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Zwei “Bild”-Autoren auf falscher Wackelrecherche

Man kann sich völlig korrekt verhalten, nichts falsch machen, den Gesetzen entsprechend handeln – und dennoch landet man am Pranger der “Bild”-Redaktion.

Am vergangenen Montag in der Bundesausgabe der “Bild”-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Radfahrerin, was machst du da mit den Kindern?
(Gesichter der Kinder und der Mutter von “Bild” verpixelt, weitere Verpixelung durch uns.)

Und auch Bild.de berichtete:

Screenshot Bild.de - Irrer Transport mitten in Frankfurt - Drei Kinder auf Muttis Wackelrad

Zum “irren Öko-Eltern-Taxi” schreiben die zwei Autoren:

Mit drei kleinen Kindern auf dem Gepäckträger strampelt diese Mutter wackelig auf dem Drahtesel über die Eschersheimer Landstraße, eine der am stärksten befahrenen Verkehrsschlagadern in Frankfurts Stadtteil Nordend.

Bei “Bild” fühlen sie sich sogar, igittigitt, ans Ausland erinnert:

Es sind Bilder, die man sonst nur aus Thailand oder Indien kennt: völlig überladene Fahrräder. Dort stapeln sie aber meist Waren und nicht kleine Kinder.

Hier sitzen drei Kinder hinter der Fahrerin in einem Rohr-Rahmen. Erlaubt ist dieser neue Fahrradtyp zum Kindertransport. Für 1-2, so zeigen es Hersteller auf ihren Internetseiten.

Diese Behauptung ist schlicht falsch. Bei dem Fahrrad auf dem Foto handelt es sich um ein Lastenrad der Firma Yuba, Modell “Mundo LUX”. Das hat laut Herstellerangaben “Platz für bis zu zwei Teenager oder drei Kinder”. Der von den “Bild”-Autoren erwähnte “Rohr-Rahmen” ist eine offizielle Erweiterung mit dem Namen “Monkey Bars”. Auch dazu schreibt der Hersteller: “Das Kindergeländer ist für bis zu drei Kinder konzipiert”. Also: alles in Ordnung “auf dem Drahtesel”.

Das sieht das “Bild”-Duo anders:

Die Straßenverkehrsordnung kennt so einen Fall gar nicht! Ist es schon völlig verboten, ein Kind ohne Kindersitz auf dem Gepäckträger mitzunehmen, aber gleich drei – dafür fehlte den Gesetzgebern die Vorstellung.

Auch das stimmt nicht. In der Straßenverkehrs-Ordnung gibt es sehr wohl eine Stelle, die die Mitnahme von Kindern auf einem Fahrrad beziehungsweise Lastenrad regelt. In Paragraph 21, Absatz 3 findet man zwei Voraussetzung: Die Person, die das Rad fährt, muss mindestens 16 Jahre alt sein, und das Rad muss “zur Personenbeförderung gebaut und eingerichtet” sein:

Auf Fahrrädern dürfen Personen von mindestens 16 Jahre alten Personen nur mitgenommen werden, wenn die Fahrräder auch zur Personenbeförderung gebaut und eingerichtet sind. Kinder bis zum vollendeten siebten Lebensjahr dürfen auf Fahrrädern von mindestens 16 Jahre alten Personen mitgenommen werden, wenn für die Kinder besondere Sitze vorhanden sind und durch Radverkleidungen oder gleich wirksame Vorrichtungen dafür gesorgt ist, dass die Füße der Kinder nicht in die Speichen geraten können.

Ganz am Ende ihres Artikels haben die “Bild”-Autoren auch noch einen sehr “Bild”-typischen Vorschlag für die “Öko-Eltern-Taxi”-Mutter, die sie fälschlicherweise an den Pranger stellen:

Für solche Transporte gibt es übrigens ein anderes und völlig legales Fortbewegungsmittel: ein Auto.

Mit Dank an Thomas B. für den Hinweis!

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“Bild” schlägt “IMPF-ALARM”

Es gibt Themen, bei denen mag es zwar ärgerlich sein, aber nicht ganz so schlimm, wenn Medien etwas zu sehr zuspitzen und übertreiben – etwa bei der Frage, ob dieser eine Sänger sich wirklich den Hintern hat liften lassen, oder ob im “Sommerhaus der Stars” die eine tatsächlich dasunddas zu dem anderen gesagt hat. Dann aber gibt es Themen, bei denen es enorm wichtig ist, dass Medien sorgfältig, genau und besonnen berichten und nicht nur auf den nächsten “SCHOCK” oder “ALARM” aus sind. Zum Bespiel wenn es um das Coronavirus und die Suche nach einem Impfstoff dagegen geht, also um die Gesundheit der Menschen und um Ängste und Sorgen.

In der “Bild”-Redaktion sieht man das mit der Besonnenheit offenbar etwas anders:

Ausriss Bild-Titelseite - Impfstoff-Schock! Versuchsperson erkrankt - Wichtige Corona-Tests gestoppt - Spahn hatte schon 54 Millionen Dosen reserviert - Was das für Deutschland jetzt bedeutet

… titelt die “Bild”-Zeitung heute. Und bei Bild.de haben sie, damit sich wirklich niemand keine Sorgen macht, auf der Startseite die Großbuchstaben ausgepackt:

Screenshot Bild.de - Impfstoff-Schock! Was der Test-Stopp für Deutschland bedeutet

Das Pharmaunternehmen AstraZeneca, das in Kooperation mit der Universität von Oxford an einem Impfstoff gegen das Coronavirus arbeitet, lässt seine klinische Studie ruhen. Bei einem Probanden könnte es eine schwere Nebenwirkung gegeben haben. Ob die Erkrankung, einem unbestätigten Bericht der “New York Times” zufolge eine Entzündung des Rückenmarks, tatsächlich mit der Impfung zu tun hat, muss allerdings noch geklärt werden.

