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Angst und Geld machen in Zeiten von Corona

Es ist nur ein Beispiel, aber dafür ein recht typisches, das zeigt, wie die „Bild“-Redaktion in diesen unsicheren Tagen a) Angst verbreitet und b) versucht, mit dieser Angst der Menschen Kohle zu machen:

Screenshot Bild.de - Italien schließt Zapfsäulen - Machen auch bei uns die Tankstellen dicht?

Jeder, der bisher nicht daran gedacht hat, dass ja vielleicht „auch bei uns die Tankstellen dicht“ machen könnten, kann nun denken: Oh Gott, machen auch bei uns die Tankstellen dicht?

Wenn man kein „Bild plus“-Abo hat, erfährt man dazu nur:

In Italien schließen demnächst die ersten Tankstellen, kündigen die Betreiberverbände an. Ab Mittwochabend sollen demnach zunächst die Zapfstellen an Autobahnen dichtmachen, dann sollen nach und nach andere Tankstellen folgen.

Tankstellen dicht — ist das auch bei uns möglich?

Lesen Sie mit BILDplus, wie die Mineralöl-Industrie die Versorgungslage in Deutschland einschätzt!

Die Antwort auf die „Bild“-Überschrift lautet, wie so oft, wenn dort ein Fragezeichen am Ende steht: nein. In Deutschland sei es „offenbar nicht der Fall“, dass Tankstellen bald schließen müssen, steht im Artikel. Ein Sprecher des Mineralöl-Wirtschaftsverbands sagt, „bei uns“ sehe es gut aus. Und der Hauptgeschäftsführer des Verbands antwortet auf die Frage, ob die Versorgung aufrechterhalten werden kann:

„Eindeutig ja, Benzin und Diesel sind jederzeit verfügbar.“

Die durchaus wichtige Info, dass an der Tankstellenfront alles in Ordnung ist, gibt es nur gegen Bezahlung.

Klar, auch die „Bild“-Redaktion muss zusehen, wie sie ihre Arbeit finanziert. Aber muss sie dafür wirklich die Notlage von Menschen ausnutzen, wie in diesem Fall?

Screenshot Bild.de - Diesen Artikel lesen Sie nur mit Bild plus - Was gestrandete Urlauber jetzt wissen müssen - So kriegen Sie einen Platz im Rettungsflieger

Zumal gestrandete Urlauberinnen und Urlauber die Antworten auf ihre wichtigsten Fragen sowieso beim Auswärtigen Amt bekommen — ohne vorher ein Abo abschließen zu müssen.

Wir würden gar nicht soweit gehen, dass alle Artikel zum Coronavirus, egal von welcher Redaktion, kostenfrei abrufbar sein sollten. Aber die grundlegenden. Die, die Menschen zum Beispiel bei der drängenden Frage helfen, ob sie sich „jetzt testen lassen“ sollen. Die „Bild“-Redaktion will mit der „ANGST VOR CORONA-INFEKTION“ aber lieber Geld machen:

Screenshot Bild.de - Angst vor Corona-Infektion - Soll ich mich jetzt testen lassen?

Eine kostenlose Antwort darauf gibt es bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Mit Dank an Bloodtrain für den Hinweis!

Bild.de bringt Klinik mit Falschmeldung ans Limit

Gestern, um 10:54 Uhr, erschien im Bild.de-Corona-Liveticker diese Meldung:

Das Klinikum Offenburg sucht händeringend Helfer! - Das Klinikum Offenburg (Baden-Württemberg) ist am Limit - und richtet diesen Appell an die Öffentlichkeit: Dringender Appell an euch!

Wir benötigen im Klinikum Offenburg dringend helfende Hände. Ob mit oder ohne medizinische Erfahrung spielt keine Rolle. Es gibt Bedarf in der Küche, an der Pforte, Essen verteilen, Betten schieben. Und wer medizinische Kenntnisse hat im pflegerischen Bereich.

Wer jemand kennt, der jetzt zum Beispiel in Kurzarbeit ist, bitte melden. Per E-Mail: […] oder telefonisch […]

Bitte weiterleiten. Vielen Dank und bleibt gesund.

