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„Bild“-Chef Julian Reichelt schreibt falsche TV-Geschichte

„Bild“-Chef Julian Reichelt schafft es, mit nur einer Randbemerkung in einer Klammer einen beachtlichen Teil der TV-Geschichte falsch umzuschreiben:

Als Bouffier mit dem schlechtesten CDU-Ergebnis seit fünf Jahrzehnten vor die Live-Kameras trat (als die hessische CDU das letzte Mal so schlecht abschnitt, gab es noch keine Live-Kameras und nur drei Fernsehprogramme), wollte der Applaus kaum enden.

… behauptet Reichelt in seinem Kommentar zur Hessischen Landtagswahl in „Bild“ und bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Kommentar - Wie 94 Wähler-Stimmen unser Land verändern - Der Zauber der Demokratie

Es soll hier nicht um den „Zauber der Demokratie“, „94 Wähler-Stimmen“ oder Volker Bouffiers Fernsehauftritt gehen, sondern um Reichelts Aussage zu den „Live-Kameras“: 1966 lag die CDU in Hessen mit 26,36 Prozent noch unter dem Ergebnis vom vergangenen Sonntag. Und damals soll „es noch keine Live-Kameras“ gegeben haben, wie Julian Reichelt schreibt?

Da wäre zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England mit dem berühmten Wembley-Tor, das man in Deutschland live miterleben konnte. Oder zwölf Jahre zuvor die WM 1954 in der Schweiz mit dem Sieg der deutschen Mannschaft um Fritz Walter und Helmut Rahn. Damals übertrug die ARD acht der 26 Spiele live. Noch mal zwei Jahre früher konnte das Publikum das erste Fußballspiel live im Fernsehen verfolgen: das DFB-Pokalspiel zwischen dem FC St. Pauli und dem Duisburger Klub SV Hamborn. Die erste Live-Übertragung eines Großereignisses fand bereits 1936 statt, also 30 Jahre vor dem Zeitpunkt, zu dem „Bild“-Chef Julian Reichelt sagt, dass es damals „noch keine Live-Kameras“ gegeben habe: Bei den Olympischen Spiele 1936 in Berlin konnte man live dabei sein, allerdings kaum im Wohnzimmer, sondern in Fernsehstuben.

Und natürlich gab es auch Ereignisse, die nichts mit Sport zu tun hatten und bereits vor 1966 live gesendet wurden: die Krönung von Queen Elizabeth II. am 2. Juni 1953 etwa. Oder die Bundestagswahl 1965.

Wegweisende Berichterstattung

Am Samstag wurde ein 15-Jähriger in Nürnberg mit einem Messer so schwer verletzt, dass er zwischenzeitlich in Lebensgefahr war. Die Polizei nahm einen 32-Jährigen unter „dringendem Verdacht“ fest, er sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Am Montag berichtete „Bild“ in der Nürnberger Regionalausgabe über die Tat und zeigte dazu ein Foto, dessen Bildunterschrift das Motiv ganz gut zusammenfasst:

Ein Bild, das weh tut: Sipan A. (15) hängt nach der Not-OP an Schläuchen. Passant Khalaf A. (32) hatte ihn niedergestochen. Sipans Onkel machte dieses Foto in der Klinik

Nicht in der gedruckten Ausgabe, aber in einem (im Wesentlichen wortgleichen) Artikel auf Bild.de gibt es ein weiteres Foto zu sehen, das so untertitelt ist:

Wohnhaus, in dem der Täter seit kurzer Zeit mit seiner schwangeren Frau wohnt

Das trifft es nicht so ganz, wie aus dem Artikel selbst hervorgeht:

Khalaf A. wurde sofort von der Polizei festgenommen, der Staatsanwalt beantragte Haftbefehl wegen versuchten Totschlags. Die Geburt seines ersten Kindes (Khalaf A.s Ehefrau ist schwanger) wird er jetzt wohl verpassen.

Wir wissen nicht, ob das Foto wirklich das Wohnhaus der beiden (bzw. aktuell nur der schwangeren Ehefrau) zeigt — die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth konnte diese Information auf unsere Anfrage weder bestätigen noch dementieren.

