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Ohne Arm und Hand und Fuß

Ausriss Bild Politik - Sind Klimaschutz-Demos zu radikal?

… fragt die Redaktion des Wochenmagazins „Bild Politik“ in ihrer aktuellen Ausgabe. Und gibt darauf gleich zwei Antworten: Filipp Piatov findet: „JA“, Anna Essers schreibt: „NEIN“. Aber ob nun Pro oder Contra — der Ton werde auf jeden Fall „radikaler“, so „Bild Politik“ und Bild.de schon im Teaser:

Studentin Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, Bachelor-Studentin an der Uni Göttingen, vertritt die Bewegung [Fridays For Future] in Deutschland. Auf Twitter schrieb sie zu den Rekord-Temperaturen: „Diese Hitze tötet.“ Sie hält zivilen Ungehorsam für legitim und fordert ein Umsteuern in der Umweltpolitik mit „Worte und Taten“.

Im direkt anschließenden Absatz ist die Redaktion dann schon nicht mehr bei Fridays For Future (FFF), sondern bei der nächsten Klimabewegung, Extinction Rebellion (XR), angekommen. Wobei diese Gruppen laut „Bild Politik“ und Bild.de ja sowieso eigentlich alle ganz eng zusammenhängen und voneinander abstammen:

Genau das propagiert auch der aus „Fridays for Future“ hervorgegangene Arm der Bewegung, „Extinction Rebellion“, kurz „XR“. Aktivisten von „XR“ fordern radikale Maßnahmen, unter anderem, um den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) binnen fünf Jahren auf null zu senken.

Das ist falsch. Extinction Rebellion ist kein „Arm“ von Fridays For Future.

XR ist unabhängig von der Freitagsdemo-Bewegung im Oktober vergangenen Jahres in Großbritannien entstanden und hat sich dann schnell international ausgebreitet. Auch in Deutschland haben sich Protestgruppen gebildet. Mit Fridays For Future hat Extinction Rebellion nur insofern zu tun, als dass die Mitglieder ähnliche Ziele verfolgen, sich somit politisch nahestehen und immer wieder die Veranstaltungen der jeweils anderen Bewegung besuchen. Es handelt sich aber nicht um eine FFF-Splittergruppe.

Das haben sie bei Bild.de dann auch irgendwann gemerkt und den fraglichen Absatz zu XR einfach gestrichen — klammheimlich und ohne irgendeinen Hinweis auf den Fehler.

„Hoffentlich verreckt das Vieh bald“ – und „Bild“ stört’s nicht

Beim heutigen Empfang des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne zitterte Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut. Es war der dritte Anfall dieser Art in gut drei Wochen. Viele Medien berichten derzeit über den Vorfall, so auch Bild.de. Die Redaktion hat unter anderem ein Video des Zitteranfalls bei Youtube hochgeladen, und die vielen, vielen Kommentare darunter sind voller Hass und Häme: Merkel wird als Alkoholikerin bezeichnet, Leute zeigen offen ihre Freude und wünschen der Kanzlerin immer wieder den Tod, am liebsten schon „bald“ und „elendig“ und „qualvoll“.

Die „Bild“-Redaktion scheint das alles nicht zu jucken — sie lässt diese Kommentare seit Stunden so stehen:

Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Ne Allergie gegen Deutschland. Hoffentlich verreckt das Vieh bald.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Hoffentlich stirbt Merkel! Was tut sie schon gutes für Deutschland!
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die soll einfach sterben
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die geht kapput
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Wir brauchen nur die Deutsche National Hymne um die Dschihad Raute zu vernichten
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Niemand wird sie vermissen, wenn sie endlich über den Jordan geht, diese Völkermörderin!
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Hoffentlich verreckt die so schnell wie möglich
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - frau merkel bekommt ihre verdienten karma-kellen. ihr karma wird sie zerficken dafür, was sie deutschland angetan hat.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Fette stirbt bald
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Epilepie aber happy hoffe die fällt endlich tot um .....zittert bestimmt wegen deutscher national Hymde  bekannter weise ist ihre ja türkisch ...wünsche dieser Person nur das  schlechteste
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Aller guten Dinge sind drei. Jetzt verrecken
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Man erntet was man sät. Menschen die wegen ihrer und der anderen gestorben sind hatten es schlimmer als sie. Hoffe das Merkel und Co elendig verrecken . Ps es brauch mit jetzt auch keiner ins Gewissen reden.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Soll sie verrecken die Hoe
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Ne Verarbeitungsphase???? Die ist wirklich krank, aber im Oberstübchen. Sorgen mach ich mir nur um Deutschland und die Deutschen! sicher nicht um Merkel! Spielt ihr die Hymne in Dauerschleife vor dann sind wir sie endlich los.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Ich hoffe sie stirbt beim nächsten Anfall
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Zur Hölle mit ihr und ihre Zitteranfälle. Die kann von mir aus verrecken wie ein erbärmlicher Hund und ich wäre froh darüber. Das ist die Strafe von Gott dafür das sie so viele Menschen das Leben genommen hat mir ihrem Erdogan.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Voll die Jüdin
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Danke liebe Bild. Es versüsst mir jedes mal den Tag wenn ich diesen Dämon zappeln sehe. Der Teufel fordert so langsam seinen Lohn ein, die Hölle wartet schon. Irgendwann bezahlt jeder den Preis für seine Taten.
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die brauch kein Mensch soll tot umfallen
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Sie ist Landesverräterin hat Deutschland an amerika verkauft. Möge sie Qualvoll sterben
Kommentar auf der Bild-Youtube-Seite - Die soll endlich zum letzten mal zittern und Tod umfangen dieses Pest für Deutschland

Und das ist wahrlich nur eine kleine Auswahl aus einer großen Jauchegrube.

Im Kommentarbereich auf der „Bild“-Facebookseite gibt es ebenfalls viel Häme und Schadenfreude und vor allem solche Kommentare:

Unsere Nationalhymne muss sie aber ganz schön anwidern

Und:

Wenn sie eine Nationalhymne hört überkommt sie ihr schlechtes Gewissen

Und:

Zitteranfall immer bei der Nationalhymne. Wenn man nicht mehr zu diesem Land steht, reagiert man halt allergisch bei der Nationalhymne.

Und:

Vielleicht die DDR Hymne beim nächsten mal spielen?

Diese Häufung ist kein Zufall. Die „Bild“-Redaktion hat ihren Post so anmoderiert:

Screenshot eines Facebookposts der Bild-Redaktion - Es passierte wieder bei der Nationalhymne

… als gäbe es da irgendeinen Zusammenhang. Nur nebenbei: Angela Merkels zweiter Zitteranfall ereignete sich während einer Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier — also als keine Nationalhymne lief.

Mit Dank an @fisch_kopp für den Hinweis!

Nachtrag, 11. Juli: Die „Bild“-Redaktion hat den Kommentarbereich unter ihrem Youtube-Video inzwischen deaktiviert.

Wer macht Angst vorm bösen Wolf?

Es war der größte Waldbrand Mecklenburg-Vorpommerns seit dem Zweiten Weltkrieg: Auf dem früheren Truppenübungsplatz bei Lübtheen standen seit Ende Juni mehr als 1.200 Hektar Wald in Flammen, erst am Montag konnte das Feuer weitgehend gelöscht werden. Als Ursache vermuten die Behörden Brandstiftung. Und es gibt einen Verdacht:

Ausriss Bild: Legten Wolfs-Hasser das Wald-Feuer?

Der Verein „Wolfsschutz Deutschland“ vermute als mögliches Tatmotiv „die gezielte Vertreibung eines hier ansässigen Wolfrudels“, schrieb gestern die Regionalausgabe der „Bild“-Zeitung:

Das sei angesichts des geschürten Hasses gegen das dortige Rudel als Motiv denkbar, so Wolfsteam-Leiter Dr. Holger Liste (56).

Schon im Februar hatte Bild.de berichtet:

Screeshot Bild.de: Selbstjustiz! Unbekannte töten immer mehr Wölfe!

Und gefragt:

Woher kommt die tödliche Wut?

Ja, woher denn bloß?

