Archiv für Juli, 2020

Kontroverse um Verhörvideos, Wohlfeile Selfies, „Rick and Morty“

1. „Wollen wir hinschauen, oder wollen wir nicht hinschauen?“
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Wie bereits gestern in den „6 vor 9“ berichtet, ist das öffentlich-rechtliche Online-Format „Strg_F“ in den Besitz der Vernehmungsvideos des Hauptangeklagten im Mordfall Walter Lübcke gekommen und hat Teile daraus bei Youtube veröffentlicht. Die Rechtmäßigkeit der Aktion und mögliche Auswirkungen auf den laufenden Prozess werden weiterhin kontrovers diskutiert. Stefan Niggemeier hat mit Dietmar Schiffermüller, dem Redaktionsleiter von „Strg_F“, über die Veröffentlichung gesprochen.
Weitere Lesehinweise: Im Interview mit dem „Spiegel“ erklärt der Anwalt des Angeklagten, welche Folgen die Veröffentlichung der Vernehmungsvideos für seinen Mandanten habe: „An den Pranger gestellt“ (spiegel.de, Julia Jüttner). Im Deutschlandfunk äußert sich Medienethik-Professor Christian Schicha zu der Thematik: „Ich bin der Auffassung, dass man diese 25 Minuten auch ohne dieses Verhörvideo hätte gut füllen können und die notwendigen Informationen vermitteln können.“

2. Sieht gut aus
(faz.net, Ursula Scheer)
Geht es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Instagram-Viralaktionen wie #ChallengeAccepted tatsächlich um das Thema Frauensolidarität, oder dienen die Aktionen eher der Selbstdarstellung und Selbstvermarktung? „FAZ“-Redakteurin Ursula Scheer hat sich auf Instagram umgesehen. Ihr Fazit: „Solche Aktionen mögen vielleicht gut gemeint sein, lassen aber vor allen Dingen diejenigen gut aussehen, die mitmachen. Für sie ist das Ganze, zumindest in freiheitlichen Gesellschaften, oft nicht nur wohlfeil, da kostenlos, sondern kann sich als Publicity richtig auszahlen. Eine schwarze Bildkachel, und man hat sich als ostentativer Antirassist auf der Seite der Guten positioniert; einmal sich selbst schwarz-weiß abgelichtet, schon ist das Selfie nicht mehr Ausweis des Narzissmus, sondern ein feministisches Statement.“

3. „Agrarjournalisten sind wirklich gesucht“
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Als Diplom-Agraringenieurin ist Gesa Harms für ihre journalistische Arbeit bei einer Landwirtschaftszeitschrift besonders qualifiziert. Im Interview mit dem „Fachjournalist“ geht es unter anderem um ihren Alltag als Agrarjournalistin, ihre besonderen Kenntnisse auf dem Gebiet der Stromtrassen und ein ehrliches Eingeständnis zum Thema Online-Meldungen.

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4. Vom „Zigeunerschnitzel“ bis zur „Mohrenstraße“: Rassismus ist eine Tradition, mit der gebrochen werden muss
(fr.de, Stephan Anpalagan)
Stephan Anpalagan schreibt sich die Wut von der Seele: „Wie hirnverbrannt muss eine gesamte Gesellschaft sein, wenn man Überlebenden und Angehörigen der in Auschwitz Ermordeten sagt, dass man den rassistisch-faschistischen Begriff des ‚Zigeuners‘ nicht von der Speisekarte tilgen könne, weil das gottverdammte Paprikaschnitzel eine lange und nicht mehr zu ändernde Tradition darstelle.“ Das „Zigeunerschnitzel“ stehe für einen Kulturkampf. In Deutschland seien rassistische Feindbilder im kollektiven Bewusstsein verwurzelt.

5. Twitter for journalists: 10 #ProTips for using Twitter
(media.twitter.com)
Ausnahmsweise der Hinweis auf einen englischsprachigen Artikel: Twitters Presseabteilung verrät Journalisten und Journalistinnen zehn Tipps, wie sie mehr aus dem Kurznachrichtendienst herausholen können. Leicht zu lesen und vor allem auch für Nicht-Medienschaffende höchst interessant.

6. Serienboom: Gute Auftragslage für Synchronstudios
(blmplus.de, Lisa Priller Gebhardt)
Der Erfolg von Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime Video und der damit einhergehende Serienboom bescheren den Synchronstudios volle Auftragsbücher. Da viele Studios coronabedingt pausieren mussten, habe sich ein Überhang gebildet, der nun abgearbeitet werden müsse. Lisa Priller Gebhardt hat sich mit dem Inhaber eines Synchronstudios unterhalten. In dem Gespräch wird deutlich, wie sehr manche Serien-Verantwortlichen darauf bedacht sind, dass keine Informationen über den Fortgang der Geschichte nach außen dringen. Bei der Synchronisierung der US-amerikanischen Zeichentrickserie „Rick and Morty“ sitze beispielsweise jeder Synchrontext-Schreiber in einem eigenen Raum und müsse vorher sein Handy abgeben. „Verwendet werden ausschließlich PCs, die keine USB-Schnittstelle haben. Alle am Projekt beteiligten müssen eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben. Sicher ist sicher.“

Deutschland oder Belgien – Hauptsache Limburg!

Ein bisschen lustig ist sie ja schon, die Vorstellung, dass mehrere „Bild“-Reporter seit ein paar Tagen durch den hessischen Ort Limburg irren, verzweifelt und vergeblich auf der Suche nach dem Mann, der einen Molotowcocktail auf das Parlament in Belgiens Hauptstadt Brüssel geworfen haben soll, oder wenigstens nach Freunden oder Angehörigen des Mannes, die sie ein wenig belästigen können. Und das alles nur, weil die „Bild“-Mitarbeiter im Erdkunde-Unterricht nicht richtig aufgepasst haben.

