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Bild.de erfindet den Rechtsstaat neu

Vor dem Landgericht Neubrandenburg hat heute der Prozess gegen einen Mann begonnen, der seine sechsjährige Stieftochter getötet haben soll. Dem Angeklagten wird Mord durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Der Pflichtverteidiger des Mannes sagt, dass sein Mandant die Tat bestreite.

Auch Bild.de berichtet über den ersten Prozesstag und erfindet dabei gleich mal den Rechtsstaat neu:

Was ist geschehen?

Als die Rettungssanitäter am Abend des 12. Januar eintreffen, liegt Leonie (6) tot in der Wohnung der Familie. Später wird klar: Das Kind starb an schweren Kopfverletzungen. Ihr Stiefvater David H. behauptet es handle sich um einen tragischen Unfall. Das muss er Staatsanwaltschaft und Richtern jetzt vor Gericht beweisen.

So grausam die Taten sein mögen, die David H. vorgeworfen werden, gilt auch für ihn die Unschuldsvermutung. Nicht er muss „Staatsanwaltschaft und Richtern jetzt vor Gericht beweisen“, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe; die Staatsanwaltschaft muss David H. den Mord nachweisen.

Die Richter aus der Bild.de-Redaktion haben ihr Urteil übrigens schon längst auf der Startseite gesprochen:

Screenshot Bild.de - Kleine Leonie (6) von Stiefvater ermordet - Feiger Kinder-Killer zeigt verzweifeltem Vater den Mittelfinger
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Mit Dank an Harald und @unalternativ für die Hinweise!

Nachtrag, 25. September: Mehrere Leserinnen und Leser haben uns darauf hingewiesen, dass der Mittelfinger, den der Angeklagte laut Bild.de dem Vater gezeigt haben soll, ja auch dem Fotografen gegolten haben könnte, dessen Foto die Redaktion verwendet. Und tatsächlich gibt es solche fragwürdigen Interpretationen, bei denen die „Bild“-Medien einen ausgestreckten Mittelfinger etwa als Verhöhnung des Gerichts auslegen, obwohl er vermutlich dem eigenen Fotografen galt.

In diesem Fall dürfte die „Bild“-Darstellung hingegen stimmen. Jedenfalls zeigt ein Video vom Prozessauftakt, das UM.tv bei Facebook gepostet hat, dass der Angeklagte den Mittelfinger zumindest in jene Richtung streckt, in der der Vater des verstorbenen Mädchens sitzt.

Franz Josef Wagner setzt „Hartz-IV-Familien“ vor die Glotze

Bruce Springsteen hat heute Geburtstag, 70 Jahre ist der Musiker nun alt, und ist man so bekannt wie Springsteen, hat man das Pech, dass einem alle möglichen Leute gratulieren:

Ausriss Bild-Zeitung - Post von Wagner - Hi Boss (Bruce Springsteen)

1949, heute vor 70 Jahren, wurden Sie geboren, ein Junge aus New Jersey. Vater Busfahrer, Mutter Sekretärin, Bildungschancen keine, Schule abgebrochen. Für Ihre Eltern war es normal, nicht mehr zu wollen, als vor dem Fernseher zu sitzen.

Heute würden wir sagen, Bruce Springsteen stammt aus einer Hartz-IV-Familie.

Dieser Hartz-IV-Junge ist heute der gefeiertste Rockstar aller Zeiten.

Nun könnte man sicher sehr leidenschaftlich darüber debattieren, ob Springsteen wirklich „der gefeiertste Rockstar aller Zeiten“ ist, doch hier soll es um Franz Josef Wagners herablassenden Hartz-IV-Unsinn gehen.

Kaum Bildung, keine Ambitionen und ständig vor der Glotze — das macht für den „Bild“-Briefonkel offenbar eine typische „Hartz-IV-Familie“ aus. Diese Vorurteile passen bestens in das verächtliche Bild von faulen „Hartz-IV-Schmarotzern“, das die „Bild“-Redaktion seit Jahren verbreitet. Dass Springsteens Eltern als Busfahrer beziehungsweise Sekretärin beide arbeiteten, schreibt Wagner zwar selbst; dass sie mit ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienten und wohl kaum Hartz-IV-berechtigt gewesen wären, scheint ihn bei seinem Urteil hingegen nicht weiter zu interessieren.

