1. ARD-Doping-Doku bringt Russland unter Druck (ndr.de, Bastian Berbner, Video, 3:18 Minuten)
Häufig ist es so: Investigativjournalisten finden tolle/erschütternde/überraschende Dinge raus, konkrete Folgen haben ihre Berichte aber nicht. Bei Hajo Seppelts Doping-Doku “Geheimsache Doping. Im Schattenreich der Leichtathletik” könnte das nun anders sein. Denn die WADA, die World Anti-Doping Agency, schlägt vor, Russlands Leichtathelten komplett von den Olympischen Spielen 2016 auszuschließen. Und das aufgrund von Seppelts Recherchen.
2. Stoff für Fremdenfeinde: die erfolgreiche Social-Media-Strategie von “Focus Online” (stefan-niggemeier.de)
Legt man die Anzahl der Shares und Likes zugrunde, ist “Focus Online” die erfolgreichste deutsche Medienmarke — noch vor Bild.de, welt.de und “Spiegel Online”. Irgendwas müssen Burdas Social-Media-Redakteure also richtig machen. Tun sie auch, zumindest wenn man kein Problem mit digitalem Beifall von “Pegida”, AfD und NPD hat. Den Vorwurf, “Focus Online” greife gezielt “dreckige Likes aus der rechten Ecke” ab, dementiert Chefredakteur Daniel Steil: “schade, dass sie das so sehen. Dem ist aber gewiss nicht so.”
3. “Focus” übt sich als Handlanger von AfD und “Demo für alle” (nollendorfblog.de, Johannes Kram)
An der Berliner “Schaubühne” feiert das Stück “Fear” Premiere, in dem es auch um die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch geht. In der gleichen Nacht brennt von Storchs Auto. Der “Focus” mache aus diesem “temporalen einen kausalen Zusammenhang”, kritisiert Johannes Kram.
4. Der ORF Wien, die alte Gerüchteschleuder (kobuk.at, Helge Fahrnberger)
“Wien heute”, die Lokalnachrichten des ORF, hätten “eine seit mindestens zwei Monaten im Internet kursierende Verkehrscam-Aufzeichnung eines Schlepper-LKW-Unfalls als Nachricht verkauft”, ärgert sich Helge Fahrnberger. Das Problem sei aber nicht nur das Alter des Videos, sondern auch die Dramatisierung durch den ORF: Die Redaktion habe einen “Unfall-Soundtrack” über die Bilder gelegt, die “im Original ohne Sound aufgenommenen” wurden.
5. Verkehrsdatenspeicherung (neusprech.org, Kai Biermann)
Raider heißt jetzt Twix — und die VDS heißt jetzt VDS. Genauer gesagt: Die Vorratsdatenspeicherung, bislang auch als digitale Spurensicherung, private Vorsorgespeicherung, Speicherpflicht und Höchstspeicherfrist für Verkehrsdaten, Mindestspeicherfrist, Mindestspeicherdauer und Mindestdatenspeicherung bekannt, wurde von Angela Merkel nun erneut umgetauft. In Verkehrsdatenspeicherung. Das Gesetz bleibt dasselbe.
6. Leitfaden zum Umgang mit säumigen Autoren (prinzessinnenreporter.de, Marit Hofmann)
Die Deadline — jeder freie Journalist kennt sie, fast jeder fürchtet sie. Marit Hofmann erlebt die täglichen Mini-Dramen der Abgabefristen aus der Perspektive der Gegenseite: Als Redakteurin hat sie mittlerweile langjährige Erfahrung mit den absonderlichsten Ausreden. Jetzt stellt sie acht verschiedene Abgabe-Typen vor.
1. “Wir holen dich da raus” (sz-magazin.sueddeutsche.de, Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck)
Als sie eine Zeit lang in Kabul leben und von dort berichten, lernen Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck den afghanischen Jungen Hasib kennen. Plötzlich meldet sich Hasib, er sitze auf seiner Flucht in Ungarn fest. Die zwei Journalisten machen sich auf den Weg, um ihn nach Deutschland zu schmuggeln.
2. Warum es sich gut anfühlt, über Flüchtlinge Lügen zu verbreiten (diepresse.com, Sibylle Hamann)
Warum veröffentlichen Leute in den sozialen Medien Gerüchte über Flüchtlinge, die ganze Gruppen in Verruf bringen und gleichzeitig gar nicht stimmen (hier ein aktuelles Beispiel)? Aus Bösartigkeit? Sibylle Hamann will “eine andere, kompliziertere Erklärung zur Diskussion stellen”: die Rechtfertigung für das eigene Nichtstun.
