Suchergebnisse für ‘BILD’

Kreml-Propaganda, Reichelts Talk-Trash, Fortgesetztes Fremdschämen

1. Jetzt auch mit Staatspropaganda direkt aus dem Kreml
(horizont.net, Ulrike Simon)
Es gibt mal wieder Neues vom Ehepaar Holger und Silke Friedrich und der von ihm erworbenen “Berliner Zeitung”. Auf der Website bediene sich die Redaktion neuerdings bei der russischen Nachrichtenagentur TASS. Die “zentrale staatliche Nachrichtenagentur” werde als normale Quelle behandelt, gleichwertig mit dpa und Reuters. Bei Medienjournalist Daniel Bouhs klingt es so, als könne er die Aufregung um die Verwendung von TASS nicht so ganz nachvollziehen: “Zumindest in dem zitierten Artikel ist TASS eine Quelle neben vielen, v.a. neben seriösen wie dpa. (…) Frage ist doch immer, wie man damit umgeht.”
Die Friedrichs waren erst vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen geraten, als die Trennung von den Chefredakteuren der “Berliner Zeitung” und des “Berliner Kuriers” bekannt wurde. Was bei der “Welt” zu Spekulationen führte: “Arntz und Jehn, beide Journalisten und Chefredakteure mit einer in der Medienbranche untadeligen Reputation, hatten nach der Enthüllung durch Welt am Sonntag, dass Holger Friedrich in der DDR als IM für die Stasi tätig war, eine unabhängige Untersuchung des Falls angekündigt.”

2. TV-Talk-Trash mit Julian Reichelt: “Bild” dir deinen Volkskörper
(fr.de, Katja Thorwarth)
Katja Thorwarth hat sich den TV-Talk von “Bild”-Chef Julian Reichelt angeschaut. Dieser bediene das neurechte Narrativ des Meinungsdiktats. Die Sendung sei jedoch insgesamt so erschreckend schlicht, dass sich kein Mitbewerber sorgen müsse: “Wer sich als Teil des Volkes ‘Querschnitt’ wähnt, dürfte sich ordentlich verschaukelt vorkommen. Beziehungsweise einfach als Staffage für ein groß angelegtes Marketingprojekt, das einen künstlich hergestellten ‘Volkskörper’ die übliche Springer-Propaganda wiederkäuen lässt. Vermutlich müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen doch nicht ganz so warm anziehen.”

3. Was soll das eigentlich mit diesen Podcasts?
(zeit.de, Meike Laaff, Audio: 53:10 Minuten)
Wenn sich jemand mit Podcasts auskennt, dann die Radiojournalistin Ann-Kathrin Büüsker, die im Deutschlandfunk den Podcast “Der Tag” moderiert. Nun war Büüsker bei “Wird das was?”, dem Digital-Podcast von “Zeit Online”, zu Besuch. Es ist ein Podcast über Podcasts geworden, bei dem es unter anderem um Formatfragen, die vielfach geschmähten “Laberpodcasts” und die Konsensfalle geht.
Weiterer Lesetipp: Warum es mit Podcasts jetzt erst richtig los geht (blog-cj.de, Christian Jakubetz).

4. Zukunft ungewiss
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die Evangelische Journalistenschule (EJS) kann auf eine zwanzigjährige Geschichte mit 13 Ausbildungsjahrgängen zurückblicken. Doch derzeit sei fraglich, ob es jemals wieder einen neuen Ausbildungsjahrgang geben wird. Die Initiative “EJS retten!” befürchte das Ende der von Sparzwängen bedrohten Berliner Journalistenschule.

5. Großartige Food-Geschichten sind Mangelware
(fachjournalist.de, Silke Liebig-Braunholz)
Im “Fachjournalist” erzählt Silke Liebig-Braunholz vom derzeitigen Stand des “Food-Journalismus”. Sie hat sich dazu in der Branche umgehört, wie die Nischenthemen rund um das Essen und Trinken angegangen werden. Und das ist unterschiedlicher und vielfältiger, als man zunächst annehmen könnte.

6. Medienaufseherin stellt Podcast ein, den RTL ihr geschenkt hat
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
“Die Bremer Direktorin der Landesmedienanstalt wirft mir Sexismus vor auf Grundlage von Zitaten, die nicht von mir stammen, lässt erklären, man werde meine Fragen ‘gerne beantworten’, aber erst in mehr als einer Woche, weigert sich dann, die Fragen zu beantworten”, so der Journalist Boris Rosenkranz auf Twitter. Zu dem Fall, der bereits im Januar für Fremdschämen sorgte, geselle sich jetzt noch ein möglicher Interessenkonflikt.

Kurz korrigiert (536)

Bei Bild.de meinen sie, das Erfolgsgeheimnis von Fußballtrainer Jürgen Klopp und dem FC Liverpool entschlüsselt zu haben:

Screenshot Bild.de - Basketball als Vorbild - Klopp kopiert Fitness-Taktik von LeBron James

Und das funktioniere so:

Stark dank Basketball-Taktik!

Premier-League-Spitzenreiter FC Liverpool hat Einblicke in sein Erfolgsrezept gegeben. Der (sic) derzeit wohl beste Fußball-Team der Welt orientiert sich dabei an Basketball-Legende LeBron James (35).