Es ist vor dem Hintergrund, dass die Polizei Nürnberg von „Auseinandersetzung zwischen mehreren Personengruppen“ spricht, aber schon bemerkenswert, dass Bild.de ein Foto des mutmaßlichen Wohnhauses des Tatverdächtigen veröffentlicht, in dem dessen schwangere Ehefrau momentan mutmaßlich allein in ihrer Wohnung wohnt. Mit nur wenig Mühe kann man auf dem mit abgebildeten Straßenschild sogar den Straßennamen lesen.

Dazu auch:

Mit Dank an Benni für den Hinweis!

Blaukleid bleibt Blaukleid

Herzogin Meghan ist schwanger — und „Bild“ einer großen Sache auf der Spur:

Seit Tagen kleidet sich die ehemalige Schauspielerin in allen möglichen Blau-Schattierungen — von strahlendem Kornblumenblau über Navyfarben bis hin zu Nachthimmelblau gemixt mit Babybleu.

Mon dieu!

Soll uns die Farbwahl der 37-Jährigen vielleicht etwas sagen? Immerhin gilt Blau als klassische Farbe für Jungen. Die typische Mädchenfarbe Rosa oder Rosé trug Meghan seit der Verkündung ihrer Schwangerschaft bislang dagegen nicht.

Screenshot Bild.de - Das Bäuchlein wächst! - Meghan trägt ganz schön oft Blau ... Soll uns diese Farbwahl etwas sagen?

Kleiner Tipp, liebe Sherlocks von „Bild“, schaut doch mal schnell bei euren Kollegen vorbei:

Screenshot Bild.de - Aktuelles Cover vom Regenbogenheft Das goldene Blatt, unter anderem mit der Schlagzeile: Harry und Meghan - Die Queen hat es verraten - HURRA, eine kleine Prinzessin!

„Harry & Meghan — Hurra, eine kleine Prinzessin!“, verkündet „Das goldene Blatt“ auf dem aktuellen Cover. Denn:

Seit der Hof bestätigt hat, dass Prinz Harry (34) und Herzogin Meghan (37) im Frühjahr Eltern werden, überschlagen sich die Ereignisse. Sogar Königin Elizabeth (92) hat jetzt das Geschlecht verraten. (…) „Die Königin trug stolz lächelnd ein rosa Kostüm – und sendete damit die Botschaft aus, dass ihr nächstes Urenkelchen ein Mädchen wird“, weiß ein Hofkenner.

Gern geschehen, „Bild“. Habt ihr gleich die nächste Schlagzeile: „Hurra, Zwillinge!“

Mit Dank an Sarah T. für den Hinweis!

Sehen alle gleich aus (17)

Was haben Kabarettist Serdar Somuncu und Komiker Abdelkarim gemeinsam? Beide haben eher wenig Haare, beide tragen einen Bart, beide stehen auf der Bühne. Joar.

Für Bild.de sind Serdar Somuncu und Abdelkarim nicht auseinanderzuhalten.

Nachdem die Klima-Allianz Deutschland im Hambacher Forst Portraitfotos von Prominenten an einzelnen Bäumen angebracht hat, weil diese Prominenten für diese Bäume Patenschaften übernommen haben, zeigt Bild.de in einem Artikel einige der teilnehmenden Personen: Moderatorin Enie van de Meiklokjes zum Beispiel und Schauspieler Benno Fürmann. Und ihn hier:

Screenshot Bild.de - Komiker Serdar Somuncu hat auch eine Baumpatenschaft übernommen - zu sehen ist ein Foto, das mehrere Bäume im Hambacher Forst zeigt, an denen große Fotos von Prominenten hängen, ein Mann und eine Frau hängen gerade das Foto des Komikers Abdelkarim an einen der Bäume

Anders als von Bild.de in der Fotozeile …

Komiker Serdar Somuncu hat auch eine Baumpatenschaft übernommen

… behauptet, hat Serdar Somuncu gar keine Baumpatenschaft im Hambacher Forst übernommen. Und er ist auf dem Bild auch nicht zu sehen: Weder bei dem Mann in der roten Jacke noch bei der Frau mit der Wollmütze noch bei dem Mann, dessen Foto gerade am Baum befestigt wird, handelt es sich um Somuncu. Letzterer ist, ihr ahnt es bereits: Abdelkarim.

Mit Dank an @1Maggie12 und @phillip_bien für die Hinweise!