Vor zwei Tagen berichtete Bild.de:

Screenshot Bild.de - Politik habe die Corona-Krise schlecht gemanagt - Limburger (36) verübt Anschlag auf Belgiens Parlament

Und das ist ja auch eine unglaubliche Geschichte: Ein Mann aus Deutschland, der einen Anschlag auf ein Parlament eines anderen Landes verübt, weil er mit dem Krisenmanagement der dortigen Regierung während der Corona-Krise nicht einverstanden ist.

Am Montag warf ein Mann einen Molotow-Cocktail aufs Parlament in der belgischen Hauptstadt Brüssel. Dabei wurden zum Glück nur geparkte Autos beschädigt. Der Mann wurde festgenommen.

Nun kommt heraus: Der Festgenommene ist ein 36-jähriger Hesse aus Limburg! (…)

Der Hesse bestreite, ideologisch gehandelt zu haben.

Einen Haken gibt es aber bei dieser „Bild“-Entdeckung: Der Festgenommene kommt aus der Stadt Sint-Truiden. Die liegt tatsächlich in Limburg – allerdings nicht in der hessischen Stadt Limburg, sondern in der belgischen Provinz Limburg.

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Zum Schluss noch ein kleiner Recherche-Tipp für die „Bild“-Redaktion: Wenn es demnächst beispielsweise mal heißen sollte „Der Friedensnobelpreis geht an eine Frau aus Rom“ oder „Ein Mann aus Kamerun versucht, Präsident Paul Biya zu stürzen“, dann bedeutet das eher nicht, dass diese Personen aus Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Sachsen oder Bayern kommen.

Mit Dank an Jan t. S. und Andreas E. für die Hinweise!

Vernehmungsvideo, Femizide, Paardiologie der Obamas

1. NDR-Format veröffentlicht Video von polizeilicher Vernehmung
(spiegel.de, Dietmar Hipp & Julia Jüttner & Jean-Pierre Ziegler)
Das öffentlich-rechtliche Online-Format „Strg_F“ ist auf ungeklärte Weise in den Besitz der Vernehmungsvideos des Hauptangeklagten im Mordfall Walter Lübcke gekommen und hat Teile daraus bei Youtube veröffentlicht. Nun entbrennt eine Diskussion über die Rechtmäßigkeit der Aktion und über mögliche Auswirkungen auf den laufenden Prozess.

2. 92 Prozent der gezählten Artikel verharmlosen Femizide
(genderequalitymedia.org)
„Gender Equality Media“ hat untersucht, wie in deutschen Medien über Gewalt gegen Frauen berichtet wird. Aus Sicht der Initiative sei in 92 Prozent der ausgewählten Artikel diese sprachlich verharmlost worden: „Überraschenderweise war dieses Mal nicht die Bild-Zeitung Anführerin unter den Medien, die am häufigsten (sexualisierte) Gewalt verharmlosen. Mit 27 Treffern, war dies das regionale Newsportal Tag24, dicht gefolgt von Bild, Express und Karlsruhe Insider. Hier lässt sich gut erkennen, dass vor allem regionale Medien Gebrauch von Gewalt verharmlosenden Begriffen machen.“

3. Zwei D-Mark pro Zeile – Wie ich einmal ein professioneller Literaturkritiker wurde
(54books.de, Jan Kutter)
Jan Kutter erinnert sich in seinem anekdotischen Beitrag an seine ersten Zeiten als nebenberuflicher Literaturkritiker. Und er denkt darüber nach, wie es dazu kommen konnte, dass Literaturkritik in den Printmedien derart an Bedeutung verlor: „Wenn jemand die professionelle Literaturkritik mit ihrem methodischen Handwerkszeug tatsächlich kaputtgemacht haben sollte, dann waren es nicht die Blogs oder die Meute auf Twitter, sondern die vielen Zeitungen selbst, die ihre Kulturteile kosteneffizient ausbluten ließen, als kein Geld mehr aus dem Anzeigengeschäft nachfloss, und die ihrer schrumpfenden Leser*innenschaft seither oft bloße Inhaltsangaben mit Meinungsanteil als Besprechungen verkaufen.“

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4. Kindesmissbrauch: Treffender Begriff?
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries, Audio: 2:17 Minuten)
Einige Deutschlandfunk-Hörerinnen und -Hörer fänden den Begriff „Kindesmissbrauch“ unglücklich bis falsch, schreibt Stefan Fries, weil dieser insinuiere, dass man Kinder auch „gebrauchen“ könne. Im Sprachcheck hat Fries verschiedene Fachleute gefragt, wie sie mit der Thematik sprachlich umgehen.

5. News & Sport: Die großen Gewinner und Verlierer der Saison
(dwdl.de, Uwe Mantel)
„DWDL“-Zahlenexperte Uwe Mantel berichtet, wie sich der Corona-Effekt auf das Sehverhalten von TV-Zuschauerinnen und -Zuschauern ausgewirkt hat. Gewinner seien, wie oft bei Krisen, tendenziell die Nachrichtenmedien. Verlierer hingegen die Sportsender, denen nahezu das gesamte Kern-Programm weggebrochen sei.