Wagners Behauptungen zu den fehlenden Bildungschancen und zu Springsteens Schulabbruch sind übrigens schlicht falsch. Bruce Springsteen hatte durchaus Bildungschancen und nutzte diese auch, was ihm 1967 einen High-School-Abschluss brachte. Er soll zwar nicht zur Graduiertenfeier erschienen sein, die Schule hat er aber erfolgreich beendet — im Gegensatz zu Franz Josef Wagner, der seine Abiturprüfung nie bestanden hat.

Mit Dank an Manni für den Hinweis!

Bild.de sollte A$AP korrigieren

Immerhin haben sie nicht geschrieben, dass US-Präsidentin Dolly Parton Karotten-Experte Bugs Bunny zum neuen Sicherheitsberater gemacht hat, aber ansonsten ist an diesem Artikel von Bild.de so gut wie alles falsch:

Screenshot Bild.de - O'Brien befreite Rapper A$AP Rocky - Trumps Geisel-Experte wird Sicherheitsberater

Vielleicht erst einmal zu den involvierten Personen: US-Präsident Donald Trump dürfte bekannt sein. A$AP Rocky ist ein ziemlich erfolgreicher Rapper aus den USA, der im Juli und August mehrere Wochen in Schweden in Untersuchungshaft saß und wegen Körperverletzung dort vor Gericht stand. Und Robert O’Brien ist Jurist, war bisher Trumps Sondergesandter für Entführungsfälle und ist nun eben Nachfolger des gerade erst entlassenen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton.

Bild.de schreibt:

Robert O’Brien wurde Anfang August zum Helden US-amerikanischer Rap-Fans — nun wird er der Nationale Sicherheitsberater der USA!

Der US-Rapper A$AP Rocky (30) saß in Schwedens Hauptstadt Stockholm wegen einer Schlägerei in Untersuchungshaft. Dann schickte US-Präsident Donald Trump (73) seinen Sondergesandten für Geiselangelegenheiten nach Schweden: Robert O’Brien, der als Sonderbotschafter Diplomaten-Status genießt. (…)

Was Trump jedoch erreichte: Er machte aus einer Gerichtsverhandlung eine diplomatische Angelegenheit — und der Rapper wurde tatsächlich freigesprochen!

A$AP Rocky wurde allerdings gar nicht freigesprochen. Das Gericht in Stockholm hat ihn zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er wurde auch nicht von O’Brien „befreit“, wie Bild.de in der Dachzeile behauptet. Es war eine Entscheidung des zuständigen Gerichts, den Rapper Anfang August, nach den Schlussplädoyers von Anklage und Verteidigung, bis zur Urteilsverkündung aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Und somit „erreichte“ auch Donald Trump nichts in diesem Fall, im Gegenteil: Seine wiederholten Interventionsversuche bei Schwedens Regierungschef Stefan Löfven führten nur zu der peinlichen Situation, dass Löfven dem US-Präsidenten mehrfach die Unabhängigkeit der schwedischen Justiz erklären musste.

Die völlig falsche Zusammenfassung, dass Trump gemeinsam mit O’Brien dafür gesorgt habe, dass A$AP Rocky „freigesprochen“ und „befreit“ wurde, hätte sich die PR-Abteilung des Weißen Hauses nicht besser ausdenken können.

Mit Dank an @GregorxxxSamsa und @cobvl für die Hinweise!

Was kümmert sie ihr Geschwätz vom Absatz zuvor?

Popstar Sam Smith schrieb am vergangenen Freitag bei Twitter:

Screenshot eines Tweets von Sam Smith - Today is a good day so here goes. I’ve decided I am changing my pronouns to THEY/THEM after a lifetime of being at war with my gender I’ve decided to embrace myself for who I am, inside and out

Mit dieser Aussage landete Smith auch bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Weder Mann, noch Frau - Wie Sam Smith ab jetzt genannt werden will

Sam Smith (27) möchte ab sofort nicht mehr mit männlichen Pronomen angesprochen werden, stattdessen wünscht sich Smith ab jetzt eine genderneutrale Ansprache.

Bereits Anfang des Jahres erklärte Sam Smith, non-binär zu sein, sich also weder dem männlichem, noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig zu fühlen. Damals sagte Smith jedoch, er wolle weiter mit „er“, also dem männlichen Pronomen angesprochen werden. Dies hat sich nun geändert.