3. Der Shitstorm als Mittel der politischen Kommunikation (lampiongarten.wordpress.com, Sebastian Baumer)
Aus gegebenem Anlass erinnert Sebastian Baumer an die Wirkungsweise von (bewusster) Provokation und (reflexhaft-empörter) Reaktion: “Es ist ein bisschen traurig (…), aber die ältere CDU-Dame versteht das Internet sehr viel besser und weiß es cleverer zu nutzen als die Leute, die sich über sie aufregen.” Und Ole Reißmann appelliert: “Erika Steinbach ist ein Internet-Troll. Die füttert man nicht, die ignoriert man.”
4. “Ich entschuldige mich!” (sueddeutsche.de, Nadia Pantel)
Der Inhaber von Serbiens größter Tageszeitung, dem Boulevardblatt “Kurier”, entschuldigt sich auf der Titelseite seiner Sonntagsausgabe: Er habe jahrelang Selbstzensur geübt und sich bereitwillig mit den Mächtigen des Landes arrangiert. Dazu ein offener Brief, in dem er beschreibt, wie die Regierung Journalisten zu positiver Berichterstattung nötige. Der Fall sorgt in Serbien für Aufruhr — und auch die EU-Kommission warnt: “Es besteht Sorge über die sich verschlechternden Bedingungen der Meinungsfreiheit in Serbien. (…) Drohungen und Gewalt gegenüber Journalisten bleiben besorgniserregend.”
5. “Im Magazinmachen steckt die Sehnsucht, unsterblich zu werden” (buchalsmagazin.tumblr.com, Peter Wagner)
Beruflich macht Horst Moser Magazine, privat sammelt er sie — mittlerweile braucht es zum Lagern eine ganze Halle: “Wieviele haben Sie beisammen?” — “Keine Ahnung, es sind viele Regalkilometer.” Peter Wagner hat sich mit ihm über seine Leidenschaft unterhalten.
6. Berliner Drehtüreffekt: Vom Journalisten zum Regierungssprachrohr (youtube.com, Tilo Jung, Video, 1:53 Minuten)
Hier ein Wechsel aus der Wirtschaft in die Politik (oder andersrum), dort ein Wechsel aus dem Journalismus in die Wirtschaft. Nun ist mal wieder ein Wechsel aus dem Journalismus in die Politik dran: Sibylle Quenett, zuletzt stellvertretende Chefredakteurin der “Mitteldeutschen Zeitung”, arbeitet jetzt im Pressereferat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Tilo Jung zu ihrer Vorstellung in der Bundespressekonferenz: “Der ganz normale, andere Drehtüreffekt im Berliner Regierungsviertel”.
Eins muss man Alfred Draxler lassen: So langsam erkennt der Chefredakteur der “Sport Bild” den Mist, den er selbst gebaut hat:
So viel mehr, als sich beim “Spiegel” und dessen Chefredakteur Brinkbäumer für den Hitler-Tagebücher-Vergleich, den Polterauftritt beim “Sport1”-Fußballtalk “Doppelpass” und alldieanderenSticheleien zu entschuldigen, blieb ihm allerdings auch nicht übrig. Denn inzwischen scheint recht klar, dass Draxlers Kumpel Franz Beckenbauer, den er stets verteidigt hat, bei der Vergabe der Fußball-WM einen Bestechungsversuch zumindest geplant hat. Ein Vertragsentwurf mit Beckenbauers Unterschrift lässt das vermuten.
Ich hätte es mir nie vorstellen können. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir die WM 2006 auf saubere Art bekommen haben.
Heute früh musste ich aber bei BILD.de berichten, dass beim DFB ein Vertragsentwurf aufgetaucht ist, der möglicherweise als Bestechungs-Versuch benutzt werden sollte. Schon das Datum sagt viel aus: Vier Tage vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000!
Unterschrieben hat dieses Papier mein langjähriger Freund FRANZ BECKENBAUER!!
Bisher dachten wir, Draxlers “Intensivrecherche” fuße einzig auf langen und intensiven Gesprächen mit guten und sehr guten Freunden, die gleichzeitig auch die Beschuldigten in der Affäre sind, zu der Draxler recherchiert hat. Es ist aber noch viel trauriger: Sie fußt vor allem auf Glauben und Nicht-Vorstellen-Können.
ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.
