Diese Sachsen. Ziehen zu Tausenden mit Deutschlandfahnen durch Dresden und nennen sich “PEGIDA”. Schreien ausländerfeindliche Parolen in Clausnitz, wenn ein Bus mit Geflüchteten ankommt. Und jetzt sollen die Jugendlichen in Sachsen auch noch so blöd sein, dass sie Facebook als glaubwürdigstes Medium ansehen, wenn es um Nachrichten geht:
Jan Böhmermann und sein Team vom “Neo Magazin Royale” haben die Geschichte vergangene Woche in ihrer Sendung ebenfalls aufgegriffen:
Übrigens, laut einer Studie der Mark-Zuckerberg-Facebook-Akademie ist Facebook, ist Facebook, das ist wirklich wahr, laut einer wissenschaftlichen Studie ist Facebook für junge Sachsen das glaubwürdigste Nachrichtenmedium. Das war noch nicht die Pointe, meine Damen und Herren, das war erst das Setup.
Facebook ist für junge Sachsen laut einer wissenschaftlichen Studie das glaubwürdigste Medium. Die meisten jungen Sachsen wollen deswegen 2017 Jan Leyk als Bundeskanzler haben, und Bundespräsident soll “Minusmensch” werden. […]
Nachrichten sind bei Facebook für junge Sachsen am glaubwürdigsten. Nachrichten, oder wie man in Sachsen sagt: “LÜGEN!” Facebook ist für junge Sachsen das glaubwürdigste Nachrichtenmedium, allerdings nur weil sie nicht wissen, dass Facebook einem Juden gehört.
Grundlage für diese nächste Schreckensmeldung über die Sachsen ist die Studie “Mediennutzung und Medienkompetenzen jugendlicher Migranten in Sachsen” von Lutz Hagen, Susan Schenk, Rebecca Renatus und Claudia Seifert. Beziehungsweise ein Teil von ihr. Hagen hatte neulich beim “Zeitungskongress 2016” einzelne Ergebnisse daraus präsentiert und dabei auch “Folie 29” (“Die glaubwürdigsten Medien für junge Sachsen”) gezeigt, die anschließend eine beachtliche Social-Media-Karriere hinlegte.
Das Forscherteam hatte Jugendlichen aus Sachsen unter anderem folgende Frage gestellt:
Stell dir einmal vor, auf der Welt ist eine schlimme Naturkatastrophe passiert. Die Berichte in den Medien unterscheiden sich aber, so dass Du nicht weißt, was wirklich passiert ist. Welchem Medium würdest Du dabei am ehesten vertrauen? Du kannst maximal zwei Medien ankreuzen! Bitte notiere auch, an welchen Sender, welche Zeitung oder welche Internetseite Du dabei genau gedacht hast. Du kannst deutsche und fremdsprachige Medien nennen!
Die Antwort der meisten Jugendlichen darauf war allerdings nicht, dass sie in einer solchen Situation am ehesten Facebook vertrauen. Das hat das Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden inzwischen auch in einer Pressemitteilung klargestellt (PDF):
Tatsächlich liegen Soziale Netzwerke auf Platz fünf — hinter Fernsehen, gedruckten Tageszeitungen/Wochenzeitungen, Radio und Onlinenachrichtenseiten. Das zeigt Tabelle 93 der Studie:
(Hervorhebung durch uns.)
Die 83,3 Prozent für Facebook, die auf Hagens “Folie 29” auftauchen, stammen hingegen aus Tabelle 94. In der geht es um “Medien konkret”. Soll heißen: Von den beispielsweise 35,9 Prozent der Jugendlichen, die im Zweifelsfall dem Fernsehen vertrauen würden, haben 31 Prozent die “ARD” als konkretes Medium genannt. Und von den 7,1 Prozent der Jugendlichen, die Sozialen Netzwerken bei widersprüchlichen Meldungen vertrauen, haben eben 83,3 Prozent Facebook genannt:
(Hervorhebung durch uns.)
In absoluten Zahlen heißt das übrigens: Von den insgesamt 2117 befragten Jugendlichen aus Sachsen haben gerade mal 181 angegeben, dass sie bei unterschiedlichen Medienberichten den Sozialen Netzwerken am meisten trauen. Und von diesen 181 haben 151 Facebook genannt.
1. Die Leute sollen politisiert werden. (planet-interview.de, Jakob Buhre, Adrian Arab)
Es ist das längste Interview, das bisher auf “Planet Interview” erschienen ist: Ganze vier Stunden haben sich Jakob Buhre und Adrian Arab mit dem politischen Journalisten und Aktivisten Ken Jebsen unterhalten. Themen sind u.a. sein Werdegang, NATO, “Eliten”, Terroranschläge, Mustererkennung, Pressefreiheit, Tilo Jung, KenFM, journalistische Unabhängigkeit, Ukraine-Konflikt, Drohungen gegen Jebsen – und warum Jebsen so schnell spricht. Lesen sollte man unbedingt auch betr. Interview mit Ken Jebsen, das eine Art Making of und einordnende Rückschau ist. So hat es bei der Freigabe wohl etwas geknirscht. Bei der Autorisierung habe Jebsen fünf seiner Antworten komplett gestrichen.