Nachtrag, 24. Oktober: Bei Bild.de ist Abdelkarim nun Abdelkarim und nicht mehr Serdar Somuncu:

Komiker Abdelkarim hat auch eine Baumpatenschaft übernommen

Auf einen Hinweis, dass die Bildunterschrift mal falsch war, hat die Redaktion verzichtet.

„Mit der Angst der Deutschen verdienen sie Geld“

Bei Bild.de haben sie vorhin ihre neue Serie „Clans von Berlin“ veröffentlicht, eine dreiteilige Video-Doku über die Clan-Kriminalität in der Hauptstadt. Sowas kündigt die Redaktion natürlich auch auf ihrer Startseite an:

Screenshot Bild.de - Abou-Chacker, Miri, Remmo - Mit der Angst der Deutschen verdienen sie Geld

Wenn die Mitarbeiter von Bild.de das so analysieren, muss das stimmen. Denn wer kennt sich seit Jahrzehnten besser darin aus, „mit der Angst der Deutschen“ Geld zu verdienen, als die „Bild“-Medien?

Bild.de macht Topmodel zur Trump-Verwandten

Zwei Dinge, die wir niemandem wünschen:

1) Mit Donald Trump verwandt zu sein.
2) Mit irgendeinem Unsinn bei Bild.de aufzutauchen.

Arme Karlie Kloss.

Screenshot eines Teaser-Bildes, das auf der Bild.de-Startseite erschienen ist - Topmodel jetzt verwandt mit Trump - Karlie Kloss hat Ja gesagt

Im Artikel von Bild.de wird die angebliche Verwandtschaft zwischen dem Model und dem US-Präsidenten sogar „offiziell“:

Screenshot einer Bild.de-Überschrift - Karlie Kloss heiratet Joshua Kushner - Topmodel jetzt offiziell verwandt mit Trump

Bloß: Karlie Kloss hat zwar geheiratet, sie ist nun allerdings nicht mit Donald Trump verwandt.

Kloss‘ Ehemann ist Joshua Kushner. Der ist der jüngere Bruder von Jared Kushner. Der wiederum der Ehemann von Ivanka Trump ist. Und die ist die Tochter von Donald Trump. Oder etwas kürzer: Karlie Kloss ist nun die Ehefrau des Bruders von Donald Trumps Schwiegersohn. Eine solche Konstellation hat nichts mit Blutsverwandtschaft, nichts mit irgendeiner Form rechtlicher Verwandtschaft, sie hat nicht mal was mit Schwägerschaft zu tun. Kloss ist die Schwägerin von Jared Kushner. Karlie Kloss und Ivanka Trump sind höchstens Schwippschwägerinnen. Und da fehlt dann immer noch die Verbindung zu Donald Trump.

Das falsche Verwandtschaftsverhältnis zwischen Model und Präsident wird auch dadurch nicht richtiger, dass Bild.de es bereits eine Woche vor der Hochzeit verbreitete. Oder dadurch, dass der SWR es in einer Frage verpackt: „was ihr neuer Verwandter Donald Trump wohl dazu sagt“, dass Kloss im US-Wahlkampf öffentliche Kokurrentin Hillary Clinton unterstützte?

Und so lautet die Antwort auf die Zwischenzeile „So ist Karlie Kloss mit Trump verwandt“, die die Redaktion von t-online.de in ihren Artikel eingebaut hat: gar nicht.

Mit Dank an Gesine K., Harald B. und Matthew L. für die Hinweise!

„Ich kann noch alles ändern“

Ich sage dies, weil es teilweise bekannt ist, weil es Fotos gibt — und dass ich „Vetternwirtschaft“ oder Beeinflussung bei dieser Recherche trotzdem komplett ausgeschlossen habe.

Das versprach „Bild“-Kolumnist Alfred Draxler im Oktober 2015. Sein Text zur Sommermärchen-Affäre, zur möglicherweise gekauften Fußball-WM 2006 in Deutschland, war laut Draxler das Ergebnis einer „Intensiv-Recherche“:

Screenshot Bild.de - Das Sommermärchen war nicht gekauft - So war es wirklich mit den 6,7 Millionen Euro

Draxlers Unabhängigkeitserklärung, die Betonung, er habe „Beeinflussung bei dieser Recherche“ komplett ausgeschlossen, wirkte damals bereits ziemlich lächerlich, schließlich beruhte sein Freispruch für seine Kumpels beim Deutschen Fußball-Bund einzig auf „langen und intensiven“ Gesprächen mit seinen Kumpels beim Deutschen Fußball-Bund. Jetzt scheint sich Draxlers Beteuerung als glatte Lüge zu entpuppen.