Dass Sam Smith aus Sam Smiths Sicht „WEDER MANN, NOCH FRAU“ ist, wie Bild.de in der Dachzeile schreibt, kann man zumindest bezweifeln. Vor knapp zwei Jahren sagte Smith in einem Interview mit der „Sunday Times“: „I feel just as much woman as I am man“. Aber eigentlich soll es hier sowieso um etwas anderes gehen, nämlich um dieses lobenswerte Versprechen, das die Bild.de-Redaktion im Artikel gibt:

BILD möchte Sam Smiths Wunsch natürlich folgen, daher wird in diesem Artikel nur der Name genutzt.

Was dieses Versprechen wert ist, sieht man allerdings, wenn man den direkt darauffolgenden Absatz liest:

BILD möchte Sam Smiths Wunsch natürlich folgen, daher wird in diesem Artikel nur der Name genutzt.

Smith schreibt auf Twitter, dass er weiß, dass einige Menschen Fehler machen werden, ohne ihm etwas böses zu wollen. Er wünscht sich nur, dass jeder zumindest versucht, seinen Wunsch nachzugehen.

Bei Bild.de kann Smith sich das offenbar noch lange wünschen.

Mit Dank an @HorstHoof für den Hinweis!

Klima und Freiheit lassen sich von „Bild“ nicht ausspielen

Gestern fragte „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Was ist wichtiger: Klima oder Freiheit?

Und auch Bild.de fragte mit:

Screenshot Bild.de - Die Welt spricht über Joshua Wong und Greta Thunberg - Was ist wichtiger: Klima oder Freiheit?

In unseren Augen ist das ein so billiger und durchsichtiger Versuch der „Bild“-Redaktion, rumpelnd Aufmerksamkeit zu bekommen und zu provozieren, dass wir die Sache hier eigentlich nicht thematisieren wollten. Aber dann gab es heute doch noch eine ganz schöne Pointe. Denn Freiheit und Klima beziehungsweise deren Vertreter Joshua Wong und Greta Thunberg wollten sich offenbar nicht von den „Bild“-Mitarbeitern für deren ekligen Versuch einspannen lassen, zwei wichtige Bewegungen und zwei junge Menschen gegeneinander auszuspielen (an dieser Stelle sei noch einmal an Gertjan Verbeeks „Arschlocher“-Analyse erinnert).

Und so kommentierte Joshua Wong heute einen Tweet Greta Thunbergs:

Screenshot eines Tweets von Joshua Wong - What Greta Thunberg stands up for and her philosophy to advocacy is truly inspiring. Her cause is ours too, as a global citizen. climatestrike FridaysForFuture

Und Thunberg schickte prompt eine Solidaritätsbekundung zurück an Wong:

Screensot eines Tweets von Greta Thunberg - Likewise! We stand with you.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Die Infos liefert „Bild“, Mistgabeln müssen selbst besorgt werden

Nachdem ihr Sohn bei einem Attentat vor einigen Jahren mehrere Menschen getötet hat, änderte sich auch für die Eltern des Täters das Leben komplett: Sie bekamen Morddrohungen, mussten ihren Wohnort verlassen, wurden in ein polizeiliches Schutzprogramm aufgenommen und sollen ins Ausland gezogen sein. So steht es bei Bild.de:

Nach der Tat wurde die Familie ins Opferschutzprogramm der Polizei aufgenommen — verließ später sogar Deutschland angeblich in Richtung Österreich. Grund: Massive Drohungen.

Dieser Satz stammt aus einem Artikel, den Bild.de gestern Abend veröffentlichte und der verkündet, dass die Familie nun wieder in ihrem alten Wohnort lebt:

Screenshot Bild.de - Familie des ... zurück in ...
(Verpixelung durch uns.)

Für ein paar Klicks und das eine oder andere verkaufte Abo — es handelt sich um einen „Bild plus“-Artikel — zerren die „Bild“-Medien eine Familie in die Öffentlichkeit, die „massiven Drohungen“ ausgesetzt und auf den Schutz der Polizei angewiesen war. Auf ihrer Startseite erzählte die Bild.de-Redaktion einem Millionenpublikum von dem Umzug; die in dem Ort erhältliche gedruckte „Bild“-Regionalausgabe berichtet heute ebenfalls groß darüber. Der Name der Familie wird sowohl online als auch in der Printverstion genannt. Mistgabeln und Fackeln sind hingegen nicht beigelegt und müssen vom Mob selbst besorgt werden.

Mit Dank an Christian S. für den Hinweis!

Baden gehen in griechischen Quellen

Für besondere Geschichten brauchen Redaktionen besondere Quellen. Und bei Bild.de, da haben sie diese Quellen.

