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Kurz korrigiert (527)

Vor einem Jahr ist im Zentrum von Münster ein Mann mit einem Kleinbus in eine Menschengruppe gefahren. Bei dieser Amokfahrt wurde unter anderem Profi-Volleyballerin Chiara Hoenhorst verletzt. Die heute 22-Jährige musste zwischenzeitlich ins künstliche Koma versetzt werden. Nun gab Hoenhorst bekannt, dass sie ihre Karriere beenden muss, da ihr Sehnerv weiterhin beschädigt sei.

Bild.de berichtet über diese Entscheidung von Chiara Hoenhorst und schafft es dabei nicht, die wenigen Fakten zur Amokfahrt, die im Text genannt werden, fehlerfrei wiederzugeben:

Als am 7. April 2018 ein Einzeltäter mit seinem Lieferwagen in ein vollbesetztes Straßencafe in der Innenstadt raste, wurde (sic) sieben Menschen getötet und zahlreiche weitere schwer verletzt.

Es sind nicht, wie Bild.de schreibt, „sieben Menschen getötet“ worden, sondern vier. Außerdem nahm sich der Täter anschließend das Leben.

Mit Dank an Daniel für den Hinweis!

Nachtrag, 17:01 Uhr: Bild.de hat auf unsere Kritik reagiert und die Stelle entsprechend geändert:

Als am 7. April 2018 ein Einzeltäter mit seinem Lieferwagen in ein vollbesetztes Straßencafe in der Innenstadt raste, wurden vier Menschen getötet und zahlreiche weitere schwer verletzt. Auch der Täter starb.

Einen transparenten Hinweis zu dieser Korrektur hat sich die Redaktion allerdings gespart.

Der sensiblere Umgang der „Bild“-Redaktion beim Niedermachen

Die Bundesliga-Fußballer von Borussia Dortmund haben am Samstagabend 0:5 gegen den FC Bayern München verloren. Für die schwache Leistung kann man die Mannschaft, die nun auf Platz 2 der Tabelle steht und weiterhin alle Chancen auf die Meisterschaft hat, sachlich kritisieren. Oder man lässt Franz Josef Wagner so einen Brief schreiben:

Ausriss Bild-Zeitung - Post von Wagner - Liebe Borussia, Ihr müsst dringend ins Krankenhaus. Abteilung Neurologie, Psychiatrie. Ich habe Angst um Euer Gehirn. Ihr spieltet gegen die Bayern, als hättet Ihr Euren Verstand verloren. Es war ein furchtbares Spiel. Ihr hattet alle einen Black-out (engl. für Verdunkelung). Ihr habt gespielt wie Tote.

Der „Bild“-Briefonkel erklärt die BVB-Spieler zu einem Fall für die Psychiatrie, weil sie mal schlecht gespielt haben.

Kurz nach dem Suizid von Torwart Robert Enke, zitierte die „Süddeutsche Zeitung“ Walter M. Straten, der damals stellvertretender Sportressortleiter bei „Bild“ war und heute dort Sportchef ist. Auch Stratens Boulevardblatt sei …

nach dem Enke-Tod nicht einfach so zur Tagesordnung übergegangen. Über vieles sei diskutiert worden, auch über Noten, und man sei schließlich zu dem Ergebnis gekommen, bei der Benotung so weiter zu machen wie bisher, sagt Straten. Auch in seiner Redaktion soll es zu einem etwas sensibleren Umgang mit den Zensuren kommen: „Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein“, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, „ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht“.

Das entpuppte sich schon damals sehr schnell als heiße Luft. Es blieb heiße Luft. Und es ist heute noch heiße Luft:

Ausriss Bild-Zeitung - Benotung der Dortmunder Mannschaft - siebenmal 6, dreimal 5, einmal 3

Ein tatsächlich sensiblerer Umgang mit Fußballern und deren Leistungen könnte sich aber nicht nur in rücksichtsvolleren Noten widerspiegeln, sondern auch in der Art, wie man über sie spricht und schreibt. Die „Bild“-Medien bezeichnen Spieler gern als „Flaschen“, als „Versager“, als „Müllhalde“, als „Deppen“. Und das immer und immer wieder. Hier mal nur die Fälle, die uns in den vergangenen zwei Monaten begegnet sind:

1. April:
Screenshot Bild.de - Damit es im Pokal klappt - Kovac-Anpfiff für Freiburg-Schlaffis

1. April:

Ohne das Mittelfeld-Duo wird’s für Stuttgarts Offensiv-Schlaffis (erst 26 Treffer) nun noch schwieriger.

