[Fests] Kommentar ist jedoch für mich Rassismus pur. Die Hasstiraden des Autors schüren ohne Not Vorurteile, Ängste und Menschenfeindlichkeit. (…)
Ein Kommentar, der mit gleichen Worten über Juden oder andere Religionsgemeinschaften gehetzt hätte, wäre für BILD nicht tragbar gewesen. Da bin ich mir sicher.
Er ist kein “EU-Gericht”!
Er ist kein “EU-Gericht”!
Er ist kein…
Okay, wir geben’s auf. Sie werden es nie lernen.
Verbockt hat es in diesem Fall anscheinend übrigens nicht die AFP (die Überschrift lautet im Original: “Menschenrechtsgericht verurteilt Polen wegen Haft in CIA-Gefängnis”), sondern die Redaktion von Stern.de. Auch die “Süddeutsche” hatte online aus dem “Menschenrechtsgericht” zunächst ein “EU-Gericht” gemacht, bemerkte den Fehler aber selbst.
Der mit Abstand, sagen wir: kreativste Beitrag kommt diesmal aber von der Online-Redaktion von Heute.de.
Im Text ist konsequent vom “EuGH” die Rede. Das ist aber die Abkürzung des Europäischen Gerichtshofs. Der wäre dann auch, wie es – natürlich – in der Überschrift heißt: ein “EU-Gericht”. Er sitzt allerdings nicht, wie unter dem Bild behauptet, in Straßburg, sondern in Luxemburg. In Straßburg sitzt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (um den es ja auch tatsächlich geht), der wird aber eigentlich mit “EGMR” abgekürzt. Und den
gibt es überhaupt nicht. Das ist in etwa so, als würde man vom “Bundesverfassungsgerichtshof” sprechen.
Aber hey: Am Foto gibt’s nichts auszusetzen! Ist ja schon mal ein Anfang.
1. “Informationsfreiheits-Behinderung des Tages” (netzpolitik.org, Andre Meister)
Eine europäische Studie hat Internet-Providern massenhafte Verletzungen der Netzneutralität vorgeworfen. Daraufhin stellte “Netzpolitik.org” vor über einem Jahr eine Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz, um die Antworten der deutschen Anbieter einsehen zu können. Nach langer Verzögerung gibt es nun eine Rückmeldung – doch die Freude hält sich in Grenzen: “Wir dürfen Akten einsehen: geschwärzt – und nur in Bonn.” Und bei einer anderen IFG-Anfrage blockt das Justizministerium: “Informationsfreiheits-Ablehnung des Tages”
2. “Die besten Fragen zu ‘Deutschlands Beste!'” (ndr.de, Boris Rosenkranz)
Das Zapp-Blog “Zappenduster” versucht weiter, Licht ins Dunkel der Ranking-Manipulation bei der ZDF-Show “Deutschlands Beste!” zu bringen. Nachdem er erst seine Recherche protokolliert und sich dann der Ignoranz der “Hörzu” gewidmet hat, nimmt Boris Rosenkranz jetzt die Rolle der Produktionsfirma ins Visier. Und das ZDF? “Zu den Darstellungen […] gibt das ZDF keine Auskunft.”
3. “Die Schweizer lassen sich bislang wie Schäfchen ausnehmen” (persoenlich.com, Lukas Meyer)
Der Journalist Hannes Grassegger hält Daten für den wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Dennoch würden Medien die Digitalisierung noch stiefmütterlich behandeln, Netzthemen “in irgendwelche Nischenregionen abschieben” und das kommerzielle Potential ignorieren: “Die Verleger kapieren nicht, dass sie in dieser neuen Ökonomie auf dem wahren Kapital sitzen, nämlich den Kundenlisten und dem Wissen über die Präferenzen der Kunden.”
4. “Schlechte Schlagzeilen (2): ‘Voyager 1 noch in der Milchstraße?'” (scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Der Astronom Florian Freistetter wundert sich über einen Artikel im Wissenschaftsressort der FAZ: “Das wäre so, als würde ein Politik-Redakteur Deutschland mit Europa verwechseln oder die Sportredaktion den FC Schalke mit dem Nationalteam.”
6. “Unbescholten überwacht – im Visier des Verfassungsschutzes” (verfassung-schuetzen.de, Video, 3:53 Minuten) Ronny Blaschke ist Sportjournalist. Außerdem heißt er so ähnlich wie Ronald Blaschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Katja Kipping. Letzteres hat den Verfassungsschutz veranlasst, ihn ins Visier zu nehmen. Bis sich kurz darauf herausstellte, dass es doch nur eine Verwechslung war. In der Videoreihe “unbescholten überwacht” erzählt (Ronny) Blaschke jetzt von seinen Erfahrungen.
