Archiv für Dezember, 2019

BILDblog hält Winterschlaf


Liebe Leserinnen und Leser,

wir verabschieden uns für den Rest des Jahres in die Winterpause — Anfang Januar sind wir wieder da. Euch und Euren Familien wünschen wir frohe Weihnachten, eine paar schöne, ruhige Tage und einen guten Start ins neue Jahr! Schön, dass ihr im vergangenen dabei wart.

Besonders möchten wir all jenen danken, die uns mit sachdienlichen Hinweisen versorgt haben. Wir haben unser Bestes gegeben, möglichst vielen davon nachzugehen. Alle haben wir nicht geschafft, aber ein paar sind es ja doch geworden.

Ebenfalls ein großes Dankeschön an all die tollen Menschen, die uns in den vergangenen zwölf Monaten finanziell unterstützt haben! Ihr habt dafür gesorgt, dass es das BILDblog auch im 15. Jahr geben konnte. Das macht uns sehr glücklich. Und wir können Euch versichern: Wir machen weiter! Wer von Euch noch nicht als Unterstützerin oder Unterstützer dabei ist, aber gern dabei sein möchte, kann hier mal nachschauen, wie das geht (wir verraten schon mal jetzt: ganz einfach und auf vielfältige Weise!).

Bringt Julian Reichelt die Familien der TV-Köche in Gefahr?

Screenshot Bild.de - Deutschlands Topf-Verdiener - Wie viel unsere TV-Köche absahnen

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Bei dieser wortspielreichen Geschichte von „Bild“ und Bild.de müssten bei Chefredakteur Julian Reichelt eigentlich alle Alarmglocken läuten. Denn nach dessen Logik bringt die öffentliche Schätzung des Gehalts einer Person ja deren Familie in Gefahr — zumindest sieht es Reichelt so, wenn es um ihn selbst geht. Bekanntermaßen wollte er nicht, dass sein Einkommen geschätzt wird, als das Medienmagazin „kress pro“ zu Gehältern von Chefredakteuren recherchierte.

Allerdings scheint Julian Reichelt nur bei sich selbst so strikt sein zu wollen, auf jeden Fall nicht bei Fernsehköchen. Und so sind laut der Reicheltschen Logik nun Tim Mälzers, Frank Rosins und Jamie Olivers Familien in Gefahr.

Ein Glück, dass die „Bild“-Medien nur bei den dreien in der Lage waren, Gehalt beziehungsweise Vermögen zu recherchieren. Alle anderen Zahlen, die die Redaktion nennt, sind lediglich vage Schätzungen von Gagen. Die Familien der restlichen Fernsehköche, die sich „reich gekocht“ haben, wie „Bild“ schreibt, können also erstmal aufatmen.

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an Tony und @8menschlich für die Hinweise!

Fehlerkultur: Was Redaktionen von Piloten lernen können

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute der letzte Teil: Fehlerkultur und Korrekturen.

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Als Volontär habe ich von einem Kollegen den Satz gelernt: „Wir korrigieren nur, wenn einer anruft.“ Ich hatte einen Fehler gemacht und jemanden gefragt, wie ich damit am besten umgehe. Dass man auf einen Fehler reagieren musste, kam selten vor, aber auch dann gab es noch mehrere Möglichkeiten, eine unangenehme Korrektur zu umgehen. Man sagte zum Beispiel: „Wir berichten morgen noch mal, und dann steht’s ja richtig in der Zeitung.“ Natürlich erwähnte man dann am darauffolgenden Tag nicht, dass man zuvor einen Fehler gemacht hatte. Und das tat man auch dann nicht, wenn jemand anrief, der fand, da sei ja nun einiges durcheinander geraten. Dann konnte man sagen: „Wir kommen einfach zu Ihnen und machen die Geschichte noch mal aus Ihrer Perspektive.“

Führte wirklich kein Weg an einer Korrektur vorbei, bot sich immer noch die Formulierung „aufgrund eines technischen Fehlers“ an.

Fairerweise muss man sagen: Das war vor 15 Jahren, und es gingen nicht alle so vor. Allerdings scheint dieser Umgang mit Fehlern heute immer noch recht üblich zu sein. Auch bei großen Medien sind die Auffassungen darüber, was man tun sollte, wenn Fehler passiert sind, sehr verschieden. In dem im Mai erschienenen Abschlussbericht (PDF) nach dem Betrugsfall Relotius schreibt die vom „Spiegel“ eingesetzte Kommission:

Die Meinung darüber, ob Fehler in Texten im Nachhinein korrigiert werden sollen, gehen weit auseinander. Im Gegensatz zu SPIEGEL ONLINE, wo sich klare Regeln zum Umgang mit Fehlern entwickelt haben, gilt das fürs Heft nicht. Es existiert sowohl die Auffassung, Fehler sollten gar nicht erwähnt werden, als auch, jeder Fehler sollte korrigiert werden.

Der „Spiegel“ ist damit nicht allein. In vielen Online-Medien hat sich zwar die Praxis etabliert, Fehler nicht nur richtigzustellen, sondern die Korrekturen auch transparent zu machen. Aber in Print-Produkten sind Korrekturmeldungen weiterhin eher die Ausnahme.

Auch international gibt es große Unterschiede. Der Journalistik-Professor Stephan Russ-Mohl schreibt in seinem Buch „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“:

In Amerika besteht seit langem ein Konsens, dass Fehler korrekturbedürftig sind und es der Glaubwürdigkeit von Redaktionen aufhilft, wenn sie diese freiwillig berichtigen. (…) Die grundsätzliche Bereitschaft, amerikanischer Nachrichtenmedien, Fehler zu berichtigen, hebt sich wohltuend von den Vertuschungsmanövern und vom Beschweigen der eigenen Unzulänglichkeiten in Europa ab.

Die „New York Times“ etwa zeigt auf ihrer Website in einer Übersicht, welche Artikel online korrigiert worden sind. Am 8. Juni dieses Jahres, als ich diesen Text geschrieben habe, waren es fünf, am 7. Juni waren es sieben, am 6. Juni waren es 15. In derselben Rubrik sind auch die richtiggestellten Fehler aus der gedruckten Zeitung zu finden. Hier waren es am 8. Juni sieben, am 7. Juni elf und am 6. Juni acht.

In der „FAZ“ habe ich zwischen dem 6. und 8. Juni eine einzige Fehlerkorrektur gefunden: Am 6. Juni berichtigte die Redaktion in ihrem Regionalteil auf Seite 30 eine Zahl.

Ausriss aus der FAZ - Korrektur - Die Facebook-Seite der hessischen CDU hat das 12.000 Abonnenten und nicht, wie in der Mittwochausgabe irrtümlich berichtet, 1200. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die erkennbaren Unterschiede zwischen Online- und Print-Medien innerhalb Deutschlands deuten darauf hin, dass kulturelle Unterschiede zwischen den USA und Europa nur ein Teil der Erklärung sind. Offenbar spielt auch die Kultur innerhalb einer Redaktion eine wichtige Rolle.

Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Je seltener eine Redaktion korrigiert, desto schmerzhafter wird die Berichtigung für die einzelnen Journalistinnen und Journalisten. Die Fehlerforscher Scott Maier und Colin Porlezza beschreiben die Situation als ein Gefangenendilemma:

Journalisten, die ihre Fehler gewissenhaft korrigieren, erscheinen weniger genau als ihre Kollegen, die ihre Fehler nicht eingestehen und keine Korrekturen vornehmen.

Eines wird sich allerdings nicht ändern lassen: Korrekturen werden für Einzelne auch dann unangenehm bleiben, wenn sie regelmäßig vorkommen. Für Redaktionen kann das sogar ein Vorteil sein, denn es steigert den Anreiz, sorgfältig zu arbeiten. Regelmäßige Korrekturen verhindern allerdings nicht, dass Journalistinnen und Journalisten ihre eigenen Fehler vertuschen. Das passiert schnell, wenn das Ziel ist, Fehler um jeden Preis zu vermeiden. Peter Klaus Brandl schreibt in seinem Buch „Crash-Kommunikation“:

Eine fehlerfeindliche Kultur geht davon aus, dass Fehler nicht sein dürfen und um jeden Preis verhindert werden müssen. Sie ignoriert damit schlicht die menschliche Fehlbarkeit. Das führt zum Vertuschen und Verschweigen von Fehlern

Im Journalismus sind die Folgen von vertuschten Fehlern oft überschaubar. Deswegen hat die Fehlerkultur in der Regel keine besonders hohe Priorität. In der Luftfahrt ist das anders. Dort ist man sehr viel weiter.

Eine wichtige Rolle spielt die Hierarchie. Angenommen im Cockpit sitzen zwei Piloten, ein sehr junger und ein erfahrener. Fragt man Menschen, was sie für sicherer halten — wenn der junge Pilot fliegt, und der erfahrene als Co-Pilot danebensitzt, oder umgekehrt –, antworten die meisten: Besser ist, wenn der erfahrene Pilot fliegt.

Tatsächlich ist es umgekehrt. Denn der Co-Pilot hat unter anderem die Aufgabe einzugreifen, wenn der Pilot einen Fehler macht. Der erfahrene Pilot wird nicht lange zögern, den jungen Kollegen auf einen Fehler aufmerksam zu machen, der jüngere Kollege umgekehrt vielleicht schon.