Höchstwahrscheinlich wird dieses Ausdemfensterlehnen keine beruflichen Konsequenzen für Alfred Draxler haben. Es wird nur heiße Luft gewesen sein, die er in diese Zeilen gepackt hat. Nächste Woche wird er vermutlich schon wieder irgendwo “Nachgehakt” haben und mit seiner “Sport Bild” über den “Lohnzettel eines Schalke-Stars” oder die “Fehler-Schiris” sinnieren, als hätte seine “REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER” keinen Schaden genommen.
Hätte sich Alfred Draxler nicht freiwillig mit vollem Anlauf und Radschlag-Flickflack-Salto laut flatschend in den selbst aufgestellten Fettnapf geschmissen, könnte man fast Mitleid mit ihm haben. Wenn es tatsächlich so war, dass Franz Beckenbauer Draxler vesichert hat, bei der WM-Vergabe sei alles mit rechten Dingen zugegangen, wurde er von seinem langjährigen Freund belogen.
Inzwischen zeigt sich: Er war nicht mal das. Draxler war offenkundig nur eine willige Marionette, die Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer benutzen konnten, um über “Bild”, Bild.de und “Sport Bild” ihr eigenes Narrativ des Skandals unter die Leute zu bringen und so ihre persönlichen Positionen zu stärken. In diesem “Sommermärchen” wirkt Alfred Draxler wie der Hofnarr des Kaisers.
Ähnlich närrisch wie Draxlers Verhalten rund um die WM-Affäre waren die Reaktionen seiner Kollegen aus dem Axel-Springer-Verlag. Die ganze “Bild”-Bande hatte dem “Sport Bild”-Chef auf die Schulter geklopft, als der vor zweineinhalb Wochen verkündete: Alles in Ordnung bei der WM-Vergabe. Es schien, als hielten sie Draxlers Artikel tatsächlich für das Ergebnis einer ordentlichen Recherche. Sie feierten ihn als großen Enthüller und taten so, als wäre die ungefilterte Wiedergabe von Aussagen der Beschuldigten Journalismus.
Marion Horn zum Beispiel, Chefredakteurin der “Bild am Sonntag”, hatte zu der Zeit die Hoheit über den Twitteraccount der “Zeit”. Und nutzte die Gelegenheit, um mitzuteilen, dass sie keinen Grund sehe, an Draxlers Recherche zu zweifeln:
1. Adblock Plus: Porno-Seiten und Gewinnspiel-Scam als Akzeptable Anzeigen (mobilegeeks.de, Bernd Rubel)
Hinter den beiden populärsten Werbeblockern “Adblock Plus” und “Adblock” steckt die Kölner Firma Eyeo. “Mobile Geeks” hat deren Geschäftsmodell ausführlich durchleuchtet. Anstelle des (zum Scheitern verurteilten) Versuchs einer Zusammenfassung: Artikel lesen, danach alle Produkte von Eyeo deinstallieren und gegebenenfalls auf Alternativen wie “Ghostery” oder “uBlockOrigin” ausweichen (und Webseiten, die man unterstützen will, auf die Whitelist setzen).
2. Von Diekmanns Gnaden (taz.de, Jürn Kruse)
Kai Diekmann geht, Tanit Koch wird ab 1. Januar 2016 neue “Bild”-Chefredakteurin. Doch Diekmann bleibe Herausgeber, kümmere sich als Oberchef um die “großen Linien” der “Bild”-Marken und throne als “König Kai I.” sowieso über allen, schreibt Jürn Kruse. Dazu auch: Hans Leyendecker über Kai Diekmann, Birgit Baumann und Anne Fromm über Tanit Koch.
3. Gegen Griechenland-Klischees (wdr5.de, Sabine Brandi, Audio, 27:45 Minuten)
Michalis Pantelouris ist Journalist und Publizist, halb Deutscher, halb Grieche, kennt beide Länder und insbesondere die jeweilige Medienszene. Wenn Pantelouris also das Griechenland-Bild in Politik und Medien als “von hanebüchenen Vorurteilen und von unglaublichem Unwissen geprägt” bezeichnet, dann sollte man diese Einschätzung ernst nehmen.
4. Sorry, New York Times: Your Big China Story is “Old News.” (motherjones.com, James West, englisch)
Am Dienstag sorgte eine Recherche der “New York Times” für mittelgroße Aufregung in China und den USA, auch deutsche Medien griffen die Meldung auf. Demnach beschönige China seine CO2-Statistik und verbrenne deutlich mehr Kohle als angegeben. Das Problem laut “Mother Jones”: Diese Informationen sind bereits seit Februar bekannt und längst nicht so überraschend, wie es die “New York Times” darstellt.