Nun könnte man über den pausierten Test bei AstraZeneca sachlich und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit berichten. Man könnte beispielsweise direkt klarstellen, dass es sich laut Experten in einer derartigen Situation nicht um eine außergewöhnliche Entscheidung handele. Die “Süddeutsche Zeitung” etwa schreibt schon im Teaser, dass dies “kein alarmierender Schritt” sei. Man könnte diese Entscheidung sogar als positives Zeichen deuten, schließlich zeigt sie, dass es dem Pharmaunternehmen nicht nur um Schnelligkeit, sondern auch um Sicherheit bei der Entwicklung des Impfstoffs geht.

Stattdessen kann man natürlich auch Angst verbreiten, indem man “IMPF-ALARM” schlägt:

Ausriss Bild-Zeitung - Impf-Alarm - Das bedeutet der Test-Stopp für Deutschland

“Es war DIE große Hoffnung, mit der wir das Corona-Virus besiegen wollten”, schreiben die “Bild”-Medien gleich zu Beginn, als wäre DIESE Hoffnung nun völlig dahin und der Kampf gegen das Coronavirus zu Ungunsten der Menschheit entschieden. “Beunruhigend” sei das alles.

Am Ende des “Bild”-Artikels bleibt vom “SCHOCK” und vom “ALARM” allerdings gar nicht mehr viel übrig. Die letzte Frage “Wird es überhaupt noch in diesem Jahr einen Impfstoff geben?” beantwortet die Redaktion mit: “Vermutlich ja.” Das erfährt aber nur, wer entweder die gedruckte “Bild”-Zeitung kauft und reinschaut oder wer ein “Bild plus”-Abo hat und hinter die Paywall gucken kann. Für alle anderen bleibt nur der “SCHOCK”.

  • Wenn andere im Zusammenhang mit Corona “Alarm” schlagen, findet die “Bild”-Redaktion das übrigens ziemlich schädlich.

Gesehen bei @andreaspetzold.

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“Bild”-Anlagetipps gehen “weiter steil” – bloß in welche Richtung?

Vorgestern bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Diese sechs Aktien sind jetzt Gold wert - Apple, Tesla und vier Geheim-Favoriten

Die “FINANZ-DIVA” schreibt exklusiv für alle mit “Bild plus”-Abo über die Anlagemöglichkeiten bei Tesla:

Dennoch lautet die Perspektive: Tesla geht weiter steil! Erst recht im September

Der Höhenflug wird sich vor allem bis zur Hauptversammlung bemerkbar machen.

Ein schöner Kurszuwachs von 40 Prozent sollte bei Tesla zumindest bis zum 22.9. locker drin sein

Heute bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Schlag für Elon Musk - Tesla Wert um 80 Milliarden Dollar eingebrochen!

Geht Teslas aufgeladener Aktienrallye der Saft aus?

Während Elon Musk sich in Deutschland mit VW-Vorstand Herbert Diess traf und eine Testfahrt mit Volkswagens neuem Elektroauto “ID.3” machte, brachen die Aktien seiner eigenen E-Wagenschmiede am Dienstag um mehr als 20 Prozent ein. 80 Milliarden Dollar Wert verpufft – an einem Tag!

Hups.

Klar, es ist weiterhin möglich, dass die Tesla-Aktie den von der “FINANZ-DIVA” ausgegebenen Zuwachs bis zum 22. September noch “locker” erreicht. Allerdings wäre nach dem jüngsten Kurseinbruch dafür nicht mehr “ein schöner Kurszuwachs von 40 Prozent” nötig, sondern ein noch schönerer von 75 Prozent.

In dem Bild.de-Artikel über die “6 Aktien”, die “jetzt Gold wert” seien, findet man noch diesen Hinweis:

Haftungsausschluss & Disclaimer: Die Inhalte auf bild.de wollen keine spezifischen Anlageempfehlungen geben und enthalten lediglich allgemeine Hinweise. Autoren, Herausgeber und die zitierten Quellen haften nicht für etwaige Verluste, die aufgrund der Umsetzung ihrer Gedanken und Ideen entstehen.

Und das gilt ja auch ganz generell: Um “Gedanken und Ideen”, auf die man bei Bild.de stößt, sollte man besser einen großen Bogen machen.

Mit Dank an Ralf F. und Uwe für die Hinweise!

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Berichterstattung aus Solingen: “Bild”-Chef erkennt keine Fehler

“Bild”-Chef Julian Reichelt hat eine Verteidigungsstrategie entworfen, mit der er derzeit versucht zu rechtfertigen, wie seine Redaktion aus Solingen berichtet hat, und die geht so: Die da haben das aber auch gemacht. Die da, das sind einerseits RTL und andererseits die Ermittlungsbehörden.