2. Falscher Scheich auf Tauchstation (faz.net, Gina Thomas)
Der britische Enthüllungsreporter Mazher Mahmood ist vor Gericht als Betrüger entlarvt und verurteilt worden. Die Jury habe den „König der verdeckten Recherche“ (Eigenbezeichnung) für schuldig befunden, in dem Verfahren gegen die Sängerin Tulisa Contostavlos Beweismaterial gefälscht zu haben. Mahmood sei zwei Mal als Reporter des Jahres ausgezeichnet worden, obwohl sein Vorgehen wie seine Glaubwürdigkeit wiederholt in Frage gestanden hätten. Die Karriere des fragwürdigen Promi-Täuschers ist nun jedoch beendet: Seinem Arbeitgeber “News UK”, der zu Rupert Murdochs Medienimperium zählt, sollen Schadensersatzklagen von achthundert Millionen Pfund drohen.
3. Digital killed the Radio Star: Warum irgendwann alle Popsongs gleich klingen werden (netzpiloten.de, Joshua Reiss)
Für eine Studie haben Wissenschaftler aus den USA und Österreich über 500.000 Alben, viele Genres und 374 Sub-Genres untersucht. Das Ergebnis: Genres klingen mit zunehmender Popularität immer ähnlicher. Doch auch andere Faktoren würden dafür sorgen, dass Musik von den Hörern als immer ähnlicher wahrgenommen wird. Joshua Reiss nennt da zunächst den “Krieg der Lautstärke”. Außerdem würde eine überraschend hohe Anzahl von Plattenfirmen die “Autotune”-Funktion verwenden, um die Tonhöhe ihrer Sänger zu korrigieren.
4. Zerstörung, Hunger und Massenflucht in Jemen (infosperber.ch)
“Infosperber” lenkt den Blick auf den Jemen. Medien würden in Wort und Bild fast nur über Gräueltaten in Syrien berichten. Über das unmenschliche Elend in Jemen werde hingegen wenig berichtet. Dabei sei die Bilanz in Jemen nicht minder grauenvoll. UNO und UNICEF hätten veranschlagt, dass 1,5 Millionen Kinder an Unterernährung leiden. Mehr als 2.100 Schulen seien zerstört. Wegen der täglichen Gewalt würden im letzten Jahr 350.000 Schulkinder ohne Unterricht geblieben sein. Und über 2,4 Millionen Jemeniten mussten aus ihren Häusern an andere Orte im Land flüchten.
5. netzwerk recherche gegen „BND-Klausel“ bei der Akteneinsicht (netzwerkrecherche.org, Manfred Redelfs)
Manfred Redelfs erklärt, warum das “Netzwerk Recherche” fordert, die sogenannte „BND-Klausel“ des Gesetzentwurfs zur Neuregelung des Bundesarchivrechts zu streichen. Bei der geplanten Novellierung des Bundesarchivgesetzes sei eine Schutzklausel geplant, nach der der BND selbst entscheiden könne, was an das Bundesarchiv abgegeben wird und was weiterhin in seinen eigenen Beständen unter Verschluss bleibt. Dies sei ein Bruch mit der bisherigen Regelung, dass die Bundesbehörden ihre Bestände nach 30 Jahren an das Bundesarchiv abgeben. “Netzwerk Recherche”-Vorstandsmitglied Redelfs dazu: “Auch die Geheimdienste müssen sich demokratischer Kontrolle und mehr Transparenz stellen. Informationen, die einst sensibel waren, sind es oft nach vielen Jahren nicht mehr und sollten deshalb offengelegt werden. Eine “BND-Klausel” im Bundesarchivgesetz ist deshalb genau das falsche Signal.”
Die zwei “Bild”-Polit-Profis haben sich schon mal festgelegt, wer nicht Kandidat werden wird: Außenminister Frank-Walter Steinmeier (den wolle Angela Merkel nicht) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (der habe nicht genug Anhänger).
Aber wer dann? Schuler und Kleine haben da so ihre Infos:
Union und SPD gehen nach BILD-Informationen davon aus, dass Merkel in den nächsten Wochen einen dritten “unparteiischen” Kandidaten präsentieren wird, der für alle GroKo-Delegierten in der Bundesversammlung (setzt sich überwiegend aus Abgeordneten des Bundestages und der Landtage zusammen) wählbar ist. Denkbar wäre z. B. ein hochrangiger, anerkannter Wissenschaftler.
In der SPD heißt es zudem: Wenn Merkel “eine einigermaßen akzeptable Frau” als überhaupt erste Anwärterin fürs Schloss Bellevue präsentiere, könnten zumindest die GenossINNEN kaum Nein sagen.