Die „Bild“-Redaktion nannte auch eine E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer, die man anschreiben beziehungsweise anrufen soll, wenn man helfen möchte. Das Problem dabei: Das Ortenau Klinikum in Offenburg sucht derzeit gar nicht „händeringend Helfer“. Es handelt sich um „Fake News“, die Bild.de verbreitet hat.

Zuvor kursierte bei WhatsApp der vermeintliche Appell der Klinik samt Kontaktdaten. Während die „Bild“-Redaktion das Rundschreiben blind eins zu eins abgeschrieben hat, hat das Team von Hitradio Ohr recherchiert und bei der Klinik mal nachgefragt, was es mit dem Aufruf überhaupt auf sich hat:

Auf HITRADIO OHR-Anfrage hieß es heute (Sonntag) vom Ortenau Klinikum, das sei wohl Fake News.

Es gebe Überlegungen, ob das irgendwann nötig sei und intern gebe es beim Ortenau Klinikum die Überlegung, ob man sich — wenn sich die Situation verschlechtere — auch an die Öffentlichkeit wende. Das sei aber nur eine Idee und momentan KEIN Aufruf an die Bevölkerung. Beim Klinikum stehe wegen des „Fake-Aufrufs“ das Telefon nicht mehr still.

Nun ist es eine Sache, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik auf „rund 1000 Anfragen“ (Stand: Sonntagmittag) reagieren mussten und damit von ihrer wichtigen Arbeit abgehalten wurden. Vielleicht noch gefährlicher: Der gefakte Appell, den Bild.de verbreitet hat, vermittelt den falschen Eindruck, dass das Klinikum in Offenburg die Situation nicht mehr im Griff habe und „am Limit“ sei. Daher hat das Klinikum mit einer Stellungnahme reagiert:

Zur Zeit kursiert in verschiedenen Medien ein Aufruf, das Ortenau Klinikum Offenburg-Kehl würde sofort dringend „helfende Händen“ benötigen. Das ist gut gemeint, aber nicht zielführend! Aktuell laufen alle Prozesse in unseren Häusern im Rahmen der Planungen. […]

Derzeit ist das Ortenau Klinikum hinsichtlich Personal und Intensivbetten bestens ausgestattet.

Erst nach mehreren Stunden löschte Bild.de die Falschmeldung klammheimlich aus dem Liveticker. In einer späteren Meldung im selben Liveticker, die davon berichtet, dass ein gefälschter Appell des Klinikums Offenburg im Umlauf ist, erwähnte die Redaktion mit keinem Wort, dass sie kräftig mitgemischt hat.

Mit Dank an Fabian, @MatthiasJundt und @Maxi_FR1904 für die Hinweise!

Privatsphäre in Corona-Zeiten? Ist Bild.de doch egal!

Beim Fußballbundesligisten Hertha BSC gibt es einen Spieler, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Der Verein veröffentlichte dazu heute eine Pressemitteilung:

Eigentlich sollte es heute nach drei Tagen mit individuellen Trainingsplänen wieder mit dem Teamtraining auf dem Schenckendorffplatz für diese Woche losgehen. Nachdem jedoch nun ein Spieler der Profimannschaft bei Hertha BSC positiv auf das Corona-Virus getestet wurde, wurde für alle Spieler des Lizenzspieler-Kaders und für das Trainer- und Funktionsteam nun eine 14tägige häusliche Quarantäne angeordnet.

Liest man die komplette Mitteilung, dann fällt auf, dass der Klub an keiner Stelle den Namen des positiv getesteten Spielers nennt. Das sei „nach interner Rücksprache“ ganz bewusst geschehen, sagt uns Herthas Pressesprecher Marcus Jung auf Nachfrage, denn dafür gebe es „gute Gründe“: Privatsphäre, Datenschutz, ärztliche Schweigepflicht.

Das alles scheint den Leuten bei Bild.de herzlich egal zu sein.

Screenshot Bild.de - Team in Corona-Quarantäne - Hertha-Profi positiv getestet!

Im Artikel nennt die Redaktion den Namen des Spielers („Nach BILD-Informationen handelt es sich bei dem Betroffenen um (…)“) und zeigt ein Foto von ihm. Inzwischen berichten zahlreiche andere Medien, um wen es sich „laut der ‚Bild‘-Zeitung“ handeln soll.

Mit Dank an @FacepalmL für den Hinweis!