31. März:
Screenshot Bild.de - Schon über fünf Monate sieglos - Preußens Auswärts-Schlaffis

25. März:
Screenshot Bild.de - Zwei freie Tage für null Leistung - 0:5-Versager werden belohnt

17. März:
Screenshot Bild.de - Überheblich, desaströs, körperlos - Funkel rechnet mit seinen Fünf-Minuten-Trotteln ab!

14. März:
Screenshot Bild.de - Richtig Scheiße - Schwartz knöpft sich KSC-Versager vor

11. März:

Warum Klos seine Versager wachrütteln will?

6. März:

Erwartet werden personelle Konsequenzen. So sollen einzelne Versager aus dem Kader fliegen. Heißer Kandidat: Amine Harit.

5. März:
Screenshot Bild.de - Welche Augsburg-Versager nimmt Trainer Lucien Favre raus?

4. März:
Screenshot Bild.de - Mannschaft, Trainer, Bosse - Der rote Trümmerhaufen

3. März:

Elf junge Männer, verkleidet als Fußballprofis! Leider waren die 96-Trikots kein Karnevalskostüm …

Viele dieser Versager werden wir in der 2. Liga nicht wiedersehen — zum Glück.

3. März:
Screenshot Bild.de - Nach 2:2 in Köln - Fans gehen auf Lautern-Schlaffis los

1. März:

Klar ist: Für den BVB kommen die Augsburger Abwehr-Schlaffis genau richtig!

1. März:

Als Malocher-Vorbild für die Mainz-Versager!

24. Februar:
Screenshot Bild.de - Hannover am Boden - Euro-Spott für Dolls Versager

23. Februar:
Screenshot Bild.de - Fans gehen auf Schalke-Versager los - Heidel-Aus! Jetzt muss Tedesco zittern

Nach dem Abpfiff eskalierte es: Ein Pfeiffkonzert, üble Beschimpfungen und Bierbecher prasselten auf die 0:3-Versager nieder.

22. Februar:

Der Trainer hatte diese Woche einmal mehr Schwerstarbeit zu leisten: Als Übungsleiter, der seinen gut bezahlten Profis wie bei den F-Junioren die Ballan- und -mitnahme erklären muss (BILD berichtete). Und als Psychologe, der Versager-Köpfe wieder frei bekommen will.

17. Februar:

Das war bei 96 in Hoffenheim nicht der Fall. Sonntag gegen Frankfurt muss die Versager-Truppe ein anderes Gesicht zeigen

7. Februar:

Samstag (15.30 Uhr) steigt DAS ultimative ABSTIEGS-ENDSPIEL. 96 – Nürnberg. Letzter gegen Vorletzter. Die Heim-Schlaffis gegen die Auswärts-Deppen.

Am 5. März veröffentlichte Bild.de einen Artikel über „Die unheimliche Macht der Fußball-Ultras“. Darin auch diese Geschichte:

In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Entgleisungen der Ultras. 2016, Hannover hatte gegen Köln 0:2 verloren, rasteten die 96-Fans komplett aus: In der Nordkurve wurden die Profis vom eigenen Anhang gnadenlos niedergemacht. Der blanke Hass schlug ihnen entgegen: „Versager!“, „Wir stechen Euch ab!“, „Wir schlitzen Euch auf!“.

„Wir stechen Euch ab!“ und „Wir schlitzen Euch auf!“ wird die Bild.de-Redaktion wohl niemals schreiben. Aber mit „Versager!“ ist sie beim gnadenlosen Niedermachen schon mal gut dabei.

Dazu auch:

Mit Dank an alle Hinweisgeber!

Nachtrag, 9. April: Es gibt noch zwei weitere Aspekte zu Franz Josef Wagners Brief an die „Liebe Borussia“, auf die uns mehrere Leserinnen und Leser hingewiesen haben. Wagner schreibt „Ihr habt gespielt wie Tote“ und meint damit eine Mannschaft, die vor nicht allzu langer Zeit einen Bombenanschlag überlebt hat. Das kann man mindestens makaber finden.