Das wär’ was — die “überhaupt erste Anwärterin fürs Schloss Bellevue”. Also nach Beate Klarsfeld, die 2012 gegen den derzeitigen Bundespräsidenten Joachim Gauck angetreten ist.
Quizfrage: Was ist knapp 22 mal 29 Zentimeter groß, gibt es 800.000 Mal und erzählt ständig Quatsch?
Richtig: die “Neue Post”.
Auf seinem Titelblatt der vergangenen Woche will das Regenbogenheft die potentielle Kundschaft unter anderem mit einer dramatischen Geschichte über die niederländische Königin Máxima (“Nach der Schock-Diagnose weicht sie Willem nicht mehr von der Seite — Kann sie ihrem Mann das Leben retten?”) vom Kauf überzeugen, mit “überraschenden Details” über Helene Fischer (“Sie plant ihre Zukunft ohne Florian!”) und mit dieser Geschichte über Michael Schumacher:
Nun ist es wahrlich nichts Neues, dass Regenbogenblätter über den Gesundheitszustand von Michael Schumacherspekulieren. Im Gegenteil: Es gehört in der Branche zum guten Ton, selbst 33 Monate nach Schumachers Ski-Unfall regelmäßig Geschichten über ihn aufs Cover zu packen, auch wenn es gar nichts Neues zu berichten gibt. Das kann man jede Woche an so gut wie allen deutschen Kiosken begutachten. Doch dieser Artikel der “Neuen Post” ist besonders, besonders fies.
Im Heftinnern wird, wie schon auf der Titelseite, Schumachers Anwalt als Quelle für die Geschichte ins Spiel gebracht:
Schumachers Anwalt, Felix Damm, hat jetzt vor einem Gericht in Hamburg ausgeplaudert, wie schlimm es wirklich um den großen Sportler steht. Der Anwalt sagt: “Er kann nicht laufen! Auch nicht mithilfe von Therapeuten.”
Den Gerichtstermin in Hamburg gab es tatsächlich, und auch die Aussage von Felix Damm. Das weiß ich, weil ich selbst dabei war, als Zuschauer. Nur war die Situation etwas komplexer als von der “Neuen Post” dargestellt: Damm hatte nicht einfach irgendwas über den Gesundheitszustand seines Mandanten “ausgeplaudert”, er hatte eine Frage des Gerichts beantwortet. In dem Gerichtsverfahren, das noch immer läuft, geht es um einen “Bunte”-Artikel aus dem Dezember 2015. Das Burda-Blatt hatte von einem “Weihnachtswunder” berichtet und behauptet, Michael Schumacher könne mithilfe seiner Therapeuten wieder gehen. Schumachers Managerin Sabine Kehm, normalerweise sehr zurückhaltend mit öffentlichen Reaktionen auf Medienberichte, hatte die “Bunte”-Neuigkeit direkt in “Bild” dementiert:
“Leider werden wir durch einen aktuellen Pressebericht zu der Klarstellung gezwungen, dass die Behauptung, Michael könne wieder gehen, nicht den Tatsachen entspricht. Solche Spekulationen sind unverantwortlich, denn angesichts der Schwere seiner Verletzungen ist für Michael der Schutz seiner Privatsphäre sehr wichtig. Leider führen sie außerdem dazu, dass viele Menschen, die ehrlich Anteil nehmen, sich falsche Hoffnungen machen.”
Die Familie Schumacher ist dann auch juristisch gegen den “Bunte”-Artikel vorgegangen. Deswegen der Gerichtstermin vor zweieinhalb Wochen in Hamburg, auf den sich die “Neue Post” bezieht. Das Gericht fragte Schumachers Anwalt Felix Damm in der Verhandlung — so jedenfalls meine Erinnerung –, wie das Dementi von Sabine Kehm zu verstehen sei. Darauf antwortete Damm: “Was verstehen Sie daran nicht? Er kann nicht wieder gehen.” Dieses Wiederholen einer schon längst bekannten Aussage biegt die Redaktion der “Neuen Post” also zu einer Verkündung von “schlimmen Neuigkeiten”.
Der Fall ist deswegen bemerkenswert, weil er zeigt, wie das Vorgehen der Regenbogenpresse die rechtliche Verteidigung von Michael Schumacher und anderer Personen beeinflussen kann. Die Hefte machen aus jedem kleinsten Informationsfitzelchen, das sie zum früheren Formel-1-Fahrer bekommen können, eine riesige Geschichte. Eben auch aus Äußerungen seines Anwalts zur Rechtsverteidigung. Daraus resultiert, dass die Familie gegen manche falschen Bericht nicht in der Form vorgeht, wie sie es eigentlich tun könnte. Ein theoretisches Beispiel: Regenbogenheft X behauptet, Promi Y könne nach seinem schweren Unfall schon wieder Fußball spielen, was aber gar nicht wahr ist. Will Promi Y nun, dass Regenbogenheft X eine Richtigstellung druckt, in der es klarstellt, dass das mit dem Fußballspielen gar nicht stimmt, muss Promi Y beweisen, dass der Bericht falsch ist. Die Beweislast liegt bei ihm. Wenn sein Anwalt nun vor Gericht sagt, dass Promi Y allein aus gesundheitlichen Gründen gar nicht in der Lage ist, Fußball zu spielen, ist die nächste Titelgeschichte von Regenbogenheft X schon so gut wie geschrieben: “Sein Anwalt spricht! Promi Y — So schlecht geht es ihm wirklich!”