Nachtrag, 18. März: In der heutigen Berlin-Ausgabe der „Bild“-Zeitung berichtet die Redaktion auch groß über den ersten Corona-Fall bei Hertha BSC. Sie nennt auch dort den Namen des Fußballers, direkt in der Überschrift:

[…] infiziert! Hertha in Quarantäne

In der „Bild“-Bundesausgabe gibt es zum Thema eine Meldung im „CORONA-TICKER“ auf der Sportseite. Auch dort wird der Name genannt.

Der Spieler selbst hat sich nach wie vor nicht öffentlich, etwa auf seinem offiziellen Instagram-Profil, zum positiven Corona-Test geäußert.

„Unglaubliche Zahlen“ von Bild.de

Es gibt derzeit viele Redaktionen, die mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit, aber ohne unnötige Panik über die Verbreitung des Coronavirus berichten. Und dann gibt es die „Bild“-Redaktion:

Screenshot Bild.de - Iran: 175.000 Menschen positiv getestet

Unglaubliche Zahlen aus dem Iran! 7,5 Millionen Menschen wurde auf das Coronavirus getestet — davon 175 000 positiv.

… steht seit gestern Abend bei Bild.de im Corona-Live-Ticker. Und das ist wirklich „unglaublich“, aber im Sinne von: Das stimmt so nicht.

Die „Bild“-Redaktion bezieht sich auf diesen Tweet der Iran-Korrespondentin der ARD Natalie Amiri:

Screenshot eines Tweets von Natalie Amiri - Iran Coronavirus - nachdem 7,5 Millionen Menschen in drei Tagen gescreened wurden, ist das Ergebnis: 175.000 zeigen Symptome. Zweiundzwanzigeinhalb Tausend wurden zum Arzt geschickt und davon 1077 ins Krankenhaus, so der stellvertretende Gesundheitsminister heute. Bisher 611 Todesfälle. (Offizielle Angaben).

Während Amiri also von „gescreened“ spricht, schreibt Bild.de: „getestet“. Während Amiri von „zeigen Symptome“ spricht, schreibt Bild.de: „positiv“ getestet.

Das sind zwei riesige Unterschiede — erst recht, wenn man sich mal etwas genauer anschaut, wie die iranische Regierung auf die von Amiri genannten und von Bild.de falsch weitergetragenen Zahlen gekommen sein soll. Leider erst gut vier Stunden nach ihrem ersten Tweet zum Thema schilderte Natalie Amiri in einem weiteren Tweet, mit welcher Methode im Iran „gescreened“ wurde: Auf der Website des iranischen Gesundheitsministeriums konnten die Menschen selbst Daten über sich eintragen und wurden gegebenenfalls zurückgerufen. Diese Selbstauskunft sollen 7,5 Millionen Iranerinnen und Iraner vorgenommen haben; 175.000 von ihnen sollen dabei Symptome genannt haben, die auf eine Erkrankung durch das Coronavirus hinweisen können, aber natürlich nicht automatisch bedeuten, dass jemand am Coronavirus erkrankt ist.

Das verdreht Bild.de also zur Schockmeldung: „7,5 Millionen Menschen wurde auf das Coronavirus getestet — davon 175 000 positiv.“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

„Bild“ zeigt ohne Rücksicht Fotos getöteter Kinder

In Dresden läuft derzeit ein Prozess gegen einen Mann, der seine beiden Kinder getötet haben soll. Die „Bild“-Medien berichten seit mehreren Wochen über Fall und haben für den Angeklagten, der bei der Tat Bauschaum verwendet haben soll, auch schon eine boulevardtaugliche Bezeichnung gefunden: Es handele sich um „den mutmaßlichen Bauschaum-Killer“.

Ebenfalls „Bild“- und boulevardtypisch zeigt die Redaktion wiederholt Fotos der Kinder, die getötet wurden, ohne jegliche Unkenntlichmachung. Als Quelle gibt sie an: „Foto: Privat“.

Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob die Mutter (oder der Vater) einer Veröffentlichung der unverpixelten Kinderfotos zugestimmt hat. Bisher haben wir keine Antwort erhalten. Wir wollten von Senft auch wissen, woher die „Bild“-Medien die Fotos haben. Darauf gab es ebenfalls keine Antwort.