Es gehe vor allem “darum, wie es möglich ist, über 90 Minuten den Power-Fußball von Trainer Jürgen Klopp (52) umzusetzen.” Die Antwort sei simpel: “mehr Pausen” — eben so, wie es Basketballer LeBron James mache:

So steht LeBron James im Herbst seiner Karriere zwar mehr Minuten auf dem Parkett als jemals zuvor. Aber der Superstar leistet sich mehr Pausen, das heißt, er jagt nicht mehr jedem Ball im Vollsprint hinterher, sondern nutzt seine Kraft clever. Er steht zwar länger auf dem Feld, bewegt sich aber weniger.

Und das klingt ja wirklich “clever”, ist aber völlig falsch: In der laufenden NBA-Saison steht LeBron James nicht “länger auf dem Feld” und “mehr Minuten auf dem Parkett als jemals zuvor”, sondern mit aktuell 34,9 Minuten pro Spiel so wenig wie nie zuvor.

Mit Dank an @moejevski für den Hinweis!

Nachtrag, 12:33 Uhr: Das nur der Vollständigkeit halber: Knapp 35 Minuten pro Spiel sind immer noch eine ganze Menge Spielzeit für einen Basketballer und mehr als bei vielen anderen, teils deutlich jüngeren Spielern. Aber es sind eben so wenige Minuten wie in keiner Saison zuvor für LeBron James.

Mit Dank an Christian M. für den Hinweis!

Nachtrag, 14:24 Uhr: Bild.de hat den Absatz mittlerweile so halb korrigiert. Dort steht nun:

So ist LeBron James im Herbst seiner Karriere immer noch einer der NBA-Stars mit der meisten Spielzeit. Sein Trick: Der Superstar leistet sich mehr Pausen, das heißt, er jagt nicht mehr jedem Ball im Vollsprint hinterher, sondern nutzt seine Kraft clever. Er steht zwar länger auf dem Feld, bewegt sich aber weniger.

Sollte die Redaktion mit “Er steht zwar länger auf dem Feld” meinen, dass LeBron James mehr Einsatzzeiten hat als zuvor, bleibt dieser Halbsatz weiterhin Unsinn.

Auf einen Hinweis zu der vorgenommenen Korrektur hat die Redaktion verzichtet.

Drei Wörter reichen, Mitten-Mantra & Hufeisen-Theorie, Gastbeiträge

1. Leistungsschutzrecht: Verleger wollen maximal drei Wörter lizenzfrei zulassen
(heise.de, Stefan Krempl)
Es gibt mal wieder Neuigkeiten von der unsäglichen Posse um das Leistungsschutzrecht. Die Verlegerverbände pochen darauf, dass “regelmäßig nicht mehr als drei Wörter” lizenzfrei bleiben dürften. Stefan Krempl erklärt das unwürdige Gerangel um Snippets, Miniatur-Vorschaubilder und Kleinstvideos.
Weiterer Lesetipp: Die Analyse von Friedhelm Greis: Drei Wörter sollen … (golem.de).

2. Das Mantra von der Mitte
(sueddeutsche.de, Gustav Seibt)
Gustav Seibt räumt mit der in letzter Zeit so häufig bemühten Hufeisen-Theorie auf, die immer wieder Gegenstand von politischer Diskussion und Berichterstattung ist: “Das Hufeisen ist in der politischen Metaphorik eines der Sprachbilder, die das Denken mit einem Schein von Anschaulichkeit festlegen und in die Irre führen können.” Seibt erklärt die historischen Ursprünge des Sprachbilds und zeigt, wo die Gefahren liegen: “Derzeit drohen Hufeisenbild und Mitte-Begrifflichkeit zu veritablen Scheuklappen zu werden, die eine präzise Beschreibung politischer Optionen verhindern.”

3. Politik-PR oder Debattenkultur?
(deutschlandfunk.de, Christopher Ophoven)
Für Politikerinnen und Politiker kann es sehr attraktiv sein, ihre Botschaft per Gastbeitrag über ein renommiertes Medium in die Welt zu senden. Schwierig wird es, wenn die kritische Einordnung durch die Redaktion fehlt. Der Deutschlandfunk hat sich bei verschiedenen Redaktionen und Experten umgehört, wie mit derlei Beiträgen umgegangen wird beziehungsweise wie man idealerweise mit ihnen umgehen müsse.

4. Readly-Jahres-Report: 37 Millionen gelesene Magazine in Deutschland, Top-Titel: “Auto Bild” & “selbst ist der Mann”
(meedia.de, Jens Schröder)
Der E-Paper-Anbieter und Flatrate-Kiosk-Betreiber Readly hat seinen Jahresreport veröffentlicht. Jens Schröder verrät auf “Meedia”, welche Magazine in Deutschland laut Betreiberangaben am meisten gelesen wurden.