6. Die Paardiologie der Obamas
(zeit.de, Carla Baum)
Die ehemalige First Lady der USA, Michelle Obama, hat einen eigenen Podcast bei Spotify. Für die erste Folge der Gesprächsreihe hat sie sich ihren Ehemann, den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, eingeladen. „Zeit Online“-Redakteurin Carla Baum kann sich in ihrer Besprechung nur mäßig für das Format erwärmen: „Es ist insgesamt die unpersönlichste persönliche Podcastfolge, die man sich nur vorstellen kann. Michelle und Barack Obama wirken wie gut gelaunte Geschäftsleute, die sich in der Mittagspause treffen und danach beide das Gefühl mitnehmen wollen, etwas Sinnvolles besprochen zu haben, ohne dass es gleich wieder anstrengend werden musste.“

Gefährliche Wendung, Prinzenfonds, Bitcoin-Hack und Bitcoin-Werbung

1. Gefährliche Wendung
(taz.de, Levent Tezcan)
Die Debatte über Rassismus nimmt laut Levent Tezcan, Professor am Institut für Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, eine gefährliche Wendung: „Mit einem quasireli­giö­sen Furor will eine neue Generation People of ­Color jede auch noch so verborgene rassistische Regung in der Seele ausrotten. Selbst die Liberalen, gar die Linken, die immer schon ein sicherer Hafen für die Fremden im Lande waren, sind nicht mehr davor gefeit, als Rassisten gebrandmarkt zu werden.“

2. Prinzenfonds hilft Journalisten
(deutschlandfunk.de, Christian Orth, Audio: 7:41 Minuten)
Wer über die Forderungen der Hohenzollern an den Bund und den Umgang der Familie mit journalistischer Berichterstattung schreibt, sollte sich darauf einrichten, eventuell am nächsten Tag Anwaltspost im Briefkasten zu haben. Arne Semsrott („FragDenStaat“) kommentiert im Deutschlandfunk: „Aus meiner Sicht ist dieser Versuch, gegen alle möglichen Medien mit Abmahnungen, vielleicht dann auch mit einstweiligen Verfügungen, vorzugehen, der Versuch, die öffentliche Meinungsbildung stark zu beeinflussen. Und ich glaube, das ist teilweise tatsächlich auch erfolgreich aus Sicht von Herrn von Preußen. Denn ich sehe es ja an mir selbst und wie ich meine Worte wähle, und viele andere Journalistinnen, mit denen ich rede, auch – es wird dann doch schon zwei Mal überlegt, ob man tatsächlich einen Beitrag machen soll mit Herrn von Preußen“. „FragDenStaat“ habe deshalb einen Rechtshilfefonds für Abmahnopfer eingerichtet, der sich aus Spenden der Community speist: den „Prinzenfonds“.

3. Google News ab sofort mit neuem Layout und einer Quelle pro Nachricht
(t3n.de, Patrick Büttgen)
Vor einem Jahr habe Google optische Änderungen für seine News-Suchergebnisse angekündigt, nun wurden sie offensichtlich umgesetzt. Technikjournalist Patrick Büttgen hat sich das neue Layout angeschaut, das aufgeräumter wirke, jedoch nicht nur Gutes mit sich bringe: Google zeige fortan nur eine Quelle pro Nachricht an, was zu Trafficverlusten der anderen Quellen führe.

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4. Techkonzerne gehen gegen von Trump geteilte Videos vor
(spiegel.de, Max Hoppenstedt)
Facebook, Twitter und Youtube gehen gegen Videos vor, in denen Falschinformationen zum Maskentragen und zum angeblichen Corona-Heilmittel Hydroxychloroquin verbreitet werden. Ein Präparat, das US-Präsident Donald Trump zum Entsetzen von Fachleuten als mögliches „Geschenk des Himmels“ bezeichnet. Die Löschaktion wirkte sich auch auf Trumps Twitter-Account aus: Er hatte das Videomaterial öffentlich geteilt.
Weiterer Lesehinweis, weil damit in Zusammenhang stehend: Trump zweifelt an seiner Persönlichkeit: „Niemand mag mich“ (fr.de, Anna-Katharina Ahnefeld).

5. Immer Ärger mit dem Rechtsstaat | Fahrradstraßen | Stadt duldet Gehwegparken
(rums.ms, Ralf Heimann)
Wer sich anschauen will, wie Lokaljournalismus der Zukunft aussehen könnte, sollte einen Blick auf „Rums“ werfen. Dort findet Regionalberichterstattung rund um Münster statt, jenseits der verstaubten Klischees und auf eine frische und zeitgemäße Art. Ergänzt wird das Angebot durch Kolumnen von prominenten Stadtkindern wie Marina Weisband, Ruprecht Polenz und Klaus Brinkbäumer. Ein Projekt, das durchaus Vorbild für andere Regionen sein könnte.
Transparenzhinweis: Ralf Heimann schreibt auch für BILDblog. Zum Beispiel in seiner viel beachteten Serie über Fehlerkultur im Journalismus: Kleine Wissenschaft des Fehlers.

6. So leicht war es, Promis auf Twitter zu hacken
(zeit.de, Meike Laaff)
Am 15. Juli sorgte ein Hack für Verwirrung in der Twitter-Gemeinde: Promis wie Barack Obama, Joe Biden, Elon Musk, Jeff Bezos und Kim Kardashian schienen ein vermeintlich lohnendes Bitcoin-Investment zu versprechen – ihre Accounts waren zuvor gehackt worden. Wie konnte das geschehen? Wer steckt hinter den Angriffen? Und was befürchten Experten angesichts dieses Hacks? Meike Laaff ordnet den Fall ein, der auch mit Blick auf die bevorstehenden US-Wahlen besorgniserregend erscheint.
Weiterer Lesetipp: Michael Nöhrig macht in seinem Blog auf einen Fall von Bitcoin-Abzocke aufmerksam, bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll: „Da berichtet ein STANDARD-Artikel darüber, wie betrügerische Bitcoin-Werbung mit Prominenten getrieben wird, und die via AdSense zugeschaltete betrügerische Clickbait-Werbung bewirbt, akkurat!, eine ‚Sonderbericht‘-Fakeseite, auf der betrügerische Bitcoin-Werbung mit Prominenten getrieben wird“.