Ein Text im aktuellen „Spiegel“ zu einem Gerichtsurteil rund um das Sommermärchen beginnt mit dieser Geschichte:

Das Arbeitsprinzip des Sportjournalisten Alfred Draxler ist das eines Unterziehleibchens: Keiner klebt so eng am Deutschen Fußball-Bund wie der Chefkolumnist der „Bild“, keiner umgarnt die großen Namen so hautfreundlich wie Draxler.

Das war schon so, als er 2015 den Verband nach einer angeblichen „Intensiv-Recherche“ in Schutz nahm. Nein, das Sommermärchen, die deutsche WM 2006, sei nicht gekauft gewesen, schrieb er in einer Kolumne. Was der Leser damals nicht erfuhr: dass Draxler seinen Artikel zuvor noch dem amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach zum Gegenlesen geschickt hatte, mit der devoten Betreffzeile „Ich kann noch alles ändern.“

Genauso ging das Stück vorab auch an Elvira Netzer, Ehefrau von Altstar Günter Netzer, der ebenfalls in jenen dubiosen Deal um 6,7 Millionen Euro aus der deutschen WM-Kasse verwickelt war: „Ich kann noch alles ändern.“

Alfred Draxler soll seinen Text also den Leuten, über die er berichtet hat, zum Gegenlesen geschickt und ihnen versprochen haben, er könne „noch alles ändern“ — und hat dann in genau diesen Text geschrieben, dass er „bei dieser Recherche“ Beeinflussung „komplett ausgeschlossen“ habe.

Ein anderer Satz in Draxlers DFB-Verteidigungsschrift lautete:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Kai Diekmann, damals noch „Bild“-Chefredakteur, fand das wohl so überzeugend, dass er in gleich zwei Tweets jubelte, was für eine vermeintliche „Hammer!!!“-Enthüllung seinem Kolumnisten Draxler da gelungen sei. Und auch für die „Zeit“ wurde es etwas peinlich: Den redaktionellen Twitter-Account hatte auf Einladung „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn übernommen, die im Namen der „Zeit“ ihrem „Bild“-Kollegen zur Seite sprang und schrieb, dass sie „keinen Grund“ habe, „an den Recherchen von Alfred Draxler zu zweifeln“. Zu diesem Zeitpunkt war schon recht offensichtlich, dass es sich nicht um eine Recherche handelte, sondern lediglich um einen Kniefall vor DFB-Buddys.

Alfred Draxler schreibt auch heute noch über die Sommermärchen-Affäre. Am Dienstag erschien in „Bild“ ein Artikel von ihm mit der Überschrift „Kein Stimmenkauf!“. Auch dazu finden die „Spiegel“-Redakteure Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt sehr treffende Worte:

So gesehen war es keine Überraschung, dass Draxler in dieser Woche wieder für den DFB jubelte. Hintergrund: Das Landgericht Frankfurt hatte die Sommermärchen-Anklage gegen drei Ex-Funktionäre des DFB verworfen, darunter Niersbach. Den Beschluss legte Draxler gewohnt verbandsnah aus: „Der schwere Vorwurf des Stimmenkaufs wurde entscheidend entkräftet.“ Eine Lesart, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.

Die Frage, ob das Sommermärchen gekauft war oder nicht, war nämlich zu keinem Zeitpunkt Gegenstand der zweieinhalb Jahre währenden Ermittlungen.

Mehr zu Alfred Draxlers Tätigkeit als inoffizieller DFB-Pressesprecher:

„Bild“-Chef Reichelt ganz stolz: Es stimmte fast alles

Gerade in der Konditorei: Ja, gut, das sei schon ein ärgerlicher Fehler, so der Meister, dass er und sein Team beim Teig für die Sahnetorte Gips statt Mehl genommen haben, und dass sich in dem Glas, auf dem Salz steht, kein Zucker befindet, nun ja, das hätte vielleicht auch auffallen können. Aber sonst sei das alles Top-Qualität! Ach, warum die Creme so merkwürdig schmeckt? Das könne daran liegen, dass sie Rasierschaum statt Sahne verwendet hätten. Aber sonst stimme so gut wie alles.