Auf den Journalismus übertragen bedeutet das: Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter es nicht wagen, ihre Chefs zu kritisieren, und diese die wichtigsten Aufgaben dazu noch gern selbst übernehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit von Fehlern enorm. Leider ist beides oft gleichzeitig der Fall.

Wie Chefs sich richtig verhalten, um eine solche Situation zu verhindern, beschreibt Jan Hagen, Professor an der privaten Hochschule ESMT in Berlin. Er erforscht das Fehlermanagement in der Luftfahrt. Und was er über Piloten sagt, lässt sich so auch auf Redaktionsleiterinnen oder Chefredakteure übertragen:

Der Kapitän darf zum Beispiel nicht zu dominant sein, muss sich ein Stück zurücknehmen. Er soll den Informationsfluss managen und nicht derjenige sein, von dem der Informationsfluss ausgeht. Es ist nicht der Pilot gut, der viele Befehle gibt und Situationen schnell analysiert, sondern der, der viel fragt, viel Input einfordert und dann entscheidet. Ein weiteres wichtiges Instrument: Fehler sollten nicht bestraft werden.

Die ideale Fehlerkultur beschreibt Peter Klaus Brandl so:

Eine positive Fehlerkultur (Non-Blaming-Culture) setzt eine Unternehmenskultur voraus, die von Offenheit, Fairness und gegenseitigem Respekt geprägt ist. Und die akzeptiert, dass Fehler zum Arbeitsalltag dazugehören.

Eine Besonderheit im Journalismus ist, dass der Begriff „Nestbeschmutzer“ weit verbreitet ist. Es gilt als verpönt, Kolleginnen oder Kollegen zu kritisieren. Das ist ein Ergebnis des Abschlussberichts der Relotius-Kommission, und auch Medienforscher beschreiben das immer wieder.

Hans Mathias Kepplinger berichtet in seinem Buch „Totschweigen und Skandalisieren – was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken“ über eine Befragung von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Journalisten, in der es um die Frage ging, ob man Kolleginnen und Kollegen namentlich nennen sollte, die einen gravierenden Fehler gemacht haben. 48 Prozent der Ingenieure sagten: Ja, das wäre in dem konkreten Fall angebracht. Aber nur 19 Prozent der Journalisten sahen das so. In einem Vergleich zwischen Journalisten und Wissenschaftlern zu einem anderen Fehlverhalten waren nur 5 Prozent der Journalisten dafür, Namen von Kolleginnen und Kollegen zu nennen, aber 61 Prozent der Wissenschaftler.

Diese Kultur ist im Journalismus anscheinend tief verwurzelt. Und das verstärkt das Problem. Kepplinger schreibt:

Journalisten schweigen zu Fehlern von Journalisten (…) vermutlich auch deshalb, weil das berufliche Umfeld dafür [Kollegenkritik] kein Verständnis hätte.

Im Umgang mit eigenen Fehlern offenbaren Journalistinnen und Journalisten ihr Selbstverständnis — und damit eben unter Umständen, dass dies nicht mehr ganz aktuell ist. Als das Internet im Journalismus noch keine Bedeutung hatte, und die Rollen klar in die der Sender (Journalisten) und die der Empfänger (Publikum) verteilt waren, bestand noch nicht die Notwendigkeit, auf Fehler zu reagieren. Man warf den Leserbrief einfach in den Müll. Damit war die Sache erledigt. Heute kann sich so etwas schnell zu einem Flächenbrand auswachsen. Aber viele Journalistinnen und Journalisten sind mit der veränderten Situation noch immer nicht vertraut.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beschreibt das in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ so:

In der redaktionellen Gesellschaft der Zukunft müssen Journalistinnen und Journalisten ihr Verhältnis zum aktiv und medienmächtig gewordenen Publikum grundsätzlich überdenken, dieses anders entwerfen, sich von der arroganten Simulation von Allwissenheit, der Rolle des Predigers, des Pädagogen und Wahrheitsverkünders verabschieden, zum Zuhörer und Moderator und gleichberechtigten Diskurspartner werden.

Heute können Journalistinnen und Journalisten einen Leserbrief nicht mehr in den Müll werfen, und dann ist Ruhe, weil sie gar nicht mehr gebraucht werden, um Dinge öffentlich zu machen. Wo nun jeder Publizist sein kann, werden sie gebraucht, um Informationen zu beschaffen, alles zusammenzutragen und zu bewerten, aber dann nicht mehr wie früher ein fertiges Produkt hinzustellen, an dem sich nur noch dann etwas ändert, wenn eine Korrektur sich nicht vermeiden lässt. In dieser veränderten Welt beginnt mit der Veröffentlichung eine neue Phase.

Der „kategorische Imperativ eines in dieser Weise verwandelten Journalismus“ ist laut Bernhard Pörksen: „Begreife die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoß von Dialog und Diskurs.“

Damit verändert sich auch das Verständnis des journalistischen Produkts fundamental. Journalistinnen und Journalisten können nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, in der Lage zu sein, die komplizierte Welt auf Anhieb umfassend darzustellen. Sie versuchen im Idealfall, sich mit einer immer genauer werdenden Beschreibung der Wirklichkeit langsam zu nähern. In diesem Prozess sind Ergänzungen und Korrekturen kein peinliches Eingeständnis von dummen Fehlleistungen, sondern notwendige Schritte, um dem Ziel näher zu kommen, ein vollständiges Bild zu liefern.

David Broder, langjähriger Kolumnist der „Washington Post“, formulierte diesen Gedanken schon im Jahr 1987. Es geht um den Slogan der „New York Times“, der das Selbstverständnis der Zeitung zum Ausdruck bringt: „All the news that’s fit to print“ (laut Wikipedia in etwa: „Alle Nachrichten, die es wert sind, gedruckt zu werden.“). Broder sagte:

Statt den Menschen „All the News That’s Fit to Print“ zu versprechen, würde ich mir wünschen, dass wir immer wieder betonen: Die Zeitung ist eine teils hastige, unvollständige, unvermeidlich fehlerhafte und ungenaue Wiedergabe einiger der Dinge, von denen wir in den letzten 24 Stunden gehört haben. Wenn wir die Zeitung mit einem korrekten Label versehen würden, würden wir hinzufügen: „Aber es ist das Beste, was wir unter den gegebenen Umständen machen können, und morgen bringen wir eine korrigierte und aktualisierte Version.“

Alan Rusbridger, der ehemalige Chefredakteur des „Guardian“, zitiert Broder in seinem Buch „Breaking News – The Remaking of Journalism and why it matters now“. Über 30 Jahre nach Broders Aussage haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Heute geht es nicht mehr nur um die Zeitung, und es dauert auch keinen ganzen Tag mehr bis zur nächsten Aktualisierung. Aber das alte Ideal des auf Anhieb allumfassend erklärenden journalistischen Beitrags hält sich noch immer. Rusbridger schlägt vor, journalistische Stücke nicht mehr als Werk zu verstehen, „das so bleibt, wie es geschaffen wurde“, sondern die „Bereitschaft zur Korrektur zu einem wesentlichen Instrument des Journalismus zu machen“. Die Korrektur oder Ergänzung wäre dann nicht mehr ein Makel, sondern der Hinweis darauf, dass man der Wahrheit noch etwas näher gekommen ist. Bliebe die Frage, ob das möglich ist. Alan Rusbridger schreibt, sein Instinkt sage ihm, „diese Art von Veränderung“ sei „wahrscheinlich unvermeidlich“.

Korrektur, 11:27 Uhr: Anschauungsmaterial in eigener Sache: In einer ersten Version dieses Textes befand sich ein Absatz, in dem stand, dass es so aussehe, als habe die „FAZ“ in ihrer Korrektur versucht, eine falsche Angabe zu einem Vertipper herunterzuspielen. Wir hatten dabei allerdings Abonnenten- und „Gefällt mir“-Angaben verwechselt — und dadurch selbst einen Fehler produziert. Wir bitten, dies zu entschuldigen. Den Absatz mit dem Fehler haben wir gelöscht.

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Teil 1 unserer „Kleinen Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier, Teil 5 hier, Teil 6 hier und Teil 7 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Die besten Hör-, Lese- und Sehtipps aus den Redaktionen

Das „6 vor 9“-Jahr nähert sich dem Ende, die Feiertage stehen vor der Tür. Für viele von Euch die Gelegenheit, sich mit einem guten Buch aufs Sofa zurückzuziehen, Podcasts zu hören oder den Streamingdienst der Wahl leer zu „bingen“. Das Angebot ist riesig, doch was lohnt? In dieser Ausgabe der „6 vor 9“ geht es um die besten Hör-, Lese- und Sehtipps aus den Redaktionen. Wir wünschen viel Spaß und eine unterhaltsame und/oder erkenntnisreiche Zeit!

1. Die Redaktion empfiehlt: 17 Hör- und Lesetipps
(mediummagazin.de)
„Medium“, das Magazin für Journalistinnen und Journalisten, präsentiert zum Ende des Jahres 17 Hör- und Lesetipps. Im weitesten Sinne haben alle Empfehlungen etwas mit Medien zu tun, aber durchaus auf unterhaltsame Art und Weise. Der Blick auf die Zusammenstellung lohnt.