Einzelfall Vergessenwerden, Eva Herman, Corona-Reisejournalismus

1. Google darf wahre Berichte zeigen
(taz.de, Christian Rath)
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat eine wichtige Entscheidung zum sogenannten „Recht auf Vergessenwerden“ gefällt, das auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2014 zurückgeht. Demnach können Privatpersonen von Google verlangen, bestimmte Resultate des Suchergebnisses zu ihrer Person entfernen zu lassen. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn laut der aktuellen BGH-Entscheidung müssen die Grundrechte der Beteiligten gegeneinander abgewogen werden: „Auf der einen Seite steht das Persönlichkeitsrecht des Antragstellers, auf der anderen Seite die unternehmerische Freiheit von Google, die Pressefreiheit des verlinkten Mediums sowie das Informationsinteresse der Öffentlichkeit.“ Damit sei es jedes Mal als Einzelfallentscheidung zu betrachten.

2. Weiß ist nicht gleich objektiv
(projekte.sueddeutsche.de, Theresa Hein & Hadija Haruna-Oelker)
Die „Süddeutsche“ lässt in einer neuen Artikelreihe Medienschaffende zu Wort kommen, die darüber schreiben, wie Journalismus diverser werden kann. Den Anfang macht die Politologin und Journalistin Hadija Haruna-Oelker, die sich zur Wirkung von Sprache, Gewohnheitslösungen in Redaktionen und dem Konzept des sogenannten „Allys“ (Unterstützer) äußert.

3. Wegen Datenabfrage: Facebook klagt gegen EU-Wettbewerbsaufsicht
(derstandard.at)
Es klingt zunächst ein wenig lustig, wenn sich ausgerechnet die Datensammler von Facebook darüber beschweren, man habe ihnen zu viele Daten abverlangt. Doch es ist tatsächlich so: Der Netzwerkriese gehe gerichtlich gegen die europäische Wettbewerbsaufsicht wegen deren Datenabfrage vor. Die Kommission habe laut Facebook Informationen angefordert, die „über das Nötigste hinausgingen“.

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4. Aus für „Aufwachen“-Podcast
(radioeins.de, Jörg Wagner, Audio: 1:14:10 Stunden)
Im aktuellen radioeins-„Medienmagazin“ von Jörg Wagner geht es unter anderem um das Ende des medienkritischen „Aufwachen“-Podcasts. Wagner hat dafür Tilo Jung, einen der beiden Podcast-Macher, sowie den „Aufwachen“-Dauergast Hans Jessen ins Studio eingeladen und sie zu den Gründen befragt (ab Minute 22:52). Die Folge ist natürlich auch im Podcastplayer zu hören – dazu nach „radioeins“ und „Medienmagazin“ suchen, die Folge herunterladen oder gegebenenfalls den Podcast komplett abonnieren.

5. Keine Reisen, keine Reiseberichte
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:11 Minuten)
Der professionelle Reisejournalismus hat es in der Vergangenheit wahrlich nicht leicht gehabt. Die Welt ist zusammengerückt, auf diversen Plattformen gibt es Videos und Berichte aus fernen Ländern in schier endloser Zahl und zur freien Verfügung. Die aktuelle Pandemie stellt die Tourismus-Branche vor große Herausforderungen und sorgt für zusätzliche Schwierigkeiten. Annika Schneider berichtet vom Reisejournalismus unter Corona.

6. Geschäfte mit dem Weltuntergang: Der tiefe Fall der Eva Herman
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
Wie konnte es nur dazu kommen, dass eine einst respektierte ARD-Moderatorin wie Eva Herman in die Verschwörungswelt abtauchte und von Kanada aus eine sechsstellige Anzahl von Fans mit Telegram-Statements und Videos versorgt? Matthias Schwarzer zeichnet die vergangenen 17 Jahre in der Karriere der ehemaligen „Tagesschau“-Sprecherin nach.

Im Wald mit Hildmann, Rüder Kanzler, Deutschrap auf dem Prüfstand

1. „Spiegel“ sieht Hildmann vor lauter Bäumen nicht
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der „Spiegel“ hat sich mit dem vormaligen Kochbuchautor und jetzigen Verschwörungs-Extremisten Attila Hildmann zum „Waldspaziergang“ getroffen und die Inhalte des Gesprächs in einem zweiseitigen Beitrag aufbereitet. Medienkritiker Stefan Niggemeier kann dem Treffen wenig bis gar nichts abgewinnen: „Vermutlich soll die Geschichte Hildmann klein wirken lassen. Klein wirkt stattdessen der ‚Spiegel‘.“
Weiterer Lesetipp: Auf Facebook fragt der „6 vor 9“-Kurator: „Sollte man einem verwirrten Schreihals und Gernegroß mit rechtsextremen Allmachtsträumen und sadistischen Gewaltfantasien seinen Wunsch nach Berühmtheit erfüllen und ihn berühmt(er) machen?“

2. „Aber Sie haben ja ein eigenes Hirn“
(sueddeutsche.de, Oliver Das Gupta & Bastian Obermayer)
„Aber Sie haben ja ein eigenes Hirn“ … auf diese äußerst rüde Weise ging Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem Fernsehinterview die Puls-24-Journalistin Alexandra Wachter an. Bei Ausstrahlung des Gesprächs fehlte jedoch genau diese Szene (hier die gekürzte Version). Oliver Das Gupta und Bastian Obermayer ordnen den Fall ein, bei dem es auch um den Faktor Geld geht: „So erhielt Puls 24, das zu Pro Sieben Sat 1 Puls 4 gehört, für das laufende Jahr mehr als 1,4 Millionen Euro [aus Österreichs staatlicher Presseförderung], und aus der Corona-Förderung nochmals 1,2 Millionen Euro extra. Ein weiterer Anreiz, es sich mit der Regierung nicht zu verscherzen.“
Weiterer Lesehinweis: Auf Twitter zerlegt Natascha Strobl in gekonnt kunstvoller Weise das Interview.