So würde es klingen, wenn Julian Reichelt seine Ware nicht als „Bild“-Chefredakteur unter die Leute bringen würde, sondern als Konditor.

Drüben bei Twitter rühmt er sich damit, dass seine Redaktion nur ein paar grobe Schnitzer in einem Artikel untergebracht hat — abgesehen davon habe „so gut wie alles“ gestimmt in der „BILD kennt den geheimen Ablauf“-Geschichte über Stefan Raabs Bühnencomeback. Zur Erinnerung: Das Raab-Team hatte auf der „TV Total“-Facebookseite einem „Bild“-Beitrag deutlich widersprochen. Der Artikel sei in großen Teilen schlicht erfunden.

Das ist also der journalistische Anspruch von „Bild“ unter Julian Reichelt: Ist doch super, wenn „so gut wie alles stimmt“:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Vor wenigen Tagen dementierte TV total die Bild-Berichterstattung über Stefan Raabs Comeback als frei erfunden und in Teilen erfunden. Hier sieht man nun, dass so gut wie alles stimmte (die Schalte zu ProSieben war ein ärgerlicher Fehler).
Screenshot eines weiteren Tweets von Julian Reichelt - Online haben wir berichtet, dass auch die Heavy Tones auftreten würden. Auch das stimmt. Das Dementi von TV Total zu der Geschichte in Bild ist in weiten Teilen frei erfunden.

Leider stimmt nicht mal Reichelts „so gut wie alles stimmt“. Da der „Bild“-Chef von sich aus nur den „ärgerlichen Fehler“ mit der „Schalte zu ProSieben“ anspricht, helfen wir ihm — mit Blick auf den Auftritt von Stefan Raab gestern Abend in Köln — gern noch einmal auf die Sprünge:

Nein, Lena Meyer-Landrut war nicht, wie von „Bild“ angekündigt, Teil der Show.

Nein, Aaron Troschke war nicht, wie von „Bild“ angekündigt, Moderator der Show.

Nein, es waren nicht, wie von „Bild“ angekündigt, 20.000 Zuschauer, sondern rund 14.000.

Nein, es gab keine „Aufarbeitung verschiedener Ereignisse der letzten Wochen“, wie von „Bild“ angekündigt.

Nein, Raab gab keinen „(beruflichen) Rückblick auf seine TV-Abstinenz“, wie von „Bild“ angekündigt.

Nein, Raab sprach nicht, wie von „Bild“ angekündigt, „über seine zukünftigen Pläne“.

Mathias Döpfner sagte neulich in einem Interview zur angeblichen neuen Fehler-Kultur bei „Bild“:

Und was ich toll finde: Dass Julian Reichelt, wenn er Fehler macht, sich dafür entschuldigt und sofort Transparenz herstellt.

Dem Springer-Chef könnte ein Konditor Reichelt vermutlich auch ein Stück Sahnetorte andrehen.

Wie es bei Stefan Raabs Bühnencomeback tatsächlich war:

Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann

Auf der „Bild“-Titelseite ist heute wieder alles ganz aufgeregt:

Ausriss der Bild-Titelseite - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg!

Deutschland drohe „EIN KLINGELSCHILD-CHAOS“, weil Vermieter aufgrund der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) womöglich bald überall im Land die Klingelschilder abschrauben müssten. Dieselbe Alarmstufe bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Datenschutz-Irrsinn - Unsere Klingel-Schilder sollen weg - Haben wir bald etwa nur noch Nummer an der Tür?

Wie die „Bild“-Medien auf den „Datenschutz-Irrsinn“ kommen? Mit einem Zitat, das der Zitatgeber so nicht gegeben haben will, falschen Fakten zur DSGVO und viel, viel Biegerei.

Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise schreiben gleich zu Beginn ihres Artikels:

„Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür …“ Damit kann bald Schluss sein!

Schuld daran ist die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

Zwei Sätze weiter sind sich die beiden „Bild“-Autoren zwar schon nicht mehr ganz so sicher („Ob darunter auch ein Name auf einem Klingelschild fällt, ist unklar.“), aber dennoch: „Schuld daran ist“ für sie erstmal die EU.