Außerdem gibt es bei Wagners blödem Spruch mit der Psychiatrie, in die die BVB-Spieler müssten, noch eine andere Seite: Menschen mit psychischen Erkrankungen, die tatsächlich in eine psychiatrische Einrichtung müssen, um in einer mitunter lebensbedrohlichen Situation Hilfe zu bekommen. Dies mit einer schwachen Leistung von Profifußballern gleichzusetzen, trägt zur Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen bei.

Foto: Miriam B./facebook

Auf der thailändischen Insel Ko Sichang ist gestern eine Frau aus Deutschland vergewaltigt und getötet worden. Während die meisten Redaktionen, die darüber berichten, eine allgemeine Aufnahme der Insel oder ein Symbolfoto mit einer nicht zu erkennenden Backpackerin wählten, um ihre Meldungen zu bebildern, zeigt Bild.de unverpixelte Fotos der 26-Jährigen. Eines davon aktuell ganz oben auf der Startseite …

Screenshot Bild.de - Bei einem Roller-Ausflug traf sie auf ihren Killer - Deutsche Urlauberin (26) in Thailand ermordet - dazu ein Foto der getöteten Frau, auf dem diese zu erkennen ist
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

… und ein weiteres im Artikel:

Screenshot Bild.de - Ein Foto der getöteten Frau in einer Hängematte am Strand, auch hier keine Unkenntlichmachung durch Bild.de - Bildunterschrift: In einer Hängematte genoss sie unter Palmen das schöne Wetter

Als Quelle gibt Bild.de jeweils an:

Foto: Miriam B./facebook

(In einer ersten Version des Artikels hat Bild.de in einer Quellenangabe der kompletten Nachnamen der getöteten Frau genannt. Das hat die Redaktion inzwischen geändert. Nun ist im gesamten Artikel der Nachname abgekürzt.)

Was übersetzt heißt: Die Redaktion ist mal wieder in den Sozialen Medien auf Beutezug gegangen — ungeachtet der Tatsache, dass das Recht am eigenen Bild über den Tod hinaus besteht. Die Mitarbeiter von Bild.de müssten eigentlich bei den Angehörigen nachfragen, ob sie die Fotos veröffentlichen darf.

Das machen die „Bild“-Medien in der Regel nicht. Und oft kommen sie damit durch, denn es gilt: Nur die Betroffenen — in diesem Fall die Angehörigen — können sich gegen diese Praxis zur Wehr setzen. Und die haben in ihrer Trauer meist nicht die Kraft oder Wichtigeres zu tun, als sich mit ekligen „Bild“-Methoden herumzuschlagen.

Mit Dank an @HeffernanJunior für den Hinweis!

Mit Bild.de den Staat bescheißen

Woran erkennt man „Bild“-Leserinnen und „Bild“-Leser? Sie heften ein falsches E-Auto-Ladekabel an ihren Diesel oder Benziner, um 1,50 Euro zu sparen:

Screenshot Bild.de - Mit diesem Trick
Screenshot Bild.de - kann man gratis
Screenshot Bild.de - in Städten parken

Und das funktioniere ganz einfach mit ein paar günstigen Utensilien aus Bau- und Elektromärkten, wie Bild.de in einem Zwei-Minuten-Video en détail zeigt. Die Redaktion, die „wütend“ wird, wenn alkoholkranke Hartz-IV-Empfänger ihr mit Lebensmittelgutscheinen erworbenes Mineralwasser wegkippen, um mit dem Pfandgeld ihre Sucht stillen zu können, zeigt ihrer Leserschaft, wie man den Staat bescheißen kann:

Screenshot Bild.de - Funktioniert!

Und, funktioniert’s?

Screenshot Bild.de - Funktioniert!

So ganz trauen die Mitarbeiter es sich dann aber doch nicht:

Screenshot Bild.de - Bild weist darauf hin, dass dieses Vorgehen zumindest eine Ordnungswidrigkeit darstellt und rät von Nachahmung ab.

„So macht ihr es, aber macht es nicht!“ Ist das ein trauriger Haufen.

Mit Dank an Philipp L. für den Hinweis!

Nachtrag, 23:24 Uhr: Ja, gut, zugegeben, ganz genau müsste es wohl heißen: Mit Bild.de die Kommunen bescheißen — denn an die würden die Parkgebühren eigentlich gehen. Wobei Kommunen und Gemeinden als mittelbare Staatsverwaltung natürlich auch Teil des Staats sind. Und ob nun Staat oder Kommune: Die Gemeinschaft wird beschissen.