3. Wir sind wie U-Boote
(gutjahr.biz)
„Eine Gruppierung konservativer Wahlkampf-Veteranen hat sich zusammengetan, um Donald Trump aus dem Weißen Haus zu jagen. Dabei greifen die Strategen des ‚Lincoln Projects‘ tief in die Trickkiste des Online-Trollens und versuchen Trump mit den eigenen Waffen zu schlagen.“ Richard Gutjahr berichtet über die Republikaner-Allianz, die mit „Negative Campaigning“ in Form von zugespitzten Videos (Beispiel 1 , 2 und 3) eine Wiederwahl von Donald Trump verhindern will.

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4. #Bundeswehr/Bohnert: Schräge Vorwürfe gegen Panorama
(daserste.ndr.de)
Vergangene Woche kritisierte die ARD-Sendung „Panorama“ den Social-Media-Leiter der Bundeswehr. Dieser sympathisiere mit Rechtsradikalen, like Beiträge mit Bezug zu den „Identitären“ und habe Vorträge in rechten Zirkeln gehalten. In den einschlägigen Kreisen tauchten sofort Gegenvorwürfe auf, die den Vorgang herunterspielen sollen. „Panorama“ stellt die drei wichtigsten Falschbehauptungen in diesem Zusammenhang klar. Man habe den Oberstleutnant beispielsweise vor Ausstrahlung des Beitrags durchaus um eine Stellungnahme gebeten.

5. Der steinige Weg zu den eigenen Daten
(netzpolitik.org, Tomas Rudl)
Seit zwei Jahren gilt in der EU die sogenannte Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und das darin verankerte Auskunftsrecht: Nutzer und Nutzerinnen können bei Anbietern Auskunft darüber verlangen, ob Daten von ihnen gespeichert werden, wie diese verwendet werden und ob sie weitergegeben wurden. Ein aktueller Fall zeigt eindrucksvoll, dass das beste Recht nichts nutzt, wenn es nicht umgesetzt werden kann. So habe ein Nutzer im März beim Videokonferenzanbieter Zoom seine Daten angefordert, läuft jedoch mit seiner Anfrage trotz Unterstützung durch die Datenschutzbehörden ins Leere.

6. F****! Sch*****! B****!
(spiegel.de, Björn Rohwer)
Das Ergebnis der Untersuchung mag nicht ganz überraschend kommen, aber laut einer vom „Spiegel“ in Auftrag gegebenen Datenanalyse spielt Sexismus im Deutschrap eine große Rolle. Dies belege eine Auswertung von immerhin 30.000 Liedtexten. Dass es dabei auch auf die Auslegung ankommt, beweist nach Ansicht des „6 vor 9“-Kurators eine kritisierte Textstelle des Rappers Cro aus dem Song „Easy“. Diese liest sich ohne Kontext und Aussprache schlimmer als sie ist: „Und wenn sie heiraten will und nach drei Tagen chillen schon dein ganzes Haus und deinen Leihwagen will – erschieß sie.“ Cro zieht die Worte „erschieß sie“ zu einem „err-cheesy“ zusammen, so dass sie sich auf „easy“ reimen. Es ist einer der albernen und bewusst bemühten Wort- und Sprachwitze, die sich durch das ganze Lied ziehen – also keineswegs eine ernst oder auch nur unterschwellig ernst gemeinte Gewaltandrohung oder gar Aufforderung zum Mord (abgesehen davon geht der Song wie folgt weiter: „Yeah! Doch das würd‘ ich mich nicht trauen, Mann, das weiß ich genau. Denn davor hau‘ ich ab“). Natürlich kann man das Lied trotzdem kritisieren, aber es als „nicht weniger schlimm“ zu bezeichnen als die tatsächlich existierenden üblen Fälle, scheint zumindest dem „6 vor 9“-Kurator überzogen.

Social-Media-Fiasko der Bundeswehr, Angreifbare Umfragen, Grande Dame

1. Bundeswehr: Social-Media-Leiter sympathisiert mit Rechtsradikalem
(daserste.ndr.de, Katrin Kampling & Caroline Walter, Video: 3:13 Minuten)
Der Leiter der Social-Media-Abteilung der Bundeswehr ist für deren Bild in den Sozialen Medien verantwortlich. Ausgerechnet dieser Mann habe laut „Panorama“ mit einem Anhänger einer rechtsextremen Bewegung sympathisiert, die vom Verfassungsschutzpräsident als „Superspreader von Hass, Radikalisierung und Gewalt“ bezeichnet werde. Was die Angelegenheit zusätzlich pikant mache: „Oberstleutnant Marcel B. war auch zuständig für die ‚Social Media Guides‘ der Bundeswehr.“

2. EU fordert Mitgliedstaaten auf, journalistische Vielfalt zu schützen
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand)
Eine von der EU in Auftrag gegebene Studie zeichnet ein düsteres Bild des Journalismus in Europa. Pressefreiheit und Pluralismus seien gefährdet, die ökonomische Lage des Nachrichtengeschäfts sei in allen europäischen Mitgliedstaaten schlecht. Lediglich bei der Vermarktung von Online-Nachrichten zeige sich, dass traditionelle Medien dem Digitalisierungsdruck standhalten könnten.