Nun gibt es seit einigen Tagen schon Diskussionen darüber, ob Klingelschilder unter die DSGVO fallen. Rechtsanwalt und Datenschutzexperte Niko Härting hat sich bereits vor zwei Tagen die Mühe gemacht, das Thema aufzudröseln. In einem lesenswerten Beitrag bei „CRonline“ geht er der Frage nach, ob öffentlich einsehbare Namen auf Klingelschildern mit Blick auf die DSGVO problematisch sein könnten. Seine Antwort in Kurzform: nein. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Entscheidend sei dabei, ob die Daten (in diesem Fall: die Namen auf den Klingelschildern) Teil einer „strukturierten Sammlung“ und ob sie „nach bestimmten Kriterien zugänglich sind“.

Härting schreibt dazu:

Das Haus, in dem ich wohne, ist „old school“, was die Klingelschilder angeht. Sie sind in Messing geprägt und so angeordnet, dass man nicht erkennen kann, wer in welchem Stockwerk wohnt. Es fehlt somit an jeder „Struktur“. Datenschutzrechtliche Fragen stellen sich nicht. Das Datenschutzrecht bleibt vor der Tür.

Wenn die Klingelschilder so angeordnet sind, dass sich das jeweilige Stockwerk des Bewohners erkennen lässt, fehlt es zwar nicht an einer „Struktur“. Wohl aber stellt sich die Frage einer weitergehenden „Zugänglichkeit“. (…) Eine Datenauswertung, die über die Informationen hinausgeht, die sich aus den Klingelschildern selbst ergeben, wird durch die Beschilderung nicht ermöglicht. Auch hier fehlt es demnach an einem „Dateisystem“, das die Anforderungen des Art. 4 Nr. 6 DSGVO erfüllt. Das Datenschutzrecht bleicht auch hier außen vor.

Eine Ausnahme gebe es, wenn die Klingelschilder nicht analog angebracht seien, sondern „auf einem Monitor sichtbar“. Dann finde die DSGVO Anwendung.

Zu einem ähnlich klaren Ergebnis kommen der Datenschutzexperte Thomas Schwenke, der frühere Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar, die aktuelle Bundesbeauftragte für den Datenschutz Andrea Voßhoff, die Stiftung Datenschutz, der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW und die EU-Kommission.

Nur die „Bild“-Medien, Henrik Jeimke-Karge und Kai Weise sind der Meinung, die DSGVO sei am „KLINGELSCHILD-CHAOS“ schuld. Sie haben ja auch diese Ankündigung des Immobilien-Eigentümerverbandes „Haus & Grund“:

Deshalb will der wichtige Immobilien-Eigentümerverband Haus & Grund seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen, die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben!

„Nur so können sie sicher sein, nicht gegen die DSGVO zu verstoßen“, sagt Kai Warnecke, Präsident von Haus & Grund, zu BILD.

Wir haben bei Haus & Grund nachgefragt, ob man wirklich „seinen 900 000(!) Mitgliedern nun empfehlen“ wolle, „die Namensschilder bei vermieteten Wohnungen abzuschrauben“. Die Antwort von Pressesprecher Alexander Wiech: Die Empfehlung sei so nicht gegenüber „Bild“ angekündigt worden. Man fordere „nicht auf, Klingelschilder abzumontieren.“ Stattdessen wolle man die Mitglieder warnen, dass es irgendwann mal soweit kommen könne.

Daraufhin haben wir bei „Bild“ nachgefragt, ob die Redaktion dabei bleibe, dass Haus & Grund ein Empfehlung an die vielen Mitglieder gegenüber den „Bild“-Autoren angekündigt habe. Sprecher Christian Senft antwortete uns, dass er uns dringend empfehle, unsere Recherche bei Haus & Grund noch einmal zu verifizieren: „Diese haben nichts relativiert und stehen voll zu der Geschichte und dem Zitat. Sie haben Ihnen nur gesagt, dass sie diese Empfehlung bisher noch nicht ausgesprochen haben, weil sie noch nicht dazu gekommen sind.“ Also, noch mal nachgefragt bei Haus & Grund: Alexander Wiech sagt uns noch einmal, dass man keine Empfehlung gegenüber „Bild“ angekündigt habe, sondern davon gesprochen habe, die Mitglieder sensibilisieren zu wollen.

Das hat Haus & Grund übrigens auch gegenüber anderen Medien so gesagt — etwa gegenüber „Zeit Online“, gegenüber dem WDR, gegenüber der „Hannoverschen Allgemeinen“.