Reichelts Team hatte vergangene Woche bei Bild.de einen inzwischen gelöschten Artikel veröffentlicht, in dem ein Zwölfjähriger über private WhatsApp-Nachrichten eines elfjährigen Freundes spricht. Fünf Geschwister des Elfjährigen wurden kurz zuvor getötet. Bild.de zeigte auch einen Screenshot dieser Nachrichten, sogar auf der Startseite. Außerdem berichtete der Zwölfjährige von einem Telefonat mit seinem Kumpel. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Reichelt gestern:

Und wir orientieren uns natürlich auch daran, was zum Beispiel Ermittlungsbehörden tun und wie sie mit so einem Fall verfahren. Und in diesem Fall war es zum Beispiel so – das ist in der Berichterstattung oder in der Meinungsäußerung über Bild in den letzten Tagen ein bisschen verloren gegangen – dass auch die Polizei auf ihrer Pressekonferenz, aus dem Chat, oder aus einem Chat, den es gegeben hat, mit diesem überlebenden Jungen, dem unser tiefes, tiefes Mitgefühl gilt, Chats von diesem Jungen thematisiert hat und aus diesen Chats zitiert hat. Also, nicht nur wir sind zu der Einschätzung gelangt, dass diese Nachrichten, die dort im Verlauf dieser Katastrophe, kann man ja sagen, geschrieben wurden, von überragendem Interesse sind, sondern auch die Ermittlungsbehörden. Dort hat der Leiter der Ermittlungsgruppe auf der Pressekonferenz eben thematisiert, was der überlebende Junge aus dieser Familie in einem schulischen Gruppenchat geschrieben hat.

Immer wieder bezieht sich Julian Reichelt in dem Gespräch auf das Verhalten der Ermittlungsbehörden: Das, was seine “Bild”-Redaktion gemacht hat, sei eigentlich nicht viel anders gewesen als das, was Staatsanwaltschaft und Polizei bei der Pressekonferenz gemacht haben.

Wer nun glaubt, die Ermittlungsbehörden hätten bei der Pressekonferenz in Solingen den privaten Chatverlauf zwischen dem Elf- und dem Zwölfjährigen ausgedruckt und den anwesenden Journalistinnen und Journalisten in die Hände gedrückt oder einen Zwölfjährigen auf die Bühne gezerrt, der dann vom Inhalt des Telefonats mit seinem Freund berichtete, sollte sich die Pressekonferenz angucken.

Zu Beginn der PK zeichnet Einsatzleiter Robert Gereci einen Zeitstrahl nach und sagt dabei:

Gegen 14:08 Uhr ging bei uns der Hinweis ein, dass der Sohn, der Sohn […], der für uns noch nicht lokalisiert war, in einem schulischen Gruppenchat mitgeteilt habe, dass all seine Geschwister tot seien.

Das ist alles. Das ist das Fundament für Reichelts großes Ablenkungsmanöver. Mehr sagen Polizei und Staatsanwaltschaft bei der Pressekonferenz nicht zu den WhatsApp-Chats des Jungen. Es geht um eine Nachricht (und nicht um “Nachrichten”, wie Reichelt behauptet) in einem Chat (und nicht in “Chats”, wie Reichelt teilweise behauptet), die nicht direkt zitiert wird und deren Inhalt nicht über das hinausgeht, was sowieso schon alle Anwesenden bei der Pressekonferenz wussten.

Bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft sagt man uns auf Nachfrage, dass man der Argumentation des “Bild”-Chefs nicht so recht folgen könne. Man habe bewusst nicht direkt zitiert. Man habe bewusst keinen direkten Empfänger genannt. Das sei vor allem wegen der Privatsphäre und der Vertraulichkeit des Inhalts der Ermittlungsakte so geschehen. Der Informationsanspruch der Öffentlichkeit habe bei den WhatsApp-Nachrichten des Kindes aus Sicht der Ermittlungsbehörden nicht überwogen.

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Julian Reichelt wirft noch eine zweite Nebelkerze. Bereits vor “Bild” hatte auch RTL den Zwölfjährigen interviewt, der vor der Kamera über die WhatsApp-Nachrichten seines elfjährigen Freundes sprach. In einer internen Mitteilung an seine Belegschaft, in der er zur massiven Kritik an dem Bild.de-Artikel Stellung nimmt, schreibt Reichelt:

Wichtig ist mir noch ein Punkt: Als wir über diese Geschichte berichtet haben, war sie schon millionenfach gesehen, gelesen, angeklickt. Wir haben berichtet, was längst bekannt war. Der Zorn richtet sich gegen “Bild”, aber eine “Bild”-Geschichte war das nicht.

Gemeint sind die Beiträge von RTL und RTL.de. Der Gedanke dahinter muss sein: Weil dort das alles schon gelaufen ist, konnte “Bild” ja gar nicht anders und musste sich geradezu an ein Kind heranwanzen, um an private WhatsApp-Nachrichten eines anderen Kindes, das gerade fünf Geschwister verloren hatte, zu kommen. Wenn vorher schon RTL berichtet hat, gehört es bei “Bild” offenbar zur Chronistenpflicht, einen Screenshot dieses WhatsApp-Chats zu veröffentlichen und dem Zwölfjährigen noch ein paar Details zu einem Telefonat mit seinem verzweifelten Freund zu entlocken.

Julian Reichelt sagte mal über sich selbst:

Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.

