Archiv für November 11th, 2019

„Einmal mehr überlegen“

Als vor zehn Jahren Fußballtorwart Robert Enke starb, nahmen sich viele Redaktion vor, feinfühliger und rücksichtsvoller mit Profifußballern umzugehen. Selbst „Bild“. Walter M. Straten, damals noch stellvertretender Leiter des „Bild“-Sportressorts, äußerte sich gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“:

Aber auch das Boulevardblatt ist nach dem Enke-Tod nicht einfach so zur Tagesordnung übergegangen. Über vieles sei diskutiert worden, auch über Noten, und man sei schließlich zu dem Ergebnis gekommen, bei der Benotung so weiter zu machen wie bisher, sagt Straten. Auch in seiner Redaktion soll es zu einem etwas sensibleren Umgang mit den Zensuren kommen: „Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein“, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, „ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht“.

Heute, einen Tag nach Robert Enkes zehntem Todestag, ist von „einmal mehr überlegen“ nicht viel zu sehen. „Bild“ und Bild.de titeln über die Spieler von Borussia Dortmund, die nach einer ziemlich schwachen Leistung 0:4 gegen den FC Bayern München verloren haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Zorc forderte Männer, Favre bekam Memmen

Julian Brandt, Paco Alcácer, Mats Hummels und Mario Götze — sie alle seien „keine Männer!“ Walter M. Straten ist inzwischen Leiter des „Bild“-Sportressorts und für diesen Mist verantwortlich.

Dazu auch:

Gesehen bei @hassanscorner. Mit Dank an @1904_s04 für den Hinweis!

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Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der „TelefonSeelsorge“, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.

Boni trotz Job-Kahlschlag: Die Springer-Sauerei!

Mit dem geplanten Einstieg des US-Finanzinvestors Kohlberg Kravis Roberts (KKR) hat der Axel-Springer-Verlag massive Veränderungen im Unternehmen angekündigt. So sind Kosteneinsparungen von 50 Millionen Euro geplant, wie Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner erklärte, dafür sollen unter anderem Arbeitsplätze in Redaktion und Verlag gestrichen werden.

Für den Vorstand selbst scheint aber noch jede Menge Geld da zu sein. Unter der Überschrift „Üppige Vorstandsboni trotz Sparkurs“ schreibt Markus Wiegand, Chefredakteur des Branchendienstes „Kress Pro“:

In den fünf Jahren zwischen 2014 und 2018 entlohnte Axel Springer seine Vorstände (inkl. Pensionszusagen) mit insgesamt 115,6 Millionen Euro. Noch nicht enthalten sind in der genannten Summe Bonuszahlungen über Aktienoptionsprogramme (im Fachjargon Long-Term Incentive Plan), die Springer aufgelegt hat. Die Auszahlung ist an eine Reihe von Bedingungen gekoppelt. Am wichtigsten ist der Anstieg der Marktkapitalisierung (also des Aktienkurses).

Da der Kurs der Aktie wegen des Angebots von KKR deutlich nach oben gegangen ist, hat Springer im Halbjahresfinanzbericht 39,4 Millionen Euro an Aufwand für Boni erfasst. 35,2 Millionen Euro davon für den Vorstand. Springer teilt dazu mit, dass nicht sicher sei, ob die Boni auch ausgezahlt werden. Angeblich gibt es keine Regelung dafür, was passiert, wenn die Springer-Aktie von der Börse genommen wird. Daher könnte dem Aufsichtsrat die Entscheidung zufallen, ob und wie die Vorstands-Boni zur Auszahlung kommen. (Der neunköpfige Aufsichtsrat übrigens wird mit 3 Millionen Euro jährlich nicht ganz so üppig entlohnt. (…))

„Man stelle sich allerdings nur kurz vor“, so Wiegand, „was die hauseigene ‚Bild‘ über ein Management schreiben würde, das im nationalen Mediengeschäft Leute rauswirft, um 50 Millionen Euro zu sparen, und gleichzeitig schon mal eine ähnlich hohe Summe als Boni erfasst. Schön wär’s nicht.“

In der Tat. Und so viel Vorstellungskraft braucht es da auch gar nicht, immerhin hat sich „Bild“ schon oft genug über genau diese Praxis bei Wirtschaftsunternehmen empört.