Inzwischen hat Haus & Grund, nach der Klarstellung durch die Bundesdatenschutzbeauftragte, eine Pressemitteilung rausgegeben, in der der Verband schreibt: „Bundesdatenschutzbeauftragte: Mieternamen an Klingelschildern sind zulässig“.

Nachtrag, 17:40 Uhr: Wir haben die Überschrift von „Klingelingeling, hier kommt der Fake-News-Mann“ in „Klingelingeling, hier kommt der Bullshit-Mann“ geändert. Der Begriff „Fake News“ war für diesen Fall nicht passend.

Kurz korrigiert (517-521)

Bei „Zeit Online“ haben sie neulich das Kunststück hinbekommen, einen offensichtlichen Fehler nicht zu korrigieren, dabei aber ganz im Sinne der Transparenz zu behaupten, ihn korrigiert zu haben.

In einer Reportage über den Ort Schwarzenberg im Erzgebirge, in dem vor einer Weile eine schwarze Puppe mit einer Schlinge um den Hals von einer Brücke hing, standen diese zwei Sätze:

Schon einmal wurde in Sachsen eine Puppe aufgeknüpft. 1996 hing sie von einer Autobahnbrücke in Jena, gekennzeichnet mit einem Davidstern. Aufgehängt hatte sie Uwe Böhnhardt, eines der späteren Mitglieder des NSU.

Während Schwarzenberg tatsächlich in Sachsen liegt, liegt Jena in Thüringen — die in der „Zeit“-Reportage hergestellte Wiederholung von an Brücken aufgeknüpften Puppen in Sachsen passt also nicht so ganz. Im Kommentarbereich wiesen Leser die Redaktion auf den Fehler hin, worauf „Zeit Online“ reagierte. Nun steht am Ende des Artikels:

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Textes schien es so, als läge Jena in Sachsen. Es liegt aber in Thüringen. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion.

Das ist sehr vorbildlich. Bloß stimmt „Wir haben das online korrigiert“ nicht. Die Stelle im Text lautet nun nämlich:

Schon einmal wurde in Sachsen eine Puppe aufgeknüpft. 1996 hing sie von einer Autobahnbrücke, gekennzeichnet mit einem Davidstern. Aufgehängt hatte sie Uwe Böhnhardt, eines der späteren Mitglieder des NSU.

Die Redaktion hat einfach „in Jena“ gestrichen, wodurch „in Sachsen“ allerdings nicht richtiger wird.

Völlig anderes Thema, aber geographisch genauso falsch: dieser Satz von Bild.de in einem Beitrag zum „längsten Langstreckenflug der Welt“:

Der Flug von Singapur nach New York, der bei guten Wetterbedingungen planmäßig 18 Stunden und 45 Minuten dauern soll, löst den bisher weitesten Langstreckenflug ab: Qatar Airways fliegt in 17 Stunden und 40 Minuten von Auckland in Australien nach Doha.

Auckland ist die größte Stadt Neuseelands und hat mit Australien nichts zu tun, selbst wenn CNN und Rapper das behaupten.

Mit dem Taschenrechner können „Bild“-Mitarbeiter mindestens genauso schlecht umgehen wie mit Google Maps. Zum Abschneiden der SPD bei den bayrischen Landtagswahlen verrechnete einer von ihnen:

Mit Spitzenkandidatin Natascha Kohnen (50) verzeichnete die SPD ihr bundesweit schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl. Mehr als 50 Prozent der Stimmen haben die Sozialdemokraten verloren.

Nee. Bei der Bayernwahl 2013 bekam die SPD insgesamt 2.437.401 Stimmen. Bei der Wahl am Sonntag waren es laut vorläufigem Ergebnis 1.317.942, also 1.119.459 Stimmen weniger. Das sind nicht „mehr als 50 Prozent“ weniger, sondern 45,9 Prozent weniger.

Und zum Schluss noch ein Hinweis an „Bild“-Chefreporter Peter Hell, bevor er das nächste Mal ein Video bei Twitter per Retweet verbreitet …

Screenshot des Retweets von Peter Hell - Indonesia. Few Seconds before Tsunami when it hits

… das scheinbar den Tsunami in Indonesien Ende September dieses Jahres zeigt: Es handelt sich um Aufnahmen von 2011 aus Japan (ab Minute 1:26).

Mit Dank an Sebastian M., Joshua R., Sven W., Timo R. und Roland W. für die Hinweise!

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