Und so ist es eben auch bei Michael Schumacher. Dadurch, dass es in den Berichten so gut wie immer um dessen Gesundheit geht, auch in den falschen, liefert der für eine Richtigstellung nötige Umkehrschluss automatisch auch immer Infos zu Schumachers Gesundheit mit, die dann für neue Artikel verwurstet werden können.
Für einen “Spiegel”-Artikel hatte ich Felix Damm vergangenes Jahr bei einigen Gerichtsverhandlungen begleitet. Bereits damals ist er für die Familie Schumacher gegen mehrere Hundert Veröffentlichungen vorgegangen. In nur einem einzigen Fall hat er eine Richtigstellung verlangt.
1. Oskars Rage (taz.de, Georg Löwisch)
Oskar Lafontaine hat auf Facebook geschimpft, die “taz” gehöre zu einer „neoliberalen Kampfpresse“. Er hatte sich über einen “taz”-Artikel geärgert, in dem es um das Doppel-Interview der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” mit Sahra Wagenknecht und der AfD-Chefin Frauke Petry ging. Das kann und will Chefredakteur Georg Löwisch nicht auf sich sitzen lassen und antwortet in einem Kommentar: “Den taz-Artikel, den Lafontaine als Ergebnis neoliberaler Kampfpresse schmäht, hat ausgerechnet Ulrike Herrmann geschrieben: unsere wirtschaftspolitische Korrespondentin, die kundig wie keine andere im Land neoliberale Politik auseinandernimmt. Bizarr, ausgerechnet diese Korrespondentin greift er an. Es ist ein Detail, aber es gehört zur Tragik dieses Mannes, der einmal die Courage selbst war und dem nun nur noch die Rage geblieben ist.”
2. Nicolaus Fest zieht es zur AfD (tagesspiegel.de, Fabian Leber)
Die Berliner AfD freut sich über einen prominenten Neuzugang. Dabei soll es sich um den Ex-Springer-Journalisten Nicolaus Fest handeln. Fest war ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der “Bild am Sonntag” und Sohn des früheren FAZ-Herausgebers Joachim Fest. Ende 2014 hatte er auf eigenen Wunsch die “Bild am Sonntag” verlassen. Dem vorausgegangen war ein islamkritischer Beitrag von Fest, der viel Kritik und eine Rüge des Presserats auslöste. “BamS”-Chefredakteurin Marion Horn und “Bild”-Chefredakteur und “BamS”-Herausgeber Kai Diekmann hatten sich danach von dem Kommentar distanziert und auf mehreren Seiten eine Entschuldigung abgedruckt.
3. Wenn die Grossen bei den Kleinen klauen (presseverein.ch, Janosch Tröhler)
Dem Online-Magazin “Negative White” ist zum wiederholten Male ein Foto gemopst und ohne Erlaubnis veröffentlicht worden. Übeltäter soll “20min.ch” gewesen sein, das größte Newsportal der Schweiz. Entsprechend sauer und frustriert fällt die Reaktion der beklauten Seite aus: “Wir könnten theoretisch mal eine dieser Abmahn-Agenturen für Nachforschungen anfragen. Doch – wie gesagt – arbeiten alle bei Negative White auf freiwilliger Basis. Wir verdienen etwas an Werbung und Partnerschaften, aber davon gibt’s knapp ein kühles Blondes, nachdem wir alle Rechnungen bezahlt haben. Und das ist es, was mich an der Sache so wütend macht. Die Leute bei Negative White arbeiten aus Leidenschaft, opfern ihre Freizeit und nehmen sogar Ferien, um der Leserschaft etwas bieten zu können. Eine unerlaubte Verwendung ihrer Arbeit ist nicht nur illegal, sondern man spuckt ihnen geradezu vor die Füße.”