5. Der Jochen-Breyer-Arbeitsnachweis (fussballmachtspass.de)
Er hat es schon wieder getan: “Gut ein Jahr nach dem ‘Das Ding ist durch, oder?’-Debakel im Gespräch mit Jürgen Klopp tappte Breyer diesmal im Talk mit Guardiola und Mertesacker gleich in mehrere Fettnäpfchen”, urteilt das Fußballportal “FUMS” und wertet den Abend als “bittere 0:3-Klatsche” gegen ZDF-Mann Jochen Breyer.
6. Medien aus aller Welt übernehmen Meldung des Satire-Portals “Der Postillon” (watson.ch)
Am Montag meldete “Der Postillon”: “Einziger anwesender Syrer auf Syrien-Friedenskonferenz in Wien serviert Häppchen”. Dass es sich dabei um Satire handelt, war manchen Nachrichtenportalen offenbar nicht klar, schreibt watson.ch: “Internationale Medien haben die Story nun dummerweise ein bisschen zu ernst genommen — und als wahre Meldung weiterverbreitet.”
“Für die reinen Nachrichten muss der User nichts bezahlen. Aber das, was nur BILD kann und nur BILD hat, die exklusiven Geschichten, die besonderen Interviews und Hintergründe, die einzigartigen Fotos – das sind zukünftig BILDplus-Inhalte.”
Das ist die reine Nachricht. Die gibt’s kostenlos. Zahlen muss man für den Premium-Weiterdreh, für das, was nur „Bild“ kann und nur „Bild“ hat, und das sieht so aus:
Wenn Tätowierungen so richtig weh tun und zwar nicht nur beim Stechen, sondern hinterher noch viel, viel mehr, dann ist das für die Bemalten zwar eine Katastrophe, für andere aber zum Lachen: BILD zeigt die 22 übelsten Tattoo-Katastrophen der Welt!
Jahaha, die hier zum Beispiel:
Und weil wir hier ja in der Kernkompetenz-Abteilung von “Bild” sind, ist die Sache gleich doppelt falsch.
Bayern ist ein in vielerlei Hinsicht erfolgreiches Land. Stolz verkündet die bayerische Staatsregierung daher auf ihrer Seite www.bayern.de:
Bayern belegt in vielen zentralen Feldern Spitzenplätze im Ländervergleich. Mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze, mehr Wachstum und Einkommen, mehr Zukunftsinvestitionen, bessere Bildung und eine umweltfreundlichere Energieerzeugung, weniger Kriminalität und weniger Staatsschulden – von diesem Leistungsvorsprung profitieren Bayerns Bürgerinnen und Bürger unmittelbar. Das spürbare “Mehr” an Lebensqualität und Zukunftschancen in Bayern wird im Vergleich wichtiger Kennziffern mit den anderen großen Flächenländern im Westen Deutschlands deutlich.
Auf zahlreichen Unterseiten listet man all die Rekorde und Superlative detailliert auf. Da ist vom boomenden bayerischen Arbeitsmarkt die Rede, der die Zahl der sozialversicherungspflichtig Tätigen auf Rekordhöhen treiben würde. Auszubildende hätten im Ländervergleich die größte Auswahl an freien Stellen. Die Erwerbstätigenquote sei unter allen Bundesländern (Originalzitat: „Fleiß ist eine bayerische Tugend“) die höchste; die Arbeitslosenquote die allerniedrigste …
Die Wirtschaft wachse schneller als in anderen Ländern, wovon die Bürger durch höheren Wohlstand profitieren würden. Außerdem sei man Gründerland Nummer 1 und führend bei der Anmeldung von Patenten.
In Sachen Energie bezeichnet man sich als „Motor des Aufbruchs in das neue Energiezeitalter“. In Bayern würde man zudem dank der niedrigsten Kriminalitätsrate am sichersten leben. Der Bildungsstandort Bayern erreiche bei nationalen und internationalen Vergleichsstudien hervorragende Spitzenplätze. Für Familien werde gesorgt wie nirgendwo, und der Staatshaushalt verschaffe dem Land dank kluger Investitionen und geringer Verschuldung „beste Zukunftschancen und mehr Gerechtigkeit für kommende Generationen“.
Nach einem Besuch der offiziellen Webseite muss man es sich wie einen reibungslos laufenden Familienbetrieb vorstellen, dieses Bayern. Eine heile Welt voll Glück, Friede und Wohlstand.
Wenn man die Facebookseite der regierenden CSU aufruft, bekommt man jedoch einen ganz anderen Eindruck: Ein Land, das vom „Flüchtlingsstrom“ hinweggespült zu werden droht, dem „ein Kollaps mit Ansage“ bevorsteht, dessen „Belastungsgrenze“ erreicht und ja, dessen Kultur durch die Flüchtlinge bedroht ist.