Als Ryanair vor Kurzem ankündigte, Arbeitsplätze zu streichen, schrieb „Bild“ voller Entsetzen:

Sparmaßnahmen bei Piloten, Millionen für den Chef

Während die Ryanair-Piloten um ihre Jobs zittern müssen, könnte [Ryanair-Vorstandschef] O’Leary weitere Millionen einstreichen und sein geschätztes Vermögen (rund 1,1 Mrd. Euro) vergrößern. Mit hauchdünner Mehrheit (50,5 Prozent) stimmten die Aktionäre für ein Bonusprogramm, durch das der Ryanair-Chef über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt rund 100 Millionen Euro zusätzlich kassieren könnte. Voraussetzung: die Verdoppelung der Margen oder des Aktienkurses.

Als die Deutsche Bank im vergangenen Jahr bekanntgab, Stellen abzubauen und trotzdem hohe Manager-Boni auszuschütten, schimpfte „Bild“ auf …

Screenshot BILD.de: Die nimmersatten Bosse von der Deutschen Bank

… und suchte sich sofort ein paar Politiker, die entrüstete Zitate abgaben wie:

„Einerseits Arbeitsplatzabbau, andererseits goldene Nasen in der Führungsetage — das kann man niemandem erklären.“

Als bekannt wurde, dass VW plane, als Folge des Dieselskandals viele Arbeitsplätze abzubauen, seinen Bossen aber Boni in Millionenhöhe zu zahlen, wütete „Bild“: „Beschäftigte müssen gehen — doch die Bosse haben ihre Boni sicher.“

Screenshot BILD.de: VW streicht 30000 Jobs - Doch die Chefs sahnen kräftig ab!

Und der damalige stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Nikolaus Blome schrieb:

Screenshot BILD.de: Bosse kassieren Boni trotz Job-Kahlschlag - Die VW-Sauerei!

Rolf Kleine, damals Leitender Redakteur bei „Bild“, forderte:

Screenshot BILD.de: Streicht Euch die Boni!

Und Franz Josef Wagner schwurbelte:

Für mich ist der Boni-Streit der größte Skandal. Da wollen Vorstände einen Bonus — ein Zusatzgeld.

Wofür? Vorstände verdienen Millionen. Der kleine Mann bei VW bangt um seinen Job.

In dieser Situation sorgen Manager sich um ihre Boni. Was für Menschen sind das? Was macht Geld aus Menschen? (…)

Diese Manager sind so weit entfernt von unserem normalen Leben.

Geld ist für sie Liebe. Sie lieben das Geld mehr als Alles.

Ihr Vorstände von VW hättet auf alle Boni verzichten müssen, dann könnten wir miteinander reden.

Ob Wagner noch mit Döpfner redet?

Siehe auch:

Seevetaler Sockenpuppen, Melange des Grauens, Verpushtes vom ZDF

1. Er wäre gern Karl May
(faz.net, Andrea Diener)
Der Schweizer „Tagesanzeiger“ hat herausgefunden, dass sich jemand mit mehreren Fake-Accounts über die Wikipedia-Seite des „Spiegel“-Fälschers Claas Relotius hergemacht hat. Das durchsichtige Ziel des „Sockenpuppen-Kartells“: Die Taten des Fälschers zu relativieren, gar zu glorifizieren. Einiges deute darauf hin, dass der Wikipedia-Fälscher mit seinen Fake-Accounts vom norddeutschen Seevetal aus operierte, nur wenige Kilometer entfernt von Tötensen, dem Heimatort von Claas Relotius.