Screenshot Bild.de: Ein Dutzend Wölfe in Bayerns Wäldern - dazu ein Foto eines Wolfes, der die Zähne fletscht
Screenshot Bild.de: Wolf tötet 30 Schafe bei nächtlicher Attacke
Screenshot Bild.de: Neuer Killer-Wolf im Norden
Screenshot Bild.de: Ein Wolf fraß meinen Arm
Screenshot Bild.de: Leben in 12 Jahren schon 40000 Wölfe hier?
Screenshot Bild.de: Wolf richtet Schafmassaker an
Screenshot Bild.de: Einzelner Wolf kostet mehr als 500000 Euro
Screenshot Bild.de: Kein anderes Land gibt mehr für Wölfe aus!
Screenshot Bild.de: Schießen oder nicht schießen?
Screenshot Bild.de: Gebt den Wolf zum Abschuss frei!
Screenshot Bild.de: Joggerin von Wolf angegriffen?
Screenshot Bild.de: Hat der Wolf jetzt Strauß auf seiner Speisekarte?
Screenshot Bild.de: Die neue Angst vorm Wolf
Screenshot Bild.de: Wolf tötete elf Schafe in Thüringen
Screenshot Bild.de: Schützt endlich unsere Tiere!
Screenshot Bild.de: Wenn Wölfe angreifen, sind sie immer im Blutrausch
Screenshot Bild.de: "Die Hälfte meiner Herde hat der Wolf geholt"
Screenshot Bild.de: Der böse Wolf hat meine Schafe gefressen
Screenshot Bild.de: Hier zerlegt ein Wolf eine Schafherde
Screenshot Bild.de: Neues Schafmassaker in Thüringen
Screenshot Bild.de: "Wölfe töteten 41 unserer Tiere"























































































Dabei ist die Berichterstattung der „Bild“-Medien über Wölfe in vielen Fällen nicht nur maßlos überzogen und tendenziös, sondern oft schlichtweg falsch. Nur mal ein paar Beispiele:

Screenshot Bild.de: Schäferhund von Wolf totgebissen!

Nö. In Wahrheit war es eine Hündin, die im Nachbarzwinger gehalten wurde. Das ergab wenig später eine genetische Untersuchung. Die Bild.de-Leserschaft erfuhr davon jedoch nichts.

Screenshot Bild.de: Haben Wölfe zwei Nandus gerissen?

Nö. Auch hier konnten Gen-Proben eindeutig einem Hund zugeordnet werden. Auch davon erfuhren die Bild.de-Leserinnen und -Leser nichts.

Screenshot Bild.de: Hat ein Wolf dieses Kälbchen gerissen?

Nö. Es starb durch eine Infektion. Auch das verschwieg Bild.de.

Aber das können sie ja eh gut bei „Bild“: Erst zündeln, und sich dann wundern, dass es brennt.

Falsche Richtung

Erst klaut der Mann reichlich Tulpen aus einem öffentlichen Beet, dann prügelt er auf einen Passanten ein, der ihn dabei filmt, und dann, bei der Gerichtsverhandlung, laut „Bild“ und Bild.de auch noch das:

Ausriss Bild-Zeitung - Prügelnder Tulpendieb verhöhnt das Gericht
(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Gestern zeigte der polnische Räuber, was er von dem Prozess gegen ihn hält — zeigte im Gerichtssaal den Stinkefinger.

Wir haben allerdings starke Zweifel, dass der „Tulpendieb“ mit dem Mittelfinger tatsächlich das Gericht verhöhnen wollte: Erstens muss das Foto vor der Gerichtsverhandlung entstanden sein, denn während eines Prozesses darf nicht fotografiert werden. Und zweitens saß in der Richtung, in die der Mann seinen Mittelfinger streckte, nicht der Richter. Der befand sich aus Sicht des Angeklagten auf der linken Seite, wie man in einem Bericht des MDR sehen kann. Den Mittelfinger hielt er aber nacht rechts. Und da stand wer? Genau: der „Bild“-Fotograf.

Mit Dank an Frank für den Hinweis!

„… ist von Bild frei erfunden“

Endlich!