Im Social-Media-Bierzelt der CSU auf Facebook wird ununterbrochen „Klartext geredet“, mit Ängsten und Vorbehalten gespielt, mit Hingabe gefordert und aufgefordert, über die große Schwesterpartei gelästert, von „Skandal“ und „grandiosem Scheitern“ gesprochen und mit „Notwehr“ gedroht.
Man könnte beim Lesen der Einträge auf den Gedanken kommen, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Bayern sei vollkommen zum Zusammenbruch gekommen. Außerhalb des Flüchtlingsthemas scheint nichts anderes zu interessieren, nichts anderes zu existieren.
Die ansonsten rosarote bayerische Brille scheint sich urplötzlich tiefschwarz verfärbt zu haben.
Doch Eindrücke sind das eine, objektive Fakten das andere. Schauen wir uns deshalb die Facebookseite der CSU und die thematische Verteilung der Beiträge im Monat Oktober 2015 etwas genauer an.
Zunächst müssen wir die „Nullmeldungen“, sprich Mitteilungen ohne Nährwert abziehen. Dabei handelt es sich um neun Posts (eine Geburtstagsgratulation („Ois Guade!“), zwei Bilder aus historischen Tagen, fünfmal „Schönes Wochenende!“).
Die verbleibenden Facebook-Einträge ohne Flüchtlingsbezug lassen sich wie folgt zuordnen (als Sortierkriterium dienen die bayrischen Ministerressorts):
Ressort
Beiträge
Themen
Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie
3
Energiewende, Netzkongress, Moderne Medienwelt
Bundesangelegenheiten und Sonderaufgaben
1
Foto (“25 Jahre Deutsche Einheit”)
Europaangelegenheiten und regionale Beziehungen
–
–
Inneres, Bau und Verkehr
–
–
Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
–
–
Finanzen, Landesentwicklung und Heimat
1
Foto (“Bayern Das Land”)
Umwelt und Verbraucherschutz
–
–
Gesundheit und Pflege
–
–
Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
1
Foto (“Erntedankfest”)
Arbeit und Soziales, Familie und Integration
3
Arbeitslosenquote, zweimal Betreuungsgeld
Parteiinterna und Verschiedenes
5
JU, Vorstandsmeldung, Todestag FJS, Fragestundenaufruf, Diskussionsbilder “Gesellschaft von morgen”
Wenn man großzügig rechnet und auch die hübschen, bunten Bildchen zu Erntedankfest etc. miteinbezieht, kommt man also auf neun Beiträge, die man elf Ressorts zuordnen kann. Das macht 0,82 Beiträge je bayerisches Ministerressort im Monat (zzgl. fünf Posts zu Parteiinterna und Verschiedenes).
Ganz anders beim Thema „Flüchtlinge“: Den insgesamt 14 mehr oder weniger drögen Beiträgen aus allen Ressorts stehen 36 alarmierende Posts zur Flüchtlingsthematik gegenüber.
Hier eine chronologische Übersicht über den gesamten Monat:
1.10.2015
Zur Bewältigung der Flüchtlingskrise wird Bayern die Ausgaben für Schulen und Bildung, Wohnungsbau, Polizei, Justiz und Verwaltung erhöhen.
Das Ziel ist, Geld einzusetzen für die Integration der Schutzbedürftigen, nicht für diejenigen, die nicht in Deutschland bleiben dürfen.
Bildzitat: „Wir werden keine Leistungen für die einheimische Bevölkerung kürzen.“
3.10.2015
Der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer ist heute Abend Gast in einer Extraausgabe der Münchner Runde zu der aktuellen Flüchtlingssituation.
4.10.2015
Wenn in den nächsten Wochen das Ruder nicht rumgerissen wird und die Zuwanderung begrenzt wird, dann droht ein Kollaps mit Ansage. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer spricht Klartext und fordert die Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik zum verstärkten Handeln auf.
6.10.2015
Deutsche Leitkultur ist viel mehr als das Grundgesetz: Dazu gehören unsere Traditionen, unsere Lebensweise und unsere gemeinsamen Werte. Integration kann nicht bedeuten, dass sich die einheimische Bevölkerung und die Flüchtlinge auf halbem Weg treffen und daraus eine neue Leitkultur entsteht. Es gibt bei der Leitkultur nur eine Richtung: Unsere Werte akzeptieren!
Die Belastungsgrenze ist erreicht. Wir brauchen eine Begrenzung des Zustroms.