Das setzt natürlich voraus, eigene Fehler überhaupt erkennen zu wollen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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“Bild” zeigt private WhatsApp-Nachrichten eines Kindes, dessen Geschwister gerade getötet wurden

In einer Wohnung in Solingen hat die Polizei vorgestern die Leichen von fünf Kindern gefunden. Laut Staatsanwaltschaft sollen sie betäubt und erstickt worden sein. Als Verdächtige gilt die Mutter der fünf Geschwister, gegen sie wurde ein Haftbefehl erlassen. Ein sechstes Kind, ein ElfJähriger, soll zur vermuteten Tatzeit in der Schule gewesen sein. Der Junge lebt.

Viele Medien berichten über den Fall. Manche seriös und nachrichtlich, andere geschmacklos und boulevardesk. Besonders eklig ist das Vorgehen der “Bild”-Medien. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, private WhatsApp-Nachrichten des ElfJährigen publik zu machen, die dieser verfasst haben soll, nachdem er vom Tod seiner fünf Brüder und Schwestern erfahren hat.

Ein paar unserer Beobachtungen zur “Bild”-Berichterstattung.

Noch am Donnerstagabend zeigt Bild.de ein unverpixeltes Foto der Mutter auf der Startseite. Dazu die Schlagzeile: “Drama in Solingen (NRW) – Sie soll ihre fünf Kinder getötet haben”. Inzwischen wird die Frau nur noch mit einem schmalen schwarzen Balken über den Augen gezeigt.

Am nächsten Morgen ist auf der “Bild”-Titelseite von “soll” oder einem Verdacht schon nichts mehr zu lesen. Stattdessen der Urteilsspruch der “Bild”-Richter:

Ausriss Bild-Titelseite - Drama in Solingen - Mutter (27) tötet ihre fünf Kinder

Auch auf der heutigen Seite 1 der “Bild”-Zeitung steht bereits alles fest:

Ausriss Bild-Titelseite - Von ihrer eigenen Mutter (27) betäubt und erstickt - Das Todes-Drama um die fünf Kinder von Solingen
(Augenbalken von “Bild”, weitere Unkenntlichmachung durch uns.)

Im Blatt heißt es: “Sie deckte den Frühstückstisch, dann erstickte sie ihre Kinder”.

Doch zurück zum Freitag. Am Vormittag ferndiagnostiziert im Studio von “Bild TV” ein Profiler die Motive der Mutter und erzählt vom “typischen Profil solcher Täterinnen”. Reporterinnen und Reporter von “Bild” sind in Solingen vor Ort, stürzen sich auf Nachbarinnen oder Bekannte der Familie. Manche von ihnen sind ziemlich redselig.

Am Freitagabend dann der bisherige Tiefpunkt der grässlichen “Bild”-Berichterstattung:

Screenshot Bild.de - Freund Name von uns unkenntlich gemacht telefonierte mit dem Sohn, der überlebte
(Diese und alle folgenden Unkenntlichmachungen im Beitrag durch uns.)

Die Verdächtige soll sich nach der Tat mit ihrem elfjährigen Sohn getroffen, ihm vom Tod der Geschwister erzählt und ihn zur Großmutter geschickt haben. Auf dem Weg dorthin soll der Junge mehreren Freundinnen und Freunden bei WhatsApp geschrieben beziehungsweise Sprachnachrichten geschickt haben. Einen dieser Freunde hat sich “Bild” geschnappt. Die Redaktion lässt den Jungen, der gerade mal zwölf Jahre alt ist, erzählen, was ihm sein Kumpel alles anvertraut hat:

In BILD schildert […], was er über die tödliche Tragödie in der Familie seines besten Freundes […] weiß.

Die “Bild”-Redaktion benutzt ein Kind, um an private Aussagen eines anderen Kindes zu kommen. Ihr scheint dabei völlig egal zu sein, in was für einer grausamen Situation sich der Elfjährige befindet. Rücksichtslos veröffentlicht sie Zitate aus dem Telefonat der zwei Jungen. Sie zeigt auch einen Screenshot der WhatsApp-Unterhaltung der beiden – die Nachrichten des Elfjährigen seien “ein Schmerzensschrei und Hilferuf, wie sie schrecklicher nicht sein können.” Das alles passiert offenbar mit Einwilligung der Mutter des Zwölfjährigen. Die “Bild”-Redaktion schreibt extra, als wüsste sie genau, wie verwerflich ihr Vorgehen wirkt:

[…] ist 12 Jahre alt und bekam die erschütternde WhatsApp-Nachricht. Bei dem Interview mit BILD war die ganze Zeit seine Mutter anwesend

Als würde die Anwesenheit der Mutter das alles rechtfertigen; als würde eine Redaktion jegliche Verantwortung abgeben, nur weil sie jemanden gefunden hat, der bereit ist, intimste Nachrichten eines vermutlich traumatisierten, verzweifelten Kindes, das gerade alle fünf Geschwister verloren hat, öffentlich zu machen. Wie menschenverachtend kann eine ganze Redaktion sein? Sitzt dort wirklich niemand, der oder die in so einer Situation protestiert: “Nee, Leute, das können wir nun wirklich nicht machen”?