4. Der kleine Mann beim Kongress des Kopp-Verlags (ndr.de, Jakob Leube & Tobias Döll)
Am Wochenende fand in Stuttgart der Kopp-Kongress statt. Pressevertreter waren bei der Versammlung der Lügenpresse-Ankläger und Verschwörungstheoretiker nicht zugelassen. “Extra 3” hat dennoch einen Reporter entsandt, der zumindest einige der am Einlass wartenden Besucher befragen konnte, was faul im Staate ist. Ohne zu viel spoilern zu wollen: Genannt wurden die Rothschilds, die Illuminati, Obama und Marionetten…
Wer umfangreichere Kongressberichte lesen will: Moritz Tschermak war für “Übermedien” vor Ort, Anja Rützel für den “Spiegel” (Bezahllinks). Beiden sei von dieser Stelle aus gute Genesung gewünscht!
5. Can Dündar will Medienprojekt in Deutschland starten (persoenlich.com)
Der im Exil lebende Ex-Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung “Cumhuriyet”, Can Dündar, will in Berlin ein neues Medienprojekt starten. Er wird mit den Worten zitiert: “Ich möchte hier das tun, was wir in der Türkei mit gefesselten Händen und Füssen zu machen versucht haben.”
6. Böhmermann-Affäre: Persönliche Stellungnahme von Jan Böhmermann zur Sache. (youtube.com, Jan Böhmermann, Video: 7:09 Min.)
Jan Böhmermann gibt eine persönliche Stellungnahme zur Einstellung des Schmähgedicht-Verfahrens ab. Böhmermann steht, wie er sagt, zu 100 Prozent zum ZDF und leitet dann zum Inhaltlichen über: “Im Vergleich zu dem, was kritische Journalisten, Satiriker oder Oppositionelle damals und auch jetzt gerade durchmachen, ist dieses ganze Theater um die “Böhmermann-Affäre” schon wieder ein guter, trauriger Witz für sich, der sich leider völlig außerhalb meiner professionellen Qualitätskontrolle befindet.”
Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod, nur die wenigsten sehen seine Vorteile: Nie wieder an kalten November-Morgen vom Wecker aus dem Bett gescheucht werden. Nie wieder durchnässt im Regen warten. Nie wieder Post vom Finanzamt. Und kein Chef mehr, dem am frühen Freitagabend einfällt, dass er für seinen Vortrag am Montag noch dringend eine Präsentation braucht, um die er sich aber wegen des nahenden Wochenendes unmöglich selbst kümmern kann.
Der Tod könnte so schön sein, wenn er nicht leider auch einige Nachteile hätte. Zum Beispiel: die Langeweile.
Ja, was tun? Die Frage wäre überhaupt neu, denn natürlich gäbe es auch keine Wochenenden mehr, die am Freitagnachmittag mit Stress beginnen und fünf Minuten später, am Sonntagabend um Mitternacht völlig überraschend enden, weil die Zeit zwischen den Powerpoint-Folien für den Chef einfach zerrieselt ist — und der Vortrag an sich natürlich auch noch gemacht werden musste.
Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann “Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)
Nur noch Faulheit, Trägheit, Müßiggang. Nur noch Zeit, die wie ein endloses Bächlein vorbeiplätschert.
Vielleicht muss man sich den Tod einfach so vorstellen: Man liegt irgendwo herum und wartet schlaflos auf einen Morgen, der niemals kommen wird. Ein fürchterlicher Zustand, der nur durch den Gedanken erträglich wird, dass man immerhin vom Finanzamt nichts mehr zu befürchten hat. Aber dann wälzt man sich auf die andere Seite, schaut noch mal hin, und da liegt plötzlich dieser Brief, auf dem man in Umrissen das Landeswappen erkennt.
In Sarzeau im Westen Frankreichs muss man mit so etwas inzwischen rechnen. Das Finanzamt dort hat vor ein paar Tagen eine Steuerforderung an eine Tote zugestellt. Der Bote kam vermutlich dreimal, fand aber weder Klingel noch Briefkasten, und auch die Nachbarn zeigten sich wenig kooperativ, was die Adresse hätte erklären können. Die lautete: “Friedhofsweg, Reihe E, Grab 24”.
Die Anschrift ist entweder übersehen worden, oder in den Finanzbehörden ist längst eine neue Zeit angebrochen, in der nicht nur die Unterschiede zwischen Männern und Frauen eingeebnet werden, sondern auch die zwischen Lebenden und Toten.
Nachdem schon die Erbschaftssteuer geflossen ist, kämen dann trotzdem weiter die Vorauszahlungsbescheide, und die Einkommensteuer würden wir auch in der Ewigkeit einfach weiterzahlen. Ständig riefe der Steuerberater an, weil noch irgendwelche Belege fehlten. Dabei wollten wir einfach nur untätig in der Hölle schmoren, wie wir es verdient haben.
Das ganze System ist marode. Es fängt schon bei den Bestattern an, die ihre Kunden skrupellos über den Tisch ziehen, statt sie dort einfach, wie es ihre Aufgabe wäre, zu waschen und nett anzukleiden.