8.10.2015
8.10.2015
Horst Seehofer spricht in der Bild #Klartext!
Bildzitat: „Das bayerische Kabinett wird morgen Maßnahmen der Notwehr zur Begrenzung der Zuwanderung beschließen, wie etwa Zurückweisungen an der Grenze zu Österreich und unmittelbare Weiterleitung neu eintreffender Asylbewerber innerhalb Deutschlands.“
9.10.2015
Weiterhin große Zustimmung zur Asylpolitik der CSU. Wir brauchen dringend eine Begrenzung des Flüchtlingszustroms!
Bild: Diagramm
9.10.2015
Das bayerische Kabinett hat unter der Leitung von Ministerpräsident Horst Seehofer beschlossen, dass der ungebremste Zustrom von Flüchtlingen nach Bayern gestoppt werden muss, notfalls durch Zurückweisungen an der bayerisch-österreichischen Grenze. Bayern wird Flüchtlinge auch direkt in andere Bundesländer weiterleiten, wenn diese sich weigern, Bayern Flüchtlinge abzunehmen. Bei weiterer Untätigkeit des Bundes behält sich Bayern vor, Klage zum Bundesverfassungsgericht zu erheben.
10.10.2015
Es schadet Deutschland nicht, wenn es auf Bayern hört. Horst Seehofer spricht Klartext auf dem Fachkongress Migration und Flüchtlinge.
10.10.2015
CSU-Chef Horst Seehofer hat auf dem CSU-Fachkongress Migration und Flüchtlinge in Erding die CSU als Seismograph der Lebenswirklichkeit bezeichnet.
11.10.2015
Horst Seehofer betonte auf dem Fachkongress Migration und Flüchtlinge: „Einfach zu sagen, in unserer Zeit lassen sich 3.000 Kilometer Grenze nicht mehr schützen, ist eine Kapitulation des Rechtsstaats vor der Realität. … Es schadet Deutschland nicht, wenn es auf Bayern hört.
11.10.2015
CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ist heute um 21:45 Uhr zu Gast in der ARD. Bei Günther Jauch wird die Flüchtlingssituation das Thema sein. Einschalten lohnt sich!
12.10.2015
Horst Seehofer bringt CDU auf Kurs! Transitzonen sollen kommen. Das ist ein wichtiger Schritt zur Umsetzung der Beschlüsse der Bayerischen Staatsregierung.
13.10.2015
Es kann nicht sein, dass bayerische Landkreise mehr Flüchtlinge aufnehmen als Frankreich.
Wie der massenhafte Zustrom begrenzt und die Integration der Bleibeberechtigten gelingen kann, war das Thema des CSU-Fachkongresses Migration und Flüchtlinge.
13.10.2015
#CSUtvTipp: Heute Abend um 22 Uhr diskutiert Generalsekretär Andreas Scheuer in der Münchner Runde im BR zum Thema “Flüchtlingsziel Deutschland”. Einschalten lohnt sich!
15.10.2015
Wie geht es weiter in der Flüchtlingskrise? Horst Seehofer spricht Klartext im Landtag!
15.10.2015
15.10.2015
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat die Bundesregierung in der Flüchtlingskrise dringend zum Handeln aufgefordert.
Was die Menschen jetzt brauchen, sind Taten!
16.10.2015
19.10.2015
Bundestag und Bundesrat haben das Asylpaket I beschlossen. Das reicht jedoch nicht: Wir brauchen jetzt ein Asylpaket II mit Transitzonen, der Begrenzung des Familiennachzugs und einer Obergrenze für die Zuwanderung.
20.10.2015
Die Themen Asyl und Integration werden derzeit heiß diskutiert. Am Donnerstag stellt sich Andreas Scheuer in einem Facebook Q&A ab 17.30 Uhr euren Fragen.
22.10.2015
Danke für’s mitmachen bei unserem Facebook Q&A mit Andreas Scheuer, das diesmal stark vom Thema Asyl- und Flüchtlingspolitik dominiert war.
Für uns gilt: wir nehmen eure Sorgen ernst und werden uns weiter auf allen Ebenen dafür stark machen, den Zustrom an Flüchtlingen zu begrenzen.
23.10.2015
Andreas Scheuer fordert ARD und ZDF dazu auf, ein „Deutsches Integrationsfernsehen“ einzurichten.
Dieses Angebot soll Sprachkurse, Grundgesetz-Unterricht, Informationen für das Leben in unserem Staat und in unserer Gesellschaft, Dokumentationen über gelungene Integrationsprojekte und selbstverständlich die Vermittlung unserer deutschen Werte und unserer deutschen Leitkultur umfassen.