3. Lieber @hr1 @hrinfo richtig nice, ihr wart gestern DIE Sensation in den Verschwörungsgruppen
(twitter.com, Philip Kreißel)
Philip Kreißels Fachgebiet sind digitale Meinungsmanipulation und Hasskampagnen. Auf Twitter zeigt er anhand eines Beispiels, wie einfach es sei, bei Umfragen mehrfach abzustimmen. Es geht dabei um eine Umfrage des Hessischen Rundfunks über die Bereitschaft, sich bei Vorliegen eines Impfstoffes gegen das Coronavirus impfen zu lassen: „Lieber @hr1 @hrinfo richtig nice, ihr wart gestern DIE Sensation in den Verschwörungsgruppen. Die haben alle koordiniert bei eurer Umfrage abgestimmt. Gestern hat dann mein Bot auch mitgemacht. (…) Das war mit Abstand die am einfachsten zu manipulierende Umfrage, die ich jemals manipuliert habe. Man musste einfach nur einen request nach dem anderen da hinschicken.“

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4. „Ich kann nur so objektiv sein, wie es meine Subjektivität zulässt.“
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Gisela Friedrichsen wird gerne als die Grande Dame der Gerichtsberichterstattung bezeichnet. Kein Wunder, denn Friedrichsen arbeitet seit fast einem halben Jahrhundert als Journalistin. Mehr als 25 Jahre davon war sie als Gerichtsreporterin für den „Spiegel“ tätig. Im Interview mit dem „Fachjournalist“ erzählt sie vom Gerichtsjournalismus – von der Faszination und den Herausforderungen, aber auch dem Wandel: „Mittlerweile geht es nur um Effizienz. Wenn man irgendwohin geschickt wird, muss man auch auf Teufel komm raus etwas liefern – selbst wenn nichts passiert ist, was berichtenswert ist. Da werden dann Dinge hochgejazzt, hochgepusht, die keine Relevanz haben und mit der eigentlichen Sache nichts zu tun.“

5. Twitters Umsatz bricht ein
(spiegel.de)
Der Kurznachrichtendienst Twitter berichtet von einer paradoxen Entwicklung: Die Zahl der täglichen Nutzerinnen und Nutzer habe laut Vorstandschef Jack Dorsey um mehr als ein Drittel auf 186 Millionen zugenommen. Damit habe das Unternehmen seine bislang stärkste jährliche Wachstumsrate erreicht. Gleichzeitig habe man im vergangenen Quartal 19 Prozent weniger eingenommen als im Jahr zuvor. Grund dafür seien die coronabedingt eingebrochenen Werbeerlöse.

6. Attila Hildmann: Buchhandlung Hugendubel schickt Bücher an Verlag zurück
(rnd.de, Matthias Schwarzer)
In der Vergangenheit haben bereits zahlreiche Handelspartner die Zusammenarbeit mit Attila Hildmann eingestellt und den Vertrieb seiner Produkte beendet. Nun habe die Buchhandelskette Hugendubel (circa 150 Filialen in Deutschland) angekündigt, Hildmanns Bücher aus dem Sortiment zu nehmen und eventuelle Restbestände an den Verlag zurückzusenden. Die Buchhandelskette Thalia (280 Filialen) wolle Hildmanns Kochbücher jedoch weiter vertreiben.

Twitter vs. QAnon, Bayern-Razzia, Falsches Mallorca-Bild

1. Twitter dreht Pro-Trump-Verschwörungskult den Saft ab
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Twitter will den rechtsradikalen Verschwörungsideologen rund um QAnon den Nährboden entziehen und hat in den vergangenen Wochen bereits 7.000 Accounts gesperrt. Weitere 150.000 seien von einer Art Reichweitenbegrenzung betroffen. Markus Reuter kommentiert: „Dem US-Präsidenten Trump könnte durch die Maßnahmen auf Twitter eine äußerst aktive User-Basis im Wahlkampf wegbrechen, da es Überschneidungen zwischen seiner Kern- und der Verschwörungsanhängerschaft gibt.“

2. Science Slams: Kampf dem Fachchinesisch
(ndr.de, Jürgen Deppe)
Bei sogenannten Science Slams kämpfen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit kurzweiligen und unterhaltsamen Vorträgen um die Gunst des Publikums. Julia Offe organisiert und veranstaltet seit 2009 die verschiedensten wissenschaftlichen Wettstreite in Deutschland. Im Interview mit NDR Kultur spricht sie über Wissenschaftskommunikation und erklärt, warum der Charité-Virologe Christian Drosten ein ausgezeichnetes Beispiel für Wissenschaft auf Augenhöhe ist.

3. Bayernweite Razzia wegen Hasskommentaren im Netz
(spiegel.de)
Wie das bayerische Landeskriminalamt mitteilt, habe es bayernweite Durchsuchungen im Rahmen der Initiative „Justiz und Medien – Konsequent gegen Hass“ gegeben. Ein lokaler Radiosender habe auf Facebook per Livestream Bilder einer Flüchtlingsdemonstration gezeigt. Daraufhin hätten mehrere bayerische Nutzer und Nutzerinnen strafbare Kommentare geschrieben, welche die Ermittlungen gegen sie ausgelöst hätten.

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4. Georg Löwisch: Es ist nicht unsere Aufgabe, Bischofsringe zu küssen
(katholisch.de, Steffen Zimmermann)
„Christ & Welt“ war ursprünglich eine evangelisch-konservative und lange Zeit sehr erfolgreiche „Wochenzeitung für Glaube, Geist, Gesellschaft“. Nach mehreren Eigentümerwechseln wird sie seit einiger Zeit als Sonderbeilage der „Zeit“ fortgeführt. Heute erscheint die erste Ausgabe unter der Leitung des neuen Chefredakteurs Georg Löwisch, der über 20 Jahre bei der „taz“ beschäftigt war, zuletzt als Chefredakteur. Im Interview spricht Löwisch unter anderem über seine publizistischen Ziele und seine Haltung: „Unsere Aufgabe ist es, gegenüber der Institution und den Mächtigen in der Kirche streng zu sein. Es wäre, glaube ich, niemandem geholfen, wenn wir den Exzellenzen nur ehrfürchtig ihre Bischofsringe küssen würden.“