Im Artikel zum dritten Prozesstag berichtet Bild.de über die Aussage der Mutter vor Gericht. Auch in diesem Beitrag zeigt die Redaktion wieder unverpixelte Fotos der Kinder. Außerdem veröffentlicht sie ein Foto der Frau „auf dem Weg ins Gericht“, aufgenommen von einem „Bild“-Fotografen, ungeachtet der Tatsache, dass die Frau versucht, sich mit einem Schal vor Aufnahmen zu schützen. Am Ende des Textes erfährt man über sie:

M[.] ist schwer traumatisiert, befindet sich in Therapie.

Wir haben bei Christian Senft nachgefragt, ob die „Bild“-Redaktion abgewägt hat, die Fotos der getöteten Kinder aus Rücksicht auf die Mutter, die laut Bild.de „schwer traumatisiert“ sei und sich „in Therapie“ befinde, nicht zu veröffentlichen. Der „Bild“-Sprecher hat darauf nicht geantwortet.

Gestern erschien der neueste Artikel zum Thema, sowohl bei Bild.de als auch in der Dresden-Ausgabe der „Bild“-Zeitung. Die Redaktion verknüpft darin den einen Fall mit einem anderen, bei dem ebenfalls zwei Kinder getötet wurden, und der Vater bereits verurteilt wurde. Die Kinder und die Mütter hatten sich, auf der Flucht vor den Vätern, in einem Frauenhaus kennengelernt und angefreundet:

Ausriss Bild-Zeitung - S. und M. und M. und L. - Alle tot! Warum die vier Freunde von ihren Vätern ermordet wurden
(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Auch hier haben wir bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, ob der Redaktion eine Erlaubnis vorliegt, die Fotos der zwei anderen Kinder ohne Unkenntlichmachung zu drucken. Eine Antwort haben wir nicht bekommen. Als Fotocredit ist einmal der Name des bereits erwähnten „Bild“-Fotografen angegeben und: „FACEBOOK“.

Die vermeintliche Antwort auf die Frage in der Unterzeile, „warum die vier Freunde von ihren Vätern ermordet wurden“, liefert der Text direkt im ersten Satz:

Die schrecklichen Doppelmorde von Dresden — Väter töteten ihr Liebstes, weil die Mutter der Kleinen sie verlassen hatte.

Damit übernimmt „Bild“ eins zu eins die Perspektive des bereits verurteilten beziehungsweise des mutmaßlichen Täters.

Gefährliche Berichte von „Bild“ und Bild.de

Warnung: In diesem Beitrag geht es um einen versuchten Suizid.

Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der „TelefonSeelsorge“, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

***

Ein zehnjähriger Junge wollte laut seiner Mutter einen Suizid begehen. Die Frau sagt, dass ihr Sohn in der Schule heftig gemobbt, getreten und bespuckt werde. Bild.de und die Frankfurt-Ausgabe der „Bild“-Zeitung berichten heute groß über den Fall.

Es ist gut, dass die „Bild“-Medien kritisch über Mobbing und die Folgen berichten. Die entscheidende Frage ist, wie sie es tun. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass die Berichterstattung über (versuchte) Suizide gefährlich sein, und der sogenannte Werther-Effekt zu Nachahmungstaten führen kann. Forscherinnen und Forscher haben dieses Phänomen ausgiebig untersucht. Viele Medien berichten dennoch immer wieder ausgesprochen problematisch über Suizide und Suizidversuche.

Es gibt Leitfäden für Redaktionen, wie sie am besten berichten sollten — und wie auf keinen Fall. Die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ hat zum Beispiel einen herausgegeben (PDF), genauso die „Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention“ (PDF). In diesen Leitfäden steht unter anderem:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, z.B. (…)

• den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“).

Und:

Nachahmung setzt Identifikation voraus. Diese Gefahr steigt, wenn: (…)

• der Suizid als nachvollziehbare Reaktion oder als einziger Ausweg bezeichnet wird

Außerdem warnen die Fachleute davor, die Suizid-Methode zu beschreiben. Dadurch könne die Gefahr einer Nachahmung ebenfalls steigen. Und auch die Aufmachung der jeweiligen Artikel sei von Bedeutung: Gefährlich könne es werden, wenn „durch Titelgeschichten, Schlagzeilen und Fotos Aufmerksamkeit erregt wird“.