2. Hören, Sehen, Lesen – Tipps für die Feiertage
(deutschlandfunknova.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 41:05 Minuten)
Die „Was mit Medien“-Podcaster Daniel Fiene und Sebastian Pähler haben ein Dutzend Medienmacher und Medienmacherinnen nach ihren Empfehlungen für die Feiertage gefragt: „Welche Podcast-Episoden lohnen sich? Welche Zeitschrift sollte man mal durchblättern? Welche Streaming-Serie eignet sich zum Bingen zwischen den Jahren?“ Interessante Tipps von interessanten Leuten.

3. Lesen, schmökern, wälzen und – lauschen
(tagesanzeiger.ch)
Das Ressort „Wissen“ des Schweizer „Tagesanzeigers“ empfiehlt 19 spannende Sachbücher. Die Themen sind breit gestreut: Von „mörderischen Bäumen und verheerenden Bränden“ sowie den „Gesetzen der Physik als Gutenachtgeschichte“ bis hin zum „Geheimnis der 100-Jährigen“.

4. Kinder- und Jugendbücher für den Gabentisch
(deutschlandfunk.de, Ute Wegmann & Dina Netz & Tanya Lieske & Jan Drees, Audio: 24:36 Minuten)
Welche Kinder- und Jugendbücher eignen sich für den Gabentisch? Das Redaktionsteam der „Bücher für junge Leser“ hat auf den letzten Drücker noch ein paar Geschenktipps zu Weihnachten. Wer es nicht mehr schafft, sich die Sendung anzuhören: Auf der oben verlinkten Webseite sind die Buchtipps samt Mini-Rezensionen übersichtlich aufgelistet.
Weiterer Lesetipp: „Diese Kinderbücher empfehlen SPIEGEL-Redakteure“.

5. SJ-Podcast: Die besten neuen Serien 2019, Trends, Tipps und mehr
(serienjunkies.de, Audio: 1:31:29 Stunden)
Die „Serienjunkies“ werfen in ihrem Podcast einen Blick auf die besten neuen Serien des vergangenen Jahres: „Was waren die neuen Top-Serien 2019? Welche Trends konnte man beobachten, was war besonders auffällig und wie wird es in der Welt der Serien weitergehen?“

6. Diese Filme lohnen sich bei Amazon und Netflix
(spiegel.de, Oliver Kaever)
An den Feiertagen und zwischen den Jahren kann man endlich guten Gewissens vor dem Fernseher oder Laptop abhängen und einen Film nach dem anderen weggucken. Oliver Kaever hat sich bei Netflix und Amazon Prime nach geeignetem Futter umgeschaut.
Weiterer Lesetipp: Das sind die schlimm-besten Weihnachtsfilme zum Streamen (jetzt.de, Lena Mändlen)
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7. Adventskalender 2019: Die Weihnachtsgeschichte, neu erzählt
(uebermedien.de, Lorenz Meyer)
Außer Konkurrenz, weil vom „6 vor 9“-Kurator selbst, der Hinweis auf den „Übermedien“-Adventskalender. Dort gibt es jeden Tag die Weihnachtsgeschichte aus der Sicht einer anderen Medienpersönlichkeit — von Mario Barth, Franz Josef Wagner, Udo Lindenberg, Ina Müller bis hin zu Gabor Steingart und Markus Lanz. Und wer einen guten Sachtext zum Journalismus lesen will, sei an unsere achtteilige BILDblog-Serie „Kleine Wissenschaft des Fehlers“ von Ralf Heimann verwiesen. Gestern ging es dort zum Beispiel um das Zeugenproblem: Die Erinnerung ist eine Wikipedia-Seite.

Das Zeugenproblem: Die Erinnerung ist eine Wikipedia-Seite

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 7: unzuverlässige Zeugen.

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Wenn Menschen Zeuge eines Unfalls werden, passiert es danach erstaunlich oft, dass sie in ihrer Aussage bei der Polizei angeben, sie hätten erst einen Knall gehört und sich dann umgedreht. Trotzdem sind sie fest davon überzeugt, den Unfall beobachtet zu haben. In der Rechtssprache nennt man diese Menschen Knallzeugen. Das Phänomen beobachtet man auch bei Raubüberfällen, wenn geschossen wurde. Menschen glauben, sie könnten ihrer Erinnerung vertrauen, doch in Wirklichkeit war alles ganz anders.

Auch Journalistinnen und Journalisten haben mit diesen Menschen zu tun. Es kann sein, dass sie gründlich recherchiert und mit mehreren Zeugen oder Zeuginnen gesprochen haben, aber die Informationen, die sie erhalten haben, trotzdem falsch sind. Hinzukommt: Sie selbst sind natürlich kein Stück besser. Auch Journalistinnen und Journalisten verlassen sich auf ihre Erinnerung, obwohl das sehr oft keine gute Idee ist.

Eine beliebte Übung in Reportage-Seminaren ist, allen Teilnehmenden eine Szene vorzuführen oder erleben zu lassen und ihnen im Anschluss die Aufgaben zu geben, die Szene zu beschreiben. Das Ergebnis ist üblicherweise: Alle Beschreibungen fallen völlig unterschiedlich aus. Das liegt nicht nur an Erinnerungsverzerrungen, sondern auch daran, wohin Menschen ihre Aufmerksamkeit lenken und was sie mit dem Gesehenen verbinden.

Die 3Sat-Wissenschaftssendung „Nano“ hat für einen Beitrag in einem Experiment die Zuverlässigkeit von Zeuginnen und Zeugen untersucht. Zehn Menschen erlebten einen inszenierten Überfall. Danach sollten sie versuchen, sich an den Täter zu erinnern und ihn zu beschreiben. Der Überfall hatte direkt vor ihren Augen stattgefunden. Trotzdem lagen die Altersangaben der Zeuginnen und Zeugen um bis zu 30 Jahre auseinander. Auf Fotos konnte nur die Hälfte den Mann identifizieren.

In dem Beitrag kommt auch der Gedächtnisforscher und Gerichtsgutachter Hans Markowitsch zu Wort. Er sagt: „Stresshormone […] führen dazu, dass man auch seine Wahrnehmung sehr eng ausrichtet, und alles in der Peripherie wird mehr oder minder ausgeblendet.“ Etwa die Hälfte aller Aussagen vor Gericht seien weit von der Wahrheit entfernt.

Ein großes Missverständnis ist, dass viele Menschen denken, dass das Gedächtnis wie eine Speicherkarte funktioniert. Die us-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus vergleicht es in ihrem TED-Vortrag „How reliable is your memory?“ mit einer Wikipedia-Seite: „Du kannst dort hineingehen und es verändern. Und andere können das auch“, sagt sie.

Der Rechtspsychologin Julia Shaw ist es in einem Experiment gelungen, 70 Prozent der Probandinnen und Probanden falsche Erinnerungen einzupflanzen und sie davon zu überzeugen, dass sie eine Straftat begangen haben. Die Menschen erinnerten sich anschließend in einer großen Detailtreue. Sie konnten ihre Emotionen exakt beschreiben. Und die Erinnerungen ließen sich auch danach noch umprogrammieren. „Wir müssen wissen, dass mehrere Befragungen auch dazu führen können, dass Täter mehr Missinformationen mit einbauen in ihr Erinnern“, sagt Shaw in einem Beitrag des ARD-Wissenschaftsmagazins „Planet Wissen“. Und das ist auch für die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten von Bedeutung.

Augenzeugen müssen häufig einen ganzen Interview-Marathon absolvieren. Wenn Journalistinnen und Journalisten Gesprächspartner brauchen, nehmen sie oft die, von denen sie wissen, dass diese bereit sind, etwas zu sagen, weil sie auch schon mit Kolleginnen oder Kollegen gesprochen haben. Aber es kann sein, dass die Befragten beim fünften oder siebten oder zehnten Interview schon eine leicht veränderte Geschichte erzählen: „Je öfter man jemanden befragt, desto mehr kann sich das Erinnern verändern“, sagt Julia Shaw. Jedes erneute Erzählen und jede Suggestivfrage können die Erinnerung formen und Details zu einem festen Bestandteil einer Erzählung werden lassen, obwohl die Befragten sich anfangs gar nicht so sicher waren.

Wie leicht sich die Erinnerung durch Fragen in eine Richtung lenken lässt, zeigt zum Beispiel der Priming-Effekt*: Ein Reiz löst bestimmte Assoziationen aus. Das lenkt das Denken — und sogar das Verhalten. Der Psychologe Daniel Kahneman beschreibt diese Effekte in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“.

Studien zeigen: Menschen, die mit Begriffen konfrontiert werden, die mit dem Altern zu tun haben, bewegen sich danach langsamer. Und der Effekt funktioniert auch umgekehrt: Menschen, die aufgefordert werden, langsam zu laufen, erkennen Wörter, die mit dem Altern zu tun haben, sehr viel schneller wieder.

Der jeweilige Reiz kann ein Bild oder ein Geruch sein, aber eben auch Fragen. Beantworte zum Beispiel im Kopf diese Fragen:

  • Welche Farbe hat der Kittel eines Arztes?
  • Welche Farbe haben Wolken?
  • Welche Farbe hat Schnee?
  • Was trinkt die Kuh?