Nachdem die künftige Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen ihre 27 26 Kommissarinnen und Kommissare präsentiert hatte (Bild.de: „Von der Leyen stellt ihre kuriose EU-Truppe vor“), schrieb das „Bild“-Team:

Screenshot Bild.de - Zweite Überraschung: Neben Timmermans und der dänischen Liberale Margrethe Vestager wird der griechische Christdemokrat Valdis Dombrovskis (48, Bereich Wirtschaft und Soziales) eine herausragende Rolle spielen. Bild hatte dies bereits aus griechischen Quellen erfahren und vorab berichtet.

Verständlich, dass die Autoren ihren Vorsprung noch einmal erwähnen wollen. Und es ist ja auch wirklich eine bemerkenswerte Quelle, die einem erzählt, dass der frühere Ministerpräsident Lettlands nun Grieche ist.

Inzwischen scheinen sie jedoch auch bei Bild.de nicht mehr überzeugt zu sein von Dombrovskis überraschendem Nationalitätenwechsel. Nun steht in dem Artikel:

Zweite Überraschung: Neben Timmermans und der dänischen Liberale Margrethe Vestager wird der Lette Valdis Dombrovskis (48, Bereiche Wirtschaft und Soziales) eine herausragende Rolle spielen. Als ditter (sic) geschäftsführender Vizepräsident soll der Christdemokrat künftig „die Arbeiten für die Wirtschaft im Dienste der Menschen koordinieren“.

Die weiteren fünf Vize-Präsidenten, die ressortübergreifend koordinierende Aufgaben wahrnehmen: Der Spanier Josep Borrell (Außenbeauftragter), die Tschechin Vera Jourova (Werte und Transparenz), der Slowake Maros Sefcovic (interinstitutionelle Beziehungen), die Kroatin Dubravka Suica (Demokratie und Demografie) und der Grieche Margaritis Schinas („Schützen, was Europa ausmacht“). Über dessen Berufung hatte BILD vorab berichtet.

Einen Korrekturhinweis sucht man in dem langen Text vergeblich.

Mit Dank an Jan Niklas S. für den Hinweis!

Korrektur, 13. September: Es sind nicht 27 Kommissarinnen und Kommissare, wie wir zuerst geschrieben haben, sondern 26 Kommissarinnen und Kommissare. Mit Ursula von der Leyen als Präsidentin der Kommission sind es dann 27 Personen.

Mit Dank an @MoDeutschmann für den Hinweis!

Will eine „Grünen-Frau“ Luftballons verbieten?

Wenn die Bild.de-Redaktion auf ihrer Startseite sowas hier schreibt …

Screenshot Bild.de - Landeschefin in Niedersachsen - Grünen-Frau will Luftballons verbieten

… dann könnte man ja fast glauben, dass eine „Grünen-Frau“ (gemeint ist offenbar eine Politikerin der Grünen) Luftballons verbieten will. So viel schon mal jetzt: Das ist eine kräftig verzerrte Darstellung.

In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ wird die Landesvorsitzende der Grünen in Niedersachsen Anne Kura (das ist bei Bild.de die „Grünen-Frau“) heute so zitiert:

Soll das Steigenlassen von Luftballons verboten werden? Die Grünen in Niedersachsen halten einen entsprechenden Beschluss der nordrhein-westfälischen Stadt Gütersloh für nachahmenswert. „Steigen gelassene Luftballons landen in den allermeisten Fällen in der Natur. Vögel und andere Tiere fressen die weichen Ballonreste und verhungern dann mit vollem Magen. Auch Ballons aus Naturlatex sind deswegen keine wirkliche Alternative“, sagte Grünen-Landeschefin Anne Kura unserer Redaktion. Es sei deshalb „begrüßenswert, dass die Stadt Gütersloh mit gutem Beispiel vorangeht und auf das Steigenlassen von Luftballons verzichtet“, ergänzte sie.

Im Artikeleinstieg bei Bild.de klingt das alles dann schon etwas anders:

Luftballons zur Hochzeit steigen lassen, Deko für Kindergeburtstage oder lustige Tierfiguren — das alles könnte schon bald Geschichte sein.

Zumindest wenn es nach den Willen der Grünen aus Niedersachsen geht. Sie sprechen sich für ein Luftballonverbot aus.