In ihren Artikeln von heute machen „Bild“ und Bild.de zum wiederholten Male vieles falsch. Im Text steht über den Suizidversuch des Zehnjährigen unter anderem:

Als ihn dann noch ein Mädchen böse versetzt und mit einem Mitschüler abzieht, ist der Fünftklässler so verletzt, dass er keinen Ausweg mehr weiß.

Direkt im nächsten Absatz erzählen die „Bild“-Medien detailliert, was der Junge bei dem versuchten Suizid wie verwendet hat, also: Welche Methode er nutzte.

Und dann ist da noch die Präsentation der Artikel: Bei Bild.de war die Schlagzeile „Mein Kind wollte sich umbringen“ heute längere Zeit auf der Startseite zu finden. Die Frankfurter „Bild“-Redaktion hat die Geschichte mit derselben Überschrift als riesengroße Aufmacherstory auf der ersten Lokalseite gebracht.

Bringt Julian Reichelt die Familien anderer Menschen in Gefahr? (3)

Ob nun die Familie des Rappers Capital Bra, des Fußballers Toni Kroos, der Sängerin Sarah Connor, der Schauspielerin Sonja Kirchberger, des Hedgefonds-Managers Chris Hohn, der Krankenkassen-Chefin Ute Schrader oder des Comedians Oliver Pocher — „Bild“-Chef Julian Reichelt hat nach Julian-Reichelt-Logik in den vergangenen Wochen mal wieder ziemlich viele Leute in Gefahr gebracht.

Zur Erinnerung: Reichelt will nicht, dass das Medienmagazin „kress pro“ sein Gehalt als „Bild“-Oberchef veröffentlicht. Denn das, so Reichelt, bringe seine Familie in Gefahr.

Bei anderen Menschen und deren Familien zählt diese Art der Rücksichtnahme hingegen nicht. Wenn die „Bild“-Redaktion an „die geheime Gehaltsliste der DSCHUNGEL-STARS“ gelangt, dann macht sie sie natürlich publik:

Screenshot Bild.de - Die geheime Gehaltsliste  der Dschungel-Stars

Die „Bild“-Medien listen auch detailliert auf, welche Musikerin und welcher Sänger wie viel beim „Millionen-Geschäft mit dem Musik-Streamen“ kassiert:

Ausriss Bild-Zeitung - Das Millionen-Geschäft mit dem Musik-Streamen

Die Gehälter der Krankenkassen-Vorstände gibt es ebenfalls bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Fürstliches Gehalt - So viel verdient der Chef Ihrer Krankenkasse

Genauso die Summen, die Michael Wendler und Oliver Pocher für ihre „Peinlich-Show“ bekommen haben:

Screenshot Bild.de - Das kassieren Wendler und Pocher für die Peinlich-Show

Außerdem präsentiert Bild.de eine Liste mit den Gehältern der fünf „Einkommens-Milliardäre“:

Screenshot Bild.de - Kaum einer kennt sie - Der Fünfer-Club der Einkommens-Milliardäre

Und, klar, die deutschen Fußballer:

Ausriss Bild-Zeitung - Die 25 Top-Verdiener des deutschen Fußballs
Screenshot Bild.de - Alle Gehälter - Zwei Nicht-Nationalspieler unter Top Fünf - Die 25 Topverdiener des Fußballs

Julian Reichelt und sein Team haben dieses In-Gefahr-bringen zu einer Art Geschäftsmodell gemacht: Jeder der oben aufgelisteten Online-Artikel ist nur mit einem „Bild plus“-Abo zu lesen.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an die vielen Hinweisegeber!

Recherche? Ist „Bild“ doch Extrawurst!

Am Mittwoch hat die „Bild“-Redaktion es geschafft, ein altes Lieblingsthema — das wiederholte Draufhauen auf eine 17-Jährige — mit einem neuen Lieblingsthema — der „Coronakrise“ — zu verknüpfen:

Screenshot Bild.de - Auftritt mit von der Leyen bei der EU - Warum kriegt Greta in der Coronakrise eine Extrawurst?

„EU-Parlament ist für alle Besucher gesperrt, aber sie darf rein“, steht in der Unterzeile. Und „Bild“-Reporter Albert Link schreibt über den Besuch von Greta Thunberg in Brüssel:

Die Schwedin war für 13 Uhr im Europaparlament zu einem Meinungsaustausch im Umweltausschuss eingeladen. Und das, obwohl die Regeln derzeit zum Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus keine Besucher zulassen. Sogar für Mitarbeiter aus den Wahlkreisen der Abgeordneten gilt ein von Parlamentspräsident Davids [sic] Sassoli erlassenes, striktes Zutrittsverbot.