Das Rätsel um den geheimnisvollen Inhalt des Tresors aus dem Hotel Astoria ist gelöst, der vergessene Panzerschrank nach Jahrzehnten endlich geöffnet worden — von einem Baggerfahrer!

Bei den Vorbereitungsarbeiten zum Wiederaufbau des 1996 geschlossenen Hotels Astoria in Leipzig wurde ein alter Safe hinter der Rezeption entdeckt. Manche Schließfächer standen offen, andere waren geschlossen. Und niemand, so die „Bild“-Medien:

Niemand hatte eine Idee, wie der tonnenschwere Tresor aus der Wand zu bekommen ist, ohne die Grundmauern einzureißen.

Doch nun …

Nun haben sie Lars Homilius (46). Der ist freiberuflicher Baggerfahrer und genießt im Abriss-Business einen Ruf als Experte für die besonders kniffligen Fälle.

Und dieser Lars Homilius hat es nicht nur geschafft, den „tonnenschweren Tresor aus der Wand zu bekommen“, ihn hochzuheben, zwei Meter über dem Boden vom Haken und auf den Boden des Innenhofes krachen zu lassen, wodurch die bisher verschlossenen Fächer aufsprangen:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Baggerfahrer von der Hotel-Baustelle - Ich habe den Astoria-Tresor zerdeppert

Nein, Homilius verrät laut „Bild“ auch, was sich noch in dem Tresor befand:

Und? Was war nun drin? „Gar nix. Leider …“

Allerdings sagt der „Experte für die besonders kniffligen Fälle“, dass er das gar nicht gesagt habe. Das Zitat sei von „Bild“ frei erfunden, so Homilius:

Screenshot eines Facebook-Kommentars des Baggerfahrers, den die Bild-Redaktion zitiert - Nur so viel zum Inhalt. Ich habe zu Bild gesagt das ich mich zum Inhalt noch nichts sagen werde. Das er komplett leer war ist von Bild frei erfunden.

Die Leipziger „Bild“-Redaktion scheint dieser Widerspruch in den Kommentaren unter ihrem Facebook-Post aber nicht sonderlich zu interessieren — der Artikel ist unverändert online.

Mit Dank an Daniel H. für den Hinweis!

„Bild“ lässt mutmaßliche Vergewaltiger „triumphieren“

Sie seien „triumphierend“ aus der Polizeiwache gekommen, titelt „Bild“ heute über die „Kinder des Schreckens“, denen vorgeworfen wird, eine junge Frau vergewaltigt zu haben:

BILD-Titelseite: Kinder des Schreckens! - Polizei sicher: Jungs-Bande (12-14 Jahre) vergewaltigt 18-Jährige - Staatsanwalt lässt sie vorläufig laufen - Triumphierend verlassensie die Polizeiwache - dazu Fotos der drei Jungs, wie sie die Wache verlassen, einer hebt dabei den Arm

Nun hat Bild.de im Laufe des Tages ein Video hinter der „Bild plus“-Schranke veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie die Jungen die Wache verlassen. „Triumphieren“ sieht man dabei jedoch keinen von ihnen. Einer hebt lediglich kurz den Arm, offenbar um den Angehörigen, die sie abholen, ein Handzeichen zu geben. Es scheint sogar so, als würden sie sofort von ihren Verwandten zusammengestaucht.

Aber „triumphieren“ passt natürlich viel besser ins Bild.

Julian Reichelt sieht keine toten Menschen

Nach einem schweren Busunfall auf Madeira im April dieses Jahres, bei dem 29 Menschen starben, zeigte Bild.de viele Fotos, auf denen die Opfer des Unglücks zu sehen waren. Über diese Veröffentlichung beschwerten sich mehrere Personen beim Deutschen Presserat.