Stattdessen nutzt die “Bild”-Redaktion die schreckliche Situation des Kindes auch noch, um ein bisschen Geld zu verdienen: Sie hat den Artikel mit den WhatsApp-Nachrichten und den Details zum Telefonat hinter die “Bild plus”-Bezahlschranke gestellt. In der “Bild”-Leserschaft scheint es leider genug Leute zu geben, die richtig scharf auf solchen Stoff sind:

Screenshot Bild.de - Top Bild-plus-Artikel - Platz 1: Mutter tötete fünf ihrer Kinder - Name telefonierte mit dem Sohn, der überlebte

Nachtrag, 13:52 Uhr: Die Berichterstattung von RTL und RTL.de ist leider kein Stück besser. Online sind Fotos der Mutter ohne irgendeine Unkenntlichmachung zu sehen. Auch RTL, seit rund eineinhalb Jahren inhaltlich von der ehemaligen “Bild”-Chefredakteurin Tanit Koch verantwortet, hat Reporterteams in Solingen vor Ort. Eine Reporterin hat ebenfalls mit dem Zwölfjährigen ein Interview geführt, in dem dieser von den privaten Nachrichten seines elfjährigen Freundes erzählt. Diese Nachrichten werden bei RTL.de auch zitiert. Der Zwölfjährige ist unverpixelt zu sehen, sein vollständiger Name wird eingeblendet. Es gibt allerdings einen Unterschied zur Berichterstattung bei Bild.de: Bei RTL sagt der Zwölfjährige, dass er zwar bei dem Elfjährigen angerufen habe, aber eine andere Person den Anruf angenommen habe – er also gar nicht mit seinem Freund am Telefon gesprochen habe. Das würde der Bild.de-Schlagzeile “Freund […] telefonierte mit dem Sohn, der überlebte” und einigen Behauptungen im dazugehörigen Artikel widersprechen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bei Bild.de hat Respektlosigkeit Tradition

Auf der Insel North Sentinel im Indischen Ozean leben die Sentinelesen, eines der letzten von der Außenwelt gänzlich isolierten indigenen Völker. Den Kontakt mit Außenstehenden lehnen sie ab. Im rund 55 Kilometer Luftlinie entfernten Port Blair, einige Inseln weiter östlich, gab es kürzlich mehrere Corona-Fälle.

Darüber berichtete gestern auch Bild.de. Die Redaktion hat sogar mit einem Vertreter der Menschenrechtsorganisation Survival International gesprochen, die sich allgemein für indigene Völker und speziell für die Sentinelesen einsetzt:

Niklas Ennen von der Menschenrechtsorganisation Survival Internaltional [sic] sagt zu BILD: “Von einer Corona-Infektion auf der Insel der Sentinelesen gibt es bislang noch keine gesicherten Hinweise. In einer gefährlichen Situation befinden sich aber alle unkontaktierten Völker, für die ein Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft lebensbedrohlich sein kann.”

Auch die Sentinelesen seien “extrem anfällig für eingeschleppte Krankheiten”, so Ennen. Während einer globalen Pandemie sei “das Risiko einer folgenschweren Infektion noch größer.” Daher brauche es eine “angemessene Überwachung” der um North Sentinel herum befindlichen Gewässer. Und dann, schreibt Bild.de, habe Ennen über die Sentinelesen noch gesagt:

“Wir versuchen den Begriff ‘Steinzeitmenschen’ zu vermeiden, da er suggeriert dass diese Menschen einer früheren Entwicklungsstufe angehören. Das stimmt aber nicht. Auch indigene und unkontaktierte Völker entwickeln sich – wenn auch in einer anderen Art und Weise, als wir dies tun.”

Welche Überschrift hat die “Bild”-Redaktion wohl für ihren Artikel gewählt, in dem sich dieser Appell gegen die respektlose Bezeichnung befindet? Genau:

Screenshot Bild.de - Indigene Völker in Gefahr - Auch das noch – Corona-Alarm bei den Steinzeitmenschen!

Diese Respektlosigkeit hat bei Bild.de Tradition.

Mit Dank an @julianzado und sven für die Hinweise!

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“Bild” und die “vermeintliche Polizeigewalt”

Bei “Bild” knöpfen sie sich jetzt Minderjährige vor:

Ausriss Bild-Zeitung - Polizei-Opfer hat Lehrer verprügelt - das Wort Opfer ist in Anführungszeichen geschrieben
(Augenbalken von “Bild”, weitere Unkenntlichmachung durch uns.)

Der Jugendliche, über den sich die “Bild”-Redaktion vergangenen Donnerstag in ihrer Hamburg-Ausgabe hermachte, ist der 15-Jährige, der in mehreren Videosequenzen zu sehen war, die vor zwei Wochen in den Sozialen Medien auftauchten und für eine erneute Diskussion über Polizeigewalt sorgten. Was in den Videos passiert, lässt sich grob so zusammenfassen: Der Junge steht in Hamburg mit dem Rücken zu einer Hauswand, er ist umzingelt von vier Polizisten. In den ersten paar Sekunden ist zu sehen, wie er mit den Beamten ringt, diese von sich wegschubst. Die Polizisten weichen daraufhin etwas zurück, einer von ihnen zieht seinen Schlagstock. Man hört Sirenen. Verstärkung kommt, und nun sind es acht Polizisten, die vor dem Jungen stehen. Die Beamten schreien mehrmals: “Auf den Boden!” Der Jugendliche bleibt aber stehen und wird schließlich niedergerungen, als er sein T-Shirt ausziehen will, bis er ruft: “Ich krieg’ keine Luft!” Ausgangspunkt war eine Polizeikontrolle, nachdem der Junge mit einem E-Scooter in Hamburg-Neustadt auf dem Gehweg gefahren war. Er konnte oder wollte sich nicht ausweisen, dann eskalierte die Situation.