Der „Bild“-Autor hat auch einen deutschen Politiker gefunden, der ganz der Redaktionsmeinung ist:

Der CSU-Abgeordnete Markus Ferber ist deswegen auf der Zinne. Als Antwort auf die Mail-Bestätigung des Thunberg-Termins schrieb er dem Umweltausschuss: „Warum darf sie das Europäische Parlament betreten — und meine lokale Assistentin nicht?“

„Uns erklärt man, es gebe keine Ausnahmen, und dann wird für Greta Thunberg doch eine gemacht. Das hat für mich ein Gschmäckle“, legte Ferber im Gespräch mit BILD nach.

Es wäre praktisch gewesen, wenn sich Albert Link und Markus Ferber vor ihrem aufgeregten Schnauben mal die Mitteilung des Präsidenten des Europäischen Parlaments, über die sie reden, angeschaut hätten. Darin steht zwar tatsächlich etwas von Einschränkungen wegen des Coronavirus, und Sassoli listet detailliert auf, wer derzeit alles nicht ins Parlament darf; er schreibt aber auch:

Unless otherwise specified in paragraph 1, the governing bodies of Parliament, plenary, ordinary and extraordinary committee meetings, and the political groups shall not be restricted in their ability to function normally, however without attendance of interest representatives nor visitors other than those specifically invited by the respective Chair as a speaker.

(Hervorhebung durch uns.)

Also: Wer von einer oder einem Ausschussvorsitzenden als Rednerin oder Redner eingeladen wird, darf weiterhin ins Europaparlament, unabhängig davon, ob es sich bei dieser Person um Greta Thunberg handelt. Das war von Anfang an in den von David Sassoli aufgestellten Regeln so vorgesehen. Wie Albert Link selbst schreibt, wurde Thunberg eingeladen. Eine „Extrawurst“ gab es also nicht für die Schwedin.

Mit Dank an Miloš für den Hinweis!

Wann die „Bild“-Medien Roma und Romnja erwähnen

Eine Frau hat mehreren Rentnern Lügengeschichten erzählt und ihre Opfer dabei um viel Geld gebracht: Mal behauptete sie, dass sie ein Vermögen auf einem Schweizer Konto liegen hätte, an das sie aber nur rankäme, wenn man ihr Geld für Notar und Anwalt leiht; mal sagte sie, dass sie Probleme bei der Rückzahlung eines Darlehens hätte. Die Männer gaben ihr teilweise sechsstellige Summen, die sie nie wiederbekamen — insgesamt 1,5 Millionen Euro soll sich die Frau auf diese Weise ergaunert haben. Vergangene Woche wurde sie zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Bild.de und die Frankfurt-Ausgabe der „Bild“-Zeitung berichteten über den Prozess:

Screenshot Bild.de - Betrügerin gaukelte Geldprobleme vor - R. (49) zockte 1,5 Millionen Euro bei Rentnern ab
(Zur Unkenntlichmachung: Verpixelung links und Augenbalken rechts durch „Bild“, der Rest durch uns.)

Der Autor schildert in seinem Text auch das Vorgehen der Frau und schreibt als Einleitung in „Bild“:

DIE MASCHE DER ROMA:

Bei Bild.de wurde daraus eine Zwischenüberschrift:

Screenshot Bild.de - Die Masche der Roma

Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Taten der Frau mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu tun haben. Und es gibt genauso wenig Anhaltspunkte dafür, dass man diese „Masche“ als eine „der Roma“, wohlgemerkt im Plural, bezeichnen kann.

Der Presserat schreibt in Richtlinie 12.1 seines Pressekodex:

In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Genau das befürchtet die Initiative Sinti-Roma-Pride. Sie hat einen Offenen Brief an die „Bild“-Redaktion geschrieben. Zu dem „zutiefst rassistischen, reißerischen und unzutreffenden“ sowie „antiziganistischen Zusatz“ im „Bild“-Artikel heißt es dort:

Als Angehörige der Ethnie selbst würden wir gerne mehr darüber erfahren, wieso das unsere Masche ist und wieso wir alle trotz dieser uns fest zugeschriebenen Masche selbst noch keine 1,5 Mio. € erwirtschaftet haben, weil wir dahinter noch nicht gekommen sind, da der Großteil der deutschen Sinti und Roma eben nicht kriminell ist, sondern ganz normal einer geregelten Arbeit nachgeht.