Zum Prozedere gehört es dann, dass auch die Redaktion, gegen die sich eine Beschwerde richtet, Stellung nehmen kann. Das hat in diesem Fall Julian Reichelt übernommen. Und der „Bild“-Chef entgegnete den Vorwürfen mit einer sehr eigenen Version der Vorgänge. Im Bericht des Presserats steht:

Der Vorsitzende der Chefredaktionen trägt vor, die Beschwerde sei erkennbar unbegründet, weshalb er sich kurzfassen wolle: An dem tragischen Busunglück in Madeira, von dem auch viele deutsche Urlauber betroffen waren, habe ein besonders großes öffentliches Informationsinteresse bestanden. Diesem Interesse habe man entsprochen, nicht mehr und nicht weniger — wie alle anderen Medien auch. Und unter Einhaltung sämtlicher presseethischer Grundsätze über ein Aufsehen erregendes zeitgeschichtliches Ereignis berichtet. Anders als die Beschwerdeführer behaupten, habe man insbesondere keine Fotos der getöteten oder lebensgefährlich verletzten Opfer gezeigt. Man habe aber — natürlich, weil man als Presse dazu verpflichtet sei — die Fotos der Unfallstelle gezeigt, an der eine Vielzahl von Helfern darum bemüht war, den Opfern zu helfen. Teilweise — mit „viel gutem Willem“ — identifizierbar seien lediglich einige wenige leicht verletzte Opfer des Busunglücks. Dies jedoch sei im Rahmen des unstreitig gegebenen öffentlichen Interesses i.S.v. Ziffer 8 Pressekodex im Hinblick auf eine vollständige und umfassende Berichterstattung unvermeidbar und verletze weder Recht noch Presseethik.

Kurzum: Ihre Bild- und Textberichterstattung über den tragischen Unglücksfall auf Madeira sei absolut medienubiquitär und in keiner Weise zu beanstanden. Die Beschwerden seien allesamt zurückzuweisen.

Erstmal zur Frage der Identifizierbarkeit der von Bild.de gezeigten Personen. Zu dem Thema schreibt der Medienrechtler Udo Branahl in seinem Lehrbuch:

An die Erkennbarkeit des Betroffenen stellt die Rechtssprechung (…) nicht sehr hohe Anforderungen. Sie verlangt nicht etwa, dass ein erheblicher Teil des Publikums die gemeinte Person erkennen kann, sondern lässt es ausreichen, dass sie von Kollegen, Freunden, Bekannten oder Verwandten erkannt werden kann.

Wenn Reichelts Redaktion Aufnahmen veröffentlicht, die Personen in einer Totalen unverpixelt zeigen, ist also nicht „viel guter Wille“ notwendig, um von einer identifizierenden Berichterstattung zu sprechen. Das dürfte auch für das Foto gelten, auf dem ein Verletzter deutlich größer, aber verpixelt zu sehen ist, da dieser für „Kollegen, Freunde, Bekannte oder Verwandte“ etwa anhand seiner Kleidung immer noch zu erkennen sein dürfte.

Reichelts Argument, dass man insbesondere keine Fotos der getöteten oder lebensgefährlich verletzten Opfer gezeigt habe, ist schlicht falsch. Entweder weiß er nicht, was seine Redaktion so alles veröffentlicht hat, oder er lügt. Bild.de zeigte noch am Tag des Unfalls ein Foto, auf dem Leichen vor dem verunglückten Bus unvepixelt zu sehen waren:

Screenshot Bild.de - Ein Foto vom verunglückten Reisebus, davor liegen Menschen, die offenbar nicht mehr leben - Bild.de hat da Foto ohne jegliche Unkenntichmachung veröffentlicht
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag stammen von uns.)

Und als Bild.de die Aufnahme bereits nach und nach verpixelt hatte, druckte die „Bild“-Zeitung ein ähnliches Foto noch einmal komplett ohne Unkenntlichmachung:

Ausriss Bild-Zeitung - Foto des verunglückten Busses

Der Presserat sah es dann auch anders als Julian Reichelt und sprach eine Missbilligung aus:

Der Beschwerdeausschuss erkennt in der Berichterstattung unter der Überschrift „Reisebus mit 55 Menschen auf Madeira verunglückt“ einen Verstoß gegen den in Ziffer 8 des Pressekodex festgeschriebenen Schutz der Persönlichkeit und die in Ziffer 11 des Pressekodex festgehaltene Sensationsberichterstattung.