Über das Vorgehen der Polizisten wurde daraufhin viel diskutiert, vor allem in den Sozialen Medien: War es übertrieben? War es angemessen? Mussten die Beamten derart rabiat vorgehen? Konnten sie gar nicht anders? War das unangemessene Polizeigewalt?

Laut “Bild” nicht. Laut “Bild” handelte es sich nur um “vermeintliche Polizeigewalt”:

Vergangene Woche war er Mittelpunkt eines Videos, das vermeintliche Polizeigewalt dokumentieren sollte. Hobby-Boxer K[.] geriet nach einer E-Scooter-Kontrolle mit acht Beamten aneinander (BILD berichtete). Doch nun sieht es weniger nach Polizeigewalt aus – K[.] gerät wegen Übergriffen selbst in den Fokus.

In dem letzten Satz steckt der ganze Ekel dieser “Bild”-Geschichte: Weil der Jugendliche zwei Monate zuvor wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt worden sein soll, soll das Vorgehen der Polizisten (in einer davon völlig unabhängigen Situation) weniger schlimm gewesen sein? Weil er “selbst in den Fokus” gerät, sieht es nun “weniger nach Polizeigewalt aus”? Als würde es einen Unterschied machen bei der Bewertung eines Polizeieinsatzes, wessen Körper da gerade unter dem Knie eines Polizisten liegt – der eines vorbestraften Jugendlichen oder der eines Jugendlichen, der sich noch nie etwas hat zu Schulden kommen lassen. Es ist ein gruseliges Verständnis vom Rechtsstaat, in dem eigentlich jeder und jede das Recht hat, dass ihm oder ihr keine unnötige Polizeigewalt angetan wird. Auch frühere Straftäter, auch E-Scooter-Fahrer, die unerlaubterweise auf dem Gehweg fahren.

Der “Bild”-Artikel dient gleich zwei Zielen: Er verteidigt einerseits die Hamburger Polizei, indem er es so klingen lässt, als hätten die Beamten gar nicht anders gekonnt – der Junge habe schließlich auch mal seinen “LEHRER VERPRÜGELT”. Und er lenkt andererseits ab von einer legitimen Diskussion über Gewalt durch Polizisten. Er verschiebt den Fokus auf die in diesem Fall völlig unerhebliche Vergangenheit des möglichen Opfers. Er diskreditiert das mögliche Opfer, indem er einstige Vergehen rauskramt – als hätte das eine (der Polizeieinsatz gegen den Jungen) mit dem anderen (mögliche Vorstrafen des Jungen) etwas zu tun. Die “Bild”-Redaktion geht sogar so weit, dass sie das Wort “Opfer” in ihrer Überschrift hämisch nur in Anführungszeichen schreibt.

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Bereits eine Woche zuvor ging es bei “Bild” nicht weniger hämisch und geschmacklos zu. In Hamburg standen solche Werbeaufsteller vor Kiosken:

Screenshot eines Tweets, der einen Bild-Aufsteller in Hamburg zeigt - darauf ist die Schlagzeile zu lesen: Kontrolle in der Neustadt eskaliert - Boxer (15) verliert gegen acht Polizisten
(Diese und alle folgenden Unkenntlichmachungen durch uns.)

In der Hamburg-Ausgabe der “Bild”-Zeitung erschien ein großer Artikel mit wortgleicher Überschrift. Auch hier ging es bereits darum, den Jungen zu diskreditieren.

Erstmal zum “Boxer”, was lediglich ein sprachlicher Kniff der Redaktion ist. Vielleicht findet sie es auch irgendwie lustig. Der 15-Jährige geht noch zur Schule, ist also erst einmal Schüler. In seiner Freizeit boxt er im Sportverein. Ihn als “Boxer” zu präsentieren, als hätten es die Polizisten mit einem durchtrainierten Profisportler zu tun gehabt, ist, vorsichtig ausgedrückt, unangebracht. Außerdem schließt sich die “Bild”-Redaktion damit dem Framing der Hamburger Polizei an: Diese hatte in einer Pressemitteilung gleich zweimal geschrieben, der Jugendliche sei “sehr groß und stark” gewesen. Die Betonung der Attribute “groß” und “stark” lenkt von dessen Minderjährigkeit ab. Die “Bild”-Redaktion steigert dieses Framing noch, indem sie den 15-Jährigen zum “Boxer” erklärt.

Dass der Junge gegen die Polizisten “verloren” habe, wie “Bild” titelt, zieht die ernste Angelegenheit endgültig ins Lächerliche. Die Redaktion macht damit aus einer Situation, in der ein unbewaffneter Jugendlicher mehreren bewaffneten Vertretern der Staatsgewalt gegenüberstand, einen sportlichen Wettkampf, bei dem es ums Gewinnen oder Verlieren geht. Und auch in diesem Artikel stürzt sich “Bild” auf mehrere angebliche Ermittlungsverfahren, die schon gegen den Jungen gelaufen sein sollen. Auch diese haben rein gar nichts mit dem Vorfall, um den es eigentlich geht, zu tun.

