Archiv für August 15th, 2019

Bild.de macht pauschal Stimmung: „Muslime hassen Juden“

Bei Netflix läuft seit gut zwei Wochen der Film „The Red Sea Diving Resort“, und Bild.de hat ihn nun auch entdeckt:

Screenshot Bild.de - Red Sea Diving Resort - Geheimdienst tarnt Flüchtlinge als Urlauber -Der Netflix-Film basiert auf wahren Begebenheiten

Allerdings ist bereits das, was die Redaktion in der Überschrift schreibt, falsch. Und es wird auch nicht richtiger, wenn Autor Christian Henning diese Art Zusammenfassung ähnlich im Artikel wiederholt:

Als die Tarnung als Tauch-Resort so perfekt ist, dass tatsächlich (deutsche) Touristen dort ankommen, müssen die Geheimagenten Tauch- und Fitness-Kurse anbieten. Hauptsache, niemand merkt, dass die meisten Gäste auf den Zimmern Flüchtlinge sind, die um ihr Leben bangen.

In der Tat geht es in „The Red Sea Diving Resort“ um einen Geheimdienst (den Mossad), der Geflüchtete (Äthiopierinnen und Äthiopier jüdischen Glaubens) rettet. Das Team des Mossad pachtet zum Schein ein verlassenes, am Roten Meer gelegenes Resort im Sudan. Es kommen dann etwas überraschend auch richtige Touristen, für die der Mossad ein Urlaubsprogramm organisieren muss. Die Geflüchteten aus Äthiopien werden in den 130 Minuten, die der Film dauert, allerdings kein einziges Mal als Urlauber getarnt und sie sind auch nicht Gäste des Resorts, wie Bild.de schreibt. Sie verstecken sich nach ihrer Flucht vor dem äthiopischen Bürgerkrieg in einem sudanesischen Flüchtlingslager, das ganz woanders im Land liegt. Das vom Mossad gepachtete Resort dient lediglich als der Ort, zu dem sie bei Dunkelheit in Lastwagen gefahren werden, um dort in Boote zu steigen, die sie nach Israel bringen. Die Geschichte basiert auf der „Operation Brüder“.

„Bild“-Autor Christian Henning hat den Film offenbar überhaupt nicht gesehen. Oder er hat ihn gesehen, allerdings kaum verstanden.

Dafür hat er es aber hinbekommen, bei Bild.de selbst in einer Filmrezension Stimmungsmache gegen Muslime unterzubringen. Zum „Haken“ an dem Vorhaben des Mossad schreibt er:

Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden.

Ohne Einschränkung, ohne Differenzierung. Kein „manche“. Kein „einige“. Nicht mal ein „viele“. Laut Bild.de sind pauschal alle Muslime Judenhasser.

Mit Dank an @MKTuningDO und @Menschenkleber für die Hinweise!

Nachtrag, 12:27 Uhr: Bild.de hat die zwei oben zitierten Sätze zum Sudan als „überwiegend muslimisches Land“ sowie zu den Muslimen, die pauschal Juden hassen würden, ohne irgendeinen Korrekturhinweis aus dem Artikel gestrichen.

Nachtrag, 12:59 Uhr: Nun hat die Redaktion auch eine Anmerkung hinzugefügt:

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: „Muslime hassen Juden.“ Der Satz wurde ersatzlos entfernt.

Nachtrag 19:48 Uhr: Bei Bild.de haben sie den Text inzwischen ein weiteres Mal überarbeitet. Nun sind auch die Sätze „Im Sudan ist ein Menschenleben eher wenig wert. Ein jüdisches umso weniger.“ rausgeflogen.

Außerdem hat die Redaktion ihre „Anmerkung“ am Ende des Artikels noch einmal überarbeitet:

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels enthielt die Formulierung: „Der Sudan ist ein überwiegend muslimisches Land. Muslime hassen Juden. Ein Menschenleben ist dort nichts wert. Ein jüdisches umso weniger.“ Für diese falsche Pauschalisierung bitten wir um Entschuldigung. Der Absatz wurde ersatzlos entfernt.

Polizeiliche Leimgeher, Klima-Framing, MDR Bühne für Rechte

1. Was macht die Polizei Berlin in der „Bild“-Werbung?
(t-online.de, Lars Wienand)
Die Polizei Berlin hat sich für eine Werbekampagne der „Bild“-Zeitung einspannen lassen und versucht, dies auf interessante Weise zu rechtfertigen: Ihr sei das alles in dieser Form nicht vorher kommuniziert worden. Der Medienjournalist und BILDblog-Gründer Stefan Niggemeier („Übermedien“) kommentiert: „Damit geht die Polizei entweder der ‚Bild‘ auf den Leim oder sie stellt sich dumm.“

2. Klima: Medien verführen mit der Wortwahl zu passivem Verhalten
(infosperber.ch, Stefan Boss)
Die Kommunikations- und Sprachforscherin Elisabeth Wehling hat ein Buch über „Politisches Framing“ verfasst. Darin geht es darum, wie die Wortwahl unser Denken beeinflusst. Beispiele dafür seien etwa die Worte „Klimawandel“ oder „Klimaerwärmung“, welche das Problem verharmlosen würden. Hier seien eher Begriffe wie „Klimaerhitzung“ oder „Klimakrise“ angebracht.

3. Mit Rechten reden
(taz.de, Sarah Ulrich)
Im August 2018 kam es in Chemnitz zu Aufmärschen von Rechten und Rechtsextremen. Anlässlich seiner Reportage „Chemnitz — Ein Jahr danach“ lädt der MDR zu einer Diskussionsveranstaltung. Mit dabei unter anderem die Oberbürgermeisterin der Stadt, der Programmdirektor und ein Universitätsprofessor, aber auch ein gewisser Arthur Oesterle. Die „taz“ erklärt, warum das hochproblematisch ist.

4. Britische Werbeaufsicht verbannt Volkswagen-Spot
(horizont.net, Ingo Rentz)
Großbritannien hat neue Werberichtlinien hinsichtlich der Darstellung der Geschlechter erlassen. Dass diese Richtlinien keine bloßen Appelle sind, hat nun unter anderem der Automobilkonzern VW erfahren. Die britische Werbeaufsicht Advertising Standards Authority hat die Ausstrahlung eines Spots über ein E-Auto untersagt.

5. Online second
(kontextwochenzeitung.de, Wolfgang Messner & Markus Wiegand)
Der Strukturwandel in den etablierten Zeitungsmedien führt immer wieder zu Konflikten zwischen den Printlern und den Onlinern. Auch bei der „Süddeutschen Zeitung“ soll dieser Kampf hinter den Kulissen toben. Angeblich befeuert durch einen Debattenbeitrag der Digitalchefin, den ihr einige Kollegen wohl übel genommen haben. „Kontext“ berichtet über Positionen, Zusammenhang und Hintergründe des Richtungsstreits.

6. Eine herzzersplitternde Traurigkeit
(zeit.de, Linda Benedikt)
Linda Benedikt schreibt bei „Zeit Online“ in berührender Weise über ihren Großvater, die Fernsehlegende Robert Lembke: „Als Jude machte er Karriere im Land der Täter, die seine Verwandten ausgelöscht hatten. Wie konnte er das nur aushalten?“