Nachtrag, 5. April: Mehrere Leserinnen und Leser weisen berechtigterweise darauf hin, dass auch nach Befolgen des schlitzohrigen „Bild“-Tricks noch einiges fehlen dürfte, damit der Benziner oder Diesel wie ein richtiges Elektroauto aussieht. Man müsste zum Beispiel den Auspuff, den ein E-Auto normalerweise nicht hat, absägen. Außerdem gibt es für Elektroautos ein besonderes Kfz-Kennzeichen mit einem „E“ am Ende, das E-Auto-Besitzerinnen und -Besitzer allerdings nicht verpflichtend nutzen müssen.

Lobbyarbeit statt Berichterstattung: Wie die „Bild“-Medien für die Urheberrechtsreform kämpften

Am Tag nach der Abstimmung über die EU-Urheberrechtsreform stellte ZDF-Korrespondent Florian Neuhann treffend fest:

Tweet von Florian Neuhann - Bemerkenswert, wie die Bild in einer Nachricht auf S. 1 über die Urheberrechtsreform berichtet, ohne auch nur ein einziges Wort über die Kritik zu verlieren. Nicht mal das sonst unter Journalisten so beliebte Wort umstritten fällt
Weiterer Tweet von Florian Neuhann - Habe übrigens mal nachgesehen, wie oft Bild über Proteste gegen Urheberrechtsreform berichtet hat. Gefunden habe ich nicht viel. Eine Meldung über die Demo, online etwas über Wikipedia-Protest. Im gedruckten Blatt? Offenbar: nichts.

Doch, auch in den gedruckten „Bild“-Medien gab es was zum Thema — einen Artikel. Wenige Tage vor der Abstimmung erschien in „Bild am Sonntag“:

Ausriss Bild am Sonntag - Wer für die Filter ist, bekommt sogar Morddrohungen

Auf der einen Seite CDU-Politiker Axel Voss, der für eine „gute Sache“ kämpfe und dafür „zur Hassfigur des Internets“ geworden sei, auf der anderen Seite die jungen Menschen, die „auf die Barrikaden“ gehen und nicht mal vor „Morddrohungen“ zurückschrecken würden.

Daneben beschrieb die „BamS“-Redaktion in einem vermeintlichen Erklär-Kasten noch mal, warum die Reform dringend „nötig“ sei, und beantwortete Fragen wie „Was passiert, wenn die Reform abgelehnt wird?“ (Antwort: Das wäre „ein Schlag für die Medien- und Kreativschaffenden in Europa“). Die Argumente der Kritiker wurden nicht erläutert, sie wurden nicht mal erwähnt. Unter dem Punkt „Wer kämpft für die Reform, wer dagegen?“ listete das Blatt bei den Gegnern nur den Bundesverband Deutsche Start-ups auf:

Der Bundesverband Deutsche Start-ups warnt vor der Einführung von Uploadfiltern. Junge Start-ups müssten diese zukünftig dann teuer einkaufen, weil sie die Uploadfilter nicht selbst entwickeln könnten.

Als wäre das das einzige Problem. Und als wären Start-ups die einzigen, die vor Uploadfiltern gewarnt hätten. Alle anderen Argumente, alle anderen Gegner ließ das Blatt einfach unter den Tisch fallen.

Dazu stellte die Redaktion noch eine „Sonntagsfrage“ an Passanten. Nicht etwa: „Was halten Sie von der EU-Urheberrechtsreform?“ Sondern: „Müssen Facebook, Google & Co. mehr in die Verantwortung genommen werden, damit Recht und Respekt auch im Internet gelten?“ Antwort aller Befragten: Ja.

Ausriss Bild am Sonntag mit der Straßenumfrage

Auch die anderen „Bild“-Artikel rund um die Reform waren keine Berichterstattung, sondern Lobbyarbeit. Ein Beispiel:

Ausriss Bild-Zeitung - Deutsche wollen faires Urheberrecht

Was „Bild“ nicht erwähnte: Hinter der Initiative, die die Umfrage in Auftrag gegeben hatte, steht der Dachverband europäischer Verwertungsgesellschaften, dem unter anderem die GEMA angehört. Die Initiative war extra für die Lobbyschlacht gegründet worden und hatte sich mit allen Mitteln für Artikel 13 eingesetzt.

Bereits im Februar hatte „Bild“ auf der Titelseite geschrieben:

Ausriss Bild-Titelseite - EU-Reform zum Urheberrecht - Google soll künftig an Verlage zahlen

Die Presseverlage würden durch die Reform „deutlich gestärkt“, hieß es da. Und: Es habe „heftige Diskussionen“ gegeben. Warum es die gab und was die Gegner einzuwenden hatten, verschwieg die Redaktion.

Darüber hinaus fand das Thema in den „Bild“-Medien kaum statt: Bei Bild.de gab es einen Artikel, in dem ein CDU-Politiker von vermeintlich gekauften Demonstranten erzählen durfte. Und einen Text zur Demo in Berlin. Außerdem durfte CDU-Mann Günther Oettinger im Interview erklären, „warum die Proteste gegen das neue EU-Urheberrecht unbegründet sind“. In „Bild“ und „BamS“ haben wir lediglich noch zwei kleine Artikel aus diesem Jahr gefunden: „Wikipedia heute gesperrt“ und „CDU will keine Upload-Filter für Deutschland“. Auch im Artikel zum Wikipedia-Protest verschwieg „Bild“ das Warum. Schlimmer noch: Die Redaktion stellt es so dar, als wären die Wikipedia-Autoren gegen die Stärkung der „Rechte von Künstlern, Autoren und Verlagen“:

Damit protestieren die Autoren der Plattform gegen die EU-Urheberrechtsreform, die Ende des Monats im EU-Parlament zur Abstimmung steht. Sie soll u. a. die Rechte von Künstlern, Autoren und Verlagen an ihren Inhalten besser schützen.

Passend dazu auch Franz Josef Wagner:

Ich finde den Streik von Wikipedia beschissen. Bezahlt die Autoren, die Regisseure, die Journalisten, die Forscher, die Dichter und Denker. Sie sind das Salz der Welt.

Im Übrigen hatte sich „Bild“ auch beim Wikipedia-Protest sichtlich Mühe gegeben, ihn möglichst unauffällig im Blatt unterzubringen:

Übersicht über Bild-Seite mit kleinem Wikipedia-Protest-Artikel

Deutlich sichtbarer hingegen war in den Tagen vor der Abstimmung das hier:

Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige
Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige
Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige

Mit Dank auch an alle Hinweisgeber!

Bild.de schreibt „Erdogan-Partei“ in Izmir an die Ex-Macht

Zur „Wahl-Klatsche für Erdogan“ bei der Kommunalwahl in der Türkei am vergangenen Wochenende schreibt Bild.de:

Screenshot Bild.de - AKP spricht von Wahlfälschung in Ankara und Istanbul - Erdogan-Partei wütete gegen Wahl-Ergebnis

In mehreren türkischen Großstädten hat die Opposition bestehend aus der kemalistischen CHP und der säkular-konservativen Iyi-Partei die Mehrheit geholt. Besonders wichtig dabei ist die Hauptstadt Ankara, die 20 Jahre lang von der AKP regiert wurde. Auch in der Ferienhochburg Antalya und in Izmir wechselt die Regierung und die Erdogan-Partei muss gehen.

Für Ankara und Antalya stimmt das. Dort war bisher jeweils Erdogans AKP die stärkste Kraft, nun ist es die Republikanischen Volkspartei CHP. Izmir wird hingegen seit Jahren schon von der CHP regiert. Auch die gleichnamige Hauptstadt der Provinz Izmir ist lange schon eine Hochburg der CHP: Aziz Kocaoglu ist dort seit 2004 Bürgermeister, zuvor war es mehrere Jahre dessen Parteikollege Ahmet Piristina.

Mit Dank an Konan für den Hinweis!

Kurz korrigiert (526)

In Berlin und im schleswig-holsteinischen Neustadt ist jeweils ein Mann aus dem Maßregelvollzug geflohen. Die Polizei sucht derzeit öffentlich nach den zwei verurteilten Verbrechern. „Bild“ und Bild.de schreiben heute dazu:

Die zwei hoch gefährlichen aus dem Maßregelvollzug geflohenen Verbrecher sind weiter auf der Flucht. Und die Justiz kann nur hoffen, dass nichts Dramatisches passiert.

Wir sind uns auch ziemlich sicher, dass die Justiz in Berlin und die Justiz in Schleswig-Holstein und der Berliner Justizsenator und die schleswig-holsteinische Justizministerin hoffen, „dass nichts Dramatisches passiert.“ Wer hofft das schon? Sollte die „Bild“-Redaktion damit aber meinen, dass der Justizsenator oder die Justizministerin für die zwei Geflohenen zuständig sind, dann liegt sie damit falsch. Der Maßregelvollzug ist in Berlin und in Schleswig-Holstein, anders als der Justizvollzug, bei der Gesundheitssenatorin beziehungsweise dem Gesundheitsminister angesiedelt.

Das steht so auch angedeutet im „Bild“-Text („Montag präzisierte die zuständige Gesundheitsverwaltung der rot-rot-grün-regierten Hauptstadt“), was den Einleitungssatz mit der Justiz, die nur hoffen könne, umso merkwürdiger macht.

Andere Zeiten

DFB-Präsident Reinhard Grindel ist heute zurückgetreten. Dieser Schritt ist die Reaktion auf verschiedene Vorwürfe — der ausschlaggebende war wohl jener zu einer teuren Uhr, die Grindel von einem ukrainischen Oligarchen und Fußballfunktionär geschenkt bekommen hatte. Steht auch so bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - DFB-Rücktritt nach Uhren-Skandal - Grindel: Ich bin tief erschüttert

Tick, tick, tick…

Der Druck war am Ende zu groß und seine Uhr als DFB-Boss heute Vormittag endgültig abgelaufen.

Über diesen „UHREN-SKANDAL“ berichteten zuerst die „Bild“-Medien:

Ausriss Bild-Titelseite - DFB-Präsident Grindel - Skandal um geschenkte Luxus-Uhr
Screenshot Bild.de - DFB-Präsident Grindel - Skandal um geschenkte Luxus-Uhr

Eine „geschenkte Luxus-Uhr“? Sowas würde bei „Bild“ ja niemand annehmen. Also, außer … Bei dem ganzen Wirbel um Reinhard Grindel fiel uns eine Geschichte von vor zehn Jahren ein: Damals bekam der Hamburger Sportchef der „Bild“-Zeitung Jürgen Schnitgerhans eine 1000 Euro teure Armbanduhr vom HSV-Vorstand geschenkt — also von dem Verein, über den er selbst und seine Redaktion berichteten. Schnitgerhans und „Bild“ fuhren unter anderem eine ordentliche Kampagne zugunsten des HSV-Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann.

Konsequenzen aus diesem „UHREN-SKANDAL“ bei „Bild“? Keine. Denn das hatte ja alles überhaupt nichts miteinander zu tun. Und außerdem handelte es sich ja auch gar nicht um ein Geschenk, wie der damalige „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich erklärte:

Hr. Schnitgerhans hat sich keine Uhr vom HSV-Vorstand „schenken lassen“. Sondern vielmehr wurde ihm diese Uhr vom gesamten HSV-Vorstand zum 60. Geburtstag als Würdigung und Anerkennung für seine 37-jährige Tätigkeit als Sportreporter für verschiedene Medien und speziell als journalistischer und kritischer Begleiter des Vereins überreicht. Dies wurde auch so in der Ansprache des Vorstands artikuliert.

Er wurde also für seine Gesamtleistung als langjähriger Sportjournalist und nicht als BILD-Reporter ausgezeichnet. Schnitgerhans schrieb über den HSV 1971 beim Sportmegaphon Lübeck, ab 1973 bei der Hamburger Morgenpost, seit 1980 für BILD. Aus diesem Grund sehen wir diese Auszeichnung nicht im Widerspruch zu unseren Leitlinien.

In diesen Leitlinien steht unter anderem:

Schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Journalisten könne durch Gewährung von Einladungen oder Geschenken beeinträchtigt werden, ist zu vermeiden.

Klar, so einen Anschein kann man natürlich auch durch Kleinreden vermeiden.

Mit Dank an @MikeGlindmeier für den Hinweis!

Bild.de macht Greta Thunberg zur Atomkraft-Aktivistin

Wie man aus der angeblich „ehrlichsten Antwort“ die verlogenste Zusammenfassung macht, zeigt heute „Bild“-Autor Josef Nyary.

Nyary schaut sich regelmäßig Polit-Talkshow im Fernsehen an und fasst sie anschließend für „Bild“ und Bild.de zusammen. Gestern lief im Ersten „Anne Will“, Thema: „Streiken statt Pauken — ändert die Generation Greta die Politik?“ Mit der titelgebenden Greta Thunberg hatte Moderatorin Anne Will zuvor ein Interview geführt, von dem ein längerer Ausschnitt auch in der Sendung zu sehen war. Josef Nyary schreibt dazu:

Screenshot Bild.de - Ehrlichste Antwort - Sind Sie für Atomkraft?, fragt die Talkmasterin als nächstes. Die Zuschauer sind gespannt und Klima-Greta lässt sie nicht lange warten: Atomkraft ist nicht die Zukunft, meint sie. Aber die Atomkraft kann ein kleiner Teil einer Lösung ohne fossile Brennstoffe sein. Rumms! Was sagt Habeck dazu? Der Grünen-Chef macht keinen Mucks.

Das ist eine bemerkenswert freie Zusammenfassung von Thunbergs Antwort. Tatsächlich sagte die 16-Jährige (ab Minute 23:36):

Anne Will: Zuletzt hieß es, Sie seien für Atomkraft. Stimmt das?

Greta Thunberg: Persönlich: nein. Aber ich meine, Atomkraft ist nicht die Zukunft. Sie ist nicht erneuerbar. Aber nach Meinung des Weltklimarats, nicht meiner Meinung nach, nach Meinung des Weltklimarats kann Atomkraft ein kleiner Teil einer großen Lösung für Energie ohne fossile Brennstoffe sein in Ländern, in Regionen, in denen die Option 100 Prozent erneuerbarer Energie nicht besteht. Aber ich meine, Atomkraft ist sehr gefährlich, teuer und zeitaufwendig.

Sie zitiert also nur das häufig als „Weltklimarat“ bezeichnete Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Und sie betont extra noch mal, dass das nicht ihre Meinung ist. Bei Bild.de machen sie daraus:

Screenshot Bild.de - Schulstreik-Zoff bei Anne Will - Klima-Greta - Atomkraft kann Teil der Lösung sein

In der längeren, englischen Originalversion des Interviews ist Thunbergs Antwort (ab Minute 18:50) noch etwas ausführlicher:

Anne Will: Recently, it has been said that you are in favor of nuclear power. Are you?

Greta Thunberg: Personally, no. I mean nuclear power is not the future. It’s not renewable. But according to the IPCC, not according to me, according to the IPCC nuclear power can be a small part of a very big new fossil free energy solution in countries, in areas that lack the possibility of 100 percent renewables. But I mean nuclear power is very dangerous, expensive and time consuming. I mean just ask a scientist if we were to replace fossil fuels with nuclear power: How many new nuclear power plants we will have to build each week within the time frame of the Paris Agreement to reach the Paris Agreement? And how much money that will cost? How much time it takes to build nuclear power? And how much it takes from our remaining carbon budgets? But if we should talk about these things, we should talk about energy efficiency and especially reducing our energy demand. But still we can’t keep focussing on these small things. We need to realize that there are no solutions within these current systems. And we need to see the whole picture and to have a holistic view on climate crisis.

Anne Will: Let me follow up. If one wants to stop the emissions — and that is what you want: not to lower them but to stop the emissions — is it then possible to avoid nuclear energy in your understanding?

Greta Thunberg: Ask scientists. That is something I can’t speak out on because I don’t have that scientific education. That is such a big decision that we need to have scientific evidence and scientific based recommendations on what we should do. So, I can’t say what we should do.

Diese komplette Verzerrung von Greta Thunbergs Aussage passt ganz gut zu Josef Nyarys gesamter „TALK KRITIK“: Höhnisch schreibt er, eine „Fridays for Future“-Aktivistin komme „aus der Schülervertretungsszene“, Thunberg sei „ein Milchgesicht aus Pipi-Langstrumpf-Land“, ZDF-Moderator Harald Lesch (den Nyary fälschlich bei der ARD einsortiert) sei ein „Angstmann“, und die Grünen seien die „erfolgreichste deutsche Bevormundungspartei“.

Interessant ist auch Nyarys Seitenhieb Richtung Grünen-Chef Robert Habeck („Rumms! Was sagt Habeck dazu? Der Grünen-Chef macht keinen Mucks.“). Was Nyary nicht schreibt: Habeck konnte gar keinen „Mucks“ machen, schließlich war das eingespielte Interview mit Thunberg aufgezeichnet und lief nach der Frage zur Atomenergie noch einige Zeit weiter. Aber wie soll man sowas als „Bild“-Talkshow-Kritiker auch mitbekommen, wenn man zu diesem Zeitpunkt schon damit beschäftigt ist, Aussagen aus dem Zusammenhang zu reißen?

Dazu auch:

Mit Dank an Andreas P., Farid A. und @EvaStegen für die Hinweise!

Nachtrag, 3. April: „Bild“-Polittalk-Kritiker Josef Nyary hat es schon häufiger auf Grünen-Chef Robert Habeck abgesehen. Bei einer früheren „TALK KRITIK“ aus dem Juli 2018 etwa hieß es in der Dachzeile: „AUSRASTER BEI ‚ILLNER'“, in der Überschrift: „Grünen-Chef Habeck brüllt CSU-Staatssekretärin nieder“ und in einer Zwischenüberschift: „Brüll-Attacke des Jahres“. Nyary schreibt:

Da ist der nette Herr Habeck auf einmal gar nicht mehr souverän. „Sie vergiften den Diskurs!“, donnert er die Staatsministerin an. (…) „Bleiben Sie doch bei der Wahrheit!“ brüllt er die CSU-Frau an.

Das ist alles ziemlicher Unsinn — von „niederbrüllen“, „anbrüllen“ oder der „Brüll-Attacke des Jahres“ findet man in der Sendung (ab Minute 59:00) nichts. Daher gab es wegen des Verstoßes gegen das Wahrhaftigkeitsgebot auch einen Hinweis vom Deutschen Presserat für Nyarys Text.

Mit Dank an Johannes K. für den Hinweis!

Rudy bei Abstieg ablösefrei? Laut Schalke 04 „frei erfunden“

Beim FC Schalke 04 läuft es in dieser Saison nicht besonders gut. Die Mannschaft steht in der Bundesliga nach 26 von 34 Spieltagen auf Rang 15, mit nur drei Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz, der einen möglichen Abstieg in die 2. Bundesliga bedeuten könnte. Und jetzt das:

Ausriss Sport-Bild-Titelseite - Rudy - Bei Abstieg ablösefrei

… schreibt die „Sport Bild“-Redaktion auf der Titelseite ihrer gestern erschienenen Ausgabe. Im Heft hat sie die Nachricht ähnlich wirksam platziert:

Ausriss Sport-Bild-Doppelseite - Bei Abstieg ist Rudy ablösefrei

Bild.de hat die Geschichte gestern auch gebracht:

Screenshot Bild.de - Nicht alle Spieler haben Verträge für die 2. Liga - Dieser Schalke-Star ist bei Abstieg ablösefrei

Man muss ein „Bild plus“-Abo haben, um lesen zu können, wer „dieser Schalke-Star“ ist:

Nach SPORT BILD-Informationen hat Sebastian Rudy (29) jedoch keinen Vertrag für die 2. Liga. Der Nationalspieler (27 Einsätze), der vor einem Jahr für 16 Mio Euro Ablöse vom FC Bayern gekommen war, wäre im Sommer ablösefrei. Sein bis 2022 laufender Kontrakt ist nur für die Bundesliga gültig!

Für solche exklusiven Geschichten zahlt man doch gern. Laut Sebastian Rudys Verein ist sie aber vor allem exklusiv erfunden:

Screenshot einer Meldung des FC Schalke 04 - Rudy ablösefrei? Frei erfunden!

Zu heute in der „Sport-Bild“ verbreiteten Behauptungen stellt der FC Schalke 04 klar: Der Arbeitsvertrag von Sebastian Rudy, datiert bis zum 30. Juni 2022, ist unabhängig von der Zugehörigkeit zur 1. oder 2. Bundesliga gültig.

Er beinhaltet keinerlei Klausel, die einen ablösefreien Wechsel zu irgendeinem Zeitpunkt vor dessen Ablauf ermöglicht. Alle anders lautenden Aussagen sind falsch. Der FC Schalke 04 geht davon aus, dass diese falschen Behauptungen ebenso öffentlichkeitswirksam von deren Urhebern richtiggestellt werden.

Ja, davon sollte man eigentlich ausgehen. Bei Bild.de ist der Artikel allerdings auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an UtahJazz45, @athloni und @mika84 für die Hinweise!

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