Diese “Bild”-Masche – sich lieber auf mögliche Opfer von Polizeigewalt und deren kriminelle Vergangenheit zu konzentrieren, statt auf die Polizeigewalt selbst – konnte man zur selben Zeit bei einem weiteren Fall beobachten:

Screenshot Bild.de - Umstrittener Polizeieinsatz von Düsseldorf - Schon im Alter von 13 Jahren fiel er als brutaler Schläger auf - Die Strafakte von M. (15)

In einem Video, das den Polizeieinsatz in Düsseldorf zeigt, sieht man, wie ein Polizist einen Jugendlichen am Boden fixiert. Das Knie des Beamten befindet sich auf dem Kopf des Jungen. Das schockierte viele, zwischenzeitlich auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul. Die “Bild”-Redaktion ging hingegen schnell dazu über (wie auch manch andere Redaktion), sich den 15-Jährigen unter dem Polizistenknie vorzunehmen. Sie machte eine Reihe von früheren Vergehen des Jungen öffentlich, die dieser teils begangen haben soll, als er noch nicht strafmündig war. Und wieder klingt es nach irgendwas zwischen “Ach, sieh mal einer an: Der war aber auch kein Engel” und “Na also, da hat es ja genau den Richtigen getroffen”. Dabei schreibt selbst der Autor des Bild.de-Artikels:

Wenn man seine Polizeiakte liest, ist der junge Mann kein unbeschriebenes Blatt. Was natürlich nicht bedeutet, dass er nicht selbst ein Opfer von Gewalt sein kann.

Das hindert die “Bild”-Redaktion freilich nicht daran, so eine Story zu bringen.

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Plötzlich leidenschaftlich

Die Berliner Versammlungsbehörde hat entschieden, dass mehrere Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung, die am Wochenende in der Hauptstadt stattfinden sollten, nicht stattfinden dürfen. Dieses Verbot begründet sie damit, “dass es bei dem zu erwartenden Kreis der Teilnehmenden zu Verstößen gegen die geltende Infektionsschutzverordnung kommen wird.” Zur Demo wollten zahlreiche Verschwörungsmystiker, Rechtsextreme, Neonazis, Antisemiten aus ganz Deutschland anreisen.

Die “Bild”-Redaktion kommentiert die Entscheidung der Behörde heute so:

Screenshot Bild.de - Das meint Bild - Berlin verbietet Demo gegen Corona-Regeln - Inakzeptabler Angriff auf unsere Grundrechte!

Mit selbst für “Bild”-Verhältnisse ungewöhnlichem Furor spricht sie von einem “inakzeptablen Angriff auf eines unserer höchsten Grundrechte”, die Entscheidung sei “gegen jede Verhältnismäßigkeit” getroffen worden, sie sei “an politischer Dummheit kaum zu überbieten”. Bei Berlins Innensenator Andreas Geisel treffe man auf “Sprache und Denken wie aus der DDR”. Das alles sei “auf demokratieverachtende Weise lächerlich”.

Vor gerade mal vier Tagen, als eine Demonstration in Hanau zum Gedenken an die neun Menschen, die ein halbes Jahr zuvor Opfer eines rassistischen Anschlags geworden sind, nicht stattfinden durfte, war von diesem Furor bei “Bild” keine Spur. Lediglich einen Artikel veröffentlichte die Redaktion dazu, vier sachliche Absätze. Kein “inakzeptabler Angriff”, keine fehlende “Verhältnismäßigkeit”, keine “politische Dummheit”, nicht mal das Wort “Verbot” taucht in dem Text auf. Die “Bild”-Redaktion spricht stattdessen von “abgesagt”:

Screenshot Bild.de - Wegen Corona - Gedenk-Demo in Hanau abgesagt

So gewaltig die Worte auch sind, die sie für ihren Kommentar zum Demo-Verbot in Berlin gewählt hat – natürlich kann die “Bild”-Redaktion dieser Meinung sein, die sie mit großer Leidenschaft vertritt. Allerdings könnte ihre Berichterstattung über das Demo-Verbot in Hanau dadurch auch nicht leidenschaftsloser wirken.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Kein Schutz für den Angeklagten, kein Schutz für die Opfer

Vor dem Landgericht Wiesbaden läuft derzeit ein Prozess gegen einen Mann, dem unter anderem schwerer sexueller Missbrauch von vier Kindern vorgeworfen wird. Die “Bild”-Zeitung berichtet heute groß in ihrer Bundesausgabe über das Verfahren und druckt dazu zwei Fotos: Das eine zeigt den Angeklagten, der sich das Gesicht mit einem Briefumschlag verdeckt, im Gerichtssaal. Das andere, eine ältere Aufnahme, zeigt ihn am Schreibtisch sitzend, das Gesicht klar erkennbar. “Bild” hat nichts verpixelt:

Ausriss Bild-Zeitung - Ein Opfer war erst elf Monate alt - Familienvater soll eigene Töchter missbraucht haben
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auch bei Bild.de ist das Schreibtisch-Foto unverpixelt zu sehen.

Die fehlende Unkenntlichmachung ist natürlich kein Versehen, kein Flüchtigkeitsfehler, sondern genau so von der “Bild”-Redaktion gewollt. Sie hat es noch nie sonderlich interessiert, dass ein Angeklagter kein verurteilter Täter ist, und dass in Deutschland die Unschuldsvermutung gilt (und selbst eine eventuelle Verurteilung bedeutet nicht automatisch, dass man das Gesicht des Mannes einfach zeigen darf).

