Archiv für November 10th, 2019

„Bild plus“ ist kein Gewinn

Seit ein paar Wochen versuchen die „Bild“-Medien, ihre Leserinnen und Leser zu Wettsüchtigen zu Profi-Wettern zu machen. Vor allem einer soll dabei helfen: „Quotenwilly“. In einem Artikel hat die Redaktion erklärt, wie dieser Mann „mit Sport-Wetten 20.000 Euro im Monat“ verdient. In einem anderen verriet „Quotenwilly“: „Mit diesen fünf Schritten wurde ich zum Wett-Profi“. Und dann gab es noch die „TRICKS & TABUS VON QUOTENWILLY“ mit dem „häufigsten Fehler beim Wetten“.

Seit gestern dürfte klar sein, dass der allergrößte „Fehler beim Wetten“ ist, auf Tipps zu vertrauen, die bei Bild.de erscheinen:

Screenshot Bild.de - Quotenwilly - Meine Tipps für Bayern München gegen Borussia Dortmund

Alle* Drei der fünf Wetten, die „Quotenwilly“ und die Redaktion zum Spitzenspiel in der Bundesliga zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund ausgetüftelt haben, gingen in die Hose:

Screenshot Bild.de - Wette: Dortmund verliert nicht

Geld futsch. Die Dortmunder verloren das Spiel gestern Abend.

Screenshot Bild.de - Wette: Unter 3.5 Tore im Spiel

Geld futsch. Die Münchner gewannen 4:0 — also über 3.5 Tore im Spiel.

Screenshot Bild.de - Wette: Mehr als 3.5 Gelbe Karten

Geld futsch. Es gab insgesamt nur drei Gelbe Karten.

Screenshot Bild.de - Wette: Plus 4.5 Ecken für den BVB

Geld futsch. Der BVB bekam nur eine Ecke.** Diese Wette ging auf.

Besonders interessant ist die fünfte Wette, bei der das eingesetzte Geld ebenfalls futsch gewesen wäre, wenn man entsprechend getippt hätte*: Man findet sie nicht mehr in dem Bild.de-Artikel. Dabei schaffte sie es anfangs sogar noch in die Überschrift:

Screenshot Bild.de - Er macht 20.000 Euro pro Monat mit Wetten - Warum ich auf Alcacer-Tore setze

Nun wird sie in dem Beitrag überhaupt nicht mehr erwähnt. Vielleicht war es für eine Redaktion, die sich beim Thema Fußball selbst gern als die am besten informierte inszeniert, dann doch etwas zu peinlich, dass der empfohlene Torschütze Paco Alcácer gar nicht von Anfang an spielte und erst in der 61. Minuten eingewechselt wurde.

Die Anleitung zum Geldverlieren gab es übrigens nur für zahlenden „Bild plus“-Kunden. Oder anders gesagt: Bei Bild.de muss man erst für ein Abo Geld aus dem Fenster werfen, um erfahren zu können, wie man beim Wetten am besten Geld aus dem Fenster werfen kann.

Gesehen bei @fums_magazin. Mit Dank an @Badener21 und @marcozahn für die Hinweise!

*Korrektur, 11. November: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die Wette auf Paco Alcácer als Torschütze so konstruiert ist, dass sie nur zählt, wenn der jeweilige Spieler von Anfang an auf dem Platz steht. Tut er das nicht, gibt es den Wetteinsatz zurück — das Geld wäre also nicht futsch, wie von uns fälschlicherweise behauptet.

Mit Dank an Christian L., Sebastian und @crimsonceo für die Hinweise!

**Korrektur 2, 11. November: Den Wett-Tipp mit den BVB-Ecken haben wir offenbar falsch verstanden: Gemeint soll eine sogenannte Handicap-Wette gewesen sein — und nicht eine sogenannten Over/Under-Wette, was wir angenommen hatten. Handicap-Wette bedeutet in diesem Fall: Man wettet darauf, dass der BVB am Ende des Spiels insgesamt mehr Ecken hat als der FC Bayern München, wenn man ihm virtuelle 4,5 Ecken hinzurechnet. Da Borussia Dortmund eine Ecke hatte (mit den virtuellen 4,5 Ecken also 5,5 Ecken) und Bayern München zwei Ecken, ist dieser Wett-Tipp tatsächlich aufgegangen.

Wir bitten, die zwei Fehler zu entschuldigen.

Auch wenn nicht, wie wir anfangs geschrieben haben, alle fünf Wetten in die Hose gingen, sondern drei, finden wir es weiterhin recht problematisch, dass eine Redaktion mit einer so enormen Reichweite wie Bild.de ihre Leserschaft mit Wett-Tipps versorgt — und das alles eingebettet in eine Geschichte eines Mannes, der im Monat 20.000 Euro mit Wetten verdienen soll. Dass auch die Redaktion von einer gewissen Gefahr auszugehen scheint, zeigt ein Hinweis ganz am Ende desselben Artikels:

Spielsucht? Hier bekommen Sie Hilfe!

Wenn Sie Probleme mit Spielsucht haben oder sich um Angehörige oder Freunde sorgen, finden Sie Hilfe bei der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“. Unter der kostenlosen Hilfe-Hotline 0800 1 37 27 00 erhalten alle Informationen zu Hilfsangeboten rund um das Thema Spielsucht!