Bei der vierten Frage denken viele Menschen zuallererst an Milch, obwohl die richtige Antwort natürlich wäre: Wasser.

Auf diese Weise können Fragen von Journalistinnen und Journalisten Einfluss darauf nehmen, wie Befragte sich erinnern. Und natürlich betrifft der Effekt die Journalistinnen und Journalisten auch selbst.

Eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie sehr uns unser Gehirn in die Irre führen kann, ist dieser Aufmerksamkeitstest (Achtung, leichter Spoiler!): Man sieht ein schwarz gekleidetes Team und ein weiß gekleidetes Team, die sich Bälle hin und her werfen. Man soll die Pässe zählen. Doch wenn man das macht, übersieht man schnell ein wichtiges Detail. Das Video ist ein Beispiel für das Phänomen der selektiven Wahrnehmung.

Menschen sehen nur das, was sie suchen. Im Journalismus kann das zu falschen Darstellungen führen — meist mit nicht besonders dramatischen Folgen. In anderen Berufen steht sehr viel mehr auf dem Spiel: In dem Buch „Crash-Kommunikation: Warum Piloten versagen und Manager Fehler machen“ beschreibt Peter Klaus Brandl den Hergang eines Flugzeugabsturzes in Spanien im Jahr 2008. Eine Maschine war wenige Kilometer von Madrid entfernt kurz nach dem Start in ein Flusstal gestürzt. Die Absturzursache, wie Experten später feststellten: Die Crew hatte vergessen, die Landeklappen auszufahren. Eigentlich im Cockpit eine absolute Selbstverständlichkeit, laut Brandl „so selbstverständlich wie Schuhe anziehen“.

Wie das passieren konnte? Die Crew hatte schon einen Startversuch abbrechen müssen**. Beim zweiten Mal versäumte sie, wie das Luftfahrtmagazin „Austrianwings“ schreibt, mehrere Routine-Schritte. Ein defektes Alarmsystem machte sie nicht auf den Fehler aufmerksam. Das alles passierte unter großem Stress. Ein weiterer Abbruch hätte sie Stunden gekostet.

Im Journalismus gehen Stresssituationen in der Regel viel glimpflicher aus, aber auch dort führen sie dazu, dass Dinge übersehen werden — nicht nur bei der Aufnahme von Informationen, auch danach noch. Etwa beim Redigieren von Texten. Wer Grammatik- oder Rechtschreibfehler finden möchte, übersieht unter Umständen, wenn etwas inhaltlich nicht stimmt. Und das ist oft die Erklärung, wenn die Frage gestellt wird: Wie kann das denn passieren — das haben doch drei Leute gelesen?

Aber auch auf der Suche nach Rechtschreibfehlern kann vieles schiefgehen, weil das Gehirn es sich leicht macht und nach Mustern sucht. Deswegen können Menschen Sätze lesen, in denen zwar alle Buchstaben vorhanden sind, aber nur der erste und der letzte Buchstabe bei jedem Wort an der richtigen Stelle stehen.

Aslo ugneähfr so.

Das bewirkt allerdings nicht nur, dass Menschen Wörter lesen können, die falsch geschrieben sind, sondern eben auch, dass sie beim Redigieren falsche Wörter übersehen. Genau das dürfte hier passiert sein:

Ausriss eines Zeitungsartikels - Ein Anwohner hatte gegen 12 Uhr einen Knall

Ein anderer typischer Fehler ist, Texte zwar sorgsam auf inhaltliche und grammatikalische Fehler zu durchsuchen, aber den Blick fürs Ganze zu verlieren. Wenn man Pech hat, sieht das dann so aus:

Ausriss eines Zeitungsartikels - Pferdetourismus in Planung - dazu ein Foto einer Schafsherde

Aber was kann man dagegen tun?

Um sich nicht von der eigenen Erinnerung täuschen zu lassen, sind genaue Aufzeichnungen unglaublich hilfreich. Das ist eine banale Erkenntnis, die es aber noch immer nicht in alle Redaktionen geschafft hat. Telefoninterviews nur mit dem Stift mitzuschreiben oder sich darauf zu verlassen, dass man sich an ein Zitat später schon irgendwie erinnern wird, ist weit verbreitet und eigentlich immer eine schlechte Idee, wenn es darum geht, Fehler zu vermeiden.

Gegen Erinnerungsverzerrungen bei Gesprächspartnern kann man sich nur schützen, indem man die Informationen prüft. Aber das ist nicht immer möglich. Es kann aber sinnvoll sein, sich die gleiche Sache noch mal von einer anderen Person erzählen zu lassen, auch wenn man denkt, man habe doch schon alles erfahren.

Eine unscheinbare, ziemlich langweilig klingende, aber überraschend wirkungsvolle Methode, um Gedächtnisfehler zu vermeiden, ist die Checkliste. Mit ihr lassen sich Text-Bild-Scheren, Fehler in Überschriften oder Bildunterschriften in vielen Fällen vermeiden. Und wirklich nützlich wird die Checkliste, wenn man das Gefühl hat, dass man sie eigentlich nicht mehr braucht. Denn neben dem Gedächtnis ist eine weitere mindestens ebenso unangenehme Fehlerquelle: die Routine.

*Nachtrag, 23. Dezember: Zwei Leser haben uns darauf hingewiesen, dass neue Studien die in Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ dargestellten und hier oben beschriebenen Forschungsergebnisse zum „Priming“ so nicht bestätigen. Eine dieser Studien findet man hier. Ein vor knapp zwei Wochen erschienener Beitrag in der Fachzeitschrift „Nature“ fasst den aktuellen Stand der Debatte zusammen. Herzlichen Dank für die Hinweise an Simon B. und Frank R.!

**Korrektur, 23. Dezember: Ein Leser hat uns darauf hingewiesen, dass die Darstellung des Flugzeugabsturzes in dem Buch „Crash-Kommunikation: Warum Piloten versagen und Manager Fehler machen“, die wir weiter oben zusammengefasst haben, nicht ganz richtig ist: Laut dem im Luftfahrtmagazin „Austrianwings“ dargestellten abschließenden Untersuchungsbericht ereignete sich der Absturz nicht beim dritten, sondern beim zweiten Startversuch. Und eine Ungenauigkeit in unserer Darstellung: Die Piloten übersahen keine Warnleuchte, sie versäumten eine Kontrolle. Eine Alarmvorrichtung machte sie nicht darauf aufmerksam, weil sie defekt war. Wir haben das korrigiert. Herzlichen Dank an Harald S. für den Hinweis!

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Teil 1 unserer „Kleinen Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier, Teil 5 hier und Teil 6 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Storydenken: Das Format formt die Wirklichkeit

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 6: Storydenken.

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Im Jahr 1944 veröffentlichten die österreichischen Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel eine etwas mehr als eine Minute lange Animation, die zwei Dreiecke und einen Punkt zeigen. Die Formen bewegen sich innerhalb und außerhalb eines Rechtecks. Probandinnen und Probanden bekamen die Aufgaben, sich die Szene anzusehen und sie zu beschreiben.

Einige von ihnen schilderten eine Verfolgungsjagd, andere eine Eifersuchtsszene. In den Dreiecken und dem Punkt sahen sie häufig zwei Männer und ein Frau. Das Quadrat stellten sie sich als Haus vor. Sie machten sich Gedanken über die Motive der Figuren und über deren Gefühle. Einige Deutungen glichen einer Seifenoper. Nur: Einen Punkt, zwei Dreiecke und ein Rechteck sah so gut wie niemand. Die Beschreibungen hatten fast alle eine Gemeinsamkeit: Sie waren eine Geschichte.

Ungefähr so scheint der Mensch zu funktionieren. Wo er auch hinschaut, entdeckt er Sinn und Zusammenhänge. Das ist das Format, in dem das Gehirn Informationen speichert. Und in dieses Format konvertieren Menschen alles, was sie sehen und erleben.

Im Rückblick sieht fast alles so aus, als wäre es eine zwangsläufige Folge aus sich logisch auseinander ergebenden Ereignissen, obwohl vieles im Leben einfach durch Zufall passiert, und man bei einer genaueren Untersuchung feststellen würde: Es hat keinen Sinn. Diesen Fall lässt das Gehirn allerdings nur ungern zu. Wo es keinen Sinn erkennen kann, schließt es die Sinnlücke mit einer eigenen Konstruktion. Und das ist im Journalismus ein Problem, denn es führt zu einer Verzerrung, die als Story bias bekannt ist.

Menschen biegen sich die Dinge gern so zurecht, dass sie zu einer guten Geschichten werden. Sie unterschlagen Details, die nicht ins Bild passen. Sie konstruieren Zusammenhänge, wo keine sind. Diese Tendenz bewirkt, dass Gerüchte oft immer abenteuerlicher werden, weil neue Details hinzugedichtet werden, die aus dem Gerücht eine noch bessere Geschichte machen. Im Grunde beschreibt das Story bias ein Grundprinzip der „Bild“-Zeitung: Die Geschichte ist wichtiger als die Wahrheit.