23.10.2015
23.10.2015
“Was nun?” Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wird heute Abend um 19:20 Uhr im ZDF Klartext zur Flüchtlingssituation sprechen!
Einschalten lohnt sich! #CSUtvTipp
24.10.2015
Horst Seehofer redet im Interview mit dem ZDF #Klartext:
“Wir müssen über die Zuwanderungsbegrenzung reden, weil wir ohne Zuwanderungsbegrenzung die Integration nicht schaffen, die Zustimmung der Menschen hier im Lande verlieren und auch manche Sicherheitsprobleme bekommen.”
26.10.2015
26.10.2015
Wir wehren uns entschieden gegen die Vorwürfe der SPD-Generalsekretärin Fahimi. Alle demokratischen Parteien müssen doch gemeinsam Lösungen finden, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Die SPD muss sich konstruktiv beteiligen. Wir brauchen schnellstens Transitzonen.
Bildzitat: “SPD-Generalisekretärin Fahimi zeigt einmal mehr, dass sie von der politischen Lebenswirklichkeit keine Ahnung hat.”
27.10.2015
Die Politik des Durchwinkens ist skandalös und muss ein Ende finden!
Innenminister Joachim Herrmann kritisiert, dass Österreich weiterhin tausende Flüchtlinge an die bayerische Grenze weiterleitet. Dieses Problem muss endlich auf Ebene der Kanzler geregelt werden.
Bildzitat: „Das können wir uns von niemandem gefallen lassen, und schon gar nicht von unserem Nachbarland Österreich.“
27.10.2015
Unser heutiger #CSUtvTipp: Ministerpräsident Horst Seehofer stellt sich um 17:30 Uhr bei SAT.1 Bayern den Fragen zur aktuellen Flüchtlingssituation.
27.10.2015
#CSUtvTipp: Gleich diskutiert Entwicklungsminister Gerd Müller um 22 Uhr in der Münchner Runde im BR über das Thema “Flüchtlingskrise und kein Ende: Wohin steuert Europa?”. Einschalten lohnt sich!
28.10.2015
Bayern geht unter den Bundesländern voran und ergreift Maßnahmen für eine effektivere Abschiebepraxis.
Überall muss wieder der Grundsatz gelten: Ablehnung heißt Abschiebung oder Ausreise!
28.10.2015
29.10.2015
30.10.2015
Nach den erneuten Angriffen aus der SPD stellt CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer klar: Der CSU geht es nicht um theoretische Debatten, sondern um konkrete Entscheidungen: Wir brauchen eine Begrenzung des Flüchtlingszustroms, da sonst die hier lebende Bevölkerung überlastet wird.
Bayern hat die Hauptlast des Flüchtlingsstroms zu tragen, aber diese Realität ist im Rest der Republik scheinbar noch immer nicht bei jedem angekommen.
Bildzitat: „Der CSU geht es nicht um Spielchen, sondern um die richtigen Entscheidungen für das Land.“
***
Bei einer Gesamtzahl von 36 Beiträgen …
wird mindestens zehnmal mit Ängsten, Vorbehalten und Ressentiments gespielt.
wird 14-mal geradezu gebetsmühlenhaft die „Begrenzung des Flüchtlingszustroms“ gefordert.
wird 16-mal „Klartext“ geredet, auf „Kurs gebracht“, gedroht oder anderweitig in den kraftmeiernden Bierzeltmodus geschaltet.
Persönliche Schlussanalyse: Bewertet man die CSU nur nach ihrer Selbstdarstellung auf Facebook, drängt sich der Eindruck auf, man habe es nicht mit einer christlichen und sozialen Union, sondern mit einer Antiflüchtlingspartei zu tun. Dann sollte konsequenterweise auch ein Namenswechsel erfolgen. Anti-Flüchtlingspartei Deutschland würde sich anbieten, ist als Kürzel aber leider schon vergeben.
1. Tagesspiegel-Autor Helmut Schümann angegriffen (tagesspiegel.de)
Der “Tagesspiegel”-Kolumnist Helmut Schümann ist von hinten niedergeschlagen worden, der Angreifer rief offenbar: “‘Du bist doch der Schümann vom Tagesspiegel, du linke Drecksau'”. Schümann hatte sich in der Flüchtlingsdiskussion zuvor deutlich positioniert. Bei Facebook schreibt er, dass er sich nicht einschüchtern lassen wolle, in der “taz” äußert er sich ebenfalls zum Angriff. Dazu auch “Meedia”: Gestern ist ein Videoteam der “Welt” bei einer Neonazi-Demo attackiert worden.