5. Das wird man ja wohl noch fragen dürfen
(freitag.de, Benjamin Knödler)
“Balsam in einer erregten Öffentlichkeit” seien die Interviews der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka, findet Benjamin Knödler im “Freitag”: “Nicht nur, dass am Ende der Gespräche Antworten stehen, hinter die die Befragten nicht mehr zurückkönnen. Das Ganze geschieht überdies, ohne das Rad der Empörung rhetorisch weiterzudrehen — und sorgt zugleich dafür, dass das Empörende, dass der Skandal nicht so schnell vergessen wird. Es ist ein Signal an die Mächtigen: ‘Ihr, die ihr mit euren Entscheidungen viel Einfluss habt, ihr werdet dafür zur Rechenschaft gezogen.'”

6. Der hammerstolze Neo-SWR
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Der Südwestrundfunk hat mit Kai Gniffke einen neuen Intendanten, und der wolle den Sender zum digitalen Pionier umbauen und ein neues, junges Publikum erschließen. Was wird dann mit dem Großteil der Kundschaft, fragt Josef-Otto Freudenreich und spöttelt: “Was sollen sich die über 60-Jährigen, die den Großteil der Kundschaft ausmachen, denken, wenn Hannes und der Bürgermeister keinen Schnaps mehr trinken dürfen? Wenn Gaby Hauptmann (62), die Kurzzeit-Talkmeisterin vom Bodensee, Knall auf Fall aus dem Programm gekippt wird? Die Bestsellerautorin (“Suche impotenten Mann fürs Leben”) mit dem Spaßmacher Christoph Sonntag im Gespräch — das ist doch Kundenbindung pur.”

Berichte aus Wuhan, Rechtsradikale Vernetzung, Polizeilicher Kuschelzoo

1. “Wir sind im Moment nicht in der Lage, dorthin zu reisen”
(deutschlandfunk.de, Bettina Schmieding, Audio: 7:10 Minuten)
Als zwei chinesische Bürgerjournalisten über Missstände aus der abgeriegelten Corona-Krisenregion Wuhan berichteten, ließen die Behörden sie zunächst gewähren. Doch nun seien sie von der Bildfläche verschwunden. Die chinesischen Sicherheitsbehörden würden über diverse Methoden verfügen, um kritische Blogger ruhigzustellen, so der China-Korrespondent Steffen Wurzel im Deutschlandfunk-Interview. Auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden teilweise davon abgehalten, zur Arbeit zu kommen: “Da würden wir bei uns in Deutschland ein Fass aufmachen. Hier in China müssen wir das einfach ein Stück weit in Kauf nehmen, weil China als Diktatur eben andere Maßstäbe anlegt an die Durchsetzung von Vorschriften.”

2. Kann Kotti, kann Katzenbaby
(taz.de, Alke Wierth)
Alke Wierth hat den Instagram-Account der Berliner Polizei besucht und fand sich in einem digitalen Kuschel-Zoo wieder: “Folgt man der Berliner Polizei auf Instagram, gewinnt man den Eindruck, dass die Ordnungshüterinnen und -hüter der Hauptstadt vor allem mit der Rettung kleiner und meist niedlicher Tierchen beschäftigt sind.”
Weiterer Lesehinweis: Beim Leipziger Stadtmagazin “Kreuzer” spricht der Kommunikationschef der Polizei Sachsen über die Kommunikationspanne Connewitz, strittige Polizeimeldungen und Behörden in Sozialen Medien: “Keinen Fehler zweimal machen” (kreuzer-online.de, Aiko Kempen).

3. Die sanfte Macht
(faz.net, Caroline Jebens)
Caroline Jebens ist dem Phänomen der E-Boys auf TikTok nachgegangen, jenen spätpubertierenden Digital-Schönlingen, die zu ein paar Takten Musik schmachtvoll die Lippen bewegen und mimische sowie gestische Höchstleistungen vollbringen. Um E-Boy zu werden, müsse man “nicht schlagfertig sein, wichtiger sind hohe Wangenknochen, vorteilhaftes Licht und genügend Follower. Dass diese Inszenierung feminin besetzt ist, scheint zufällig: einfach, weil es vor allem Frauen und Mädchen sind, die so erfolgreich inszeniert werden, die modelhaft-sanfte Pose aber genauso gut für die Zwecke der Jungs funktioniert.”

4. Rechtsradikale Vernetzung
(kontextwochenzeitung.de, Kai Stoltmann)
Neben WhatsApp gehört Telegram in Deutschland zu den beliebtesten Messengern. Die mit ihrer starken Verschlüsselung werbende Kommunikations-App erfreue sich auch in rechtsradikalen Kreisen großer Beliebtheit: In Stuttgart nutze eine Gruppe “Patrioten” die App für ihre rassistische Hetze.

5. Literatur ist ein Frühwarnsystem.
(planet-interview.de, Maren Schuster)
Literaturkritiker Denis Scheck hat jüngst seinen Kanon mit den 100 wichtigsten Werken der Weltliteratur (von “Krieg und Frieden” bis “Tim und Struppi”) vorgestellt. Im lesenswerten Gespräch mit “Planet Interview” geht es auch um die schwierige Frage der Trennung von Künstler und Werk: “Ich habe aus der Literatur gelernt, dass wir Ambiguitäten aushalten müssen. Das ist vielleicht das Wichtigste, was uns Literatur beibringen kann. Dass wir aufhören, in schwarz und weiß zu denken, dass wir die tausend Graustufen wahrnehmen.”