Der Effekt führt auch dazu, dass Geschichten ohne schlechte Absicht so sehr vereinfacht werden, dass sie die Wirklichkeit kaum noch abbilden können. Eine Weltwirtschaftskrise oder ein Krieg zum Beispiel lassen sich wunderbar im Info-Grafik-Format erklären. Erst passierte dies, dann das, dann kam der nächste Schritt. So wird das Ereignis am Ende greifbar, aber es entsteht der falsche Eindruck, dass die Welt sich wie ein Domino-Spiel erklären lässt — und bei den gegebenen Ereignissen alles zwangsläufig so kommen musste.

Der Schriftsteller Rudolf Dobelli beschreibt das Story bias in seiner Kolumnensammlung „Die Kunst des klaren Denkens“ an einem Beispiel: Eine Brücke stürzt ein und reißt einen Autofahrer mit in die Tiefe. Danach wird man die tragische Geschichte des Autofahrers lesen. Vielleicht war er auf dem Weg zu seiner Familie. Vielleicht kam er gerade von der Arbeit. Vielleicht wollte er in der Woche darauf heiraten.

Nur das, was eigentlich passiert ist, ist keine gute Geschichte. Die Brückenkonstruktion hat aus irgendeinem Grund nachgegeben, vielleicht durch eine komplizierte Kette aus unglücklichen Zufällen, die sich nicht zurückverfolgen lässt. Für Menschen sind aber vor allem die Menschen interessant.

Journalistinnen und Journalisten gehen zudem gern so vor, dass das Ergebnis schon vor der Recherche feststeht. Sie formulieren eine These und suchen dann nach den passenden Belegen. Im Januar 2019 musste der WDR einräumen, dass die Wirklichkeit sich doch etwas anders darstellte, als sie in einigen Dokumentationen der Reihe „Menschen hautnah“ gezeigt wurde. Eine Autorin hatte Protagonisten für eine Doku aus einer Komparsen-Datenbank rekrutiert. Die Geschichte stimmte so nicht ganz. Es sollte alles etwas besser klingen, als es wirklich war.

Dass ein Beitrag schon vor der Recherche steht, ist keine Besonderheit der WDR-Doku-Reihe. Das zeigt zum Beispiel der Abschlussbericht über den Fall Relotius beim „Spiegel“. An einer Stelle zitiert das Autoren-Team aus einer inzwischen sehr bekannt gewordenen E-Mail. Der damalige Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer, gibt darin Anweisungen zu Aufbau und Inhalt einer Reportage:

Dort heißt es unter anderem: „Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.“

Wie die Geschichte aussehen soll, steht schon vor der Recherche fest. Das Ergebnis muss in die vorgegebene Form passen. Und wenn das der Fall ist, steht am Anfang der Recherche nicht die Frage: Wie ist es gewesen? Sondern: Woher bekomme ich das Personal?

In diesem Fall sollte die Story offenbar möglichst preiswürdig sein. In anderen Fällen konstruieren Journalistinnen und Journalisten, weil es schneller geht, als ergebnisoffen zu recherchieren — oder weil sie davon überzeugt sind, die Antwort eh schon zu haben.

Pressesprecher sagen, sie kennen das. Wenn sie von Journalistinnen und Journalisten angerufen werden, wüssten diese oft längst, was sie hören wollen. Sie bräuchten nur noch jemanden, der es sagt. Der Bundesverband deutscher Pressesprecher hat im Jahr 2015 eine Studie mit dem Titel „Thesenjournalismus statt ergebnisoffener Recherche?“ veröffentlicht. Dazu hatte er über eintausend Pressesprecher befragt. Ein Ergebnis war:

Über alle Medien hinweg gehört es inzwischen zum journalistischen Standard, thesengeleitet zu recherchieren und Storys zuzuspitzen.

In der Zusammenfassung heißt es:

Probleme bereiten den Pressesprechern […] vor allem Situationen, in denen die Journalisten nicht bereit sind, ihre Ausgangseinschätzungen zu ändern — auch wenn sie in der Recherche neue Informationen bekommen, die die Storyline widerlegen.

Auch das ist nicht allein ein Problem von Journalistinnen und Journalisten. Wissenschaftler haben in verschiedenen Studien gezeigt, dass Menschen sogar dann an falschen Informationen festhalten, wenn sie sehen, dass sie falsch sind. Die Forscher sprechen von Belief perseverance oder Faktenresistenz.

In einem Experiment sollten 19 Probandinnen und Probanden, jeder von ihnen promoviert in einem naturwissenschaftlichen Fach, den Inhalt einer Kugel bestimmen. Sie erhielten eine manipulierte Formel. Dann gab man ihnen Kugeln. Sie berechneten den Inhalt erst mit der Formel, später füllten sie Wasser in die Kugeln, gossen es in eine Kiste und bestimmten das Volumen. Das errechnete Ergebnis stimmte nicht mit dem tatsächlichen überein. Dennoch hielten mit Ausnahme eines Wissenschaftlers alle an der falschen Formel fest.

Auch der Innsbrucker Psychologe Tobias Greitemeier untersuchte den Effekt in einem Experiment. Er ließ Probandinnen und Probanden einen wissenschaftlichen Artikel lesen. Einige informierte er im Anschluss darüber, dass die Daten gefälscht waren. Die übrigen bekamen diese Information nicht. Eine dritte Gruppe (Kontrollgruppe) las den Artikel nicht. In Befragungen zeigte sich, dass die Menschen, die über die Fälschung informiert wurden, ihre Meinung zwar korrigierten, aber auch danach weiterhin stärker von den Informationen beeinflusst waren als die Personen aus der Kontrollgruppe, die den Artikel gar nicht kannte. Im Abstract seiner Arbeit schreibt Greitemeier:

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Widerrufserklärung eines empirischen Artikels in einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht ausreicht, um sicherzustellen, dass die Leser des ursprünglichen Artikels nicht mehr an die Schlussfolgerungen des Artikels glauben.

Bei journalistischen Beiträgen ist das wahrscheinlich nicht anders.

Das Gehirn wirkt schon beim Sammeln von Informationen darauf hin, dass vorhandene Informationen begünstigt werden (Confirmation bias) und neue es schwerer haben. Ergeben sich Widersprüche (kognitive Dissonanzen), versucht das Gehirn, sie aufzulösen, indem es sie umdeutet. Jürgen Schaefer schreibt in einem „Geo“-Essay: „Wenn andere viel zu schnell mit ihrem Rad durch die Fußgängerzone fahren, halten wir das für ‚idiotisch‘, bei uns selbst für ‚verwegen‘.“

So formt die Wahrnehmung unsere Wirklichkeit. Und wie die Wirklichkeit aussehen wird, beeinflussen Journalistinnen und Journalisten mit ihrer Erwartung, die in ihrer These enthalten ist. Das passiert auch in der Wissenschaft, wo in der Regel viel gründlicher gearbeitet werden kann und mehr Zeit bleibt, alles noch einmal zu überdenken. Jürgen Schaefer berichtet von zwei Studien, in denen es um die Frage geht, ob es Herzpatienten hilft, wenn Unbekannte für sie beten:

Eine Studie ergab: Ja, es helfe. Die zweite kam zum gegenteiligen Ergebnis: Nein, es schade sogar. Das naheliegende Ergebnis — dass es weder hilft noch schadet — wollte keiner nachgewiesen haben: nicht spektakulär genug.

Auch hier ist es wahrscheinlich, dass diese Beobachtung nicht nur die Wissenschaft betrifft, sondern ebenso den Journalismus: Die Geschichte muss gut sein. Dann verbreitet sie sich — und mit ihr die inbegriffene Botschaft. Das ist das Prinzip, nach dem „Fake News“ und Gerüchte funktionieren.

Eine Rolle spielt dabei, dass Geschichten von anderen Hirnregionen verarbeitet werden als Fakten. Und dass die Spiegelneuronen im Gehirn es möglich machen, sich in eine Geschichte hineinzuversetzen. So können Menschen von den Erfahrungen anderer lernen, ohne sie selbst gemacht zu haben. Und Geschichten finden sehr viel leichter Zugang zum Gehirn als sperrige Fakten, die beim Eingang auch noch kritisch überprüft werden.

Das ist das Erfolgsgeheimnis von Geschichten. Aber das macht sie gleichzeitig zu manipulativen Werkzeugen: Sie müssen nicht stimmen, damit Menschen sie glauben. Sie müssen vor allem plausibel klingen. Und wie das ausgehen kann, steht im Abschlussbericht zum Fall Relotius.

Das Dumme ist: Es gibt keine Alternative zur Geschichte. Auf keine andere Weise lassen sich Emotionen, Werte oder Erfahrungen so gut transportieren und so erfolgreich Sinn und Identität stiften. Kein anderes Format ist in der Lage, Menschen so zu berühren, sogar körperliche Reaktionen auszulösen. Menschen weinen im Kino, wenn sie Geschichten sehen, die im Grunde nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Und in keinem anderen Format ist der Inhalt so lange haltbar. Je eindrucksvoller eine Geschichte ist, desto besser kann das Gehirn sie sich merken. Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt:

Reine Information ist nur limitiert anknüpfbar. Wenn Sie sie aber in eine Geschichte verpacken, liefern Sie in deren Rahmen viele Anknüpfungspunkte an bereits vorhandene Gedächtnisinhalte. So kann man die Geschichte besser im Gedächtnis abspeichern und daraus dann die entscheidenden Aussagen ableiten. Dazu kommt: Jeder Lernprozess wird von Emotionen begleitet, bei der nackten Vermittlung von Fakten werden diese emotionalen Bereiche nicht angesprochen.