Als Anfang der Woche die Hamas bekannt gab, einen israelischen Soldaten gefangen genommen zu haben, und Israel das dementierte, war für “Spiegel Online” unmittelbar klar, wer hier die Wahrheit sagt (Israel) und wer nicht (Hamas). “Leicht zu entlarven” sei sie gewesen, die “Mär”, die “Propagandalüge der schlechteren Art”:
Nur stellte sich dann später heraus, dass es offensichtlich die israelische Seite war, die die Unwahrheit gesagt hatte. Jedenfalls meldete “Spiegel Online” dann plötzlich am Dienstag: “Israel meldet vermissten Soldaten im Gazastreifen”, und die Korrespondentin Ulrike Putz beschrieb nun ausführlich das, was sie tags zuvor noch als leicht zu durchschauende Lüge abgetan hatte: “Vermisster israelischer Soldat: In den Händen der Hamas.”
Von einer “Propagandalüge” auf israelischer Seite war nun allerdings nicht die Rede. Stattdessen hieß es nur:
Es hat gedauert, doch am Dienstag gab die israelische Armee (IDF) bekannt, dass sie seit Sonntag einen ihrer Soldaten im Gazastreifen vermisst.
Wäre es bei einem so heiklen und unübersichtlichen Thema wie dem Gazakrieg nicht entscheidend wichtig, sich nicht die Behauptungen der einen Seite unmittelbar zu eigen zu machen, bzw. offenbar anzunehmen, dass die eine Seite (Hamas) “Propagandalügen” verbreitet, die andere (Israel) aber die Wahrheit sagt? Und wäre es nicht gut, in der Berichterstattung auch auf die eigenen Fehler hinzuweisen bzw. die vorherigen Artikel entsprechend zu ergänzen?
Der stellvertretende Chefredakteur Florian Harms antwortet darauf, dass “Spiegel Online”, “wie es unseren Standards entspricht”, ebenso prominent über das Hamas-Statement berichtet habe wie über das israelische Dementi. Als sich der Fall weiterentwickelte, habe man wieder ausführlich berichtet. “Unsere Leser konnten sich also fortlaufend über den Fortgang des Falles informieren.”
Harms räumt ein:
Das kritisierte Autorenstück hätte am Artikelbeginn sicherlich vorsichtiger und zurückhaltender formuliert werden müssen, und es entspricht ebenfalls unseren Standards, dass wir unsere Leser darauf hinweisen, wenn sich herausstellt, dass die Faktenlage anders ist als beschrieben. Das holen wir nun nach.
Bei den einzelnen Artikeln finden sich seit heute tatsächlich Anmerkungen wie:
Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE hatte nach einer Meldung über die Mitteilung der Hamas und einer weiteren Meldung über das Dementi Israels in diesem Artikel berichtet, es werde kein israelischer Soldat vermisst, und von einer “Lüge” der Hamas gesprochen. Das entspricht nach aktuellem Kenntnisstand nicht der Faktenlage. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
Zur postkatastrophalen Berichterstattung in den “Bild”-Medien gehört immer auch eine “Galerie der Trauer”, in der die privaten, oft aus dem Internet geklauten Fotos der Opfer präsentiert werden. Meist auf der Titelseite, meist riesengroß und meist ohne jede Unkenntlichmachung. Dazu allemöglichen Details über ihr Privatleben, woher sie kamen, welche Musik sie gerne hörten, ob sie frisch verliebt waren.
Seit gestern zeigt Bild.de in dieser Galerie Fotos von 100 (!) Opfern des Unglücks, darunter auch viele Kinder, nennt ihre vollen Namen und viele persönliche Details (die überwiegend mutmaßlich aus sozialen Netzwerken und ausländischen Medien stammen). Nur 20 der 69 Fotos tragen einen Quellennachweis, die meisten davon “Privat”.
Schon am Wochenende hatten “Bild”, “Bild am Sonntag” und Bild.de einige der Fotos gezeigt und private Informationen veröffentlicht, auch dort größtenteils ohne Quellenangaben.
(Übrigens konnten sie es auch gestern nicht lassen, die Opferporträts für ihre Putin-Kritik zu missbrauchen; bei Facebook und in der URL hieß es zunächst: “Putin, schau in die Gesichter dieser 100 Opfer!” — inzwischen aber nicht mehr.)
Da die “Bild”-Zeitung nicht verrät, wie sie in solchen Fällen an die Fotos kommt (andere Medien im Übrigen auch nicht), können wir über über die Frage, wie sie es diesmal gemacht hat, nurspekulieren. Bei den Angehörigen um Erlaubnis gefragt hat sie aber vermutlich nicht.
Im März 2009, kurz nach dem Amoklauf von Winnenden, wollte das ARD-Magazin “Panorama” vom Axel-Springer-Verlag wissen, wie “Bild” an die Opferfotos gekommen war und ob die Genehmigung der Angehörigen vorlag. Springer-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete:
„Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.
Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.“
Der Sprecher gab in einem Fall sogar indirekt den Eltern die Schuld dafür, dass “Bild” das Schicksal ihres Kindes ausgeweidet hatte: Indem sie einem Nachruf im “Tagesspiegel” zugestimmt hatten, hätten sie das Kind zu einer “relativen Person der Zeitgeschichte” gemacht — und in “solch einem Fall”, so der Sprecher, bedürfe es “keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.”
Medienanwalt Christian Schertz entgegnete jedoch:
„Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt [Von dort hatten die Medien einige der Fotos offensichtich geklaut, Anm.], willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)
Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.“
Damals hatte sich auch ein Vater zu Wort gemeldet, dessen Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden getötet wurde und über deren Leben und Sterben “Bild” und andere Medien ebenfalls groß berichtet hatten. Er sagte:
„Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder von [meiner Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. (…)
Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.“
Bild.de schrieb heute über “die letzte Reise” der “Costa Concordia”:
Ja, wer kennt sie nicht, die “linguistische Hafenstadt Genua”? Immerhin fast so berühmt wie die toxische Stadt Florenz. Und fast so schön wie Barcelona, die Hauptstadt der Kastanien, drüben, auf der imperialistischen Halbinsel.
Aber im Ernst: Es war dann doch eher die “ligurische” Hafenstadt gemeint, wie Bild.de inzwischen auch selbst gemerkt hat.
1. “Über falsches Shitstormmanagement und Skandale zweiter Ordnung” (leitmedium.de, Caspar Mierau)
Gestern ging es an gleicher Stelle um eine Karikatur in der FAZ, die viele Leser als rassistisch kritisiert haben. Heute schreibt Caspar Mierau über die seiner Meinung nach falsche Reaktion: “[Mit den Rechtfertigungsversuchen] macht das Shitstorm-Management einen fatalen und häufig gesehen Fehler: Es produziert einen Skandal zweiter Ordnung.” Auch Anne Fromm bezeichnet die FAZ in der taz als “kritikresistent wie eine Teflon-Pfanne”.
2. “Wulff-Interview stammte aus der Konserve” (berliner-zeitung.de, Ulrike Simon)
Die Medienschelte von Christian Wulff im “Spiegel” ist bereits sechs Wochen alt. Außerdem wurde das Interview nicht von den Redakteuren geführt, die in der Vergangenheit über Wulff geschrieben hatten, da Chefredakteur Wolfgang Büchner eine vergiftete Gesprächsatmosphäre befürchtete. Große Teile der Redaktion kritisieren Büchner nun dafür, “vor Wulff den Kotau zu machen”.
3. “Why show dead people in the news?” (fabianmohr.de, englisch)
Manche Fotos, die vor 50 Jahren noch einen Pulitzer-Preis bekommen haben, würden heute nicht mehr gedruckt werden; zu schonungslos stellen sie Tod und Gewalt dar. Fabian Mohr macht einen Vorschlag, woran sich Redakteure bei dieser schwierigen Abwägung orientieren sollten. Zum selben Thema: Margaret Sullivan rechtfertigt das umstrittene Titelbild der “New York Times”. Und Reto Camenisch wirft einem Magnum-Fotografen “pornografische Distanzlosigkeit”, einen “moralischen Totalabsturz” vor.
4. “Zur Schau gestellte Absturzopfer” (medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Über pietätlose Fotos ärgert sich auch Rainer Stadler. Der “Blick am Abend” hat auf seiner Titelseite die Portraits von zwölf Kindern abgedruckt, die in der MH17 ums Leben kamen. Diese Bilder stammten von Facebook, wo sie laut Chefredakteur öffentlich zugänglich waren. “Der Presserat würde ihm wohl deswegen die Ohren lang ziehen”, meint Stadler.
5. “Ab und zu kommt mal ein Praktikant” (kreuzer-leipzig.de, Juliane Streich)
“Modern, zukunftsfähig und für ihre Leser attraktiv”, so möchte Madsack die “Leipziger Volkszeitung” positionieren – indem bei der einzigen Tageszeitung der Stadt 36 Mitarbeiter entlassen werden.
6. “Our 25 Favorite Unlocked New Yorker Articles” (longform.org, englisch)
Der “New Yorker” hat alle Artikel seit 2007 und viele ausgewählte Fundstücke aus den Archiven kostenlos veröffentlicht – für drei Monate, dann verschwindet die gesamte Webseite hinter einer “metered Paywall”. Neben den 25 Lesetipps von Longform empfehlen auch Slate und der Business Insider Recherchen und Reportagen, die man bis dahin gelesen oder zumindest abgespeichert haben sollte.