Neben dem Schutz des Angeklagten kommt in diesem Fall aber noch, zumindest indirekt, ein weiterer Aspekt hinzu, den “Bild” missachtet: der Schutz der Opfer. In der “Bild”-Überschrift ist nicht zu überlesen, dass es sich bei den Opfern um die Töchter des Angeklagten handele. Wer den Angeklagten kennt und dank der “Bild”-Redaktion auf dem Foto erkennt, weiß direkt, um wen es sich bei den Opfern handeln muss. Da bringt es auch nichts, dass im Artikel bei Bild.de die Vornamen der Opfer von der Redaktion geändert wurden.

Der Prozess in Wiesbaden findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – auf Antrag der Nebenklage und zum Schutz der Opfer. Der “Spiegel” schreibt: “Zu groß sei die Gefahr, dass sich eine Veröffentlichung negativ auf die weitere Entwicklung der Kinder auswirken könnte, sagte die Vorsitzende Richterin Annette Honnef.”

Mit Dank an @MartinTheRookie, @Wooloo_Mooloo und @Diag72 für die Hinweise!

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“Spannende Frage”, falsche Antwort

Es ist gut, dass Bürgerinnen und Bürger über das Portal “Abgeordnetenwatch” zum Beispiel einer Bundestagsabgeordneten oder einem Landespolitiker Fragen stellen können.

Es ist schlecht, wenn diese Fragen allein auf, nun ja, Informationen aus der “Bild”-Zeitung beruhen.

Ein Mann nutzte Anfang dieses Monats die Möglichkeit, die “Abgeordnetenwatch” bietet, und schrieb an die rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Bettina Brück:

Sehr geehrte Frau Brück,

einem Beitrag in “Bild Deutschland” vom 4.8.2020 S. 3 “Dürfen sich dicke Lehrer vom Unterricht befreien?”, konnte ich entnehmen, daß im Saarland lediglich 1,4% der Lehrerschaft zur Corona-Risikogruppe gehören, in Rheinland-Pfalz dagegen 15%, mit der damit höchsten Quote der einzelnen Bundesländer. Wie als erklären Sie sich als Bildungspolitikerin diesen eklatanten Unterschied?

Die “Bild”-Redaktion hatte am 4. August “spannende Fragen zum Schulbeginn nach den Ferien” gesammelt und versucht, diese zu beantworten:

Ausriss Bild-Zeitung - Aus Angst vor Corona - Dürfen sich dicke Lehrer vom Unterricht befreien? ... und weitere spannende Fragen zum Schulbeginn nach den Ferien

Die erste Frage lautete: “Wie viele Lehrer werden fehlen?” Antwort der “Bild”-Redaktion:

BILD fragte bei den Bildungsministerien aller 16 Bundesländer nach. Das Ergebnis: Zwischen 1,4 % (Saarland) und 15 % (Rheinland-Pfalz) der Lehrer gehören zu einer Corona-Risikogruppe und sind daher nicht zum Erscheinen in der Schule verpflichtet.

Das ist tatsächlich ein “eklatanter Unterschied”, wie der Fragesteller bei “Abgeordnetenwatch” schreibt. Bloß: Der “Bild”-Vergleich ist falsch. Bettina Brück antwortete dem Mann:

Die Antwort ist schnell gegeben: dieser eklatante Unterschied erklärt sich aus einem journalistischen Fehler der BILD-Zeitung.

Das Problem bei den “Bild”-Zahlen laut der Politikerin: Während die 1,4 Prozent aus dem Saarland eine “Prognose zum Start des neuen Schuljahrs” seien, handele es sich bei den 15 Prozent aus Rheinland-Pfalz um einen Wert aus dem vergangenen Schuljahr. Oder anders: “Bild” vergleicht Zahlen von vor den Sommerferien mit Zahlen von nach den Sommerferien. Allerdings hat sich während der Sommerferien einiges getan bei den Regelungen, welche Lehrkräfte von zu Hause aus unterrichten dürfen und welche nicht. Vor den Sommerferien durften in Rheinland-Pfalz beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer, die 60 Jahre oder älter sind, selbst entscheiden, ob sie zum Präsenzunterricht erscheinen. Das ist nun nicht mehr so. Brück schreibt:

Richtig ist: Vor Beginn der Sommerferien waren ca. 15 % der rund 41.000 Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz aufgrund des Alters oder von Vorerkrankungen ausschließlich von zuhause tätig. Das Bildungsministerium geht aber begründet davon aus, dass diese Zahl nach den Sommerferien sinken wird. Die Vorgaben für den Schulstart nach den Sommerferien wurden nämlich derart geändert, dass nur noch Lehrkräfte mit attestierten Vorerkrankung von zu Hause arbeiten können.

Laut SWR schätzt das rheinland-pfälzische Bildungsministerium, “dass zu Beginn des neuen Schuljahrs rund zwei Prozent aller Lehrer (…) mit Attest freigestellt werden”.

Es ist schlecht, wenn Politikerinnen und Politiker ihre Zeit damit verbringen müssen, den Unfug, den die “Bild”-Medien verbreiten, richtigzustellen.

Es ist gut, wenn sie es tun.

Mit Dank an Martin für den Hinweis!

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