Den Effekt kennt jeder aus schockierenden oder auf andere Weise bewegenden Momenten. Die meisten Menschen, die den 11. September 2001 erlebt haben, können sich genau daran erinnern, wo sie waren, was sie gemacht haben und was sie um sich herum wahrgenommen haben, als die Flugzeuge ins Word Trade Center flogen. Es ist alles gespeichert, wie in einem Film. Es erscheint noch immer sehr real. Nur möglicherweise stimmt es nicht, weil die Erinnerung es mit den Jahren an einigen Stellen verformt hat.

Journalistinnen und Journalisten können das nicht verhindern. Aber sie können dem entgegenwirken, indem sie sich diese Effekte bewusst machen und sich nicht allein auf ihre Erinnerung verlassen, sondern ihre Recherchen so gut es geht dokumentieren, damit das Gehirn sich die Geschichte nicht zurechtformt. Sie können ihre Vermutungen immer wieder infrage stellen, indem sie nach Widersprüchen suchen — und Argumente sammeln, die für das Gegenteil sprechen.

Und wenn sie dann feststellen, dass diese Widersprüche sich im Beitrag nicht unterbringen lassen, weil die Geschichte dann nicht mehr funktionieren würde, sollten sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Geschichte so, wie sie es sich vorgestellt hatten, einfach nicht funktioniert.

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Teil 1 unserer „Kleinen Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier und Teil 5 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Bei „Bild“ ein Pop-Star

Bei „Bild“ und Bild.de stört es sie, wie Jens Söring, der wegen Doppelmordes in den USA rechtskräftig verurteilte wurde, obwohl an seiner Schuld erhebliche Zweifel bestanden und bestehen, nach seiner Freilassung und der Abschiebung in Deutschland empfangen wurde. Söring sei …

Screenshot Bild.de - Ein Mörder, kein Pop-Star!

Es ist ein verstörendes Signal: Ein in den USA rechtmäßig verurteilter Doppelmörder wird in Deutschland empfangen wie ein Popstar.

kommentiert „Bild“-Redakteur Philip Fabian. Und es scheint, als hätte Fabian in den vergangenen Tagen nicht allzu häufig ins eigene Blatt geschaut oder Bild.de besucht. Dort weist die Redaktion zwar bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass es sich bei Söring um einen „Doppelmörder“ handelt, ansonsten aber berichtet sie über den Mann wie sie sonst nur über (Pop-)Stars berichtet.

Die „Bild“-Medien folgen Jens Söring bei jedem Schritt und dokumentieren alles. Sörings „ANKUNFT AM FLUGHAFEN“:

Screenshot Bild.de - Sörings Ankunft am Flughafen Frankfurt - Er blickte dreimal in den Himmel - Hach Gott, ist das schön

Sörings Begrüßungskomitee:

Screenshot Bild.de - Zwölf Jahre Kampf für Sörings Freiheit - In inniger Umarmung mit einem Doppelmörder

Sörings Zukunftspläne:

Screenshot Bild.de - Nach 33 Jahren US-Haft kehrt der Doppelmörder zurück - Sörings Pläne für sein Leben in Deutschland

Sörings Klamotten:

Screenshot Bild.de - Jens Söring nach 33 Jahren Knast wieder in Deutschland - Im Jogginganzug lässt sich der Doppelmörder durch Hamburg fahren

Sörings Schuhe:

Screenshot Bild.de - Doppelmörder Söring in Frankfurt gelandet - 33 Jahre im Knast waren Schnürsenkel verboten - In weißen Sneakern in die Freiheit

In „Bild“ gab es eine ganze Söring-Seite:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht über eine komplette Seite mit verschiedenen Artikeln über Jens Söring

Und bei Bild.de einen Livestream von der Landung in Frankfurt am Main („BILD LIVE BEI DER LANDUNG VON JENS SÖRING“).

Außerdem hat die Redaktion eine Liste erstellt mit Erfindungen und Ereignissen, die Söring durch seine „33 Jahre hinter Gittern“ verpasst habe:

Screenshot Bild.de - 33 Jahre hinter Gittern - Was Jens Söring im Knast alles verpasst hat

Darunter so prägende Sachen wie Matthias Reims Song „Verdammt, ich lieb‘ dich“ oder „DSDS und Dieter Bohlen“. Und wirklich Wichtiges wie die Terroranschläge vom 11. September 2001, von denen man aber natürlich auch im Gefängnis etwas mitbekommen kann. Außerdem habe Söring verpasst, dass „Deutschland vier Mal Fußballweltmeister“ wurde, was einfach nur Blödsinn ist, weil Jens Söring beim ersten Weltmeistertitel 1954 überhaupt noch nicht geboren war und beim zweiten 1974 noch nicht im Gefängnis saß*.

Am beklopptesten aber ist der Bild.de-Artikel über Sörings Flug nach Deutschland:

Screenshot Bild.de - Doppelmörder Söring im Flugzeug nach Deutschland - Western, Huhn, Orangensaft - danach schlief er ein

Der Text hält, was die Überschrift befürchten lässt:

Die Maschine rüttelt heftig, beim Durchqueren einer Schlechtwetterfront gibt es Turbulenzen. Passagier Söring bleibt inzwischen gelassen — und er hat das Entertainment-System entdeckt, eine Stewardess gab ihm zuvor Ohrenstöpsel.

Wenige Reihen weiter erreicht eine weitere Flugbegleiterin den Deutschen: „Huhn oder Pasta?“, wird er gefragt. Er bestellt Huhn. Dazu einen Becher Orangensaft. Dann noch einen — und ist dann wieder vertieft in das Unterhaltungssystem. Später schläft er ein — der Film läuft noch.

Mittlerweile ist der Flieger in Frankfurt gelandet. Zuvor gab es Frühstück: Croissants und Joghurt. Söring greift zu.

Solche Nichtigkeiten, zumal in dieser Fülle, berichten die „Bild“-Medien nicht mal über die größten Pop-Stars.

Mit Dank an Oliver H., Christian G., Markus T., @J_MkHk, @moejevski und @spokenxD für die Hinweise!

*Korrektur, 17:11 Uhr: Bei den vier Weltmeistertiteln haben wir Blödsinn erzählt: Bild.de meint die zwei WM-Titel für die deutschen Fußballer und die zwei WM-Titel für die deutschen Fußballerinnen, während Jens Söring im Gefängnis saß. Damit ist „Deutschland vier Mal Fußballweltmeister“ richtig. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Dunning-Kruger: Wer nichts weiß, weiß nicht mal das

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 5: Selbstüberschätzung.

***

Wer schon mal eine längere Abschlussarbeit schreiben musste, hat das Phänomen wahrscheinlich selbst erlebt: Ganz am Anfang wusste man nichts über das Thema, aber man ging davon aus, dass sich das bald ändern würde. Dann vergingen Tage und Wochen, in denen man sich ausführlich mit der Sache beschäftigte. Aber unglücklicherweise schlossen sich nicht nach und nach alle Wissenslücken, sondern es taten sich immer neue auf. Das ist eine ganz typische Entwicklung. Mit dem Wissen wächst auch die Fähigkeit, das eigene Nichtwissen abzuschätzen. Oder umgekehrt: Wer wenig weiß, hat keine Ahnung, wie wenig er weiß.

Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger haben diesen Effekt im Jahr 1999 untersucht. Ihre Arbeit trägt den Titel: „Unskilled and unaware of it: how difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments“.

Die beiden Wissenschaftler ließen Probandinnen und Probanden an einem Test teilnehmen und baten sie im Anschluss, ihre eigene Leistung im Vergleich zu der aller übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzuschätzen. Alle hielten sich selbst für überdurchschnittlich gut. Aber je schlechter ihre Leistung war, desto mehr neigten sie dazu, sich zu überschätzen. Die besseren tendierten dazu, ihre Leistung zu unterschätzen. Es zeigte sich: Menschen mit geringem Wissen können nicht nur ihr eigenes Wissen schlecht einschätzen. Sie sind auch nicht in der Lage, die Überlegenheit anderer zu erkennen. Und das ist besonders fatal, denn es führt dazu, dass inkompetente Menschen oft ein enormes Selbstvertrauen besitzen.

Auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben das Phänomen untersucht. Die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman nennen es „Overconfidence bias“.

Journalistinnen und Journalisten haben mit diesem Effekt bei ihrer Arbeit ständig zu tun — sowohl im Kontakt mit anderen als auch bei der Einschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten. Unglücklicherweise wissen viele nichts von diesem Problem.

Vor allem, wenn Reporterinnen und Reporter tagesaktuell arbeiten, im Lokalen oder Regionalen, bleibt oft nicht viel Zeit, um sich auf Pressetermine oder Interviews vorzubereiten. Es bleibt generell nicht viel Zeit für Recherche. Das Gefühl, alles im Groben verstanden zu haben, stellt sich in der Regel aber schnell ein — manchmal schon nach einem flüchtigen Blick auf den Wikipedia-Artikel. Nur genau dann ist die Gefahr am größten, bei völliger Ahnungslosigkeit gewaltigen Unsinn zu verbreiten. Genau das passiert natürlich trotzdem.

Pressesprecherinnen und Pressesprecher bringt das in eine dumme Situation: Sie wissen, dass vor allem bei regionalen und lokalen Medien viel schiefläuft. Dort haben Reporterinnen und Reporter es oft am selben Tag gleich mit mehreren, völlig verschiedenen Themen zu tun, die für sie neu sind, und abends müssen die Texte fertig sein. Wenn beispielsweise ein Pressesprecher eine Journalistin dann fragt, ob er den Artikel vor der Veröffentlichung noch einmal sehen dürfe, um zu verhindern, dass etwas falsch dargestellt wird, gerät er in Verdacht, auf diese Weise auch auf den Inhalt Einfluss nehmen zu wollen — was allerdings oft genug auch passiert. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Lokalreporter.

In vielen Redaktion gilt daher die strikte (und nachvollziehbare) Regel: Wir geben unsere Texte vor der Veröffentlichung nicht heraus. Journalistinnen und Journalisten erklären das dann mit der Pressefreiheit. Allerdings gehört zu dieser Freiheit auch die Verpflichtung zu prüfen, ob Informationen wirklich stimmen. Und wenn sie wissen, dass sie das nicht garantieren können, wäre es unter bestimmten Bedingungen vielleicht doch einen Gedanken wert.

Das ist nie eine optimale Lösung. Es gibt vieles, was dagegenspricht, es so zu machen. Ich habe via Twitter Journalistinnen und Journalisten gebeten, mir zu sagen, wie sie es mit der Herausgabe von Texten halten. Im Dokument ist nicht zu sehen, wer geantwortet hat. Aber die Antworten bilden vieles ab, was ich von Journalistinnen und Journalisten schon öfter gehört habe. In einer Antwort steht: „Noch nie gemacht und werde es auch nie machen, weil es die Standards versaut und am Ende allen schadet.“

Das stimmt, es verändert die Standards. Allerdings schadet es auch, wenn Informationen falsch erscheinen und erst später richtiggestellt werden. Zum einen erreicht die Korrektur viele Leserinnen und Leser nicht mehr, zum anderen tendieren Menschen auch dann dazu, an Informationen festzuhalten, wenn sie erfahren, dass sie falsch sind (Belief perseverance).

Journalistinnen und Journalisten gehen mit der Situation sehr unterschiedlich um. Das zeigen schon die wenigen Antworten auf meine Frage: Danach geben einige nur Zitate heraus, andere auch ganze Texte. Bei Wortlaut-Interviews ist die Autorisierung in Deutschland üblich. Aber auch bei Zitaten im Text wird sie häufig gefordert und ist manchmal Voraussetzung dafür, dass ein Gespräch überhaupt zustande kommt.

Es hängt auch von der Art der Texte ab, ob Journalistinnen und Journalisten den Menschen, über die sie berichten, das Ergebnis vor der Veröffentlichung zeigen. Bei Investigativgeschichten wird es in der Regel logischerweise nicht vorkommen, bei Berichten über Wissenschaftsthemen wahrscheinlich recht häufig.

Normalerweise gebe ich nichts vorher zum Lesen heraus, es sei denn, es ist technisch/wissenschaftlich kompliziert und ich will sicher gehen, alles richtig verstanden und wiedergegeben zu haben

… heißt es in einer der Antworten. Ungefähr so steht es auch in einer anderen. Der Journalist Birk Grüling schreibt mir in einer Nachricht:

Ich habe mit dem „Textherausgeben“ durchaus positive Erfahrungen gemacht. Häufig schreibe ich über intime Dinge — Kinder mit Behinderung, Schicksale. Viele dieser Menschen geben mir einen großen Vertrauensbonus, haben oft noch nie mit Journalisten gesprochen. Und den gebe ich zurück. Natürlich mit dem Hinweis, dass ich höchstens ein Zitat oder eine falsche Schreibweise im Namen ändere.

Auch zwischen Publikumspresse und Fachpresse gibt es Unterschiede. Während es in der Publikumspresse, bei überregionalen Tageszeitungen oder Nachrichten-Magazinen, eher verpönt ist, Texte vor der Veröffentlichung zu zeigen, schreibt Jürg Vollmer, Chefredakteur des Schweizer Landwirtschafts-Fachmagazins „Die Grüne“:

[W]ir können nicht alles wissen. Deshalb geben wir grundsätzlich jeden Text und jedes Interview den beteiligten Protagonisten zum Gegenlesen. Diese können fachliche Fehler oder Ungenauigkeiten korrigieren. Absolut tabu beim Gegenlesen sind aber die fachlichen Beurteilungen unserer Redakteure und das „Weichspülen“ von Zitaten der Protagonisten (die wir deshalb als Audio-Format aufnehmen). Für diese konsequente Haltung büßen wir immer wieder mal Inserate-Aufträge ein, das nehmen wir in Kauf. Wir erreichen dadurch aber eine praktisch fehlerfreie Berichterstattung, was unsere kritischen Leser […] sehr zu schätzen wissen.

Ich selbst habe auf diesem Gebiet wahrscheinlich schon fast jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Ich habe mich darauf verlassen, als Menschen mir versicherten, es gehe nur darum zu schauen, ob im Text alles richtig sei. Später fand ich mich in einer Diskussion darüber wieder, ob man dies oder das denn nicht doch irgendwie anders formulieren könnte. Ich habe auch schon einem Gespräch unter der Voraussetzung zugestimmt, dass die Zitate später autorisiert werden, und leichtsinnigerweise den gesamten Text geschickt, weil ich den Inhalt für harmlos hielt. Der Text ist nie erschienen.

Ich habe allerdings auch Fehler an Stellen gemacht, an denen ich gar keine Gefahr sah. Und ich bin schon oft von Fachleuten auf Details hingewiesen worden, die nicht stimmen und die auch Kolleginnen oder Kollegen nicht gefunden hätten, denen ich sonst meine Texte zum Lesen schicke.

Deshalb halte ich selbst es mittlerweile so: Wenn von mir gefordert wird, dass ich Texte, die keine Wortlaut-Interviews sind, vor der Veröffentlichung vorlege, sage ich immer: nein. Aber ich biete es manchmal von mir aus an, wenn ich meinem eigenen Wissen nicht traue und nicht die Gefahr sehe, dass jemand die Chance nutzen wird, Einfluss auf den Inhalt zu nehmen.

Selbstüberschätzung betrifft natürlich genauso die Menschen, mit denen Journalistinnen und Journalisten es zu tun haben — und nicht nur inkompetente Gesprächspartner, sondern ebenso Expertinnen und Experten. Holm Friebe beschreibt in seinem Buch „Die Stein-Strategie“ ein Experiment des Psychologen Philip Tetlock, der Mitte der 80er-Jahre für ein Experiment 284 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Politik und Journalismus bat, die Wahrscheinlichkeit bestimmter politischer Ereignisse vorherzusehen: Wo der Ölpreis in zwei Jahren steht. Wie wahrscheinlich ein Krieg zwischen Indien und Pakistan innerhalb der nächsten fünf Jahre ist. Und so weiter. 20 Jahre lang trug Tetlok Tausende von Datensätzen zusammen. Friebe schreibt:

Im Großen und Ganzen war die Güte der Expertenprognosen nicht besser als der nackte Zufall. Das heißt, sie wären „von einem Dartpfeile werfenden Schimpansen geschlagen worden“, wie es Tetlock formuliert.

Doch nicht alle Expertinnen und Experten waren gleich. Tetlock unterschied zwischen Fachleuten mit großen Wissen auf einem bestimmten Gebiet (Igel) und Personen mit einem breiten breiten Wissen und „Demut vor der Zukunft“ (Füchse). Die Füchse schnitten durchweg deutlich besser ab. Friebe schreibt dazu:

Die Igel […] lagen sogar umso weiter daneben, je mehr die Prognose mit ihrem Spezialthema zu tun hatte. Aufgrund ihres großen Fachwissens überschätzten sie systematisch sowohl ihre eigene Prognosefähigkeit als auch die durchschlagende Bedeutung ihres Themas für die allgemeine Zukunft. Zur sprichwörtlichen Betriebsblindheit tritt „overconfidence“, überzogenes Selbstbewusstsein.

Das hat mit einem Effekt zu tun, den Daniel Kahneman die WYSIATI-Regel (What you see is all there is) nennt: Menschen beurteilen das, was sie wissen oder sehen und vernachlässigen systematisch das, was sie nicht sehen. In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ schreibt auch er über über Tetlocks Experiment und ein Ergebnis, das für den Journalismus recht interessant ist:

Philip Tetlock beobachtete, dass die Experten mit der stärksten Selbstüberschätzung am ehesten eingeladen wurden, in Nachrichtensendungen zu zeigen, was sie draufhaben.