6. BR-Chefredakteur: Liebes Interview mit Markus Söder
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video: 1:05 Minuten)
“Nach einem ‘BR Extra’ geht es für BR-Chefredakteur Christian Nitsche und CSU-Chef Markus Söder mit dem Herzblatt-Hubschrauber nach Berlin ins Bundeskanzleramt.” Nach Ansicht des kurzen Interviewschnipsels kann man den Spott von Boris Rosenkranz gut verstehen. Hier kann es sich nur um Liebe handeln.

Keine Neonazis auf den Titel, Corona-Rassismus, Menschenrechtler Melzer

1. Ich war sehr gerne beim SPIEGEL und schätze die Kolleginnen und Kollegen sehr. Dennoch …
(twitter.com, Hasnain Kazim)
Der Autor, Journalist und ehemalige “Spiegel”-Korrespondent Hasnain Kazim kritisiert das aktuelle Höcke-Cover des Nachrichtenmagazins: “1. Wir heben keinen Neonazi auf den Titel, denn das normalisiert diese Leute, macht sie gesellschaftsfähig. 2. Bernd Höcke ist weder ein Dämon noch ein Demokrat. Sondern er ist einfach ein mieser kleiner Faschist. 3. Es ist nicht erst der ‘Flirt mit Höckes AfD’, der die Republik vergiftet, sondern die Tatsache an sich, dass Neonazis seit mittlerweile Jahren als akzeptable Stimme im demokratischen Meinungsspektrum gesehen werden. Aber wer Menschen wie mir wegen meiner Hautfarbe vorwirft, zum ‘schleichenden Volkstod der Deutschen’ und zum ‘Bevölkerungsaustausch’ beizutragen, bewegt sich weit jenseits des zivilisierten Miteinanders. 4. Wir heben keine Neonazis auf den Titel.”
Weiterer Lesehinweis: Der ehemalige “Spiegel”-Kolumnist Georg Diez schließt sich dem an: “Ich sehe das wie @HasnainKazim, ich war auch gern beim Spiegel, aber das, nach dieser Woche, als Belohnung für einen Faschisten, zeigt, wie wenig selbst Menschen in den Medien verstehen oder verstehen wollen, wie Medien, mediale Kommunikation, die mediale Demokratie funktioniert.”

2. Der Mann, der in Assange ein Folteropfer sieht
(sueddeutsche.de, Isabel Pfaff)
Wer ist dieser Nils Melzer, der als UN-Rechtsexperte neulich so deutliche Worte zum Fall des in Großbritannien inhaftierten Julian Assange fand? Isabel Pfaff schreibt über einen Diplomaten und Menschenrechtsexperten, der wohltuend undiplomatisch für Aufklärung sorgt — auch wenn ihn die Staaten immer wieder ohne echte Antworten abspeisen wollen.

3. Marietta Slomka ist unangenehm – und damit ein Vorbild
(dwdl.de, Hans Hoff)
Medienkolumnist Hans Hoff wünscht sich mehr TV-Moderatorinnen und -Moderatoren wie Marietta Slomka (“heute-journal” im ZDF). Sie sei auf positive Weise “unangenehm, weil sie schlicht und einfach zeigt, wie es zu gehen hat, wenn man als Anchor-Frau einer Nachrichtensendung vorsteht, die mehr will als nur Oberfläche abbilden. Das aber wirft ein trübes Licht auf ihre Mitbewerber. Schließlich stellt sich angesichts der vielen packenden Interviews, die Marietta Slomka führt, schon die Frage, warum das immer nur bei ihr so aufsehenerregend wirkt. Wer kann sich an das letzte wirklich kontroverse Gespräch bei den ‘Tagesthemen’ erinnern? Gab es das? Und wenn ja, warum ist es nicht im Gedächtnis geblieben?”

4. Facebook und Twitter wollen Pelosi-Fake-Video nicht entfernen
(spiegel.de)
Nachdem Donald Trump ein bösartig und irreführend zusammengeschnittenes Video über Oppositionsführerin Nancy Pelosi gepostet hat, verlangt diese von Twitter und Facebook die Löschung. Die Plattformen kommen dem jedoch nicht nach. Der Fall berührt mal wieder die Frage nach der Verantwortung der Sozialen Medien.

5. Rassismus in Corona-Nachrichten: “China ist keine Krankheit”
(derstandard.at, Doris Priesching)
In den Nachrichten über das Coronavirus gebe es oft verdeckten Rassismus, so die in Berlin lebende Autorin und Filmemacherin Sun-Jo Choi: “Viele Bilder, Titel und Aufmacher der letzten Tage spielen mit dem alten Bild der ‘gelben Gefahr aus dem Osten’. Da schlummert ein Rassismus, der aus kolonialen Zeiten des 19. Jahrhunderts stammt. Es wird suggeriert, dass alle Asiatinnen und Asiaten als infiziert gelten. Das ist eine rassistische Annahme.”