In Gießen gab es gerade wieder so einen Fall. Ein Ehepaar hat das Geld für die eigene Feuerbestattung per Vorkasse überwiesen. Dann starb die Frau, und der sonst nicht an Kundenbewertungen gewöhnte Bestatter hatte offenbar vergessen, dass ein Vertragspartner — was in der Regel nicht vorkommt — nach getaner Arbeit noch lebt. Die eigentlich schon bezahlten Rechnungen gingen an ihn. Der Mann hat den Bestatter nun angezeigt.
Da kann einem die Lust aufs Sterben schon vergehen. Und anscheinend ist man mit diesem Gefühl nicht allein:
Wenn die Bestatter nicht aufpassen, wird es ihnen irgendwann genauso ergehen wie den Kutschen-Bauern und den Zeitungsverlagen. Die Kunden werden sich was Neues suchen, vielleicht irgendwas im Internet.
Es gibt ja schon heute kaum noch Menschen, die mit ihrer eigenen Bestattung so zufrieden waren, dass sie sagen würden: Empfehle ich uneingeschränkt weiter. Was aber auch kein Wunder ist. Wer will schon mit einer Branche zu tun haben, die ihre Kunden erst abzockt und dann in einem Loch verscharrt? Anscheinend sind nicht mal die Beschäftigten selbst bereit, das länger mitzutragen:
Der letzte Bestatter wird vermutlich auch am Wochenende nach seinem Tod noch arbeiten müssen, um sich selbst unter die Erde zu bringen. Und solche Arbeitsbedingungen sind wirklich niemandem zuzumuten.
Dabei ist das Sargtragen an sich eine attraktive Tätigkeit mit vielen Aufstiegschancen. Und natürlich spielt die Digitalisierung auch hier eine große Rolle. Die Terminabstimmung erfolgt heute oftmals per Smartphone. Viele Jugendliche wissen das gar nicht.
Und das wiederum ist symptomatisch für diese Branche. Es ist nicht alles so schlecht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das gesamte Bestattungswesen bräuchte vor der Reform vermutlich erst mal eine Image-Kampagne. Der Tod muss endlich wieder attraktiv werden. Nicht nur für die Dienstleister, auch für die Kunden. Aber wie verklickert man das den Leuten?
Man müsste da mal eine Werbeagentur beauftragen, die einen Claim entwirft, der alles auf den Punkt bringt. Dieses Gefühl, dass sich etwas zum Besseren verändert. Die Aufbruchstimmung. Den frischen Wind. Wobei, vielleicht braucht man doch gar keine Werbeagentur. Vielleicht nimmt man einfach diese Überschrift:
Drohnen kommen Flugzeugen immer häufiger gefährlich nahe. Nun ist es beinahe zu einer Kollision über der Nürnberger Burg gekommen.
Bei Facebook und Twitter klang das alles noch etwas dramatischer — dort schrieben die “Nürnberger Nachrichten” gestern von einer “Katastrophe”, die es am 3. September “fast” gegeben hätte:
Am 3. September kam ein ferngesteuertes Flugobjekt in 1300 Metern Höhe gleich bei der Nürnberger Kaiserburg einem Kleinflugzeug bedrohlich nahe. Der Fall endete glimpflich: Der Pilot konnte abdrehen und meldete den Vorfall der Deutschen Flugsicherung. Die Polizei leitete Ermittlungen ein, konnte den Betreiber aber nicht identifizieren.
Passiert ist diesmal nichts, doch schon öfter wäre es beinahe zu Katastrophen gekommen.
Also mal bei der “Deutschen Flugsicherung” nachgefragt. Ja, die Meldung aus Nürnberg habe es gegeben. Das müsse aber nichts bedeuten, schließlich ermittle man nach einer solchen Meldung nicht, welche Gefahr von einer Situation ausgeht.
Anruf beim Polizeipräsidium Mittelfranken. Ja, am 3. September sei eine Meldung über eine Drohne eigegangen. Der Pilot einer kleinen Maschine, vermutlich eines Sportflugzeugs, sei am Nürnberger Flughafen gestartet und habe eine Drohne westlich der Burg in ungewöhnlicher Höhe gesehen. Das habe er sicherheitshalber dem Tower gemeldet, als ungewöhnliche Beobachtung. Zwischen Flughafen und Burg lägen etwas über vier Kilometer, “bedrohlich nahe” seien sich Drohne und Flugzeug also wahrlich nicht gekommen. Zu keinem Zeitpunkt habe es irgendeine Gefährdung gegeben. Von einer möglichen Katastrophe könne man nun wirklich nicht sprechen. Das habe man vor einigen Tagen so auch einem Journalisten der “Nürnberger Nachrichten” auf dessen Nachfrage mitgeteilt.