Und möglicherweise tut das der Fähigkeit zur Selbstkritik nicht immer gut. Kahneman zitiert Tetlock:

„Experten, die hoch im Kurs standen“, schreibt er, „überschätzten sich selbst stärker als ihre Kollegen, die fern des Rampenlichts ein kümmerliches Dasein fristen.“

Sogar Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger sind davor anscheinend nicht gefeit. Vielleicht macht der Ruhm sie sogar besonders anfällig. Laut Michael Brendler hat der frühere Londoner Medizinprofessor Robin Weiss der bei ihnen auftretende Form der Selbstüberschätzung sogar ein eigenes Wort geben: „Nobilitis“. Sie zeige sich so:

Plötzlich glauben sie [die Nobelpreisträger], alles zu verstehen, und äußern grandiose Ideen auf Gebieten, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.

Aber auch auf dem eigenen Fachgebiet ist die Gefahr groß, Unsinn zu behaupten, wenn man sich seiner Sache zu sicher ist. Forscher der Cornell University haben Menschen, die für sich beanspruchten, sich gut mit Finanzthemen auszukennen, eine Liste mit 15 Begriffen aus der Finanzwelt vorgelegt und sie gebeten, diese zu erklären. Darunter waren zum Beispiel Fantasiebegriffe wie „annualisierter Kredit“. Das Ergebnis war: „Je sicherer sich die Probanden ihrer ökonomischen Kenntnisse waren, desto öfter erklärten sie mit großem Ernst, was sich hinter den ausgedachten Termini verbarg.“

Das große Problem beim Dunning-Kruger-Effekt ist: Von außen lässt sich nur wenig machen. Menschen auf ihre Inkompetenz hinzuweisen, führt meistens zu nichts, denn auch wenn man sie mit der Nase darauf stößt, fehlt ihnen weiterhin das Wissen, um das Ausmaß ihrer Ahnungslosigkeit zu erkennen. Zuallererst müsste man diese Menschen dazu bewegen, sich mehr Wissen anzueignen, um in die Lage zu kommen, ihre Schwäche zu erkennen. Doch das ist schwer. Sie sehen zum Lernen ja gar keine Notwendigkeit.

Selbstüberschätzung lässt sich nur verhindern, wenn man sich selbst gegenüber skeptisch bleibt, wenn man das eigene Wissen infrage stellt und die eigenen Einschätzungen mit denen anderer abgleicht. Oder in anderen Worten: Für Journalistinnen und Journalisten bedeutet das, sie sind gut beraten, auch dann kritisch zu bleiben, wenn dazu auf den ersten Blick überhaupt gar kein Anlass besteht.

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Teil 1 unserer „Kleinen Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier und Teil 4 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Unvollständig berichtet, Mücke und Elefant, Kampf um „Schmähgedicht“

1. Was die „Süddeutsche Zeitung“ zum Fall Epstein nicht schreibt
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich ausgiebig mit dem Fall des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein beschäftigt, habe dabei aber nicht die Rolle des Literaturagenten John Brockman erwähnt. Boris Rosenkranz fragt bei „Übermedien“ nach den Gründen: „Aus Rücksichtnahme auf einen engen Partner der Zeitung, der mit Feuilleton-Chef Andrian Kreye seit Jahren verbunden ist?“

2. Zeitungsverlag wider Willen
(welt.de, Christian Meier)
„Welt“-Journalist Christian Meier berichtet über die neuesten Entwicklungen im Medienhaus DuMont. Die Eigentümer des Traditionsverlags hätten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mitteilen lassen, dass sie nun doch an ihren Kölner Zeitungen festhalten wollen: „Oder, anders gesagt, dass sie diese nicht verkaufen werden. Was ein Unterschied ist, denn nach allem, was zu hören ist, hätten die 17 Kommanditisten des Unternehmens, allen voran Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte, doch ganz gern einen Abnehmer gefunden. Angesichts der sinkenden Margen und der damit einhergehenden sinkenden Attraktivität des Verlegertums. Doch ein ansprechendes Gebot für Köln gab es dann nicht, auch wenn die Funke-Mediengruppe („Westdeutsche Allgemeine Zeitung“) ein naheliegender Käufer gewesen wäre.“

3. Podcasts: Aus der Nische zum Massenmarkt
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz nimmt den neuen täglichen Podcast-Mix von Spotify zum Anlass, einen Blick auf das Wachstumsmedium Podcast zu werfen. Er erkennt einen ähnlichen Trend wie beim Bewegtbild: „Weg von der linearen Nutzung, hin zu On-Demand-Inhalten. Weg von General Interest, rein in die Nische. Weg vom Allgemeinen, hin zur Personalisierung. Das bringt auch eine Fragmentierung des Marktes mit sich, das Long-Tail-Phänomen haben wir schon jetzt auch bei Podcasts: Ein paar laufen richtig gut, dahinter kommen dann ganz, ganz viele, die irgendwo bei sieben Hörern monatlich absaufen.“ Eingebettet in den Beitrag ist das (schon etwas ältere) Gespräch mit dem Geschäftsführer von detektor.fm Christian Bollert. Darin geht es um die Zukunft von Radio, Podcasts und Audio-Technologie. Sowie um die Bedrohungen und Chancen durch die „Mediathekisierung“ und „Spotifysierung“ des Marktes, um Reichweitenmessung und den Mut zur Nische.

4. Wahlen in Großbritannien: Die Grünen haben ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert
(rwi-essen.de)
Die aktuelle „Unstatistik des Monats“ geht auf eine Meldung der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ zurück, nach der die Grünen bei der Wahl in Großbritannien ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert hätten. Abgesehen von der niedrigen Basis habe es sich auch nicht um die beste Ergebnissteigerung gehandelt. Das Urteil der Unstatistiker: „So macht man aus einer statistischen Mücke einen Elefanten.“

5. Ab 18. Dezember: Mehr Geld für (fast) alle AutorInnen – acht Fragen und Antworten
(selfpublisherbibel.de, Matthias Matting)
Seit Neuestem gilt auf E-Books der gleiche Umsatzsteuersatz wie auf Bücher, also sieben Prozent statt bisher 19 Prozent. Wie wirkt sich das auf Self-Publisher und Verlags-Autoren und -Autorinnen aus? Für welche Einnahmen gibt es mehr Geld? Welche Folgen hat die Umstellung auf meine Steuern? Matthias Matting antwortet auf die wichtigsten Fragen.

6. Schmähgedicht: Böhmermann zieht vors Verfassungsgericht
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Jan Böhmermann ergreife im Rechtsstreit um das in Teilen verbotene Erdoğan-„Schmähgedicht“ seine letzte Chance und ziehe vor das Bundesverfassungsgericht, berichtete Timo Niemeier bei „DWDL“. Sein Anwalt Christian Schertz vertrete die Ansicht, dass die bislang damit befassten Gerichte verkannt hätten, dass Böhmermanns Gedicht keine „Herabwürdigung des Herrn Erdoğan als Person“, sondern eine „künstlerisch-kritische Auseinandersetzung mit den Grenzen der Satire“ sei.

Bild  

„Bild“ schickt Bodo Ramelow in einen erfundenen „Shitstorm“

Ein „Shitstorm“ ist laut Duden ein „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“.

Bei „Bild“ haben sie hingegen eine leicht andere, eigenwillige Definition, und die geht in etwa so: Um einen „Shitstorm“ handelt es sich, wenn auf einen Witz bei Twitter weit über 200 Personen mit „Gefällt mir“ reagieren, mehr als 30 Personen ihn per Retweet verbreiten und zwölf Personen auf den Tweet antworten, wobei die Antworten vor allem mit einem Daumen nach oben, lachenden Gesichtern, vielen Herzchen und Aussagen wie „Sehr schön … danke dafür :-)“ oder „Herrlich“ versehen sein müssen. Oder anders: Wir finden Linken-Politiker und Ministerpräsident Bodo Ramelow blöd, also lasst uns ihm mal einen „Shitstorm“ andichten:

Ausriss Bild-Zeitung - Was wollten Sie uns damit sagen, Herr Ramelow?

Shitstorm für MP Bodo Ramelow (Linke)!

Grund sei dieser „schräg formulierte Nachrichten-Mix des Politikers auf Twitter“:

Screenshot eines Tweets von Bodo Ramelow - Was die Woche passierte und die Welt bewegte: Betrunkener Waschbär fährt erster Klasse mit der DB bis Bremen - nur dadurch entkam er dem Erfurter Stadtjäger. Die Stadtmusikanten müssen ab sofort geändert werden und eine  Greta war die Zugbegleiterin.

Die Thüringen-Ausgabe der „Bild“-Zeitung schreibt über die Reaktionen:

Ein verärgerter User antwortete: „Bodo lass das, Witze kann nicht jeder, mach lieber ordentliche Politik!“

Andere fanden, dass sich der Beitrag wie ein Antrag auf Pensionierung lese, fragten beim MP sogar nach, ob er alkoholisiert gewesen sei.

… wobei die Sache mit der „Pensionierung“ mit einem Zwinkern versehen ist. Ansonsten sehen die Antworten auf Ramelows Tweet so aus:








Das ist, neben aktuell 247 Mal „Gefällt mir“ und 31 Retweets, der „Shitstorm“, den die „Bild“-Redaktion herbeifantasiert hat.

Dazu auch aus unserem Archiv:

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