6. Und der Oscar für den meisten Dank geht an …
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Wem wurde bei den Oscars am häufigsten gedankt? Aufopferungsvoll ist Mats Schönauer dieser Frage nachgegangen und hat sich unzählige Dankesreden angehört. Das Resultat sind zwei toll aufbereitete Grafiken und ein überraschendes Ranking.

Ultimativ falsch

Heute ist Freitag, und damit läuft heute vermeintlich das Ultimatum des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ab, das dieser Syriens Machthaber Baschar al-Assad gestellt haben soll. Jedenfalls behaupten Bild.de und “Bild”-Redakteur Julian Röpcke so was:

Screenshot Bild.de - Ultimatum bis Freitag - Erdogan warnt Assad: Rückzug aus Idlib - oder es gibt Krieg!

Erneute Zuspitzung im Kampf um die syrische Provinz Idlib — letzte Rebellenhochburg gegen Assad und Heimat von mehr als drei Millionen Zivilisten.

Türkei-Präsident Recep Tayyip Erdogan stellte dem syrischen Diktator Baschar al-Assad am Mittwochmorgen ein Ultimatum von 48 Stunden: In dieser Frist soll der sich von allen belagerten türkischen “Observationspunkten” in der Region zurückzuziehen.

Bei anderen Medien heißt es hingegen, Erdoğans Ultimatum gelte bis Ende Februar. Die Nachrichtenagentur Reuters schreibt zum Beispiel:

Die Türkei stellt der syrischen Regierungsarmee ein Ultimatum zum Rückzug in der Provinz Idlib hinter die türkischen Beobachtungsposten. Sollten sich die syrischen Soldaten nicht bis Ende des Monats hinter diese Linie zurückgezogen haben, werde die Türkei sie zurücktreiben, drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Mittwoch.

Noch bevor er seinen falschen Artikel bei Bild.de veröffentlichte, verbreitete Röpcke auch bei Twitter das falsche Ultimatum. Mehrere Leute wiesen ihn auf den Fehler hin. Dennoch landete der heutige Freitag als vermeintliches Ultimatum in Röpckes Beitrag. Als dann die “Bild”-Politikredaktion diesen Beitrag bei Twitter verlinkte, wiesen erneut mehrere Leute auf den Fehler hin. Auch das brachte nichts.

Erst heute reagierte Julian Röpcke: Er löschte nach eigener Aussage “zwei Tweets”. Seinen Artikel bei Bild.de korrigierte er hingegen nicht — er steht nach wie vor falsch online.

Mit Dank an Luca für den Hinweis!

Nachtrag, 8. Februar: Bei Bild.de haben sie den Fehler korrigiert. In der Dachzeile steht nun: “ULTIMATUM GESTELLT”. Und im Artikel:

Türkei-Präsident Recep Tayyip Erdogan stellte dem syrischen Diktator Baschar al-Assad am Mittwochmorgen ein Ultimatum von drei Wochen: In dieser Frist soll der sich von allen belagerten türkischen “Observationspunkten” in der Region zurückzuziehen.

Am Ende des Beitrags gibt es einen Hinweis auf die Korrektur:

Nachtrag: In einer früheren Version des Artikels hatte es geheißen, ein Teil des Ultimatums beziehe sich auf Freitag, den 7. Februar. Dies ist nicht der Fall. Das Ultimatum Erdogans an Assad gilt vollumfänglich bis Ende Februar 2020.

Assange freilassen, Negativer Kaufpreis, Podcast-Millionäre

1. Julian Assange aus der Haft freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
In einem gemeinsamen Appell fordern zahlreiche bekannte Personen aus Politik, Kultur und Journalismus die Freilassung von Julian Assange: “Wir sind in großer Sorge um das Leben des Journalisten und Wikileaks-Gründers Julian Assange, der in kritischem Gesundheitszustand seit über einem halben Jahr im britischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in Auslieferungshaft sitzt. Wir unterstützen die Forderung des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen zum Thema Folter, Nils Melzer, nach einer umgehenden Freilassung von Julian Assange, aus medizinischen sowie aus rechtsstaatlichen Gründen.” Wer den Appell auch unterzeichnen möchte: Assange helfen.
Weiterer Lese- oder Hörhinweis: Im Deutschlandfunk spricht Christoph Sterz mit dem UN-Sonderberichterstatter für Folter Nils Melzer. Immer mehr Staaten würden versuchen, Whistleblower hart zu bestrafen, so Melzer: “Wenn in den USA sich so ein Präzedenzfall etabliert, dann wird das überhand nehmen in der Praxis.”

2. Geld hinterhergeworfen
(taz.de, Marco Carini & Peter Weissenburger)
Wie Sauerbier hat der Medienkonzern DuMont die “Hamburger Morgenpost” zum Kauf angeboten. Nun ist es soweit: Die traditionsreiche Boulevardzeitung geht an Arist von Harpe, den Marketingchef der Karriereplattform Xing. Und dem musste DuMont wohl einen Millionenbetrag in die Hand drücken, damit er das Blatt “kauft”. Das Ganze nennt sich euphemistisch “negativer Kaufpreis”.