5. Wie wir die Welt sehen
(journalist.de, Ronja von Wurmb-Seibel)
Die Autorin, Filmemacherin und Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel hat für die „Zeit“ geschrieben und ist unter anderem Autorin eines Buchs über Afghanistan, wo sie auch für eine gewisse Zeit gelebt hat („Ausgerechnet Kabul: 13 Geschichten vom Leben im Krieg“). In ihrem „Blick auf den Journalismus“ erzählt sie von ihrem beruflichen Werdegang und ihrer persönlichen Entwicklung: „Je mehr ich mich mit Angst und ihren Folgen beschäftigte, desto besser verstand ich, warum sich meine Art, Geschichten zu erzählen, so grundlegend verändert hatte: Ich sah keinen Grund dafür, die Welt noch negativer darzustellen, als sie ohnehin schon ist. Noch negativer, als wir sie ohnehin schon sehen.“

6. Mallorca: Einige Medien nutzten ein nicht gekennzeichnetes Archivbild für aktuelle Berichterstattung
(correctiv.org, Kathrin Wesolowski)
„Focus Online“ und Welt.de haben laut „Correctiv“ in der aktuellen Berichterstattung ein altes und irreführendes Bild eines überfüllten Mallorca-Strands verwendet. Bei Welt.de illustrierte es die Schlagzeile „Hunderte Deutsche feiern am Ballermann – und missachten alle Corona-Regeln“. Aktuelle Live-Bilder einer Webcam würden jedoch einen weitgehend menschenleeren Strand ohne Strandliegen und Sonnenschirme zeigen.

Kurz-Bilder, Bolsonaro-System, Sobessernicht-Interview mit Meuthen

1. Warum Sebastian Kurz beim EU-Gipfel auf den Fotos in Österreichs Medien so gut aussieht
(moment.at, Tom Schaffer)
Wenn der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz auf Fotos eine gute Figur abgibt, liege dies oft an seinem Mitarbeiter, dem Fotografen Arno Melicharek, der seinen Chef und Auftraggeber geschickt in Szene setze. Und daran, dass Agenturen und Redaktionen die Bilder des Kanzleramts-Fotografen nur allzu gern übernähmen, weil es Geld und Aufwand spare: „Wohlgemerkt ist all das kein Fehler von Melicharek, sondern einer von weiten Teilen der österreichischen Medienlandschaft. Die hat nicht nur keine journalistischen FotografInnen mitgeschickt, keine vor Ort beauftragt und viel zu oft auch keine anderen Bilder von anderen Agenturen übernommen, sondern uns dann auch noch (einmal mehr) PR-Fotos als unabhängige Berichterstattung verkauft.“

2. „Bild“, „Welt“ und „FAZ“ brechen ein, „Zeit“ mit Rekord
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die Print-Auflagenentwicklung im zweiten Quartal dieses Jahres verlief einmal mehr unerfreulich für viele Verlage: Zum generellen Abwärtstrend sei bei manchen Titeln der coronabedingte Wegfall der „Bordexemplare“ hinzugekommen, die kostenfrei auf Flügen verteilt werden. Beim „Focus“ seien allein durch den „Bordexemplar“-Effekt über 65.000 Exemplare, nun ja, abhanden gekommen, was das gewaltige Auflagen-Minus von 30,5 Prozent zumindest teilweise erkläre. Auch die Auflagen von „Bild“, „Welt“ und „FAZ“ seien eingebrochen, während die „Zeit“ einen neuen Allzeit-Rekord aufgestellt habe.

3. Mehr als aus der Zeit gefallen
(deutschlandfunkkultur.de, Timo Grampes, Audio: 6:51 Minuten)
Bei Deutschlandfunk Kultur geht es um den ersten Kinofilm des Komikers Otto Waalkes aus dem Jahr 1985. „Otto – Der Film“ wirke „mehr als aus der Zeit gefallen“ und enthalte Szenen, die von vielen als rassistisch empfunden würden. Der Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist Joshua Kwesi Aikins erklärt, warum das so sei: „Rassismus soll und muss thematisiert werden. Er darf gerne auch persifliert werden, denn er ist ja nicht nur tödlich und gewaltvoll, sondern auch extrem lächerlich.“ Dies müsse jedoch passieren, ohne den Rassismus „einfach nur plump zu wiederholen“.

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4. Prozessauftakt gegen Stephan B. – Die Verantwortung der Medien
(mdr.de, Roland Jäger)
Gestern hat der Prozess gegen Stephan B. begonnen, der am ersten Prozesstag unter anderem den Anschlag auf eine Synagoge in Halle gestanden hat. Während andere Angeklagte die öffentliche Aufmerksamkeit eher scheuen, wolle der von rechtsextremen Gedanken getriebene B. mit vollem Namen genannt werden und dürfe gern unverpixelt gezeigt werden. Auf diese Selbstinszenierung und politische Vermarktung der Tat sollten sich die Medien nicht einlassen, findet Roland Jäger vom MDR: „Weil er diese Theorien und Einstellungen nach wie vor versucht weiterzutragen, dauert das Attentat an. Es liegt in der Verantwortung von uns Prozessberichterstattern, den Opfern und Betroffenen gerecht zu werden – und die Ansichten des Angeklagten nicht weiterzuverbreiten. Nur so kann das Attentat wirklich enden.“