Die Political Correctness ist Schuld. Gutmenschen und weinerliche Minderheiten lähmen die Gesellschaft. Falsche Rücksichtnahmen und Denkverbote machen jede vernünftige Auseinandersetzung mit den wichtigen Themen der Zeit unmöglich. Die Ära von George W. Bush stand für den Krieg gegen den Terror. Donald Trump möchte seine gerne dem Krieg gegen “PC” widmen. In Deutschland hatte Kai Diekmann früh die Zeichen der Zeit erkannt. In seinem 2008 erschienenem Buch “Der große Selbst-Betrug” erklärte er, “wie wir um unsere Zukunft gebracht werden”. Im Vorwort rühmte er sich damit, er habe seine “Sätze nicht abgestimmt mit den politisch Korrekten im Land.” Anti-PC als Qualitätsmerkmal. Anti-PC zur Rettung unseres Landes. Die begann dann mit Sarrazin. Sarrazin wurde groß gemacht durch “Bild” und mit ihm die neue Lesart des Wörtchens “Mut”. Mut bedeutet in Deutschland seitdem nicht mehr, sich mit den Starken anzulegen. Sondern mit den Schwachen. Seitdem ist der Kampf gegen die Politische Korrektheit, der sich als Kampf gegen den Mainstream versteht, selbst zum Mainstream geworden.
All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. Den “Waldschlösschen-Appell” gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein “Nollendorfblog” bekam eine Nominierung für den “Grimme Online Award”. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.
Deshalb gibt es jetzt diese Kolumne. Sie ist ein Versuch, Political Correctness zu verteidigen. Und die Gutmenschen. Die Basisweisheit im Gutmenschen-Bashing lautet, dass “gut gemeint” eben nicht automatisch “gut gemacht” bedeutet. Das stimmt zwar, ändert aber nichts daran, dass man etwas gleichzeitig gut meinen und gut machen kann und dass es nicht schadet, etwas gut zu meinen, wenn man es gut machen will. Bei der Political Correctness ist das so: Sie funktioniert, sie hat vieles besser, ja, sie hat vieles gut gemacht.
PC bedeutet eben nicht Denkverbote, sondern das Gegenteil. Es geht darum, genauer nachzudenken. Es geht nicht darum, Worte zu verbieten, sondern darum, ein Bewusstsein für deren Wirkung und Kontexte zu erreichen. Jeder “darf” sagen, was er will. Aber dank Political Correctness kann sich keiner mehr damit herausreden, dass er nicht weiß, was er da tut. Wenn jemand unbedingt “Neger” sagen möchte, weil er meint, dass man das unbedingt sagen dürfen muss, dann weiß er, dass er einen rassistischen Begriff benutzt. Nein, das Streichen des N-Worts aus Pipi-Langstrumpf-Büchern schafft den Rassismus nicht ab, aber ohne die Diskussion um die Geschichte des Wortes hätten wichtige Erkenntnisgewinne zum Thema Rassismus so nicht stattgefunden.
Wenn ZDF-Mann Peter Hahne darauf besteht, das “Zigeuner-Schnitzel” zu “retten” (sic!), dann tut er das in dem Bewusstsein um die Probleme, die viele Menschen in diesem Land aufgrund ihrer Leidenserfahrung mit diesem Wort haben. Und tritt für das Privileg der Gesamtgesellschaft ein, sich nicht um diese Probleme kümmern zu müssen, angesichts der Zumutung, die es für sie bedeuten würde, auf diese paar Wörter (ja, wie viele ähnlich populäre Mohrenkopfwörter gibt es eigentlich? Fünf? Zehn?) zu verzichten. Wenn Peter Hahne fragt: “Müssen wir uns diesen täglichen Schwachsinn wirklich bieten lassen? Haben wir keine größeren Probleme als uns tagelang über die politisch korrekte Bezeichnung von Schnitzeln zu ereifern?”, dann lautet die — politisch korrekte — Antwort: Doch die haben wir, aber viele von ihnen haben eben auch damit zu tun, dass die immer weitere Dehnung des Sagbaren, verbunden mit dem Insistieren darauf, das bewusst Verletzende sagen zu dürfen, zu Treibmitteln geworden sind, mit denen sich die Gesellschaft gerade rasant entsolidarisiert.
Political Correctness bedeutet ja nicht, dass alle ihr Verhalten ändern müssen, nur weil irgendjemand “Diskriminierung” ruft. Es bedeutet aber hinzuhören, verstehen lernen, zu akzeptieren, dass individuelle Diskriminierungserfahrungen und die daraus resultierenden Gefühle eben individuell sind und nicht allgemein plausibel. Dass diese Gefühle eben nicht nur Befindlichkeiten sind, sondern Hemmnisse, ganz konkrete Barrieren, verwehrte Entwicklungsmöglichkeiten, die nicht nur die Betroffenen betreffen, sondern die ganze Gesellschaft. Was bedeutet, dass man diese Gefühle auch dann nicht ohne Not zu verletzen sucht, wenn man sie nicht teilen kann. Welche Not hat Peter Hahne? Was “rettet” er?