3. Praxistipps: Mit Bildjournalismus und Fotografie zusätzliche Einnahmen generieren
(fachjournalist.de, Ralf Falbe)
Im “Fachjournalist” verrät Ralf Falbe, wie sich mit Bildjournalismus und Fotografie Geld verdienen lässt. Viele gute Anregungen und Tipps, die sich auch für Einsteigerinnen und Einsteiger eignen.

4. ARD bestätigt Ausstieg bei Burdas Medienpreis “Bambi”
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Nach annähernd einem Vierteljahrhundert steigt die ARD beim Medienpreis “Bambi” aus — das heißt, es wird zukünftig keine Live-Übertragung der Veranstaltung geben. Damit entgehen uns im TV Highlights wie die Verleihung des “Integrations-Bambis” an den zwielichtigen Unterwelt-Rapper Bushido.

5. On the record – Off the record
(arminwolf.at)
Armin Wolf nimmt ein Hintergrundgespräch des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz zum Anlass, die Unterschiede zwischen der amerikanischen, österreichischen und deutschen Praxis für derlei vertrauliche Gespräche zu erklären.

6. Podcast-Multimillionäre: Sind das die sechs einkommensstärksten Podcaster?
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Mit Podcasts lässt sich mittlerweile gutes Geld verdienen. In den USA gibt es bereits die ersten Podcast-Millionäre. Das Magazin “Forbes” hat ein Ranking der einkommensstärksten US-Podcaster und -Podcasterinnen erstellt. Roland Eisenbrand stellt einige ihrer Formate vor.

“Nordkurier” baut in der Gerüchteküche eine Moschee

Vergangene Woche große Aufregung in Neubrandenburg. Dort gebe es eine Großbaustelle, schrieb der “Nordkurier”, von der “offenbar kaum jemand weiß, was dort gebaut wird”. Von einer Moschee sei die Rede.

Screenshot Nordkurier.de: Wird in Neubrandenburg eine Moschee gebaut? - Seit Wochen gibt es eine Groß-Baustelle auf dem Neubrandenburger Datzeberg, von der offenbar kaum jemand weiß, was dort gebaut wird. Die Rede ist von einer Moschee.

Auf der Facebookseite des “Nordkuriers” war dieser Artikel einer der meistgeteilten des Tages. Viele Leserinnen und Leser waren wütend. “Das fehlt ja auch noch”, kommentierte einer. Oder: “So weit kommt das noch ,die Dinger könn die in der Wüste basteln .Wir brauchen hier keine illegalen Waffenlager .”

Dabei wusste die Redaktion die Antwort auf die Frage längst:

Recherchen des Nordkurier haben ergeben, dass dort keine Moschee entsteht, sondern eine Pflegeeinrichtung.

So steht es im Artikel — aber erst, nachdem der “Nordkurier” sich zwei Absätze lang der angeblichen “Geheimnistuerei rund um die Baustelle” und den Gerüchten irgendwelcher Leute gewidmet hatte.

Was die Redaktion als exklusives Ergebnis ihrer “Recherchen” verkauft, war übrigens keineswegs geheim, sondern seit Wochen öffentlich. Schon an Heiligabend meldete sich der Oberbürgermeister Neubrandenburgs bei Facebook mit einer Videobotschaft vom Datzeberg, in der er sagte:

Hier hinter mir kann man sehen: eine große Baustelle. Hier entsteht ein Seniorenheim.

“Herzlichen Glückwunsch, lieber Nordkurier, zur dämlichsten Überschrift dieses Jahres”, kommentiert ein anderer Leser. “Bitte stellt euch nicht mehr unschuldig, wenn in euren Kommentarbereichen der Hass brodelt, denn ihr zündelt munter mit. Das ist unverantwortlich und hat nichts mit seriöser Medienarbeit zu tun!”

Aber es klickt sich doch so gut!

Erst im April vergangenen Jahres titelte der “Nordkurier”:

Screenshot Nordkurier.de: Wird eine Moschee im Reitbahnviertel gebaut? - In einer Baracke am Neubrandenburger Reitbahnsee sind muslimische Gottesdienste in einem Gebetsraum möglich. Wird dort nun auch der Bau einer Moschee genehmigt?

Auch damals: hunderte Kommentare, viele Likes und Shares und vor allem jede Menge Wut. Und auch damals kannte der “Nordkurier” die Antwort längst, hielt es aber nicht für nötig, sie in Überschrift oder Teaser zu erwähnen. Denn:

Alles Quatsch, so die Zusammenfassung einer Nachfrage im Neubrandenburger Rathaus.

Mit Dank an R. für den Hinweis.