2. Was wir wollen
(berliner-zeitung.de, Silke und Holger Friedrich)
Mit dieser Leseempfehlung tue ich mich etwas schwer: Einerseits ist es spannend zu erfahren, was das Verlegerpaar Silke und Holger Friedrich mit seiner Neuerwerbung „Berliner Zeitung“ vorhat. Andererseits ist der Text eine krude Mischung aus Schüleraufsatz, Regierungserklärung und naivem bis zweifelhaften Politmanifest, dem ein straffes Redigat gutgetan hätte. Die „Salonkolumnisten“ bezeichnen den Text gar als „ostdeutsche Melange des Grauens aus Mahnmalstolz, Rammsteinpromo, Diktatorendank und Politikerbeleidigung“: „Die fünf dämlichsten Sätze aus dem komplett bekloppten Manifest von Holger und Silke Friedrich“.

3. „Meinungsfreiheit muss man benutzen“
(sueddeutsche.de, Theresa Hein)
Im Interview mit dem ZDF-Journalisten Claus Kleber geht es um das angeblich bedrohte Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freude an Dialog, Widerspruch und Streit. Und es geht um die Debatte um Begriffe, die Kleber für partiell unnötig hält: „Wir streiten, ob man Studierende sagt oder noch besser Studentinnen und Studenten, anstatt zum Beispiel tatsächlich etwas gegen die Benachteiligung vor allem von weiblichen Studierenden im Universitätsalltag zu tun. Man streitet sich gerne über die Worte, wo man sich eigentlich um die Sache kümmern sollte.“ Man möchte Claus Kleber entgegnen, dass es durchaus möglich ist, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.

4. Keynote: Ingrid Brodnig . Wie wir die Macht im Netz zurückerobern
(zuendfunk-netzkongress.de, Ingrid Brodnig, Video: 45:24 Minuten)
Wie ist es dazu gekommen, dass der Facebook-Algorithmus das mächtigste journalistische Medium der Welt wurde? Ein Algorithmus, der entscheidet, was 1,5 Milliarden Menschen jeden Tag zu sehen bekommen. In dem Vortrag von Ingrid Brodnig geht es um „Walled Gardens“, Herden- und Netzwerk-Effekte, die Sicherung von Marktdominanz durch Firmenübernahmen und die Frage, mit welchen Tricks die marktbeherrschenden Unternehmen sonst noch arbeiten. 45 Minuten, die sich lohnen.

5. „Dann wird Ihre linkisideologische Propaganda ein Ende finden“
(bliq-journal.de, Fabian Goldmann)
Es gibt bestimmte Themen, bei denen Journalistinnen und Journalisten besonders viel Ablehnung entgegenschlägt. Eines dieser Themen ist die Berichterstattung rund um den Islam. Als das Online-Medium „Thüringen 24“ beispielsweise über den Moscheebau in einem Erfurter Gewerbegebiet berichtete, füllten sich die Kommentarspalten augenblicklich mit Hass und Hetze. In Thüringen habe sich eine islamfeindliche Gruppe gebildet, die von „Diffamierungen der Lügen- und Lückenpresse“ spricht und ihre Mitglieder gegen die Medien aufhetze.

6. Liebes @ZDFheute, macht sowas bitte nie wieder
(twitter.com, Helge Braun)
Kanzleramtsminister Helge Braun bekam den Schreck des Jahres: Das ZDF meldete ihm (und vielen anderen) per Push-Nachricht, dass Kanzlerin Angela Merkel ihr neues Kabinett vorstellt: „Blöd, wenn man Kanzleramtsminister ist und davon nix weiß.“ Was war passiert? Das ZDF hatte versehentlich die alte Meldung „Merkel stellt Kabinett-Kandidaten vor“ auf die Handys der „ZDFheute“-Nutzer gepusht. Für den Minister war es ein heftiger, aber kurzer Schreck: Das ZDF schickte schnell eine weitere Meldung hinterher und stellte den Fehler auf seiner Korrekturseite richtig.