Ich streite für Political Correctness nicht, weil ich möchte, dass sie etwas bewirkt. Sondern weil ich es weiß. Die aktuelle Berichterstattung über den Fall des Berliner Piraten-Politikers Gerwald Claus-Brunner ist dafür ein guter Indikator. Wie auf Minderheiten geblickt wird, sieht man so richtig deutlich dann, wenn es zu einem ihrer “Vertreter” etwas Spektakuläres zu berichten gibt. Und unter Boulevard-Kriterien ist ein spektakulärerer Fall kaum vorstellbar. Trotzdem wurde aus politisch korrekter Sicht in Deutschland noch nie so angemessen über einen spektakulären Mordfall berichtet, bei dem Täter, Opfer oder beide schwul sind: Noch nie war das Schwulsein selbst so wenig Skandal wie in diesem. Dass im Sinne einer Knallerstory heute der Exotismus des Piratentums die des Schwulseins übertrumpft, ist eine wirklich interessante Erkenntnis.
Natürlich gibt es trotzdem noch viel zu bemängeln. Bevor man von dem Mord wusste, konnte man in der “Bild”-Zeitung an der Beschreibung des “sensiblen Riesen” sehr schön sehen, wie tief sie noch sitzen, die Stereotype, die Codes der Andersartigkeit. Wie reflexhaft sie greifen, zeigte sich dann direkt, nachdem die Story zum Mordfall und ganz selbstverständlich in den unterschiedlichsten Medien davon ausgegangen wurde, dass Claus-Brunner sein Opfer sexuell missbraucht hat. Eine schwule Tat ohne Missbrauch, ohne Sex, ohne sexuellen Missbrauch mag man sich heute dann doch noch nicht vorstellen.
Trotzdem ist das Nichts im Vergleich dazu, wie noch vor wenigen Jahren über ähnliche Fälle berichtet wurde und sicherlich auch über diesen berichtet worden wäre. Damit will ich nicht sagen, dass es keine gravierenden Grenzüberschreitungen gegeben hätte. Es ist widerlich, wie die “Bild”-Zeitung Details aus dem Intimleben von Claus-Brunner skandalisiert, obwohl diese mit dem Mordfall ganz offensichtlich nichts zu tun haben. Daran ist nichts Gutes, aber die berechtigte Annahme, dass sie es bei einem heterosexuellen Mörder ziemlich genauso und nicht weniger schlimm gemacht hätten, ist dann doch neu.
Natürlich wird “Bild” nie zugeben, dass die Tatsache, dass sie heute über den schwul-Aspekt einer solchen Geschichte einigermaßen angemessen berichten kann, ein Erfolg der Politischen Korrektheit ist. Doch das ist sie. Es ist der Erfolg vieler Menschen, die in Gesellschaft, Politik und Medien ein Bewusstsein dafür geschaffen haben, dass es nicht egal ist, wie man über Schwule spricht. Diesen Menschen wurde und wird Korinthenkackerei vorgeworfen und dass sie zu “sensibel” seien. Sie werden gefragt, wann sie denn endlich zufrieden sind mit dem, was sie erreicht haben, und ob sie eigentlich keine anderen Probleme haben, als über Wörter zu streiten. Man wirft ihnen Totschlagargumentiererei vor, weil sie, wenn es sein muss (und manchmal muss es sein) beispielsweise darauf hinweisen, dass die hohe Zahl schwuler Teenagerselbstmorde im Vergleich zu den heterosexuellen auch irgendwie was damit zu tun hat, wie Journalisten über Schwule schreiben. Diese Menschen leben mit dem Vorwurf, Schwule, Homosexuelle dauernd zu Opfern zu stilisieren, auch wenn sie gerade dafür kämpfen, dass diese nicht zu Tätern gemacht werden.
Politische Korrektheit nervt. Aber weil sie wirkt, müssen Sie da jetzt durch. Ab jetzt hier einmal im Monat.
Die zwei dazugehörigen Artikel stammen vom selben Autoren-Duo. Bei Bild.de steht über Otto Retzer:
Anfang des Jahres ließ sich der Regisseur und Schauspieler operieren. “Ich war krank und bin wieder gesund”, sagt Retzer zu BILD.
Und in “Bild”:
TV-Legende Otto Retzer (71, “Ein Schloss am Wörthersee”, “Klinik unter Palmen”, “Das Traumhotel”) kämpft gegen den Krebs.
In beiden Texten — also auch in der Printversion mit ihrer “KREBS!”-Schlagzeile — sagt Retzer, dass der Tumor-Herd weg sei und es keine Metastasen gebe. Er brauche keine Chemotherapie, nur alle drei Monate müsse er zu einem Check.
Die Informationen, die den zwei Artikeln zugrund liegen, sind also fast identisch. Bei “Bild” hatten sie wohl einfach mehr Lust auf eine schockende Schlagzeile.
Wir drücken jedenfalls die Daumen, dass die Bild.de-Mitarbeiter mit ihrer Überschrift näher an der Wahrheit liegt.