Kaufbares Klimaleugner-Institut, Angeschossene Funkhäuser, Hoaxfibel

1. Das Heartland Institute: Wie US-Klimaleugner Politik in Europa machen
(correctiv.org, Annika Joeres & Susanne Götze)
Undercover bei den Klimawandelleugnern: “Frontal 21” (ZDF) und “Correctiv” haben verdeckt zur Strategie des sogenannten Heartland Institute recherchiert, einer der wichtigsten Lobbygruppen in der Szene der Klimawandelleugner. Hinter dem dubiosen Institut stecke wohl vor allem das Geld von Kohle- und Erdölindustrie. Für die Investigativrecherche hat “Correctiv” eine fiktive PR-Agentur gegründet und sich als angebliche Auto- und Kohle-Lobbyisten ausgegeben — um herauszufinden, ob und wie man sich bei dem Institut Agitation gegen Umweltschutz und den menschengemachten Klimawandel erkaufen kann, samt dazugehöriger Stimmen aus der Wissenschaft. Eine erschütternde und lesenswerte Recherche, die “zeigt, wie das US-amerikanische Heartland Institute Leugner des Klimawandels in Deutschland unterstützt, um Maßnahmen zum Klimaschutz zu untergraben. Undercover lernen wir den Chefstrategen des Instituts kennen: James Taylor. Er wird uns erzählen, wie das Netzwerk der Klimawandelleugner funktioniert, wie Spenden verschleiert werden und wie sie eine deutsche, AfD-nahe Youtuberin nutzen wollen, um ‘die Jugend’ zu erreichen.”
Der dazugehörige “Frontal 21”-Bericht ist in der ZDF-Mediathek zu sehen (ab Minute 24:08).

2. Sollten wir alle in Panik verfallen? Ich bitte um Handzeichen!
(uebermedien.de, Jürn Kruse)
Jürn Kruse hat sich die neue Talkshow von “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt und dessen fehlgeschlagene Bemühung um mehr Empörung angeschaut: “Wenn die Diskutierenden in ‘Hier spricht das Volk’ die normalen Menschen sind, wie Reichelt sagt, ‘ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft, ein Querschnitt durch Deutschland’, dann bildet seine Zeitung diese Gesellschaft nicht mehr ab. Dann hat ‘Bild’ den Großteil unserer Gesellschaft verloren. Dann bleibt ihr nur noch der Rand.”

3. Sieben Statistiken zum Journalismus und zum Geschäft der Republik
(republik.ch, Oliver Fuchs & Thomas Preusse)
Das von rund 19.000 Unterstützerinnen und Unterstützern getragene Schweizer Online-Magazin “Republik” lässt sich in die Karten schauen: Woher kommt die Leserschaft? Wann wird “Republik” gelesen? Wie gewinnt man Mitglieder, und wie hält man sie bei der Stange? Und welche der Recherchen und Analysen wurden am meisten aufgerufen?
Weiterer Lesehinweis: Zehn Learnings aus zwei Jahren Republik.

4. Das waren 2019 die beliebtesten Magazine im Netz
(horizont.net, David Hein)
Der Flatrate-Digitalkiosk Readly bietet mehr als 4.000 Magazine zur Lektüre an. Doch auf welche Inhalte stürzen sich Leser und Leserinnen am liebsten? Es ist ein Hang zum Seichten zu erkennen: Zu den beliebtesten Magazinen bei Readly würden Technik- und Autozeitschriften sowie Klatschblätter zählen. Die beliebteste Kategorie sei vergangenes Jahr “Stars & Entertainment” gewesen.

5. Angeschossene Funkhäuser: Die sieben größten Probleme von ARD und ZDF
(rnd.de, Imre Grimm)
Für ARD und ZDF brechen schwierige Zeiten an: Der Spardruck wachse, die Kritik am Rundfunkbeitrag werde lauter, und den Sendern laufe die junge Generation davon. Imre Grimm beschreibt die sieben größten Probleme der Öffentlich-Rechtlichen.
Weiterer Lesehinweis: Der Deutschlandfunk hat mit dem ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow gesprochen: “Rundfunkanstalten müssen Prioritäten setzen” (deutschlandfunk.de, Christoph Sterz, Audio: 10:05 Minuten).

6. “Verschwörungsideologien und Fake News – erkennen und widerlegen” (Kostenlose Broschüre)
(dergoldenealuhut.de, Giulia Silberberger)
Giulia Silberberger und Rüdiger Reinhardt vom “Goldenen Aluhut” haben eine Fibel über Hoaxes, “Fake News” und Verschwörungstheorien zusammengestellt. Die Online-Version der Broschüre steht ab sofort zum kostenlosen Download bereit (PDF), die Printversion soll Mitte Februar folgen.

Hier spricht Julian Reichelt – und erzählt ziemlichen Unsinn

Schon die Ankündigung von “Bild”-Chef Julian Reichelt ist völlig daneben:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Ab morgen bei Bild: Hier spricht das Volk – die erste Talkshow, in der ganz normale Menschen der Politik sagen, was sie wirklich bewegt.

Das ist WIRKLICH Unsinn, den Reichelt zu seiner neuen Sendung “Hier spricht das Volk”, die seit gestern bei Bild.de läuft, verbreitet.

Ein Talk-Format, in dem “ganz normale Menschen der Politik sagen, was sie WIRKLICH bewegt”, ist nun wahrlich keine Erfindung, die auf die “Bild”-Redaktion zurückgeht. Im deutschen Fernsehen gibt es davon bereits etliche, teilweise seit fast einem halben Jahrhundert: Im WDR läuft “Ihre Meinung”, im SWR “mal ehrlich”, im MDR der “Fakt ist! Bürgertalk”, im hr “Jetzt mal Klartext”, im rbb “Wir müssen reden!”, bei Phoenix eine Sendung, die ebenfalls “Wir müssen reden” heißt, und im BR “Jetzt red i”, das es seit 1971 gibt.