Die Bild.de-Redaktion schafft es, drei Beispiele zu nennen — und mit allen drei danebenzuliegen: Die Grünen aus Niedersachsen fordern kein Verbot für „Luftballons zur Hochzeit“, sie fordern kein Verbot für „Deko bei Kindergeburtstagen“ und sie fordern auch kein Verbot von „lustigen Tierfiguren“.

Auf Nachfrage sagt uns ein Sprecher der Partei, dass es Anne Kura ausschließlich um gasgefüllte Luftballons geht, die man in die Natur steigen lässt. In Fußgängerzonen könnten gern weiterhin Dackel oder Affen oder andere Tiere aus Luftballons geknotet werden, ganze Hallen sollen weiter mit Luftballons ausgeschmückt werden — alles kein Problem für die Grünen. Und es gibt noch eine Einschränkung zum vermeintlichen allgemeinen Luftballonverbot: Kura bezieht sich auf eine Entscheidung aus Gütersloh. Diese betraf allerdings nicht private Feste wie Hochzeitsfeiern oder Kindergeburtstage, sondern nur städtische Veranstaltungen (was dann natürlich auch für städtische Kindergärten und Schulen gelten würde). Bei privaten Feiern könnte man weiterhin Luftballons aufhängen, sie zum Platzen bringen oder auch gasgefüllte Ballons steigen lassen.

Statt eines generellen Luftballonverbots fordern die Grünen aus Niedersachsen also ein Verbot* fürs Steigenlassen von gasgefüllten Luftballons bei städtischen Veranstaltungen. Für so viel Differenzierung war nicht nur bei Bild.de kein Platz — in den Überschriften vieler anderer Medien klingt es ganz ähnlich verzerrt.

Nachtrag, 14:17 Uhr: Bei der Entscheidung in Gütersloh geht es neben städtischen Veranstaltungen auch um private Feiern auf städtischem Gelände.

Mit Dank an @LeKWiNK für den Hinweis!

Nachtrag, 14:25 Uhr: Bei Bild.de ist inzwischen ein Artikel mit dieser Überschrift erschienen:

Screenshot Bild.de - Luftballon-Debatte - Grüne fordern kein generelles Verbot

Mit Dank an @cbstralsund für den Hinweis!

*Nachtrag, 13. September: Genau genommen fordern die Grünen aus Niedersachsen gar kein Verbot. Die Landesvorsitzende Anne Kura hat gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ lediglich gesagt, dass das (von allen Parteien beschlossene) Verbot im nordrhein-westfälischen Gütersloh begrüßenswert sei. Eine konkrete Forderung nach einem Verbot in Niedersachsen stellte sie hingegen nicht auf.

Mit Dank an Frank O. für den Hinweis!

Von dusseligen Mächten verhängnisvoll gegoogelt

Wer die Zeile „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ googelt, dem wird in den Ergebnissen ganz oben angezeigt: „Von guten Mächten“, Lied von Glashaus, verfügbar bei Spotify, Deezer und Google Play Music. Soso.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig fügte einem Video, in dem sie gestern ankündigte, ihre Parteiämter auf Bundesebene (und nicht alle Ämter, wie Bild.de zwischenzeitlich behauptete) wegen einer Krebserkrankung niederzulegen, eben dieses Zitat bei: „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“ Darauf vertraue sie.

Die „Bild“-Zeitung vertraut dagegen aufs erste Google-Ergebnis. Der Redaktion zufolge zitiert Schwesig nämlich die Pop-Gruppe Glashaus:

Ausriss Bild-Zeitung - Auf Twitter zitierte sie aus einem Lied der Pop-Gruppe Glashaus das sie auch morgens beim Joggen hört: Von guten Mächten wunderbar geborgen, darauf vertraue ich

Tatsächlich aber stammt diese Zeile nicht von einer Pop-Band, sondern vom Theologen und Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime Dietrich Bonhoeffer, der das dazugehörige Gedicht in der Vorweihnachtszeit 1944 schrieb, wie man etwa in der Bonhoeffer-Biografie des Theologen Wolfgang Huber nachlesen kann. Bonhoeffer verfasste den Text während seiner Gefangenschaft im Gestapo-Gefängnis in Berlin und fügte ihn einem Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer an.

