Archiv für Dezember, 2019

Herdentrieb: Immer den anderen hinterher!

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 4: der Herdentrieb.

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Zwei Bars in einer fremden Stadt. Beide liegen direkt nebeneinander. Die eine ist voll, in der anderen ist so gut wie gar nichts los. Wenn Menschen sich nun für eine der Bars entscheiden müssen, werden die meisten in die vollere gehen, weil sie sich von der Annahme leiten lassen: Die Leute werden schon wissen, warum sie nicht in der anderen sitzen.

In Situationen, in denen Menschen unsicher sind, orientieren sie sich an anderen. Sie ahmen deren Verhalten nach. Der Effekt heißt „social proof“. Er erklärt sich dadurch, dass Menschen in Unsicherheit offenbar zu der Überzeugung neigen, andere wüssten besser Bescheid als sie. So kann schnell ein Herdenverhalten entstehen.

Als am 17. Januar 2017 die Meldung die Runde machte, das Bundesverfassungsgericht habe die NPD verboten, war genau das passiert. Viele Redaktionen hatten Journalistinnen und Journalisten nach Karlsruhe geschickt, die sich mit Gerichtsberichterstattung nicht auskannten. Sie glaubten, schon das Urteil zu hören, als die Richter noch die Anträge vorlasen. Dann kamen die ersten Eilmeldungen, andere Medien zogen nach. Die falsche Nachricht verbreitete sich mit einem enormen Tempo und musste später wieder eingefangen werden.

Dass die Lage unübersichtlich ist und nicht klar scheint, wie etwas zu deuten oder zu verstehen ist, kommt im Journalismus ständig vor. Im besten Fall recherchieren Journalistinnen und Journalisten dann, um sich mit den Hintergründen vertraut zu machen. Im zweitschlechtesten Fall schauen sie, was die Kolleginnen und Kollegen so schreiben und orientieren sich daran. Im schlechtesten Fall hatten die Kolleginnen und Kollegen das auch schon getan.

Wenn immer weniger Zeit zur Verfügung steht, wächst die Gefahr, dass Fehleinschätzungen sich verbreiten, weil alle sich gegenseitig aufeinander verlassen. Besonders groß ist diese Gefahr, wenn Journalistinnen und Journalisten nicht dazu verpflichtet sind, Informationen zu überprüfen, weil sie zum Beispiel von Nachrichtenagenturen geliefert werden. Dann passiert etwas, das man aus Situationen kennt, in denen man sich von einem Navigationsgerät oder Ortskundigen leiten lässt. Das eigene Denken nimmt sich eine Pause. Im Journalismus verbreiten sich unter diesen Umständen Meldungen, die man unter normalen Umständen für mindestens seltsam gehalten hätte:




Doch auch, wenn Agenturen nicht beteiligt sind, kommt es immer wieder zu verhängnisvollen Domino-Effekten, weil Journalistinnen und Journalisten zu sehr aufeinander vertrauen.

Im Mai 2013 schrieb Detlef Esslinger in einem Kommentar für die „Süddeutsche Zeitung“:

Was man den Medien vorwerfen kann, ist ein zweifacher Herdentrieb. Zum einen arbeitet jede Zeitungs- und Fernsehredaktion grundsätzlich nach der Devise: „Dazu müssen wir auch was haben.“ Zum anderen reihen Autoren sich lieber gefahrlos in einen Chor ein, als eine Solostimme zu wagen — wie andere Akteure übrigens auch.

In Esslingers Text ging es unter anderem um die Berichterstattung, die dazu geführt hatte, dass Christian Wulff als Bundespräsident zurücktrat.

Der Journalistik-Professor Hans Mathias Kepplinger schildert in seinem Buch „Totschweigen und Skandalisieren – Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken“, wie es dazu kam: Es hatte alles angefangen mit einem Bericht in der „Bild“-Zeitung über einen Kurzurlaub Wulffs zusammen mit dem Unternehmer David Groenewold. Der hatte das Hotel mit seiner Kreditkarte bezahlt. Vier Jahre später, als die Berichterstattung über die Reise bereits in vollem Gange war, habe Groenewold das Personal im Hotel gebeten, ihm die Belege auszuhändigen, was der Versuch hätte sein können, die Unterlagen verschwinden zu lassen. Der „Bild“-Artikel war laut Generalstaatsanwalt der Auslöser für die Aufhebung von Wulffs Immunität.

Nach Christian Wulffs Darstellung hatte David Groenewold lediglich um Kopien gebeten, um auf Fragen von Journalistinnen und Journalisten genaue Antworten geben zu können. Hans Mathias Kepplinger schreibt:

Falls das zutrifft, würde es sich bei dem Bild-Artikel um die folgenschwerste Falschmeldung der deutschen Nachkriegsgeschichte handeln.

Der Rest ist bekannt. Vergessen oder nie gelesen haben allerdings viele, dass danach mehrere Chancen verstrichen, die Sache richtigzustellen. Stefan Niggemeier hat damals in seinem Blog ausführlich nachgezeichnet, wie Wulff über eine Falschmeldung stürzte, aber es im Grunde keinen kümmerte — und sich später mehrere Gelegenheiten ergaben, die ganze Geschichte zu erzählen, zum Beispiel zur Veröffentlichung von Wulffs Buch, die aber alle ungenutzt blieben.

Es mögen unglückliche Zufälle gewesen sein, aber es sieht nicht nach Zufällen aus — eher nach Journalistinnen und Journalisten, die „sich lieber gefahrlos in einen Chor ein[reihen], als eine Solostimme zu wagen.“

Der Journalist Michael Götschenberg hat über den Fall Wulff ein Buch geschrieben. Es heißt: „Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien über die Amtszeit des Bundespräsidenten Christian Wulff“. Er sieht auch Parallelen zu anderen Fällen. Im Interview mit der „taz“ sagte Götschenberg:

Man konnte das sehr gut in den ersten Stunden der Berichterstattung über den Fall Edathy beobachten, gerade bei den Online-Medien. Da wurden innerhalb von Stunden aus Vermutungen plötzlich Fakten. Das Schlimmste ist, dass alle voneinander abschreiben. Niemand macht sich mehr die Mühe zu überprüfen, ob überhaupt zutreffend ist, was behauptet wird. Das war bei Wulff auch so.

Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl hat den Eindruck, dass das in den vergangenen Jahren noch schlimmer geworden ist. In seinem Buch „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“ schreibt er:

Herdentrieb und Ingroup-Tunnelblick, sprich: Orientierung an der Berichterstattung der Wettbewerber, mag es im Journalismus immer gegeben haben. In Zeiten der Digitalisierung, in denen Redaktionen kaputt gespart werden, wird das allerdings zur Regel.

Dass Menschen sich an anderen Menschen orientieren, kann auch auf andere Weise zum Problem werden, etwa beim Phänomen des Gruppendenkens (Groupthink). Dabei einigen sich mehrere Menschen in einer Gruppe auf eine Entscheidung, die kein einzelnes Mitglied so getroffen hätte. Das passiert auch in Redaktionen — zum Beispiel, wenn Kritik nicht erwünscht ist.

Wenn es in Redaktionskonferenzen darum geht, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, und kritische Anmerkungen dabei eher stören, führt das zwangsläufig dazu, dass kaum noch jemand etwas Kritisches sagt. Dazu genügt es oft schon, wenn der Chef oder die Chefin empfindlich auf Kritik reagiert. So etabliert sich schnell eine Atmosphäre, in der auch schlechte Entscheidungen durchkommen, weil Harmonie wichtiger erscheint als die Sache.

Ein ähnliches Phänomen beschreibt die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Sie besagt: Bevor Menschen sich äußern, schätzen sie das Meinungsklima ab. Je stärker die zu erwartenden Widerstände sind, desto eher schweigen sie — aus Angst vor der Isolation.

In einer digitalen Welt bringt das Menschen nicht zum Schweigen. Sie weichen einfach aus und verbreiten ihre Meinung dort, wo Zustimmung zu erwarten ist. In Milieus, in denen Nähe eine große Rolle spielt, etwa in Vereinen oder in der Nachbarschaft, ist das Ausweichen schwer. Dort kommt es leichter zu einer Spiralwirkung. Journalistinnen und Journalisten verstärken das mit ihrer Berichterstattung, wenn sie ihre Meinung mit dem allgemeinen Meinungsklima synchronisieren — aus Überzeugung oder um im eigenen Milieu nicht alleine in einer Ecke zu stehen.

Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat dieses ein Phänomen im Jahr 2015 in Deutschland beobachtet. In der Studie „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“ (PDF), die Haller zusammen mit einem Forscherteam für die Otto-Brenner-Stiftung erstellt hat, beschreibt er, wie Journalistinnen und Journalisten von Tageszeitungen (nur um die geht es in der Studie) das Narrativ der „Willkommenskultur“ zum moralischen Gebot erhoben und damit andere Meinungen automatisch mit dem Stempel „unmoralisch“ versahen. Haller schreibt:

In der Tagespresse wurde unseren Befunden zufolge das Narrativ Willkommenskultur als moralisch intonierte Verpflichtungsnorm „top-down“ vermittelt. (…) Annähernd 83 Prozent aller Zeitungsberichte vermittelten das Leitbild Willkommenskultur in einem positiven oder mehr positiven Sinne. Über Bedenkenträger oder Skeptiker wurde eher selten berichtet.