Die Nennung der ethnischen Herkunft der verurteilten Betrügerin findet Sinti-Roma-Pride auch deswegen so auffällig, weil eine solche Nennung an andere Stelle ausbleibe: Wenn Roma und Romnja Opfer sind, wie beim rassistischen Anschlag in Hanau, bei dem auch zwei Roma und eine Romni getötet wurden. Der „Bild“-Redaktion schreibt die Initiative:

Wir als Interessenvertretung für Sinti und Roma, fragen uns angesichts dieser ungleichwertigen Benennung von Tätern und Opfern, welches Motiv Sie bei diesem sich immer wieder wiederholenden Vorgehen verfolgen.

Das ist eine sehr gute Frage, finden wir.

Mit Dank an Birgit B. für den Hinweis!

Bei Bild.de ist das Coronavirus am tödlichsten

Es müssen ja nicht immer gleich Dutzende Alarmartikel sein, mit denen die „Bild“-Redaktion Angst und Schrecken zum Coronavirus, Verzeihung, „CORONAVIRUS“ verbreitet. Manchmal reicht auch eine kleine Schummel-Rechnung:

Weltweit gibt es derzeit (Stand Sonntagvormittag) 41 663 aktive Fälle. Davon sind 34 095 (82 Prozent) milde verlaufen. Bei 7568 Menschen (18 Prozent) verlief die Infektion kritisch. Insgesamt sind 86 993 Menschen am Coronavirus erkrankt. Davon wurden 42 351 Menschen geheilt. 2979 Menschen (7 Prozent) starben.

Das stand am Sonntag im Bild.de-Live-Ticker zum Coronavirus.

Nimmt man die Anzahl der Menschen, die durch das Virus gestorben sind (2979), und teilt sie durch die Anzahl der Menschen, die jemals daran erkrankt sind (86.993), kommt man allerdings nicht, wie Bild.de, auf 7 Prozent, sondern auf 3,4 Prozent — also etwa die Hälfte.

Dass die Redaktion auf eine viel höhere Sterberate kommt, können wir uns nur so erklären, dass sie die geheilten Menschen (42.351) aus ihrer Rechnung genommen hat, also: 2979 Menschen geteilt durch 44.642 Menschen (alle jemals Erkrankten minus die Geheilten). Dann kommt man auf 6,7 Prozent beziehungsweise gerundet auf 7 Prozent.*

Experten gehen derzeit von einer deutlich niedrigeren Sterberate aus: Laut Robert-Koch-Institut liege sie bei 1 bis 2 Prozent. Genaue Zahlen könne man allerdings erst nach Ende der Epidemie nennen. Außerdem müsse man von Land zu Land und Region zu Region unterscheiden: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziffert die Sterberate in China, ohne das Epizentrum Hubei, auf 0,7 Prozent. In der Provinz Hubei liege sie bei 2,9 Prozent.

Die „Bild“-Redaktion schafft es jedenfalls locker, das tödlichste Coronavirus zu berechnen.

Mit Dank an Christoph G. und Timo für die Hinweise!

Nachtrag, 21:46 Uhr: Auf die 3,4 Prozent, die wir oben nennen, kommt auch die WHO:

Globally, about 3.4% of reported COVID-19 cases have died.

Mit Dank an @publictorsten für den Hinweis!

*Nachtrag, 5. März: Mehrere Leserinnen und Leser weisen darauf hin, dass es auch noch eine andere Möglichkeit gibt, um (gerundet) auf die 7 Prozent von Bild.de zu kommen. Man kann lediglich die abgeschlossenen Fälle, also nur die Geheilten und die Gestorbenen, nehmen. Und mit ihnen die Sterberate der abgeschlossenen Fälle berechnen. Das würde hier so aussehen: 2979 Menschen geteilt durch 45.330 Menschen (42.351 Geheilte plus 2979 Gestorbene) — macht 6,6 Prozent.

Dazu auch:

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