Es sollte sein letztes Gedicht sein, das der Nachwelt erhalten blieb. Und wohl auch das berühmteste. In Ermangelung einer Überschrift wurde es erst mit dem Titel „Neujahr 1945“ veröffentlicht, später ging es dann mit dem Titel „Von guten Mächten“ um die Welt, so Biograf Huber. Wenig später, am 9. April 1945, wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg erhängt — auf direkten Befehl Hitlers, alle Mitverschwörer des Attentats vom 20. Juli 1944 hinzurichten, zu denen die Nazis auch Bonhoeffer zählten.

Heute kennen viele Bonhoeffers letztes Gedicht aus der evangelischen Kirche, wo es sich, unter anderem vertont von Siegfried Fietz, großer Beliebtheit erfreut. Die von „Bild“ erwähnte Band Glashaus hat Bonhoeffers Werk 2009 recht schmalzig interpretiert.

Es wäre wahrlich nicht schwer gewesen herauszufinden, wer der wirkliche Urheber der Worte ist, die Manuela Schwesig gestern twitterte. Eine Alternative zum Runterscrollen bei den Google-Ergebnissen hätte übrigens ein kurzer Blick ins „Bild“-Archiv sein können: Erst vor drei Monaten berichtete die Redaktion über einen Tweet des thüringischen CDU-Landeschefs Mike Mohring, in dem dieser dieselben Worte Bonhoeffers zitierte — diesmal aber richtig eingeordnet durch das „Bild“-Team.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Was Julian Reichelt so alles für möglich hält

Zur Berichterstattung der „Bild“-Medien über einen ehemaligen Fußballprofi, der per WhatsApp Fotos verschickt haben soll, die den Missbrauch von Kindern zeigen, gab es nicht nur von uns Kritik. Nun hat sich „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt zu dieser Kritik im Deutschlandfunk geäußert. Und er kann — Überraschung! — keinerlei Fehlerverhalten seiner Redaktion erkennen.

An einer Stelle des Interviews fragt Moderatorin Brigitte Baetz den „Bild“-Chef:

Der „Bildblog“ schreibt aber quasi, dass Sie die eigene Berichterstattung erst initiiert haben, indem Sie sich an die Hamburger Polizei gewandt haben. Was würden Sie dazu sagen?

Reichelt antwortet:

Dazu müssen Sie den „Bildblog“ fragen, wie sie auf diese Interpretation kommen und wie, das würde mich dann interessieren, „Bildblog“ verfahren würde, wenn sie, wie gesagt, in einem grundsätzlich gelagerten Fall Kenntnis von möglichen schwersten Straftaten erlangen, ob sie das dann für sich behalten, was ich bei „Bildblog“ durchaus für möglich halte, oder ob sie das der Polizei mitteilen würden.

Wir haben nicht die leiseste Ahnung, wie Julian Reichelt darauf kommt, dass wir es für uns behalten würden, wenn wir „Kenntnis von möglichen schwersten Straftaten erlangen“ würden. Aber weil es ihn so „interessiert“: Natürlich würden wir das der Polizei melden.

Was wir hingegen nicht machen würden: dem Verdächtigen mit einer Armada aus Reportern, Fotografen und Kameramännern auflauern; den Fall bis ins Letzte ausschlachten; Sätze schreiben wie „Warum sind die Ermittler so sicher, dass [M.] über kinderpornografische Fotos verfügt?“, wenn überhaupt noch nichts sicher zu sein scheint; mehrere Fotos abdrucken, die den Verdächtigen mit Gruppen von Kindern und Jugendlichen zeigen, obwohl diese Aufnahmen nichts mit dem Fall zu tun haben; riesengroß und in einer Art und Weise berichten, dass der Verdächtige — wenn sich später seine Unschuld herausstellen sollte — künftig keine Chance mehr auf ein normales Leben haben dürfte; oder den Anfangsverdacht und die Ermittlungen, zu denen die Staatsanwaltschaft verpflichtet ist, so in Szene setzen, dass bei der Leserschaft letztlich kein anderer Gedanken entstehen kann als: „Der hat doch Dreck am Stecken“. Denn auch der Bundesgerichtshof warnt:

Dabei ist im Hinblick auf die aus dem Rechtsstaatsprinzip folgende (…) Unschuldsvermutung die Gefahr in den Blick zu nehmen, dass die Öffentlichkeit die bloße Einleitung eines Ermittlungsverfahrens mit dem Nachweis der Schuld gleichsetzt und deshalb im Fall einer späteren Einstellung des Ermittlungsverfahrens oder eines Freispruchs vom Schuldvorwurf „etwas hängenbleibt“

Mit Dank an Marc und @ThougthsAsmbly für die Hinweise!

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