Vor allem die lokale und regionale Presse kommt in der Studie sehr schlecht weg:

Die Besonderheit der Regionalpresse, dass sie [die Journalistinnen und Journalisten] in ihren Lokalteilen die Nah- und Alltagswelt der Menschen durchleuchten und Vorgänge wie auch Probleme quasi hautnah recherchieren, wurde im Jahr 2015 für die Flüchtlingsthematik nicht genutzt. Die vergleichsweise wenigen Texte, die Probleme oder Konflikte thematisierten, sind fast ausnahmslos Veranstaltungsberichte und insofern keine journalistischen Eigenleistungen. Nur in seltenen Ausnahmefällen wurden abweichende Positionen wie auch behördliche Fehlleistungen untersucht oder Fachwissen eingeholt und ausgewertet oder dialogisch aufbereitet.

Überhaupt sieht es so aus, dass Journalistinnen und Journalisten sehr viel Wert darauf legen, was andere Journalistinnen und Journalisten über sie denken. Der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger schreibt:

Eine Ursache der Entstehung von berufsspezifischen Übereinstimmungen bei der Bewertung aktueller Fragen ist die extrem intensive Kollegenorientierung im Journalismus. Alle Journalisten verfolgen permanent die Berichterstattung aller ihnen relevant erscheinenden Medien, bilden sich ein Urteil über die Einschätzung der Lage durch Kollegen und orientieren sich an den publizierten Sichtweisen der von ihnen besonders geschätzten Medien.

Die Kollegenorientierung zeigt sich auch in der geringen Bereitschaft von Journalistinnen und Journalisten, sich untereinander zu kritisieren:

Journalisten sind deutlich weniger zur öffentlichen Kritik am beruflichen Fehlverhalten ihrer Kollegen bereit als Wissenschaftler und Techniker. Deshalb berichten sie — wie quantitative Analysen belegen — seltener über bekannte Missstände im eigenen Beruf als über bekannte Missstände in anderen Berufen

… schreibt Kepplinger. Und das ist eigentlich besonders paradox, denn während Journalistinnen und Journalisten bei Fehlern in anderen Berufen ihre Aufgabe darin sehen, Transparenz herzustellen, Missstände ans Licht zu bringen und offenzulegen, wenn Kollegen sich decken, ist gegenseitige Kritik unter Journalistinnen und Journalisten als „Kollegenschelte“ verpönt. Wer sich widersetzt, gilt schnell als „Nestbeschmutzer“.

Inzwischen kann das nicht mehr verhindern, dass die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten öffentlich kritisiert wird. Diese Aufgabe übernimmt einfach das Publikum. Doch die Kollegenorientierung bleibt ein Problem.

Gegen bestimmte Herdentendenzen können Journalistinnen und Journalisten selbst etwas tun: Damit Kritik in Gruppen nicht einfach unerwähnt bleibt, weil niemand die Person sein möchte, der alles schlechtredet, kann jemand aus der Gruppe die Aufgabe zugewiesen bekommen, die Rolle des Advocatus Diaboli einzunehmen, der die gegnerischen Positionen vertritt und Zweifel äußert. Eine andere Möglichkeit, das Gruppendenken aufzubrechen, ist die Prä-mortem-Methode. Dabei besteht die Aufgabe darin anzunehmen, dass der schlimmste Fall bereits eingetreten ist, und im Rückblick die Frage zu beantworten: Wie konnte diese Katastrophe passieren?

Um nicht den Fehler zu machen, sich an anderen zu orientieren, obwohl die es selbst vielleicht auch gar nicht besser wissen, hilft dagegen oft schon ein sehr einfaches Mittel: nachfragen.

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Teil 1 unserer Serie „Kleine Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier, Teil 2 hier und Teil 3 hier. Oder alle Teile auf einmal hier.

Journalist des Jahres, Kein Recht auf Sendezeit, Datenleck der Like-Fabrik

1. Juan Moreno ist der Journalist des Jahres 2019
(mediummagazin.de)
Der vor allem durch die Causa Relotius bekannt gewordene freie Reporter Juan Moreno ist von einer rund 100-köpfigen Jury des „medium magazin“ zum „Journalisten des Jahres“ 2019 gewählt worden: „Moreno zeigte als Reporter die Hartnäckigkeit des gründlichen Rechercheurs und ehrlichen journalistischen Handwerkers. Zudem bewies er den Mut, für die Wahrheit persönlich viel aufs Spiel zu setzen, da ihm zunächst niemand glauben wollte. Die Folgen seiner Recherchen werden die Debatten über Qualitätsjournalismus weit über 2019 hinaus prägen.“

2. Ein Recht auf Sendezeit gibt es nicht
(deutschlandfunk.de, Arno Frank)
Zum Ende des Jahres wird gerne nachgezählt, wie oft welche Politikerinnen und Politiker bei den großen politischen Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen zu sehen waren. Begleitet von der Kritik, dass manche Parteien beziehungsweise deren Vertreterinnen und Vertreter zu kurz gekommen seien, wenn man die Sitzverteilung im Bundestag als Maßstab heranziehe. Eine Kritik, die Arno Frank nicht nachvollziehen kann: „Die Auswahl der Gäste erfolgt nicht nach demokratischem Proporz, sondern nach redaktionellen Erwägungen. Jede Sendung ist der Versuch, eine ergiebige Gesprächsrunde zu orchestrieren.“

3. „Projekt Herkules“: Springer-Chef Döpfner lockt „Bild“-Mitarbeiter mit Turbo-Prämie zum Ausscheiden
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Der Axel-Springer-Konzern will „die Kostenbasis durch strukturelle Anpassungen um insgesamt rund 50 Millionen Euro senken“ und setzt vor allem beim Personal an. Möglichst viele „Bild“-Beschäftigte sollen mit Prämien dazu bewegt werden, freiwillig das Unternehmen zu verlassen. Eine Vorgehensweise, die man bei der „Welt“ schon gewählt hatte.

4. Die Like-Fabrik
(sueddeutsche.de, Svea Eckert & Simon Hurtz & Sören Müller-Hansen & Vanessa Wormer)
„SZ“, NDR und WDR liegt eine Liste mit Links zu knapp 90.000 Social-Media-Präsenzen vor, die von gekauften Likes des Like-Lieferanten „Paidlikes“ profitierten. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum hatten die unzureichend geschützten Daten der Website entnommen und zugänglich gemacht. Obwohl aus ihnen nicht ersichtlich wird, wer den Likekauf beauftragt und bezahlt hat, ermöglicht die Recherche interessante Einblicke in das Geschäftsmodell mit den gekauften „Gefällt mir“-Angaben und Herzen.

5. Polizisten können zwei Tage lang nicht twittern
(netzpolitik.org, Marie Bröckling)
Auf Twitter wurden am Wochenende mehrere kleinere Polizei-Accounts zumindest zeitweise gesperrt. netzpolitik.org hat Ursachenforschung betrieben. Der Verdacht auf „Overblocking“ liege nahe. Warum jedoch ausgerechnet die elf Polizei-Accounts betroffen waren, von denen die Sperrung bekannt wurde, sei unklar.

6. TikTok: Wir haben Videos von Polizeigewalt hochgeladen, dann wurden sie gelöscht
(vice.com, Sebastian Meineck)
Kritischer Journalismus ist auf TikTok anscheinend nicht erwünscht, so eine mögliche Erkenntnis aus einem Experiment der „Vice“-Redaktion. Die fünf testweise hochgeladenen Videoaufnahmen von Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Zivilbevölkerung seien entweder gelöscht oder in ihrer Reichweite gedrosselt worden.

Der Bestätigungsfehler: Die Erwartung macht das Ergebnis

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 3: der Bestätigungsfehler.

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Der Arzt und Naturwissenschaftler Samuel Morton vermaß Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere Tausend Schädel und zog daraus Rückschlüsse auf die Intelligenz von Menschen. Er behauptete, Belege für die Überlegenheit der „weißen Rasse“ gefunden zu haben. 140 Jahre später untersuchte der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould die Ergebnisse und urteilte, sie seien ein „Mischmasch aus Pfusch und Mogelei“.

Ulrich und Johannes Frey schildern das Beispiel in ihrem Buch „Fallstricke – die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft“. Interessant ist es vor allem wegen der Pointe: Gould selbst fand in den Daten keinerlei Beweise für die These, dass Menschen verschiedener „Rassen“ unterschiedlich intelligent sein könnten. Mortons Fehler erklärte er nicht durch Vorsatz oder Unaufmerksamkeit, sondern durch „durchgängige, einseitige Verzerrungen“. Später stellte sich allerdings heraus: Fehlerfinder Gould war genau der gleiche Fehler unterlaufen. Auch er hatte sich durchgängig verrechnet. Er selbst führte das auf seine Erwartungshaltung zurück. In einer späteren Auflage seines Buchs schrieb er, der Fehler „veranschaulicht auf meine Kosten das Kardinalprinzip des Buches“.

Und es gibt noch eine Pointe, um die wir den Text nach der Veröffentlichung ergänzt haben (hier in kursiver Schrift – Danke an Marc U. für den Hinweis), denn möglicherweise ist die Tatsache, dass dieses Beispiel sich verbreitet hat, Ergebnis des gleichen Denkfehlers.

Für eine Studie aus dem Jahr 2011, die im Buch von Ulrich und Johannes Frey (3. Auflage, 2011) noch nicht erwähnt ist, haben Wissenschaftler die Schädelsammlung von Samuel Morton neu vermessen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass seine Daten korrekt waren. Sie stellen zwar in Frage, dass seine Erwartungen die Messungen verzerrt haben. Doch in einem Beitrag für das Magazin „New Scientist“, der im gleichen Jahr erschien, schreiben David DeGusta and Jason E. Lewis, zwei der Wissenschaftler, die an der Untersuchung beteiligt waren: „Goulds Studie und seine Ansicht, dass die Wissenschaft unweigerlich voreingenommen ist, wurde zur Konsensversion in der Wissenschaftsforschung. Goulds Behauptungen wurden selten oder nie in Frage gestellt.“

Das zeigt, wie tückisch dieses Phänomen ist: Wenn etwas gut ins Bild passt, werden wir schnell unkritisch. So schwer wäre es nicht gewesen, die Studie aus dem Jahr 2011 zu finden. Sie ist verlinkt in Samuel Mortons Wikipedia-Eintrag.

Das zugrundeliegende Prinzip nennt sich Bestätigungsfehler (Confirmation bias). Menschen bevorzugen Informationen, die zu ihren Überzeugungen passen. In einem „Geo“-Essay beschreibt Jürgen Schaefer eine Untersuchung des Neurowissenschaftlers Kevin Dunbar, der diese Verzerrung in Gehirnscans sichtbar gemacht hat: Informationen, die zu den eigenen Überzeugung passen, dürfen den frontalen Kortex passieren, alle übrigen werden abgewiesen.

Das führt dazu, dass Menschen immer neue Belege dafür finden, was sie eh schon denken — und sich dieses Wissen verfestigt. Das Phänomen ist unter Journalistinnen und Journalisten bekannt, und genau das ist Teil des Problems. Menschen, die den Bestätigungsfehler kennen, denken, sie wären vor ihm sicher (Bias blind spot). Doch das ist nicht der Fall. Er wirkt auch dann, wenn man ihn kennt. Samuel Morton ist also nicht allein mit dieser Schwäche.

Der Bestätigungsfehler ist allgegenwärtig. In den USA haben Untersuchungen zu verzerrten Darstellungen im Journalismus (Media bias) gezeigt, dass liberale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Medien tendenziell eher ein Übergewicht von konservativen Positionen ausmachen, während konservative Forscherinnen und Forscher eine Verzerrung hin zu liberalen Ansichten erkennen können.

Der deutliche Effekt der Erwartungshaltung zeigt den großen Einfluss vorgefasster Meinungen auf neutrale Daten

… schreiben Ulrich und Johannes Frey. Die Erwartung beeinflusst das Ergebnis. So funktioniert auch der Placebo-Effekt.

Menschen scheinen zudem eine Präferenz für Vertrautes zu haben. Das beschreibt der Besitztumseffekt (Endowment-Effekt). Wir schätzen den Wert von Gegenständen höher ein, wenn wir sie besitzen. Es deutet einiges darauf hin, dass das bei Informationen ähnlich ist.

Wir bevorzugen vertraute Informationen. Eine vertraute Information wird von uns als „wahre Information“ behandelt

… schreiben Frey und Frey. Wenn wir eine neue Information erhalten und diese einer schon vorhandenen widerspricht, legen wir an die neue Information einen höheren Maßstab an als an die uns bekannte. Wir erinnern uns auch länger an all das, was unsere Meinungen stützt. Tests zeigen, „dass jeder Mensch bestätigende Daten bis zu drei Mal häufiger im Gedächtnis behält als falsifizierende“, so Frey und Frey.

Das begünstigt die Tendenz, bei einer Meinung zu bleiben, obwohl längst einiges gegen sie spricht. Im Journalismus verstärkt es die Neigung, an Thesen festzuhalten, wenn schon vieles darauf hindeutet, dass sie so nicht zutreffen können.

Studien zeigen, dass es nicht einmal hilft, Menschen darauf hinzuweisen, dass eine Information falsch ist (Conservatism bias). Unbewusst halten sie trotzdem an ihr fest. Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen-Kim beschreibt in einem Video ein Experiment, in dem Probandinnen und Probanden Abschiedsbriefe vorgelegt werden. Sie sollen einschätzen, ob die Briefe echt oder gefälscht sind. Unabhängig davon, ob sie wirklich richtig liegen, bekommen einige von ihnen die Rückmeldung, dass sie ein sehr gutes Gespür haben, während man anderen signalisiert, dass sie so gut wie immer falsch lagen. Im Anschluss klären die Versuchsleiter die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber auf, dass alles nur inszeniert war, und bitten sie, einzuschätzen, wie gut sie wirklich waren. Das Ergebnis ist: Die Probandinnen und Probanden mit den positiven Rückmeldungen halten ihre wirkliche Leistung für überdurchschnittlich gut, die übrigen glauben, sie hätten eher unterdurchschnittlich abgeschnitten.

Das lässt Rückschlüsse auf die journalistische Arbeit zu. Es ist zum Beispiel ein Hinweis darauf, dass falsche Informationen nicht vollkommen dadurch aus der Welt geschafft werden können, dass man sie richtigstellt. Menschen korrigieren ihr Denken nur sehr langsam.

Der Bestätigungsfehler wirkt im Journalismus an vielen Stellen. Es fängt schon mit der Google-Recherche an. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erzählt in seinem Buch „Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung“ von einer Untersuchung mit dem sperrigen Namen „Personal Web Search in the Age of Semantic Capitalism – Diagnosing the Mechanisms of Personalisation“. Forscher wollten herausfinden, wie der Google-Algorithmus die Recherche-Ergebnisse beeinflusst. Dazu legten sie Profile der Philosophen Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche und Michel Foucault an und trainierten Google jeweils mit Begriffen aus deren Büchern. Das Ergebnis:

Google personalisiert schon nach kurzer Zeit ziemlich radikal, vor allem jedoch im Feld der ersten zehn Suchergebnisse, die einem Nutzer angezeigt und aller Wahrscheinlichkeit nach geklickt werden. Im Durchschnitt waren 64 Prozent der Suchergebnisse spezifisch (…).

Personalisierte Suchergebnisse sind allerdings noch nicht einmal nötig, um Menschen zu den Ergebnissen zu führen, die sie suchen. Wer schon mal versucht hat, mithilfe von Google eine bestimmte Krankheit zu diagnostizieren, weiß: Mit so gut wie jedem Symptom lässt sich so gut wie jede Krankheit nachweisen. Und ungefähr so ist es bei der Recherche auch.

Das zeigt sich mitunter auch im Ergebnis. Die Medienwissenschafter Hans Mathias Kepplinger und Richard Lemke haben untersucht, wie Medien die Reaktorkatastrophe von Fukushima dargestellt haben (PDF). Eines ihrer Ergebnisse ist:

Je negativer sich Journalisten in den Meinungsformen äußerten, (…) desto eher kamen dort Politiker und Experten zu Wort, die die Kernenergie ablehnten und einen Ausstieg aus der Kernenergie verlangten.

Der Bestätigungsfehler wirkt natürlich auch beim Publikum, und das verstärkt den Effekt. Menschen sind zugänglicher für Nachrichten, die ihren Erwartungen entsprechen. Der Fehler ist eine Erklärung für den Erfolg von „Fake News“, Falschmeldungen oder falsch verstandenen Meldungen.

Das war zum Beispiel im April dieses Jahres zu beobachten, als die Nachricht „Die meisten Messerangreifer heißen Michael“ aufgrund eines Missverständnisses die Runde machte. Die AfD hatte im saarländischen Landtag eine Anfrage gestellt, um zu erfahren, ob es auffällige Häufungen von bestimmten Vornamen bei Verdächtigen im Zusammenhang mit Messerattacken gibt. Es sah so aus, als hätte die Partei sich bei dem Versuch, ein rassistisches Vorurteil zu belegen, selbst entlarvt: Auf Platz 1 der Liste stand kein arabischer Name, sondern „Michael“. Viele teilten die Nachricht, weil sie wiederum AfD-Gegnern sehr gut ins Bild passte.

Später wies Stefan Niggemeier bei „Übermedien“ darauf hin, dass es in der Liste nur um die Namen der deutschen Verdächtigen ging. Das stand zwar mitunter in den Meldungen. Aber viele hatten nur die Überschrift gelesen oder die Information ignoriert. Der Wunsch, die eigene Überzeugung bestätigt zu sehen, war stärker als der Zweifel.

Die Frage ist: Was kann man gegen den Bestätigungsfehler machen?

Zuallererst: sich bewusst machen, dass man ihm ausgeliefert ist. Sich zwingen, Dinge zu überprüfen, auch wenn sie offensichtlich erscheinen. Zweifeln. Der Philosoph und Publizist Daniel-Pascal Zorn schlägt vor:

Um der „Confirmation Bias“ zu entgehen, muss man darauf achten, die eigene Vorannahme als Annahme und nicht schon als Tatsache zugrunde zu legen. Eine Annahme kann sich immer noch als falsch erweisen — eine Tatsache nicht mehr.

Für Journalistinnen und Journalisten bedeutet das: Sie sollten sich auch während ihrer Recherche immer wieder die Frage stellen: Stimmt meine These überhaupt? Kann es nicht auch anders sein? Und sie sollten bewusst auch nach Argumenten suchen, die gegen die Vermutung sprechen.

Immer wieder das eigene Handeln zu hinterfragen, schaltet den Bestätigungsfehler zwar nicht vollkommen aus, aber in vielen Fällen kann es Fehlschlüsse verhindern. Und für den Fall, dass der Bestätigungsfehler sich trotzdem durchsetzt, können Journalistinnen und Journalisten noch etwas anderes machen: offenlegen, was zu einer Verzerrung führen könnte. Kritische Verbindungen verraten. Dafür sorgen, dass Transparenz besteht.

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Teil 1 unserer „Kleinen Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier. Und Teil 2 hier.

Höckes ZDF-Aus, „Stern“ schwärzt sich selbst an, Kollegah verliert

1. AfD-Rechtsaußen Björn Höcke darf in keine ZDF-Talkshow mehr
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Laut Aussagen des ZDF-Chefredakteurs Peter Frey wird der AfD-Politiker Björn Höcke zukünftig zu keiner ZDF-Talkshow eingeladen. Laut einer Vorabmeldung der „Zeit“ habe Frey erklärt: „Wir Medien haben niemanden zu erziehen. Aber wir müssen zeigen, wo die Grenzen demokratischer Gesinnung verlaufen.“

2. Digitalseiten geschwärzt
(sueddeutsche.de, Quentin Lichtblau)
Der „Stern“ hat aus Sorge vor einem Prozess drei Seiten seiner Digitalausgabe geschwärzt. Betroffen sei die Reportage eines „Stern“-Journalisten, der ein Trump-Hotel in Washington besucht hat. Das Blatt habe den Text zwar juristisch prüfen lassen, aber bei einer Klage der anderen Seite würden selbst im Erfolgsfall erhebliche Verfahrenskosten drohen.

3. Die große Talkshow-Auswertung 2019: Annalena Baerbock ist die neue Talkshow-Königin, Markus Feldenkirchen meisteingeladener Journalist
(meedia.de, Jens Schröder)
Der Journalist und Datenspezialist Jens Schröder hat erneut die TV-Talkshows des zurückliegenden Jahres ausgewertet und interessante Daten zutage gefördert: Im vergangenen Jahr sei der Grünen-Bundesvorsitzende Robert Habeck der häufigste Gast bei „Anne Will“, „Hart aber fair“, „Maischberger“ beziehungsweise „maischberger. die woche“ und „maybrit illner“ gewesen. Dieses Jahr sei es seine Kollegin, die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock. Der meistgefragte Journalist sei Markus Feldenkirchen vom „Spiegel“ gewesen.

4. 8 Thesen zur Beobachtung von Publikumsinteressen im Journalismus
(medium.com, Laurenz Paul Schreiner)
Laurenz Paul Schreiner hat in seiner Masterarbeit die Auswirkungen von Echtzeit-Tools auf die journalistische Praxis untersucht. Schreiner hat dazu drei Newsrooms besucht und sich die Werkzeuge angeschaut, mit denen Online-Journalisten und -Journalistinnen die Interessen des Publikums in Echtzeit analysieren können. Seine Beobachtungen münden in acht daraus abgeleiteten Thesen.

5. Der SWR verlost Flugreisen
(swr.de, Kai Gniffke)
Der Radiosender SWR3 hat Flugreisen nach Thailand verlost und ist dafür kritisiert worden. Teilweise aus dem eigenen Haus: SWR-Intendant Kai Gniffke berichtet von einer Mail einer Kollegin, die es „höchst problematisch fände, dass wir solche CO2-intensiven Reisen auch noch promoten“. Gniffke habe der Kollegin geantwortet und breitet seine Argumentation auf erstaunlich unterkomplexe Weise in seinem Blog aus: „Gehört es zu unserem journalistischen Auftrag dazu, Menschen von Flugreisen abzubringen? Meine Antwort: Nein.“

6. Kollegah verliert Rechtsstreit gegen BR
(faz.net)
Das Münchner Landgericht hatte dem Rapper Kollegah in seiner Klage gegen den Bayerischen Rundfunk (BR) noch recht gegeben. Nun kippte das Oberlandesgericht die Entscheidung: Der BR darf bei seinen in einem Podcast getätigten Aussagen über das „Alpha-Mentoring-Programm“ des Rappers bleiben.

Heuristiken: Riskante Schleichwege fürs Denken

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 2: Heuristiken.

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Als Anfang des Jahres private Daten von Prominenten auf einer Internetseite auftauchten, war „Bild“-Chef Julian Reichelt sich sehr schnell sicher, wie alles gewesen sein musste. In Gabor Steingarts Podcast sagte er damals:

Ich glaube, was relativ klar ist: Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben, bisschen Computerspiele, bisschen Youtube und dann bisschen was gehackt haben und das dann aufbereitet haben. Das muss eine größere Struktur gewesen sein.

Am Ende stellte sich heraus: Reichelt hatte recht. Es waren tatsächlich nicht zwei Jungs gewesen, die ein bisschen was gehackt und dann aufbereitet hatten, es war nur einer.

Julian Reichelt ist dabei ein Fehlschluss unterlaufen, der Menschen immer wieder passiert — Journalistinnen und Journalisten sehr häufig, weil sie oft in Situationen geraten, in denen sie wenig wissen, aber trotzdem irgendetwas sagen müssen.

Wenn wichtige Informationen fehlen, um zu einer guten Einschätzung kommen zu können, müssen Menschen sich an etwas orientieren. Die verschiedenen Techniken, mit denen sie versuchen, im Nebel Halt zu finden, nennt man Heuristiken.

Menschen versuchen, sich in so einer Situation mit einer Handvoll Puzzleteilen ein vollständiges Bild zu machen. In sehr vielen Fällen gelingt das auch. Wenn man auf einem Puzzleteil eine Nase erkennen kann, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass auf den übrigen Mund und Augen zu sehen sein werden.

Wahrnehmungspsychologen nennen diese Methode Repräsentativitätsheuristik, weil Menschen dabei von einer einzelnen repräsentativen Information auf die Gesamtheit schließen. Im Falle des Puzzlestücks kann das Gesamtbild natürlich auch aus eintausend Nasen bestehen. Aber um das herauszufinden, müsste man das gesamte Bild erst zusammenzusetzen. Die Heuristik macht es möglich, sich schnell zu entscheiden.

Menschen, die „Fake News“ verbreiten möchten, machen sich dieses Prinzip zunutze. Sie entwerfen Websites, die auf den ersten oberflächlichen Blick aussehen wie Nachrichtenseiten. Sie spekulieren darauf, dass die Menschen sich auf ihren ersten Eindruck und ihre Intuition verlassen und nicht ganz so genau hinschauen. Darauf fallen auch Journalistinnen und Journalisten ganz gern herein.

Als der heutige „Titanic“-Chefredakteur Moritz Hürtgen im Juni 2018 bei Twitter meldete, Horst Seehofer wolle die Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU auflösen, hätten wenige Klicks genügt, um herauszufinden, dass der Twitter-Account @hrtgn nichts mit dem Hessischen Rundfunk zu tun hat. Aber Hürtgen hatte die Journalistinnen und Journalisten schon richtig eingeschätzt: Er hatte lediglich sein Profilbild geändert und in den Tagen zuvor ein paar Meldungen vom Hessischen Rundfunk gepostet. Die Nachrichtenagentur Reuters verließ sich darauf, dass der Account den Anschein einer seriösen Quelle hatte. Danach machte die satirische Falschmeldung die Runde.

Das Problem ist: Heuristiken liefern in der Tendenz gute Ergebnisse, sind aber recht anfällig für Fehler — vor allem dann, wenn Menschen nicht ahnen, dass ihr Urteil durch eine Heuristik zustande kommt.

In Gabor Steingarts Podcast erklärt „Bild“-Chef Reichelt seine Einschätzung so:

Ich glaube nach allem, was wir an Hacks in den letzten Jahren gesehen und erlebt haben, ist das Wahrscheinlichste immer noch, dass es zumindest staatliche Unterstützung, von welcher Seite auch immer, für diesen Hack gab.

Reichelt schaut, wie gut die Situation in ein Muster passt — wie repräsentativ sie also für eine bestimmte Situation ist. Danach bemisst er die Wahrscheinlichkeit.

In solchen Situationen machen Menschen auch oft einen anderen Fehler: Sie schätzen Wahrscheinlichkeiten falsch ein, wenn sie sich von logischen Zusammenhängen blenden lassen. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky nennen das Phänomen das Linda-Problem. Herausgefunden haben sie es mit einem Experiment, in dem sie Probandinnen und Probanden eine Frau beschrieben und ihnen dann Fragen stellten. Sie charakterisierten die Frau zunächst mit Merkmalen, die zu einer Feministin passen, und fragten anschließend: Was ist wahrscheinlicher:

  • Die Frau ist Bankangestellte?

Oder:

  • Die Frau ist eine feministische Bankangestellte?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entschieden sich mehrheitlich für die zweite Antwort, weil es logisch erscheint, dass eine feministische Frau auch eine feministische Bankangestellte ist. Allerdings ist jede feministische Bankangestellte auch einfach nur eine Bankangestellte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau zu dieser viel größeren Gruppe gehört, ist also deutlich höher.

Diese falsche Einschätzung nennt sich Basisratenfehler: Wenn etwas offensichtlich erscheint, neigen Menschen dazu, nicht auf die tatsächlichen statistischen Wahrscheinlichkeiten zu schauen.

Julian Reichelt muss die Wahrscheinlichkeit recht hoch vorgekommen sein, dass irgendein Geheimdienst bei der Veröffentlichung der Prominenten-Daten seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Und nun gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder ist ein recht unwahrscheinliches Ereignis eingetreten — oder Reichelt hat die Wahrscheinlichkeiten falsch eingeschätzt.

In beiden Fällen ist ihm möglicherweise noch ein anderer Denkfehler unterlaufen, den Kahneman mit der sogenannten WYSIATI-Regel (What you see is all there is) beschreibt: Wenn Menschen eine Situation einschätzen, schauen sie auf die Informationen, die vor ihnen liegen. Sie bewerten das Sichtbare und unterschätzen den Einfluss des Unsichtbaren — sogar dann, wenn sie wissen, dass unbekannte Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

Das kann dazu führen, dass Menschen Zusammenhänge konstruieren, wo keine sind — dass sie zum Beispiel davon ausgehen, dass ein außergewöhnlicher Fußballtorwart auch ein zuverlässiger Ratgeber in Finanzfragen sein muss, oder ein sympathischer Moderator auch ein guter Bundeskanzler wäre (Halo-Effekt). Dieses Prinzip nutzt die Werbung sehr gerne.

Umgekehrt kann es auch zur Folge haben, dass bekannte negative Eigenschaften einen Verdacht auf Menschen lenken, die im konkreten Fall nichts damit zu tun haben (Teufelshörner-Effekt). Mit diesem Effekt arbeiten auch Krimi-Autoren: Wenn eine Figur in einer Szene zu sehen ist, in der sie unfreundlich zu anderen Menschen ist, lenkt das auch den Verdacht im Mordfall auf sie (wobei es am Ende doch immer die Figur war, die zu Beginn von allen am sympathischsten erschien).

Es gibt noch eine Reihe weiterer Denkabkürzungen, mit denen Menschen sich behelfen, wenn sie schnell Entscheidungen treffen müssen. Zum Beispiel die Verfügbarkeitsheuristik: Wenn Menschen nicht alle relevanten Faktoren kennen, um zu einer guten Entscheidung zu kommen, überlassen sie die Bewertung ihrer Erinnerung. Das führt dazu, dass sie besonders präsente Informationen bevorzugen — also all das, was ihnen sofort in den Sinn kommt.

Im Fall der geleakten Prominenten-Daten hätten die Täter natürlich Aktivisten von irgendwoher sein können. Weil Julian Reichelt und sein „Bild“-Team die Russen aber ohnehin hinter so gut wie allem vermuten, lag wohl auch hier die Annahme nahe, dass der russische Geheimdienst etwas mit der Sache zu tun haben muss.

Die Verfügbarkeitsheuristik spielt im Journalismus an verschiedenen Stellen eine Rolle. Wenn Journalistinnen und Journalisten einen Experten suchen, der etwas zu einem Thema sagen kann, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nicht den anrufen, der sich am besten auskennt, sondern den, der ihnen als Erstes einfällt.

Außerdem beeinflussen Medien sich bei der Auswahl von Themen gegenseitig. Berichten mehrere Redaktionen über etwas, kommt schnell die Frage auf: Warum haben wir das nicht? So gewinnt die Verbreitung an Dynamik. Und je präsenter ein Thema ist, zum Beispiel bei Twitter, desto schneller fällt es Redakteurinnen und Redakteuren in den Themenkonferenzen ein. Das führt zu einer Verzerrung, deren Ergebnis sein kann: Über ein wichtiges Thema wird nicht berichtet, weil über ein wichtiges Thema nicht gesprochen wird.

Die Verfügbarkeitsheuristik verzerrt auch die Wahrnehmung des Publikums. Wenn Meinungsforschungsinstitute Menschen fragen, wovor sie am meisten Angst haben, ist kurz nach Terroranschlägen eine häufige Antwort: vor Terroranschlägen — obwohl die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzinfarkt, an Krebs oder bei einem Autounfall zu sterben, sehr viel größer ist.

Berichten Journalistinnen und Journalisten über diese Umfragen, führt das wiederum dazu, dass der Effekt sich verstärkt, weil beim Publikum der Eindruck entsteht: Wenn andere das auch so sehen, ist die Sorge ja offenbar nicht ganz unbegründet.

Ein weiterer Denkfehler, der in der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten eine Rolle spielt, ist der fundamentale Attributionsfehler. Menschen neigen dazu, den Einfluss von Personen auf Ereignisse zu über- und den der Umstände zu unterschätzen. Dieser Fehler kommt zum Beispiel in der Sport- oder Wirtschaftsberichterstattung häufig vor, wenn Journalistinnen und Journalisten Erfolge der Taktik des Trainers oder der unkonventionellen Art des Vorstandsvorsitzenden zuschreiben. So ergibt sich eine stimmige Geschichte. Es kann allerdings sein, dass die unkonventionelle Art des Firmenchefs bei Rekordverlusten zwei Jahre später auch eine gute Erklärung für seinen Misserfolg ist. Tatsächlich hat der Zufall sehr großen Einfluss. Das ist allerdings eine Erklärung, von der man in der Berichterstattung nur sehr selten liest.

Gleichzeitig spielt dabei die Ergebnisverzerrung (Outcome-Bias) eine Rolle. Um die Qualität von Entscheidungen zu bewerten, schauen Menschen auf das Ergebnis. Hat eine Mannschaft gewonnen, hat der Trainer dem Anschein nach alles richtig gemacht. Es kann aber eben auch sein, dass eine Mannschaft gewonnen hat, obwohl der Trainer ihr mit seinen Entscheidungen alle erdenklichen Steine in den Weg gelegt hat.

Was aber lässt sich gegen diese Verzerrungen machen?

Das Herrschaftswissen der Verhaltensökonomie und Sozialpsychologie über Shortcuts und Fehler bei der Entscheidungsfindung (…) ist vielen Kommunikationsmanagern und -strategen, die die Medien für ihre Zwecke instrumentalisieren, inzwischen wohlvertraut. Dagegen kennen all das bisher viel zu wenige Journalisten

… schreibt der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl in seinem Buch „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“. Daher ist der erste Schritt: sich unbewusste Denkprozesse bewusst machen. Dann fällt man vielleicht immer noch auf sie herein, kann das aber in einem zweiten Schritt überdenken und korrigieren.

Janina Kalle hat einen interessanten Beitrag über Techniken geschrieben, mit deren Hilfe sich diese Verzerrungen entschärfen lassen. Um das Outcome-Bias auszuschalten, kann es zum Beispiel sinnvoll sein, eine andere Perspektive einzunehmen, sich zu fragen: Wäre unter den gleichen Umständen ein anderer Ausgang der Geschichte möglich gewesen?

Generell gilt: Wer sich die Wahrnehmungsverzerrungen bewusst macht, hat immerhin die Chance, sie zu erkennen. Auch Zeit ist immer von Vorteil, denn wenn das Gehirn schnelle Entscheidungen trifft, ist die Fehlerwahrscheinlichkeit hoch. Und je weniger Journalistinnen und Journalisten sich auf ihre Erinnerung und vor allem auf bloße Eindrücke verlassen, desto geringer ist die Gefahr, vom eigenen Gehirn überlistet zu werden.

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zitiert in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ ein geflügeltes Wort us-amerikanischer Journalistinnen und Journalisten: „Wenn deine Mutter dir sagt, sie liebt dich, überprüfe es.“ Für Julian Reichelt könnte man den Satz etwas abwandeln: „Wenn dein Gefühl dir sagt, es waren die Russen, recherchiere es.“

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Teil 1 unserer „Kleinen Wissenschaft des Fehlers“ gibt es hier.

„Bild“ lässt getöteten „GEZ-Mann“ wegen offener Gebühren klingeln

In Köln ist am vergangenen Freitag ein Mann erstochen worden. Tatverdächtig ist ein anderer Mann, der inzwischen in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde.

„Bild“ berichtete am Samstag groß auf der Titelseite über den Fall. Die Redaktion zeigte ein unverpixeltes Foto des Opfers und schrieb dazu:

Ausriss Bild-Titelseite - Er klingelte wegen offener Gebühren - GEZ-Kassierer an Haustür erstochen!
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Auch bei Bild.de war ein Foto des Mannes ohne jegliche Unkenntlichmachung auf der Startseite zu sehen. Dort war nicht von „GEZ-Kassierer“, sondern von „GEZ-Mann“ die Rede:

Screenshot Bild.de - GEZ-Mann - Als er klingelte, stach der Killer zu

Nun gibt es die GEZ, die Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, schon seit einigen Jahren nicht mehr, aber das nur nebenbei. Vermutlich meinen die „Bild“-Medien den Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio. Dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter klingeln allerdings nicht „wegen offener Gebühren“ an Haustüren. Das erklärt auch ein Sprecher des Beitragsservice in den Artikeln von „Bild“ und Bild.de — was die Redaktion bei ihrer Wahl von Überschrift und Dachzeile offenbar nicht sonderlich interessiert hat.

Das Opfer war auch gar nicht bei der GEZ beziehungsweise dem Beitragsservice angestellt, sondern bei der Kämmerei der Stadt Köln. Auch das steht im Artikel der „Bild“-Medien. Die Stadtkämmerei schaut durchaus bei säumigen Beitragszahlerinnen und -zahlern vorbei. Doch der Einsatz, bei dem der Mann erstochen wurde, soll damit überhaupt nichts zu tun gehabt haben, wie man ebenfalls bei „Bild“ und Bild.de nachlesen kann:

Nach BILD-Informationen aus der Behörde soll es bei [dem Tatverdächtigen] aber nicht um Rundfunkgebühren gegangen sein — was [das Opfer] dort kassieren wollte, teilte die Stadt nicht mit.

Der Einsatz des Mannes, der nicht für die GEZ/den Beitragsservice arbeitete, soll also rein gar nichts mit Gebühren der GEZ/des Beitragsservice zu tun gehabt haben, was die „Bild“-Redaktion auch alles wusste — und dennoch titelt sie: „Er klingelte wegen offener Gebühren – GEZ-Kassierer an Haustür erstochen!“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bilanz der Pressefreiheit, China-Nähe der „Weltwoche“, Gelbkehlchen

1. Jahresbilanz der Pressefreiheit
(reporter-ohne-grenzen.de)
Zum Jahresende veröffentlicht Reporter ohne Grenzen die „Jahresbilanz der Pressefreiheit“ (PDF). 2019 seien mindestens 49 Medienschaffende im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden. Die gefährlichsten Länder für sie seien Syrien, Mexiko, Afghanistan, Pakistan und Somalia gewesen. 389 Medienschaffende hätten zum Stichtag 1. Dezember im Gefängnis gesessen, fast die Hälfte von ihnen in nur drei Ländern: China, Ägypten und Saudi-Arabien.

2. Ausufernde Jugendgewalt?
(community.beck.de, Henning Ernst Müller)
Strafrechtsprofessor Henning Ernst Müller berichtet über eine gerade veröffentlichte kriminalstatistische Studie zur Jugendkriminalität. Sein Resümee: „Die Jugend ist in der vergangenen Dekade nicht gewalttätiger geworden, sondern Jugendgewalt ist — im Gegenteil — deutlich zurückgegangen. Derzeit spricht viel dafür, dass dieser Trend anhält, auch wenn die Utopie einer gewaltfreien Gesellschaft wohl eine bleiben wird.“

3. Ein koksender Koch im TV, ein Joke in einem Nebensatz, eine Abmahnung der Kanzlei Höcker – und warum ich vielleicht ein bisschen Unterstützung gebrauchen könnte
(kraftfuttermischwerk.de, Ronny Kraak)
Blogger Ronny Kraak („Kraftfuttermischwerk“) hat unangenehme Anwaltspost bekommen: Die in vielerlei Hinsicht bekannte Anwaltskanzlei Höcker hat ihm eine Abmahnung zukommen lassen, die er nicht unwidersprochen lassen will. Wenn da nicht die Sache mit dem Geld wäre: „Mein Problem: der Bums könnte mich am Ende um die 5000 Euro kosten, wenn ein Gericht dann halt für die Rechtsauffassung der Kanzlei Höcker entscheidet, was nicht sicher ist, denn mit dieser greifen auch die hin und wieder mal ins Klo. Auch mit anderen Dingen, aber um die soll es gerade nicht gehen.“

4. Unterwegs im Ausland: die Arbeit als Korrespondent/in
(anchor.fm, Levin Kubeth, Audio: 1:15:40 Stunden)
Levin Kubeth unterhält sich im Medienpodcast „Unter Zwei“ mit Fabian Reinbold, Washington-Korrespondent von t-online.de, und mit Karoline Meta Beisel, EU-Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ in Brüssel. Es geht unter anderem um die Schwierigkeiten und Besonderheiten derartiger Auslandseinsätze, ihre Arbeitsabläufe und die Frage, wie es ist, in einem kleinen Team über ein ganzes Land zu berichten.

5. Roger Köppels seltsame Nähe zu den chinesischen Kommunisten
(nzz.ch, Simon Hehli & Daniel Gerny)
Die „NZZ“ berichtet über eine „bemerkenswerte Kooperation“ der rechtslastigen Schweizer Wochenzeitung „Weltwoche“ mit der chinesischen Botschaft. Der „NZZ“ lägen Kopien von Mails vor, die darauf hindeuten würden, dass die „Weltwoche“ für ihre chinafreundliche Berichterstattung mit Gegenleistungen belohnt werde: Die chinesische Botschaft habe chinesischen Firmen, die in der Schweiz tätig sind, die Übernahme der Kosten für Werbung in dem Blatt angeboten. Dabei gehe es um ganzseitige Anzeigen im Wert von jeweils über 10.000 Franken.

6. Gelbkehlchen
(sueddeutsche.de, Maresa Sedlmeir)
Maresa Sedlmeir erzählt von einem Synchronauftrag für die „Simpsons“. Bei dem interessanten Blick hinter die Kulissen geht es auch um Kulturunterschiede hinsichtlich Wertschätzung und Bezahlung: Während in den USA die „Simpsons“-Sprecher und -Sprecherinnen gefeierte und hoch bezahlte Stars seien, könne in Deutschland keine der „Simpsons“-Stimmen ausschließlich von dieser Arbeit leben.

7. Fehlerforschung: Jeder zweite Artikel hat Mängel
(bildblog.de, Ralf Heimann)
Ausnahmsweise ein (zusätzlicher) Link in eigener Sache: Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Hier Teil 1: die Fehlerforschung.



Fehlerforschung: Jeder zweite Artikel hat Mängel

Im zurückliegenden Jahr haben wir hier im BILDblog wieder viel über Fehler geschrieben. Aber was genau sind das eigentlich: Fehler? Wie häufig passieren sie? Wie entstehen sie? Und was können Redaktionen gegen sie tun? Unser Autor Ralf Heimann hat sich in einer achtteiligen Serie mit all dem Falschen beschäftigt. Heute Teil 1: die Fehlerforschung.

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In der Medizin gibt es ein seltenes neurologisches Phänomen, das bekannt ist als das Anton-Syndrom: Die Betroffenen sind blind, sie merken das aber nicht. Sie sind auch nicht der Meinung, dass ihr Sehvermögen eingeschränkt wäre. Wenn man ihnen einen Gegenstand zeigt, beschreiben sie ihn sehr genau und ausführlich, allerdings vollkommen falsch.

Wenn Journalistinnen und Journalisten über Fehler sprechen, die in ihren Redaktionen gemacht werden, erinnern ihre Einschätzungen manchmal an dieses Syndrom. Die Zeitungsforscher Donica Mensing and Merlyn Oliver haben für eine Studie im Jahr 2005 (PDF) eine Umfrage unter 113 Redakteurinnen und Redakteuren kleinerer Zeitungen in den USA durchgeführt. Knapp 60 Prozent der Befragten glaubten, dass faktische Fehler höchstens einmal in der Woche passieren.

Wenn Wissenschaftler in den vergangenen Jahren die Fehler in Zeitungen untersucht haben, kamen sie regelmäßig zu ganz anderen Ergebnissen.

Der Journalismus-Forscher Mitchell Charnley war im Jahr 1936 der Erste, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigte. Für seine Studie „Preliminary Notes on a Study of Newspaper Accuracy“ untersuchte er etwa eintausend Texte aus drei lokalen Zeitungen. Das Ergebnis war: In fast jedem zweiten Artikel fand sich mindestens ein Fehler.

Eine naheliegende Vermutung wäre: Die Ergebnisse hängen stark mit der Zeit und vielleicht auch der schlechten Qualität dieser drei Zeitungen zusammen, die Charnley untersucht hat. Doch spätere Studien mit anderen Zeitungen kommen zu ganz ähnlichen Ergebnissen: In 40 bis 60 Prozent aller Artikel war mindestens ein Fehler.

Wie lässt sich das erklären? Dass Redakteure und Schlussredakteurinnen reihenweise Mängel übersehen und diese auch danach niemandem in den Redaktionen auffallen, ist auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich. Doch genau so war es.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man sich Charnleys Methodik ansehen. Für seine Studie schickte er die Artikel, die er analysierte, an die Protagonistinnen und Protagonisten oder die zitierten Quellen.

Sie fanden zum einen falsch geschriebene Namen, nicht korrekte Titel, typografische Patzer oder Ungenauigkeiten im Bedeutungsinhalt — also Dinge, die man objektiv als falsch bezeichnen kann. Aber sie bemängelten auch Darstellungen, die Journalistinnen und Journalisten gar nicht Fehler nennen würden: wichtige Informationen, die nicht im Text enthalten waren, Zitate in missverständlichen Zusammenhängen oder falsche Interpretationen.

In diese Gruppe von Fehlern gehören auch irreführende Überschriften, Über- und Untertreibungen, also Einschätzungen, die in einigen Fällen einfach in die Kategorie Meinung fallen, in anderen aber tatsächlich die Grenze dessen überschreiten, was man noch als richtig bezeichnen kann. In späteren Studien nannten Forscher diese Art von Mängeln subjektive Fehler — im Gegensatz zu den objektiven.

Vor allem, wenn Informationen fehlen, berufen sich Journalistinnen und Journalisten gern darauf, dass es ja nun einmal ihre Aufgabe sei, die verschiedenen Aspekte zu bewerten und auszuwählen — und dass dies eben dazu führen könne, dass manche Informationen sich später im Text nicht wiederfinden.

In vielen Fällen stimmt das, denn was Menschen als wichtig beurteilen, hängt sehr von der jeweiligen Perspektive und der Interessenlage ab. Klassischer Fall in der Lokalberichterstattung: Organisatoren einer Veranstaltung halten es für enorm wichtig, dass in einem Bericht auch die Sponsoren genannt werden. Für Journalistinnen und Journalisten ist das meist ein eher unwichtiges Detail.

Journalistinnen und Journalisten neigen allerdings auch dann dazu, sich auf ihre journalistische Freiheit zu berufen, wenn sie tatsächlich etwas objektiv Wichtiges unterschlagen haben. Das Bewusstsein für Fehler dieser Art ist nicht besonders ausgeprägt. Das zeigt auch die Studie von Mensing und Oliver: Über die Hälfte der befragten Redakteurinnen und Redakteure waren der Meinung, diese Art von Bedeutungsfehlern (falsche Interpretationen oder fehlende Informationen) kämen so gut wie nie oder allenfalls ein paar Mal im Jahr vor.

Dabei spielt diese Art von Fehlern in der Wahrnehmung des Publikums (oder zumindest der befragten Quellen) eine wichtige Rolle. Der Fehlerforscher Scott Maier hat für eine im Jahr 2002 erschienene Studie über 504 Quellen zu 553 lokalen Berichten befragt. In seiner Auswertung schreibt er:

Der am häufigsten zitierte subjektive Fehler betraf nicht das, was in der Zeitung berichtet wurde, sondern das, was weggelassen wurde: 25 Prozent der subjektiven Fehler machen das aus, was Nachrichtenquellen als „wesentliche Information fehlt“ bezeichnen. Nachrichtenquellen hielten subjektive Fehler für gravierender als sachliche Fehler.

Genau die Fehler, die Quellen für schwerwiegend halten, sind also jene, die von Journalistinnen und Journalisten nicht als solche empfunden werden — oder von der Korrekturinstanz nicht gefunden werden können. Hinzu kommt, dass Leserinnen und Leser von Fehlern dieser Art nur selten erfahren, wenn sie selbst nicht fündig werden. Medien korrigieren nur selten Dinge transparent, die einfach nur missverständlich sind oder nicht vollständig.

Dabei hängt die Glaubwürdigkeit eines Artikels stark davon ab, ob er Fehler enthält. Auch das ist ein Ergebnis von Maiers Studie. Danach beeinflussen Fehler allerdings vor allem die Glaubwürdigkeit einzelner Texte, nicht die der gesamten Zeitung. Wobei sich zeigt: Am wenigsten glaubwürdig waren die Blätter — das ist keine so große Überraschung –, die sensationslustig berichten, Geschichten verzerrt darstellen und auch Fehler in Kauf nehmen, um viele Leserinnen und Leser zu erreichen.

Dabei gilt auch für seriöse Medien: Wenn Redaktionen diese Art von Ungenauigkeiten nicht ernst nehmen, befördert das nur einen Eindruck, der eh schon existiert: Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl wertet in seinem Buch „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“ eine Untersuchung der Medienforscherin Christine Urban aus dem Jahr 1999 aus. Russ-Mohl fasst zusammen:

Verblüffend war vor allem, dass die Publika mitunter deutlich realistischer als die Journalisten selbst bewerteten, wie fehleranfällig Redaktionsarbeit ist und wie leicht sie sich fremdsteuern lässt. Fast 80 Prozent der Befragten waren der Auffassung, dass sich Journalisten leicht manipulieren lassen; die Journalisten selbst teilten nur knapp zur Hälfte diese Meinung.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Wahrscheinlichkeit von Fehlern zu senken. Die meisten haben allerdings den Nachteil, dass sie Geld kosten. Vor allem Schlussredakteurinnen und Schlussredakteure sind aus diesem Grund etwas aus der Mode gekommen. Auch Ombudsleute, also neutrale Ansprechpartner für das Publikum und auch intern für die Journalistinnen und Journalisten, sind selten. Sie können sinnvoll sein, wenn sie einen gewissen Grad an Unabhängigkeit von der Redaktion besitzen und nicht gerade Ernst Elitz heißen. Wichtig sind Ombudsleute vor allem — das zeigt zum Beispiel der Abschlussbericht zum Fall Relotius beim „Spiegel“ –, weil innerhalb der Redaktion oft die Tendenz besteht, Hinweise auf Fehler nicht ganz so ernst zu nehmen. Und sie sind wichtig, weil Redaktionen auf diese Hinweise angewiesen sind.

Der erste Schritt aber wäre, sich Unvollkommenheit als Normalfall vorzustellen. Und dabei kann der Journalismus zum Beispiel von der Luftfahrt lernen, wo man sich verständlicherweise etwas intensiver mit Fehlern beschäftigt. „Wir sind weg von dem Gedanken, dass wir Fehler vermeiden können. Das können wir nicht“, sagt Jan Hagen. Der Berliner Wirtschaftsprofessor erforscht, wie Fluggesellschaften mit Fehlern umgehen. Nicht der Fehler sei das Problem, sondern der vertuschte Fehler, sagt er.

Die Tendenz, Fehler zu verheimlichen, ist auch ein kulturelles Problem. In individualistisch geprägten Ländern wie den USA oder Deutschland wird der Fehler als Versagen des Einzelnen verstanden; in kollektivistisch geprägten Kulturen gilt er hingegen eher als Funktionsschwäche des Systems. Daher ist es dort leichter, einen Fehler zuzugeben. Ihn zu verschweigen, schadet nach diesem Verständnis auch den übrigen Mitgliedern des Kollektivs. Deswegen kann der Umgang mit Fehlern auch in deutschen Redaktionen sich nur dann ändern, wenn klar ist: Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu identifizieren.

Was genau damit gemeint ist, hat Brigitte Fehrle aus der „Spiegel“-Relotius-Kommission in einem Interview mit dem Medienmagazin „Zapp“ erklärt:

Uns ist immer wieder begegnet hier im Haus, wenn wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen haben, wenn wir gefragt haben: Ja, wenn ihr doch seht, dass da dies und dies schiefläuft, warum sagt ihr das nicht? Und dann kommt immer der Satz: Ja, wir wollen hier niemanden anschwärzen. Und ich glaube, darin liegt ein ganz, ganz grundlegendes Missverständnis — weil in einem Unternehmen ist man nicht privat, sondern man ist für das Produkt mitverantwortlich. Und da geht es nicht darum, dass man jemanden anschwärzt, sondern dass man einen Fehler benennt, der dem Unternehmen schaden könnte.

Damit sich dieses Denken etabliert, muss das bisherige aber zuallererst verschwinden. Wahrscheinlicher ist mit Blick auf die Vergangenheit allerdings ein anderes Szenario: Wenn etwas schiefgeht, ringt man sich zu ein paar kleineren Veränderungen durch. Ansonsten geht alles so weiter wie bisher.

„Bild“ spielt üblen Klimafehlpass

Irgendwas mit Geflüchteten, irgendwas gegen die Grünen — das landet bei „Bild“ und Bild.de selbstverständlich auf der Titel- und Startseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Heftige Kritik von anderen Parteien - Grüne wollen deutschen Pass für Klima-Flüchtlinge
Screenshot Bild.de-Startseite - Plan der Grünen - Klima-Flüchtlinge sollen deutschen Pass bekommen

Über den „PLAN DER GRÜNEN“ schreiben Filipp Piatov, Karina Mössbauer und Peter Tiede:

Kann jeder Klima-Flüchtling bald Deutscher werden?

Dieser Grünen-Plan hat es in sich: Ganze Bevölkerungsgruppen sollen wegen des Klimawandels umsiedeln dürfen. Und zwar AUS der ganzen Welt IN die ganze Welt!

Es geht um sogenannte Klimapässe. Das „Bild“-Trio erklärt das folgendermaßen:

Klima-Flüchtlinge aus aller Welt sollen in Industrie-Länder auswandern dürfen. Auch nach Deutschland. Und bei Ankunft gleich den deutschen Pass bekommen. „Eine Staatsbürgerschaft im aufnehmenden Land kann eine Option sein“, sagte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (64, Grüne) zum Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Natürlich verdrehen Piatov, Mössbauer und Tiede Claudia Roths „kann eine Option sein“ direkt in „gleich den deutschen Pass bekommen“. Und sie verzichten darauf, einen ganz entscheidenden Satz Roths ebenfalls zu zitieren. Auf die Frage „Sollen die Betroffenen bei Ankunft in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten?“ antwortete die Grünen-Politikerin im Interview mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“:

Das internationale Recht fordert dazu auf, Staatenlosigkeit zu vermeiden. Genau solche Fragen müssen wir also dringend international diskutieren. Eine Staatsbürgerschaft im aufnehmenden Land kann eine Option sein.

(Hervorhebung durch uns.)

Es geht Claudia Roth bei ihrer Aussage zur Staatsbürgerschaft im aufnehmenden Land also nicht um „jeden Klima-Flüchtling“, wie „Bild“ es ins Spiel bringt, sondern nur um die, bei denen eine Staatenlosigkeit droht. Ausführlicher wird das in einem Antrag der Bundestagsfraktion der Grünen (PDF) erklärt:

Auch muss sich die internationale Staatengemeinschaft darauf einigen, wie sie mit dem erwartbaren Verlust ganzer Staatsgebiete umzugehen gedenkt. Entsprechende Debatten und Verhandlungen bedürfen deutlich mehr Nachdruck. Wenn absehbar ist, dass beispielsweise Inselstaaten im Pazifik vollständig verschwinden, muss dringend festgelegt werden, welche völkerrechtlichen Folgen der Verlust des Territoriums für die Betroffenen, ihre Staatsangehörigkeit und ihren Schutzanspruch mit sich bringt. Es ist dafür Sorge zu tragen, dass Staatenlosigkeit de facto und de jure verhindert wird. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, Lösungen international voranzutreiben — etwa die Idee eines Klimapasses, dessen individueller Ansatz den Betroffenen ermöglicht, selbstbestimmt und frühzeitig über ihre Migration zu entscheiden.

Roth spricht in diesem Zusammenhang zum Beispiel von „den Bürgerinnen und Bürgern pazifischer Inselstaaten wie Tuvalu oder Kiribati“, „deren Land vollständig im Meer zu verschwinden droht“.

Das Ziel des „Grünen-Plans“ ist übrigens auch nicht primär, dass Personen „AUS der ganzen Welt IN die ganze Welt“, etwa nach Deutschland, umsiedeln. Danach gefragt, ob es nicht erstmal darum gehen müsse, „dass Menschen in ihrer Heimat bleiben können“, antwortete Claudia Roth:

Unbedingt, das muss oberste Priorität haben

Und auf die Frage, ob die Menschen, die wegen des Klimawandels bereits heute umsiedeln oder fliehen müssen, „herkommen dürfen“ sollen:

Die wenigsten wollen das. Natürlich will die Kaffeebäuerin aus dem Benin nicht nach Bamberg ins Anker-Zentrum. Wenn sie schon umsiedeln muss, dann wenigstens regional. Es geht also primär darum, Mechanismen und Lösungsansätze vor Ort zu unterstützen — in der afrikanischen Tschad-Region zum Beispiel, wo große Dürre herrscht, oder in Bangladesch, wo ganze Landstriche vom Meer verschluckt werden.

Auch im Antrag der Grünen heißt es nicht etwa, dass bloß alle „Klima-Flüchtlinge“ nach Deutschland kommen sollen, sondern: „den Betroffenen das Recht zu garantieren, innerhalb ihres Landes, in der Region und gegebenenfalls über die eigene Region hinaus umzusiedeln“.

Das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ hat Claudia Roth noch gefragt, ob sie denn keine Sorge habe, mit ihren Forderungen „den migrationsfeindlichen Diskurs zu befeuern“. Roth sagte dazu:

Ich lasse mich in meiner Politik nicht von Angst leiten. Sonst hätten die Angstmacher längst gewonnen.

Der „Bild“-Artikel von heute zeigt, dass die Angstmacher es auf jeden Fall weiter versuchen.

Greta in vollen Zügen, Suizide der K-Pop-Stars, Nuhr Andersdenkende

1. Greta genießt’s in vollen Zügen
(taz.de, Gereon Asmuth)
Das Foto der auf dem Boden eines ICE sitzenden Greta Thunberg sorgt für Schnappatmung in den Sozialen Medien. Das liegt vor allem an einer unglücklichen Antwort der Deutschen Bahn, die Thunberg wohl zu Unrecht in ein schlechtes Licht rückt. Gereon Asmuth schreibt über ein PR-Desaster der besonderen Art. Oder wie Julia Reda auf Twitter sagt: „Die @DB_Presse erweckt den Eindruck, @GretaThunberg hätte ihr ICE-Foto gefaked und liefert damit Futter für Klimaleugner. Dass es um 2 verschiedene Züge ging, wird sich nie dort rumsprechen. So funktioniert Desinformation, herzlichen Glückwunsch.“
Weitere Lesetipps: Bei „Spiegel Online“ fragt Arno Frank in seiner „Analyse einer Blamage“: „Liebe Bahn, wie kann man das so verbocken?“ Und Martin Hoffmann erklärt in einem Twitter-Thread, warum „der Umgang mit dem Greta-Foto“ ein Lehrstück darüber ist, „was in vielen Medien falsch läuft.“

2. SPD-Chefin Esken geht juristisch gegen Berichterstattung vor
(tagesspiegel.de, Georg Ismar)
Im ARD-Magazin „Kontraste“ wurden schwerwiegende Vorwürfe gegen die neue SPD-Vorsitzende Saskia Esken erhoben, die sich auf ihre Zeit als Vizechefin des Landeselternbeirats Baden-Württemberg beziehen. Es geht vor allem um das angebliche Ausspionieren einer Mitarbeiterin und eine umstrittene Kündigung. Esken sei mit der Darstellung nicht einverstanden und habe laut „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ „presserechtliche Schritte auf Unterlassung, Widerruf und Gegendarstellung“ gegen den RBB eingeleitet.

3. „Die Jüngeren sind unterversorgt“
(sueddeutsche.de, Stefan Mayr & Claudia Tieschky)
Die „Süddeutsche“ hat sich mit SWR-Intendant Kai Gniffke über dessen Pläne mit dem Sender unterhalten. Dabei geht es um die Schwierigkeit, ein junges Publikum anzusprechen, ohne das alte zu verprellen, und das geplante Innovationszentrum: „Das wird eine Hexenküche sein, ein Inkubator für Ideen aus dem SWR, es soll mit Start-ups und Wissenschaft gemeinsame Projekte realisieren. Und es soll konkrete Aufträge angehen. Zum Beispiel: Bitte macht mal ein Konzept, wie wir dieses und jenes Milieu künftig erreichen, in dem wir Defizite haben.“

4. Kein Witz: Dieter Nuhr möchte die Debattenkultur retten
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
Der Kabarettist Dieter Nuhr hat sich in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ (beim Bonner „General-Anzeiger“ auch ohne Paywall) über die seiner Meinung nach unzureichende Debattenkultur beklagt („Andersdenkende werden nicht mehr respektiert“). Johannes Kram kommentiert: „Das Interview hat einen seltsamen Beigeschmack, weil Dieter Nuhr hier unwidersprochen den Eindruck erwecken darf, er hätte mit dem, was er da beschreibt, nichts zu tun. Dabei ist es ja gerade Nuhr, der mit seiner Aggressivität verbunden mit seiner enormen Social-Media-Reichweite genau die Debattenkultur vergiftet, die er hier vorgibt, retten zu wollen. Und das in einer bemerkenswerten Perfidie.“

5. Twitter sperrt Polizei-Accounts in NRW
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
Am Wochenende hat Twitter eine ganze Reihe von offiziellen Polizei-Accounts gesperrt. Bei den Sperren könne es sich um einen technischen Fehler handeln, so Dennis Horn, und dennoch sei es „offensichtlich, dass Twitter ein Problem mit Overblocking hat — und die Frage, wie gut es ist, dass private Unternehmen über Kanäle entscheiden, die für die Öffentlichkeit wichtig sind, bleibt aktuell.“

6. Wenn der mediale Druck zu groß wird
(deutschlandfunk.de, Kathrin Erdmann, Audio: 4:51 Minuten)
Innerhalb kurzer Zeit haben sich in Südkorea drei K-Pop-Stars das Leben genommen. Der Erfolg der Musikerinnen und Musiker scheint mit extrem hohem Druck verbunden zu sein. Das Management schreibe ihnen zum Beispiel ein Maximalgewicht von 50 Kilogramm vor und mische sich auch ansonsten in intimste Dinge ein. Der Chef einer K-Pop-Agentur: „In den Verträgen einer unserer Girlbands stand auch, dass sie keine Jungs treffen dürfen, aber es ist schwer, sie daran zu hindern, denn sie werden es trotzdem versuchen. Man muss sie dann kontrollieren, das kostet viel Geld. Größere Agenturen lassen ihre Manager sogar mit denen in einem Zimmer schlafen, damit sie keinen Blödsinn machen.“
(Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der „TelefonSeelsorge“, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.)

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