5. RSF-Quartalsbericht: Hetze und Desinformation
(reporter-ohne-grenzen.de)
Dass Brasilien in der Rangliste der Pressefreiheit lediglich auf Platz 107 von 180 Staaten steht, hat laut Reporter ohne Grenzen mit dem sogenannten Bolsonaro-System zu tun: „Während Brasilien so schwer von der Corona-Krise getroffen ist wie kaum ein anderes Land der Welt, sehen sich Journalistinnen und Journalisten mit einer beispiellosen Welle des Hasses konfrontiert. Anfang des Jahres hetzte vor allem Präsident Jair Bolsonaro selbst gegen Medienschaffende, in den vergangenen drei Monaten taten sich vor allem seine Familie, seine engsten Regierungsmitglieder und seine treue Online-Anhängerschaft hervor.“

6. Sommerinterview mit Jörg Meuthen: So besser nicht
(ndr.de, Sebastian Friedrich)
„Das Sommerinterview mit Jörg Meuthen ist ein Lehrstück, wie man besser nicht mit einem AfD-Politiker spricht“, so Sebastian Friedrichs Urteil über das 25-minütige Gespräch der ARD mit dem Bundessprecher der AfD. Der Interviewer habe es Meuthen zu leicht gemacht, zu wenig nachgefasst und ihm altbekannte Zitate von Parteikollegen vorgelegt, die ihn zu wenig herausgefordert hätten.

Söder-Berichterstatter, Serienmüde, Gewaltfantasien des Kochbuchautors

1. Gegen die CSU hilft nur Ironie
(sueddeutsche.de, Roman Deininger)
„SZ“-Politik-Reporter Roman Deininger schreibt über seine langjährigen Erfahrungen als „Söder-Berichterstatter“, und das liest sich recht vergnüglich. In der anekdotischen Erzählung geht es auch um das wechselseitige Abhängigkeitsverhältnis von Journalismus und Politik: „Der Corona-Krisenmanager Söder braucht Journalisten, damit sie darüber berichten, wie er in einer Logistikhalle bei München Berge von Klopapier inspiziert. Die Journalisten brauchen Söder, um ihm in geilen Texten vorwerfen zu können, wie plump die Nummer mit dem Klopapier ist.“

2. Medienrechtler Schulz: „Man muss sich empören“
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 6:05 Minuten)
Der Kochbuchautor Attila Hildmann ist mitsamt seinen verqueren Weltansichten und seinem wirren Verschwörungsgerede einerseits nicht ernst zu nehmen, andererseits folgen ihm bei Telegram mehr als 60.000 Menschen, die erleben, wie Hildmann Menschen offen bedroht, dabei jedoch geschickt im Konjunktivischen bleibt. Wegen Hildmanns öffentlich geäußerter Gewaltfantasien gebe es bereits mehr als 1000 Anzeigen, doch die Äußerungen seien oft von der Meinungsfreiheit gedeckt, so der Medienrechtler Wolfang Schulz: „Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, gerade in solchen Fällen, wo sie schwer auszuhalten ist.“

3. Welche Medien nachhaltig vom Corona-Peak profitieren
(blog.medientage.de, Petra Schwegler)
Die Unternehmensberater von Deloitte haben deutsche Konsumentinnen und Konsumenten zu ihrem derzeitigen Mediennutzungsverhalten interviewt. Petra Schwegler fasst die Ergebnisse zusammen: Print und Radio seien nach wie vor unter Druck, aber die Zahlungsbereitschaft für digitale Premiuminhalte sei in der Pandemie gestiegen. 14 Prozent der Befragten hätten seit dem Lockdown neue Bezahlabonnements abgeschlossen.

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4. Edit Policy: PimEyes & Gesichtserkennung in Europa – wo bleibt der Aufschrei?
(heise.de, Julia Reda)
Julia Reda beklagt die sich rasant ausbreitende automatische Gesichtserkennung in Europa und Deutschland und sieht darin eine Bedrohung der Grundrechte. In den USA sei die Technologie zwar weiter fortgeschritten, doch der Widerstand von Zivilgesellschaft und Wissenschaft sei erheblich größer: „Dieses Engagement brauchen wir auch in Deutschland und Europa, um der rasanten Ausbreitung und Normalisierung von Gesichtserkennung etwas entgegenzusetzen.“

5. Christian Lindner: Brauchen wir wirklich noch Newsrooms?
(kress.de, Christian Lindner)
Medienberater Christian Lindner wirbt bei den Chefredaktionen und Verlagsleitungen für neue Arbeitsmodelle und Arbeitszeitmodelle: „Letztlich wird künftig mit jedem Kollegen auszuloten und maßzuschneidern sein, was für seine Tätigkeit und sein Leben ebenso wie für das Haus die optimale Variante ist. Arbeitszeiten, Anwesenheit, Anbindung, Arbeitsplatz, atmende Modelle: Alles wird flexibler, fluider, fantasievoller als vor Corona sein. Und die Erwartung der Mitarbeiter, dass ihre Chefetagen Vielfalt ermöglichen und aushalten, wird steigen.“

6. Der Siegeszug der Serien hat die Serien ruiniert
(uebermedien.de, Stefan Stuckmann)
Jetzt frei abrufbar auch für Nicht-Abonnenten: Stefan Stuckmanns lesenswerter Essay über Seriensucht und Serienmüdigkeit. Stuckmann ist selbst Fernsehautor („Switch Reloaded“, „Pastewka“, „heute-show“, „Kroymann“) und hat anderthalb Jahrzehnte alles weggebinget, was ihm auf den Bildschirm kam. Doch die Begeisterung weicht der Ernüchterung: „Das Bingen lässt uns genau jener Ungewissheit ausweichen, die gute Literatur und gute Geschichten überhaupt oft ausmachen. Netflix und all die anderen Streamer sind ein bisschen wie der nette Onkel oder die nette Tante, bei denen zuhause man so viel Schokolade essen darf wie physisch möglich – nur um ein paar Stunden später mit Bauchschmerzen aufzuwachen und dem festen Vorsatz, nie, nie wieder Schokolade zu essen.“

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