Das Gremium sieht in der Veröffentlichung von Fotos, die Opfer des Unglücks unverfremdet und identifizierbar zeigen, einen Verstoß gegen deren Persönlichkeitsschutz gemäß Richtlinie 8.2 des Pressekodex. Der Umstand, dass jemand Opfer eines Busunglücks wird, macht denjenigen grundsätzlich nicht zu einem legitimen Objekt des öffentlichen Interesses. Das Wissen um die Identität der Betroffenen trägt vorliegend in keiner Weise zum besseren Verständnis vom Unfallhergang bei. Bloße Neugier der Leser rechtfertigt hingegen keine identifizierende Berichterstattung. Daher überwiegen die schutzwürdigen Interessen der Betroffenen. Die Veröffentlichung von unverfremdeten Fotos der Opfer im Moment ihres Leids lässt diese in der Öffentlichkeit erneut zu Opfern werden und verstößt insofern auch gegen Richtlinie 11.3 des Pressekodex.

Mit Dank an André W. für den Hinweis!

Nachtrag, 17:12 Uhr: Drüben bei „Übermedien“ berichtet Stefan Niggemeier über eine weitere Entscheidung des Presserats gegen „Bild“.

Nachtrag, 4. Juli: Zu dieser Aussage des pflichtbewussten Julian Reichelt: „Man habe aber — natürlich, weil man als Presse dazu verpflichtet sei — die Fotos der Unfallstelle gezeigt, an der eine Vielzahl von Helfern darum bemüht war, den Opfern zu helfen.“ schickte uns ein Leser die Frage, wo und in welcher Form die Presse „dazu verpflichtet sei“, Fotos einer Unfallstelle zu zeigen. Darauf wissen wir leider auch keine Antwort. Von so einer Pflicht haben wir jedenfalls noch nie gehört. Und, das nur nebenbei: Es gab auch Fotos von der Unfallstelle, die etwas später aufgenommen wurden und bei denen die Leichen von den Helfern bereits abgedeckt waren.

Mit Dank an Martin für den Hinweis!

„Bild“ weiß kaum etwas und schreit: Alarm in „unserem Freibad“

Auf der „Bild“-Titelseite ist heute wieder Alarm:

Ausriss Bild-Titelseite - Deutschlands Chef-Bademeister klagt an - Das ist nicht mehr unser Freibad!

… was bei uns gleich mehrere Fragen aufwirft: Wer bildet das „Wir“ in dieser Schlagzeile — wessen Freibad soll nicht mehr so sein, wie es mal war? Und wer ist das „Die“ — wer soll es so zugerichtet haben, wie es laut „Bild“ jetzt sein soll, mit „+++ Schlägereien +++ Pöbeleien +++ Messer +++ Tränengas +++ Polizei +++“? Es gibt aus unserer Sicht nicht viele Möglichkeiten, wie man die „Bild“-Schlagzeile von heute verstehen kann, und die erste, auf die wir kommen, ist: „Die Ausländer haben uns Deutschen unser Freibad kaputtgemacht!“

Auf der kompletten Seite, die die „Bild“-Redaktion zu dem Thema veröffentlicht hat, bietet sie erstaunlich wenig, was die These des veränderten Freibads belegen könnte.

Ausriss Bild-Zeitung - Früher war baden gehen irgendwie anders - Freibad-Report Sommer 2019

Der „Freibad-Report“ startet schon komplett vage:

Planschen, Pommes rot-weiß und Schlange stehen am Sprungturm — die Freibadsaison läuft bei Temperaturen von über 39 Grad auf Hochtouren.

Doch in diesem Jahr scheint die Stimmung in vielen Freibädern Deutschlands auffällig aggressiv zu sein.

„scheint“? Das ist ernsthaft die Grundlage, auf die sich die „Bild“-Redaktion beruft, wenn sie schreit: „In deutschen Freibädern wird es immer schlimmer!“? Sie hat offenbar null belastbaren Zahlen, die belegen könnten, dass es wirklich gefährlicher geworden ist in den Freibädern. Jedenfalls nennt sie keine. Stattdessen geht es schwammig weiter:

Zahlreiche Badegäste berichten von unangenehmen Erlebnissen, die Polizei von spektakulären Einsätzen!

„zahlreiche“ — sehr präzise!

Und auch Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende einer Polizeigewerkschaft, der bei so einem Thema natürlich nicht fehlen darf, scheint keinerlei Ahnung zu haben, wie es genau aussieht, darf aber auch was sagen:

„Jeder versteht etwas anderes unter Spaß“, erklärt Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG).

„Der eine will mit seiner Familie in Ruhe baden, andere wollen Kräfte messen und laut Musik hören. Da ist Stress programmiert. Gefühlt gibt es immer mehr Polizeieinsätze in den Bädern.“

„Gefühlt“ reicht also inzwischen als Maßstab (was übrigens bestens zum Wochenmagazin „Bild Politik“ passt, bei dem laut „Bild“-Politikchef Nikolaus Blome der Grundsatz gelte: „Gefühle schaffen Fakten“).

„Bild“ liefert in dem Text dann noch ein paar Vorkommnisse („Pfefferspray“, „Belästigung“, „Messer-Attacke“, „Familien-Streit“, „Beißangriff“), die angeblich „zeigen: Das Miteinander im Freibad hat sich verändert.“ Aber auch hier: Exakt keine Details dazu, dass es mehr und/oder heftiger geworden ist.

Bei den meisten dieser Beispiele nennt die Redaktion nicht die Nationalitäten der Personen, die dort für Randale gesorgt haben sollen. Bei manchen aber schon: ein Mann aus dem Iran, ein Jugendlicher aus Syrien, ein Jugendlicher aus Deutschland — wobei der Deutsche das Opfer des beißenden Syrers sein soll. Das ist dann vermutlich die Antwort auf unsere Fragen, wer das „Wir“ und wer das „Die“ sein sollen.

Neben dem Haupttext präsentiert „Bild“ ein Gespräch mit „Deutschlands oberstem Bademeister“, dem Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister Peter Harzheim. Allerdings klagt Harzheim gar nicht an, wie von „Bild“ auf der Titelseite behauptet, dass das „nicht mehr unser Freibad“ sei. Und er sagt auch nichts zu Schlägereien, Pöbeleien, Messern, Tränengas oder der Polizei. Stattdessen erzählt er, dass man immer häufiger geduzt werde, dass manche Freibadbesucher Mitarbeiterinnen des Bads nicht als Autoritätspersonen akzeptieren, und dass Leute immer wieder mit normaler langer Kleidung ins Wasser wollen (Burkinis oder UV-Kleidung seien für ihn hingegen völlig in Ordnung, so Harzheim, solange sie aus Schwimmtextilien bestehen). Also auch hier kein Hinweis darauf, dass an der „Bild“-Schlagzeile irgendetwas dran ist.

Der absurde Höhepunkt der „Bild“-Freibad-Seite ist aber sowieso der Besuch eines Reporters im Prinzenbad, Pardon, „im berüchtigten Prinzenbad“. Und wo, wenn nicht im berüchtigten Berlin-Kreuzberg, sollte „Bild“ auf die Abgründe des deutschen Freibads stoßen?

Das Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg ist wohl das berühmteste Freibad Deutschlands. Auf jeden Fall ist es das berüchtigtste. Immer wieder wird es Schauplatz von Krawallen. (…)

BILD verbrachte einen Tag im Prinzenbad während der Hitzewelle

… und hat wirklich nichts gefunden. (Möglichst unspektakuläre Reportagen von angeblich gefährlichen Orten sind sowieso eine Spezialität der „Bild“-Medien.)

Die Schlimmsten Vorkommnisse:

7 Uhr: Bei Öffnung stehen rund 100 Menschen vor dem Tor. Darunter auch ein Security-Mann (25) und ein Siemens-Ingenieur (23), die vor ihrer Schicht ins Wasser wollen. Wenig später stehen sie im Wasser am Beckenrand und rauchen Zigaretten. Hinter ihnen ein Schild: „Rauchen verboten“.

7.30 Uhr: Die ersten Jugendlichen fangen an, am Ende des Beckens Arschbomben zu üben.

Und das heftigste Ereignis um 15:03 Uhr:

15.03 Uhr: 37 Grad. Die Security hält einen Mann aus Bulgarien fest. Er soll über den Zaun geklettert sein, ohne zu zahlen.