2. “Bild”, de Maizière und ein Schinkenteller auf Mallorca (sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Innenminister Thomas de Maizière ist gerade von einer schweren Grippe genesen, hat wochenlang mehr oder weniger durchgearbeitet und saß mit hohem Fieber auf Flüchtlingsgipfeln. Jetzt macht er einen Kurzurlaub auf Mallorca. Für die “Bild”-Zeitung ist das ein Grund zur Empörung. Angeblich “flüchtet” de Mazière vor der Krise, der stellvertretende “Bild”-Chefredakteur Béla Anda kommentiert: “instinktlos!” Claudia Tieschky fragt: “Ist das noch Bericht oder schon Kampagne?”
3. Die “sieben Todsünden” der Nachrichten (deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Die Nachrichtenredaktion des “Deutschlandfunks” will mit den Hörern in Kontakt kommen und sich der Kritik stellen — “per Post und per Mail, über die sozialen Medien, am Telefon und manchmal tatsächlich sogar noch per Fax”, nur Brieftauben seien etwas aus der Mode gekommen. Bestimmte Vorwürfe werden dabei besonders oft geäußert. Marco Bertolaso relativiert sieben dieser Anschuldigungen.
4. Instagram: Märchenstunde im Bayerischen Rundfunk (buggisch.wordpress.com, Christian Buggisch)
Christian Buggisch hält das BR-Computermagazin für “naiv und wirklichkeitsfremd”. Zuhörer bekämen den Eindruck, dass Soziale Medien “gefährlicher Unfug” seien. Die Redakteure würden die Welt mit der “Brille des Datenschützers” betrachten und die Realität nur schwarz und weiß sehen: “Datenschutz ist gut, alles andere böse.” Seine Beobachtung belegt er an einer Sendung über Instagram, die “nicht nur tendenziös, sondern auch schlecht recherchiert” sei. Buggischs Fazit: “Aber eher fährt ein Fisch Fahrrad als dass im Computermagazin des BR mal ausgewogen über soziale Medien berichtet wird.”
6. Lügenpresse als Spiel (dradiowissen.de, Thomas Ruscher, Audio, 5:33 Minuten)
Nachrichten auswählen, Überschriften drübersetzen — das Computerspiel “The Westport Independent” simuliert die Arbeit in der Redaktion einer Tageszeitung. Allerdings in einem Staat, der am Rande eines Bürgerkriegs steht. Jede Schlagzeile kann das Land weiter in die Krise führen. Die Stärke dieses “politischen Games” ist laut Thomas Ruscher der ständige Zwiespalt: “Befolgt der Spieler seine Anweisungen und Befehle, oder handelt er nach seinem Gewissen?”
Immer mehr Flüchtlinge landen in Hartz IV! Laut einer neuen Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger, die aus Asylzugangsländern stammen, im Juli auf 442 230 gestiegen. Das waren 23,5 % mehr als im Vorjahresmonat. Die meisten kommen aus Syrien (98 494), Irak (56 661), Serbien (56 264), Russland (40 798) und Afghanistan (36 776).
Geschrieben wurde der Artikel von Dirk Hoeren, er stimmt aber trotzdem. Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Statistik der Bundesagentur (PDF):
Doch einen Punkt lässt Dirk Hoeren in seinem Artikel unerwähnt: Nicht nur die Zahl der Hartz-IV-Empfänger ist gestiegen, sondern auch die Zahl der Beschäftigten:
Dazu schreibt die Bundesagentur:
Aus den Asylzugangsländern waren in Deutschland im August insgesamt 495.000 Beschäftigte registriert, das waren 39.000 oder 8,5 Prozent mehr als vor einem Jahr (…). Dabei fiel der Anstieg von Personen mit einer syrischen Staatsangehörigkeit mit 43 Prozent relativ am stärksten aus. Der Anteil von Beschäftigten aus den Asylzugangsländern an allen Beschäftigten beläuft sich auf 1,4 Prozent. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erhöhte sich um 34.000 oder 9,6 Prozent und die geringfügige Beschäftigung um 5.100 oder 4,7 Prozent.
„Bild“ hätte also auch schreiben können:
Aber so eine Schlagzeile passt halt schlecht zum aktuellen Hilfe–die–“Asylanten”–kommen-Kurs der „Bild“-Zeitung.
Und weil andere Medien ja lieber blind von “Bild” abschreiben, statt sich das Gesamtbild anzuschauen, ist jetzt auch nur der eine Teil der Wahrheit imUmlauf: