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Recherchieren? Nein, danke!

Filipp Piatov sitzt bei „Bild“ in der Politikredaktion, und man muss das einmal aufschreiben, denn man würde sonst nicht auf die Idee kommen, dass er in einer Politikredaktion sitzt.

In einem Kommentar über die Grünen schrieb Piatov gestern:

Screenshot Bild.de - Kommentar zum Habeck-Hype - Regieren? Nein, danke! - Warum sich die Grünen jetzt nicht wegducken dürfen

Niemand hat so dringende Sorgen wie die Grünen: Das Klima muss gerettet, die Welt vor dem Untergang bewahrt und der Jugend ihre Zukunft zurückgegeben werden.

Doch die Grünen sind wie ein Beifahrer, der über den Fahrstil meckert, aber bloß nicht selbst ans Steuer möchte. Warnen, mahnen und die Regierung kritisieren, das können sie — aber regieren wollen sie nicht. (…)

Wer so dringende Sorgen wie die Grünen hat, müsste das nutzen: Neuwahlen fordern, Kanzlerkandidaten ins Rennen schicken! Und vor allem: keine Zeit verlieren.

Dass Piatov behauptet, die Grünen würden nicht regieren wollen, ist etwas überraschend, schließlich sitzt die Partei aktuell in neun Bundesländern in der Regierung: in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. In Baden-Württemberg stellt sie mit Winfried Kretschmann sogar den Ministerpräsidenten. Und das seit mehr als acht Jahren, was dafür spricht, dass auch Filipp Piatov das mal mitbekommen haben könnte.

Aber offenbar hat er ja nicht mal die Sondierungsgespräche zu einer möglichen Jamaika-Koalition nach der Bundestagswahl 2017 mitbekommen. Denn die sind am Unwillen der FDP gescheitert und nicht am vermeintlichen Nicht-Regieren-Wollen der Grünen. Und nun ist es auch historisch gesehen nicht so, dass sich die Grünen noch nie an einer Regierung beteiligt hätten.

Dass die Grünen entgegen seiner Aussage durchaus schon mal Neuwahlen ins Spiel gebracht haben, hätte Piatov mit einer recht einfachen Google-Suche („Grüne Neuwahlen“) herausfinden können. FAZ.net berichtete beispielsweise vor gut einer Woche:

Screenshot FAZ.net - Bundesregierung - Grüne wollen Neuwahl bei Scheitern der Koalition

Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock sagte zu möglichen Neuwahlen:

Wenn diese Bundesregierung keine Kraft mehr hat, dann muss die Gesellschaft, dann müssen die Bürgerinnen dieses Landes neu entscheiden

Da steckt dann auch ein entscheidender Punkt drin: Die amtierende Regierung aus CDU/CSU und SPD müsste entscheiden, ob sie weitermachen will oder nicht. Und nicht die Grünen. Neuwahlen gibt es in Deutschland in der Regel nicht durch das Fordern von Neuwahlen durch eine Partei, die in aktuellen Umfragen bei ordentlich über 20 Prozent liegen mag, die im Bundestag allerdings nach wie vor mit den 8,9 Prozent aus der Wahl 2017 vertreten ist. Das ist, zum Glück, dann doch ein etwas komplexerer Vorgang. Es mag Piatov überraschen, aber nicht mal die Grünen in ihrem derzeitigen Höhenflug haben die Möglichkeit, den Bundestag im Alleingang aufzulösen.

Wenn man sich mal die Mühe macht und sich hinsetzt, um Filipp Piatov das alles einmal in Ruhe zu erklären, dann fängt er einfach wieder von vorne an.

„Bild am Sonntag“ schleicht mit Jogi Löw und VW werbend durch Berlin

Vor eineinhalb Wochen erschien in „Bild am Sonntag“ ein etwas überraschendes Doppelinterview. Reporterin Tanja Treser und Reporter Michael Witt begleiteten Fußballnationaltrainer Jogi Löw und VW-Chef Herbert Diess auf deren Weg durch Berlin zum DFB-Pokalfinale. Löw, Diess, Treser und Witt fuhren dabei mit einem Elektroauto von VW durch die Stadt. Jogi Löw durfte ein bisschen staunen („Löw sitzt zum ersten Mal am Steuer eines Elektroautos und staunt über die Beschleunigung.“), Herbert Diess durfte ein bisschen was verraten („Diess verrät ihm bei der Fahrt noch Details über den Prototypen.“). Aber eigentlich sollte es in dem Gespräch um Gemeinsamkeiten von Löw/Diess beziehungsweise Nationalteam/VW gehen. Und die fand das „BamS“-Duo mit etwas Hingebiege an manchen Stellen auch:

Ausriss Bild am Sonntag - Ihr hattet ein paar schlechte Spiele, wir eine tiefe Krise

An anderen hingegen überhaupt nicht:

Sie sind bis auf wenige Monate gleich alt. Haben Sie in Ihrer Jugend gegen irgendwas demonstriert?

DIESS: Ja, ich war sehr politisch, wir hatten damals natürlich andere Motive. Damals waren Amerika und Vietnam ein großes Thema. Es gab viele Ungerechtigkeiten, ich habe beispielsweise gegen das Hochschulrahmengesetz demonstriert. (…)

LÖW: Wo ich aufgewachsen bin, im Schwarzwald, gab’s nur heile Welt.

Mit dieser zwanghaften Suche nach Berührungspunkten geht es dann immer weiter („Sind Nationalelf und VW in die Krise gerutscht, weil sie zu arrogant waren, weil sie dachten: Wir sind die Nr. 1, uns kann keiner was?“, „Sie kommen beiden aus einfachen Verhältnissen. Papa Löw war Ofensetzer, Vater Diess Maler. Hatten Sie es dadurch schwerer?“, „Herr Diess, Sie sind mit 16 Jahren gestürzt, weil Sie mit dem Skateboard bei 60 km/h an einem Auto hingen. Dabei brachen Sie sich den Arm.“ (…) „Haben Sie auch solchen Blödsinn gemacht, Herr Löw?“).

Am Montag, also einen Tag nach Erscheinen des Interviews in „Bild am Sonntag“, gab VW bekannt, dass Jogi Löw das neue Werbegesicht des Konzerns sein werde, speziell für die Elektromobilität. Jürgen Stackmann, Vertriebsvorstand der Marke Volkswagen Pkw, betont in der Pressemitteilung die Gemeinsamkeiten des neu gewonnenen Markenbotschafters und seines eigenen Unternehmens:

Joachim Löw trainiert die Nationalelf seit vielen Jahren auf höchstem Niveau und hat sich dabei auch von sportlichen Rückschlägen nicht beirren lassen. Außerdem ist es ihm immer wieder gelungen, Umbrüche einzuleiten. Deshalb passt er perfekt zu Volkswagen. Mit Käfer und Golf haben wir Klassen über Jahre geprägt und leiten nun mit dem ID.3 den nächsten Umbruch in der Marke ein. Wir wollen mit der Elektromobilität Millionen begeistern — ebenso wie der Bundestrainer mit seiner neuen Mannschaft.

Also ziemlich genau der Spin, der einen Tag zuvor in „BamS“ zu finden war. Zufälle gibt’s.

Und davon gibt es noch ein paar mehr: In dem Artikel von „Bild am Sonntag“ steht nicht ein Wort darüber, dass Jogi Löw das neue Aushängeschild bei VW wird. Dabei müssen die Fotos, die in „BamS“ zu sehen sind, bei derselben Gelegenheit entstanden sein wie die Werbefotos, die VW Medien für deren Berichterstattung zur Verfügung stellt. Und im offiziellen PR-Video von VW, in dem Löw und Diess in einem Elektroauto durch Berlin fahren und in dem Diess erzählt, wie sehr Löw über die Beschleunigung des Wagens gestaunt hat, ist zu sehen, wo diese Fahrt beginnt: vor dem Axel-Springer-Hochhaus.

Screenshot aus dem VW-Werbevideo, auf dem das Elektroauto vor einem Axel-Springer-Schuld zu sehen ist

Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob die Artikel in „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de Teil einer VW-Werbekampagne sind. Er schrieb uns:

Selbstverständlich war das Interview nicht Teil einer Werbekampagne, Redaktion und Verlag sind bei Axel Springer strikt getrennt. Gerade BILD am SONNTAG hat sich in den vergangenen Jahren sehr kritisch mit VW und der Dieselaffäre auseinandergesetzt und ist für seine investigativen Enthüllungen dazu ausgezeichnet worden.

(Dazu sei noch einmal kurz daran erinnert, dass ein anderes Springer-Blatt, die „Welt“, erst vor Kurzem Herbert Diess zum Co-Chefredakteur machte und dem VW-Konzern eine komplette Ausgabe überließ.)

Auf unsere Frage, ob die „BamS“-Redaktion davon wusste, dass Jogi Löw neuer Markenbotschafter bei VW werden soll, antwortete Christian Senft nur: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu redaktionellen Entscheidungen und Prozessen grundsätzlich nicht äußern.“

Den Schuss nicht gehört, den Rumms umso lauter

In Dänemark fand vorgestern die Parlamentswahl statt, oder wie Bild.de schreibt:

Rumss-Wahl in Dänemark

Auch vor der Europawahl neulich hatte Bild.de verkündet:

Das wird eine fürchterliche RUMMS-Wahl!

Und auch sonst macht es derzeit wahlenmäßig bei den „Bild“-Medien vor allem eines:

RUMMS! Diese Woche gibt es einen klaren Gewinner
Rumms-Umfrage schockt SPD
Bei diesen Parteien macht es richtig RUMMS
Heute macht es RUMMS in Bayern
So sieht Deutschland nach dem Rechts-RUMMS aus
Droht jetzt ein neuer Europa-Rumms?
Endlich mal RAUF statt RUMMS
Droht ein Rechts-Rumms bei der Europa-Wahl?
In Brandenburg droht ein Rechts-Rumms
Wo der Rechts-Rumm am schlimmsten wird
Rezo-Rumms für die CDU

Bei „Bild“ rummst es aber nicht nur bei Wahlen, sondern … überall.

Wenn Prinz Philip einen Unfall hat:

Schlagzeile: Rumms!

Wenn Uli Hoeneß einen Spieler kritisiert:

Textauszug: RUMMS!

Wenn Franck Ribéry seine Kritiker beleidigt:

Textauszug: RUMMS!

Wenn Tony Marshall über Otto meckert:

Textauszug: RUMMS!

Wenn ein Paar beim Sex im Auto einen Unfall baut:

Schlagzeile: ER (70) und SIE (34) machten erst bums, dann rumms

Wenn eine Terrasse in eine Hofeinfahrt kracht:

Schlagzeile: RUMMS! Terrasse kracht in Hofeinfahrt

Wenn Henning Baum ein Auto schrammt:

Schlagzeile: Henning Baum - Mit nem Rummms zurück

Wenn eine „Tatort“-Kommissarin eine Ohrfeige austeilt:

Schlagzeile: RUMMS! Hier schlägt die neue Tatort-Kommissarin zu

Wenn der FC Bayern München nicht den gewünschten Trainer bekommt:

Textauszug: Rumms!

Wenn eine Hollywood-Schauspielerin einer Kollegin etwas Böses auf Instagram schreibt:

Textauszug: Rumms!

Wenn ein Hund einen Herd einschaltet:

Schlagzeile: Hund schaltet Herd ein - Explosion! - Rrrrumms!

Wenn was auch immer passiert, bei „Bild“ macht es:

Schlagzeile: Rumms, da war das Auto FORD!
Schlagzeile: RUMMS! Neuer Griechen-Chef schockt Finanzwelt
Schlagzeile: Waschen, Schneiden, Rumms!
Schlagzeile: Hilfe, wir wohnen in der Rumms-Bumms-Straße
Schlagzeile: Rumms mit Pep!
Schlagzeile: Rumms-Raub im Goldstübchen
Schlagzeile: Das Rumms-Mobil der besoffenen Bulgaren
Schlagzeile: RUMMS! SEK stürmt falsche Wohnung
Schlagzeile: Ganz Berlin hat einen Rumms!
Schlagzeile: Video: hier macht es Rumms beim Rocker-Boss
Schlagzeile: Nach schwül kommt RUMMS!
Schlagzeile: Rumms, Bumms, KUNST!
Schlagzeile: Rummms! Der BILD-Party-Hammer
Schlagzeile: Herr Lehmann, wann macht es wieder RUMMS?
Schlagzeile: Wo ist die Beute der RUMMS-RÄUBER?
Schlagzeile: Fahrschüler rasselt mit RUMMS durch Prüfung!
Schlagzeile: Die bittere Wahrheit über diesen Rumms
Schlagzeile: Beim Rollator-Rumms hat es gefunkt
Schlagzeile: Monis Rumms-Bumms-Rache
Schlagzeile: Rumms! Rams-Rambo rammt sich zum Blitz-Touchdown

Welches Geräusch es macht, wenn der Kopf eines BILDbloggers bei einer solchen Recherche auf der Tischplatte landet? Richtig.

„Bild“ schickt Bundeswehr in den Zweiten Weltkrieg

Vor 75 Jahren sind die Alliierten in der Normandie gelandet. Die komplette letzte Seite der heutigen „Bild“-Ausgabe dreht sich um den D-Day am 6. Juni 1944. Um den Leserinnen und Lesern noch mal zu erklären, wie viele Soldaten wo genau an der französischen Küste angekommen und auf wen die Briten und US-Amerikaner und Kanadier getroffen sind, hat die Redaktion diese Grafik dazugestellt:

Ausriss Bild-Zeitung - Grafik der Küste der Normandie mit den verschiedenen Strandabschnitten und Pfeilen, welche Einheiten wo gelandet sind
(Hier klicken für eine größere Version.)

Das ist für „Bild“-Verhältnisse eine bemerkenswerte Detailliebe: Die Redaktion hat für Kanada extra die alte Flagge des Landes rausgesucht.

Das Symbol, das „Bild“ und auch Bild.de stellvertretend für die deutschen Soldaten zeigen, ist hingegen, nun ja, überraschend: Es zeigt nicht etwa das Balkenkreuz, das die Wehrmacht verwendete, sondern das Tatzenkreuz, das die Bundeswehr verwendet. Die Nutzung dieses „Erkennungszeichens“ hatte Bundespräsident Theodor Heuss am 1. Oktober 1956 angeordnet.

Mit Dank an Marco B. für den Hinweis!

Nachtrag, 16. Juni: Da loben wir die „Bild“-Redaktion noch, dass sie sich die Mühe macht und die alte Flagge Kanadas raussucht, und dann schludert sie bei der Flagge der USA. Denn die Version, die in „Bild“ zu sehen war …

Ausriss Bild-Zeitung - Großaufnahme der Flagge der USA, die in der Bild-Grafik gezeigt wird

… hat 50 Sterne (müsst ihr nicht extra nachzählen — haben wir schon gemacht). Die Siegesflagge der US-Armee sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg, die Old Glory Flag, hatte allerdings nur 48 Sterne. Erst seit dem 4. Juli 1960 hat die US-Flagge 50 Sterne, nachdem, nach Alaska als Bundesstaat Nummer 49, auch Hawaii als Bundesstaat Nummer 50 als Stern darauf hinzukam.

Mit Dank an @mountainman1977, @Bayern1932, @JornEngbers und @presroi für die Hinweise!

Schock! Es ist kein völlig ausgetrocknetes Flussbett!

Für einen Artikel über eine „Schock-Prognose“ …

Screenshot Bild.de - Australische Forscher warnen vor dem Nichts-tun - Schock-Prognose zur Klimakatastrophe

… braucht Bild.de selbstverständlich auch ein Schock-Foto samt Schock-Bildunterschrift. Et voilà:

Screenshot Bild.de - das Foto zeigt eine Brücke mit ein bisschen Wasser. Ansonsten große Trockenheit - Bildunterschrift: Ein völlig ausgetrocknetes Flussbett in Hessen: Klima-Forscher prophezeien der Menschheit ein nahes Ende, wenn der Kohlendioxid-Ausstoß nicht bald extrem verringert wird
(Hier klicken für eine größere Variante.)

Hessen passt. Und trocken sieht das auch aus. Allerdings zeigt das Foto kein „völlig ausgetrocknetes Flussbett“, sondern den Edersee, bei dem es sich um einen Stausee handelt, aus dem seit Jahrzehnten im Sommer regelmäßig kontrolliert große Mengen Wasser abgelassen werden, um den Binnenschiffsverkehr auf der Oberweser garantieren zu können. Die Edertalsperre wurde 1914 fertiggestellt. Wenn der Pegel des Edersees weit genug sinkt, kommt das „Edersee-Atlantis“ zum Vorschein — zum Beispiel die Aseler Brücke, die auf dem Foto oben zu sehen ist. Als Symbol für das prophezeite „nahe Ende“ der Menschheit taugt das Bild also nicht so richtig.

Über diesen ganzen Vorgang (Wasser ablassen für die Schifffahrt auf der Weser, das Erscheinen des „hessischen Atlantis“ und den Ärger von Anwohnern und Gastronomen, weil man für längere Zeit auf dem Edersee nicht mehr tauchen oder segeln kann) hat im vergangenen Jahr unter anderem ein Portal namens Bild.de berichtet.

Mit Dank an Nico für den Hinweis!

Nachtrag, 18:37 Uhr: Klammheimlich und ohne irgendeinen Korrekturhinweis hat die Bild.de-Redaktion das Foto ausgetauscht. Die Bildunterschrift zum neuen Aufmacherbild lautet nun:

Ein Blitz entlädt sich in der Nähe von Laverne, Oklahoma, während eines Tornados. Die Studie sagt für Nordamerika extreme Wetterereignisse im Jahr 2050 voraus

Wer wissen will, wie es aktuell am Edersee aussieht, kann sich hier verschiedene Webcam-Streams anschauen.

Mit Dank an @joergprante für den Hinweis!

Unerwähnt, was der Springer-Boss pro Jahr verdient

Eine große Leidenschaft der „Bild“-Redaktion: das Aufzählen von Managergehältern. Jedes Jahr, wenn Analysten und Beratungsunternehmen die Geschäftsberichte der größten Konzerne ausgewertet und daraus Gehaltsranglisten erstellt haben, verwursten die „Bild“-Medien diese zu Artikeln. Vor einer Woche schrieb Bild.de beispielsweise über „die Gehälter von Europas Top-Managern 2018“. Vor drei Tagen dann noch einmal. Bereits vor zwei Monaten ging es um „die Bezüge deutscher Topmanager“.

Screenshot Bild.de - Steve Angel - Unfassbar, was der Linde-Boss pro Jahr verdient
Screenshot Bild.de - Gehaltscheck - So viel verdienen die Top-Bosse
Screenshot Bild.de - Bestverdienender Manager Deutschland - Beiersdorf-Boss bekam mehr als alle anderen

In den Beiträgen nennt Bild.de die Jahresgehälter von Steve Angel (Linde), Severin Schwan (Roche), Carlos Brito (Anheuser-Busch InBev), Sergio Ermotti (UBS), Bill McDermott (SAP), François-Henri Pinault (Kering), Carlo Messina (Intesa Sanpaolo), Stefan Heidenreich (Beiersdorf), Oliver Bäte (Allianz), Dieter Zetsche (Daimler), Harald Krüger (BMW) und Herbert Diess (VW). Sie reichen von 5,8 Millionen bis 55,8 Millionen Euro für das Jahr 2018 (wobei die Grundlagen für die Berechnungen teils unterschiedlich sind — bei manchen sind „Boni und Pensionsansprüche“ oder Aktienoptionen dabei, bei manchen nicht).

Jetzt könnte man natürlich fragen, ob Julian Reichelt die Familien dieser Manager in Gefahr bringt und würde damit nur strikt der Logik des „Bild“-Chefs folgen.

Interessanter aber finden wir, wen die „Bild“-Redaktion in ihren Aufzählungen nie erwähnt, obwohl er mit der Höhe seines Gehalts locker reinpassen würde: ihren eigenen obersten Chef Mathias Döpfner. Das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE soll im vergangenen Jahr laut „kress“ 7,63 Millionen Euro betragen haben. 2017 sollen es laut der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und der Technischen Universität München 7,41 Millionen Euro gewesen sein (PDF — wobei noch Döpfners Anteil an einer Sonderzahlung von General Atlantic hinzukommt; diese betrug für alle fünf Springer-Vorstandsmitglieder zusammen 12 Millionen Euro). Und 2016 sogar über 19 Millionen Euro und damit mehr als bei allen Vorständen der 30 Dax-Unternehmen. Dabei ist die Axel Springer SE, die im MDax gelistet ist, mit rund 16.350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 3,18 Milliarden Euro jährlichem Umsatz deutlich kleiner als die meisten Dax-Konzerne.

Zu Döpfners möglichem Rekord-Gehalt von 2016 sagte eine Springer-Sprecherin, dass diese Berechnung auf „extrem wackeligen Füßen“ stehe. Und tatsächlich sind das alles nur Schätzungen. Denn während fast jedes andere Unternehmen im Dax und im MDax die Gehälter seiner einzelnen Vorstandsmitglieder veröffentlicht, nennt Springer in seinen Geschäftsberichten (PDF, Seite 86) lediglich eine Summe für den gesamten Vorstand. Aktionärsschützer kritisieren dieses Vorgehen schon länger.

Mit dieser intransparenten Praxis des Springer-Konzerns dürfte allerdings bald Schluss sein: Eine neue EU-Aktionärsrechterichtlinie, die den Einzelausweis bei Spitzengehältern zur Pflicht werden lässt, muss bis zum 10. Juni dieses Jahres in deutsches Recht umgesetzt werden. Wir sind uns allerdings ziemlich sicher, dass die „Bild“-Redaktion trotz ihrer großen Leidenschaft für Managergehälter auch dann nicht über Mathias Döpfner berichten wird.

„Bild“ duldet schwulenfeindliche Hetze

In Russland wird der Film über das Leben von Elton John offenbar nur in einer zensierten Version zu sehen sein, wenn er diese Woche dort in die Kinos kommt. Das berichten Journalisten, die „Rocketman“ vorab sehen konnte. Demnach seien unter anderem „alle Szenen mit Küssen, Sex und Oralsex zwischen Männern“ von der Vertriebsfirma herausgeschnitten worden.

Bild.de berichtet auch über diesen Vorgang und hat den Artikel zum Thema bei Facebook geteilt. Im Kommentarbereich auf der „Bild“-Facebookseite gibt es seitdem größtenteils Jubel: „Richtig!“, „Gut so!“, „Gute Idee“, „Ich verstehe die Russen.“, „Sollte aber komplett verboten werden“. Von „Homowahn“ ist da die Rede, von „schwuppen kamelle“, von „Homo scheisse“. „Schwule-nein danke!“ kommentieren „Bild“-Leserinnen und -Leser und: „Das ist die Version die ich mir ansehen würde. Danke! Spart mir den Kotzkrampf!“

Manche gehen aber noch ein bisschen weiter. Ein Nutzer bringt den inzwischen abgeschafften Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches ins Spiel, der noch bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte und das Leben vieler, vieler Menschen zerstörte:

Screenshot eines Facebook-Kommentars - gut anders gesagt ich muss keinerlei Verständnis für solche Neigungen haben. Schließlich handelt es sich hier um eine spezielle Lebensweise und die war in Deutschland schon seit langem fragwürdig. Warum gab es sonst den Paragraphen 175. Da hat sich jemand was bei gedacht.

Ein anderer bezeichnet Homosexualität als „trend krankheit“:

Screenshot eines Facebook-Kommentars - Also meine kinder haben verstanden das homosexualität wine trend krankheit ist.

Und einer will „DIESE KRANKHEIT“ gleich ganz „VERNICHTEN“:

Screenshot eines Facebook-Kommentars - RICHTIG SO!!!! DIESE KRANKHEIT MUSS VERNICHTET WERDEN

Diese Kommentare sind seit Tagen online, ohne dass die „Bild“-Redaktion eingreift.

Mit Dank an Fabian für den Hinweis!

Nachtrag, 4. Juni: Auf die Nachfrage eines BILDblog-Lesers hat die „Bild“-Redaktion nun reagiert und den größten Teil der homophoben Kommentare gelöscht. Sie schreibt dazu im Kommentarbereich der „Bild“-Facebookseite:

Nein, solche Kommentare sind nicht normal, zutiefst verachtenswert und werden von uns nicht geduldet. Hier haben wir auf jeden Fall zu spät reagiert, zumal bei einer überschaubaren Gesamtzahl an Kommentaren. Wir sind dabei, Kommentare zu löschen und auch Nutzer zu bannen. Liebe Grüße.

Mit Dank an Marco S. und Sebastian K.!

Bild.de lässt Greta Thunberg ein ganzes Jahr schwänzen

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg wird für ein Jahr nicht in die Schule gehen. Sie wolle sich in dieser Zeit voll auf ihren Kampf für das Klima konzentrieren und erst anschließend aufs Gymnasium wechseln. Die meisten Redaktionen bekommen es hin, das auch so zu berichten. „Zeit Online“ schriebt zum Beispiel: „Greta Thunberg setzt die Schule für ein Jahr aus“. Oder Süddeutsche.de: „Greta Thunberg macht ein Jahr Schulpause“.

Bei Bild.de klingt das anders:

Greta Thunberg (16) wird das kommende Schuljahr ganz schwänzen — um sich dem Kampf gegen die Klima-Krise zu widmen!

… steht gleich am Anfang des Artikels. Und auch wenn man ihn bei Facebook oder Twitter verbreitet, erscheint direkt der Vorwurf, Thunberg schwänze das kommende Schuljahr:

Screenshot eines Facebook-Posts - Greta Thunberg: Klimaaktivistin wird ein Jahr lang die Schule schwänzen
Screenshot eines Tweets der Bild-Redaktion -

Doch das ist kompletter Unsinn. Die Schule „schwänzen“ kann man nur, wenn man eigentlich zur Schule gehen müsste. Aber das muss Thunberg bald nicht mehr: In Schweden endet nach den neun Jahren in der Grundschule, die sie gerade abschließt, die Schulpflicht.

Das weiß auch die Bild.de-Redaktion. In ihrem Artikel, der zu großen Teilen auf einer dpa-Meldung basiert (in der die Passage mit dem „schwänzen“ allerdings nicht vorkommt), steht:

Um ihre Schulzeit mache sie sich keine Sorgen, sagte Thunberg. Sie werde einfach ein Jahr später aufs Gymnasium wechseln. Normalerweise stünde für die junge Schwedin im August der Wechsel auf eine weiterführende Schule an. In den ersten neun Jahren gilt Schulpflicht.

Obwohl es einige Hinweise an die Redaktion gibt, dass das mit dem „schwänzen“ nicht stimmt, lässt sie den Absatz weiter im Text.

Die „Bild“-Medien können aber auch anders, wenn eine 16-Jährige ihrem großen Ziel folgt, statt dem Schulunterricht. Für Laura Dekker, die als Jugendliche allein die Welt umsegelte, gab es Anerkennung statt Schwänzvorwürfe:

Screenshot Bild.de - Laura Dekker - Das Mädchen, das stärker war als tausend Stürme

Einen Schulabschluss hat Laura nie gemacht. Bis sie 16 Jahre alt wurde und der Schulpflicht unterlag, musste sie den Lehrplan der sogenannten Weltschule absolvieren. „Ich habe mich da durchgequält“, sagt sie, „diese ganze Theorie war fürchterlich.“ Ab dem sechzehnten Geburtstag lebte Laura nach ihrem eigenen Lehrplan: Sie spielte Gitarre und Flöte, studierte Fliegende Fische, die immer wieder an Bord landeten, hörte Metallica, las Segelbücher, fotografierte, skypte, tauschte über SSB-Funk Erfahrungen aus: „Es war toll, mit den Seglern aus anderen Ländern in Kontakt zu stehen. Einsam habe ich mich nie gefühlt.“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Was Grüne und AfD und alle anderen gemeinsam haben

In der „Bild“-Zeitung gab es am Dienstag einen bemerkenswerten Vergleich:

Ausriss Bild-Zeitung - Mit Gefühlen zum Erfolg - Was Grüne und AfD gemeinsam haben

WIE sie für ihre Themen kämpfen, WIE sie den Gegner attackieren und WIE sie in bestimmten Teilen Deutschlands von der GroKo-Müdigkeit profitieren — das haben beide Parteien gemeinsam. Vor allem die Betonung von GEFÜHLEN.

Damit ihre These irgendwie passt, greifen die „Bild“-Autoren Nikolaus Blome und Florian Kain zu fragwürdigen Mitteln. Zum Beispiel beim Punkt „WIE sie den Gegner attackieren“. Blome und Kain schreiben dazu:

AfD wie Grüne verteufeln sich gegenseitig, leben aber auch von der gemeinsamen Feindschaft. Die AfD verunglimpft die Grünen als verantwortlich für eine (vermeintlich) „rot-grün versiffte“ Republik. (…) Viele Grüne meinen die AfD, wenn sie „Nazis raus“ rufen, und mobilisieren mit dem „Kampf gegen Rechts“. Grünen-Chefin Annalena Baerbock sprach wegen der AfD-Wahlerfolge vom „Dammbruch für Demokratie und Rechtsstaat“.

Das Zitat der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock reißt das „Bild“-Duo für seine Beweisführung ordentlich aus dem Zusammenhang: Baerbock hat tatsächlich mal von einem „Dammbruch für Demokratie und Rechtsstaat“ gesprochen. Sie meinte damit allerdings nicht, wie Blome und Kain behaupten, die Wahlerfolge der AfD, sondern eine mögliche Koalition der CDU mit der AfD. Komplett lautete ihre Aussage in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“:

Was würde es für die Chancen von Schwarz-Grün im Bund bedeuten, wenn die CDU im Osten mit der AfD koalierte?

Die CDU hat einstimmig — mit den Stimmen der Delegierten aus den ostdeutschen Bundesländern — Koalitionen mit der AfD ausgeschlossen. Da nehme ich die Partei beim Wort, namentlich die Parteichefin und die Kanzlerin. Alles andere wäre ein Dammbruch für die Demokratie und den Rechtsstaat — Österreich zeigt das. Das muss den Verantwortlichen in der Union klar sein.

Und was ist das angebliche grundlegend verbindende Element „MIT GEFÜHLEN ZUM ERFOLG“ überhaupt für eine Kategorie? Welche Partei versucht nicht, Gefühle anzusprechen? Was anderes macht etwa die CDU, wenn sie zum Europawahlkampf plakatiert: „Wir wählen Sicherheit. Du auch?“?

Natürlich sprechen Parteien Gefühle an, auch die AfD, auch die Grünen. Die Frage ist dann, wie irrational dieses Vorgehen ist. Und ist der Kern der heutigen Klimaschutzbewegung nicht ausgesprochen wissenschaftsbetont? Es macht doch einen Unterschied, ob man vor einer drohenden Klimakatastrophe warnt, vor der auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit warnen, und damit Gefühle anspricht, oder ob man vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands warnt und damit Gefühle anspricht. Für die „Bild“-Autoren ist das aber alles gleichwertig:

Die Grünen und ihre Anhänger warnen vor dem Untergang der Welt und rechtfertigen damit maximalen („Es gibt nichts Wichtigeres!“) Klimaschutz. Die AfD und ihre Anhänger warnen vor dem Untergang des „christlichen Abendlandes“ und rechtfertigen damit maximalen Grenzschutz vor jedweder Zuwanderung.