Aber Julian Reichelt hat laut Julian Reichelt natürlich etwas ganz, ganz Neues kreiert.

Schon im Oktober, bei der Ankündigung seiner TV-Pläne, erzählte der “Bild”-Chef diesen Unfug, dass er und seine Redaktion Dinge zeigen werden, über die andere Fernsehsender, vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, gar nicht berichten würden:

Ich frage mich: Wo findet die Realität, die wir auf der Seite 2 von “Bild” abbilden, im Fernsehen statt? Etwa, dass Menschen, die 40 Jahre gearbeitet haben, jetzt Flaschen sammeln müssen.

Und:

Reichelt: Exklusive News zeigen und emotionale Geschichten erzählen. Man kann natürlich sagen, das bieten andere auch schon. Die Wahrheit ist: Die meisten Fernsehsender machen das, was wir uns vorstellen, eben nicht. Aus dem brennenden Amazonasgebiet, so wie wir zuletzt, sendet nicht jeder.

SPIEGEL: Vielleicht nicht mit acht Reportern wie “Bild”, aber etliche Sender haben durchaus direkt vor Ort berichtet.

Reichelt: Ja, aus dem Hotelzimmer. Aber nicht mit mehreren Teams, die im brennenden Regenwald stehen und mit Menschen reden, um die herum alles gerodet wird. Ich habe nicht das Gefühl, dass es diese menschliche Geschichte im Nachrichtenangebot gab.

Selbstverständlich standen Reporterinnen und Reporter verschiedener Fernsehsender “im brennenden Regenwald” und redeten “mit Menschen, um die herum alles gerodet wird.” Und selbstverständlich haben schon etliche Fernsehsender, auch und vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, über Menschen berichtet, die “Flaschen sammeln müssen.” Aber was interessieren Julian Reichelt schon Fakten, wenn er da so ein “Gefühl” hat?

Mittlerweile gibt es zu “Hier spricht das Volk” erste Kritiken:

Verfangen also womöglich Rainer Wendts Es-ist-so-schlimm-wie-damals-bei-der-RAF-Warnungen vor linker Gewalt doch nicht? Ist die Sorge vor dem bösen Messerstecher vielleicht doch nicht so riesig? Gibt es vielleicht doch auch inhaltliche Gründe, warum die “Bild” innerhalb eines Jahres 10 Prozent ihrer Auflage verloren hat (und liegt es nicht nur daran, dass die Leute einfach immer weniger gedruckte Zeitungen lesen)? Tragen die “Bild”-Leser*innen vielleicht gar nicht so viel Angst und Hass und Wut in sich wie die “Bild”-Macher*innen?

Wenn die Diskutierenden in “Hier spricht das Volk” die normalen Menschen sind, wie Reichelt sagt, “ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft, ein Querschnitt durch Deutschland”, dann bildet seine Zeitung diese Gesellschaft nicht mehr ab. Dann hat “Bild” den Großteil unserer Gesellschaft verloren. Dann bleibt ihr nur noch der Rand.

Reichelt fragt, ob die Bundestagsabgeordneten zu gut bezahlt werden, und die 15 [Talk-Gäste] antworten, es käme drauf an. Reichelt fragt, wer ein Messer mit sich führe — und es hat niemand eines dabei. Er fragt den anwesenden Polizisten mit dem sympathischen Vornamen Niels, wie es denn so sei mit der Messergewalt im Lande und bekommt zur Antwort, die sei nicht gestiegen. Das Volk der 15 fühlt sich auch nicht “unsicherer als früher”, und eine junge Frau sagt auf die Frage, ob sie sich denn noch nachts in die öffentlichen Verkehrsmittel traue: “Ja, sicher!” (…)

Die Antworten sind also vernünftiger als die Fragen. Darin liegt der konzeptionelle Fehler der Sendung: Das Volk kommt zu Wort, nachdem Julian Reichelt es ihm erteilt hat, um auf eine Frage zu antworten, die ihn interessiert und solange sie ihn interessiert — und das ist arg kurz.

Schnell lässt sich durchschauen, dass ein großer Teil der Fragen, die Julian Reichelt an das vermeintliche “Volk” richtet, in Wahrheit Suggestivfragen sind, die die Antwort bereits vorwegnehmen sollen — das erklärt vielleicht auch, weshalb den eigentlichen Antworten so wenig Platz eingeräumt wird, denn so recht drauf anspringen wollten die Diskutanten darauf nicht. Am Ende bleibt der Eindruck, als gehe es Julian Reichelt in erster Linie um Bestätigung der eigenen Ansichten. Bleibt die Bestätigung aus, folgt einfach das nächste Thema.

Dazu kommt, dass eine gute Diskussion schon alleine durch die Sitzordnung verhindert wird. Weil Reichelts Gesprächspartner in zwei Reihen hintereinander sitzen, bedarf es mitunter einer gewissen Gelenkigkeit, um mit dem Hintermann ins Gespräch zu kommen. Einzig Julian Reichelt hat alles gut im Blick. Er, der Chefredakteur, auf der einen Seite, die “ganz normalen Menschen” auf der anderen. Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte.

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