Hui!

Ansonsten: „Ein paar Oberschüler“, die sagen: „‚Dicker, heute wird Sonne böse, guck mal, wie blass ich bin, ja'“, drei Rentner, die „unter einem Sonnenschirm Rommé“ spielen, zwei Polizisten, die „durch das Bad“ laufen, aber „nur Präsenz“ zeigen, zwei Männer, die sich küssen, was aber niemanden interessiert außer den „Bild“-Reporter, und ein Junge, der zu einem anderen sagt: „‚Walla, du bist der größte Hurensohn, wenn du noch einen Schluck nimmst'“, denn, so der Autor: „Bei der Hitze ist Wasser ein kostbares Gut.“ Das Fazit des Besuchs:

Am Ende des Tages kamen 8300 Menschen. Ein guter Tag für das Prinzenbad. Keine Diebstähle, keine Krawalle.

Aber davon lassen sie sich bei „Bild“ selbstverständlich nicht ihre Stimmungsmache vermiesen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Kurz korrigiert (529)

In Stuttgart ist am Sonntag ein Balkon mit einem Pool darauf eingebrochen. Auch die „Bild“-Medien berichten über den Unfall und schildern das alles so:

Ausriss Bild-Zeitung - Weil das Planschbecken zu schwer war - Familie stürzt mit Balkon in die Tiefe

Frank (54) und Maria Josefa R. (53) stellten ein drei Quadratmeter großes Planschbecken auf den Balkon über dem familieneigenen Zimmereibetrieb in Stuttgart. Mit ihren Töchtern Anna-Maria (22) und Brigitte (21) sowie deren Freunden Eric R. (27) und Gianluca P. (25) hielten sich die Eltern gegen 18 Uhr auf dem Balkon auf.

DANN KRACHTE ES!

Der Balkon, eine Holzkonstruktion, stürzte auf einer Seite ab, wurde aber von einem darunter parkenden Transporter abgefangen. Sechs Personen wurden laut Polizei leicht verletzt, eine musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Zur „wahrscheinlichen Ursache des Unfalls“ schreiben „Bild“ und Bild.de:

Der Balkon war überlastet! Sven Matis, Sprecher der Stadt Stuttgart: „Der Balkon muss 400 Kilonewton pro Quadratmeter als Last aushalten. Laut Berechnung des Baurechtsamts wiegt Wasser mit 70 Zentimetern Höhe im Pool fast doppelt so viel wie zulässig.“

Da passt rechnerisch überhaupt nichts zusammen.

Erstmal zu dem Zitat des Sprechers der Stadt Stuttgart: Für 400 Kilonewton wäre ein Gewicht von über 40 Tonnen notwendig. Das wäre sehr viel. Wir haben bei Sven Matis nachgefragt, ob er den „Bild“-Autorinnen Anna Schmatz und Alexandra zu Castell-Rüdenhausen dieses Zitat so gegeben hat. Ja, habe er. Der Fehler liege bei ihm. Tatsächlich müsste es vier Kilonewton pro Quadratmeter heißen, so Matis.

Aber selbst mit dem richtigen Zitat wären die „Bild“-Angaben noch falsch: Der Pool war nicht „drei Quadratmeter groß“; er hatte einen Durchmesser von „etwa drei Metern“, wie die Polizei schreibt. Daraus ergibt sich eine Fläche von etwa sieben Quadratmetern. Und bei einer Höhe von 70 Zentimetern ein Volumen von 4900 Litern (statt 2100 Litern bei den „Bild“-Angaben). Das daraus resultierende Gewicht von 4900 Kilogramm waren für den Balkon offenbar zu viel.

Mit Dank an Vincenzo M. und Jonas H. für die Hinweise!

Nachtrag, 5. Juli: Mehrere Leserinnen und Leser weisen uns darauf hin, dass zum Gewicht des Pools und des Wassers im Pool noch das Gewicht der (mindestens) sechs Personen auf dem Balkon beziehungsweise im Pool kam. Das sollte man in der Rechnung nicht unterschlagen.

Mit Dank an die Hinweisgeber!

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