Nun haben Blome und Kain ja auch einen Professor gefunden, der sie in diesem Punkt bestärkt:

Professor Eckhard Jesse (Uni Chemnitz) zu BILD: „Wer Klimawandel ignoriert und wer die Massenzuwanderung zum Maß aller Dinge macht, lässt sich ebenso von Gefühlen treiben wie derjenige, der Klimawandel zum Maß aller Dinge macht und Massenzuwanderung ignoriert.“

Eckhard Jesse setzt auch gern mal die rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz, bei denen es unter anderem Angriffe auf Journalisten von hitlergrüßenden Neonazis gab, mit linken Waldbesetzern im Hambacher Forst gleich, die Polizisten mit Exkrementen beschmeißen (was wahrlich eklig und bescheuert, aber eben nicht lebensbedrohlich ist). Und Jesse schrieb — zugegebenermaßen vor knapp 30 Jahren — unter anderem, dass Antisemitismus und Rechtsextremismus teilweise „mehr Phantom als Realität“ seien und dass jüdische Organisationen „Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung“ bräuchten, „um für ihre Anliegen Gehör zu finden und ihre legitimen Interessen besser zur Geltung zu bringen.“ Und: „Auf Dauer dürfte Judenfeindlichkeit nicht zuletzt gerade wegen mancher Verhaltensweisen von Repräsentanten des Judentums an Bedeutung gewinnen“. Wie passt so ein Experte zur „Bild“-Redaktion, die am Montag noch eine Kippa zum Ausschneiden auf ihre Titelseite druckte, um ein Zeichen gegen den wachsenden Antisemitismus in Deutschland zu setzen?

Aber das ist dann vielleicht auch alles egal, wenn man auf Biegen und Brechen einen Vergleich zwischen Grünen und AfD hinbekommen will.

Mit Dank an Eva für den Hinweis!

Bild.de befördert Angela Merkel

Manche Hauptstadtjournalisten spekulieren derzeit, ob Angela Merkel noch bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode Bundeskanzlerin bleiben wird oder ob sie schon vorher abtritt. Andere betreiben ihre Kaffeesatzleserei auf EU-Ebene: „Wechselt Merkel nach Brüssel?“ Einen Knaller aber bekommen mal wieder nur die Politik-Experten aus der „Bild“-Redaktion mit: Merkel ist inzwischen nicht mehr nur Regierungschefin, sondern auch Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland.

Heute soll Angela Merkel die Ehrendoktorwürde der US-Universität Harvard verliehen bekommen und die Rede vor dem aktuellen Absolventenjahrgang halten. Die Harvard University veröffentlichte als Ankündigung ein bemerkenswertes Video.

Bei Bild.de schreibt Korrespondent Heiko Roloff über Merkels Besuch in den USA:

Screenshot Bild.de - Wie ein House-of-Cards-Trailer - Elite-Uni Harvard feiert Merkel wie eine Legende



In Deutschland ist sie seit Langem hochumstritten. Doch in den USA wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (64) geradezu verehrt. (…)

Einer schwelgte freilich nicht im Lob. Amerikas 45. Präsident Donald Trump. Angeblich hatten sowohl das Kanzleramt in Berlin als auch das Weiße Haus versucht, ein Treffen der beiden Staatsoberhäupter zu arrangieren. Doch dann passte es nicht in den Terminkalender …

Sollte sich in letzter Zeit nicht irgendetwas ganz Grundsätzliches am Aufbau der Bundesrepublik geändert haben, ist das Staatsoberhaupt Deutschlands noch immer der Bundespräsident, aktuell also Frank-Walter Steinmeier.

Mit Dank an Stefan T. und Tim für die Hinweise!

Nachtrag, 13:59 Uhr: Die Bild.de-Redaktion hat reagiert und die Stelle ausgebessert. Dort steht nun:



Einer schwelgte freilich nicht im Lob. Amerikas 45. Präsident Donald Trump. Angeblich hatten sowohl das Kanzleramt in Berlin als auch das Weiße Haus versucht, ein Treffen der beiden zu arrangieren. Doch dann passte es nicht in den Terminkalender …

Einen Hinweis auf diese Korrektur im Sinne der Transparenz gibt es nicht.

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